»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Was nach der 40. Folge geschieht, lesen Sie ab ca. Oktober 2012 gedruckt:

Fritz Lehner / MARGOLIN / Das Buch / Die hellsichtige Art zu lesen.
ISBN: 978-3-902406-72-9
ca. 496 Seiten, gebunden mit SU
ca. € 26,90   sFr 36.90

FRITZ LEHNER / MARGOLIN / Die Filmclips.
ca. fünf Stunden auf Blu-rays
ISBN: 978-3-902406-95-8
ca. € 30,00   sFr 42.50

 

Man legt mir Steine in den Weg. Dabei will ich doch nur eine Waffe. Eine Pistole, um mich für den Rest meines Lebens zu schützen. Nicht irgendwoher, sondern treu nach dem Gesetz. Schon der lächerliche Test des aufgeblasenen Psychologen war eine Demütigung. Dass ich Richter bin oder zumindest war, hatte auf einen Schlag keine Bedeutung mehr. Wie von einem zukünftigen Mörder wollte man von mir wissen, ob ich schon einmal jemand hatte umbringen wollen? Oder mich selbst! Da kreuzt doch wohl der Dümmste ein Nein nach dem anderen an. Dennoch ein Papier voller Fallen, weil es dann hinterhältig wird. Ob ich einem frechen Autofahrer für gewöhnlich lieber den Vogel zeige oder ihn ohrfeige. Dabei habe ich nicht einmal ein Fahrrad. Und Führerschein schon gar keinen. Letztlich zielt alles bei dieser Durchleuchtung darauf ab, ob ich aggressiv bin oder nicht. Von allen Seiten und aus jeder Ecke kommt man auf mich zu, um schon jetzt zu erfahren, ob ich auch den Richtigen erschieße. Am liebsten hätte ich Notwehr groß und quer über den ganzen Bogen geschrieben, um ein für alle Mal klarzumachen, dass mein Feind nicht ein Juwelier oder mein ehemaliger Vorgesetzter ist, sondern ein Verbrecher. Weil er in mein Leben eindringt. Vielleicht sogar meine Villa zu seinem Zuhause machen will. Jemand stellt mir nach, und ich soll zusehen, wie ich verschwinde? Da ist Selbsthilfe an der Reihe. Oder soll ich mich von verschlafenen Polizisten rund um die Uhr bewachen lassen? Ich will doch nicht, dass ein Hampelmann in meinem Garten steht und mir durchs Fenster zusieht, ob ich auch mein Leben schön in Ordnung halte und nicht zu viel trinke. Intimität kommt in meiner Liste gleich nach Gerechtigkeit.

Und jetzt sieht man mich schon wieder an, als wäre ich vom Mond gefallen. Natürlich habe ich mich kundig gemacht, mich telefonisch angekündigt, das Geschäft mit großer Aufmerksamkeit betreten, dem Beratungsgespräch für einen Herrn aus Deutschland hinter meinem Rücken zugehört, gleichzeitig die schönen Glocks und Colts in den Vitrinen betrachtet, ein Mordinstrument nach dem anderen, und ich könnte sie alle aufzählen, kamen sie doch in meinem Richterleben öfter vor als anständige Menschen. Der Waffenhändler glaubt, von den Dingern aus Stahl etwas zu wissen, aber ich habe mit ihnen mein Dasein verbracht. Und geurteilt. Fünf Jahre, zehn, lebenslang. Wobei es eigentlich lebenslänglich heißen müsste. Und einer hat mir dann das Genick gebrochen. Ein Mörder, der plötzlich keiner mehr ist. Einer, der einen der ehrenwertesten Richter in Pension schickt, Jahre vor seiner Zeit. Ihm sein ganzes Ansehen raubt. Wenn ich das Wort Fehlurteil höre, möchte ich schon zu einer dieser Pistolen greifen. Diese zehn Buchstaben sind zu meinem größten Feind geworden. Und das Trio DNA. Und jetzt ist jemand dazugekommen, der mir wie ein Schatten nachstellt. Aber ich kann ihn in meinem Zimmer riechen. Und sehen, was er anrichtet. Noch sind es verrückte Weingläser, oder es ist mein Salzstreuer im Kühlschrank, dessen Anblick an einem vollkommen falschen Ort einen mehr erschreckt als eine Verbrecherfratze. Natürlich fragt man sich dann, wann bin ich dran? Lande ich in einem Schrank oder in der Gefriertruhe?

Der Waffenhändler kann nichts dafür, dass er bei mir in die falsche Richtung läuft. Er meint, ein Revolver wäre auf jeden Fall besser als jede Pistole, da er verlässlicher sei und schneller eingesetzt werden könne. Wieder einer, der noch nicht weiß, dass er bei mir auf Granit beißen wird. Ich bleibe bei meiner Margolin. Der freundliche Verkäufer verdreht die Augen und erklärt dem Mondkalb, dass bei einer Margolin alles zusammenkommt, was für meinen Zweck nur falsch sein kann. Schon das Kaliber sei gewaltig daneben, sinnvoll für eine Sportwaffe, aber unbrauchbar zur Verteidigung. Mit derart kleinen Patronen könne man meist nur verletzen. In meiner Hand möchte er eine Smith & Wesson sehen. 9 mm. Mannstoppend. Oder wolle ich mit dem falschen Werkzeug auf den Eindringling schießen, sodass ich ihn treffe, er aber auf mich zuschwanke und mir sein Messer in den Bauch renne? Außerdem würde diese Margolin seit Jahrzehnten nicht mehr erzeugt, sei alles andere als ästhetisch, eben ein typisches Produkt der zugrunde gegangenen UdSSR, und auch Sammler versteckten sie lieber im Keller, als sie groß herzuzeigen.

Der Mann ahnt nicht, wie viel besser ich sie kenne, meine Margolin. Ich bin nicht der Typ, der sich mit einer Waffe zufrieden gibt, die tausende Male in Filmen zu sehen ist. Meine Beschützerin soll eigen sein. Wie ich. Zumindest sagt man das von mir, und ich stelle es auch immer wieder fest. Das Zauberwort heißt Margolin. Wie ihr Schöpfer. Mikhail Margolin. Ein außergewöhnlicher Mensch. Einer, der sich über die Zustände geärgert hat. Ihm hat es nicht gefallen, dass seine Landsleute beim Sportschießen draußen in der Welt zu den Verlierern gehörten. Also hat er sich hingesetzt und eine Waffe konstruiert, die alles und alle in den Schatten stellen sollte. 1948 war sie fertig. In meinem Geburtsjahr. Wahrscheinlich habe ich mir schon vor Jahrzehnten auch deswegen diesen Mann gemerkt. Sein Name hat mir von Anfang an gefallen. Mikhail Margolin war kein Konstrukteur wie jeder andere. Er war blind. Er hätte mit seiner Pistole schießen können, aber kaum etwas getroffen. Wenn er jemand verletzt oder gar umgebracht hätte, wäre ihm das höchstens als fahrlässige Tötung anzurechnen gewesen. Nichts anderes will ich für mich. Es könnte ja sein, dass mein Eindringling vor mir die Flucht ergreift und ich ihn gerade noch im Garten erledige. Oder ihm eine dieser kleinen Kugeln durchs Fenster und in die Finsternis verpasse. Mitten in sein neugieriges Auge und von dort aus in sein Hirn, das mich eben noch studiert hat.

Margolin. Mit einem Gebrechen, das ihn nicht auf dem Boden gehalten hat. Er wollte und konnte fliehen. Das tröstet mich, selbst wenn ich wie er vollkommen erblinde. Bestimmt bin ich davon noch eine Ewigkeit entfernt, aber meine Sehkraft lässt nach. Als Richter war ich noch ein Falke, mit den Augen und beim Erkennen der Umstände. Heute muss ich an die Dinge nahe herangehen, wenn ich sie sehen will, wie sie wirklich sind. Man könnte auch sagen, meine Welt besteht zum Großteil nur noch aus Schemen. Zu deren Natur gehört es, zu gefallen oder zu ängstigen. Das hängt davon ab. Auf jeden Fall ist mein Leben aufregender geworden, denn mit jedem Schritt verändert sich mein Ausblick, es ist ein unentwegtes Erlangen und Verlieren. Am angenehmsten dabei ist eine hintergründige Erscheinung. Man muss nicht mehr in die vielen Gesichter rundum schauen, von denen ich nicht weiß, ob ihre Träger schuldig oder unschuldig sind, und es wohl auch nie mehr erfahren werde. Auch dumme Fratzen werden einem erspart. Dabei weiß ich nicht einmal, ob das mit meinen Augen zusammenhängt, oder ob meine Sucht nach Erkennen nachgelassen hat. Eines steht fest, eine Brille werde ich nie tragen. Margolin hat bestimmt auch keine gehabt. Wozu auch.

Der Waffenhändler ist es gewohnt, auf die ausgefallensten Kundenwünsche einzugehen, sogar auf meine. Er wird sich umsehen, vielleicht gibt es irgendwo in der Stadt einen Sammler, der sich von seiner Margolin trennt, zu einem fairen Preis, denn gesucht ist dieses Stück nicht. So wie dieser Mann kennt offenbar niemand die Geschichte vom blinden Konstrukteur, und das ist auch gut so. Es ist nicht nur ein Vergnügen, mehr zu wissen als andere, ich würde auch ungern Margolin mit anderen teilen. Bei Monteverdi und Gluck bleibt mir das ohnehin nicht erspart, gar nicht zu reden von Caruso. Der Händler überprüft noch meine Papiere, ob ich auch berechtigt bin, meine zukünftige Beschützerin zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen. Er will mich anrufen, wenn er fündig geworden ist. Meine Telefonnummer gebe ich ihm ungern. Wozu ist sie geheim, wenn sie dann doch jeder hat. Inzwischen müssen es ein halbes Dutzend Menschen sein, die mich jederzeit stören können.

Endlich wieder zu Hause. Solche Ausflüge sind anstrengend, dieser aber war notwendig. Ob es an den Schemen liegt, die aus einer Durchquerung von ein paar Wiener Bezirken eine kleine Reise machen? Ich bin doch nicht alt. Ohne das unschuldige Schwein könnte ich noch fast zwei Jahre im Amt sein, und für viele geht das Leben ohnehin erst nach der Pensionierung los. Meines auch? Oder nur die Pistole, deren Verlust ein Waffensammler irgendwo da draußen beklagt? Wenn sie nur bald bei mir einzieht und bis dahin nichts Schreckliches geschieht. Aber das Salz war heute auf dem Küchentisch und nicht im Kühlschrank, und der Geruch des Eindringlings kommt mir jetzt geringer vor. Hat er keine Zeit? Oder zieht er wie Kriminalbeamte bei einem Mordfall einen Schutzanzug an, um nichts auszudünsten?

Meine Fantasie eilt mir schon wieder voraus. Wahrscheinlich ist die Margolin hinausgeworfenes Geld und mein Mitbewohner ein Nachbarsohn, der aus Langeweile den letzten Spross aus der alten Richterdynastie in seiner verfallenden Villa mit Verrückungen erschrecken will. Was ist, wenn ich ihn erschieße? Dann bin ich nicht nur der Richter, der dafür gesorgt hat, dass ein Mensch 19 Jahre unschuldig im Gefängnis war, sondern auch ein Kindermörder. Deswegen ist es gut, dass diese Pistole mit ihren kleinen Patronen mehr für den Sport ausgelegt ist als fürs Töten. Wahrscheinlich verletzt man den Feind auch nicht richtig, sondern markiert ihn nur. Das wiederum dient dazu, den Kerl ausfindig zu machen, obwohl er schnell ins elterliche Haus geflüchtet ist. Trotzdem, die Nachbarschaft wäre in Aufruhr, ich eine Gefahr, und es würde mich nicht wundern, wenn draußen auf der Straße die Leute mit Transparenten stünden, auf denen ich lesen müsste: Weg mit ihm! Ich höre sie schon schreien. Ein grässlicher Chor. Vor allem ist es undenkbar, dass ich dieses Nest verlasse. Ich will nicht hinausgebrüllt werden, sondern einmal tot meine Villa verlassen. Frühestens in zwanzig Jahren, das habe ich mit mir ausgemacht. Und bis dahin wird gelebt und verteidigt. Und getrunken. Ab in den Keller. Der Tag war anstrengend genug.

Das alte Gemäuer in der Tiefe der Pötzleinsdorfer Erde ist für mich das schönste Erbe meiner Vorgänger. Eine kleine Entschädigung für mein erzwungenes Leben als einer, der über andere urteilt, auch wenn ich mit etwa vierzig angefangen habe, dieses Amt mehr und mehr zu mögen und später sogar zu lieben. Großvater, Vater, ich. Fast eine Richterdynastie, der ich mit meiner Kinderlosigkeit ein Ende gesetzt habe. Ob ich von uns dreien der Beste war? Auf jeden Fall der Unbestechlichste. Keiner, der es sich richtet, wie so viele in meiner Zeit. Korrupt waren meine Alten bestimmt nicht, aber ein wenig zu sehr auf ihre Würde bedacht, ja versessen. Kleine Götter in allem. Als müsste man auch außerhalb des Gerichtssaals Robe tragen. Um etwas zu verdecken? Oder diente der ganze Pomp der Herren nur dazu, wie Pfaue den Frauen zu imponieren?

Ich habe mein Haupt nie so hoch getragen. Dienend und nicht herrschend. Auch um meinem Vater etwas entgegenzuhalten. Und gesellschaftliche Ereignisse waren mir schon als Kind verhasst. Einen Garten voll von brüllenden Edelmenschen hat es bei mir nie gegeben, nur Bäume und Wildwuchs. Unsere Nachbarn haben beim Tod meines Vaters bestimmt ebenso aufgeatmet wie ich. Mit mir ist zwar nicht Ruhe eingekehrt, aber Musik statt Frauengekreische in den Sommernächten. Dafür hört man meinen Schostakowitsch. Nie Mahler. Oft Bruckner. Dem stillen Mann zu Ehren voll aufgedreht. Bei seiner Messe knien sich wahrscheinlich sogar noch drüben im Türkenschanzpark die Leute nieder. Bis dahin sind es immerhin zwei Stationen mit der Straßenbahn. Oder eine Viertelstunde zu Fuß. Seit Jahrzehnten. Alt bin ich erst, wenn ich doppelt so lang brauche. Aber vielleicht sitze ich einmal im Keller hier und denke nur noch an die Wege, die Teiche und vor allem an die Sonne dort. In dieser Oase scheint sie anders als in jedem anderen Park. Vielleicht, weil sie mich schon als Kind beleuchtet und erwärmt hat. Licht und Schatten. Manchmal denke ich, meine Welt besteht nur noch daraus.

Auch Wein schafft beides. Die Hölle am nächsten Tag, das Glück heute. Jetzt. Im Keller meiner Ahnen. Allerdings ist er Jahrhunderte älter als die beiden Robenträger. Vielleicht hat mein Großvater das Grundstück wegen des Kellers ausgesucht und nur die Villa daraufgesetzt. Erst später hat man entdeckt, dass er bis unter die Straße reicht. Deswegen höre ich alle zehn Minuten den 41er über mir. Meine Tramway. Darin habe ich wohl ein Zehntel meines Lebens verbracht, und täglich werden die Fahrten länger, weil ich immer weniger zu Fuß gehe oder auch den Ausstieg versäume. Sogar an der Haltestelle vor meinem Haus. Ohne die Würde und Bürde als Richter bin ich mehr in Gedanken. Ich versäume ja auch nichts. Nicht einmal meinen Schlaf. Früher habe ich mich darum bemüht, genug Schlaf zu bekommen, wenn ich am nächsten Tag jemand ins Gesicht sagen musste und es oft auch wollte, dass es lebenslänglich ist, was er vor sich hat. Und jetzt besuchen mich diese Damen und Herren in den Träumen, wenn ich schlafe, oder bei der dritten Flasche Wein die Straßenbahn über mir nicht mehr höre, weil es schon lange nach Mitternacht ist und sie nicht mehr fährt. Bei mir gab es nur gerechte Urteile. Bis auf eines. Und ausgerechnet er durfte kein Mörder sein. Er. Anders will ich ihn nicht nennen. Oft genug ist mir sein Name aus den Zeitungen entgegengesprungen. Jahrelang war er der Täter, dann ich. Offenbar hat er wirklich seinem Freund nicht das Leben genommen, ich ihm aber das seine. Zumindest fast 20 Jahre davon. Ob er jetzt an mich denkt? Freut er sich, dass ich jetzt vielleicht ebenso lange die Hölle habe? Er im Gefängnis, ich in Freiheit, aber als einer, der sich kaum noch irgendwo hinwagt, weil man in ihm den Skandalrichter erkennt?

Heute wird getrunken. Auch, weil ich nicht allein bin. Nicht die Lebenslänglichen umkreisen mich, sondern über mir wird gearbeitet. Anständige Menschen nützen die Nacht und graben sich in die Straße, verlegen wahrscheinlich ein Erdkabel unter den Tramwayschienen. Oder bohrt man nach mir? Aber es genügt ja, wenn sich unter dem Presslufthammer ein Ziegel aus dem Gewölbe über mir löst und mich erschlägt. Ein Aufatmen ginge durch die Kollegenschaft, das Schwarze Schaf ist nicht mehr. Man könnte sich erzählen, dass Ludwig Redtenbacher sich mit einer Unmenge an Alkohol im Blut verabschiedet hat. Wenn nur keine Zeitung erfährt, dass ein Richter trinkt. Wo bleibt dann das Urteilsvermögen? Meine Herren, ich kenne euch alle, im Garten meines Vaters mit glasigen Augen und über die eigenen Füße stolpernd, umgeben von sich hochdienenden Staatsanwälten und dem Truthahngelächter eurer faltigen Frauen. Ihr habt laut getrunken, ich leise, beide vom selben Wein. Das ist aber auch schon unsere einzige Gemeinsamkeit.

Es geht mir besser. Weil ich kein Dreck bin, eher eine Ausnahme. Wie kann ich nur am Tag durch die Gassen gehen und glauben, ich sei ein Verbrecher. Oder noch schlimmer, nichts. Ludwig Nichts. Hunderte Urteile, eines davon falsch. Wenigstens ist mein Vater tot, er hätte mich aus dem Haus geworfen. Aus dem Keller. Die Schande auf den Redtenbachers wäre geblieben.

Wenn andere trinken, werden sie aggressiv, ich fange an zu lieben. Alle Menschen. Bis auf die hämischen Kollegen. Wenigstens haben sich alle verdrückt. Aber den Straßenarbeiter über mir könnte ich umarmen. Nicht nur, weil er aufgehört hat, mich mit dem Presslufthammer in meiner Gemütlichkeit zu stören und jetzt, einem Totengräber gleich, mit einer Schaufel über mir arbeitet, sondern weil er ein Mensch ist und mich nicht verachtet. Wie auch, er kennt mich ja nicht. Oder doch? Weiß er, dass er seine heutige Nachtschicht vor der Villa eines Gestürzten verbringt? Hat er Mitleid mit mir, oder vergönnt er dem gerechtesten aller Richter den tiefen Fall? Am einfachsten, ich frage ihn, lade ihn nach seiner Arbeit in den Keller ein. Dann wissen zwei von meiner Existenz als Maulwurf, er und ich. Aber womöglich kennt er mich schon längst, weiß über mich mehr als meine geflüchtete Frau. Vielleicht ist das Erdkabel nur ein Vorwand, gräbt er nur zum Schein. Schaufelt, damit er mich ungestört ausspähen kann, blickt immer wieder zur Villa, zum erleuchteten Fenster meines Arbeitszimmer, wartet, bis sich etwas bewegt, weiß nicht, dass ich drei Meter unter ihm bin. Und ich wusste nicht, wer mein Eindringling ist. Bis jetzt. Er. Offenbar sieht mein Er sich weniger als Straßenarbeiter denn als Totengräber. Der Wein lässt mich klar sehen, ohne Schemen und Schatten.

Ein neuer Tag ist für jemand, der nicht mehr zur Arbeit gehen darf, ein Berg. In meinem Fall weil ich niemand zur Strecke bringen kann. Der Mann soll ja seit Urzeiten Jäger geblieben sein, und ich war auch einer, der über das Leben anderer bestimmt hat, allerdings bequem vom gepolsterten Stuhl aus. Meine göttliche Hand durfte vor Publikum und mit Blick in das Angesicht eines Gestrauchelten mit dem Daumen nach oben oder unten zeigen. Von einem Löwen gefressen oder enthauptet zu werden, war vermutlich weniger leidvoll, als für Jahrzehnte hinter Gitter zu müssen. Aber ich war weder Nero noch ein Rächer, auch kein Spielball von Launen, sondern ein Ritter der Gerechtigkeit und niemandem verpflichtet. Ich habe mit den Staatsanwälten nicht gefrühstückt und mit den Frauen von Angeklagten keine Nächte in Hotelzimmern verbracht. Dennoch war das Gesetzbuch nicht meine Bibel, meine Leitsterne waren das Gewissen und vor allem die mir angeborene und immer weiter entwickelte Urteilsfähigkeit. Von ihr lebe ich heute. Sie hält mich in dieser Welt und hilft mir, mit ihr zurechtzukommen. Aus Mangel an Verbrechern, die ich studieren und durchleuchten könnte, mache ich alle um mich herum zu Angeklagten. Und ich stelle fest, keiner ist ganz unschuldig. Fast alle haben ihren Schein, hinter dem das Wahre steckt. Meine Natur treibt mich dazu, es herauszufinden. Doch mein Reich ist heute größer als zu den alten Richterzeiten. Ich setze auch das Unsichtbare auf die Anklagebank. Die Ehrlichkeit, die Vernunft oder den Mut. Und nicht einmal vor dem Höchsten mache ich Halt. Vor dem Urteilsvermögen. Auch ihm misstraue ich. Zu Recht, wie mir immer wieder bewiesen wird. In dieser Nacht zum Beispiel war noch der Arbeiter mit dem Erdkabel der Mann, den ich seit Monaten suche. Ich habe ihn zu meinem Eindringling gemacht, nur weil er da war, zum Greifen nah. Zu Mittag, noch im Bett, habe ich ihn bereits freigesprochen.

Ich muss mich daran gewöhnen, dass es mir mein Eindringling nicht leicht macht. Der liebe Gott schickt mir einen ebenbürtigen Feind. Warum sollte ich nicht trotz meines Ruhestandes vor meinem größten Prozess stehen? In dem es weder Geschworene noch eine gehässige Presse gibt. Der Mann gehört mir. Vielleicht wird er mir geschickt, um eine alte Sünde auszulöschen. Vielleicht gibt mir das Leben auch eine Chance, meine Laufbahn ehrenvoll zu beenden oder sogar unsere Dynastie zu krönen.

Aber es wird nicht leicht. Der Kerl ist verschlagen und scheint viel Zeit zu haben. Wie ich. Und er hat mir voraus, dass er mich kennt und mich beobachten kann. Aus Sträuchern und Gebüschen, von denen es im Garten mehr als genug gibt, denn ich lasse das Zeugs wachsen, so wie es Gott geschaffen hat. Nicht zufällig trägt der unberührte Baum vor meinem Fenster die besten Äpfel. Mein Großvater hat ihn gepflanzt, von seinem Sohn wurde er malträtiert, ich lasse ihn gedeihen, dafür schenkt er mir seine Früchte und einen wunderbaren Anblick. Aber noch habe ich zwischen den Blättern kein Auge entdeckt, vielleicht suche ich auch nur verkehrt. Manchmal ist das offene Feld die beste Tarnung.

Oder die Haltestelle der Straßenbahn. Denn mein Blick dorthin ist frei. Gibt es etwas Unauffälligeres, als auf den 41er zu warten und mich dabei ins Visier zu nehmen? Schon im Krieg wurden aus der Tramway heraus Häuser observiert. Warum denke ich nicht an ein Auto? Weil ich keines habe? Mein Eindringling fährt Tag und Nacht die Pötzleinsdorfer Straße entlang und mit einigem Glück bringt ihn immer wieder die Ampel am Fußgängerübergang zum Stehen. Zeit zur Betrachtung. Aus dem Dunkel heraus. So wie der Zebrastreifen zu mir heraufleuchtet, strahlt mein Fenster hinunter. Der Schatten dahinter bin ich.

Als Richter war ich die Ruhe selbst, im Ruhestand bin ich gehetzt. Heute erschrecke ich schon, wenn noch das Wasser von gestern in der Badewanne steht, wie vorhin. Dabei habe ich nur vergessen, es abzulassen. Eine lässliche Sünde, und trotzdem bereitet sie mir ein schlechtes Gewissen. Weil ich nicht perfekt war. Das Hundertprozentige liebe ich an mir, es hat mich nie verlassen, wir beide gehören zusammen. Aber vielleicht sollte ich weniger von mir verlangen, schließlich werde ich ja auch nicht mehr bezahlt dafür. Trotzdem, Geldsorgen habe ich keine, weil ich noch immer mehr als genug bekomme und auch anständig was auf meinen Sparbüchern habe. Ich blicke in eine abgesicherte Zukunft, mich wird auch in zwanzig, dreißig Jahren niemand aus der Villa jagen und in ein Heim stecken. Gepflegt und gestorben wird hier.

Altes Wasser in der Badewanne ist kein Beinbruch. Nur eine unterlassene Handbewegung, mit der ich sonst immer den Stöpsel herausziehe. Aber warum habe ich es dieses Mal vergessen? Es hat mich niemand aus der Routine gebracht, das Telefon nicht geläutet. Dieser Störenfried belästigt mich am wenigsten, es vergehen wunderbare Tage ohne einen einzigen Anruf. Unzählige waren es, als die halbe Welt von meinem Fehlurteil erfahren hatte. Deswegen auch diese neue, noch geheimere Nummer.

Aber er kann es gewesen sein. Ich habe gar nicht vergessen, das Wasser auszulassen, sondern er hat die Badewanne frisch gefüllt! Während ich heute Vormittag nach meinem Trinkgelage noch geschlafen habe. Um mir ein Versagen anzuhängen. Doch der Richter in mir stellt Fragen. Da war doch die Trübung des Wassers, da waren die Seifenreste und ein Schmutzrand zu sehen. Dann hätte der Eindringling den Schmutz hinzugefügt, Seifenschaum aufgeschlagen und womöglich seine eigenen Haare hineingeschüttelt. Oder sogar selbst in meiner Wanne gebadet. Für eine Stunde Ludwig Redtenbacher gespielt. Und ich Idiot habe den Stöpsel gezogen und die Spuren beseitigt, den Feind durch den Abfluss entkommen lassen, sogar die Wanne gesäubert. Wie einfach hätte man seine DNA feststellen können, ein über jeden Zweifel erhabener Beweis. Mein Gott, lass mich nur nicht wieder daran denken, diese verfluchten Buchstaben, dieses teuflische Trio.

Das Telefon läutet, manchmal ist sogar das ein Segen, holt mich aus der aufsteigenden Verzweiflung. Der Waffenhändler, er hat eine Margolin. Allerdings mit Holzkassette und allem Zubehör. Anders war sie nicht zu bekommen. Dabei brauche ich doch nur die Pistole. Man legt mir eben überall Steine in den Weg. Aber ich werde sie wegräumen, einen nach dem anderen.

 

Doch bevor meine neue Freundin bei mir einzieht, könnte ich Ordnung machen, endlich mein großes Werk angehen, der Margolin ein angenehmes Zuhause schaffen. Sie soll sich nicht nur in meiner Hand wohl fühlen, sondern auch mit Freude auf dem Schreibtisch liegen können oder oben im Künstlerzimmer. Das eine ist schon geschehen, meine Frau habe ich fortgeschickt, bleibt nur noch der Saustall meiner Kinder. Auch wenn keines von meiner Schar aus Fleisch und Blut ist, sind sie doch mein ganzer Stolz. Die übrigen Räume der Villa betrete ich kaum, mir soll es recht sein, wenn der Efeu in die Zimmer wächst, sich die Natur holt, was ihr gehört. Warum soll nur ich einmal zerfressen und wieder zu Erde werden?

Darum sollen auch nur meine Kinder zurückbleiben, alles andere hat unterzugehen. Wenn es mir nur gelingt, das Geld nach und nach zu verbrauchen, bis am Ende nichts mehr da ist. Aber schön aufgeteilt, Jahr für Jahr, ohne große Schwankungen, in einer absteigenden Linie wie die Börsenkurse. Am letzten Tag möchte ich nur noch eine Münze in der Tasche haben. Ich werde sie herausziehen und beim Heurigen meinem Kellner geben, und wenn ich in der kalten Jahreszeit abtrete, lasse ich das glänzende Ding durch einen Kanaldeckel fallen. Ich kenne da einige dieser abgeschliffenen Gitter zur Unterwelt, die mir gefallen, werden sie doch unzählige Male von Autos überrollt und von Millionen Menschenfüßen getreten. Meine gehören dazu. Weil ich nicht ausweiche, keine Angst habe, durchzubrechen und im Inneren von Wien zu verschwinden. Gusseisen hält ewig, wie der Stahl der Margolin. Da ist die Lebenszeit meiner Kinder schon kürzer.

Ich habe sie angehäuft, aber nie streng behandelt. Die einzige Ordnung sind die Schuhkartons meiner Frau. Jeder mit einer Jahreszahl beschriftet, das ist schon alles. Darin liegen sie. In fast drei Dekaden von Kartons im Künstlerzimmer. Meine Zeichnungen. Mein eigentliches Lebenswerk. Andere Richter müssen Protokolle oder Urteile zur Hand nehmen, wenn sie sich an ihre Angeklagten erinnern wollen. Ich habe ihre Gesichter. Von jedem. Ausnahmslos. Ob er ein Wurm von Einschleichdieb war oder ein Mörder. Keiner ist mir entkommen. Bei mir hat sich die Bibel erfüllt, meine Verbrecher sind dank einer talentierten Hand buchstäblich zu Gezeichneten geworden. Ein Blatt Papier, ein Bleistift, ich. Das ist alles. Und natürlich mein Amt. Wo sonst hat man die Macht, einem, der weder ins Gefängnis kommen noch mit seinem Gesicht verewigt werden möchte, zu sagen, dass er still zu sitzen hat. Manchmal zögerte ich sogar die Verhandlung so lange hinaus, bis mein Werk fertig war. Davon etwas gemerkt hat höchstens der eine oder andere Beisitzer, ein zu rasch herbeigeeilter Staatsanwalt, aber nie ein Delinquent. Wie viele Münder sind in meinem Künstlerzimmer versammelt? Ich werde es erst wissen, wenn dort die Ordnung eingekehrt ist.

Vorbild für mein Schaffen waren die Radierer der Stadt. Ihre alten Ansichten vom Burgtor oder Schönbrunn hängen an den Wänden. Sogar die Stiege hinauf in den Stock habe ich bis auf den letzten Platz damit ausgestattet. Will man bei mir nach oben, durchklettert man vorher einen Tunnel aus der Monarchie, und dann wandert das Auge über ein Wien, in dem sich die Baumeister noch ausbreiten durften. Ich habe mich in meiner Kunst für das Kleine entschieden. Statt einer Fassade von einer Viertelmeile steht mir nur der Platz zur Verfügung, den eine Violine braucht. Den Hals entlang habe ich anstelle von Saiten die prallen Schlagadern zitternder Sünder, die auf meine nächste Frage warten müssen, weil mir ihre Stirn oder ihr Haar auf dem Papier noch nicht gefallen. Gelingt mir aber ein Strich besonders gut, kann es schon vorkommen, dass ich dem Angeklagten gegenüber plötzlich milde werde und mich mit ihm fast verbrüdere. Dann ist es an mir, trotzdem gerecht zu bleiben und nicht einem Schwein die Freiheit zu schenken, mit der es ohnehin nichts anfangen kann. Ich wäre auch schuld, wenn einer der Gezeichneten unbeschadet aus dem Saal spaziert und draußen die nächste Tankstelle überfällt oder eine alte Dame umbringt, weil sie ihre Handtasche nicht hergeben will.

Dem Gesetz war ich immer treu, leider auch meiner Frau. Verschenkte Jahre, wenn es auch ehrlicherweise nicht allzu viele Gelegenheiten gegeben hat. Oft bin ich auch zurückgewichen, weil ich den Verdacht nicht loswürfe, die schöne Dunkelhaarige will mit mir nur ins Bett, damit ihr Mann schon in ein paar Monaten wieder bei ihr ist, nicht erst in drei Jahren. Ich muss zugeben, nicht wenigen Frauen ein erfülltes Eheleben genommen zu haben. Dafür sind andere Männer glücklich geworden, obwohl keiner hat sich bei mir bedankt, dass ich einen störenden Gatten weggesperrt habe.

Maler wollte ich werden, Richter bin ich geworden, in der dritten Generation dazu vom Vater verdammt. Meine Rache ist meine Kinderlosigkeit, um die Früchte seines Samens für immer auszulöschen. Aber dem Wettkampf mit ihm bin ich nicht entkommen. Ich wollte noch gerechter sein als er, doch wie könnte das möglich sein, im Verhältnis zu einem, der sich in seinem Leben nie geirrt hat? Der Bleistift wurde zum rettenden Strohhalm, die Aufgabe war einfach und dennoch von höchster Wichtigkeit. Kann man das Böse im Gesicht eines Menschen sehen? Eine Frage, die schon die Griechen beschäftigt hat. Mein Atlas wird sie lösen. Es gilt nur, meine Kinder in eine Ordnung zu bringen, dann in ein zwölfbändiges Werk zu pressen, im Ruhestand. Nur ist der zu früh gekommen, und ich war auf das Sortieren noch nicht eingestellt. Aber jetzt wird ein Anfang gemacht, eine gigantische Arbeit begonnen. Das bin ich auch den Hunderten von Angeklagten schuldig, die mir ihre Gesichter geben mussten, auch wenn sie darunter kaum gelitten haben, schon eher ich, weil ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Weder wollte ich mir die Idee stehlen lassen, noch für verrückt gehalten werden. Es hat mir genügt, hinter meinem Rücken »Bleistift« genannt zu werden, und erst in den letzten Jahren ist ein Name dazugekommen, der noch giftiger war. Weil ich mit den Mächtigen nicht essen gegangen bin, habe ich es zum Hungerkünstler gebracht.

Niemand blickt in das Gesicht des Verbrechens besser als ein Richter. Die Angeklagten schielen an der Meute rundum vorbei, mich aber hatten sie anzusehen, oft genug auf Befehl. Oder ich habe eine Frage gestellt, bei der sie mich mit aufgerissenen Lidern anstarren mussten. Darunter zwei weiß umrandete Kugeln voller Angst. Noch größer war dann in den Pupillen die Anstrengung zu erkennen, mit der Antwort die Wahrheit zu verbergen. Doch Augen lügen noch weniger als Gesten und Verkrampfungen. Viele meiner Kollegen verlassen sich auf die unkontrollierten Zuckungen der Glieder, ich lese in der Iris. Selbst sie zeichne ich, mit dem härtesten und spitzesten aller Bleistifte. Eine Auswahl aller Grade liegt vor mir auf dem Tisch, verdeckt vom Kruzifix, das ich deswegen manchmal zurechtrücken muss. Weiche Minen werden bei Frauen eingesetzt, aber auch, wenn ich in einem männlichen Angeklagten Ehrlichkeit und Unschuld entdecke. Es gilt ja, das Gesicht hinter dem Gesicht zu entdecken. Mein Atlas soll kein Fotoalbum werden, sondern eine Wahrheit, die man nur zeichnen kann. Dafür müssen meine Angeklagten durch mich hindurchgehen. Dabei sind mir bestimmt auch Fehler passiert, weil ich ein Mensch und kein Röntgenapparat bin. Der eine wurde glorifiziert, die andere hat den Charakter einer möglichen Kindsmörderin bekommen, nur weil ich ihren aufreizenden Mund nicht ausstehen konnte, den ich als anständiger und unbestechlicher Richter nie würde küssen dürfen.

Heute bliebe mein unerfülltes Begehren ohne Folgen, nicht einmal meine eigenen Gesetze würden verletzt. Aber ohne Macht bin ich hilflos wie zu meinen Zeiten als pickeliger Gymnasiast. Nur in der Straßenbahn starre ich noch Gesichter an, weil sie auch ohne Prozess einigermaßen still halten. Weicht mir ein schönes aus, nehme ich das hin und verstehe es sogar. Ich könnte ja ein Serienmörder sein. Setzt sich aber eine Frau meinetwegen woanders hin, schmerzt es mich. Ich kann ihr ja nicht nachlaufen und erklären, dass mein Blick längst nicht mehr die Kraft von früher hat und sie für mich aussieht wie das Gemälde von einem, der sich mit Konturen zufrieden gibt und dem dunkle Höhlen lieber sind als Augen.

Die meisten Menschen verlieren das Gehör, bei mir war es ein Sehsturz. Jeder Arzt würde sich diese Bezeichnung verbieten, denn für solche Herren gibt es nur, was in ihren Büchern steht. Es hat schon seinen Grund, warum ich ihre Schwelle seit Jahrzehnten nicht übertrete. Anstatt mich nach stundenlangem Warten mit einem kurzen Gespräch abfertigen zu lassen, höre ich mir lieber die Ratschläge von Apothekern an. Sie sagen mir, wie ich einen Schnupfen zu kurieren habe, viel mehr kann ich ihnen ohnehin nicht bieten. Nicht einmal Haarausfall. Viele meiner Kollegen färben in allen Tönungen, und die glatzköpfigen laufen mit Perücken herum. Ich will auch nie in einem Krankenhaus liegen. Bisher ist mir das gelungen. Trotzdem, mein Blick ist gestürzt. Nicht von einem Tag auf den anderen, jedoch so um die Zeit nach meiner Entlassung. Vielleicht nimmt mir der strafende Gott die Hälfte von meinem Leben, indem er es in Unschärfe versinken lässt.

Ja, ich gestehe, ich habe meinen Sehsinn missbraucht und in den Gesichtern mehr das Böse als das Heile wahrzunehmen versucht. Ehrliche Menschen sind für meinen Atlas genauso unbrauchbar wie gute Nachrichten für die Medien. Deswegen ist es für mich auch so schwer, die Schuhkartons zu öffnen. Deutlicher noch als Verbrecher sehe ich dort mich und meine Lügen. Aber vielleicht ist mir das Falkenauge genommen worden, damit ich mich selbst entdecke. Es gibt doch den nach innen gewandten Blick, für den ich nie Zeit hatte. Davor graut es mir. Ist mein Eindringling nicht genug? Muss noch etwas dazukommen, wogegen nicht einmal meine Margolin etwas ausrichten kann?

Meine Post liegt auf dem Schreibtisch. Dabei habe ich sie heute noch nicht geholt. Er ist hier. Es gibt etwas zu tun. Doch mit bloßen Händen? Das Schicksal kann hinterhältig sein, die Margolin kommt einen Tag zu spät. Der Krieg beginnt, bevor alle bewaffnet sind. Ich war oben, er bei meinen Briefen. Wenigstens hat er sie nicht geöffnet, und bestimmt hat er keine Fingerabdrücke hinterlassen. Selbst wenn ich sie zur Polizei bringe, wird man nur die Papillaren der Postbeamten finden. Aber vielleicht ist der Zusteller mein Mann? Ohne Probleme kann er in meine Villa hereinspazieren, sich sogar noch als guten Menschen ausgeben, der mir den Weg zum Kasten am Gartentor ersparen will. Oder er ist anständig und hat mich gerufen, während ich vor meinen Zeichnungen gezittert habe. Warum soll der Mann nicht vollkommen schuldlos sein und sich denken, dem Herrn Richter lege ich die Briefe auf den Schreibtisch, dort findet er sie bestimmt. Er tut etwas für mich, und ich bringe ihn um. Vielleicht ist es ein Segen, dass ich die Margolin noch nicht habe. Aber wie soll das weitergehen, wenn die Waffe erst einmal im Haus ist? Muss ich dann ständig in der Angst leben, den Falschen niederzustrecken?

Noch vor den Zeichnungen muss ich meine Gedanken ordnen. Fest steht, der freundliche Briefträger ist zwar etwas ungeschickt, aber er meint es gut. Womöglich aber komme ich zu diesem Urteil, weil ich heute noch nicht schießen kann und mich beruhigen will. Wein wäre eine Hilfe. Aber dann müsste ich mir eingestehen, bei jeder Gelegenheit einen Feind hervorzuholen, nur damit ich trinken kann. Was ist denn schon geschehen? Nichts. Der Briefträger war nett zu mir. Das nächste Mal zucke ich zusammen, wenn er am Gartentor klingelt, weil er meine Unterschrift braucht. Gehe ich dann mit übertriebener Höflichkeit an ihn heran und dann nach überstandener Gefahr in den Keller zum Roten?

Es wird Zeit, dass ich die Dinge sehe, wie sie sind. Harmlos. Mein Abstieg hat mich kaputt gemacht, sonst nichts, und ich bin noch immer nicht darüber hinweg. Ein anderer hätte sich die Kugel gegeben, aber ich bin noch da, ich denke nicht im Entferntesten daran, mir etwas anzutun. Ich fange nur an, wie ein Verbrecher hinter jeder Ecke einen Verfolger zu sehen und mich hunderte Male zu verstecken, ohne dass es notwendig gewesen wäre. Das Trommelfeuer der Presse ist längst verklungen und ich bin wahrscheinlich schon vergessen, zugedeckt von den vielen Skandalen, die nach mir gekommen sind. Was sagte die Frau von meinem Kiosk zu mir, als ich damals die Zeitungen holte, statt bei Tag in der Finsternis, damit mich ja niemand sehe? »Schon morgen, Herr Redtenbacher, ist das alles Altpapier.« Sie war die Einzige, die mir gut zugesprochen und mich nicht verurteilt hat. Sie konnte mich trösten. Ob ich jetzt zu ihr hinübergehen soll?

Ich habe mich mit dem Radio begnügt. Es muss ja nicht immer ein Mensch sein, der einem zur Hilfe kommt. Es wäre mir aber zu schwer gefallen, eine Platte aufzulegen. Beim Rundfunk ist man außerdem nicht allein. Musik. Seit einer Stunde Klassik. Zuletzt Callas, eine der besten Marias auf diesem Planeten. Mein Sender eben. Die Nachrichten kommen ruhig und deutlich, ohne die Hysterie von anderen Programmen. Gleich geht es zum Wetter. Das interessiert mich, weil ich morgen die Margolin hole. Vorher noch eine kleine Meldung, von der ich nicht verstehe, warum sie nicht am Anfang gekommen ist. Aber womöglich ist sie zu frisch, und man weiß noch nichts Genaues. Hirsch ist tot. Ein Ludwig wie ich. Beide Künstler. Er Sänger, ich Maler. Schauspieler waren wir auch. Er der bessere. Ich musste mir die Publikumsgunst oft mit harten Urteilen erkämpfen, den Leuten im Saal ihre Rache geben, damit sie mir und meinem Gesicht zunickten, das ich auf Strenge und Gerechtigkeit eingestellt hatte. Schmierentheater. Anders als bei ihm. Manchmal wurde auch applaudiert. Das habe ich natürlich sofort abgestellt, aber es hat mir gefallen. Warum aber in aller Welt stirbt er? Er, von dem ich Schallplatten habe, er, der in meinem Alter war. Heute Nacht werde ich ihn hören, aus meiner Sammlung, und laut. Oder ganz leise, das passt besser zu ihm. Und auch zu mir. Die Kraft dazu werde ich haben, ich spüre es. Weil ich begreife, wie gut es mir geht. Ich lebe.

Aber wie? Meine gutmütige Kioskfrau hat zwar mit dem Altpapier recht gehabt, aber jeden Tag kommen frische Zeitungen, von denen sie ja lebt. Wie auch die Redakteure und Journalisten, doch diese Herrschaften sind pflichtbewusster als die genauesten Protokollschreiber beim Gericht. Wenn etwa wieder einmal von mir die Rede war, hat bisher keiner vergessen, auf mein Versagen hinzuweisen, in jedem Artikel musste mein Fehlurteil vorkommen, damit sie nur ja ausgewogen berichteten und der Wahrheit dienten. Mit mir beweisen sie, wie gewissenhaft sie bei ihrer Arbeit sind und was für ein übermenschliches Gedächtnis sie haben, das sich alles merkt. Mich in Erinnerung zu halten ist einfach. Mein Strafregister wird nie gelöscht. Schade nur, dass ein Fall hundert andere tötet und das Davor nicht mehr zählt. Die Erwähnung meines Namens ohne meinen Skandal ist undenkbar. Ich höre schon bei der Nachricht von meinem Tode die tödliche Ergänzung, dass Ludwig Redtenbacher der breiten Öffentlichkeit durch ein Fehlurteil bekannt geworden ist. Sonst würde man ja auch nicht wissen, wer ich bin. Ich beneide den anderen Ludwig, er kommt ohne Makel aus. Allerdings zu Recht. Seine Musik in hunderttausenden Menschen gegen meine Schuhkartons mit den gesammelten Gesichtern. Und vor allem kein Schandfleck, kein Brandmal. Ich gestehe, an meiner erbärmlichen Todesmeldung nicht unschuldig zu sein.

Wenigstens sind die Briefe gut zu mir, einer ist sogar von Vinzenz. Auf die Gedanken von ihm freue ich mich schon jetzt. Kein Schreiben, vor dem ich erschrecken müsste. Keine Anfrage um ein Interview wie vor zwei Wochen. Nur ein Gratisblatt kam auf den Nächstliegenden, eben auf mich. Soll die Todesstrafe auch bei uns wieder eingeführt werden? Ist Lebenslänglich nicht genauso schrecklich? Ich weiß es nicht. Ich war noch nie tot. Auch nicht Jahrzehnte hinter Gittern. Nicht einen Tag. Aber ich könnte von einem Richter erzählen, in dessen Gehirn die Häftlinge hämmern. Aber nicht mit den maximal 300 Zeichen, die man mir vorgeschrieben hatte. Ich müsste schon nach meinem ersten Schrei aufhören und käme nie zur Klage. Außerdem wäre die mit der Füllfeder geschriebene Antwort wie ein Geständnis, ich bin mir sicher, sie würde als Faksimile gedruckt. Um den Lesern in der Straßenbahn zu zeigen, wie die Schrift eines Richters aussieht, der beinahe ein falsches Todesurteil unterschrieben hätte. Der eine oder andere würde sich dann meine verheerende Hand vorstellen, dann mich und wie es in einer Seele aussieht, die zu so etwas fähig ist.

Ich merke, wie klar ich denken kann, wenn man mich nur lässt. Dann ist alles wie früher und meine Urteilskraft scharf. Doch schon ein Briefträger kann mich aus der Fassung bringen. Dabei wäre es so leicht, solche Ausfälle zu verhindern. Warum auch lasse ich das Gartentor unversperrt und sogar die Haustür? Will ich, dass man mich überfällt? Brauche ich Gesellschaft, ohne es zu wissen?

Weit gefehlt. Mein Konzept ist raffiniert und nicht ohne eine gewisse Hinterhältigkeit, weil es aus dem Kopf eines Richters kommt, der Einbrecher studieren durfte. Das Haus abschließen ginge noch, doch schon Rollläden in den Fenstern wären eine Katastrophe, weil sie wie Plakate hinausschreien, dass es hier etwas zu holen gibt. Jedes Gitter ist mir ohnehin zuwider, außer ich sage mir, einer wie ich gehört für den Rest seines Lebens ins Gefängnis. Eine Alarmanlage kommt schon gar nicht in Frage, weil ich genug Fälle hatte, in denen Monteure nichts als Spione waren, die nicht nur den ganzen Hausrat kannten, sondern auch wussten, wie man die Sirenen am Aufheulen hindert. Handwerker und Bauarbeiter sind überhaupt das Gefährlichste, verfügen sie doch sogar über das Können und die Kraft, durch Mauern ins Haus zu brechen. Aber ganz an der Spitze stehen Straßenreparaturen, die keine sind und nur der Tarnung dienen. Ein Zelt auf dem Gehsteig bedeutet, dass man sich in der Nacht durch einen Tunnel an meine Villa herangräbt und nach so viel Arbeit auch bereit ist, mich zu erschlagen, wenn ich aufwache und den Herrschaften in die Quere komme. In meiner Karriere wurden eine Bank und zwei Juweliere auf diese Weise ausgeraubt. Sehe ich irgendwann einmal vor meinem Zaun auch nur die Spitze von einer Pyramide aus Planen, bin ich draußen und kontrolliere unauffällig, ob man sich auch wirklich nur an Erdkabeln und Wasserrohren zu schaffen macht. In Zukunft mit der Margolin in der Tasche. Wobei natürlich ein Flammenwerfer um vieles besser wäre. Zelte sollen ja besonders eindrucksvoll brennen.

Gut geschlafen und auch der Morgen war erträglich, fast schwungvoll, als freute mich das Leben wieder. Nicht ein Aufwachen, bei dem man sich denkt, wie soll ich ihn schaffen, diesen Tag. Aber vielleicht hängt das mit der Margolin zusammen. Kein schöner Gedanke, wenn mich schon Dinge glücklich machen und ich eine Pistole behandle wie eine Braut, die ich heimführe. Doch eine Margolin geht weit über eine Sache oder einen nüchternen Gegenstand hinaus. Mit ihr kann man etwas ausrichten, vielleicht sogar ein bisschen die Welt verändern, zumindest meine. Ich habe ja nicht vor, wie Breivik eine Masse von Menschen umzulegen. Der Kerl kommt mir immer wieder in den Kopf, wahrscheinlich weil es bei ihm kein Fehlurteil geben kann. Doch wenn es stimmt, was mein alter Richterfreund Vinzenz auf geheimsten Wegen erfahren hat, dann wird Gesetz und Ordnung wieder ein Stück mehr in den Wahnsinn verschoben. Ich hoffe, er ist nur einem Gerücht aufgesessen. Rechthaberisch wie er ist, meint er, dass Ende November Norwegen die Menschen wieder aufkochen lassen wird, wenn man an die Öffentlichkeit geht und mit dem Malheuer herausrückt. Unzurechnungsfähig. Alles wäre mir in den Sinn kommen, nur das nicht. Eine Tragödie für einen Richter, weil er durch Gutachten regelrecht entmündigt wird. Am wenigsten geht es um den Angeklagten. Er steht nur in einer langen Reihe. Ob in den Diktaturen jedweder Zeit oder bei uns, Attentäter auf das große Gefüge müssen wahnsinnig sein.

Ich halte Breivik für intelligenter als mich. Aber vielleicht haben wir etwas Gemeinsames, nur dass er in die eine Richtung gegangen ist, ich in die andere, und es ist mir nur recht, wenn ich mich von ihm möglichst weit entferne. Es gibt mir natürlich ein gutes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, warum ich auf meiner Margolin so beharre. Die Geschichte vom blinden Mikhail ist schön und macht Mut, doch ausschlaggebend dürfte das kleine Kaliber sein. Der Unzurechnungsfähige hatte Kanonen, ich hole heute eher ein Kuriosum aus der Josefstadt zu mir nach Währing. Er hatte eine ganze Weltanschauung zum Feind, ich nur einen Mann. Oder sogar ein Kind, das in fremden Wohnungen herumstöbert. Da gäbe es Ohrfeigen statt Schüsse. Wahrscheinlich nicht einmal das. Oft hilft gut zureden am meisten. Ich könnte ihm meine Gesichter im Künstlerzimmer zeigen und müsste keine Angst haben, dass man meine Hinterlassenschaft als Bürde empfindet. Hoffentlich ist es kein Mädchen. Da hieße es, schnell die Polizei anrufen und die Hände heben, um zu zeigen, dass sie sauber sind. Ich würde die Herren auch freiwillig in den Keller führen. Nur Wein, Zigarren und ein bequemer Sessel, keine Tür hinter den Stapeln von Flaschen. Trotzdem ein Ort mit außerordentlichen Möglichkeiten.

Eine Frau kommt ja ohnehin als Eindringling nicht in Frage, weil der Geruch nicht passt. Oder doch? Welche könnte es auf mich schon abgesehen haben. Meine eigene? Ausgeschlossen ist das nicht. Rache hat bei vielen meiner Fälle eine Rolle gespielt, aber auch die Villa gefällt ihr, sie würde sie aus der Versenkung holen und eine Residenz daraus machen. Dafür müsste ich weg. Oder für unzurechnungsfähig erklärt werden. Ich dürfte dann zwar morden, aber über nichts mehr bestimmen. Dass ich einen Mann rieche, ist auch schnell erklärt. Sie duftet nicht mehr nach sich, sondern nach ihrem neuen Kerl. Wie einst nach mir, als sich die Liebe noch ausgetobt hat.

Ist sie es? Ich werde es herausfinden. Nichts leichter als das. Ich lasse das Wasser in der Küche laufen. Zu lange aufgedrehte Hähne haben sie immer wahnsinnig gemacht. Ich kann nur hoffen, dass sie heute draußen irgendwo wartet und in meinem Zimmer wieder irgendwelche Verrückungen machen will, während ich die Margolin hole. Allein das Geräusch des Plätscherns wird sie nicht ertragen und es ersticken. Sie kann es nicht ausstehen, wenn man auch noch hört, wie die Zeit verrinnt.

Im Waffengeschäft bin ich doch nicht ganz dem Breivik entkommen. Wie man die Margolin effektiver machen könnte, war meine Frage und die Antwort ein Päckchen. Es wird zwar nie ein Stier aus ihr, doch zu einer Kobra hat es meine Pistole gebracht. Mit diesen Hohlspitzgeschoßen aus Kupfer werden ihre Möglichkeiten ausgereizt, und das nicht schlecht. 50 Stück in meinem Burberry und die Holzkassette mit der Margolin auf dem Schoß. In der Straßenbahn bin ich wahrscheinlich jetzt der gefährlichste Mann. Wenigstens heute, wo meine ehemaligen Klienten mit den anderen Linien unterwegs sind und hinter mir nur ein Kind seine Mutter mit Gesang unterhält. Dafür bekomme ich von vorne einen Schlag ins Gesicht. Ein herumliegendes Blatt hat ihn mir versetzt, ein zweites habe ich sogar vom Boden aufgehoben. Mein Sänger der vergangenen Nacht hat sich umgebracht. Das wussten bestimmt schon alle, nur ich wieder einmal nicht, weil ich keine Zeitungen mehr lese.

Ich kann den anderen Ludwig begreifen, noch dazu, wenn er an seinem letzten Tag so aufgewacht ist wie ich, dabei sind meine schwermütigen Morgen frei von Operationssaal und zerfressener Lunge. Ich würde nicht springen, in meinem Haus doch nur weich im Wildwuchs landen. Ich hätte sie, die Kobra. Nur eines von diesen kupfernen Dingern aus dem Päckchen wäre notwendig. Wenn der Waffenhändler recht hat, kommt es auf die Nähe an, aus welcher der Schuss abgegeben wird. Aber eine Straßenbahnstation weiter denke ich schon wieder anders und gestehe, nicht die geringste Ahnung zu haben, was ich tun würde. Wie auch immer, die Margolin ist für den Eindringling bestimmt, und am wenigsten wird sie sich gegen Ludwig Redtenbacher richten. Seit heute bewege ich mich ohnehin in einer anderen Welt, der erste Schritt in das Reich meiner Angeklagten ist getan. Ich kämpfe. Ludwig Hirsch, ich komme noch lange nicht.

Beim Hauseingang wird die Anspannung immer größer. War sie hier? Hat meine Frau in der Küche Ordnung geschaffen? Beim Weggehen bin ich sogar noch einmal umgekehrt, um nachzusehen, ob ich den Hahn nicht aus Gewohnheit versehentlich abgedreht habe. Das Wasser ist gelaufen, in einem dünnen, aber nervenden Strahl. Zu meinem Bedauern höre ich es beim Öffnen der unversperrten Tür noch immer. Die Überschwemmung sehe ich erst in meinem Arbeitszimmer. Nicht hoch, aber es reicht, dass meine Briefe herumschwimmen. Leider hat es auch Fridolin erwischt, meine alte Handpuppe ist am Ertrinken. Ich rette zuerst ihn, dann die Post. Wie lange schon habe ich Fridolin nicht zum Leben erweckt, zu seinem wirklichen, wo er und ich zusammen spielen. Will ich mich nicht an das Lachen meiner Frau erinnern?

Was ist, wenn ich das Wasser weiter laufen lasse? Um nicht in die Küche gehen zu müssen, hin zum Abwaschbecken, denn dort lauert die Wahrheit. Ich stelle meiner Frau eine Falle, und über mir schnappt sie zu. Noch kann ich es mir aussuchen. Ist der Abfluss durch Speisereste verlegt oder hat jemand nachgeholfen?

 

Wenigstens brauche ich jetzt noch nicht meine Margolin. Obwohl die Überschwemmung kaum fingerdick ist, lege ich die Holzkassette wie einen Schatz auf den Schreibtisch. Bald muss ich mir die Frage stellen, wer wen beschützt.

In der Küche plätschert es schon um einiges lauter. Wie erwartet läuft das Wasser über den Spülbeckenrand. Doch dann kommt die Überraschung. Der Abfluss ist so klar und sauber, wie es überall bei mir ist. Es hat ihn auch niemand verschlossen, weit und breit kein Tuch und auch kein hinterhältig darauf gestellter Topf. Das ganze Geheimnis ist nüchtern und fast enttäuschend. Hier läuft es über, weil im Gemäuer die alten Rohre ein Nadelöhr sind und mit einem stundenlang aufgedrehten Hahn nicht fertig werden konnten. Tatsache ist, niemand war hier, man hat mich und meine Küche alleine gelassen. Mache ich mit dieser Fallenstellerei so weiter, geht mir die Villa auch ohne meine Frau verloren. Neben den nassen Füßen habe ich allerdings eine Gewissheit. Sie war nicht hier.

Noch bevor ich das Wasser abstellen kann, schießt es mir durch den Kopf. Der Eindringling ist kein Hirngespinst, sondern einer, der mich versenken will. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen. Niemals hätte ich den Hahn so weit aufgedreht, ich sehe noch den dünnen Strahl vor mir. Das ist jetzt ein Sturzbach, deswegen auch die Überschwemmung. Der Mann ist ein Teufel, durch und durch zerstörerisch. Es bereitet ihm Freude, aus einem Rinnsal eine Katastrophe zu machen. Ich höre förmlich sein Lachen, wie ein Kind hat er sich gefreut, das Feuer zu schüren. Ich darf das Spiel eröffnen, mit seinem Zug aber schlägt er mich. Ich soll seine Überlegenheit spüren. Da nützt es auch nichts, wenn ich dem Hahn fast den Hals umdrehe, dass er nicht einmal mehr tropft wie sonst immer.

Lange hat es gebraucht, bis ich dann endlich in meinem Zimmer zur Ruhe gekommen bin. Wenigstens hat mich das Geplätschere rundum nicht gestört, und es ist ja auch ohne mein Zutun verschwunden, einfach im Fußboden versickert. Die Holzkassette habe ich wie ein russisches Geschenk geöffnet, zwar nicht Puppe für Puppe, aber ein Zubehör nach dem anderen. Nur, so oft werde ich wohl nicht zum Schießen kommen, dass ich ihren Lauf auch noch reinigen muss. Ein, zwei oder auch drei Explosionen, und die ganze Affäre ist erledigt. Liegt der Eindringling erst einmal da, wird die Polizei gerufen, alles schön hergezeigt und der Hergang geschildert. Notwehr, wie sie glasklarer nicht sein könnte. Ich hoffe nur, dass der Kerl nicht stöhnt oder sogar schreit, denn das wäre für mich qualvoll, und ein Gnadenschuss ist ja nicht erlaubt.

Sie liegt gut in der Hand. Besser als jede Waffe auf meinem Richtertisch. Warum sie sich so gut in mich hineinschmiegt, ist auch leicht zu erklären. Ihr Schöpfer hatte keine Augen für sie, nur seinen Tastsinn und das Gefühl. Ich spüre ihn förmlich, es ist, als würde er mir die Hand geben. Und noch aus einem anderen Grund, fühle ich mich ihm verbunden. Der freundliche Waffenhändler hat nachgeforscht. Herr Mikhail Margolin war nicht von Geburt an blind. 1922 hat ihn gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs eine verirrte Kugel getroffen und den jungen Mann in die Finsternis geworfen. Kurz darauf wurde die UdSSR gegründet, er hat sie nie gesehen. Wer aber würde erwarten, dass sich das Opfer einer Waffe sein ganzes weiteres Leben damit beschäftigt? Ich mache nichts anderes. Meine Angeklagten sind weg, und jetzt drängen sich neue auf. Man kann eben nie aufhören. Mir bleibt auch keine Wahl. Margolin hätte Spielzeug entwerfen können, ich muss jemand zur Strecke bringen, der mich unter Wasser setzt, und damit in den Wahnsinn treiben will.

Ob er mich jetzt beobachtet? Trotz zugezogener Vorhänge. Auf jeden Fall hat er eine derart ausgefallene Pistole noch nie gesehen. Vielleicht macht er sich über ihr Aussehen lustig. Ich kann ihn ja nicht bitten, hereinzukommen und sie in die Hand zu nehmen, dann würde ihm seine Überheblichkeit schnell vergehen und auch dieses Siegerlächeln. Dabei habe ich von seinem Gesicht keine Ahnung. Wie gerne würde ich es zeichnen. Lebendig oder tot, nur nicht schreiend.

Noch ist mein Mann der Große Unbekannte. Mit keiner Sorte von Beschuldigtem hatte ich als Richter mehr zu tun als mit ihm, die Kriminalistik ist voll davon, sogar die kleinsten Verbrecher berufen sich auf ihn. Ich halte ihn für das faszinierendste Wesen auf der Erde. Natürlich auch im Himmel, denn Gott gehört ja dazu. Der Unbekannte ist ein Besonderer, nicht nur weil er ständig für etwas herhalten muss, sondern weil er eben kein Gesicht hat. Je weniger man von ihm weiß, desto aufregender wird er. Für jeden sieht er anders aus, man kann ihn mögen oder hassen. Er ist umgeben von Mysterien, Rätseln und tausend Möglichkeiten. Wie der Mann draußen im Garten oder unten im Wartehäuschen der Straßenbahn. Mein Eindringling hat statt eines Gesichts nur Schwärze, trotzdem aber Augen, mit denen er mich beobachtet. Er braucht nicht einmal eine Maske, die man ihm herunterreißen könnte, es genügt Finsternis und das Laub meiner Gebüsche.

Ich entkomme ihm nicht. Er fordert mich heraus. Aber ich stelle mich ihm. Ich hoffe nur, niemals meinen Scharfsinn und die Urteilskraft zu verlieren. Die meisten Menschen erkennen den Großen Unbekannten nicht, weil sie ihm tausend Züge im Charakter und Gesicht anfügen, die er gar nicht hat. Sie formen ihn nach ihrer Fantasie, machen ein Phantom aus ihm, hinter dem er sich bestens verstecken kann. Je länger sich das Spiel fortsetzt, umso aufregender wird er. Jack the Ripper hat es zu höchsten Ehren gebracht. Voraussetzung ist natürlich, dass der Kerl auch etwas tut. Morde eignen sich am besten. Jemand, der nur vom Gehsteig aus meine Villa betrachtet und sich über den Wildwuchs wundert, kann noch so groß und unbekannt sein, er wird mich nicht interessieren.

Das Unheimliche ist, ich weiß alles, kenne mich mit den Hintergründen aus, und lasse mich trotzdem in die Enge treiben. Ich hoffe nur, mein Eindringling hält, was er verspricht. Meistens ist die Enttäuschung größer als der Unbekannte, wenn erst einmal Licht auf ihn fällt oder die Leiche umgedreht wird. Schade wäre es, mit ihm nicht mehr reden zu können. Ein angeschossener Feind ist um vieles besser, denn von einem Toten erfährt man nichts. Kann er nicht mehr gehen, ziehe ich ihn ins Haus, in Notsituationen entwickelt der Mensch ungeahnte Kräfte. Wenn er erst eimmal in Sicherheit ist, fällt alles weg, was Zeugen anrichten könnten.

Angenehmer wäre es natürlich, er kann noch gehen. Dann marschiert er mit der Margolin im Rücken in den Keller hinunter. Ist er so verletzt, dass man einen Arzt braucht, hat er alles durcheinandergebracht. Dann doch besser tot und die Polizei wird gerufen, seine Reste werden abgeholt, die Nachbarn haben ihr Entsetzen, die Frau vom Kiosk macht ein Geschäft wie nach einem Amoklauf. Wie meine Angeklagten müsste ich dann anfangen, das Blut aufzuwischen, die verräterrische Spur zur Kellertür zu beseitigen und natürlich ans Einkaufen denken. Um nicht aufzufallen, müsste ich neue Läden betreten, von meinem Gemischtwarenhändler aber das Übliche verlangen, nicht ein Stück Brot mehr. Auf ihn heißt es besonders achten, denn Gäste glaubt er mir nicht, noch weniger, dass meine Frau zurückgekehrt ist.

Je mehr ich über alles nachdenke, umso banger wird mir. Es genügt ja nicht, den Kerl in den hintersten Raum zu verfrachten und ihn in der Unterwelt eines Richters seinem Schicksal zu überlassen. Wenn mir etwas passiert, vermodert er, denn dort wird niemals nachgesehen, nicht in hundert Jahren. Ohne verdächtige Tarnung und vorgeschobene Schränke bleiben hier die Dinge im Verborgenen, halb eingestürzte Gewölbe genügen. Nicht ein Ton dringt auf die Straße. Das kann man aus den Erzählungen meiner Eltern schließen. Im Krieg wussten sie oft nicht, ob ein Luftangriff schon vorbei war oder noch immer die Bomben fielen.

Morgen schon kann alles wieder ganz anders sein. Ich kenne mich. Ich bin gut beim Pläneschmieden, aber ausgeführt habe ich längst nicht alles. Andere lösen Kreuzworträtsel, ich halte mein Gehirn mit Strategien am Laufen. Ich will einfach gewappnet sein. Wie beim Einkaufen. Nicht wenige stehen ratlos vor den Regalen oder werfen Berge von Angeboten in ihren Korb, die dann zu Hause verfaulen. Ich habe meine Liste. Unangenehm wird es nur, wenn ich sie vergessen habe. Dann heißt es nachdenken und trotzdem scheitern, weil einem erst im Badezimmer oder vor dem Kühlschrank einfällt, was zu besorgen gewesen wäre. Gegen einen gut aufgestellen Merkzettel kann man nicht gewinnen. Meine Pläne sind besser als ich.

So weiß ich zum Beispiel schon jetzt, dass die Straßenlaterne vor meinem Zaun ein Problem darstellt. Das kommt selbstverständlich auf kein Papier, denn diesen wohl verhängnisvollsten Fehler vorausdenkender Menschen mache ich nicht. Wie viele Skizzen von überfallenen Banken habe ich als Richter in der Hand gehalten, und nicht selten Todeslisten. Diese Wunschzettel haben wir meistens geheim gehalten, um die Anvisierten und auch die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Jahrelang beschäftigten mich Computerausdrucke mit vollständigen Lebensplanungen bis hin zum Mord. Ich würde mich weder einer Maschine noch einem Tagebuch anvertrauen, höchstens meinem Fridolin. Die Laterne kann ich ohnehin nicht vergessen, leuchtet sie doch Abend für Abend in mein Zimmer. In meinem Garten könnte man Zeitung lesen.

Doch wozu warten? Bis die Lampe durchbrennt und erst in Monaten von selbst erlischt? Ich bin doch bestens gerüstet. Sogar das Magazin ist geladen. Der Waffenhändler hat mir die Handgriffe gezeigt, und ich habe sie nachgeahmt. Jedes Kind könnte das. Ich habe ja auch keine Mühe, meine Füllfeder mit Tinte zu versorgen. Dazu kommt die Wärme der Nacht. Schon bald soll es eine Kaltfront geben, doch heute kann ich ein Fenster öffnen, ohne mich warm anziehen zu müssen. Ich kann sogar im Sitzen schießen.

Alles ist vorbereitet, das Licht in meinem Zimmer gelöscht, die Margolin in meiner Hand. Vom Knall heißt es, dass er nicht sehr laut sein soll. Soll ich eine Platte auflegen? Die Sinfonie mit dem Paukenschlag? Dann müsste ich im richtigen Augenblick abdrücken, doch ich will mich nicht dirigieren lassen. Noch fährt die Straßenbahn, sie wird die kleine Explosion übertönen. Den Arm strecken, über das Ziel halten, ihn langsam senken, Kimme und Korn, den Druck auf den Abzug allmählich verstärken, bis sich der Schuss unerwartet und wie von selbst löst. Leicht gesagt. Obwohl der Waffenhändler natürlich nur vom Sportschießen gesprochen hat, im wahren Leben gehe es oft drunter und drüber. Dennoch ist das Grundsätzliche immer eine Hilfe. Mir gefällt daran das Elegante, Rambos sind andere, ich bin eher der Chirurg, der einen bösartigen Tumor zu beseitigen hat. Und damit meine ich nicht die Lampe.

Nochmal von vorne. Jetzt muss nur noch die Straßenbahn an die Haltestelle kommen. Da, ich höre sie schon! – Der Schuss ist losgegangen wie von selbst, war aber trotzdem lauter als das Zischen einer Kobra, ein Stich in meine Ohren. Das nennt der Waffenhändler leise? Er ist anderes gewohnt, auch von den Ergebnissen her. Meine Straßenlaterne leuchtet nach wie vor. Man wird mir doch nicht Platzpatronen gegeben haben? Viel Lärm um Nichts. Zwar habe ich einen Rückstoß gespürt, aber aufgebäumt hat sich die Margolin nicht. Mit diesem Spielzeug soll ich mich verteidigen? Auch der nächste Schuss hat nichts zur Folge gehabt, im Garten blieb es hell. Dafür habe ich einen Schmerz im Kopf, als hätte das Hohlspitzgeschoss mich anstelle der Lampe getroffen, und im Zimmer riecht es wie nie zuvor. Kein unangenehmer Gestank, aber mein Feind wird merken, dass ich nicht mehr hilflos bin. Das ist alles andere als gut, denn jetzt geht er entsprechend vor, bewaffnet sich vielleicht auch, und dann kommt es darauf an, wer schneller ist. Mit der Gartenschaufel meines Vaters und viel Geduld hinter der Tür wäre ich wahrscheinlich besser dran.

Wie Fehlurteile gibt es auch Fehlschüsse. Es fällt nur so schwer, sie zuzugeben. Als Richter war ich ein Profi, und dennoch habe ich den Falschen getroffen, als Scharfschütze bin ich erst am Anfang. Heißt das, ich muss ins Schießkino, wie es mir der Waffenhändler empfohlen hat? Aber dann lege ich eine Spur, die noch schlimmer ist als jede Liste auf einem Zettel. Ich weiß doch, wie ein Richter die Dinge dann drehen kann. Wie oft habe ich selbst einem ins Gesicht gelächelt, wenn er mir seinen Mord mit Notwehr erklären wollte. Jede Vorbereitung macht verdächtig.

Noch steckt alles Wissen allein in mir. Zudem bin ich unbescholten und vor allem Richter. Mein Amt war immer schon der beste Schutzmantel, auch wenn ich ihn nur einmal gebraucht habe. Damals musste ein Streifenwagen ausrücken, weil einem Hausnachbarn meine Musik nicht gefiel. Noch dazu statt Klassik meine kostbaren Schellacks mit Blues. Als dann die Polizisten merkten, mit wem sie es zu tun hatten, gab es Entschuldigungen und sogar die Frage, wer denn die tolle Sängerin sei. Trixie Smith. 1938. Noch lieber ist mir Victoria Spivey mit ihren Auftritten zehn Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Blood Hound Blues oder Murder In The First Degree. Es wird Zeit, dass ich sie wieder hervorhole, auch weil meine Stimmung wieder eine andere geworden ist. Bei mir kommt vieles in Wellen. Jahrelang Callas und Caruso mit Rotwein, dann wieder Hendriks und Mayall mit Whisky. Aber kein Single Malt. Ich nehme den billigsten, der zu bekommen ist, erinnert er mich doch an meine Studentenzeit, und Reisen in die eigene Vergangenheit kann man mit Geld nicht kaufen.

Als ich jetzt das Fenster nach meinem erfolglosen Unternehmen schließen wollte, sehe ich tatsächlich schon zwei Streifenwagen unweit vom Fußgängerübergang. Ich muss mich hinausbeugen, um mehr zu erkennen. Vielleicht liegt ein Betrunkener im Rinnsal, oder es ist auch ein Unfall geschehen, und ich habe ihn überhört. Doch die Polizisten schauen sich um, zwei gehen hinauf zur Villa auf dem gegenüberliegenden Hang, und ein dritter Wagen fährt heran. So viel Blaulicht gibt es in unserer Straße selten. Endlich begreife ich und flüchte vom Schein der Straßenlaterne in die Finsternis meiner Höhle. Man ist natürlich meinetwegen ausgerückt, ich Idiot habe wieder einmal nicht weit genug gesehen, und vor allem nicht gedacht. Die Lampe war ein verschwommener und blendender Fleck, das Haus dahinter eine dunkle Wand. Ausserdem hätte ich nie gedacht, dass eine Kugel aus meiner Margolin so weit fliegt, anders als ein Stein aus meiner Kinderschleuder damals.

Eine Hitze hat mich überfallen, und ich wage kaum zu atmen. Wenigstens brennt bei mir nirgendwo Licht. Aber ist nicht gerade das verdächtig? Jeder Heckenschütze handelt im Verborgenen, und nach einem solchen wird da unten Ausschau gehalten. Noch drehen sich die Herren im Kreis, leuchten in die Hecken hinter den umliegenden Zäunen und in parkende Autos. Die Margolin liegt auf dem Schreibtisch und muss natürlich sobald wie möglich in ein anderes Zimmer, weit weg von mir. Und wenn die Herren da unten bei mir anläuten, führe ich sie mit unschuldigem Gesicht zum versperrten Schrank.

Wenn man aber am Lauf der Pistole riecht? Ich merke, dass ich nicht mehr klar denken kann, denn wozu die Margolin verstecken, das ganze Zimmer stinkt nach Pulverdampf. Daher, niemand darf herein, ich bin nicht zu Hause, ich könnte auch durch den Garten nach hinten wegschleichen und dann irgendwann einmal zurückkommen, aus meinem Gasthaus, mit einer Fahne. Doch der Wirt dort könnte das nicht bestätigen, also werde ich irgendwo an einem Wurststand getrunken haben. Oder ich bin vollkommen nüchtern und war nur spazieren. Wie oft habe ich diese Antwort von meinen Angeklagten gehört, nie geglaubt, doch kaum zu widerlegen.

Wenigstens kommt kein Rettungsauto daher, also habe ich niemanden getroffen. Wichtig ist nur, dass mich niemand sieht, nicht die geringste Bewegung, kein Aufblitzen von einem Glas, Gott sei dank trage ich keine Brille, die mich verraten könnte. In meiner Villa hat sogar Totenstille geherrscht. Dort drüben aber soll alles leben und glücklich sein, keiner hat eine Schramme, und vielleicht ist auch nur eine Taube gegen ein Fenster geflogen, und eine der neureichen Damen glaubt jetzt, dass hier herumgeschossen wird. Oder sie ist alt, in ihrer Einsamkeit voller Sehnsucht nach Gesellschaft, der Griff zum Telefon ist leicht, die Notrufnummer aus Angst vor Einbrechern auf den Hörer geklebt. Die Stadt ist ein einziger Fehlalarm, wie oft hört man diese widerlichen Sirenen heulen. Ein vernünftiger und gelassener Polizist fährt erst gar nicht los.

Diese Idioten da unten stehen noch immer herum. Einer ist sogar mit einem Fernglas unterwegs, als könnte man um diese Zeit etwas sehen. Außer er hält ein Nachtsichtgerät in den Händen. Dann hat er mich längst entdeckt, schaut mir ins Gesicht und braucht nur abzudrücken, um mich zu fotografieren. Dann bin ich geliefert. Dabei ist diese Margolin erst wenige Stunden im Haus. Ich bin sicher, jeder Neuling probiert seine Waffe aus, er will ja damit umgehen können, wenn es ernst wird. Ich weiß jetzt, dass auch kleine Patronen nicht nur für die Nähe sind, mit ihnen hätte ich ganze Straßenzüge im Griff, diese Kobra spuckt weiter als gedacht.

Abreise. Endlich. Die Herren wollen heim, oder sie haben einen nächsten Fall. Mehr als nur ein Klopfen an einem Fenster. Ich bin in Schweiß gebadet. Das endlose Blaulichtgeflacker hat mir den Rest gegeben. Viel Aufwand um wenig. Aber alles meinetwegen. Drei Streifenwagen gegen einen schießwütigen Richter. Ob man herumgefunkt hat, um zu erfahren, wer in der Gegend wohnt? Mein Name wurde sicher schnell aussortiert, weil er nicht in Frage kommt. Daran hat sich hoffentlich nichts geändert. Außer man denkt, einem mit einem Fehlurteil ist auch ein Fehlverhalten zuzutrauen. Man könnte abgezogen sein, um mich in Sicherheit zu wiegen. In Wahrheit holt man sich in diesem Augenblick von einem Richter einen Hausdurchsuchungsbefehl, und im nächsten Moment steht man damit schon vor mir. Aber ich bin ja nicht hier, sondern immer noch auf meinem Spaziergang. Doch jetzt hinausgehen ist alles andere als klug, denn es ist ja keineswegs auszuschließen, dass sich ein Kommando von der hinteren Gartenseite nähert. Auf keinen Fall darf ich etwas trinken, denn dann werde ich mutig und voller Leichtsinn.

*

Meine Kioskfrau hat sich gefreut, mich wieder zu sehen. Gestaunt hat sie, warum ich so viele Zeitungen kaufe. Wie vor einem halben Jahr. Ob man mir wieder einen Skandal anhängen will? Die Gute hält nach wie vor zu mir. Wenn ich auffliege, werde ich sie brauchen. Vielleicht sieht sie in mir sogar einen Helden, sie wurde schon zwei Mal überfallen, und ich könnte ihr Beschützer sein, mit meiner Margolin sogar ein Rächer.

Ich habe Seite für Seite zu Hause durchgeblättert und weder von mir noch von einem Heckenschützen in der vergangenen Nacht etwas gelesen. Viel von Putins Wahlbetrug und seiner fortgesetzten Diktatur, kein Wort von der Pötzleinsdorfer Straße. Dort marschieren die Truppen vielleicht sogar in einen neuen Bürgerkrieg, hier ist es friedlich, und es wird auch nicht geschossen. Vielleicht kommt die Meldung erst morgen, oder man hält die Presse noch fern, um die Ermittlungen nicht zu stören. Dann wird zugeschlagen. Es ist auch sinnlos, wenn ich die Margolin wegwerfe, denn sie ist registriert und ich mit ihr. Wir beide gehören zusammen.

Alles in allem bin ich auf einer anderen Bahn als noch vor ein paar Tagen. Ob jetzt meine zweite Jugend kommt? Ich laufe fast in den Supermarkt, hin zum Regal, an dem ich so oft mit Beherrschung vorbeigegangen bin. Bourbon Whiskey, fast umsonst. Ludwig Redtenbacher hat über eine Woche nichts getrunken, heute darf er. Noch ist er ja nicht wieder in aller Munde.

Es geht mir gut. Eigentlich prächtig. Die Schellacks drehen sich, und bei mir zu Hause ist das Amerika der Zwischenkriegszeit. Hätte ich doch nur meinen Vater vor den Dickschädel gestoßen und Malerei studiert. Boheme statt Geschworene. An sie mag ich jetzt am wenigsten denken, es dreht mir schon vor dem Ausnüchterungstag morgen das Innerste um. Lieber Trixie Smith. My Daddy Rocks Me. Ihr Song, nicht meine Erfindung. Außerdem bin ich jetzt Hausfrau. Die Wäsche wird abgenommen. Ist sie schon trocken? Sogar ein Brief vom vorigen Jahr ist mir auf die Leine geraten. Er wurde mit überschwemmt und kommt so jetzt zu Tage. Von einem Amt, wie das meiste bei mir. Auch das Schreiben von Vinzenz ist nicht sehr persönlich, irgendein Prospekt von der Karlskirche.

Dafür ist Fridolin erfrischend wie immer. Ganze Gesellschaften konnte ich mit meiner Handpuppe unterhalten, einem Richter hätte man solche Fähigkeiten nie zugetraut. Fridolin wird mir immer bleiben, auch heute ist er mir wieder nahezu wie von selbst auf die Linke geschlüpft, nie auf die Rechte. Dann seine alten Tricks, mit denen er mehr Frauen erobern konnte als ich. Jetzt haben er und ich, das heißt eher ich natürlich, draußen etwas entdeckt. Eine Taube nur. Sie lässt mich nicht mehr los. Warum nur? Tauben gibt es doch öfter, warum gerade die eine im Garten? Weil sie so widerlich gurrt?

Mein Grammophon hat heute zwar nicht die lauteste Nadel, dafür aber eine wie man sie in Chicago verwendet hat, in den Hinterzimmern während der Prohibition. Es sollten ja die Cops nicht hören, dass man den Schwarzgebrannten lieber mit dem Blues trinkt. Wenn ich mich recht erinnere, viel Krach hat meine Pistole gestern Nacht nicht gemacht. Alles in allem, es sollte sich ausgehen.

Vorher noch ein Schluck, auch Zielwasser genannt. Meine Hand ist ruhiger als gestern. Dafür hält das Objekt nicht still. Nicht abdrücken, sondern warten, bis der Schuss bricht. – Ich habe ihn kaum gehört, nur den Blues. Aber die Taube ist zerfetzt, ihre Federn fliegen in alle Richtungen.

Meinen Garten habe ich noch nie als Mörder betreten, jetzt ist es so weit. Ich muss das arme Geschöpf ja wegschaffen, zudecken oder sogar begraben. Noch zuckt es. Zur Musik aus dem Haus, doch so laut wie vor Jahren ist sie nicht, deswegen wird es auch keine Anzeige geben. Ich kann hier draußen sogar das Läuten meiner Türklingel hören. Immer wieder. Nur jetzt keine Störung, keinen Besuch. Es ist Nachmittag, also kann es der Briefträger nicht sein. Ich wollte nur ein paar Schritte machen, aber es werden mehr, und ich schwanke sogar. Ich wollte nur aus dem Gebüsch heraustreten, aber nicht so weit. Zu weit. Ich sehe sie, und sie mich. Die beiden Männer am Gartentor winken mir zu.

 

Sie tragen keine Uniformen, also könnten es Zeugen Jehovas sein oder Unverschämte, die mir ein Abonnement andrehen wollen. Wie immer in solchen Fällen greife ich schnell nach dem Pfefferminz in meiner Hosentasche und gehe langsam, damit es im Mund gegen den Bourbon eine Chance hat. Beide halten mir schon ihre Ausweise entgegen, der eine spricht mich sogar mit meinen Namen an, obwohl der gar nicht an der Haustürglocke angeschrieben steht. Die Herren von der Kriminalpolizei sind gut vorbereitet und reden auch nicht lange herum. Man sei auf der Suche nach dem Heckenschützen von gestern Nacht, und ob ich etwas gesehen hätte.

Der Blues in meinem Zimmer ist am Ende, eine Schellack läuft ja auch nicht lange. Ich habe natürlich keine Ahnung, höre von einer Schießerei zum ersten Mal, noch dazu in unserer Gegend. Mit Whiskey im Blut ist man auch ein guter Schauspieler. Ich erkundige mich nach dem genauen Zeitpunkt des Vorfalls und kann die beiden sofort beruhigen, wahrscheinlich aber enttäusche ich sie. Spaziergang. Wie oft um diese Zeit. Schon wollte ich hinzufügen, ohne Zeugen, aber damit hätte ich mich anständig verraten. Noch bin ich Befragter und kein möglicher Täter. Zu meiner Überraschung wirken die beiden zufrieden.

Jetzt muss ich schnell nachfragen, was eigentlich passiert sei, denn einen Menschen ohne Neugier gibt es nicht. Es sei denn, er weiß schon alles, die ganze Wahrheit. Doch dann kommt das Rascheln. Aus meinem Garten hinter dem Haus. Als würde ein Kind Laub kehren, unbeholfen, dann wieder heftig. Ich habe viele Federn zum Fliegen gebracht, aber nicht das Entscheidende der Taube getroffen. Oder sie hat mehrere Leben. Einer der Beamten blickt sogar in die verhängnisvolle Richtung. Ich rede von herumstreunenden Katzen und begreife im nächsten Augenblick, dass ich mich nun endgültig verdächtig gemacht habe. Hoffentlich verreckt das Tier in den nächsten drei Sekunden, und ich entkomme dieser Hölle. Sehr erfahren dürften die beiden nicht sein, oder sie geben sich unbeholfen, um mir eine Falle zu stellen. Sie brauchen ja nur zu warten und mich reden lassen. Als Richter war ich besser, allerdings während einer Verhandlung auch nie betrunken.

Der Vogel hinter dem Haus liegt im Todeskampf, die Polizisten drucksen herum. Man wolle mich nicht beunruhigen, aber der Täter könnte die Straßenseite verwechselt haben, links und rechts. Endlich muss ich nicht den Ahnungslosen spielen, mein offener Mund ist echt, mit der langen Fahne, die man natürlich riecht. Neben der Botschaft der Republik von Usbekistan ein Stück weiter sei meine Villa in der nächsten Umgebung das einzige besondere Objekt, wobei es bei mir nicht um das Anwesen gehe, sondern um mich selbst. Seit dieser Sache damals stehe ich auf ihrer Liste der Gefährdeten, wenn auch nicht zuoberst, aber es gäbe eben viele, die einen Richter lieber tot als lebendig sehen würden. Noch dazu – dieses blöde Fehlurteil, aber welcher Mensch sei schon vollkommen.

Ich rede laut, um die Taube zu übertönen, gestehe, von alldem keine Ahnung zu haben, erfahre, dass man die Drohbriefe an das Gericht auch nicht zu ernst nehmen dürfe. Leider habe man kein Projektil gefunden, nur die zerschossene Scheibe der Veranda im Anwesen gegenüber, aber man suche weiter, wenn es auch fast aussichtslos sei, das Ding irgendwo in den Nachbargärten zu finden.

Hinter meinem Haus ist es still geworden, dafür hüpft etwas hinter meinem Rücken. Ich brauche mich nicht umzudrehen, weiß auch so, was die beiden Beamten sehen. Das Luder beginnt zu flattern, durchpflügt das Laub, hebt sogar ab und stürzt taumelnd einem meiner Polizisten fast ins Gesicht. Dem scheint schon öfter etwas um die Ohren geflogen zu sein, denn statt zu erschrecken zeigt er Gelassenheit, spricht von Glück und meint dabei nicht sich, sondern die Taube, und dass die Katze wohl keinen Hunger habe. Der andere widerspricht ihm, seine Susi bringe auch die Mäuse um, ohne sie zu fressen, aus reiner Lust.

Ich zittere mit der Taube mit, will nur, dass sie weiterfliegt, nicht abstürzt und zum Beweisstück wird, mit einer Schussverletzung im Bauch und womöglich sogar mit meinem Projektil in der Wunde. Von diesem wird auch jetzt gesprochen, man werde die Suche nicht aufgeben, denn wenn man es erst einmal habe, sei man einen guten Schritt weiter. Mein Vogel verschwindet im Garten der zerschossenen Villa. Jetzt muss er dort nur verenden und verfaulen, dann hat man die Kugel aus meiner Margolin. Die beiden Herren verabschieden sich.

Man soll nach einem harten Getränk keinen Wein trinken. Man soll so vieles im Leben nicht tun. Noch einmal aus dem Haus, um Nachschub zu holen, kommt nicht in Frage. Ich zittere, wobei ich nicht weiß, ob es die Aufregung ist, meine Angst oder das Glück, mein eigenes. Fest steht nur, ich bin nicht im Visier der verdammten Kriminalisten, dafür aber auf der Liste. Man passt auf mich auf. Kein Mensch hat mir davon etwas gesagt, nicht einmal Vinzenz, und er müsste es wissen. Ich habe aber die Bedrohung am eigenen Leib verspürt. Meine Füße sind nass geworden, und das Salz im Kühlschrank war nicht zufällig dort, am wenigsten durch meine Hand, in Eile oder durch Verwechslung mit dem Parmesan-Streuer. Man hat es auf mich abgesehen. Es gibt ihn. Er war da und ist es noch immer. Selbst der öfter vorbeifahrende Streifenwagen wird ihn nicht abschrecken. Wenn einmal der Staat anfängt, jemanden zu beschützen, ist Feuer auf dem Dach.

Ich hoffe, meine Taube lebt und fliegt weit, weit weg. Ich wäre erstens doch kein Mörder und die Kugel käme vielleicht in einen Park oder würde nach Jahren mit dem Kadaver aus einer Dachrinne gespült. Im Gras meines Gartens ist sie nicht. Ich habe gesucht und die Erde mit den Händen durchwühlt, außer Blut und Federn nichts gefunden, ein hervorragender Beweis für eine Katze. Im Nachhinein gesehen war mein Gerede von ihr ein Segen, hat sie doch die Herren auf die passende Spur geführt. Man muss eigentlich nur die richtigen Pflänzchen setzen, die Polizei bringt sie zum Blühen.

Natürlich habe ich viele Feinde. Seit Monaten die halbe Stadt. Jetzt sogar einen, der auf mich schießen wollte, sich dabei aber in der Adresse geirrt hat. Es freut mich, dass die Polizei meine ersten Gehversuche so sieht. Aber ist dieser Heckenschütze für mich gut oder schlecht? Hat mir meine Margolin bereits geholfen oder mich in eine noch schwierigere Lage gebracht? Was immer mir demnächst passiert, es wird mit dem nächtlichen Angriff verbunden. Ich habe meinem Eindringling ein kleines Verbrechen angehängt. Wenn er aber in dieser Nacht nicht hier war, weiß er davon nichts, erst wenn die Zeitungen darüber schreiben. Es müsste auch zu lesen sein, dass der Schuss dem Richter Redtenbacher gegolten hat. Doch so weit wird die Polizei in ihrer Geschwätzigkeit nicht gehen. Das wäre für mich die Wiederauferstehung der Hölle. Ich werde morgen Vinzenz anrufen, im Unterbinden und Vertuschen war er immer der Beste.

Vinzenz hat mir auch geholfen, mein großes Versagen als Fehlurteil darzustellen, und sogar die Presse hat mitgespielt, denn er hat sie im Griff. Die Journalisten waren froh, ein so einfaches und eingängiges Etikett zu haben wie Kinderschänder oder Vatermörder. Der Richter mit dem Fehlurteil. Für mich war das auch das kleinere Übel, denn als ein solcher behält man menschliche Züge. Chirurgen kommen mit der schönfärbenden Bezeichnung Kunstfehler ja auch besser weg, und wer von den Lesern der Zeitungen hat schon immer alles richtig gemacht. Trotzdem wurde ich als Sündenbock durch die Gegend gejagt. Bestimmt haben nicht wenige ihre verlorene Jahre mir angerechnet, und ich wurde schuld an ihrem Unglück, auch wenn es aus einer missratenen Ehe oder durch Suff entstanden war.

Manchmal denke ich sogar, gäbe es bei uns die Todesstrafe, wäre sie bei mir angebracht. Fehlurteil ist nur ein verhüllender Mantel, die Wahrheit jedoch viel schlimmer. Das fängt schon damit an, dass Mord vor einem Schwurgerichtshof verhandelt wird. Nicht ich entscheide über Schuld oder Unschuld, sondern die Geschworenen. Sie allein. Acht Frauen und Männer. Die drei Richter denken dann über die Strafe nach, mehr steht ihnen nicht zu. Doch da gibt es diesen einen unter ihnen, und der war in diesem Fall ich. Ich galt immer als höchst gerechter Vorsitzender, und das machte mir die Sache auch so leicht. Ich war von der Schuld meines Angeklagten zutiefst überzeugt, die Beweise waren erdrückend, der Sachverhalt so klar wie selten. Nur, die Herrschaften auf der Geschworenenbank mochten den Kerl, sodass ich das Schlimmste befürchtete.

Was lag näher, als sie vor ihrem Urteil im Beratungszimmer in meine Richtung zu lenken. Nur sie und ich. Der Schriftführer zählt nicht. Ich war gut. Meine Rede brillant. Fast schade, dass sie zwar protokolliert wurde, aber geheim bleiben muss. Sie wäre ein gutes Beispiel für das Verbrechen eines vorsitzenden Richters. In einer halben Stunde habe ich die Frauen und Männer umgedreht. Zumindest schien es mir so.

In den stundenlangen Beratungen, die sie ohne mich führten, entkamen sie mir wieder. Sie erfrechten sich, meinen Mörder freizusprechen. Auch die beiden anderen Richter waren nicht glücklich, hätten aber die Entscheidung hingenommen. Schließlich konnte ich sie dann doch überzeugen. Wir setzten den Wahrspruch der Geschworenen aus, und in der neuen Hauptverhandlung gewannen ich und das Recht. Ein Mörder muss nun einmal lebenslang hinter Gitter, auch wenn er ein gehätscheltes Kind der Wiener Gesellschaft ist. Wenigstens haben sich damals die Proteste seiner Künstlerfreunde in Grenzen gehalten, und ich bin sicher, viele jubelten insgeheim, weil er aus dem Rennen war. Man konnte aufatmen, denn wer weiß, wozu es der Pflastersteinmörder noch gebracht hätte, denn er war nicht nur das arrogante Schwein, sondern als Maler erschreckend gut. Begnadet. Viel zu groß für das kleine Land. Ein paar Jahre noch, und Paris oder sogar Amerika hätte ihn entdeckt. Was für ein Glück, dass er seinen Freund um die Ecke brachte. Rechtzeitig.

Mein Vater sagte immer, bei Fällen, in denen alles klar erscheint, ist höchstes Misstrauen angebracht. Die Aussetzung des Wahrspruchs hängt mir seither als Fehlurteil an, doch mein Auftritt im Beratungszimmer wird nie ans Tageslicht kommen. Das eine ist ein Versagen, das andere ein Verbrechen. Gott sei Dank hat offenbar keiner von den Geschworenen gemerkt, wie ich in ihren Gehirnen umgerührt habe. Oder man will sich keine Blöße geben. Sie alle schweigen. Drei von ihnen, weil sie nicht mehr leben. Eines natürlichen Todes gestorben. Mein Zutun beschränkt sich darauf, im Melderegister immer wieder nachzusehen. Ich kenne ihre Namen, das genügt. Die Journalisten sind zu faul, um nachzuforschen. Tanzt aber einer von diesen Herrschaften aus der Reihe, wird es Vinzenz als Erster erfahren und ihn zur Jagd einladen. Nicht, um den Herrn versehentlich zu erschießen, aber um ihm ein Angebot zu machen. Eine Handvoll vertraulichster Informationen aus den innersten Kreisen gegen diesen Redtenbacher, der ohnehin schon erledigt ist.

Wirklich gefährlich werden kann mir nur ein überlegter Geschworener – und seit gestern ein Hohlspitzgeschoss. Aber vielleicht wendet sich der gute Mann zuerst an mich. Warum sollte ich ihn nicht ein zweites Mal umdrehen können. Oder er hat Verständnis für meinen Gerechtigkeitssinn, oder sogar Mitleid, denn durchgemacht habe ich weiß Gott genug. Auch Geld könnte ich ihm geben, einen Anteil an der Villa. Ob er der Eindringling ist? Auch Frauen waren unter den Geschworenen, und sie alle leben noch. War auch eine Hübsche darunter?

Im Magazin fehlen vier Patronen. Jetzt habe ich nur noch 46. Dabei sollte es bei einem, höchstens zwei Schüssen bleiben. Darum besitze ich auch kein Handy, denn wenn man es erst einmal hat, wird es mehr und mehr benutzt. Zumindest in den letzten Tagen habe ich seltener zum Telefonhörer gegriffen als zu meiner Pistole. Trotzdem, vielleicht ist es besser, meinen alten Freund Vinzenz jetzt anzurufen, morgen ist es womöglich zu spät, weil ich schon in der Zeitung stehe. Er mag es nicht, wenn ich getrunken habe, doch wie ich an meinen Patronen sehe, kann ich noch ganz gut rechnen, ein Beweis für meine Nüchternheit.

Ich wache auf mit dem Hörer in meiner Achselhöhle. Habe ich mit Vinzenz telefoniert oder doch nicht mehr? Vielleicht bin ich beim Gespräch eingeschlafen, und er hat wütend aufgelegt? Ich werde es so schnell nicht erfahren, oder sogar nie, und wieder einmal habe ich in mein Leben ein schwarzes Loch gerissen.

*

Er ist wieder da. Im Zimmer über mir. Eben hat er einen Stuhl verschoben, wenn auch nur um wenige Zentimeter. Dann das Anknipsen der Nachttischlampe. Mein Eindringling spielt mit mir. Es ist Tag, er braucht doch kein Licht. Ich bin sicher, er will nicht besser sehen, sondern mir seine kleinen Stiche versetzen. Deswegen zieht er auch die Schublade ganz langsam auf. Einbrecher klingen anders. Mein Mann sucht nichts und kennt sich noch dazu aus in der Villa. Er jongliert mit den Dingen, auch wenn ich glauben soll, sie werden in eine Tasche gepackt. Das Schrecklichste aber ist, er muss mich gesehen haben, schlafend. In meiner Ohnmacht, mit offenem Mund, ihm ausgeliefert. Wie einer meiner Angeklagten, die sich gegen meinen Zeichenstift auch nicht wehren konnten. Er hätte mich erschlagen können, aber schon lange denke ich, mein Feind will mich lebend haben.

Jetzt macht er ein paar Schritte, bleibt stehen, wendet sich offenbar um. Alle Anspannung fällt von mir ab und weicht einem großen Unbehagen. Was in diesem Augenblick über mir geschieht, habe ich tausende Male gehört. Jahrelang. Sie musste sich immer zurückwenden, um einen Blick auf das Zimmer zu werfen. Als hätte sie nach einem Kind zu schauen, ob es denn schon schläft. Aber Nachwuchs gab es nicht, dafür Wasserhähne, und wenn einer getropft hat, ist sie zurückgegangen, um die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Mehr noch habe ich ihre Stöckelschuhe gehasst. Sie haben zwar ihre Figur noch aufreizender gemacht, der Klang jedoch hat mich bei jedem Schritt erschlagen. In den Foyers der Theater ist es ihr gelungen, alles zu übertönen, während ich ihre Schüsse in den Marmorboden mitzählen konnte.

Jetzt steht sie in der Tür zu meinem Zimmer, und natürlich ist sie schön. Mein Freund tut ihr gut. Er wollte sie schon immer besitzen, also habe ich getauscht. Mit dem Chirurgen kann sie wieder repräsentieren, und ich wollte es mir ersparen, neben ihr zu verblassen. Kristina. Die ersten Wochen nach dem Skandal schaffte ich es noch, mich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen, auch weil ich dem Flüstern hinter meinem Rücken trotzen wollte. Aber als ich dann merkte, dass sie zu mir mehr als einen Schritt Abstand hielt und mich ihren neuen Freunden nur noch flüchtig vorstellte, wurde ich noch schwächer. Auf Feste und Feiern hätte sie nie verzichtet, dann schon lieber auf mich. Trotzdem hasst sie mich jetzt, weil ich ihr mit der Trennung zuvorgekommen bin.

Jetzt kann Kristina wieder auf mich herunterschauen, obwohl sie immer schon mehr getrunken hat als ich. Nur verträgt sie es besser. Oder sie hört rechtzeitig auf, während ich kein Ende finde. Sie hatte mich auch nicht überfallen wollen und ohnehin vorher angerufen, aber es sei dauernd besetzt gewesen. Wohl keine neue Freundin, sondern nur die alte Geschichte, und wenn ich mich schon zu Tode trinke wolle, möge ich zumindest die Tür abschließen, denn es sei auch ihr Haus, zur Hälfte wenigstens.

Doch schon fange ich an zu schwanken. Kristina füllt Wein in das Glas und trinkt. Aus meinem Glas! Wie in alten Zeiten. Sie könnte ja ihre Stöckelschuhe ausziehen und ich meinen Freund mit ihr betrügen. Aber sie rettet mich. Kristina glaubt, ich hätte in ihren Sachen oben herumgestöbert, es fehle auch das eine oder andere. Dabei habe ich ihr Reich nicht betreten, außer das eine Mal, als auch etwas zu hören gewesen war. Sie denkt an Diebstahl unter getrennten Eheleuten, ich an den Eindringling. Könnte es sein, dass der Große Unbekannte Kristina verfolgt und nicht mich? Sie vermisst sogar einige Fotos aus ihrer Zeit als Model. Eine bescheidene Karriere, die sie ihrer Meinung nach natürlich für mich aufgegeben hat.

Kristina stellt das Glas natürlich auf die Holzkassette. Ein Glück, dass meine Margolin nicht herumliegt! Die halbe Stadt wüsste sonst schon morgen, dass der gehörnte Ehemann der Kristina Redtenbacher vor Liebeskummer demnächst Amok laufen wird. So aber verlangt sie nur alle Zeichnungen, die ich von ihr angefertigt habe, damit sie nicht in falsche Hände geraten. Meint sie den Eindringling oder mich? Hat Kristina etwas mit ihm zu tun? Schickt sie mir einen Studenten oder Strotter, um mich in den Wahnsinn zu treiben? Vielleicht gehört sogar ihr Auftritt heute dazu, sie will aus der Nähe sehen, wie weit ich schon bin. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie den roten Umhang in ihrer Umhängetasche und die Stöckelschuhe in der gleichen Farbe für ein Fest heute Abend braucht. Wenigstens muss ich mir weder das Geknalle ihrer Schritte anhören, noch was sie über mich erzählt. Für heute bleibt mir nur ihr Abgang in den Ohren, aus dem Garten Flüche, weil sie mit ihren Bleistiften an den Füßen auf meinen verwachsenen Steinplatten nur schlecht weiterkommt, erst vom Gehsteig her wieder die gewohnten Explosionen. Ich zähle sie mit, lange, die halbe Straße hinunter, bis sie endlich vom Lärm des herankommenden 41ers überrollt werden.

Noch fühle ich mich ohne Frau nicht einsam, doch die Verzweiflung wird schon kommen. Vielleicht ist sogar das Schicksal wieder einmal nur gerecht. Nicht wenigen Männern habe ich neben der Freiheit das Liebste genommen, wenn auch meistens verdient. Als Richter lege ich das Ausmaß der Strafe fest, entscheide über sieben oder zehn endlose Jahre, in denen das weibliche Geschlecht Fantasie bleiben muss. Der vermeintliche Pflastersteinmörder hatte zudem noch eine Muse, um die ihn alle beneideten. Tiffany, stadtbekannt. In meinen Akten hat sie es nur zur Fanny gebracht, und wenn ich die Jahre zusammenzähle, müsste das damals blutjunge Geschöpf jetzt an die vierzig sein. Eine Ewigkeit, die der unschuldige Maler ohne sie auszukommen hatte, ein wildes Leben, das ich ihm genommen habe. Mit diesem Gedanken macht es mir schon weniger aus, die nächste Zeit ein Mönch zu sein, wobei ich ja meine Klause verlassen kann, wann immer ich will, und keine Sekunde an die Freiheit denken muss. Ich habe sie. Was die andere Sehnsucht betrifft, hoffe ich auf die Rückkehr des Paradieses. Und dabei meine ich nicht Frau Redtenbacher.

Vinzenz ist am Telefon väterlich streng wie immer. Dabei ist er nahezu gleich alt wie ich. Es habe ein paar Morddrohungen gegen mich gegeben, doch von besonderer Gefährdung könne keine Rede sein. Man habe nur ein Augenmerk auf mich, es sei nie falsch, aufzupassen. Allerdings solle ich weniger trinken, noch dazu, wenn ich mir eine Waffe besorgen wolle. Ich erzähle ihm, dass ich sie schon habe und es Wein bei mir nur noch alle heilige Zeiten gibt. Er glaubt mir nicht, hört wohl auch meine belegte Stimme, kennt mich eben. Wir haben nur selten gestritten, aber jetzt will ich wissen, wie er dazu kommt, sich nach wie vor als mein Vorgesetzter zu sehen. Ich bin frei. Abgestürzt und im Tal der Teufel.

Vinzenz ist kein Verlierer, auch jetzt will er Recht behalten. Ich solle nicht glauben, er hole seine Befürchtungen aus der Luft, und dann fragt er mich nach dem psychologischen Gutachten. Ob ich damit zufrieden sei. Selbstverständlich, alles bestens, anders hätte man mir niemals eine Waffenbesitzkarte gegeben. Er schweigt. Wie früher auch, wenn er mich auf die Folter spannen wollte. Und dann gesteht er mir, der letzte Richter in meinem Freundeskreis, dass er nachgeholfen hat. Der Arzt sei entsetzt gewesen, nur mit Mühe habe er sich überreden lassen, ihm einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Eine Korrektur dort, eine da. Dabei sei es mehr um Dinge der Logik gegangen, des Verstehens, nicht um meine Aggressionen. Ich sei ja auch ein stiller Trinker und kein Wahnsinniger, der mit der Waffe losläuft.

Nun sei es aber an der Zeit, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Ob ich schon in der Karlskirche gewesen sei? Und er erwähnt seinen Brief. Eine einzigartige Gelegenheit, während der Renovierung die Fresken von Rottmayr aus der Nähe zu betrachten. Mit dem Lift hinauf zu über tausend Quadratmeter höchster Kunst. Vinzenz vertraut auf meine zukünftige Abstinenz, dafür verspreche ich ihm einen Ausflug in sein barockes Juwel.

*

Auch zwei Tage danach, selbst noch auf der Fahrt in die Stadt, lassen mich die Fragen des Psychologen nicht in Ruhe. Ich versuche, sie mir in Erinnerung zu rufen, doch fast alle habe ich vergessen. Ich habe die ganze Sache nicht besonders ernst genommen, eher als durchschaubare Belästigung gesehen. Manchmal habe ich auch eine Antwort absichtlich falsch angekreuzt, um die Herrschaften zu ärgern. Oder? Dass ich den Test mit Bravour bestehe, daran konnte es doch nie einen Zweifel geben. Vielleicht habe ich mein überhebliches Spiel zu weit getrieben. Ich mag zwar ein Gefallener sein, ein Idiot bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Wenn sich bei mir etwas verschärft hat, dann ist es das Urteilsvermögen. Selbst in meiner Lage mache ich alles richtig. Meine Margolin ist keine Tollerei, meine Bedrohung liegt amtlich auf. Nie würde ich es wie der Herr aus Lüttich machen oder jener in Norwegen, und auf einem Platz Unschuldige niederschießen, viel eher würde ich hineingehen in unseren Justizpalast, um mir dort die richtigen Herrschaften vorzunehmen, einen nach dem anderen. Die Frage beschäftigt mich trotzdem, gibt es zu viele Waffen auf den Straßen oder zu wenige?

Doch heute ist bei mir nicht der Justizpalast an der Reihe, sondern ein in jeder Hinsicht friedlicheres Wahrzeichen von Wien. Ein gewaltiges Bauwerk, ich gebe es zu. Eine Schande für mich, seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen zu sein. Zudem nicht überlaufen, wer hat auch schon Mitte Dezember Zeit, in die Kirche zu gehen, nur Touristen und Pensionisten. Die Fahrt mit dem Lift ist harmlos, aber oben schwankt es ziemlich. Ein Schiff hat inmitten von Glaube, Hoffnung und Liebe angelegt, dazu die Bitte um das Erlöschen der Pest. Ich beuge mich so weit es geht über die Reling, um die Freskenmalerei scharf zu sehen. Vinzenz wird mich doch nicht hergelockt haben, damit ich in die Tiefe stürze? Meine Zeichnungen, wie lächerlich! Doch Rottmayr macht mir Mut. Mit über siebzig hat er das alles geschaffen. Mir bleibt also noch Zeit, ähnliche Höhenflüge anzugehen. Aber jetzt sehe ich es wieder. Wie schon beim Aussteigen aus dem Lift. Sogar hier beobachtet es die Vorgänge. Von oben herab. Richter mögen ein Auge wie dieses schätzen. Ich aber bin keiner von ihnen mehr. Was immer ich in Zukunft mache, ich werde mich umschauen müssen, ob nicht irgendwo eines lauert, und ich aus dem Hinterhalt beobachtet werde.

 

Sind Wiens Straßenbahnen auch schon überwacht oder nur die unterirdischen Züge? Zumindest die alten Waggons des 41ers dürften noch sauber sein, denn ich kann nirgendwo eine Kamera entdecken. Auf jeden Fall war ich vor ein paar Tagen hier alles andere als vorsichtig. Beim Heimholen der Margolin konnte ich aus lauter Neugier nicht widerstehen und öffnete die Holzkassette. Natürlich sah ich mich dabei im Waggon um, aber außer einer Mutter mit Kind und ein paar dahindämmernden Fahrgästen gab es keine Zeugen. Eine Kamera wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich hatte ja bisher nichts zu verbergen. Jetzt aber könnte ich schon aktenkundig sein, mit einer Videoaufzeichnung als Beweis.

Noch habe ich nichts angestellt, aber ich bin auffällig geworden. Man wird ein Augenmerk auf mich haben. Ob Vinzenz etwas davon weiß? Sieht er sich heute die Aufzeichnungen aus der Karlskirche an? Es kann sein, dass er unschuldig ist, aber ich werde den Verdacht nicht los, zur Barockmalerei gelockt worden zu sein. Nicht sie sollte ich aus nächster Nähe sehen, sondern die Herrschaften mich. Ich vertrauensvoller Tor spielte auch noch mit, hielt wie für ein Verbrecherfoto still und präsentierte mein derzeitiges Gesicht.

Als Richter weiß ich, es kann auch ganz anders sein. Eine Lehre ist der heutige Tag auf jeden Fall. Es ist auch kein großer Aufwand, mich öfter als bisher umzuwenden. Noch eines habe ich begriffen, es ist kein Vergnügen, beobachtet zu werden. Auch nicht von mir. Aber wahrscheinlich werde ich mir das nie abgewöhnen können. Anstatt in der Straßenbahn wie die anderen in mich selbst zu schauen, starre ich nach wie vor in die Gesichter. Manche hasse ich, besonders wenn sie stumpf sind und primitiv, die Augen mehr Knöpfe als Sehorgane, die Münder lauter als ein Bierzelt. Ich bin sicher, nicht der Einzige zu sein, der dann in solche Fratzen hineinschlagen möchte. Ich schlucke wie die anderen die Eindrücke hinunter, nur wenn so ein Kerl dann neben mir auch noch auf den Gehsteig spuckt, nenne ich ihn ein Schwein. Allerdings nur selten laut, um nicht auf offener Straße niedergeschlagen zu werden und mir bei einem Prozess auch noch den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, ich hätte angefangen, hätte mit einer Beschimpfung provoziert.

Ich weiß es noch nicht, aber ich ahne es schon. Manche Probleme lassen sich nur lösen, indem man sich nicht einschüchtern lässt, sondern zurückschlägt. Mit geeigneten Werkzeugen. Das kann in seltenen Fällen die Sprache sein oder auch der gezückte Degen. Die Mündung einer Waffe versteht jeder. Wichtig ist, dass es die Schuldigen trifft und ich nicht zur Margolin greife, nur weil ich unglücklich bin.

Noch aber kehre ich lieber vor meiner eigenen Tür, und deswegen nehme ich mir vor, auch hinter ein noch so abstoßendes Gesicht zu sehen. Kann der schwitzende Mann etwas dafür? Vielleicht hat ihn das Schicksal geschlagen wie mich? Vielleicht kommt er aus einem Krankenhaus, in dem seine Frau liegt, ohne Aussicht auf Heilung, und denkt nach, wie es mit seinen kleinen Kindern weitergehen soll, und dass er wahrscheinlich auch noch seine Arbeit verliert, weil sich niemand einen Verkäufer mit einer derart deprimierenden Visage leisten will.

Schade, dass er aufsteht, gerade jetzt, da ich angefangen habe, ihn anders zu sehen. Mich ekelt auch nicht mehr vor ihm, vielmehr ekelt er sich vor der Zukunft. Da ist es naheliegend, dass einer beim Aussteigen auf den Gehsteig spuckt. Was für ein Fehlurteil, ginge ich ihm nach, um Richter zu spielen und ihn im Park mit meiner Margolin niederzustrecken. Das wäre nicht ich. Ich bin derjenige, der diesen Verzweifelten beim Anfahren der Straßenbahn durch das Fenster anlächelt, ihm sogar zunickt, Hoffnung macht, weil vielleicht alles besser wird, als er jetzt glaubt. Er zeigt mir seinen Stinkefinger. Weil er sich verhöhnt vorkommt und mich falsch sieht. Ich bin nicht sein Feind. Der 41er ist wieder stehen geblieben, die Fahrgäste fluchen, ich aber bin froh darüber, denn mein freundlicher Blick muss dem Mann da draußen sagen, dass er sich irrt. Er schlägt gegen die Scheibe. Jetzt kriecht die Angst in mir wieder hoch. Bestimmt hält mich der eine oder andere für einen reichen Sack, der den armen Menschen da draußen beleidigt hat, oder sie denken, er hat meine Villa renoviert und zu wenig dafür gekriegt.

Aber ich werde mir weder mein Leben noch meine Villa, noch den Türkenschanzpark oder die vielen außerordentlichen Orte der Stadt nehmen lassen, nicht einmal meine Straßenbahn. Für mich sind die Waggons rollende Wartezimmer, die einzigen, die ich mag. Man erhält hier keine schreckliche Diagnose, obwohl fast alle Insassen von einer gemeinsamen Krankheit befallen sind, der Melancholie. Der Klassenkampf findet unter den Stehenden und Sitzenden statt. Ich spüre in meinem Nacken den Hass gegen mich, weil ich noch keine Anstalten mache auszusteigen. Wie gern würde ich bei solchen Gelegenheiten eine Macht besitzen, die über die richterliche hinausgeht. Ich wäre gut als Polizist, der einen nach dem anderen verhaftet, oder auch als Türsteher, der alles hinauswirft, was stört. Dazu bedürfte es der nötigen Kraft und einer Erfahrung im Nahkampf. Ich habe nur eine Margolin ohne Waffenpass. Vor ein paar Wochen war ich noch vollkommen hilflos in Dingen der Selbstverteidigung, das jedoch hat sich geändert. Noch gehe ich in die Lehre, aber auch der Barockmaler Rottmayr ist erst mit über siebzig zum vollendeten Meister geworden.

*

Eines steht fest, ich muss aufhören, Luftschlösser zu bauen, in meiner Villa gibt es genug zu tun. Ich merke, wie ich anfange, den Eindringling wegzuschieben. Als könnte man mit Gedanken einen Verfolger vernichten. Dabei steht außer Frage, er war wieder hier. Die wunderbare Platte, sie ist zerkratzt. Ich kenne jeden Knacks in meiner Musik, doch heute ertönen nervtötende Explosionen an Stellen, die bisher absolut klangrein waren. Als hätte der Eindringling auf meinen Vinylscheiben getanzt. Verschobene Vorhänge könnte ich ihm verzeihen, die Zerstörung Beethovens nie.

Diese Vorhänge aus Brokat sind auch ein schweres Erbe. Beim Abnehmen für die Reinigung wird man von ihnen fast erdrückt. Dennoch gehören sie mehr zu meiner Kindheit als die Obstbäume im Garten. Nirgends sonst konnte man sich so gut verstecken, in Nischen, groß wie kleine Dome. Das einzige Spiel, das auch mein Vater mochte. Wie gern hörte ich ihn meinen Namen rufen, ohne die Angst, dass Befehle folgen würden. Was für eine Freude zu wissen, er suchte mich. Mich, Ludwig. Und er würde nicht aufhören, bis der Brokat auseinandergeschlagen wurde und ich ihn erschrecken durfte.

Aber bald schon konnte ich mich den Fenstern nicht mehr nähern, ohne ein eigenartiges Gefühl zu verspüren. Versteckte sich jemand hinter den Vorhängen? Ein Freund aus der Schule oder wenigstens der Nachbarhund. Es konnte auch ein Gespenst sein oder der Teufel persönlich. Mit meinem Vater hatte ich dann Nachschau gehalten, ohne je jemand anzutreffen. Doch wehe die Tage, an denen er nicht zu Hause war und meine Mutter diese Flausen ignorierte. Da war ich auf mich allein gestellt. Aber dann verfiel ich plötzlich auf die Idee, in die Rolle des Unbekannten in der Fensternische zu schlüpfen, der den ängstlichen Ludwig beobachtete. Ich wechselte die Perspektive und sah mir selbst zu, und dabei beruhigte ich mich. Es gab keinen Grund, mich vor mir selbst zu fürchten.

Heute ist es anders. Ich weiß, dass ich nicht hinter dem Vorhang bin. Aber es gibt keinen Beweis, dass nicht ein anderer dahinter lauert. Es kann auch sein, dass mein Feind so klug ist, den Brokat zu meiden, und sich damit begnügt zu wissen, dass ich mich mit ihm, meinem Eindringling, beschäftige, wenn ich zum Vorhang blicke. Ich hingegen denke weiter, zum Fenster hinaus. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass er in den Gebüschen wartet?

Es ist wie immer. Wenn ein Problem gelöst ist, taucht ein neues auf. Mikhail Margolin hatte das Sportschießen im Sinn, die Größe der Waffe war ihm unwichtig. Ich muss mir dafür etwas einfallen lassen. Ich könnte sie im Holzkoffer transportieren. Wenn Kristina darin einen Malkasten sah, werden andere es ebenfalls tun. Ich könnte ihn mit Namen von Galerien oder Museumsetiketten bekleben. Am eindeutigsten wäre die Kopie eines Gemäldes, van Goghs Sonnenblumen hat jeder zu Hause hängen, aber auch ein Klimt oder Schiele wäre gut. Ein Werk meines zu Unrecht verurteilten Malers wäre natürlich die Krönung. Auch ein Signal an ihn, falls er mir einmal begegnet. Was aber, wenn er es missversteht, sich provoziert fühlt, wie der schwitzende Kerl in der Straßenbahn. Bei dem Herrn mit dem Pflasterstein würde es nicht beim Spucken bleiben. Hitzköpfig, wie er ist, könnte er doch noch zum Mörder werden. Ob er dann Vinzenz als Richter bekäme? Würde mein Freund dann wohl zu mir halten oder doch das verhätschelte Malerkind der Schickeria freisprechen?

Schon seit über einer Stunde habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich muss also doch hinter den Vorhang schauen. Aber wenn, dann von draußen. Die Musik wird lauter gedreht, damit mein Eindringling glaubt, es gehe mir gut, nur weil ich Fleetwood Mac höre. Wenn man sich fürchtet, legt man Wagner auf oder einen dunklen Skandinavier. Ich kann ihn nicht sehen, und er mich auch nicht. In solchen Situationen denke ich dann, ob es nicht besser wäre, vorübergehend Frieden zu schließen. Ich gestatte ihm, hinter dem Vorhang zu bleiben. Aber unterhalten könnten wir uns doch. Er hätte den Vorteil, mich zu kennen, ich hingegen spräche zu einem Phantom. Wenigstens wüsste ich, ob ich es mit einem Mann oder mit einer Frau zu tun habe. Kristina hätte ich wohl erkannt, ist sie doch eine, die keine Minute still halten kann. Aber ihren neuen Liebhaber, meinen alten Freund?

Im Sommer wäre es um diese Zeit noch hell, jetzt leuchtet mir nur diese verdammte Straßenlaterne in den Garten, während ich das Haus verlasse, und im Nachbarhaus flackert ein Fernseher: Ganz Nordkorea beweint den Tod des geliebten Führers. Die Villa ist kein Palast, aber um sie zu umrunden, benötige ich doch ein gewisse Zeit. Dazu das Gestrüpp an allen Ecken und Enden, und natürlich meine Perfektion. Meine Blicke durch die Fenster in die Vorhangnischen gleichen denen eines Archäologen, kein Winkel wird übersehen. Doch außer schmutzigen Fenstern ist nichts zu entdecken, auf manchen Scheiben zeigen sich Fresken aus Straßenschmutz und Blütenstaub, mindestens ein so guter Schutz für den Eindringling wie die Brokatvorhänge in meinem Haus.

Zurück in meiner Höhle, drehe ich die Musik doch ein wenig leiser, um nicht auch noch die Nachbarn gegen mich aufzubringen, denn einen Krieg an zu vielen Fronten kann man nur verlieren. Der Eindringling verdient meine ganze Aufmerksamkeit, und es ist eine Schande, wie wenig ich über ihn weiß. Bei einem Prozess wäre ich ein schlechter Zeuge. Ich kenne nicht einmal seinen Schatten, und wenn ich anfange, seinen Geruch zu beschreiben, würde es im Saal nur Gelächter geben. Als Richter müsste ich einen wie mich darauf hinweisen, dass die Ausdünstungen vielleicht von verbranntem Essen kommen, die Milch sauer geworden ist, oder Mäuse in das Zimmer eingezogen sind. Ich gestehe, alles davon kann stimmen. Selbst eine zerkratzte Schallplatte ist kein Beweis, sie kann mir auch im Suff hinuntergefallen sein.

*

Erschreckend ist es, wenn ich mir beim Einkaufen zuhöre. Ich sage, 200 Gramm von dem –, und zeige in die Vitrine, weil mir der Parmesanschinken nicht einfällt. Und bei den Baguettes sind es zwei Stück, mit dem Blick in die entsprechende Richtung. Manchmal kommt mir dann doch das richtige Wort, und ich liefere es nach, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Doch das führt nur dazu, dass mein Kaufmann gekränkt ist und frech wird. Einmal musste ich mir sogar anhören, dass ich ohnehin immer dasselbe verlange und er noch keinen Alzheimer habe. Ich lachte, um die Angelegenheit auf eine gemütliche Ebene zu bringen. Er geht demnächst in den Ruhestand. Er freut sich darauf, weil endlich seine Reise um die Welt auf dem Programm steht, ein Leben ohne langweilige Baguettes und neumodischen Parmesanschinken, und dann wird der Kilimandscharo bestiegen.

Der Absturz hat zweifellos meine Karriere beendet und meine Vergesslichkeit gefördert. So sehe ich es, und bei allem ist die Hoffnung, wieder aus dem Tal herauszukommmen. Dafür spricht auch, dass die Namen für manche Dinge nicht verschwunden sind, sondern mir nur nicht einfallen, weil ich an den Pflastersteinmörder denke. Er und seine Unschuld stehen mir im Weg. Ist das alles erst einmal überwunden, mache ich mich ebenfalls auf die Reise, die jedoch diesen gewöhnlichen Ausflug meines Händlers bei weitem übertrifft. Die Vorbereitungen laufen gut.

Aber jetzt, auf dem Weg vom Einkaufen zurück, an diesem letzten Einkaufssamstag vor Weihnachten, greift der Schrecken doch noch nach mir. Vom Schottenring wüsste ich weiter, denn da heißt es nur, den 41er zu nehmen und selbstverständlich bei meiner Villa rechtzeitig auszusteigen. Aber die verfluchte Gabelung an der Alser Straße, nur vier Stationen vor der nächsten Etappe entfernt, macht mir Angst. Ich kenne mich aus, habe die Pläne haargenau im Kopf, bin all die Strecken schon unzählige Male gefahren. Das Problem ist nur, dass zwei Linien zu meinem Ziel führen. Ich kann in jede Straßenbahn einsteigen, beide führen mich hin, keine ist falsch. Noch leichter kann man es mir nicht machen. Aber genau da liegt meine Schwierigkeit. Ich kann mich nicht entscheiden, welche für mich die richtige ist.

Ich habe einfach Angst, einen Fehler zu machen, gerade jetzt, wo es wieder aufwärts geht, und ich möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie mein Vater, der es so eilig hatte, dass er gegen eine Wand rasen musste. Noch heute meide ich den 20. Bezirk, wo man mir einen zusammengedrückten Berg von Blech gezeigt hat, das einmal sein schönes Auto war. Es heißt doch immer, dass der Sohn dem Vater nachgerät. Richter wie er bin ich geworden, mehr nicht, den Tod auf der Straße kann man von mir nicht verlangen. Aber für heute spüre ich, das Unglück liegt in der Luft. Wem schade ich schon, wenn ich versuche, mein verdorbenes Leben wieder aufzurichten und es nicht in den Abgrund eines Unfalls stürzen zu lassen. Man soll mich morgen fragen, vielleicht habe ich dann schon wieder den Mut, wie jeden Tag in die Straßenbahn zu steigen. Doch in diesen Stunden sei mir eine kleine Hilflosigkeit gegönnt. Und wenn mir gerade heute das schreckliche Ende meines Vaters einfällt, hat das nicht nur mit Weihnachten zu tun. Eine Woche vor dem Heiligen Abend hat er uns verlassen, vor zwanzig Jahren, aber ich denke immer öfter an den mächtigen Herrn. Vielleicht auch, weil ich wieder anfange, ihn zu lieben.

Doch dann kommt Hilfe. Oder auch das Verhängnis. Ich sehe ein Bild vor mir. Nicht in der Fantasie, sondern höchst real. Es schmerzt mich, weil es eine Seite zeigt, die einem wie mir nur zu gerne zugeschoben wird. Natürlich ist alles Zufall, aber Narrenturm bleibt Narrenturm.

Mein Blick versenkt sich in die Darstellung dieses berüchtigten und zugleich geheimnisvollen Bauwerks. Jetzt stößt mich jemand von hinten an. Ob es mir gefalle, ich könne es haben, er selbst habe es bei einem Trödler gefunden, aber seine eigenen Erinnerungen seien ohnehin besser als alle Fotografien. Der Mann könnte zumindest vom Alter her mein Vater sein, doch gekleidet ist er ärmlich und für diese Jahreszeit viel zu dürftig, auch ist sein Gesicht freundlich und nicht herrisch. Er habe mich beobachtet und kenne meine Unentschlossenheit nur zu gut, aus eigener Erfahrung. Doch jetzt sei er über die kritischen Jahre hinweg und endlich ein anderer Mensch. Das Leben mache ihm wieder Freude, man dürfe nur nicht zu viel nach links und rechts schauen. Im Narrenturm sei er einmal tätig gewesen, ich einer sehr hohen Position, auch wenn man ihm das jetzt nicht mehr ansehe.

Er bindet sein Fahrrad los, deutet nochmals auf das Bild. Ich lehne höflich dankend ab, wer weiß, ob es nicht Unglück bringt. Aber einen Ratschlag will er mir doch geben. Wenn ich über meinen Zustand mehr erfahren wolle, müsse ich in einen der hinteren Höfe des alten Krankenhauses gehen, dort stehe der Turm. Der alte Mann besteigt das Rad und meint, ich dürfe aber nicht wie ein Tourist davor stehenbleiben, sondern müsse ganz nah an ihn heran, mit diesem Mysterium auf Tuchfühlung gehen, und dann in die Mauern hineinhören. Sollte ich die Stimmen und Klagen der einstigen Bewohner hören, sei ich einer von ihnen. Aber das vergehe mit den Jahren wieder, ich solle nur ihn ansehen.

Er lässt mich noch verwirrter zurück, als ich es ohnehin schon war. Betrunken ist er nicht, auch keineswegs hinfällig, auf dem Fahrrad sogar noch wendiger als zu Fuß. Er dreht sich sogar zu mir um, winkt mir zu. Ich hebe nur die Hand, weiß nicht, ob ich ihm danken soll oder nicht. Auf jeden Fall hat er mich so weit gebracht, dass ich in die nächste Straßenbahn einsteigen werde, egal welche kommt. Sie fährt auch schon heran, die Tür öffnet sich, die von Weihnachten Gehetzten strömen heraus. Ich trete aber wieder nicht über die Schwelle, weil ich die quietschenden Bremsen eines Autos höre und den grauenhaften Aufschrei eines Menschen.

 

Ich vergesse alle Vorsicht, laufe die Straße hinunter, dränge mich durch hupende Autos, sehe zuerst das Fahrrad auf dem Boden liegen, dann ihn. Ich steige auf den Narrenturm, höre trotz des Lärms rundum das Knirschen von Glas, aber nicht ich bin der Zerstörer des Bildes, sondern es ist schon bei dem Unfall zerbrochen. Der alte Mann zuckt wie ein angefahrenes Reh, versucht sich aufzurichten, schaut her zu mir. Ohne unsere Begegnung wäre er wahrscheinlich den dahinrasenden Autos entkommen, hätte seine Spur wie immer gefunden. Seine Ratschläge für mein Leben haben ihm einen Augenblick beschert, in dem sich das Verhängnis entfalten konnte. Eine Sekunde später oder früher, und er wäre mit dem unversehrten Bild weiterhin unterwegs, und ich in der Straßenbahn auf der Fahrt nach Hause. So aber kippte er nach hinten, schlug mit dem Kopf auf den Asphalt, weil auch niemand da war, der den Stöhnenden stützen wollte. Auch ich nicht, dabei könnte ich mir einen neuen Burberry leisten, der blutverschmierte müsste einfach weggeworfen werden. Nur der Notarzt der mit Sirenengeheul herangefahrenen Rettung hat keine Scheu, das armselige Bündel auf dem Boden anzufassen, ihm den Rock zu öffnen und das Hemd aufzureißen. Es scheint noch Hoffnung zu bestehen, denn man schiebt den Alten in das Rettungsauto, anstatt auf den Leichenwagen zu warten.

Die Straße ist voll von Gehupe an diesem letzten Samstag vor Weihnachten, obwohl die Polizei eine Schleuse für die ganz Eiligen geschaffen hat. Auch das Aufräumen geht schnell, nur ein verbogenes Fahrrad und ein zersplittertes Bild. Doch Letzteres nehme ich dem hastigen Herrn ab, behaupte, es gehöre mir, und der ist froh, sich die Schritte zur Mülltonne ersparen zu können. Aber ich nehme noch ein anderes Abbild mit. Dieses Mal ist es ein Fresko auf dem Boden, auch von einem alten Mann geschaffen, allerdings ohne viel Zutun, er musste nur bluten, während die Autos mit ihren Reifen das Werk vollendeten. Meterlang ziehen sich die Profile über den Asphalt, und wiederum fällt mir mein Vater ein, hat er doch eine ähnliche Spur hinterlassen, die jedoch bei meinem Eintreffen schon vertrocknet und schwarzrot war.

Es musste etwas passieren, damit ich ohne Gedanken in die Straßenbahn einsteigen konnte. Dennoch hat mich mein Gefühl nicht getäuscht, meine Angst mich nicht getrogen. Getroffen hat es allerdings einen anderen, einen gänzlich Unschuldigen. Ich könnte jetzt anfangen, mich als Todesengel zu sehen, doch ich wehre mich dagegen mit Logik und Vernunft. An einem Tag des Horrors auf den Straßen verunglücken Menschen an jeder Ecke, auch ich bin heute mehr als einmal auf Zebrastreifen von lauernden Autos bedrängt worden, deren Fahrer am liebsten auf das Gaspedal gestiegen wären, um endlich an ihr Ziel zu kommen. Aber ich lasse mich weder überrollen noch beiseite schieben. Es wird auch niemandem gelingen, aus meinen natürlichen Ängsten eine Krankheit zu machen. So finde ich es nur richtig, was mir das Bild auf meinem Schoß erzählt, die Splitter des Glases zerstechen den Narrenturm. Schon deswegen werde ich es behalten, wenn auch nicht aufhängen. Am wenigsten aber werde ich dem Ratschlag des Alten folgen. Lieber verzichte ich einen Monat auf meine Zigarren, als mich diesem runden Koloss aus Stein auch nur auf Sichtweite zu nähern.

Ob er durchkommt? Das sagt man doch, wenn es um Leben oder Tod geht. Ich weiß nicht einmal, in welches Krankenhaus er gebracht wurde, aber das ließe sich wohl herausfinden. Ganz schuldlos ist er nicht. Noch höre ich ihn, wie er sagt, man solle nicht zu viel nach links und rechts schauen. Für das Leben mag das gelten, bei einem Radfahrer führt es ins Verderben. Oder hat er zurückgeblickt, weiter nach mir Ausschau gehalten? Dann hätte ich einen Menschen niedergestreckt, ohne die Margolin auch nur berührt zu haben. Ich bin auch waffenlos höchst gefährlich. Ein Erschossener würde nicht viel anders aussehen als der Alte in seiner Blutlache. Aber ich bin weder berufen noch dazu auserwählt, derart schreckliche Bilder in die Welt zu setzen.

Vor meinem Haus wartet man schon auf mich. Eine Reihe von Nachbarn und Zaungästen, dazu Einsatzwagen und Feuerwehrleute. Der Brand ist gelöscht. Gott sei Dank hat es nicht die Villa getroffen, sondern nur die Hütte im hinteren Teil des Gartens. Sie war schon über alle Maßen morsch, und die darin aufbewahrten Hauen und Rechen waren mir nur ein Dorn im Auge. So ist wenigstens ein Teil des belastenden Erbes zu Asche geworden. Ich gestehe, unter Schock zu stehen und mir deswegen noch nicht Gedanken über die Ursache machen zu können. Natürlich fällt mir der Eindringling ein, aber der Kommandant des Löschzuges meint, es könnte auch eine Rakete gewesen sein. Ich ziehe einen Anschlag auf die Botschaft nebenan in Erwägung, aber er hilft mir auf die Sprünge. Bald würden die Menschen aus lauter Ungeduld und Vergnügungssucht schon zu Ostern mit dem Silversterschießen anfangen, man habe am Abend nicht weit von hier ein Feuerwerk gesehen und Böller gehört. Wenn die richtigen Dinge zusammenkämen, sei es schnell passiert, und der Schuppen sei mehr Zunder als Holz gewesen.

Auch bei dem Radfahrer sind die Dinge zusammengekommen. Das richtige Auto im richtigen Augenblick. Ich muss im flackernden Blaulicht Papiere unterschreiben und zittere, als handle es sich um ein Geständnis für verübte Verbrechen. Der Einsatzleiter entdeckt auf dem Formular sogar Blut, ob ich denn Hilfe brauche. Ich habe mich nur an einem Splitter meines Bildes geschnitten, und jetzt hat es eine rote Spur, doch so mächtig wie die Straßenmalerei von dem alten Mann ist diese nicht.

Erst nach Mitternacht komme ich zur Ruhe. Was hat das Schicksal vor mit mir? An meiner Seite stürzen Menschen, und Rauchfahnen steigen auf. Zufälle. Warum muss ich in allem Fügungen sehen? Oder Absicht. Ziehe ich das Unglück an? Dabei hätte es viel schlimmer kommen können. Nicht für den Alten, doch für mich. Genauso gut könnte ich jetzt in einem Hotelzimmer sitzen, weil es die Villa nicht mehr gibt. Meine Zeichnungen wären mit verbrannt, ein Lebenswerk in Asche. Häuser kann man wieder errichten, die Gesichter meiner Angeklagten dagegen kämen in die ewige Versenkung, das Licht des Feuers wäre ihr letztes gewesen. Aber warum sorge ich mich um ein paar hundert Blätter? Ich selbst könnte eine verkohlte Leiche sein. Herausgerissen aus einem Dasein, welches mich von Tag zu Tag vor größere Aufgaben stellt, die ich nur höchst unzulänglich löse. Ich hinke hinterher, werde überrollt. Oder antworte mit Hassgefühlen in der Straßenbahn gegen Menschen, deren einzige Schuld darin besteht, ihren Weg für eine kurze Zeit mit mir zu teilen.

Ich war ein guter Richter, nie aufbrausend wie mein Vater. Holt er mich jetzt? Ich werde mit ihm reden. Früher oder später muss ich wieder an sein Grab, so wie jedes Jahr, nur um an seinem pompösen Stein zu stehen, ohne Gebet, ohne Rechenschaft. Die hätte ich eher meinen Gezeichneten zu zollen, die ich ungefragt in ihren unglücklichsten Stunden verewigt habe. Vielleicht wäre es nicht die schlechteste Idee, jedes einzelne Blatt den wahren Besitzern zurückzugeben. Bei mir holt sie wahrscheinlich eines Tages doch das Feuer, spätestens wenn meine Erben das Brauchbare vom Wertlosen trennen. Es wäre gar nicht falsch, käme ich ihnen zuvor. Aber dann wären die Blätter für immer verloren, und ich könnte sie nicht dafür nützen, mit meinen Verurteilten ins Gespräch zu kommen. Wie gerne würde ich wissen, ob es mir gelungen ist, den einen oder anderen Verbrecher durch meine Strafen zu verbessern. Wer ist mir dankbar, ihn auf den richtigen Weg gebracht zu haben? Wie viele hassen mich bis aufs Blut? Ich sollte die Jahre zusammenzählen, die ich diesen Menschen genommen habe, es müssen tausende sein.

Oder ich würde unter den Zeichnungen meinen Feind entdecken. Warum vermute ich als Eindringling jemand aus der Nachbarschaft oder einen Straßenarbeiter, einen Menschen ohne Gesicht? Es liegt doch näher, dass im Künstlerzimmer die Antwort zu finden ist. Von meinen Angeklagten käme jeder in Frage. Bis auf jenen, der am meisten Grund hätte, sich an mir zu rächen. Nur, dieser Maler ist mit seiner Tiffany und einem Haufen Geld aus der staatlichen Kasse irgendwo in der Karibik. Oder war es Spanien? Ich muss Vinzenz fragen.

*

Endlich ein neuer Tag. Am Gartentor keine Kriminalbeamten in Zivil, dafür aber ein Nachbar, den ich nur vom Grüßen kenne. Er stellt sich als das Opfer der nächtlichen Schießerei vor, aber wenigstens habe die Kugel nur Glas und keine Menschen getroffen. Der Anschlag könnte auch mir gegolten haben, und lieber würde er in einer weniger gefährlichen Gegend leben, doch er verlange von niemandem wegzuziehen. Ganz im Gegenteil, man müsse zusammenstehen. Deswegen sei er auch hier, der Attentäter laufe noch immer frei herum, und vor ein paar Tagen sei ein Mann um mein Haus geschlichen.

Ich muss mich beherrschen, damit ich dem aufgeregten Herrn nicht ins Gesicht lächle, hat er doch in allem Recht, ohne auf den entscheidenden Gedanken zu kommen. Es trifft zu, der Schütze und der Mann sind eine Person, und dieser Person steht er sogar gegenüber. Wo sich dieser Verbrecher herumgetrieben habe, frage ich. Überall, im Garten, bei den Fenstern, auch bei der Hütte, die es jetzt nicht mehr gibt.

Ich war überall. Auf der Suche nach dem Eindringling hinter dem Vorhang. Sogar beim Schuppen aus Zunder. Allerdings hat diesen ein verirrter Feuerwerkskörper in Brand gesetzt, denn ich war in der Stadt und habe einem Menschen beim Sterben zugesehen. Mein Nachbar wundert sich, warum ich so ruhig bin. Auch ich bin darüber erstaunt, regt mich doch jeder Kratzer in einer Schallplatte bis zum Wahnsinn auf. Doch hier liegen die Dinge klar, und ich bin erleichtert und befreit wie seit Tagen nicht. Endlich gibt es für vieles eine Erklärung, die nur den einen Fehler hat, dass ich sie für mich behalten muss.

Ich danke dem Nachbar, überschwänglicher, als es sonst meine Art ist. Beim Weggehen ruft er mir noch nach, dass man von diesem Schwein bestimmt Schuhabdrücke finden könne, und außerdem habe er einen Hund bei sich gehabt. Ich glaube, da irren Sie sich, rutscht es mir heraus. Mein Glück hat mich leichtsinnig gemacht, ich laufe noch ins eigene Messer. Aber er kennt Gott sei Dank keine Hintergründe, die Wahrheit schon gar nicht, nur seine Beobachtung. Ein Tier ohne besondere Kennzeichen, nicht groß, nicht klein, weder Kalb noch Schoßhündchen, und die Farbe auch in der Mitte. Wiedersehen.

Mit derart genauen Beschreibungen habe ich schon als Richter meine größte Freude gehabt. Mein Nachbar ist als Zeuge unbrauchbar. Was immer ich bei mir zu Hause anstelle, er wird es nur in höchster Unschärfe sehen. Dafür sorgt sein Gehirn. Es gaukelt ihm etwas vor, das am Ende alles sein kann. Aus solchen Menschen holen Staatsanwälte und Verteidiger mit Leichtigkeit heraus, was sie hören wollen, wozu dann natürlich noch das Gelächter im Gerichtssaal kommt. Für mich ist der Herr wahres Gold, denn ein Zeuge wie er stiftet nichts als Verwirrung und lässt sogar die Wahrheit wie eine Seifenblase zerplatzen. Nach einem solchen Auftritt zweifeln Geschworene sogar, ob es überhaupt einen Mord gegeben hat. Nicht selten musste ich daraufhin eine Verhandlung vertagen.

Dennoch gibt es einen kleinen Haken. Ein Tier erfindet einer nicht so einfach, nicht einmal das unverlässlichste Gehirn eines Zeugen bringt das zustande. Aber vielleicht war meine Sicht durch die Vorhänge derart behindert, dass ich nicht einmal den Garten richtig sah, geschweige denn einen Hund hinter mir. In unserer Straße gibt es genug davon, und einer von ihnen hat mich vielleicht besucht und beobachtet, was der Herr Richter am Abend so macht. Ich will für heute nicht mehr daran denken und lieber endlich wieder einmal meinen Park besuchen.

Hier bin ich um diese Jahreszeit fast allein. Nur ein paar Hunde und ich, und auf den Bäumen die letzten Blätter, die ich so liebe, weil sie Widerstand leisten. Manche Sträucher sehen noch aus, als wären wir erst im Oktober und nicht schon im weihnachtlichen Wahnsinn. Davon merkt man hier nichts, bis auf das Rauschen der Stadt, das allerdings lauter ist als sonst. Man glaubt, mit einem Schiff auf dem Ozean zu treiben. Während es rundum schäumt und brandet, kann mir hier nichts passieren. Trotzdem halte ich nicht nur nach den Ästen und Zweigen Ausschau, sondern mein Blick richtet sich auch auf die Laternen. Nirgendwo ist eine Kamera zu entdecken. Wir sind eben nicht in der Karlskirche, sondern in einem wahren Haus Gottes.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein. Der Dichter spricht für mich, und ich danke ihm. Ein Spaziergang über diese Hügel macht aus mir zwar keinen besseren Erdenbürger, aber er lässt mich in einem anderen Licht erscheinen. Am glücklichsten war ich immer, wenn ich vor dem Richter Redtenbacher bestehen konnte. Dabei meine ich weniger meinen Vater als mich selbst. Auch zu meinen Angeklagten war ich oft gnadenlos, doch stets gerecht. Meine Unbestechlichkeit hat man mir nie verziehen. Auch den jüngsten meiner Kollegen war ich nie Vorbild, sondern galt ihnen als selbstgerecht und Spielverderber. Vielen jagte ich ein schlechtes Gewissen ein und büßte dafür. Ich glaubte immer, Justitia dienen zu müssen, so wie sie ist, mit Waage und Richtschwert. Sorgfältige Prüfung der Sachlage, Wahrspruch ohne Ansehen der Person und Durchsetzung des Rechts mit der nötigen Härte. Nichts als Hingabe habe ich je gekannt, der Preis dafür ist hoch, ich habe mein Leben versäumt.

Doch an diesem Ort schöpfe ich wieder Hoffnung. Viele Menschen sind in ihrem Leben gescheitert, ich bin nur einer von ihnen. Es hat keinen Sinn, das Teufelsding DNA täglich zu verfluchen. Wäre es denn besser, ich würde noch zwei Jahre unbescholten und in Ehren als Richter dienen, während ein Mann für einen Mord im Gefängnis säße, den er nie begangen hat? Nun stehen eben zwei Menschen an einem neuen Beginn, er und ich.

Nie wieder darf ich einen Unschuldigen treffen. Das wird mein höchstes Gesetz. Ich muss aufhören, in die Gesichter hineinschlagen zu wollen, nur weil sie laut und lebendig sind. Ich muss aufhören, immer Recht haben zu wollen. Es ist lächerlich, wenn ich schnell noch auf den Zebrastreifen trete, um einem heranfahrenden Auto zu zeigen, wer Vorrang hat. Ich werde auch nie wieder an einem überlaufenen Ort die anderen verwünschen, nur weil sie genau um die Zeit unterwegs sind, in der ich am liebsten ungestört wäre. Ich bin einer von ihnen. Nicht die anderen sind viel zu viele, wir alle sind es.

Große Vorsätze. Wenn ich aus dem Park hinausgehe, wird der eine oder andere schon verflogen sein. Wahrscheinlich ist es zu spät, mit einem neuen Leben zu beginnen. Dabei hätte ich die besten Voraussetzungen. Keine Vorstrafen, niemand verdächtigte mich. Ganz im Gegenteil. Geschähe in meiner Nähe eine blutige Tat, würden alle Umstehenden verhaftet, nur nicht ich. Außer ich hielte die Margolin noch in der Hand.

Doch auf wen sollte ich schießen? Auf jemand, der schuldig ist und Strafe verdient. Die Parade ist lang, und sie hat mich mein ganzes berufliches Leben hindurch begleitet. Wie oft musste ich als Richter hinnehmen, dass ich jemand für seine Tat nicht bestrafen durfte. Noch heute schmerzen mich die Gesichter von verzweifelten Angehörigen, die durch die Hand eines Menschen, den ich laufen lassen musste, ein Kind oder den Vater verloren haben. Soll ich denn jetzt nachholen, was mir als Richter verwehrt war? Warum nicht? Waage und Richtschwert. Gerechtigkeit mit einem Schuss Rache. Bei mir wäre keine Mutter gezwungen, den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal niederzuschießen, um dann selbst zur Angeklagten zu werden. Auch meine Zeichnungen bekämen einen Wert, einen wahren Sinn. Ich müsste sie nur durchgehen, Blatt für Blatt, denn zu jedem Gesicht kenne ich das Urteil, und ob es genügt hat oder eben nicht.

Ich werde wieder öfter den Türkenschanzpark besuchen, nirgendwo kann ich klarer denken, auch wenn ich weiß, viele meiner Ideen sind nicht mein Verdienst, sondern Eingebungen, Geschenke. Das Gefährlichste erkenne ich schon jetzt. Es gilt, die Anzahl der Betroffenen zu begrenzen und jeden Einzelnen geschickt zu wählen. Entscheidend sind auch die Angehörigen der Opfer. Wenn es keine mehr gibt, erübrigt sich die späte Rache. Schade, dass ich nicht auch sie gezeichnet habe, obwohl mir so manches Gesicht in Erinnerung ist, mit verweinten Augen über das ausgebliebene Recht. Ich konnte diesen Menschen nicht einmal sagen, dass ich ohnehin auf ihrer Seite stehe und nur die Gesetze zu vertreten habe. Jetzt gelten neue.

*

Zu Hause bin ich wieder auf ihn gestoßen, auf den alten Radfahrer, der vielleicht gar nicht mehr am Leben ist. Sein zersplittertes Bild ist wie ein Stachel, der mich durchbohrt. Mache ich alles richtig?

Was den alten Mann betrifft, ist es doch wahrscheinlich, dass er in das nächstliegende Spital gebracht wurde. Doch im Allgemeinen Krankenhaus will man mir keine Auskunft geben, zumindest nicht übers Telefon. Ich muss hingehen und persönlich vorstellig werden. Also mache ich mich auf den Weg.

Schon der erste Hof ist ein Hort des Wahnsinns. Die größten Besäufnisse der Stadt sind als Weihnachtsmärkte getarnt. Ich halte mich an den Duft der Gewürznelken, um nicht gleich wieder umzukehren, er ist wohl der Weihrauch unserer Zeit. Doch auch der ausgelassenste Hexenkessel verliert an Macht, wenn man sich nur weit genug von ihm entfernt. Von Hof zu Hof wird es ruhiger, aber auch gefährlicher. Ich weiß es, trotzdem treibt es mich weiter. Immer weniger Menschen begegnen mir, dann sogar eine nicht erwartete Stille.

Endlich ist er da. Viel zu früh. In Wirklichkeit sieht er noch geheimnisvoller aus als auf dem zersplitterten Bild. Ich könnte noch an ihm vorbeigehen, hinüber in den gläsernen Monsterbau mit dem Sterbezimmer des waghalsigen Radfahrers, der mich hierher gelockt hat.

Auch wenn ich weiß, dass es Unsinn ist, verschrobener Aberglaube, oder auch nur der letzte Scherz eines alten Mannes, der so verrückt war, nicht nur im Narrenturm zu arbeiten, sondern auch vor meinen Augen in seinem Blut zu liegen, gehe ich über die Wiese und auf den Rundbau zu. Von der Baufälligkeit ähnelt er meiner Villa, allerdings hat er bestimmt das Zwanzigfache an Zimmern. Doch meine Fenster sind größer, haben Vorhänge, dafür gab es hier einst Ketten für die Einsitzenden, anfangs überwiegend Soldaten, die in den Kriegen den Verstand verloren hatten. Es würde mich nicht wundern, wenn ihre verzweifelten Schreie bis heute zu hören wären. Handle ich klar und vernünftig, wenn ich meine Margolin nicht nur gegen den Eindringling verwende?

Ich sehe Graffiti, die ich nicht entziffern kann, rätselhafte Löcher in den Mauern und Fenster wie Schießscharten, dazu Ziegel, die vor über zwei Jahrhunderten von fleißigen Händen aufeinander geschichtet worden sind. Doch wo bleibt das Gebrüll der Bewohner oder wenigstens ihr Flehen nach Freiheit? Ein Haus, so still wie meine Villa. Niemand ruft mich. Der Schrei einer Krähe könnte ein Zeichen sein, doch das rechne ich dem Zufall zu. Sonst nur Natur. Und mein Atmen. Das heißt, ich bin gesund.

 

Den alten Mann konnte ich nicht mehr besuchen, er wurde damals schon tot eingeliefert. Ich hätte auch keine Fragen an ihn gehabt, womöglich von ihm nur eine neue Beunruhigung bekommen. Doch das Leben stürmt ohnehin weiter, und für mich gilt es jetzt herauszufinden, wer mein Verfolger ist. Er könnte unter meinen Zeichnungen zu entdecken sein. Deswegen wurde das Künstlerzimmer früher als gedacht betreten, ein Schuhkarton nach dem anderen geöffnet und auf dem Fußboden eine neue Ordnung aufgelegt.

Manche meiner Angeklagten sind schon tot. Ihr Stapel wird größer und größer. Nicht wenige sind der Fortsetzung ihrer Verbrechen zum Opfer gefallen, andere durch Selbstmord umgekommen. Leider auch in der Zelle, die sie durch mich bekommen haben. Wenn sie mich nun verfolgen, dann vom Jenseits aus. Von anderen Gezeichneten habe ich nichts gehört, sie nie wieder zu Gesicht bekommen, oder ihre Strafe war so gering, dass eine Rache an mir nicht sinnvoll erschien. Ab wie vielen Jahren Gefängnis kommt ein Mensch so weit, dass er seinem Richter nachstellt und ihn sogar umbringen will? Zeit genug hätte auch einer mit achtundvierzig Monaten, damit sich in ihm etwas Quälendes zusammenbraut, das entladen werden muss. Wie viele Häftlinge jetzt wohl an mich denken? Ist mein Verfolger nur einer in einer langen Reihe? Wann hört diese auf, oder soll ich mein ganzes Leben nicht mehr zur Ruhe kommen? Es ist doch nicht notwendig, dass sie alle aus meinen Träumen herauskriechen und Haus und Garten betreten.

Die Rückseiten der Zeichnungen sind mit allen nötigen Angaben beschriftet, wobei natürlich das Verbrechen und die Strafe am wichtigsten sind, bis hin zum Freispruch. Diese großen Dinge durften natürlich niemals vorne erscheinen, soll doch der Betrachter die Gesichter unvoreingenommen beurteilen können. Kann man in einem Gesicht das Böse sehen? Kristina habe ich oft während wochenlanger Verhandlungen ein neu geschaffenes Blatt auf den Frühstückstisch gelegt. Schuldig oder unschuldig? Ein Mörder, oder doch nur einer wie du und ich. Meine Frau hat nie zu den Angeklagten gehalten, immer zu mir, sie hat stets meinen Richtersprüchen recht gegeben. Ich habe darin Treue und Liebe gesehen.

Ich bin bestimmt nicht der beste Zeichner, auf jeden Fall aber der mit den außergewöhnlichsten Werken. Kein Porträtierter hat jemals seinem Maler mit mehr Angst oder auch Hass und Zorn entgegengeblickt als mir. Jetzt sehen meine Angeklagten mich an, aus jedem einzelnen Blatt, das ich nach sorgfältiger Abwägung auf einen der Stapel lege. Von fast allen gibt es nur diese eine Zeichnung, denn wer hat schon einen Künstler bei der Hand. Natürlich würden sich viele einen anderen Augenblick für ihre Sitzung ausgesucht haben, nach einer Hochzeit oder einem geglückten Bankraub, aber nicht diesen, der in ihrem Leben zu den schrecklichsten gehört. Mich aber bringen sie jetzt in Bedrängnis. In der einen Minute denke ich von einem Gezeichneten, dass er als Eindringling nicht in Frage kommt, schon in der nächsten ist er mein Mörder. Dabei hätte ich so viel Wichtigeres zu tun, will ich doch anstatt mich zu verteidigen selbst losschlagen. Draußen laufen scharenweise Verbrecher herum, die ihre verdiente Strafe noch nicht bekommen haben, und ich sitze im Künstlerzimmer.

Dann springt er mich an. Er wäre auch der Richtige. Wozu noch Stapel errichten, sie wieder umschichten, um dann erst wieder am Anfang zu stehen? Warum kann er es nicht sein? Meine Suche könnte aufhören, alles wäre einfacher, und die Logik wäre aufs Höchste erfüllt. Wenn es einem zusteht, mir nachzustellen und aufzulauern, dann dem Pflastersteinmörder. Fast zwanzig verlorene Jahre geben einem das Recht auf Rache. Und ich hätte endlich ein Gesicht. Aber mein Maler treibt sich ja im Süden herum, nicht einmal er kann an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vinzenz ist beruhigt, dass ich nüchtern bin und es mir gut geht. Wir wollen einander auch schon bald treffen und nicht immer nur telefonieren. Es gäbe viel zu erzählen, auch von seinen norwegischen Kollegen. Das Blatt habe sich gewendet, Richter dürften wieder Richter sein und sich den Breivik so vornehmen, wie er ist, fern von Schizophrenie und zurechnungsfähig wie wir alle. Aber nun möge ich schon endlich damit herausrücken, was ich dieses Mal auf dem Herzen habe, denn ohne Anliegen würde ich ja niemals anrufen. Seine Auskunft ist offen und ehrlich wie immer. Der Mann mit dem unglückseligen Pflasterstein sei weder in der Karibik noch in Spanien, sondern in Malaysia, aber dort seit ein paar Wochen auch nicht mehr. Er wisse das, weil man ihn natürlich beobachte, auch meinetwegen. Außerdem habe es bei seiner Rückreise Probleme gegeben, mit einem Mitbringsel seiner geliebten Tiffany. Auf dem Flughafen in Wien sei er ausfällig geworden, weil der Hund ohne Impfung gegen Tollwut natürlich nicht ins Land kommen durfte. Doch jetzt sei alles in Ordnung und die drei seien glücklich.

Ich schichte die Gezeichneten zurück in ihre Kartons, sie alle haben keine Bedeutung mehr, bis auf den einen, der in meiner Erinnerung immer lebendiger wird. Es kann keinen Zweifel geben, der Malerfürst ist mein Mann. Alles fügt sich, die Zusammenhänge erscheinen nun klar, ich war nur verblendet vom Glauben, er würde ewig in einem fernen Land bleiben, und damit für immer aus meiner Welt verschwinden. Insgeheim dachte ich auch früher manchmal daran, die berechtigte Rache nur einem zuzubilligen, Sigurd Fürst. Natürlich war er es, der mein Haus umschlichen hat, mit oder ohne Hund. Er sieht nur anders aus als früher. In seiner damaligen Aufmachung wäre er auch für meinen Nachbar zu erkennen gewesen. Eine Kunstfigur aus spanischem Edelmann und Rocker. Er hatte die lange Mähne, die ich nie tragen durfte, dazu ein Gehabe, das man einem Würdenträger wie mir nicht einmal auf einem Faschingsball zugestanden hätte. Dem Fürst war es möglich, mit großen Worten und Bündeln von Geld um sich zu werfen, verkaufte er sich doch besser als so mancher alter Meister. Er stand öfter vor Gericht als viele Gauner, wurde aber stets nur halbherzig verurteilt, weil man fürchtete, als altmodisch zu gelten oder die Freiheit der Kunst zu unterdrücken.

Einmal hätte ich ihn schon damals beinahe in die Finger bekommen, dann ist es doch ein anderer Richter geworden. Trotzdem wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt. Sigurd Fürst hatte sich im Rausch von Alkohol und Drogen mit seiner Clique für eine Performance die Alten Arkaden am Zentralfriedhof ausgesucht. Der künstlerische Auftritt wurde nicht anerkannt, wohl aber die ganze Aktion als Grabschändung geahndet. Dabei wurden nicht einmal Wände und Böden besudelt wie sonst, sondern nur eine Hochzeit der darstellenden mit der bildenden Kunst gefeiert. Die Muse und Lebensgefährtin des Fürsten verwandelte sich durch Verkleidung und Schminke zu einer Engelsfigur, die es dort auch gibt, jedoch nur tot und aus Stein. Beide allerdings waren von höchster Erotik, die dann mit Pinsel und Ölfarbe auf die Leinwand gebracht wurde. Angesichts der Würde des Schauplatzes und der Vergänglichkeit rundum ging das Geschehen weit über eine Provokation hinaus und beschleunigte auch den schon heraufdämmernden Niedergang des umtriebigen Malers. Ich hingegen beneidete ihn nur noch mehr, nicht länger bloß um seine Arbeit und Freiheit, sondern nun auch um seine betörende Tifanny. Zwar konnte ich mich damit trösten, weiterhin zeichnen zu können, wenn auch nur meine Angeklagten und ohne Öffentlichkeit, sie aber würde ich nie bekommen.

Wenn ich mir auch die Frau aus dem Kopf schlagen musste, wie wahrscheinlich tausende Männer in der Stadt, so tat Sigurd Fürst mir dann doch noch einen Gefallen. Er hat seinen Freund brutal ermordet und mich als vorsitzenden Richter erhalten. Dazu kam die Gunst der Zeit. Sein Stern war im Sinken, die Zeitungen brauchten Platz für neue Leuchtkörper am Himmel. Von allen Seiten drang nun der Hass hervor, den man bisher nicht hatte zeigen dürfen, weil der Maler unantastbar gewesen war. Viele hatten sich von ihm demütigen lassen müssen, ohne sich wehren zu dürfen. Die Hoffnung dieser Menschen war ich. Mein größter Gehilfe jedoch war der Angeklagte selbst. Seine Vergangenheit strotzte nur so von Eifersuchtsgeschichten, wilden Szenen, Ohrfeigen für seine Geliebte, und er bescherte den Verhandlungen auch zahllose Morddrohungen gegen seinen besten Freund, die Zeugen überschlugen sich darin.

Das Licht des einst von der Stadt so verwöhnten Kindes verblasste und fiel immer mehr auf mich. Natürlich kamen die Leute in Strömen zu den Verhandlungen, aber die größte Aufmerksamkeit im Gerichtssaal galt mir. Und ich war mehr als ein Richter, eben ein Rächer. Zum ersten Mal und seitdem nie wieder in diesem Ausmaß. Aller Augen waren auf mich gerichtet. Die große Frage war, ob Justitia tatsächlich die Augenbinde tragen oder doch vor dem Prominenten zusammenzucken würde. Andere wiederum befürchteten von mir ein ungerechtes Vorgehen gegen einen Künstler, der mit seinen Werken und Provokationen die Stadt wachgerüttelt hatte. Niemand ahnte, dass Sigurd für mich Schund war, wie die schmalen Heftchen in den Fünfzigern, und ich ihn für seine Selbstherrlichkeit hasste.

Viel musste ich nicht tun, er schaufelte sich selbst das Grab. Am Ende seiner viel zu freien zweiundzwanzig Lebensjahre gab es eine letzte Nacht in der Innenstadt. Wie immer wurde zu den Drogen gesoffen, gelacht, gebrüllt, gestritten, bis das Stammlokal leer war, und es nur noch ihn gab und seinen besten Freund. Man hat die beiden hinaustorkeln sehen. Die Kellnerin allerdings sagte aus, dass Sigurd anders als sonst kaum etwas getrunken habe. Die Blutabnahme war keine Hilfe für die Wahrheitsfindung, denn festgenommen wurde er erst zwei Tage nach dem Mord.

Es wäre auch ohne aufgerissene Gasse zum Mord gekommen, denn meiner Überzeugung nach ging der schon lange in seinen Gedanken um. Ich weiß, wovon ich rede. In meinem Innersten gebe ich mit der Margolin schon Schüsse ab, einmal in diesen Kopf, dann wieder in einen anderen. Ich hab meinen Schädel nur noch nicht gefunden. Fürst brauchte nicht zu überlegen, wen er treffen wollte. Es muss für ihn eine Qual gewesen sein, den Abend lang so wenig zu trinken, dass er für die Tat hinreichend nüchtern und handlungsfähig blieb. Weit nach Sperrstunde machte man sich auf den Weg, der für seinen Freund der letzte werden sollte.

Im Morgengrauen fand man ihn dann, mit zermalmtem Gesicht und leblosem Körper. Das blutverschmierte Werkzeug lag daneben, einer von tausenden Pflastersteinen, die Bauarbeiter Tage zuvor aus dem Boden gerissen hatten, um auch diese Gasse zu asphaltieren. Der Freund wurde mit einem Stück des alten Wien erschlagen, einem wahren Zeugen der Geschichte, über den noch unzählige eisenbeschlagene Kutschenräder der Monarchie gerollt und Millionen Füße gestapft waren. Er war natürlich neben dem Angeklagten selbst eines der schaurigsten Objekte im Gerichtssaal, immer in einer durchsichtigen Hülle, damit auch alle Spuren erhalten blieben und keine neuen dazukämen. Noch gruseliger kam dem Publikum ein kleines Ölbild vor, angefertigt vom einstigen Liebling der Stadt, und als Beweisstück nicht weniger wichtig, zeigte es doch die Mordwaffe in ihrer ganzen Röte. Warum sollte der Maler den Stein verewigen, wenn er für ihn keine Bedeutung hatte? Offenbar hatte er ihn aus der Erinnerung heraus in einer der folgenden Tage oder Nächte porträtiert.

So vieles kam in diesem Prozess zusammen, nur nichts, was Sigurd Fürst als hinterhältigen Mörder entlastet hätte. Mein Hass wäre gar nicht notwendig gewesen, um den Götterknaben zu stürzen. Die meisten im Saal wollten wie ich den Kometen zerbersten sehen. Er selbst hatte es am leichtesten, gab er doch vom Anfang bis zum Ende der Verhandlungen den Mann ohne Erinnerung. Man glaubte ihm auch, diesem von Drogen zerfressenen Gehirn. Wenigstens hatte sein Verteidiger nicht die Idee, auf seine Unzurechnungsfähigkeit hinzuarbeiten. Er hoffte wohl, dass sich die Geschworenen des Genies erbarmen würden. Denn zwei gefährliche Probleme gab es für die Gerechtigkeit in diesem meinen größten Fall. Es war weder ein Geständnis aus dem Maler herauszubringen, noch ein Zeuge für seine Tat aufzutreiben. Für die Geschworenen hatte das so viel Gewicht, dass sie ihn als freien Mann aus dem Gerichtssaal spazieren lassen wollten. Ich musste einschreiten und habe auch gewonnen.

Aber ich habe dadurch mein Leben zerstört. Wie konnte ich damit rechnen, dass es einmal die DNA geben würde? Durch sie hat der lebenslänglich Verurteilte letztendlich den befreienden Sieg errungen. Nicht die geringste Spur auf dem Pflasterstein, dafür Rückstände eines Bauarbeiters, der mit seine Händen den Stein aus der Straße gerissen hatte. Dieser Mann rückte vor einem halben Jahr deswegen kurz ins Rampenlicht, nicht als Mörder, sondern als fleißiger Mensch, der mitgeholfen hatte, unsere Stadt mit Asphalt zu verschönern. Aber auch das Mordwerkzeug kam wieder in die Zeitungen, und jedem Leser wurde klar, an einem solchen Ding musste von jedem, der es auch nur zart anfasste, etwas hängen bleiben, umso mehr, wenn man damit mit voller Wucht jemand den Schädel einschlug. Handschuhe waren keine zu finden gewesen, weder im Sommer vor zwanzig Jahren im Haus des Malers noch in der Erinnerung von Freunden oder der Kellnerin. Ganz im Gegenteil. Sigurd Fürst war bekannt dafür, sich gerne nackt zu zeigen, auch wenn es nur seine Hände waren, die er wie göttliche Werkzeuge, die noch viele unvergängliche Kunstwerke schaffen würden, herumzureichen pflegte.

Wenigstens hat er damit nicht recht gehabt. Gegen alle Erwartungen wurde vom lebenslänglich verurteilten Mörder im Gefängnis kein einziges Bild gemalt und nicht einmal eine Zeichnung angefertigt. Seine letzte habe ich. Oben in meinem Künstlerzimmer. In einem der größeren Kartons für Herrenhemden. Während der Verhandlungen war der Pflastersteinmörder natürlich auch ein Modell für mich und meinen Bleistift. Ich porträtierte ihn so, wie ich ihn sehen wollte, und bemerkte dabei nicht, dass er es mir lächelnd gleichtat. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ein Angeklagter könnte auf diese Weise zurückschlagen, doch bei einem Maler liegt das auf der Hand. Blind wie ich war, dachte ich an Notizen, die er sich macht. Ich war nicht klüger als die von mir Gezeichneten, die in mir ebenfalls nur jemand sahen, der etwas auf ein Blatt Papier kritzelte. Dann allerdings fiel ich aus allen Wolken. Mein Mörder war nach der Urteilsverkündung gerade aus dem Saal abgeführt worden, als mir ein Gerichtsdiener, nachdem er es auf seine mögliche Gefährlichkeit hin kontrolliert hatte, ein Blatt überreichte. Ein Geschenk zum Abschied von Herrn Fürst.

So wie auf diesem Papier hatte ich mich noch nie gesehen. Was für ein Mensch schaute mir da entgegen? Das sollte ich sein? Vollkommen anders als mein Spiegelbild und wie ich mich von Fotos kannte. Mit Strichen, die in meinem Gesicht nichts zu suchen hatten, mit einem Ausdruck, der einen schaudern lassen könnte. Eine Karikatur hätte ich noch hingenommen, aber doch nicht eine Verzerrung in diesem Ausmaß. Andererseits muss man auch bedenken, von wem das Machwerk kommt. Die Hand, die einen Stift so führte, war auch in der Lage, den Kopf des besten Freundes mit einem Pflasterstein zu zertrümmern. Jetzt hätte diese selbe Hand wohl gerne nach meinem Hals gegriffen, um mich, den Richter, für die auferlegte Strafe zu erwürgen. Da dies nicht möglich war, geriet statt dessen eine Zeichnung zum Fausthieb in das Gesicht des Gehassten.

Schon Wochen später begann sich das Bild des Sigurd Fürst in mir umzudrehen. Mehr und mehr entdeckte ich in seinem Werk mich und meine Seele. Wie konnte es ihm gelingen, so tief in mein Inneres zu schauen? Sah mich meine Frau ebenso? Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis ich mich mit dem neuen Ludwig Redtenbacher angefreundet hatte. Gleichzeitig erkannte ich auch allmählich den Unterschied zwischen Handwerk und Kunst. Auf der einen Seite stand ich mit meinen lächerlichen Abbildungen des Äußeren, während er etwas zustande brachte, was mir wohl nie gelingen würde. Mein Blick ging immer am Wesentlichen vorbei, konnte in einem Gesicht den Menschen nicht entdecken, bestenfalls einen Ausdruck des Bösen, oder was ich dafür hielt. Es kostete mich große Überwindung, den Pflastermörder als meinen Lehrmeister anzuerkennen. Ich musste mich damit abfinden, mein geheimes Vorbild weder im Handwerk erreichen noch je seinen durchdringenden Blick ergründen zu können. Wie sehr wünschte ich mir eine solche Hand und solche Augen.

Heute ist er frei, und ich muss mich vor ihm fürchten. Er ist auch nicht mehr an einer Küste oder im Dschungel, sondern in meiner Nähe. Er hat seine Tiffany und zu meinem Schrecken einen Hund. Durch ihn ist das Gespenst der letzten Wochen wahr geworden. Ich habe keine Sorge, dass er sein Tier auf mich hetzen könnte, doch bei jedem Bellen werde ich an den Mann denken, vor dem ich Angst haben muss. Zur Verzweiflung aber treibt mich das Warten. Wann kommt er? Aus welcher Ecke meines Gartens? Oder steht er schon in meinem Zimmer, hinter dem Vorhang, und wahrscheinlich nicht zum ersten Mal? Oder fährt er mit dem Auto an meiner Villa vorbei, um den richtigen Zeitpunkt für seine Rache auszuspähen?

Ich kann mich in meinem Haus vergraben oder auch den Spieß umdrehen und mich selbst auf die Suche machen. Ich habe die Zeit dazu und weiß über den Herrn Fürst mehr, als er ahnt. Damals habe ich ihn studiert, und ganz losgelassen hat er mich nie, nicht nur wegen seiner Kunst. Fast zwei Jahrzehnte Gefängnis mögen einen Menschen verändert haben, doch manches bleibt ihm bis zum Tod erhalten. Dazu rechne ich vieles, auch Vorlieben und die Orte des Glücks.

*

Durch Sigurd Fürst habe ich die Wälder des Praters hier kennengelernt. Er hat sie vor seiner Zeit als Gefangener gemalt, und ich habe sie betrachtet, allerdings nur in den Zeitschriften und Katalogen, denn ein Original wäre mir nicht nur zu teuer gewesen, es hätte mich auch in einem eigenartigen Licht erscheinen lassen. Und ich habe die Schauplätze seiner Kunst aufgesucht und mich in ihnen wohl und zufrieden gefühlt. Allerdings muss ich gestehen, bei meinen Spaziergängen in den Alleen und Auen sehr oft an ihn gedacht zu haben, an den Pflastersteinmörder, der nun ohne seine Tiffany hinter undurchdringlichen Mauern saß, in Stein an der Donau, als sollte seinem neuen Namen und dem Mordwerkzeug noch eine weitere Ehre zuteil werden. Ich war mir auch sicher, dass er sich in diesen Augenblicken nach seinen Plätzen im Prater sehnte, voller Hoffnung, sich dort wieder einmal herumtreiben zu können. Allerdings ohne seine Meute, ohne Verehrer, ohne Skandale rund um seine wilden Inszenierungen. Dabei hätte er das alles nicht gebraucht, seine Kunst ist groß genug.

Was liegt näher, als ihn hier zu suchen? Vielleicht aber irren wir aneinander vorbei. Ich warte bei der Lusthausstraße, er in meinem Garten. Er wundert sich über die Ruhe in meiner Villa, während ich die Wiesenwege entlangwandere und nach Herrchen mit Hund Ausschau halte. Dabei weiß ich nicht einmal, wie er heute aussieht. Vom Alter her ist er 42, doch ist er nun dick oder seine Gestalt durch das Gefängnis gebeugt? Nicht jeder, aber viele kommen in Frage. Die Gegend ist voller Hunde, und ich hoffe auf einen, der mir meinen Feind verrät. Ist es der Mann dort hinten, der wie eine schemenhafte Figur in der Landschaft steht? Ich erkenne nicht einmal, ob er zu mir herschaut oder nur die Natur betrachtet. Dafür kann man mich für einen halten, der sich als Voyeur hinter Baumstämmen verstecken muss.

Oder was ist mit ihm da? Mit dem Ankömmling hinter meinem Rücken. Das Alter passt. Sonnenbrille an einem nebeligen Tag ist auch ein verräterisches Zeichen. Oder trägt er überhaupt keine Brille, und ich brauche vielmehr langsam eine? Sind seine Augen im Gefängnis dunkle Höhlen geworden? Dann hätte ich ihm den durchdringenden Blick des Künstlers genommen. So manches spricht dafür, dass er es ist. Von dem vielen Geld konnte er leicht einen Anhänger für den treu ergebenen Hund kaufen. Erkennt er mich? Oder tut er nur so, als wäre ich Luft? Oder sehe ich schon in jedem Fremden meinen Feind?

 

Er hat sich nach seiner Zigarette mit Rad und Hund wieder auf den Weg gemacht, ich bin noch sitzen geblieben. Es taucht die Frage auf, wer wen verfolgt. Zudem muss ich davon ausgehen, dass der Mann hinter mir ein Unbeteiligter war. Ich werde wohl Vinzenz um ein aktuelles Foto meines Feindes bitten müssen, bevor ich Menschen auflauere, die vollkommen unschuldig sind und keinerlei Rachegedanken gegen mich hegen. Andererseits wäre ein solcher Mann ein perfektes Opfer, mit oder ohne Hund. Mit der Margolin könnte ich sein Leben auslöschen, der Schuss würde im Geschrei der Krähen untergehen. Allerdings gilt es zu bedenken, dass ich Spaziergängern aufgefallen bin, als einer, der hinter Bäumen wartet. Wie man mich wohl beschreibt? Ob ich mir dann in diesen Zeugenaussagen noch gefalle?

Tatsache ist, für ein Vorhaben dieser Art kommen nach meinem heutigen verdächtigen Verhalten die Wiesen neben der Praterallee nicht mehr in Frage. Sollte ich bei meinen Plänen bleiben, müsste ich aus dem Nichts auftauchen, unsichtbar oder zumindest vollkommen unscheinbar sein, die Tat begehen und so schnell wie möglich zurück in meine Welt verschwinden. Ich werde sogar über eine Verkleidung nachdenken müssen. Am besten ist es, ich lege meine Wohlhabenheit ab und werde kurz zu einem der Dahergekommenen aus der Straßenbahn. Unter ihnen wird man suchen und bei der Vielzahl an Möglichkeiten an kein Ende kommen, während ich mir in meiner Villa schon den nächsten Schlag überlegen kann.

Noch ist alles unausgereift und sogar als Gedanke voller Nebel, wie die Landschaft hier. Dennoch befürchte ich oder hoffe ich sogar, dass die Idee sich nicht ewig wegschieben lässt, und ich habe als Mensch ohne Arbeit viel Zeit vor mir. Auch die Bäume rundum sind nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Boden gewachsen, doch jetzt, in ihrem hohen Alter, haben sie Charakter. Man könnte auch sagen, von Woche zu Woche werde ich gefährlicher, nähere mich meiner Bestimmung und sogar der Vollendung. Ich darf nur den Überblick nicht verlieren. Vor allem ist zu bedenken, dass ich unter Beobachtung stehe. Auch wenn mich Sigurd Fürst vielleicht nicht auf Schritt und Tritt verfolgt, so heißt es doch, erst einmal ihn loswerden. Und der Kerl macht es mir schwer. Er zeigt sich mir nicht, fordert mich nur täglich heraus. Will ich ihm nicht gänzlich ausgeliefert sein, muss ich ihn weiter verfolgen. Ich kenne seine Plätze. Ob er bewaffnet ist oder den Hund auf mich hetzt?

Und was bedeuten die Büschel von Haaren zu meinen Füßen? Welches Ungeheuer hat sich im Gras gewälzt, oder hat jemand sein Haustier geschoren? Zuletzt habe ich mich als Kind um einen Hund gekümmert, jetzt treibe ich mich auf ihren Wiesen herum, und ich vermute, dass der treueste Freund des Menschen in meinem Leben eine noch größere Rolle spielen wird, als ich mir je vorstellen konnte.

*

Zu Hause gibt es wohlige Wärme, aber auch unangenehme Arbeit. Ein Brief an meine Frau muss geschrieben werden. Doch nicht mit der Hand, weil sie zu viel von meinen Gefühlen verraten würde, sondern mit der alten Maschine meines Großvaters, die auch Mercedes heißt und die er passend zu seinem Auto gekauft hat. Wir sind eben eine wohlhabende Familie, und um diesen Reichtum geht es jetzt auch.

Meine liebste Kristina. Das ist gelogen. Deswegen ziehe ich das Blatt aus der Mercedes, werfe es in den Papierkorb und spanne ein neues ein. Wie soll ich sie ansprechen, meine Frau? Ich will ihr doch die schlechte Nachricht überbringen, dass sie weder auf die ganze Villa hoffen soll noch auf mein frühzeitiges Ableben. Ich könnte auch schweigen, weil ohnehin alles gesetzlich bestens geregelt ist, doch die Wut in mir zwingt mich dazu, ihr einen Hieb zu versetzen. Ich hoffe, sie lässt den Brief auch meinen ehemaligen Freund lesen, denn ihm bin ich auf die Schliche gekommen. Was wäre schöner als eine Praxis für seine chirurgischen Hände in diesem Haus, inmitten meines Gartens, in einer Gegend, die immer attraktiver wird? Ein Schönheitspalast, den Wein aus dem Keller dürften neureiche Damen aus unseren edlen Gläsern trinken, bevor ihre Leiber unters Messer kämen. Meinem Freund und meiner Frau wird ein Riegel vorgeschoben.

Vielleicht aber zu früh. Die beiden haben noch nicht einmal angefangen, mich zu bedrängen. Ganz im Gegenteil, sie lassen mich in Ruhe, sind noch mit ihren eigenen Körpern beschäftigt. Wahrscheinlich stört mich ihre ausgelebte Lebenslust, in die ich hineinschlagen möchte. Dabei weiß ich nicht einmal, wie ich Kristina anreden soll. So weit sind wir gekommen, oder zumindest ich. Das Blatt bleibt leer.

Aber es bringt Ludwig Redtenbacher auf eine Idee. Starrt es mich doch an wie ein Schachbrett mit seinen Figuren. Noch ist kein Zug getan. Die Eröffnung möchte ich Sigurd Fürst überlassen. Er wird nicht widerstehen können, ist er doch ein Spieler wie ich. Er wird an dem nackten Papier nicht vorbeikommen, bis er geschrieben hat, was er mir schon immer kundtun wollte. – Schwein? – Das wäre zu primitiv, mein Feind steht höher. – Du elendiglicher Richter, ich bin immer da, ich weiche nicht von deiner Seite. – Ob das einem Sigurd Fürst genügt? – Ich werde dich umbringen. – Das weiß ich ohnedies.

Er wird schreiben. Noch dazu, wo er sich durch keine Handschrift verraten würde, käme doch sogar die Mercedes aus meinem Haus. Ich sollte vielleicht die Tischlampe Tag und Nacht brennen lassen, um ihm das Andrehen eines verräterischen Lichtes zu ersparen. Ob es klüger ist, ihm auf dem Papier eine Frage zu stellen? Aber ein leeres Blatt hat die größte Macht, und auch Eleganz. Zu überlegen wäre eine Flasche Wodka, die ich ihm hinstellen könnte, ohne Glas und von der Sorte, die bei seinen damaligen Festen getrunken wurde. Um sich vom gewöhnlichen Volk zu unterscheiden, kam der russische Getreideschnaps nicht in Frage, es musste polnischer sein, und da auch nur jener mit dem Gras des Bisons. In einer der Verhandlungen ist der Pflastersteinmörder ja sogar ins Schwärmen geraten und hat Somerset Maugham zitiert. Trinkt man diesen Wodka, so überkommt einen das Gefühl der Glückseligkeit, wie beim Musikhören im Mondlicht.

Natürlich weiß ich jetzt schon, was immer er schreibt ist eine Finte oder gelogen. Ich verrate ja auch niemandem mein Innerstes, zu dem auch die Gespielin meines Eindringlings gehört. An Tiffany zu denken ist mit Lust erfüllt, aber auch Angst, sie könnte wirklich vor meiner Gartentür gestanden sein, und ich hätte es nicht bemerkt. In den Zeiten des Mordprozesses habe ich mir zu Hause oft vorgestellt, wie es wäre, käme sie endlich auf die nächstliegende Idee. Vielleicht hätte ich für jede gemeinsame Nacht ihrem Geliebten einen Monat Gefängnis geschenkt oder sogar den Freispruch der Geschworenen zugelassen. Ein Betrug an allen, sogar am vermeintlichen Mörder. Schade, dass sie nicht hier war, seine Tiffany. Wir hätten ihm Jahre im Gefängnis ersparen können, und mir ein Fehlurteil.

Sooft ich heute Nacht mein Zimmer verlassen habe, musste ich immer wieder enttäuscht zurückkehren. Auf dem Blatt in der Schreibmaschine war nichts als Leere, und daran änderte auch ein Spaziergang die Straße hinunter nichts. Vielleicht gefällt es ihm, mich enttäuscht zu sehen. Er quält mich mit seinem Schweigen, sieht, wie mich nach einem Zeichen von ihm verlangt, ein einziger Buchstabe würde mir schon genügen.

In meinem Zimmer wird es durch das offen stehende Fenster empfindlich kalt, aber ich habe es nicht in der Hand, das grausame Spiel zu beenden. Pflichtbewusst wie immer verzichte ich auf Erholung und Schlaf, obwohl ich übernächtigt bin und es noch viele Tage gibt, in denen Sigurd Fürst ein befreiendes Wort in die Schreibmaschine tippen kann. Er darf nicht länger ein Phantom bleiben oder zu einem Hirngespinst verkommen. Oder will er, dass ich ihn besuche, in sein Haus eindringe? Ich weiß doch nicht einmal, wo er wohnt.

Endlich ein Geräusch, das nicht zum Garten gehört. Aber Fürst kann es nicht sein, der bricht nicht wie ein Eber durchs Gestrüpp. Und er ist es auch nicht, der auf die Veranda geklettert ist und mir nun entgegenstarrt. Es ist sein Hund. Das Vieh wird zum Verräter, hilft mehr zu mir als zu ihm. Trotzdem ist sein schielendes Augenpaar voller Feindschaft. Ich warte darauf, dass dieses Mitbringsel aus Malaysia mit einem leisen Pfiff aus meinem Blick geholt wird, doch es zeigt mir die Zähne. Oder ist es anders, und mein Feind hetzt seinen Hund auf mich?

Ich muss mich wehren. Das Ungeheuer macht mir sogar den Gefallen und kommt näher, hat die Vorderläufe schon auf dem Fensterbrett, verliert an Unschärfe und bekommt mehr und mehr klare Umrisse, wird zu einem Ziel. Ich höre das Kratzen der Krallen, den Schuss. Mein Angreifer rutscht ab und verschwindet. Taucht jetzt sein Herrchen auf und rächt sich für zwei zerstörte Leben? Wo bleibt der Pflastersteinmörder, warum tut er nichts? Hat er sich mit dem Hund verdrückt oder alleine die Flucht ergriffen?

Oder er steht längst hinter mir im Zimmer, sucht nach einer Schlinge, die er mir um den Hals legen könnte, entdeckt das Kabel am Telefon. Ich aber werde mich erst umdrehen, wenn er über mir ist und kaum verfehlt werden kann. Die Margolin schwenkt über meine Bücherregale, zielt auf die Tür, ins Dunkle, aber nicht auf ihn.

*

Ich bin letzte Nacht nicht mehr hinausgegangen, erst gegen Mittag habe ich mit aller Vorsicht meine Höhle verlassen. Die erdigen und aufgeweichten Rasenflächen um das Haus sind voller Schuhabdrücke, von denen die meisten wohl von mir selbst stammen, aber sie könnten vermischt sein mit den Spuren meines Feindes. Auf dem Weg zum Fenster im Arbeitszimmer halte ich den Atem an, muss ich doch mit allem rechnen. Am liebsten wäre mir, der Vierbeiner liefe unversehrt und munter mit seinem Herrchen über die Wiesen. Noch ist die Wahrheit von Strauchwerk und Laub verdeckt, ohne meine Neugier käme sie noch lange nicht ans Licht. Doch das Schicksal hält nicht zu mir. Dabei ging es mir ja nur darum, mich zu wehren, die fletschenden Zähne aus dem Bild meines Fensters zu verjagen.

Das Tier liegt da mit weit offen stehenden Augen. Wenigstens lebt und strampelt es nicht mehr, es konnte nicht einmal mehr das aufgerissene Maul schließen. Büschel von seinem Fell daneben. Es dürfte also einen Todeskampf gegeben haben, und mich erschreckt die Erinnerung an die Haare im Gras der Praterwiese. Ein Vorzeichen? Oder wurde auch dort ein Hund erschossen? Aber doch nicht von mir. Dieser Vierbeiner ist mein erstes Opfer, noch nie zuvor habe ich ein Lebewesen getötet, und dieses hat auch aus berechtigter Notwehr daran glauben müssen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, ein wenig Genugtuung zu spüren, habe ich doch nur einen Schuss gebraucht, um zu treffen. Ein Jäger wäre stolz, ich darf es nicht sein, weil ich einen Hund zur Strecke gebracht habe und kein Reh. Ich muss sogar alles tun, um mein Werk zu verbergen. Die Nachbarn und die Menschen auf der Straße sind das geringste Problem, von dort aus ist so gut wie nichts zu sehen, nur ich weiß, dass im Dickicht eine Leiche liegt.

Wem hat der Hund gehört? Sigurd Fürst? Warum ist er dann nicht hier, um mir den Schädel einzuschlagen? Oder ist im Gefängnis ein Angsthase aus ihm geworden? Vielleicht habe ich auch das Beste getan, was ich tun konnte, aus Instinkt und aus dem Handgelenk heraus. Mein Feind weiß jetzt, wie gefährlich ich bin und dass es einem Selbstmord gleichkommt, in meinem Garten herumzuschleichen und in die Villa einzudringen. Wahrscheinlich ist der Herr Fürst geflüchtet und zittert jetzt bei seiner Tiffany, die weint, weil er ohne ihren zweiten Schatz nach Hause gekommen ist.

Oder er ist doch mit seinem Hund wie immer unterwegs. Vielleicht nicht auf den Praterwiesen, dafür aber an irgendwelchen anderen Schauplätzen aus seinen Gemälden. Von der Gloriette bis zu den Alten Arkaden im Zentralfriedhof, seine Auswahl ist groß. Ein toter Hund vor meinem Haus befreit mich nicht von der Suche nach ihm. Nichts ist geklärt, alles noch ohne Ordnung. Ganz im Gegenteil. Zur Brandruine hat sich ein zweiter Schandfleck in meinem Garten gesellt. All das aufräumen zu müssen ist keine angenehme Vorstellung, doch viel schrecklicher ist der Gedanke, der mir jetzt kommt. Wem gehört der Hund, wenn Sigurd Fürst von den Ereignissen hier nichts weiß? Einem Nachbarn, der seinen liebsten Begleiter schon den ganzen Vormittag überall sucht? Kindern, die sich die Augen ausweinen, weil sich ihr Freund wahrscheinlich verlaufen hat?

Wenn der Hund unschuldig ist, tut es mir leid. Selbst wenn er aus Malaysia käme, könnte er nichts für seinen Herrn. Aber vielleicht habe ich genau das Richtige gemacht. Hat nicht Vinzenz von einer fehlenden Impfung für das Tier erzählt? Das war doch Tollwut. Was ist, wenn der Hund bei der Einreise von dieser schrecklichen Krankheit schon befallen war und die nachgeholte Impfung nur den Papieren Genüge getan hat? Ein entblößtes Gebiss ist doch auch bei Füchsen das erste Merkmal für den tödlichen Erreger im Tier, und mein Eindringling hat mir heute Nacht davon genug gezeigt. Wahrscheinlich hat mir die Margolin Segen statt Unheil gebracht, und es war falsch, an ihr zu zweifeln. Ohne sie und meine Bereitschaft zu handeln würde der Hund noch immer herumlaufen und Erwachsene wie Kinder beißen, die dann mit der Tollwut in sich schwerste Leiden zu erdulden hätten.

Ich beuge mich tief zu dem Hund hinunter, obwohl mir die störrischen Zweige das Gesicht zerkratzen, und sehe meine Annahme bestätigt. Das Maul des Tieres ist voll von Schaum. Natürlich könnte es sein, dass er sich im Todeskampf gebildet hat, aber jede Beweisführung muss auch einmal ihr Ende haben, sonst entsteht nur noch Verwirrung. Andererseits weiß ich von meinen Angeklagten, wie schwer es ist, mit einem Mord ins Reine zu kommen, und dass das Gehirn oft eine Hilfe ist, indem es Entschuldigungen erfindet und Berechtigungen vorgaukelt, bis hin zur Notwendigkeit zu töten.

Aber nun heißt es ohnehin etwas zu unternehmen. Oder soll ich den Kadaver hier liegen lassen? Ich käme mit ihm gut über den Winter, doch wenn es warm wird, fängt es an mit dem Gestank. Andererseits weiß ich von so manchen Vögeln, die im Garten verendet sind und auch ohne Begräbnis keinen Schaden angerichtet haben. Aber in diesem Fall handelt es sich um ganz andere Dimensionen, der Köter ist groß wie ein Kind, und auch nach der Verwesung bliebe ein verräterisches Knochengerüst. Darüber hinaus wird er bestimmt gesucht, sei es von Nachbarn oder einem Spaziergänger. Nach wie vor habe ich auch meinen Eindringling in Verdacht. Nur weil mir bisher nichts passiert ist, heißt das noch lange nicht, dass der Kerl nicht mit einem Beil hinter einer Ecke wartet. Denn eines ist gewiss, sein Mord an mir muss geheim bleiben, denn ein nahezu versehentlich oder sogar in Notwehr niedergestreckter Hund wäre vor keinem Gericht der Welt eine Entschuldigung.

Wieder bin ich am Warten, dieses Mal auf die Nacht und ihre schützende Finsternis. Wie gut, dass die unglückliche Stelle hinter dem Baum liegt und das Licht der Straßenlampe nicht auf sie fällt. Reißfeste Säcke für Bauschutt sind gekauft. Selbst bei einer Hausdurchsuchung hätte ich für sie eine hervorragende Erklärung, denn die Brandruine will auch einmal beseitigt werden. So habe ich schon bei Tag begonnen, einige der verkohlten Stücke in die Plastikhüllen zu werfen, geräuschvoll und gut sichtbar. Zum ersten Mal brauche ich neugierige Nachbarn und aufmerksame Passanten auf der Straße. Der Hund bekommt seinen eigenen Leichensack, und dieser wird zu den anderen geschlichtet, der von mir beauftragte Transport für Sondermüll wird den Rest besorgen.

*

Die Nacht ist zwar ohne Mond, doch das Tier ist schwerer als erwartet. Kaum zu glauben, dass eine meiner kleinen Patronen dieses Ungeheuer niedergestreckt haben soll. Vielleicht ist es auch an Schreck und Herzversagen gestorben, wie eines der Opfer in meiner Zeit als Richter, und ich mühe mich jetzt ganz sinnlos ab, lade trotz der Handschuhe eine Unmenge von Spuren auf mich und werde wohl Stunden brauchen, um alle Hundehaare zu entfernen. Auch dem Schaum bin ich nicht entronnen. Wie leicht ist es doch, einem dahergelaufenen Hund auszuweichen, und wie groß sind die Probleme, wenn das Tier vor einem tot umfällt und man sich für sein Ende verantwortlich fühlt. Für diese Nacht ist es genug, Sack mit Leiche bleiben vorerst im Gebüsch unterm Fenster, bis ich die Müllabfuhr verständigen kann.

*

Diese Nacht hat mir nicht nur körperlich zugesetzt, mein Handeln geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Zeit für eine Ablenkung und eine lange Fahrt zum Zentralfriedhof. In der Hektik der letzten Tage hätte ich fast auf meinen Vater vergessen, der doch wenigstens einmal im Jahr besucht werde will. Die Heiligen Drei Könige liegen schon hinter uns, und Wien ist immer noch ohne Schnee, während der Westen im Weiß versinkt. Dafür friere ich und zittere am Grab in der widerlichen, klammen Nässe. Auch wenn ich nicht an ein Jenseits glaube, so habe ich doch meinen Vater angerufen und ihn um Hilfe gebeten. Zu Lebzeiten waren seine Ratschläge eine Qual, jetzt könnte ich sie gebrauchen. Die Hilfe der Eltern benötigt man vielleicht erst, wenn sie nicht mehr da sind. Wäre er da unten in seiner Gruft nicht den Unfalltod gestorben, sondern noch unter uns, ich würde ihm keine meiner drängenden Fragen stellen, wie früher würden wir in seinem Zimmer schweigend nebeneinander sitzen. Wahrscheinlich kann man erst mit den Toten richtig reden.

Doch ich bin ja nicht nur aus familiären Gründen hier. Es drängt mich, einen der dereinst glücklichen Orte von Sigurd Fürst aufzusuchen. Um ehrlich zu sein, bei den Alten Arkaden geht es mir ausnahmsweise weniger um den Maler und die Grabschändungen als um seine Muse. Ich nähere mich ihrer Doppelgängerin auch langsam, Schritt für Schritt, vorbei an den Gestalten, die einen über die Endlichkeit des Menschen hinwegtrösten sollen, sie mit wunderschönen Gesichtern verklären. Ich zittere nicht nur der Kälte wegen, sondern auch aus der bangen Erwartung, sie wieder zu sehen. Dann ist sie da, die Tiffany aus Stein. Ihre Nasenspitze ist weggebrochen und auch von der Oberlippe des verführerischen Mundes fehlt ein Stück. Wie gerne hätte ich ihn geküsst, allerdings den warmen und vollblütigen der lebendigen Schönen, die jetzt irgendwo in Wien ist, bei ihm, nur nicht bei mir. Aber auch Sigurd Fürst war da. Seine Gewohnheiten scheinen sich nach fast zwanzig Jahren Gefängnis nicht geändert zu haben, er ist ein Trinker geblieben. Oder hat Somerset Maugham meiner heimlichen Geliebten einen Besuch abgestattet und Musik im Mondlicht gehört?

 

Ich werde in Zukunft meinen Vater wohl öfter besuchen, um sie zu sehen, in dem verführerischsten Kleid, das ich kenne. Zugleich stelle ich mir ein Armutszeugnis aus, weil ich einen kalten Stein anbete, während mein Widersacher sie nackt neben sich liegen sieht. Sie hat auch einen zutreffenden Namen gewählt, denn Tiffany steht für Erlesenes. Wie sie wohl heute aussieht? War Sigurd Fürst allein hier oder sie bei ihm? Vielleicht ist sie sogar in Tränen ausgebrochen, angesichts einer Steinfigur, die wie das Bildnis von Dorian Gray ihre Jugend zeigt, während sie sich selbst verwandelt hat. Aber ich lasse mir meine Sehnsucht nach ihr nicht trüben, hilft sie mir doch, meiner Suche nach Sigurd Fürst einen Reiz zu geben, der fast überirdisch ist. Ich darf nur nicht meinen Gefühlen verfallen und den Ernst der Lage verkennen. Es könnte sogar sein, dass diese Frau den Kampf verschärft, ihm aber auch ein Gleichgewicht gibt. Er will mein Leben, ich seine Schöne. Mein Vater würde mich loben, weil ich endlich meine Zurückhaltung und Bescheidenheit aufgebe und erkenne, dass einer aus unserer Familie sich alles nehmen darf.

In meiner Villa ist es kälter als auf dem Friedhof. Hat man nur mir das Gas abgedreht oder friert die ganze Straße? Aber weder sieht man Bautrupps mit Einsatzfahrzeugen noch Menschen in Wintermänteln hinter den Fenstern. Ich mache mich also auf den Weg in den Keller. Als Kind ist mir die Anlage der Heizung wie ein kleines Kraftwerk vorgekommen, die damals noch mit Kohle befeuert wurde. Jetzt brauche ich nur ein paar Knöpfe zu drücken und eine kleine Flamme zu entzünden, um das Geflecht aus Rohren und Kessel wieder in Gang zu setzen. Es gelingt mir auch sofort, und meine Erleichterung ist groß, weil Handwerker in meinem Haus für mich die störendsten Eindringlinge sind. Dann muss ich mir aber doch die Frage stellen, warum diese unterirdische Maschine seit Jahren klaglos läuft, aber ausgerechnet heute ihren Betrieb eingestellt hat. Wurde an Rädern gedreht oder ganz einfach nur die Zündflamme ausgeblasen? Manchmal besorgt das ein Sturm, doch heute war es höchstens windig. Der Keller steht offen, wie das ganze Haus.

Ich bemerke, wie sehr sich mein Leben verändert hat. Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich daneben im Gewölbe war, um eine der tausenden Flaschen zu leeren. Damit mache ich zwar Vinzenz, meiner Gesundheit und vielleicht auch meinem Geist einen Gefallen, doch was ist an die Stelle der Berauschung getreten? Ich verschlinge mit meinen Blicken eine Steinfigur und habe einen Hund getötet.

Still jetzt! Klack, klack. Ganz deutlich. Er ist hier! An meiner Schreibmaschine. Entweder hat er keine Ahnung, dass ich unter ihm bin, oder er ist so dreist, mir gerade in diesem Augenblick eine Nachricht zu hinterlassen. Er scheint nicht einmal mit zwei Fingern zu tippen, sondern nur mit einem, ein Maler hat eben andere Fertigkeiten. Der Mann in meinem Zimmer über mir legt Pausen ein, um nachzudenken, dann aber kommt wieder ein Wort wie eine Kanonade, ganze Sätze. Und ich habe die Wahl, ihn seine Botschaft schreiben zu lassen oder hinaufzuschleichen, um Sigurd Fürst endlich zu sehen. Aber vielleicht kommt es dann zum Kampf, und die Margolin ist näher bei ihm als bei mir. Schreibt er über mich, über Tiffany, den Hund? Oder ist sein Brief eine einzige Drohung? Dass ich ihn wieder und wieder lese und die Angst mich verrückt macht.

Die Zündflamme flackert, aber schon weniger, weil auch der Wind sich beruhigt hat. Ich verkomme allmählich vor Hitze und bin froh, dass das Schreiben aufgehört hat. Man kann allerdings nicht leise die Treppe hinaufsteigen, irgendein Knarren verrät einen immer. Natürlich ist er nicht mehr in meinem Zimmer. Oder er beobachtet mich aus einem seiner vielen Verstecke. Ich würde dasselbe tun. Doch alles an Vorsicht ist mir in diesem Augenblick zuwider, selbst der auf mich gerichtete Lauf meiner entwendeten Pistole könnte mich jetzt nicht davon abhalten, die Zeilen auf dem Blatt zu lesen. Schon sehe ich die Mercedes vor mir, das Papier in die Maschine zurückgedreht, als wäre nichts gewesen. Noch bevor ich am Schreibtisch bin, stockt mir das Herz. Ich sehe weder ihn, noch hat er mir etwa den toten Hund auf den Parkettfußboden geworfen. Aber ich höre sein Tippen. Ein Buchstabe und der nächste. Keine Einbildung, ich schwöre bei meinem Leben. Er macht Dinge, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Im nächsten Moment ist alles ganz anders. Das Blatt ist nach wie vor leer, das Tippen kam von draußen. Ich schäme mich vor mir selbst. Ich brauche nicht einmal das Haus zu verlassen, um Wirklichkeit und Wahrheit zu erkennen. Es genügt, mich aus dem Fenster zu beugen und über mir am Dachfirst das lose Holzbrett im Wind zu sehen. Vor ein paar Tagen noch schien es genügend Halt zu haben, und ich war froh, nicht die Leiter hinaufsteigen und es annageln zu müssen. Jetzt hat es mich durch Himmel und Hölle geführt. Schuld daran waren wohl auch mein Besuch im Keller und die kurze Rückkehr in meine Kindheit, in der man sich solche Auswüchse der Fantasie noch erlauben durfte. Doch damit ist die Sache nicht erledigt, es schleicht sich in mir eine Ahnung ein. Meine Sehnsucht nach Sigurd Fürst scheint nicht viel geringer zu sein, als die nach seiner Geliebten.

Der Sack mit dem Hund muss aus dem Haus. Dazu brauche ich die Nacht, einen Müllcontainer in der Ferne und meine alte Reisetasche. Wohlüberlegte Zutaten für die Beseitigung einer Leiche, wenn sie auch unzählige Male in meinem Richterleben vorgekommen sind. Viele Gedanken zu diesem Problem habe ich ohnehin verworfen, so etwa die Lagerung des Kadavers im hintersten Keller, wo er ohne Geruch vermodern könnte. Dagegen spricht allerdings, dass ihn die Luft dort nur mumifiziert. Aber noch mehr zählt, dass ich dieses Gewölbe vielleicht noch für ein richtiges Unternehmen brauche.

Eine menschliche Leiche zu handhaben kann nicht viel mühsamer sein als diesen Kadaver, außer es handelt sich um eine zarte Frau oder einen bis auf die Knochen abgemagerten Bettler. Aber nun habe ich es doch geschafft, das Untier samt Leichensack in die ausladende Tasche zu zwängen. Um mich gänzlich unausforschbar zu machen, wird das Taxi nicht telefonisch bestellt, sondern auf der Straße herangewinkt. Der Fahrer ist faul genug, mich mein Gepäck selbst in den Kofferraum heben zu lassen, und ich bin zufrieden, weil ich sogar als Tourist gelten kann, der nur über den Rückspiegel kurz betrachtet wird. Selten war es mir so wichtig, dass man sich nicht an mich erinnert. Ich nenne auch keine Adresse, sondern die Ecke Grinzinger Straße und Hohe Warte. Von dort aus kommt als glaubwürdiges Ziel vieles in Frage, angefangen von einer Pension zum Übernachten bis zum Heurigen, in dem sich der Fremde in Begleitung einer schweren Reisetasche betrinkt.

Aber in dieser Nacht interessieren mich nur die Müllcontainer am Heiligenstädter Park, an die ich mich mit meinem guten Gedächtnis erinnere. Hier bin ich höchstens einmal im Jahr. Laut Taxameter sind wir 14 Euro von meinem Zuhause entfernt, ich gebe 15 und verzichte im Gegensatz zu all meinen anderen Fahrten auf eine Quittung, die mich doch nur verraten könnte. Es gefällt mir auch der Nervenkitzel an meinem Tun, und ein präziser Ablauf nach Plan hat mich schon immer erfreut. Vieles kommt mir entgegen, die Dunkelheit um die Container und die menschenleere Gegend, und auch von einer Videoüberwachung ist nichts zu sehen. Alles andere als leicht ist es hingegen, meine Last in den Container zu kippen, dafür macht sie durch ihre weiche Beschaffenheit weniger Lärm als eine weggeworfene Bierdose, und ich kann mich zufrieden auf den Heimweg machen.

Eigentlich wollte ich wieder ein Taxi anhalten, doch nach vollbrachter Tat reizt es mich, zu Fuß durch die Nacht zu gehen und meinen Gedanken nachzuhängen. Sorgfältig wie ich bin, überprüfe ich noch im Nachhinein jeden meiner Schritte, doch ich kann keinen entdecken, der nicht richtig gewesen wäre. Wenn man genug forscht, fällt einem natürlich etwas ein. Das Projektil steckt mit großer Wahrscheinlichkeit noch im Hundekörper. Seine Wirkung war tödlich, weil es durch das offene Maul ungehindert in das Gehirn des Tieres dringen konnte. Doch zu einer Leichenöffnung wird es nicht kommen, es ist kein Mensch umgebracht worden, und Haustiere werden immer wieder im Müll abgeladen. Allerdings könnte ein armes Schwein den Container durchstöbern und sich über die Reisetasche freuen. Selbst wenn er wegen des Kadavers Anzeige erstattet, ist es kein Problem, man wird meinen Hund zu den Akten legen.

Aber hat denn nicht jedes dieser Tiere ein Halsband mit Marke zu tragen? Wenn es eins gibt, findet man den Besitzer und klagt ihn an. Vielleicht kommt Sigurd Fürst doch noch vor ein Strafgericht. Ich auf jeden Fall erscheine in seinem neuen Verbrechen höchstens als der große Unbekannte, auf den er sich ohne Erfolg ausreden wird. Nichts weist auf mich, habe ich doch sogar beim Verpacken seines vierbeinigen Freundes Handschuhe getragen. Davon abgesehen sind auf dem Leinenstoff einer Tasche unmöglich Fingerabdrücke festzustellen, nicht einmal meine alten aus den Zeiten des Reisens. Gewissenhaft wie ich bin, habe ich sie vorher umgedreht und geschüttelt, letzte Krümel und sogar ein Zündholz entfernt. Namensschilder durften meine Gepäcksstücke ohnehin nie tragen, wollte ich doch raffinierten Einschleichdieben auf einem Bahnhof oder Flughafen keinen Hinweis auf meine Villa geben. Ich habe es klüger gemacht, mich und meine Adresse auf kleine Zettel geschrieben, die dann versteckt auf die Innenseite einer Seitentasche geklebt wurden. So hätte sich Herr Dr. Ludwig Redtenbacher im Fall eines Diebstahls als rechtmäßiger Besitzer ausweisen können.

Mir wird übel. Es ist, als würde der Gehsteig vor mir aufbrechen und mich verschlingen. Wie konnte mir nur so etwas passieren. Ich mache auf der Stelle kehrt und hetze die Straßen zurück. Doch es ist unvergleichlich einfacher, etwas in einen Müllcontainer zu werfen, als es wieder herauszuholen. Es ist mir unmöglich, die Reisetasche über den Rand zu heben, sodass mir nichts anderes übrig bleiben wird, als das ganze Zeug umzukippen. Doch der Container widersetzt sich, rollt sogar weg, was mir Gelegenheit gibt, mich zu besinnen. Es wäre auch verheerend gewesen, hätte mein überstürztes Vorhaben sofort geklappt, denn Nachtschwärmer kommen den Gehsteig entlang, und im Park treibt sich ein Liebespaar herum. Mir misslingen nicht nur ausgeklügelte Pläne durch eine Kleinigkeit, sondern ich gerate schnell in Panik, weshalb ich auch einen Hund niedergestreckt habe.

Endlich ist es den beiden im Park zu kalt geworden, und auch die Straße scheint wieder menschenleer zu sein. Der Container ist grässlich laut, als er kippt und stürzt, wie bei einem Verkehrsunfall. Der Dreck der Anrainer ergießt sich auf den Asphalt, aber ich habe meinen Hund wieder. Ich muss von hier schnellstens weg. Irgendwo wird ein Fenster geöffnet. Es beginnt ein Schleppen, Stolpern und immer heftigeres Keuchen, bis ich wieder meinen Ausgangspunkt erreiche, die Ecke Grinzinger Straße und Hohe Warte. Hier ist zwar genug Licht, um den Adressaufkleber auf irgendeiner Innenseite meines Gepäckstücks zu finden, aber auch die Gefahr groß, einer alarmierten Polizei in die Arme zu laufen. Alle meine Angeklagten wussten, dass es nichts Wichtigeres gibt, als einen Tatort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Ein Taxi hält auch ohne Winken im Halbdunkel und unweit von mir, weil Fahrgäste an ihr Ziel gekommen sind, und sogar ein Hund springt aus dem Wagen. Der Chauffeur ist Gott sei Dank nicht der von vorhin. Er klettert auch aus dem Auto, will mir behilflich sein, da höre ich meinen Namen. Einer der beiden ausgestiegenen Fahrgäste steht hinter mir. Vinzenz. Wer sonst würde mich Ludwig nennen. Zwar drückt er mich nicht mehr an sich wie früher, aber das mag mit seiner Begleiterin zusammenhängen, die schon ungeduldig ein Stück die Armbrustergasse voraus gegangen ist.

Ich werde doch nicht verreisen? Oder komme ich zurück? Meine Lüge folgt schnell, und bei aller Unglaubwürdigkeit wird sie von ihm geschluckt. Im Park sei ich gewesen und hätte Föhrenzapfen für meinen Kamin gesammelt, die besten, die es weit und breit gebe. Vor vielen Jahren habe ich das wirklich gemacht, aber nur einmal und nicht nüchtern, in Begleitung meiner jungen Liebe Kristina. Vinzenz scheint sich auch nicht sehr wohl zu fühlen, weil er immer wieder zu der Frau schielt, von der nur noch Konturen zu erkennen sind. Dafür läuft der Hund an uns heran. Ich will meinen Richterkollegen nicht in Verlegenheit bringen, und es ist mir auch egal, ob er seinen Heurigen mit einer Staatsanwältin oder Journalistin trinkt. Er hätte es leichter haben können und mich nicht ansprechen müssen, doch das wäre ihm als mein Freund wohl zu treulos vorgekommen. Doch nun stehen wir da und sehen einander etwas ratlos an, während der Hund an meiner Reisetasche schnuppert. Er deutet an, dass der etwas lästige Kerl zu ihr gehört. Als hätte ich nicht gewusst, dass Vinzenz Hunde so wenig mag wie ich. Den Köter zu meinen Füßen könnte ich erschlagen, weil er winselt und an der Tasche scharrt.

Ich frage Vinzenz, ob er wisse, wo sich dieser Sigurd Fürst herumtreibe. Mein Freund stottert, als hätte ich ihn in Verlegenheit gebracht. Aber als Richter hat er schnell ein Manöver zur Hand, rät mir, endlich an etwas anderes zu denken, denn dieser längst vergessene Fall mache mich noch krank. Er blickt wieder in die Armbrustergasse, aber von seiner Begleiterin sieht man nur die Glut ihrer Zigarette. Trotzdem spricht Vinzenz leise, erzählt mir, der Fürst habe sich gewandelt. Wenn er einst das Licht gesucht hätte, so könne ihm jetzt seine Welt nicht tief genug sein. In Malaysia habe er das Leben unter Wasser entdeckt, und in Wien verkrieche er sich im Haus des Meeres. Doch ich müsse keine Angst vor ihm haben, man habe auch aufgehört, ihn weiter zu observieren, denn der Herr denke eher an Haie als an Rache.

Endlich trennen wir uns, und auch der Hund läuft zu seinem Frauchen zurück. Vinzenz folgt ihm. Dafür kommt mir von ihr ein Duft entgegen, der hier eher ungewöhnlich ist. Aber die Dame in der Finsternis raucht nicht Cannabis, sondern Bidis. Zu dieser indischen Zigarette habe ich es in meiner Jugend gebracht, Hanf hat mich bei jedem Versuch nur müde gemacht, LSD hätte es fast geschafft, aber meine Droge ist dann doch der Alkohol geblieben. Jetzt aber ist es Zeit, den Taxifahrer nicht länger warten zu lassen. Ich übergebe ihm sogar die schwere Tasche. Wir fahren nach Hause. Auf dem Weg dorthin fragt er mich, ob von dem Maler Fürst die Rede gewesen sei. Ich schweige, denn noch mehr will ich heute nicht lügen. Er kenne ihn zwar nicht, habe aber von ihm gehört und gelesen. Ein armes Schwein, so lange unschuldig im Gefängnis. Ich gebe dem Mann mehr Trinkgeld, als bei mir üblich ist, entschuldige mich für den Gestank, setze gegen meinen guten Vorsatz die Reihe meiner Unwahrheiten fort und behaupte, ich sei vorhin in die Hinterlassenschaft eines Hundes gestiegen.

Die Reisetasche kommt in die Garage des Vaters, der hier seine Mercedes stehen hatte. Der halbe Müll des Containers scheint auf ihr zu haften, und sie wird mit dem Wasserschlauch abgespritzt. Wenigstens ist sie dicht. Mein Namensetikett finde ich erst nach längerem Suchen auf der Klappe eines Faches für Kleinigkeiten. Aber ich kenne mich, einen zweiten Aufkleber entdecke ich im Falz des Handgriffs. Jetzt gehört die Tasche niemandem. Das Problem ist nur, sie steht bei mir, mit einer Leiche, die auf mein Konto geht. Und ich stehe am Anfang. Dafür habe ich wieder die Möglichkeit, sie im Garten verschwinden zu lassen. Doch ich möchte weder zum Totengräber werden, und noch weniger will ich mich bei den Nachbarn zu früh verdächtig machen. Wer weiß, was noch kommt.

Das Blatt in der Maschine ist natürlich nach wie vor unbeschrieben. Was ist das für ein unerträgliches Spiel, in dem der Gegner auf sich warten lässt, nicht einmal seinen ersten Zug macht. Ich werde wohl den Grad der Verführung erhöhen müssen. Eine in die Mercedes getippte Aufforderung darf es nicht sein, aber ich könnte meinem Eindringling anders entgegenkommen. Sein eigenes Gesicht wird ihm gefallen, meine Zeichnung kommt auf den Schreibtisch. Aber womöglich hat es Sigurd Fürst darauf angelegt, mich hinter ihm herhecheln zu sehen. Er liebt ja Hunde. Oder sich als deren Herr. Wenn das Tier in meiner Garage doch aus Malaysia stammt, dann müsste jetzt Tiffany todtraurig sein. Bestimmt macht sie ihm Vorwürfe. Vielleicht entsteht sogar ein wilder Streit, und die beiden trennen sich. Sie verlässt ihn. Wohin würde sie gehen? Wäre nicht eine Villa mit Garten der beste Platz für eine schöne Frau?

Hat auch sie Tauchen gelernt? Eine Frau, Mitte dreißig, im schwarzen Badeanzug und mit formvollendeter Figur. Oder sie benützt sein Abtauchen ins Wasser, um sich von den Männern rundum bewundern zu lassen. Wahrscheinlich hat sie mehr Liebhaber, als dieser Fürst und ich denken. Oder sie steht aus mir noch nicht begreifbaren Gründen nach wie vor zu ihm, begleitet ihn sogar hierher, trinkt Kaffee, während er auf die Fische starrt. Es wird Zeit, meine Kreise auszuweiten.

*

Freiwillig würde ich das Haus des Meeres nie betreten, jetzt steige ich sogar im Flakturm von einem Stockwerk zum nächsten, immer bereit, mich schnell abzuwenden, wenn ich meinem Widersacher plötzlich gegenüberstehe. Bei Tiffany aber würde ich wahrscheinlich zur berühmten Salzsäule erstarren. Vorerst jedoch gibt es rundum nur aufgeregte Kinder mit belehrenden Eltern, selten Stille, in dieser wiederum das Rauschen des Wassers, das auch von den Ventilatoren der Klimaanlage kommen könnte. Ganz unbeeindruckt bin ich dennoch nicht, und ich würde es sogar verstehen, wenn Sigurd Fürst angefangen hätte, seine neuen Freunde zu malen. Die meisten von ihnen sind formenreicher und schöner als Menschen. Aber wie ich sind die Fische unruhig, jagen irgendetwas hinterher, verbringen ihr Leben im Kreis und hinter Glas.

Auch in der Cafeteria des Hauses kann ich ihn nicht finden. Leergetrunkene Tassen auf einem Tisch wären vielleicht ein Hinweis, eine Spur. Aber auch hinter allen Schatten und Spiegelungen in den gläsernen Wänden verbergen sich nur Besucher, keiner von ihnen hat etwas mit mir zu tun. Dann aber werde ich doch gefesselt. Zuerst hielt ich sie für Korallen oder irgendwelche Wassergewächse, bis in eine der vermeintlichen Verzweigungen Bewegung kam. Ich wollte Sigurd Fürst begegnen und sehe Anmut. Aus meiner Schulzeit weiß ich noch, dass ein Seepferdchen den schönen Namen Hippocampus trägt, und kein Gaul ist, sondern ein Fisch. Voller Ruhe. Darum beneide ich sie. Ich zähle die Geschöpfe. Zwei, drei. Oder sogar vier? Selbst wenn mein Feind jetzt hinter mir wäre, ich würde mich nicht abwenden.

 

Dann muss ich meine Hippocampi verlassen, denn um mich herum wird das Gedränge groß. Die Haie werden gefüttert, und wir Besucher sind durch unsere Neugier gezwungen, ihnen beim Verschlingen der blutigen Stücke zuzuschauen. Niemand gelingt es, seinen Blick auf etwas anderes zu richten, und ich selbst würde jetzt an meinen vier kleinen Wesen von vorhin keinen Gefallen finden. Allerdings regen mich weniger die Zähne der Raubtiere auf als ein Gedanke, der mein Problem beseitigen könnte. Auch ich habe an die dreißig Kilo Fleisch, dazu Fell und Knochen. Warum bringe ich den Hundekadaver nicht in dieses Haus? Man wird mir dankbar sein. Selbst für den Fall, dass man die Haie nur mit frisch geschlachteten Tieren verwöhnt, es wird hier doch auch Aasfresser geben. Ich könnte meine Reisetasche einfach abstellen und mich zurückziehen. Natürlich würde man das Fleisch an weniger wertvollen Bewohnern in diesen Glaskäfigen ausprobieren, um eine Katastrophe zu verhindert, falls es vergiftet wäre. Doch mein Hund ist tadellos, in China oder Korea wäre er in den Restaurants eine Spezialität. Am besten gefällt mir an meiner Idee, dass ich mithelfe, einen Kreis in der Natur zu schließen, und mein Versagen an der Mülltone sogar noch zu einem guten Ende führt. Fast beschwingt steige ich aus der Straßenbahn, freue mich auf die Wärme in meiner Villa. Ich nehme mir vor, sie ohne Angst zu betreten, und selbst wenn die Heizung wieder ausgefallen ist, kann ich das Verlöschen der kleinen Flamme dem heutigen Sturm zuschreiben und ohne Aufregung in den Keller gehen.

Aber das Unheil wartet schon vor der Gartentür auf mich. Dieses Mal ist kein Schuppen abgebrannt, der flatternde Zettel auf dem Laternenpfahl ist viel schrecklicher. Ich sehe meinen Hund. Treuherzig blickt er mich an, mit schief gelegtem Kopf und in Farbe. „Hund entlaufen. Hört auf Moritz. Sehr hoher Finderlohn.“ Ich reiße den Zettel ab und wanke wie nach einem Heurigenbesuch in mein Zimmer. Eigentlich müsste ich hinausgehen und all diese Schandflecken entfernen, in eine Mülltonne werfen. Was für eine Frechheit, dass man den Aufruf an meiner Laterne anbringt und ohne den geringsten Beweis mich zum Verdächtigen macht. Zugleich sehe ich zum ersten Mal das Tier ohne aufgerissenes Maul und mit einem Blick, der mich nie zur Margolin greifen lassen würde. Dieser Fetzen Papier ist schlimmer als ein Steckbrief mit meinem Gesicht und dem Namen dazu. Er übertrifft eine Anklageschrift, ein ausgefertigtes Urteil, alles. Hund entlaufen! Will man mich provozieren? Der Kerl auf dem Blatt mit seinem schief geneigten Kopf ist doch tot! Außer mir weiß das niemand, kein Mensch auf dieser Welt. Der Besitzer ahnt es vielleicht, denkt an einen Verkehrsunfall oder versehentlich gefressenes Rattengift. Aber er gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, sein Gefährte könnte ihm treulos geworden sein und in einer der wohlhabenden Häuser rundum mit teuerstem Dosenfutter verwöhnt werden. Warum sucht er erst jetzt? Mein Schuss liegt fast eine Woche zurück, die Reisetasche fängt schon an zu stinken, trotz Wasserdichtheit und Winter. Doch der Winter ist dieses Jahr zu warm, und die Leiche eines Hundes verhält sich nicht anders als die eines Menschen aus meiner Zeit als Richter. Sie stellt auch die gleichen Ansprüche an den Mörder, mein Kopf besteht nur noch aus Mülltonnen und Haien. Wie kommt das Tier dazu, gegen jedes normale Verhalten in meinem Fenster aufzutauchen und sich an mir seit Tagen festzukrallen. Teufel machen das, aber doch nicht Hunde. Zu allem Überfluss weiß ich jetzt sogar seinen Namen, fehlt nur noch, dass man mir seine ganze Lebensgeschichte mit dem nächsten Flugblatt zukommen lässt. Ist denn das so schwer zu verstehen, ich will von diesem Ungeheuer nichts wissen! Alles Sich-Wehren hilft nichts. Das Ungeheuer bin ich. Die Kugel aus dem Lauf der Margolin gehört mir, seit dem Kauf, während des Knalls und wohl auf ewige Zeiten. Es wird sich kein anderer ihrer annehmen. Mein Blick fällt auf meinen Zeigefinger. Warum hat er sich in der Nacht des Hundes nicht versteift oder ist lahm geworden, warum durfte er abdrücken. Ich hätte auch vorbeischießen können und den Eindringling nur erschrecken. Dann wäre er jetzt zu Hause bei seinen Liebsten und ich nicht in ärgster Bedrängnis. Dazu kommt die unverschämte Aufforderung, dringend anzurufen, wenn ein Hund dem abgebildeten auch nur ähnlich sieht. Was verlangt man noch von Spaziergängern und Passanten? Man soll sich wohl das Foto einprägen, die Nummer auswendig lernen und bei jedem verdächtigen Köter Meldung erstatten. Für mich ist nicht einmal sicher, ob das Tier auf dem Waschzettel in meiner Reisetasche liegt. Die Welt ist voller Zufälle, und warum sollen in der Pötzleinsdorfer Straße nicht zwei Hunde verschwunden sein. Ich rede mich heraus wie meine Angeklagten, mit einer ganzen Kette herbeifantasierter Argumente, die zwei Dinge zeigen, Schuld und Hilflosigkeit. Mein Innerstes weiß das längst, kenne ich doch die Telefonnummer schon auswendig. Aber glaube ich noch ernsthaft, dass der Hund Sigurd Fürst gehört? Würde Tiffany ein Tier aus Malaysia Moritz nennen? Auf dem Foto weist nichts auf die Besitzer hin, es zeigt nur einen Hund auf nackter Erde. Dabei wäre es so leicht, die Wahrheit herauszufinden. Sieben Ziffern in das Telefon getippt, und ich erfahre von einer auf die andere Sekunde mehr als durch meine Ausflüge auf den Zentralfriedhof oder in das Haus des Meeres.

Ich habe einfach Angst, die Stimme von Sigurd Fürst nach fast zwanzig Jahren wieder zu hören. Oder gar Tiffany. Warum hat er auf diesen Streuner nicht aufgepasst? Wie komme ich dazu, mich mit einer braunfelligen Leiche herumzuschlagen. Sogar im Spiegel über dem Telefon sehe ich meine angeschwollenen Adern im Hals und wie das Blut in ihnen immer schneller pocht. Noch kann ich auflegen oder die Zahl mit den sieben Stellen rechtzeitig vergessen. Beides wird mir nicht gelingen, und ein weiteres Zuwarten die Qual nur verlängern. Mein Vater würde mich jetzt wieder ohrfeigen, weil Zögern und Zaudern zu nichts führt, am wenigsten zu einem gelungenen Leben. Dabei muss ich nichts tun, nur schweigen und hören. Dank meiner geheimen Nummer kann mir nichts passieren, selbst wenn ich bei einem Fremden oder meinem unschuldigen Maler Tag und Nacht anrufe. Das Rufsignal sticht mir ins Ohr, aber nur einmal, denn sofort wird abgehoben, man hat offenbar neben dem Telefon sitzend auf mich gewartet. Mein Gegenüber scheint noch vorsichtiger zu sein als ich, oder es ist Sigurd Fürst und er weiß alles, stellt mir eine Falle, hat mich vielleicht bei den Mülltonnen beobachtet. Jetzt hört er mein Atmen, und es gelingt mit nicht, ihn anzuhalten. Oder ich bin Tiffany so nah wie noch nie. Es schreit mich aber niemand voller Hass an. Ich bin keinem Feind ausgeliefert, ich weiß nicht einmal, ob die leise Stimme einem Jungen oder einem Mädchen gehört. Vier Worte und eine Frage, dazu das vor Aufregung kratzende Händchen am Telefon. „Hast du meinen Moritz?“ Ich könnte jetzt auch antworten. Mit einem leisen Ja. Meine Kehle ist so zugeschnürt, dass ich nicht einmal meine Stimme verstellen müsste. Außerdem ist ein Kind als Zeuge unbrauchbar, schon gar in einem Verfahren, wo es um die Tötung eines Lebewesens geht. Aber vielleicht läuft ein Band mit, oder die Eltern stehen hinter ihm. Man könnte auch die Polizei im Hause haben und eine Fangschaltung. Wenn ich nicht gleich auflege, bin ich geliefert. Aber ich warte noch auf ein befreiendes Wort, auf eine Erlösung. Vielleicht sagt mir das Kind, dass ich Moritz behalten darf, weil es sich ohnehin schon in das Hündchen im Schaufenster einer Tierhandlung verliebt hat. Einer von uns beiden muss ein Ende machen. Warum schlägt nicht ein Blitz in die Leitung, wie bei einem Gewitter vor sieben oder acht Jahren? Die Stille schadet nicht nur mir, sondern auch dem kleinen Geschöpf. Während ich aus Vernunft und Verschlagenheit kein Wort sage, bekomme ich einen Rat. „Man muss Moritz hinter den Ohren kraulen, dann beißt er nicht.“ Du dummes Kind, wie soll das gehen, ohne die eigene Hand zu riskieren? Ich denke es nur, aber vielleicht hat man mich gehört. Darum scheuche ich die Antwort weg, dass Moritz nie mehr angreifen wird. Nie wieder. Er wird auch alle Fenster in Ruhe lassen und in kein fremdes Haus mehr eindringen. Man hätte das zähnefletschende Ungeheuer besser erziehen sollen, statt es zu fotografieren. Endlich bin ich in eine Wut geraten, mit der ich auch bei meinem Vater gut angekommen wäre. Mir hilft sie, den Faden verhängnisvollster Gefühle abzureißen und endlich den Hörer aufzulegen. Auf jeden Fall weiß ich, mit meinem Hund hat Sigurd Fürst nichts zu tun. Es sei denn, er hätte im Gefängnis einen Nachwuchs gezeugt. Oder Tiffany hätte das Tier von einem anderen Mann, und Fürst findet sich ab damit. Vinzenz wird einmal mehr Rede und Antwort stehen müssen. Natürlich lässt mich das Kind am Telefon nicht los. Wie lange es wohl dauern wird, bis ich seine zwei Sätze vergessen habe. Sie bedrängen mich nicht weniger als mein Eindringling, aber von der anderen Seite. Schuldig fühle ich mich noch nicht, denn es war Notwehr, aber wie erkläre ich das dem kleinen Tierfreund? Wobei ich nichts weniger will, als sein verweintes Gesicht auch noch zu sehen. Junge oder Mädchen? Es könnte auch eine alte Frau mit kindlicher Stimme gewesen sein. Auf jeden Fall war der Hund nicht mehr jung, sein Tod stand wahrscheinlich ohnehin ins Haus.

Trotzdem wäre es vielleicht nicht falsch, nochmals anzurufen und mit verstellter Stimme ins Telefon zu flüstern oder gar zu schreien, tot, tot, tot. Mehr braucht es nicht. Das begreift auch ein Fünfjähriger, der noch nicht weiß, was der Tod letztendlich bedeutet. Nicht einmal ich schaffe das, obwohl ich ihm durch den Hund schon näher gekommen bin. Es ist schrecklich, aber sein Ende beschäftigt mich mehr als das meiner Eltern. Sie sind ja auch nicht umgebracht worden und liegen in ordentlichen Gräbern. Das Tier in der Reisetasche hat nach wie vor keine Ruhe, dafür aber jetzt einen Namen, und es ist mir noch nie so lebendig erschienen wie nach diesem unüberlegten Telefonat. Ein Spielplatz drängt sich auf, und das Kind läuft mit Moritz den Donaukanal entlang. Darf ich ihn noch in eine Mülltonne kippen oder den Haien zum Fraß vorwerfen? Ich brauche Hilfe. Vielleicht auch für das Loch in meinem Garten, aber vorher muss ich mit jemand reden. Die Auswahl ist nicht groß, an vollkommen treuen Menschen habe ich ohnehin nur noch den einen.

*

Ich wollte Vinzenz woanders treffen, doch für weite Wege hat er keine Zeit. So sitze ich hier, unweit von seiner Arbeitsstelle, die auch einmal die meinige war. In den alten Zeiten habe ich in diesem Café zu Mittag gegessen und nach Verhandlungen am liebsten Billard gespielt. Manchmal gab es auch ein Glas Wein, bevor es wieder zurückging in den Justizpalast, öfter jedoch wurden es viele. Dann wurde ich besonders tatkräftig und schüttelte meine Anweisungen und Urteile nur so aus dem Ärmel. Vinzenz hat es als einer der wenigen bemerkt und mich dafür gehasst, so wie ich seit Jahrzehnten seine Unpünktlichkeit verabscheue. Ich trinke jetzt wenigstens nur einen großen Schwarzen, während er dabei geblieben ist, zu spät zu kommen. Natürlich kennen mich hier viele, auch wenn ich bisher nur vom Kellner gegrüßt worden bin, und das auch so knapp wie nie zuvor. Früher war ich der Herr Rat, jetzt bin ich hier nichts, weniger als ein Tortenstück in der Glasvitrine. Rundum wird in Zeitungen oder Akten geblättert, dazwischen wird zu mir hergesehen, weil ich nicht aufhöre, den einen oder anderen ehemaligen Kollegen anzustarren. Aber man blickt durch mich hindurch, voller Konzentration, als wäre hinter mir eine Anzeigetafel für ein Pferderennen oder die bloße Ferne. Sie sind gute Schauspieler, eben Verteidiger, Staatsanwälte und Richter. Die Jüngeren hier wissen vielleicht wirklich nicht, wer ich bin, die ganz alten Stammgäste erkennen mich nicht mehr, weil sie mich nur verschwommen sehen oder ihnen zu mir nichts mehr einfällt. Doch dazwischen sind die Kollegen von Vinzenz. Mein Kreis. Aber der ist zerbrochen. Oder auch nicht. Ich bin nur ein Herausgefallener. Mein einsamer Tisch wird mir unerträglich, fast zum Pranger. Ich werde spielen. Vielleicht gesellt sich ein Mutiger oder auch nur Ahnungsloser zu mir und greift wie ich zu einem der Billardstöcke an der Wand. Doch ich bleibe allein. Das ist kein Problem, denn die Kugeln lassen sich auch ohne Gegner über das grüne Tuch schießen. Dieser Tisch ist auf jeden Fall besser als der vorige, denn jetzt spüre ich die Blicke bloß im Rücken, und ich habe nicht nur eine Tasse Kaffee vor mir. Trotzdem zittern meine Hände so sehr, dass ich die Kugel kaum auflegen kann. Die ersten Stöße können ruhig danebengehen, habe ich doch über ein dreiviertel Jahr nicht mehr gespielt. Das brauche ich zur Entschuldigung auch niemand zu erklären, das wissen ohnehin die meisten. Man wundert sich eher über meinen heutigen Auftritt, und der eine oder andere ist sicher verärgert, weil ich ihn in Verlegenheit bringe. Es verlassen auch einige das Cafe, aber das hat kaum etwas mit mir zu tun, sondern die Mittagspause ist vorbei, und es muss nicht nur hier, sondern auch im großen Haus verurteilt werden. Dennoch habe ich noch meine Richter. Ich merke es an der Ruhe im Saal. Ich habe einen Stoß vor mir, der schwierig ist, aber gelingen könnte. Rundum ist es deshalb still geworden. Ausschlaggebend bin aber ich. Lieber Gott, lass mich treffen. Es müssen ja nicht immer die Kugeln meiner Margolin sein. Ich schieße, aber für den Bruchteil eines Augenblicks zu spät. Das Öffnen der Tür hat mir die Hand verrissen. Vinzenz ist hereingestürmt. In das Kaffeehaus kommt wieder Leben, und ich danke es tausendmal meinem Freund, dass er ohne Scheu auf mich zugeht und nach einem Billardstock greift. Er war schon immer in allem flinker als ich und tritt nicht nur im Gerichtssaal beeindruckend auf.

Ich weiß gar nicht, was ich ihn fragen soll. Ich brauche Vinzenz, das müsste doch genügen. Aber wir schenken uns nichts, er redet nicht von sich, ich nicht von meinen Sorgen. Wir gehen vollkommen im Wettkampf auf. Aber dann will ich doch wissen, ob er an mir eine Veränderung wahrgenommen hat. Er lacht und beglückwünscht mich dazu, deutet auf die Kaffeetasse, bestellt für sich Wasser. Der Kellner sieht mich fragend an. Ich entscheide mich wie zum Trotz für ein kleines Glas Wein. Vinzenz straft mich mit seinem Blick. Ich verspreche, dass es dabei bleibt, nichts dazukommt. Er meint, auch die beste Freundschaft könne einmal zerbrechen. Dann rutscht es mir heraus, wenn auch nur leise. „Ich habe nur noch dich.“ Ich weiß nicht, ob er es gehört hat, denn er spielt weiter und zwingt mich zum nächsten Stoß. Warum hängt er alles am Wein auf, als hätte ich sonst keine Fehler. Aber ich glaube, die sieht er nicht. Er blickt nicht wie die anderen durch mich hindurch, aber offen in die Augen schaut er mir auch nicht. Irgendetwas geht bei uns nicht mit rechten Dingen zu. Womit hält er hinter dem Berg? Vielleicht rieche ich nach meinem Hund, oder Vinzenz will all den anderen hier zeigen, dass er mir nicht mehr so nahe steht. Ich muss ihm zugute halten, kein anderer von meinen alten Kollegen würde es wagen, sich derart mit mir abzugeben. Aber was hilft mir sein Mut, wenn wir spielen, anstatt zu reden. Der Kellner bringt die Gläser. Vinzenz blickt auf meines. Ich frage ihn geradeheraus, ob er an mir Veränderungen wahrgenommen hat. Er meint, eigentlich nicht, und wenn schon, bei einem Schicksal wie dem meinen sei es kein Wunder. Trotzdem würde ich mich gut halten und bestimmt bald wieder der Alte sein. Ich solle nur anfangen, mir weniger Sorgen zu machen, und endlich nach vorne schauen. Doch ich werde rückfällig. Ich greife zwar nicht zum Glas, frage ihn aber, warum man Sigurd Fürst nicht mehr unter Aufsicht stelle. Vinzenz wird fast ungehalten, verteidigt meinen Feind. Weder läge gegen ihn etwas vor, noch gäbe es die geringsten Anzeichen für irgendwelche Rachegedanken, die allerdings nur zu verständlich wären. Auch wenn er nicht mehr male, eine Künstlerseele sei er geblieben. Fürst habe sich auch keine Waffe besorgt, wie so manch andere. Ich möge doch endlich aufhören, mich in diesen Menschen zu verbohren, und vor allem, ihn noch immer als Mörder zu sehen. Nun geht Vinzenz doch ganz nahe an mich heran. „Er hat nie zugeschlagen und wird es auch nie tun! Aber du siehst ihn ja noch immer mit dem Pflasterstein in der Hand.“ Vinzenz hat recht. Meine Erinnerungen sind stärker als die Wahrheit. Verzagt, aber leise genug führe ich noch an, dass er dann umso mehr Grund hätte, mich für seine verlorenen Jahre zu bestrafen. Jetzt ist es mein alter Freund, der brutal wird. Er meint, dass es für mich wahrscheinlich doch besser wäre, zum Glas zu greifen und meine Grübeleien samt Gehirn im Wein zu ertränken. Und zum letzten Mal: „Sigurd Fürst sinnt nicht nach Vergeltung, sondern starrt stundenlang auf Fische.“

Langsam werde ich ruhig und fast zufrieden. Es ist, als hätte ich schon ein paar Gläser getrunken. Dabei hat Vinzenz mir nur die Leviten gelesen. Mein Vater hätte es weniger leise gemacht, doch mit gleicher Härte. Allmählich begreife ich auch, dass nicht er sich verändert hat, sondern dass meine Ängste Vinzenz ihn in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wir spielen wortlos weiter, er absichtlich schlecht, damit ich endlich auch wieder einmal gewinne. Eigentlich müsste es mich demütigen, aber ich bin damit einverstanden. Ich war krank und komme erst wieder langsam auf die Beine, jeder Freundesdienst ist da willkommen. Ich zahle für uns beide, ohne den Wein getrunken zu haben. Auf der Straße rät er mir noch zu einer Reise und warnt mich davor, in das Haus des Meeres zu gehen, um die beiden zu treffen. Das würde nur Wunden aufreißen und zu neuen Verstrickungen führen.

*

Er geht zurück zum Justizpalast, ich fahre im 41er heimwärts. Doch vor meiner Villa steige ich nicht aus, sondern bleibe wie ein Betrunkener sitzen, auch an der Endstation, und kehre dann in die Innenstadt zurück. Heute werde ich nicht in den Flakturm zu den Aquarien hinaufsteigen, sondern die Angelegenheit von der anderen Seite einfädeln. Der Lift bringt mich ins letzte Stockwerk, aber bevor ich mein Werk angehe, nütze ich noch die Nähe des Dachplateaus. Mit wenigen Schritten stehe ich im Freien und über der Stadt. Der Anblick der Sonne hinter den Wolken fesselt mich. Fliegen sollte man können, ich wüsste sofort wohin. Aber trotz der Schwerkraft wird es um mich leichter und leichter, je länger ich dieses Gemälde der Natur betrachte. Sigurd Fürst müsste es sehen, anstatt ein paar Meter unter mir mit seinen begabten Augen die Fische zu verfolgen.

Ich sehe mehr als Wolken. Sie werden zu Rauchgebilden, die sich langsam, aber ständig verändern, und die ich sogar riechen kann. Solche Erlebnisse sollte man teilen können. Der Duft selbst ist wunderbar, und ich kenne ihn. Zuletzt bin ich ihm vor ein paar Tagen begegnet. In einer Nacht voller Verzweiflung, mit Vinzenz mir gegenüber und dem Hund seiner Begleiterin an meiner Reisetasche. Jetzt aber kämpfen Wolken und Sonne miteinander, und in mir unbegreifliche Gedanken. Mit jedem Atemzug nehme ich den Gerucht der indischen Zigarette deutlicher auf. Wie viele Leute gibt es wohl, die Zuflucht auf der Terrasse suchen und zu Bidis greifen? Wahrscheinlich nur die eine. Ich brauche mich nur umzudrehen, um Vinzenz’ Frau in diesem schönen Abendlicht zu sehen. Aber ich bleibe bei den Wolken, weil ich Angst habe, hinter mir könnte sie stehen. Sie. Während Sigurd Fürst bei den Fischen ist.

 

Ich bin nicht der einzige Besucher hier, Tiffany könnte unbemerkt auf das Dachplateau gekommen sein. Aber vielleicht ist es ein Tourist, in dessen Heimat Bidis zum Alltag gehören, oder sie sind nach Jahrzehnten auch bei uns wieder Mode geworden. Dann würde ich wohl wahnsinnig werden, weil ich hinter jeder Ecke die Schöne von Sigurd Fürst vermuten müsste. Trotzdem wäre mir das immer noch lieber. Tiffany und Vinzenz, wie geht das zusammen? Gibt es zwischen ihnen schon ein längeres Spiel? Warum hat er sie mir damals verschwiegen?

Meine Begegnung mit Tiffany habe ich mir anders vorgestellt, als eine Angelegenheit zwischen uns zweien, ohne einen Gedanken an meinen Freund Vinzenz. Er geht mit ihr zum Heurigen, sie trinken Wein und reden natürlich über mich. Ob sie mich jetzt erkennt? Wahrscheinlich bin ich ihr so gleichgültig, dass sie mich nicht einmal wahrnimmt. Oder sie starrt in die Wolken wie ich. Dann wären wir ja wieder beisammen.

Endlich drehe ich mich um. Vor mir ist nur die Betonwand des Flakturms, und auch der Geruch der indischen Zigarette wird mehr und mehr vom Wind verblasen. Ich steige von einem Stockwerk zum nächsten, tiefer und tiefer, immer darauf gefasst, ihr plötzlich gegenüberzustehen. Oder ich sehe sie von hinten, wie sie gerade den Arm über ihren Sigurd legt, der seinerseits in die Fische versunken ist. Frauen gibt es hier genug, aber fast alle sind mit Kindern unterwegs, und keine gleicht meinem Bild von Tiffany. Im Erdgeschoss fällt mir ein, dass sie den Lift genommen haben könnte. Auch wenn es sinnlos scheint, steige ich ein und fahre zurück in das oberste Stockwerk. Eine Hoffnung gibt es noch. Sie hat das Dachplateau nicht verlassen, sondern nur einen Rundgang gemacht.

Ich bin wieder am Anfang. Irgendjemand hat geraucht und mich beinahe verrückt gemacht. Wenigstens kann ich Vinzenz nun in die Augen sehen, ohne ihm diese entsetzliche Frage stellen zu müssen. Er hat auch recht gehabt, es war falsch, in das Haus des Meeres zu gehen. Nicht er hat mich betrogen, sondern ich ihn. Langsam wird es Zeit, dem Ganzen ein Ende zu setzen, das Übel an der Wurzel auszurotten. Was gibt es in meinem Leben noch außer unseligen Verstrickungen? Dabei ist es so leicht, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich brauche mich nur über die Betonmauer zu lehnen. Weiter. Noch ein Stück. Nicht einmal Schutzgitter stehen mir im Weg. Aber vielleicht springt man hier nicht und ich bin der Erste. Auf diese Tiefe ist Verlass. Unter mir ebenfalls härtester Beton. Und den Kindern auf dem Spielplatz schadet es nicht, wenn sie schon früh dem Tod in die Augen sehen. Ich werde sie offen halten wie mein erschossener Hund.

Noch aber sehe ich als Lebender. Ein Mann unten auf dem Gehsteig. Er wartet auf eine Frau, die in den Park ruft. Ein Hund läuft auf sie zu, springt an ihr hoch, dann an ihm. Mehr erkenne ich mit meinen verfluchten Augen nicht. Das glückliche Tier umkreist die beiden wie eine Amöbe im Tümpelwasser. Ich habe die so lange Gesuchten endlich gefunden. Die Frau deutet herauf zum Dachplateau. Er folgt ihrem Blick. Ich ziehe mich zurück, muss nicht alles sehen, um es zu verstehen. Sie erzählt ihm von mir. Natürlich hat Tiffany mich erkannt, weiß sie doch seit ihrem Heurigenbesuch in der Armbrustergasse, was für eine verzagte Kreatur ich bin. Aber hat der Maler da unten eine Ahnung von ihrem Abend mit Vinzenz?

*

Zu Hause wähle ich jetzt die Nummer meines letzten Freundes drei Mal, lege aber immer wieder auf. Ich habe Angst, er gesteht mir alles. Ich weiß auch, wie die richtige Frage lautet, jenes Kind hat sie mir beigebracht. Hast du meine Tiffany? Oder ich erkundige mich bei Vinzenz vorsichtig, warum er mir die Dame an diesem Abend nicht vorgestellt hat. Oder weshalb ich denn dem Haus des Meeres fernbleiben soll.

Ich vertage den Anruf, der mich zerstören könnte. Zum Glück habe ich Moritz. Gestern ist mir der Kadaver in der Reisetasche noch als unlösbares Problem erschienen, jetzt steht mir ganz klar vor Augen, was zu tun ist. Ich werde ihn begraben. Das schulde ich dem Kind am Telefon. In meinem Garten. Ich werde selbst eine Grube ausheben. Mit der Schaufel meines Vaters. Und plötzlich erscheint mir auch der warme Winter in einem anderen Licht, wie für mich geschaffen. Ende Januar, und die Erde ist noch nicht gefroren, doch morgen schon soll strenger Frost kommen.

Der Platz unter dem Apfelbaum scheint mir angemessen, von meinem Zimmer aus habe ich ihn jederzeit vor Augen. Lieber ein klares Bild als eine Fülle wilder Fantasien. Ich schiebe nichts mehr beiseite, sondern stelle mich meinen Handlungen. So werden sie ihre Kraft verlieren. Auch das Fehlurteil bin ich.

Das Öffnen des Müllsackes ist weniger entsetzlich als erwartet. Das Halsband ist schnell gelöst, mit einem Zug geht auch die kurze Leine mit. Dann allerdings hebt es mir den Magen. Das Lederband ist mit Knöpfen und falschen Steinen besetzt, ganz offensichtlich von einem Kind ausgesucht. Schnell rette ich mich über diese Vorstellung hinweg, indem ich das Zeug umso sorgfältiger prüfe. An einem der Ringe entdecke ich die Hundemarke. Das alles bleibt bei mir. Jetzt kann ich die Hülle besten Gewissens wieder zuschnüren, ohne Nummer ist das Tier herrenlos.

Schweißtreibend ist das Ausheben der Grube und wäre wahrscheinlich schon morgen nicht mehr möglich. An meinem Körper spüre ich, wie die Temperatur mehr und mehr fällt, schon in der Nacht wird der Boden frieren. Am hinderlichsten sind die Wurzeln des Apfelbaums. Manchen ist weder mit der Schaufel noch mit dem Spaten beizukommen, aber mein Vater hat für jeden Fall vorgesorgt. Das Beil ist noch immer unglaublich scharf. Und auch die Vorräte aus dem Keller kommen an die Reihe. Aus einem ordentlich beschrifteten Papiersack streue ich Branntkalk auf die Reisetasche in der Grube. Mein alter Herr verwendete ihn zum Weißen der Baumstämme gegen Schädlingsbefall, während ich damit meinen Garten seuchenfrei halte. Das Ganze wird mit Wasser übergossen und erwacht wie mit einem Schlag zum Leben. Das Gemisch unter mir schlug Blasen und kochte wie ein kleiner Lavasee. Genug der Vorsichtsmaßnahmen. Alles, was ich hier unternommen habe, ist verboten, wie so manche meiner Handlungen in letzter Zeit. Aber wo kein Kläger, da auch kein Richter.

Ich hätte die Handschrift meines Vaters auf dem Kalksack genauer lesen sollen. Jetzt sind meine Hände verätzt, und ich keuche wie ein Lungenkranker. Alles Waschen hilft wenig, aber ein Gang zum Arzt ist vollkommen ausgeschlossen, da könnte ich gleich mit einer Polizistenkugel im Bauch meinen Weg antreten. Wenigstens habe ich es noch geschafft, die Erde über Moritz festzustampfen. Trotzdem ist ein Hügel geblieben, das erste Grab in meinem Garten.

*

Ich sollte öfter im Garten arbeiten, es hat mir gut getan. Ich höre Musik, ohne an Sigurd Fürst zu denken. Sogar Moritz ist keine Last mehr, fast ein Freund, dem ich die letzte Ehre erwiesen habe. Nur Vinzenz hätte mir nicht einfallen dürfen. Wenn ich an ihn denke, folgt ihm Tiffany auf den Fuß. Das ist neu und nicht zu ertragen. Ich muss nur meinen Schostakowich abstellen und mit einer Taste die letztgewählte Nummer aufrufen.

Er hebt tatsächlich ab. Ich frage ihn ohne Gruß. Wer war die Frau? Er stellt sich dumm, und auch ich hoffe für einen Augenblick, dass es die Begegnung bei der Armbrustergasse gar nicht gegeben hat. Vinzenz! Die Dame mit dem Hund? Hat er aufgelegt, weil es so still ist in der Leitung? Dann gesteht er. Eine Besprechung, mehr mühselig als unterhaltsam, aber wenigstens sei das Ergebnis in Ordnung. Um dem Ludwig Fürst wieder auf die Beine zu helfen, würden einige seiner alten Bilder ausgestellt. Im Justizpalast. Eine Art von Wiedergutmachung. Eine kleine Versöhnung des Gesetzes mit einem Unschuldigen. Auch ein Anstoß, damit dieser verwirrte Mensch wieder zu malen beginnt. Frau Bruckner sorgt sich um ihn. „Fanny Bruckner, du kannst dich nicht mehr an sie erinnern? Es war doch dein Prozess.“

Ich sage ihm auf den Kopf zu, dass ich im Haus des Meeres war, zweimal sogar. Er meint, dann gäbe es nun dort zwei Verrückte. Wahrscheinlich schmiede ein Fehlurteil von diesem Ausmaß zusammen. Er aber werde dafür sorgen, dass die arme Frau nicht auch noch zugrunde gehe.

Es klopft an meiner Tür. Ich beende das Telefonat abrupt und verwünsche mich, dass ich meinen Freund angerufen habe. Auch jetzt wäre es vielleicht besser, mich still zu verhalten, aber der Besucher vor der Tür scheint nichts dabei zu finden, in das Leben anderer Menschen einzudringen. Er lügt schon mit dem ersten Satz, behauptet, mehrmals gerufen und nichts gehört zu haben. Nur ganz kurz werde er mich stören, dabei ist er längst in meinem Zimmer und gibt sich als Besitzer des verlaufenen Hundes zu erkennen. Braunes Fell, hellblaues Halsband, Moritz. Ob ich ihn hier irgendwo gesehen hätte.

Ich versuche, ein vollkommen ahnungsloses Gesicht zu machen. Mein ungebetener Gast scheint ein tüchtiger Mensch zu sein, der nicht so schnell aufgibt, weil er mitten in mein Zimmer tritt und Moritz noch genauer beschreibt. Ich stehe auf, um ihm nicht das ganze Feld zu überlassen, entgegne ihm, dass er wohl woanders suchen müsse, hier habe es seit Jahrzehnten kein Haustier gegeben. Er lässt nicht locker, will in den Garten, denn das arme Geschöpf könnte von einem Auto angefahren worden sein und sich irgendwo verkrochen haben.

Draußen höre ich den forschen Herren herumtapsen und nach Moritz rufen. Er scheint Angst um seine gepflegten Schuhe zu haben. Durch das Fenster kann ich sehen, wie er trotzdem nach einem verkohlten Holzstück der Brandruine tritt und dabei fast das Gleichgewicht verliert. Wie in einem Anfall schreit er nach seinem Hund, so laut, dass es die ganze Nachbarschaft hören muss. Dabei steht er nur wenige Schritte von Moritz entfernt.

Ich hingegen bin zu meiner Verwunderung gelassen wie schon seit Tagen nicht. So wie der Mann da draußen kann auch ich mir das Nächstliegende nicht vorstellen. Dabei könnte ich heute bereits als Totengräber eines Hundes in der Umgebung bekannt werden und morgen in der ganzen Stadt. Was nicht sein darf, wird auch nicht passieren. Aber vielleicht bin ich auch so ruhig, weil ich immer noch meine Margolin habe und im äußersten Fall eben zu ihr greifen müsste. Eine Notwehr der besonderen Art. Die Holzkassette lege ich schon einmal neben mich. Doch ich würde diesen Streuner da draußen, anders als seinen Hund, nicht durch das Fenster erschießen, sondern nach seiner Entdeckung hereinkommen lassen. Was dann weiter geschehen würde, weiß niemand. So viel habe ich inzwischen gelernt, dass Planen wenig bringt und sich die Ereignisse ohnehin selbständig machen. Ich darf nur nicht wieder in Panik verfallen und voreilig handeln.

Er kommt zurück. Nicht aber um sich zu entschuldigen, sondern um eine unverschämte Frage zu stellen. Ob ich einen Keller hätte, denn da könnte sich sein Hund auch zurückgezogen haben. Der Mann Mitte dreißig ist rücksichtslos und wohl auch in seinem sonstigen Leben mehr als tüchtig. Oder nur betrunken und aufgewühlt, denn seine Bewegungen sind alles andere als sicher, und er riecht auch danach. Doch er ist wacher, als mir recht sein kann. Mit seinen glasigen Augen hat er etwas neben dem Telefon entdeckt. Schon hält er mir das Blatt mit Moritz und dem Finderlohn entgegen. Aber es fällt mir nicht mehr schwer zu lügen und blitzschnell eine Ausrede zu finden. Natürlich habe ich diesen Zettel mit ins Haus genommen, so wie hunderttausend Werbeschriften und die Post, aber das meiste würde nach kurzem Hinsehen weggeworfen, und entlaufene Hunde gäbe es viele, auch Katzen, ja sogar Meerschweinchen. Ich zeige auf den vollen Papierkorb.

Im Keller hat mein Besucher schon auf der steilen Stiege zu staunen begonnen. Nie habe er es für möglich gehalten, in dieser Gegend eine ganze Unterwelt zu finden. Bei seinem Haus gäbe es ein paar Abstellräume und das Fitnessstudio, sonst nichts, weit und breit kein Gewölbe und schon gar nicht diese schmalen Gänge. Er ruft in jeden hinein, doch heraus kommt weder Moritz noch ein Bellen, noch auch nur ein Winseln. Als er dann vor den Weinregalen steht, merke ich, dass er seinen Hund kurz vergisst. Der Mann gesteht mir, kein Kenner zu sein, noch nicht, aber er schätze sich überglücklich, jemanden getroffen zu haben, der darin ein Meister zu sein scheine.

Schon bei seinem ersten Schluck weiß ich, dass er einer ist wie ich. Uns kommt es nicht auf den Geschmack der Getränke an, sondern wir suchen nur die Berauschung. Deswegen öffne ich als zweite Flasche eine von durchschnittlicher Qualität und stelle sie auf den kleinen Holztisch, aber ich widerstehe seinem Drängen, als Hausherr doch endlich mitzutrinken. Alkohol darf in einer meiner schwierigsten Stunden keinen Platz haben. Klares Denken ist gefordert, und längst ist noch nicht alles ausgestanden. Der Säufer in meinem Keller braucht sich nur umdrehen und beim Anblick der zum Trocknen an die Wand gelehnten Schaufel auf den richtigen Gedanken kommen. Ich wäre gezwungen zu handeln. Ohne Margolin. Eine Schießerei passt nicht in das Gewölbe, einer meiner Angeklagten ist bei einem Mordversuch von dem eigenen Querschläger getroffen worden. Ich würde zum Werkzeug neben der Schaufel greifen. Ein Beil, mit dem man widerspenstige Wurzeln durchtrennen kann, wird sich wohl auch für einen Schädel voller Alkohol und Angeberei eignen. Vielleicht ist es auch besser, nicht die scharfe Schneide zu nehmen und ein Blutbad anzurichten, sondern mit der Rückseite zuzuschlagen. Unwillkürlich muss ich vorhin meine Hände betrachtet haben, weil der Ahnungslose mich plötzlich auf die wunde Haut anspricht. Ich verschweige den Kalk und gebe ätzenden Putzmitteln die Schuld.

Sein Sohn heißt Max. Deswegen gibt es auch den Moritz. Aber eigentlich ist es nicht sein Kind, sondern das seiner jetzigen Frau. Mein Gegenüber kommt in Fahrt. Auch das Haus sei neu, nein, eigentlich alt, aber aufwendig renoviert und sogar noch ausgebaut, nicht weit von hier. Sein früheres hinter dem Prater sei ihm zu klein geworden, und wenn schon der berufliche Höhenflug nicht aufzuhalten sei, habe auch das Domizil mitzuwachsen. Während er noch erzählt, fällt mir das Halsband ein. Wo ist es? Habe ich es im Garten gelassen oder zu den anderen Dingen in den Keller gelegt? Wenn er es entdeckt, wird es ernst.

Er muss auf die Toilette. Ich schicke ihn hinauf ins Erdgeschoss, obwohl es auch im Keller eine Art Plumpsklo gibt. Die steile Stiege könnte immerhin alle Probleme lösen. Mit oder ohne Polizei, ein Mann mit Genickbruch wäre ohne besondere Umstände aus der Welt geschafft. Es gefällt mir sogar der Gedanke, den Schwätzer zu seinem Hund zu legen. Auch ohne Wein bin ich für die wildesten Fantasien zu haben und wäre sogar fast ein wenig enttäuscht, ginge das Ganze aus wie ein langweiliger Verwandtenbesuch.

Aber ich steige ihm trotzdem nach, weil mir das Halsband keine Ruhe lässt. Mein Nachbar scheint mehr Alkohol zu vertragen, als er vorgibt. Ohne großes Schwanken geht er zu meinem Telefon und drückt auf die Tasten. Will er ein Taxi anrufen oder seine Frau verständigen? Er greift jedoch nicht zum Hörer, sondern liest nur das Display ab. Der Kerl spioniert mir nach, hält mich offenbar für den stummen Anrufer, der seinem Sohn nicht antwortet. Aber das Glück ist, wie stets in den vergangenen Wochen, auf meiner Seite. Der Unverschämte wird nicht fündig. Wie denn auch, habe ich zuletzt doch immer nur die Nummer von Vinzenz gewählt. Unbemerkt und ohne Eile kehre ich in den Keller zurück.

Er schwankt die Stiege herunter, krallt sich wie sein Hund an der Mauer fest. Wenigstens ist mein Gast ein arrogantes Schwein, in dessen Gesicht man dauernd hineinschlagen möchte. Sollte es zu Tätlichkeiten kommen, hätte ich nicht nur die Nüchternheit auf meiner Seite, sondern auch eine ziemliche Menge an Hass. Menschen in meiner Lage gewinnen immer. Trotzdem ist das Spiel noch nicht vorbei. Der Mann setzt sich, lacht mich an, verbirgt etwas hinter seinem Rücken. Wenn er jetzt das Halsband hervorzieht, zerschmettere ich eine der Flaschen auf seinem Kopf. Ich greife nach der vollen auf unserem Tisch, verwende den Korkenzieher aber nur zur Tarnung. Der rote Wein wird sich wunderbar mit seinem Blut vermischen, und ich will ohnehin schon seit Wochen explodieren.

Da legt er meinen . Fridolin auf den Tisch. Die Handpuppe hat er oben in meinem Zimmer gefunden. Natürlich hat er keine Ahnung, wie man sie zum Leben erweckt, er schafft es nicht einmal, mit seiner zittrigen Hand in den Flausch zu schlüpfen, und ich habe keine Lust, eine Vorstellung zu geben. Er schwelgt ohnehin bald wieder in seinem gelungen Leben. Ohne mir seinen Beruf zu nennen, spricht er von einer einzigen Kette von Erfolgen, die niemand einem Mann in seinem Alter zutrauen würde. Und den Hund seines Sohnes werde er auch noch finden, und wenn er die ganze Gegend auf den Kopf stellen müsste.

Mich hingegen ärgert der unterschwellige Verdacht, und dass er die Pötzleinsdorfer Straße zu einer Meile von Hundefängern macht. Ich rate ihm, seine Kreise doch weiter zu ziehen, oft genug habe man von Haustieren gehört, die über endlose Entfernungen in ihre alte Heimat gewandert seien. Er denkt nach, trinkt, gibt mir recht, und zum ersten Mal rührt mich dieser Mensch, weil Hoffnung in seinen feuchten Augen liegt. Er fällt zurück in seine Vergangenheit im zweiten Bezirk, spricht von Spaziergängen mit Max und Moritz, das wild verwachsene Lusthauswasser entlang, und dass die beiden mehr in der Pratergegend als zu Hause aufgewachsen seien. Und dann steht mein Gast auf, schüttelt mir zum Dank die Hand, weil er selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen sei.

Er schwankt zur Stiege, macht halt, wendet sich zu mir um. Ich hätte es längst sehen müssen, das Halsband, hinter ihm an der Mauer neben dem Spaten. Jetzt ist mir alles willkommen, wenn es nur eine Ablenkung für ihn ist. Ich stülpe Fridolin auf meine verätzte Hand, mach, dass er wie zum Abschied winkt und sein Köpfchen schief legt. Mein Nachbar lacht gleich hellauf, lässt sich wunderbar steuern, drückt einen komisch gemeinten Kuss auf die Schnauze des Stofftieres, während ich unbemerkt mit dem Fuß das Lederzeug hinter den Sack mit dem Branntkalk schiebe.

Trotzdem ist die Liebe dieses Menschen zu seinem Hund größer als zur Puppe Fridolin, denn er drängt mich, schnell ein Taxi zu rufen. Und während ich telefoniere, äußert er sich voller Begeisterung über unsere Begegnung. Es sei nicht leicht, als Neuankömmling Freunde unter den Nachbarn zu finden, und zum nächsten Fest lade er mich schon jetzt ein. Er sorge auch wieder für ein Feuerwerk, noch größer als bei der Einweihung des neuen Hauses, am Tag vor dem Heiligen Abend. Wenigstens weiß ich jetzt, dass nicht Sigurd Fürst es war, der meinen Schuppen niedergebrannt hat. Eine Werkzeughütte gegen einen Hund. In meinen Augen ist das ein fairer Tausch.

*

Wieder allein. Nicht einmal meinen Retter Fridolin kann ich finden. Dem neuen Nachbar musste ich vorhin nachlaufen, weil er im Garten den grellgelben Schal verloren hatte. Er konnte kaum noch stehen und ließ sich nur schwer überzeugen, heute nicht mehr im Prater nach dem Hund zu suchen, sondern gleich nach Hause zu fahren. Allerdings zum Unmut des Taxichaffeurs, der lieber durch die halbe Stadt gefahren wäre und nicht nur ein paar Häuser weiter.

Jetzt kann ich in den Keller gehen und beruhigt selbst ein Glas trinken. Ich hole den besten Wein aus dem Regal und durchlüfte das Gewölbe. Aber nur kurz, denn draußen ist es nach dem Frosteinbruch so kalt, dass mir hier gleich unwirtlich wäre. Vielleicht war es auch falsch, meinen Besucher davon abzuhalten, seinen Hund zu suchen. Der Mann mit seinem unendlichen Strang an Erfolgen könnte in diesem Augenblick über eine Wurzel oder auch nur über seine eigenen Füße stolpern und schmerzlos erfrieren. Ein höchst eleganter Mord, ohne großes Zutun, und auch die Leiche wäre schon an der richtigen Stelle.

Mit dem Wein kommen mir aber auch noch andere hilfreiche Gedanken. Ein Hund ist dort, wo das Halsband ist. Hätte man dieses lederne Geschirr erst einmal gefunden, würde man woanders gar nicht mehr suchen. Ein Spaziergänger müsste es nur entdecken und an eine gut sichtbare Stelle hängen.

*

Natürlich habe ich in der letzten Nacht wieder zu viel getrunken, doch weniger als in meinen verzweifelten Zeiten. Eine Wanderung am Lusthauswasser ist an diesem strahlenden Tag allein schon deswegen genau das Richtige. In meiner Manteltasche klimpert es wie Geld, dabei schlägt nur die Hundemarke gegen den Karabiner der kurzen Lederleine. Wozu eine schwere Leiche außer Haus bringen, wenn ein kleines Beweisstück für den Verbleib eines Abgängigen genügt. Hier wird man Moritz in den nächsten Tagen suchen. Ein von Bibern angefressener und querliegender Stamm kommt mir geeignet vor. Das Halsband wird für jeden Wanderer zum Blickfang. Vielleicht wird es noch heute entdeckt und mit der Nummer auf dem Stück Blech der Besitzer von Moritz ausgeforscht. Haustiere kehren eben an ihre alten Stätten zurück. Mir hingegen gefällt die Vorstellung, dass mein neuer Nachbar sich hier zu Tode ruft und vielleicht sogar in das Lusthauswasser steigt, um wenigstens die Leiche des Ertrunkenen aufzustöbern.

Jetzt heißt es weg von hier, denn Spaziergänger tauchen oft plötzlich aus dem Gestrüpp hervor, und wieder einmal kann ich keine Zeugen brauchen. Ich will mich auf den Rückweg machen, doch alles sieht gleich aus. Einziger Anhaltspunkt ist das Gewässer, aber auch das verzweigt sich in Seitenarmen. Wieder ist es meine Panik, die so schnell zur Stelle ist, dabei habe ich nichts verbrochen. Es ist ganz falsch, sich wie ein Fliehender zu verhalten und dadurch aufzufallen. Ich zwinge mich zur Ruhe, gebe mich als Naturfreund, der die vermodernden Baumstämme und den Biberfraß betrachtet. Doch dann ist er da. Mit ihm hätte ich am wenigsten gerechnet. Er kann auch nicht alleine hergekommen sein.

 

Ich sehe mich um. Nicht aber ruhig und gelassen, sondern die Aufregung von vorhin kommt zurück, steigert sich sogar. Es ist einfach undenkbar, dass mein Nachbar nicht hier war oder es vielleicht noch immer ist. Wie sonst wäre Fridolin hergekommen. Der Betrunkene hat ihn aus meinem Zimmer gestohlen und bei seiner nächtlichen Suche nach seinem Hund verloren. Jetzt liegt meine Handpuppe hier vor meinen Füßen. Ich hätte mir denken können, dass mein ungebetener Gast nicht nach Hause fährt. Er muss nach Moritz gesucht haben und durch das Dickicht gestolpert sein. Mit mehr Wein als Blut in den Adern kann man nur stürzen und liegen bleiben. Und das in der eisigsten Nacht seit Jahren. Irgendwo hier ist er erfroren. Oder er hat den Taxifahrer mit Geld vollgestopft und sich mit ihm auf die Jagd begeben. Dann lebt er noch.

Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass er noch immer hier ist und mich jetzt sieht. Aus dem Dickicht heraus den Mann betrachtet, der mit dem verschwundenen Hund nichts zu tun haben wollte. Alles ist möglich. Sogar das Schrecklichste. Mein hinterhältiger Gast hat mir vorhin zugesehen. Mit dem Halsband auf dem Baumstrunk bin ich überführt. Als letzte Hoffnung kommt mir nur ein überaus lächerlicher Gedanke. Nach dem strengen Frost wird man nur mit einem Presslufthammer die Erde über Moritz aufbrechen können. Bis dahin bin ich unschuldig und nur ein Verdächtiger. Den ganzen heutigen Tag werde ich mich noch frei bewegen können. Aber auch dann wird man mich nicht aus meiner Villa zerren. Trotzdem habe ich nur einen Wunsch: Das Leben jenes Menschen Mitte dreißig mit seinen Bergen von Erfolgen möge in der vergangenen Nacht ein Ende gefunden haben.

Ich hebe Fridolin auf und stecke ihn in die große Tasche meines Burberrys. Wie immer bin ich zu leicht angezogen, und schon der Kälte wegen wird es Zeit, diesen unheimlichen Ort zu verlassen. Ich wünsche einem anderen den Tod, brauche aber nur selbst zu stolpern und mir den Fuß brechen, um hilflos zu erfrieren. Jetzt nehme ich im Dickicht eine Bewegung wahr. Es könnte ein Reh sein oder ein anderes Wildtier. Doch dieses Wesen hat eine Stimme. Es ruft nach Fridolin. Ist mein neuer Nachbar nun vollkommen verrückt geworden oder hat er sich von einem Wahn in den nächsten getrunken?

Zu dem Gekrächze „Fridolin“ gesellt sich ein „Moritz“. Es kann ja auch sein, dass ich durch die Last der vergangenen Tage und die Aufregung den Verstand verloren habe. Ein verschwommener Fleck schält sich aus dem Dickicht und kommt auf mich zu. Es ist ein menschliches Wesen, ich erkenne seine Stimme wieder. Nur, die Frage ist jetzt etwas anders als am Telefon. „Hast du meinen Moritz gesehen? Und den Fridolin?“

Ich weiß über beide alles. Ich kenne sogar den Namen des Kindes vor mir. Der Kleine heißt Max. Sein Vater ist ein Säufer und Handpuppendieb. Auch die Frau meines nächtlichen Gastes lässt nicht auf sich warten. Im Weinkeller hat er sie mir ja ausführlich und überschwänglich beschrieben. Sie stolpert nicht durch das Dickicht, sondern kommt den Weg entlang. Auch sie vergisst aufs Grüßen, entschuldigt sich aber für das ungestüme Verhalten ihres Sohnes. Den Erklärungen höre ich kaum zu, kenne ich doch die Vorgeschichte zu Genüge. Einiges ist dann aber auch für mich neu. Zu allem Unglück mit dem Hund komme nun auch Fridolin. Max müsse ihn hier irgendwo verloren haben.

Die Frau beschreibt mir die Handpuppe in meiner Manteltasche, dann den Hund. Ich könnte mich ahnungslos geben, schnell verabschieden und wegstehlen. Aber schon in ein paar Tagen würde ich meiner neuen Nachbarin über den Weg laufen, spätestens als Gast bei ihrem nächsten Fest wäre ich enttarnt. Manchmal ist es angebrachter, einen Teil der Wahrheit zu gestehen, um Wichtigeres zu verbergen und zu schützen. Ich erzähle ihr von ihrem Mann und meiner Bewunderung für ihn und seine Erfolge. Jetzt grüßt mich die Frau, sie gibt mir sogar die Hand. Mein Weinkeller müsse ja eine wahre Grotte sein, Sebastian habe davon wie von einem überirdischen Reich geschwärmt. Sie danke mir auch für die göttliche Idee, hier nach Moritz zu suchen. Leider sei ihr Gemahl kein Morgenmensch, schon gar nicht nach einer Nacht wie unserer. Aber warum ich hier sei, will sie wissen, ausgerechnet am Lusthauswasser.

Um zu helfen. Die offensichtlich wohlhabende und attraktive Dame blickt mich verständnislos an. Doch ich bin seit Neuestem ein Meister im Erfinden ständig neuer Lügen. Mir sei dieser liebe Hund inzwischen auch ans Herz gewachsen, und ein Suchender mehr könne nicht falsch sein. Dieser Frau scheinen so gutartige Menschen wie ich selten unterzukommen. Sie ist gerührt, streicht über das Haar ihres Sohnes, meint damit vielleicht aber mich. Der Kleine sieht mich an wie einen lieben Onkel, ich aber weiche seinen Augen voller Hoffnung aus. Man soll mir auch nicht anmerken, dass meine Gedanken beim Halsband sind. Ich könnte in die Richtung gehen, aus der ich gekommen bin, und dort vorgeben, diesen unseligen Hund zu suchen. Ein schneller Griff zum Baumstrunk hin, und das Halsband wäre im Burberry.

Ich höre, wie sich die Frau für Fridolin bedankt, selten bringe ihr Mann so liebenswerte Geschenke nach Hause, aber gemeinsam würden wir beide bestimmt noch finden, der flauschige Kleine und Moritz gehörten doch zusammen. Eigentlich müsste ich ihr jetzt antworten, dass sie mit einem Dieb und Säufer verheiratet sei und ich es bereue, ihm dem Namen meines allerletzten Freundes genannt zu haben. Eher verzichte ich auf Vinzenz als auf Fridolin. Deswegen bleibt der kleine Kerl in meinem Mantel, selbst wenn ihr Sohn in Tränen ausbrechen sollte. Doch Mutter und Kind haben mich ins Herz geschlossen. Die Zuneigung der Frau ist sogar so groß, dass sie mir Max anvertraut, während sie auf der anderen Seite nach dem verlorenen Liebling suchen will. Der Kleine aber bleibt nicht an meiner Seite, sondern stürmt los. Ich folge ihm, obwohl ich erst vor kurzem aus dieser Richtung gekommen bin.

Natürlich ruft er nach Moritz, manchmal fragend und lauschend, dann wieder befehlend, meistens aber wird aus seiner dünnen Stimme ein verzweifeltes Flehen. Ich hingegen werde zum Verstellungskünstler, brülle den Namen des Hundes in den Urwald und sogar über das Wasser. Wenn Max das Halsband findet, muss ihn das auf den einen Gedanken bringen, der mich noch retten kann. Nur wenn sein Spielkamerad im Lusthauswasser ertrunken ist, fügt sich alles zusammen, und die wahnwitzige Suche kann abgebrochen werden. Noch ist er ein paar Schritte vom Baumstrunk entfernt und auch mir zugewandt. Ich sehe seine Augen, die gleich eine Wahrheit entdecken werden, die ich geschaffen habe.

Und es ist so weit. Er schreit auf, voller Freude, er nähert sich dem verzierten Lederband, kann nicht verstehen, warum es hier hängt. Aber er zieht nur zaghaft an der kurzen Leine, nimmt sie nicht an sich, wie ich erwartet habe. Wenn er doch wenigstens wieder anfinge, nach seinem Hund zu rufen! Warum ist denn dem Kind so schwer begreiflich zu machen, was geschehen sein könnte? Laufen wir doch zurück zu seiner Mutter, sie wird sofort verstehen, was es zu bedeuten hat.

In diesem Augenblick weiß es nicht einmal ich. Wahrheit und Ausgedachtes kommen mir durcheinander. Wo ist Moritz? Begraben oder hier? Ob er noch lebt? Max fragt mich das auch. Um einer Antwort auszuweichen, muss ich unbedacht auf das Wasser geblickt haben, denn dorthin sieht er jetzt ebenfalls und wendet sich ab von mir, hin zur spiegelnden Eisfläche am Ufer. So langsam und gleichmäßigen Schrittes wie er gehen Erwachsene bei Begräbnissen, doch auch am Rand der zerfurchten und harten Erde macht er nicht Halt. Max betritt das gefrorene Lusthauswasser, überhört meine Warnung, dass das Eis noch nicht trägt. Hilflos drehe ich mich nach seiner Mutter um. Es ist ihr Kind, sie müsste wissen, wie es anzuschreien ist, damit es gehorcht.

Max hat etwas entdeckt. Aber er geht nicht auf Moritz zu, sondern auf einen Baumstamm mit Ästen, der aus der glänzenden Fläche ragt. In ein paar Tagen wird man sogar auf diesem schlammigen Gewässer mit Schlittschuhen fahren können. Ich frage mich sogar noch, ob ein Kind hier ertrinken könnte, bevor ich endlich handle. Die Decke hält, knirscht nicht einmal, im Sommer reicht das Lusthauswasser Kindern nur bis zur Hüfte, und in Trockenzeiten kann man das Bachbett sogar zu Fuß durchwandern. Auf dem Uferweg gegenüber sehe ich Spaziergänger. Sie kümmern sich nicht um uns. Doch im Fall des Falles wären sie rasch zur Stelle. Manchmal ist es eben leicht, mutig zu sein.

Es ärgert mich, dass die Mutter des Kindes mich nicht sieht. Sie könnte doch am Ufer über den Mann staunen, der als rettender Engel seine Gesundheit oder sogar das Leben aufs Spiel setzt. Ein Mensch, der mich mag und schätzt, täte mir in diesen Tagen gut. Davon abgesehen gefällt sie mir, obwohl sie an Tiffany nicht herankommt. Aber auch bei ihr steht ein anderer Mann im Weg.

Max zieht an einem Ast des festgefrorenen Baumstamms und lächelt mich an. Im Augenblick ist er erleichtert, aber schon im nächsten scheint es, als hätter er unter der Eisdecke eine weitere Gestalt entdeckt. Wieder nicht Moritz. Der Arme wird heute begreifen müssen, dass man oft im Leben Liebgewonnenes für immer verliert. Doch er gibt nicht auf, scheint sich so einiges von seinem tüchtigen Vater abgeschaut zu haben. Er bellt mich sogar an, ihm doch zu helfen. Ich sehe mich suchend um, rufe abermals den Namen seines Hundes. Der Kleine hingegen legt sich auf den Bauch und versucht durch das Eis in die Tiefe des Wassers zu schauen. Wahrscheinlich starrt er wieder auf vermodertes Holz oder auf einen lauernden Fisch oder einen im wahrsten Sinn des Wortes zu Grunde gegangenen Biber. Max richtet sich auf und stampft mit seinen feinen Schuhen auf die Eisdecke, bringt nicht nur sich, sondern auch seinen Retter in Gefahr.

Ich weiche zurück, schreie ihn an. An keinem der Ufer ist jetzt ein Wanderer zu sehen. Noch mischt sich in meine Wut Besorgnis, aber mein Zorn wird größer und größer, weil der Junge wie ein Verrückter springt und sein ganzes Gewicht zum Einsatz bringt. Schon knackst das Eis unter uns, und ich weiß auch, was jetzt richtig wäre, ich lasse ihn hier und gehe zum Ufer zurück, hinein in den Wald, rufe dort hilfsbereit und voller Eifer nach seinem Hund. Nur nicht Zeuge sein.

Doch dagegen spricht, dass der Kleine ohne mich nicht hier wäre. Ich habe nun einmal seinen Spielkameraden umgebracht. Ich ziehe meinen Burberry aus, lasse ihn zu Boden gleiten, um mich nicht in ihm zu verfangen, falls wir einbrechen, und ich im Wasser herumwaten muss. Max will schon zum nächsten, vielleicht entscheidenden Sprung ansetzen, da richtet er sich langsam auf und starrt auf meinen Mantel. Dann sieht er mich an.

„ Den Moritz hast du auch!“ Am Telefon war es noch eine Frage. Du hast den Moritz? Unter uns knackst das Eis. Aus der weiten Tasche meines Burberry lugt Fridolin. Seine Ohren sind zu erkennen und die Schnauze mit dem einen Nasenloch. Mein allerletzter Freund wird nun auch zu meinem Verräter.

Um Max herum ziehen die ersten Sprünge ihre Kreise. Lange kann es nicht mehr dauern, und er bricht berstend ein. Es ist, als hätte die Wahrheit ihn schwerer als mich gemacht. Wahrscheinlich ist aber alles höchst natürlich. Wenn er unter die Eisdecke gleitet, könnte nicht einmal ich ihm helfen. Sein kluges Köpfchen würde er mitnehmen, kein Verdacht, kein Vorwurf käme mehr ans Licht. Bei allen anderen bin ich bestens angeschrieben, Kinder aber wissen mehr. Max denkt wie ich. Noch ist er ein kleiner Richter. Nur sind seine Worte von einem Fehlurteil weit entfernt.

In wenigen Minuten kann alles vorbei sein. Ich brauche nur zu warten. Alle warten. Sogar der Wind hat sich gelegt, und die wenigen Vögel schweigen. Geblieben ist die Kälte und das Knistern unter meinem Feind. Nur noch ein paar Augenblicke, und er verschwindet. Es scheint ihm zu gefallen, dass er mich gestellt hat und in Verzweiflung sieht. Er setzt sein Leben aufs Spiel, um seinen Sieg auszukosten. Aber das sind nur rasende Gedanken eines Erwachsenen in höchster Not. Max ist ein Kind und sein Leben in meiner Hand. Ich strecke sie nach ihm aus, rede auf ihn ein, ganz schnell, aber vorsichtig. Er blickt an mir vorbei.

Ich wende mich um und sehe am Ufer die Mutter. Ich bin erleichtert, weil es jetzt nur noch einen Weg gibt. Ich gehe dem Kleinen entgegen, das Knacksen des Eises muss auch die Frau hinter mir hören. Wenigstens ist sie so klug, nicht auch noch heranzulaufen und uns alle einbrechen zu lassen. Sie vertraut mir. Dem ehrwürdigen Herrn. Noch aber ist die Sache nicht ausgestanden. Max bleibt stehen wie erstarrt. Um uns zu retten, lüge ich ein weiteres Mal. Dein Moritz ist nicht bei mir. Da ich schon längst auf der Seite der Verbrecher bin, fällt es mir auch nicht schwer, es ihm zu schwören.

Endlich nimmt er sie, meine Hand. Er gräbt seine Fingernägel in mein Fleisch, aber nicht, um sich festzuhalten. Ein Kind rächt sich an einem Erwachsenen. Ich nehme es gerne hin, genieße es sogar. Wenn die Strafe damit erledigt ist, und Max nur den Mund hält.

Am Ufer nimmt ihn die glückliche Mutter in die Arme. Für mein Gefühl hätte sie mehr tun können, als nur zuzusehen. Aber vielleicht ist sie derartige Auftritte ihres Sohnes gewohnt, oder sie liebt ihn so wenig wie meine Mutter mich. Jetzt aber werde ich auch von einer Frau gedrückt, und sogar ein Kuss kommt auf die rechte Wange. Ich sage etwas von Selbstverständlichkeit, und dass Max ein Abenteurer ist, voller Fantasie und wilder Geschichten. Sie nickt zustimmend und rät mir, dem kleinen Dichter nur nicht alles zu glauben, was ihm den lieben langen Tag einfalle.

Aber ist diese Frau wirklich auf meiner Seite? Ihr Sohn hat mich durchschaut. Auch jetzt treibt er sein Spiel, indem er schweigt. Ein anderes Kind würde meine Handpuppe an sich reißen und sie der Mutter triumphierend vor das Gesicht halten. Max aber sieht mich nur an, während ich den Gürtel um den Burberry zuziehe und Fridolin vor aller Augen verberge. Das Halsband seines Hundes aber holt er jetzt vom Baumstrunk. Er hält es mir entgegen und schüttelt es wie eine Schelle. Seine Mutter will es ihm aus der Hand nehmen und meint, für ein Kind sei das alles zu viel, und es wäre besser gewesen, dieses Ding nicht gefunden zu haben, nun sei alles wieder aufgewühlt. Sie fragt mich, ob es in Wien noch Hundefänger gäbe, aber vielleicht habe auch jemand den Moritz entführt und zu sich genommen.

Max lässt sich nicht bändigen, legt das Lederzeug um seinen Hals und läuft den Weg zurück, den ich heute schon einige Male gegangen bin. Seine Mutter scheint froh zu sein, jemanden zum Reden zu haben. Sie schiebt ihren Arm unter meinen, aber gemeinsam kommen wir nicht weit, die querliegenden Bäume trennen uns bald wieder. Sie gesteht mir, den Zirkus um den Hund nicht mehr lange zu ertragen, und es wäre ihr inzwischen am liebsten, das Tier wäre tot, schmerzlos umgekommen, da wisse man wenigstens, woran man sei. Aber ihr Mann sei wie versessen darauf, Moritz zu finden.

Ich halte die Äste des Dickichts von ihr fern, warte, wenn sie über heruntergebrochene Äste klettert, dabei den Mantel öffnet und ihre schönen Beine zeigt. In dieser Frau habe ich eine Verbündete, und Max wird es schwer haben, ihr seine Verdächtigungen aufzutischen. Beim Lusthaus angekommen, verbietet sie mir, an der Haltestelle der Straßenbahn stehen zu bleiben, mein Haus läge doch auf ihrem Weg. Also klettere ich auf den Beifahrersitz des mächtigen Geländewagens. Ihr Sohn hat hinten Platz zu nehmen, dorthin käme keiner ihrer Gäste, weil alles voll mit Hundehaaren sei.

In den Gassen weicht man uns ehrfürchtig aus, aber sie fährt schnell und redet trotzdem viel. Sie freue sich, mich persönlich kennengelernt zu haben, denn wenn man vor meinem Haus stehe, käme man auf ganz andere Gedanken. Ein guter Mensch wohne dort, fast ein Lebensretter, und nicht ein vertrockneter, hilfloser Alter. Ich erzähle ihr von meiner Vorliebe für Wildwuchs und die Romantik der Natur, und natürlich sähe es im Inneren vollkommen anders aus. Sie lacht und meint, dann sei die Nummer 47 in der Pötzleinsdorfer Straße wie so manche Menschen, von außen schrecklich, aber in der Seele schön und herzlich. Bald käme sie mich besuchen, natürlich vorausgesetzt, ich würde sie einladen. Sie habe auch keine Hintergedanken, nur ihr Mann, und falls er mich auf einen Verkauf meines Anwesens anspreche, solle ich unbedingt ablehnen, sie selbst wolle nicht größer und größer werden.

Sie hält vor meiner Villa und meint, wer immer da wohne, führe das richtigere Leben. Trotzdem, einstürzen dürfe das Haus nicht, es könnte einen sehr liebenswerten Menschen erschlagen. Hat die Frau an meiner Seite mir jetzt gedroht oder mag sie mich, wie sie es vorgibt? Wir verabschieden uns. Da kriecht Max an uns heran und drückt mir das Halsband in die Hand. Seine Mutter ist gerührt. Sonst mache er niemals Geschenke, aber ihr Sohn habe ein außerordentliches Gefühl für Menschen. Noch mehr aber freue sie eines. Max scheine damit endlich mit Moritz abgeschlossen zu haben.

*

In meinem Zimmer geht sie mir nicht aus dem Kopf. Eine schöne Frau in meiner Nachbarschaft, voll von Vermutungen. Keine stimmt. Weder bin ich liebenswert, noch wird ihr Sohn aufhören, mich zu überraschen. Max und Moritz gehören eben zusammen. Unter meinen Feinden ist nun auch ein Kind. Auch ihr Bild von meiner Villa trifft nicht zu. Es sei denn, meines ist falsch, und ich betrüge mich selbst. Ich habe heute das Knistern einer Eisdecke gehört, aber noch nie etwas Ähnliches aus meinen Mauern. Vielleicht wünscht man sich ja eine Ruine über mir, auf deren Einsturz man hofft, und alles wäre billigst zu bekommen. Meine neuen Nachbarn halten also Ausschau. Wie sonst könnte sich eine Frau die Nummer eines Hauses merken. Und sie träumt von einem prächtigen Neubau über einem alten Weingewölbe. Ich hätte es ihrem Mann nicht zeigen dürfen.

Ich selbst bin mit meinen Augen kaum in der Lage, die 47 an der Vorderfront zu erkennen. Auch die zerbrochenen Fenster und schadhaften Mauern erscheinen mir bei meinen Rundgängen in gnädiger Verschwommenheit. Ich weiß gar nicht, in welchem Haus ich lebe. Mir genügen meine gut gepflegten Zimmer, auch wenn es nicht mehr viele sind und immer weniger werden. Meine Villa gleicht mir selbst. In jeder Hinsicht.

Es widerstrebt mir, jetzt die Brille in die Hand zu nehmen, zu gut habe ich sie in Erinnerung. Sie gehörte zum Gesicht meines Vaters wie sein Mund und das volle Haar. Wahrscheinlich wollte ich nie eine tragen, um ihm nicht ähnlich zu sein. Er hat nicht viele gehabt, die aus der untersten Schublade des Schreibtischs war seine letzte. Sie passt mir.

So wie jetzt habe ich meinen Garten und das Haus noch nie gesehen. Als Kind hatte ich noch verlässliche Augen, aber auch die Villa stand in ihrer Blüte. Vielleicht hätte ich die Brille meines Vaters doch lieber zurücklegen sollen. Der alte Herr rächt sich, indem er mir vorführt, wie ich sein Erbe verkommen lasse. Kaum etwas an den Mauern ist noch heil, die Fenster sind mehr morsches Holz als Anstrich, die Geländer der Veranda lebensgefährlich. Ich schreite tatsächlich um eine Ruine herum. Hier wohnt ein Mensch?

Ein ähnliches Dickicht habe ich heute bereits durchwandert, allein die Holzstöße erinnern mich daran, dass ich hier lebe und sogar ab und zu Feuer mache in meinem Kamin. Und noch etwas kommt mir vertraut vor.

 

Ich gehe näher heran. Schon wieder eine Wodkaflasche. Diesmal einfach in meinem Garten zurückgelassen. Kann ein einziger Mann so viel trinken? Sigurd Fürst scheint mehr Wodka zu vertragen als ich Wein zu meinen besten Zeiten. Oder hilft ihm Tiffany dabei? War sie auch hier? Alles ist denkbar. Die beiden umkreisen mich und meine Ruine. Er will mich umbringen, sie hilft ihm dabei. Um mich in den Wahnsinn zu treiben, reicht es vollkommen, mir eine Flasche in den Weg zu legen. Ich brauche nur den Bison auf dem Etikett zu sehen und weiß schon alles. Oder eben nichts. Woraus sich tausende Möglichkeiten ergeben.

Die Flasche glänzt, hat noch keinen Staub angesetzt. Sie liegt einen Tag hier, oder vielleicht auch nur ein paar Stunden. Fürst hat sie geleert, während ich beim Krebsenwasser gefroren habe. In ganz Europa kommen bei den derzeitigen Temperaturen hunderte Menschen zu Tode, warum nicht auch ein Betrunkener in meinem Garten? Mein Eindringling liegt in einem Gebüsch und wird mich nie wieder belästigen. Auch ohne Margolin ist er ausgelöscht.

Aber warum sollen alle um mich herum erfrieren oder ertrinken? Ein Maler, mein neuer Nachbar und sogar ein Kind. Die Antwort ist einfach. Sie sind gegen mich. Ein jeder von ihnen könnte mir schaden. Sigurd will mein Leben, Sebastian die Villa und Max seinen Moritz. Seit gestern kommt Vinzenz dazu. Er möchte mir Tiffany nehmen. Er wird es nie zugeben, aber ich ahne es. Leider ist er mir gegenüber im Vorteil. Weder hat er ihren Lebensgefährten ins Gefängnis gebracht, noch sind sein Haus und sein Leben Ruinen. Und er hat auch schon zumindest einen Abend mit ihr verbracht. Ich hingegen weiß nicht einmal, wie sie heute aussieht. Von Tiffany habe ich höchst unbrauchbare Bilder. Einmal ist sie ein schemenhaftes Wesen in der Armbrustergasse, dann ein verschwommener Punkt unter dem Flakturm. Wirklich aus der Nähe kann ich sie nur betrachten, wenn ich in den Alten Arkaden ihre Doppelgängerin aus Stein besuche. Doch dazwischen liegen zwanzig Jahre. Dennoch glaube ich, dass Tiffany noch aufregender geworden ist. So oft am Tag, und in der Nacht fast unentwegt male ich sie mir aus. Wenn Sigurd Fürst wüsste, wie bedeutungslos er im Vergleich zu seiner Muse ist. Noch gehört sie ihm.

*

Was immer in mein Haus kommt, es bleibt darin oder kehrt dorthin zurück. Der Hund, sein Lederzeug und natürlich Fridolin. Gestern noch war das Halsband höchst verräterisch, jetzt ist es das Geschenk eines Kindes, ich kann es ohne Sorge auf dem Schreibtisch liegen lassen. Der Gegenstand ist derselbe, aber er hat eine vollkommen andere Bedeutung. Vielleicht sogar eine, die ich noch gar nicht kenne. Wenn ich anfange nachzudenken, wird das Halsband wieder gefährlich. Max hat es mir nicht aus Dankbarkeit und noch weniger aus Zuneigung gegeben. Das mag seine attraktive Mama vermuten, die Wahrheit aber kennt niemand von uns. Entweder wollte mich das Kind beschämen oder es führt etwas im Schilde mit mir.

Ihm ist einiges zuzutrauen, womöglich mehr als dem Fürst. Vielleicht war auch nur dieser Max hier, und Sigurd Fürst dagegen kein einziges Mal. Der Kleine ist in meinem Haus herumgeschlichen, hat Dinge verrückt, Wasserhähne aufgedreht und Schallplatten zerkratzt. Auch der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die ersten Veränderungen habe ich vor drei Monaten bemerkt, und meine Nachbarn sind vor einem Vierteljahr in unsere Gegend gezogen. In die ausgebaute Villa ein paar Häuser weiter, protziger als die Botschaft nebenan. Und die leere Wodkaflasche? Die wäre am einfachsten zu erklären. Irgendjemand kann sie ausgetrunken und in den Garten geworfen haben, der Wildwuchs lädt regelrecht dazu ein.

Vinzenz hat mich angerufen. Aus seinem Auto. Er ist auf dem Weg zu mir. Dabei war nichts ausgemacht, das Gestotter gestern am Telefon war unser letztes Gespräch. Oder war es vorgestern? Er will mit mir reden. In zehn Minuten ist er hier, um mich abzuholen. Für Tiffany würde ich mich umziehen, bei ihm genügt meine Alltagskleidung. Nur Fridolin kommt heraus aus der Manteltasche und in eine Schublade. Noch einmal soll er mir nicht gestohlen werden. Trotz aller Hektik und Wirrnisse bin ich noch gut im Denken. Max könnte hier auftauchen. Als braver Besucher, mit seinem Vater oder allein. Inzwischen bin ich mir sogar sicher, dass er mich aus dem Fenster seines Kinderzimmers beobachtet, alle meine Schritte überwacht. Seit Monaten hege ich einen solchen Verdacht.

*

Vinzenz schweigt während der ganzen Fahrt, bittet mich um Geduld. An Ort und Stelle würde ich alles am besten begreifen. Wir sehen einander auch nicht an. Ein jeder stellt sich wohl die Gedanken des anderen vor. Erst in der Innenstadt machen wir Halt, und ein Lift bringt uns in ein kleines Penthouse. Es ist offensichtlich nicht bewohnt, aber bestens eingerichtet und angenehm warm. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Vinzenz stellt mir ein Glas Wein auf den Tisch. Er nimmt mir gegenüber Platz und lässt mich nicht alleine trinken. Wie bei allen seinen Reden ist er bestens vorbereitet. Trotzdem kommt er von einem ins andere und greift öfter zum Glas als ich. Sein Glück lässt ihn überschwänglich werden. Er ist verliebt.

Tiffany. Mein Freund nickt. Er nenne sie aber Frau Bruckner, um möglichst wenig an ihren unseligen Lebensgefährten erinnert zu werden. Eine Mischung aus Tyrann und Verrücktem. Das viele Geld habe er nicht in einem malaysischen Casino verloren, wie behauptet, sondern einer Organisation für Wale gespendet. Dieser Mann lebe mehr unter Wasser als mit Menschen. Eine Frau an seiner Seite könne da nur zugrunde gehen, außerdem sei es einem Wesen voller Lebenslust nicht zuzumuten, jahrzehntelang auf ihn zu warten und dann erst vor dem Nichts zu stehen, finanziell und in allen anderen Dingen. Außer in das Haus des Meeres gehe Fürst kaum noch irgendwohin, das Aquarium in seiner Zelle habe aus ihm einen Wahnsinnigen gemacht.

Vinzenz redet in einem Schwall weiter. Niemals hätte er damit gerechnet, dass sich sein Leben noch einmal derart ändern könne, und trotzdem hänge alles an einem seidenen Faden. Dieser Sigurd Fürst könne das ganze Glück zerstören, er habe vor ihm mehr Angst als ich.

Mir fällt es schwer, halbwegs vernünftige Sätze hervorzubringen. Ich rede von falschen Verdächtigungen und einem Irrtum, die ganze Angelegenheit sei mit einem Kind zu erklären. Ich will schon von Max erzählen, wohl auch, um Vinzenz nicht weiter zuhören zu müssen und seine leuchtenden Augen zu sehen, wenn er von Tiffany spricht. Aber als Richter ist er es gewohnt, dem anderen das Wort abzuschneiden. Er will wissen, auf wessen Seite ich stehe. Auf seiner oder der Fürsts. Auch wenn dieser Maler damals keinen Mord begangen habe, heiße das noch lange nicht, dass er für immer der Unschuldige bleiben würde. Der Verrückte habe zwei Leidenschaften, seine Fische und seinen Richter. Ich könne doch nicht so blind sein und ihn noch nie in meinem Garten gesehen haben. Er werde mir jetzt auch sagen, warum man Fürst nicht mehr observiere. Das habe natürlich er, Vinzenz, verfügt.

Und mein Freund sieht mich lange an. „Ludwig, es soll keine Zeugen geben, wenn du schießt. Und du wirst schießen. Einmal, dreimal. Wenn du nur triffst. Es wird Notwehr sein, dafür hast du mein Wort.“

Er hebt nun sein Glas. Ich stoße nicht an. Nicht auf einen bestellten Mord. Noch weniger mit einem Mann, der mir meine heimliche Geliebte wegnehmen will. Er aber ist sich sicher, dass ich gehorchen werde. So wie er fest an die Erwiderung seiner Gefühle glaubt. Aber vielleicht hat er recht. Ich gehöre zu den Verlierern. Er hat immer bekommen, was er haben wollte. Dieses Penthouse etwa, von dem nicht einmal ich als sein bester Freund eine Ahnung hatte. Niemand weiß davon. Aber er erzählt mir auch, wozu es gut sein soll. Sie soll hier wohnen. Mit glasigem Blick erklärt er mir, Frau Bruckner mehr als jede andere Frau verwöhnen zu wollen und jetzt schon das Wichtigste zu spüren. Sie werde nicht widerstehen können. Weder den zukünftigen Geschenken noch seiner Liebe. Aber man müsse ihr Zeit lassen und dürfe jetzt nichts überstürzen. Vor allem nicht seinetwegen. Ein falscher Schritt, und er habe diesen Fürst am Hals.

Vinzenz greift zu seinem Handy, um mir ein Bild von seiner Geliebten zu zeigen. Zum ersten Mal habe ich die Tiffany von heute nah vor mir. Was immer kommen mag, ich werde alles tun, um diese Frau nicht zu verlieren. Mich beschäftigt sie schon ein halbes Leben lang, seit ihrer Zeit als Mädchen. Vinzenz läuft mit ihr erst ein paar Wochen herum. Am grauenhaftesten ist für mich die Vorstellung, er könne vor mir ans Ziel gelangen. Ich kann eine endlosen Reihe von Männern hinnehmen, nicht aber ihn, den unersättlichen Junggesellen.

Mein Freund gesteht mir, dass er mit ihr erst intim werden wolle, wenn alles ausgestanden sei. Damit weiß ich, wie viel Zeit mir noch bleibt. Er scheint seine Pläne gut und oft durchdacht zu haben. Ich muss ihn nicht erst fragen, warum Sigurd Fürst jetzt plötzlich doch gefährlich sein soll. Noch vor Wochen hatte Vinzenz mir ja versichert, Fürst zeige keinerlei Anzeichen von Gewalttätigkeit. Nun erzählt er mir von Exzessen im Wodkarausch und Schlägen gegen die arme Frau Bruckner.

Mein Freund ist wie verwandelt. Eine Geisteskrankheit könnte ihn befallen haben, oder ein Krebsgeschwür. Vielleicht ist es auch ein Spiel, auf das ich hereinfallen soll. Oder er hat mich nur verschont. Wenn man so weit kommen will, wie er gekommen ist, muss man wohl über Leichen gehen. Vinzenz ist heute ein ganz großes Tier.

Ich verberge meine Gedanken, während er mir die seinen verrät. Vielleicht sind es lauter Lügen, um mich gefügig zu machen. Sigurd Fürst trage ständig ein Messer bei sich, von dem nur Frau Bruckner wisse. Sogar nachts schlafe er mit der Scheide am Fußgelenk. In Malaysia habe er damit die jungen Haie aufgeschlitzt und ausgenommen. Nur sie pflege er zu harpunieren, während ihm alle anderen Fische heilig seien. Kein Zweifel, ein überaus gefährlicher Wahnsinniger sei nun in der Stadt.

Vinzenz hat offenbar alles vorgebracht und mir nichts mehr zu sagen. Zum Abschied blickt er mir wie ein Hypnotiseur tief in die Augen, als beschwöre er mich, von diesen Stunden nur ja nichts zu vergessen. Der Lift bringt mich hinunter in das Erdgeschoss eines Hauses am Rande der Innenstadt, das mir plötzlich unheimlich geworden ist..

*

Seit zwei Tagen denke ich an Tiffany und Vinzenz. Alle Eindringlinge sind vergessen, auch das Hundegrab kommt mir vor wie aus einer anderen Zeit. Allein meine verätzten Hände erinnern mich an Moritz. Immer wieder geistert das Gespräch mit Vinzenz in dem Penthaus durch meinen Kopf. Das Ganze ist so ungeheuerlich, dass ich manches erst jetzt so richtig begreife. An alles hat er gedacht. Sogar Sigurd Fürsts Ausstellung im Justizpalast hat ihren Sinn, soll sie doch beweisen, wie sehr Vinzenz sich dieses zu Unrecht Verurteilten annimmt. Ohne jedoch darüber hinwegzutäuschen, dass Sigurd Fürst eine tickende Bombe ist, der jetzt schon mit seinen Anfällen der Frau Bruckner das Leben zur Hölle mache.

*

Mein neuer Nachbar bleibt bei seinen schlechten Gewohnheiten und betritt unangemeldet mein Haus. Dieses Mal macht er mir Handschuhe für meine angegriffenen Finger und ein Kuvert zum Geschenk. Unaufgefordert nimmt er Platz und drängt mich, den Umschlag zu öffnen. Zum Vorschein kommt ein Ticket für das Riesenrad. Zum letzten Mal bin ich vor einem halben Jahrhundert damit gefahren, und ich begreife nicht, wie man mich dafür einladen kann. Doch mein Nachbar freut sich wie ein Kind und überrascht mich noch weiter. Am 25. Mai 1947 sei es wieder eröffnet worden, an einem Tag, der für mich die allergrößte Bedeutung habe. Natürlich kenne ich diesen Tag im Mai, haben mir doch meine Eltern in besonderen Stunden von ihm erzählt. Aber die beiden sind tot und haben dieses Geheimnis mit ins Grab genommen, und ich habe es niemandem verraten. Oder doch?

Der tüchtige Mensch Mitte dreißig kennt es. Voller Stolz enthüllt er mir, was ich schon fast vergessen hatte. Ich frage ihn, woher er es wisse, aber er lächelt nur. Obwohl mich seine Überheblichkeit anwidert, bin ich dennoch gerührt. Er hat meine Eltern an einem ihrer besten Tage wieder auferstehen lassen, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Er kommt dann auch gleich zur Sache und meint, für ein Haus mit einem so fantastischen Weinkeller sei er bereit, mehr als das Übliche zu bezahlen. Wahrscheinlich sei es noch zu früh für mich, über Geld zu reden, aber niemand würde mir so viel bieten wie er. Genug, um eine neue Villa oder ein Penthouse in bester Lage zu erwerben. Für die Gewölbe da unten verkaufe er sogar gerne eine seiner Spielhallen im Prater.

Dieser Mensch ist drauf und dran, an mir zu scheitern. Vielleicht musste er mir begegnen, damit ihn einer in die Schranken weist. Mein Lächeln versteht er. Doch er ist klug genug, mich nicht weiter zu bedrängen. Bei seiner Verabschiedung kann er es jedoch nicht lassen, primitiv und banal zu werden. Alles sei käuflich, es sei nur eine Frage des Preises. Noch bevor ich ihm die Handschuhe aus feinstem Leder zurückgeben kann, ist er schon im Garten. Aber so wie das Haus und der Weinkeller wird auch der Garten ihm nie gehören.

*

64. Keine runde Zahl. Aber ich feiere Geburtstage seit Jahren nicht mehr. Dennoch ist heute einiges anders. Die Menschen scheinen sich wegen der Schneeverwehungen in die Häuser verkrochen zu haben, und ich bin nahezu allein im Foyer zum Riesenrad. Im Sommer ist hier alles überlaufen, heute aber scheint dieses Wahrzeichen der Stadt nur für mich da zu sein. Ein junges Paar kommt noch heran und wird mit mir auf die Reise gehen. Beim Einstieg in einen der schwankenden Waggons erinnere ich mich an die glänzenden Augen meiner Eltern, wenn sie von der Wiedereröffnung des Riesenrades erzählten. Wie das Burgtheater, die Oper und den Stephansdom hatte man es aus der Asche geholt. Der Krieg war seit zwei Jahren vorbei und das Leben voller Zukunft. Und meine Eltern zeugten ihr Kind der Liebe. Nicht in der Villa, sondern mein Vater war so verwegen, mit seiner Frau die Nacht in einem der besten Hotels zu verbringen. Am 25. Mai 1947.

Draußen bläst der Wind, man könnte fast seekrank werden. Ob meine Eltern in dieser Gondel waren, in der ich jetzt bin? Wahrscheinlich waren sie ähnlich verliebt wie das Paar hinter mir. Kommen die beiden aus Polen? Sind sie auf einer Hochzeitsreise oder nur zu Besuch? Ich vergehe fast vor Wehmut beim Anblick der schneebedeckten Welt da unten. Mit der Brille meines Vaters sehe ich auch so viel wie schon lange nicht. Keine noch so große Geburtstagsfeier könnte schöner sein. Diese Minuten verdanke ich ironischerweise dem neuen Nachbarn. Sogar seine Handschuhe trage ich, doch nur wegen der Kälte, denn die Schrunden beginnen zu heilen. Früher oder später wird mir der Spielhallenbesitzer aus dem Prater erzählen müssen, woher er unser kleines Familiengeheimnis kennt.

 

Vielleicht mache ich es mir zur Gewohnheit und fahre auch an meinen nächsten Geburtstagen mit dem Riesenrad. Im Foyer lese ich, dass man sogar Waggons mieten kann. Für mich allein? Warum nehme ich mir nicht vor, in einem Jahr mit Tiffany hier zu feiern? Doch wahrscheinlich ist das größte Problem nicht er, sondern ich. Selbst mir fällt kein Grund ein, warum diese außergewöhnliche Frau mich mögen sollte. Trotzdem habe ich nach wie vor die Hoffnung, dass sich unser beider Leben verbindet.

Am Eingang zum Prater kommt mir meine neue Nachbarin entgegen und erkennt mich auch sofort. Die wäre wohl leichter zu erobern. Sie ist aufgeregt und in Eile, nimmt sich aber die Zeit, mich zu umarmen und mir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen. Sie ist nicht zu einer der Spielhallen ihres Mannes unterwegs, sondern hat ein eigenes Etablissement. Natürlich bin ich herzlich eingeladen, morgen die Beerdigung von Whitney Houston mitzuverfolgen. Die Übertragung könne man bei ihr auf der großen Leinwand sehen, und sie erwarte hunderte Fans für die gemeinsame Feier. Ich kenne zwar den Namen der Verstorbenen, habe mich aber nie für ihre Musik interessiert. Ich schweige darüber, um die tüchtige Unternehmerin nicht zu verletzen. Sie gesteht mir, wegen dieses Begräbnisses mit ihrem Mann im Zwist zu sein, für ihn komme von den toten Sängerinnen der letzten Zeit nur die Winehouse in Frage, und bei ihr habe er auch Glück gehabt, weil er sie in seinem Casino im letzten Sommer beerdigen konnte, ohne Schnee und geschlossene Praterbuden.

Meine neuen Nachbarn leben offenbar nicht nur bestens vom Spieltrieb und anderen Süchten, sondern auch von Menschen, die an ihren Erfolgen zugrunde gehen. Einen Teil von diesem Geld soll ich bekommen, für meine Villa. Allerdings überrascht mich der Mann wiederum. Sein Gehabe ist zwar primitiv, nicht aber sein Musikgeschmack. Für mich ist zwar die Callas eine unerreichbare Größe, aber Janis Joplin und Amy Winehouse gefallen mir beinahe ebenso gut. Jetzt gibt mir die Frau noch den Rat, auf Sebastians Wünsche nicht einzugehen, und endlich erfahre ich auch den Namen der Familie. Grohmann. Sie selbst aber solle ich lieber so nennen, wie ihre Gäste es tun. Nadine. Nadine nimmt mir sogar ein Versprechen ab. Kein Hausverkauf, denn ihr Mann würde sich im Keller zu Tode trinken, und noch brauche sie ihn.

Noch? Ihre letzte Bemerkung ist in der schnellen Umklammerung zum Abschied fast untergegangen. Sie könnte ihr versehentlich entkommen sein, aber danach sieht Nadine Grohmann nicht aus. Warum sollte sie nicht ebenso berechnend sein wie er? Im Prater hat sie schon ihren Platz, jetzt kommt die Pötzleinsdorfer Straße an die Reihe. Oder nur ich. Will Nadine mich oder auch nur mein Gewölbe? Denkt sie an ein Etablissement unter einem Geisterhaus, das sich für Beerdigungen ihrer Art besonders eignet? Vielleicht weinen einmal verzweifelte Fans um ihre Idole in meinem Keller. Platz hätten hunderte.

Auf der Fahrt heimwärts mit dem 41er erkenne ich immer deutlicher das Vorhaben der Familie Grohmann. Beide wollen meinen Besitz. Nur ein jeder für sich und seine Pläne. Nadine ist nicht so grobschlächtig wie ihr Mann, der mich einfach nur kaufen will. Sie glaubt, mit ihren grünen Augen und ständigen Umarmungen ans Ziel zu kommen. Oder aber sie ist wie ich und liebt zu Hause die Behaglichkeit mehr als Glitzer und Glamour. Dann könnte ihr sogar meine Ruine gefallen, wenn im Sommer die Efeuranken und unzählige Blätter daraus ein romantisches Schlösschen machen. Doch dieser Gedanke ist gefährlich. Bin ich schon so weit, nicht mehr an Tiffany zu glauben? Es würde zu mir passen. Es hat nie vieler Hindernisse bedurft, um mich scheitern zu lassen. Wann endlich werde ich einer wie Vinzenz? Aber vielleicht muss man zum Sieger geboren sein.

*

Ich steige aus der Straßenbahn und kann gerade noch rechtzeitig stehen bleiben. Unweit von meinem Haus hält ein mir bekanntes Auto. Natürlich hätte ich mit ihr rechnen müssen. Kristina hat noch nie auf meinen Geburtstag vergessen, doch vielleicht besucht sie mich wieder nur, um irgendein Andenken an sich selbst aus ihrem Zimmer zu holen. Ich aber habe kein Bedürfnis, meiner Frau gegenüberzutreten. Das aber hat anscheinend auch sie nicht vor, denn sie geht am Gartenzaun entlang und weiter. Nur einen kurzen Blick hat sie auf unser gemeinsames Haus geworfen und meine Abwesenheit bemerkt, da keines der Fenster erleuchtet ist.

Wozu ist sie hier? Wenn Kristina jetzt kehrtmacht und die Villa umschleicht, ist endlich alles klar. Der Eindringling ist die eigene Frau. Oder wird mir meine schlechte Menschenkenntnis bewiesen, denn ich sehe schon beinahe in jedem einen Feind. Sigurd, Vinzenz, Kristina, Sebastian, Max und seit heute Nadine. Ich habe mir eine schöne Gefolgschaft auserkoren. Wer kommt morgen dazu? Allein Tiffany ist mir noch geblieben.

Meiner Frau jedenfalls habe ich Unrecht getan. Sie geht an der Villa vorbei und weiter die Straße entlang. Ich folge Kristina, um ihr dann auf dem Rückweg entgegenkommen zu können. Früher habe ich in dem kleinen Laden Blumen für sie gekauft, jetzt wird sie es tun, um dem Geburtstagskind eine Freude zu machen. Deswegen verzeihe ich ihr sogar den Lärm ihrer Stöckelschuhe. Sie sind heute schwarz, und das Streusalz auf dem vereisten Gehsteig knirscht unter den Absätzen. Ich bin nicht einmal abgeneigt, meine Frau in den Keller einzuladen. Beim besten aller Weine werde ich sie fragen, wie es dem Chirurgen geht und der großen Liebe. Ganz ohne Eifersucht lasse ich mir von seinen Vorteilen erzählen und dass ihr wahres Leben erst mit ihm begonnen habe. Ich könnte ihr antworten, wie dankbar ich meinem ehemaligen Freund bin, mir die streitsüchtige Ehefrau abgenommen zu haben, doch ich werde es nicht tun. Nicht heute, nicht an meinem Tag.

Kristina ist stehengeblieben. Vor einer Villa, die ich kenne. In mir steigt das Entsetzen auf. Sie blickt sich um. Dann läutet sie am Gartentor, und schon wenig später ist das Schnarren des Öffners zu hören. Sie wurde erwartet.

Ich hole die Brille meines Vaters aus dem Etui und setze sie auf. Trotzdem sind hinter einem der Fenster nur Schemen zu erkennen. Ich muss wohl näher herangehen an das Anwesen der Familie Grohmann, bevor ich Kristina verurteilen kann. Obwohl, zu vieles passt bestens zusammen. Wenigstens hilft mir eine Lücke im halbfertigen Zaun, um der Angelegenheit auf den Grund gehen zu können. In diesem Garten kommt man auch schnell voran, kein Geflecht aus Gras und Geäst lässt mich stolpern.

Kristina hält ein Glas in der Hand, Sebastian geht im Zimmer mit dem ausladenden Luster auf und ab, redet auf sie ein. Es kann keinen Zweifel geben, die beiden verstehen einander gut. Sie sind Verbündete. Hier wird nicht über das Wetter und die Schneeverwehungen gesprochen, sondern über den Starrsinn eines Menschen, der in einer Ruine lebt und sie um keinen Preis verkaufen will. Bestimmt erklärt er ihr jetzt, wie sie mich anpacken muss, damit ich gefügig werde und verkaufe. Ich gebe zu, ich habe meinen neuen Nachbarn unterschätzt. Er verlässt sich nicht nur auf sein Geld, sondern setzt Kristina auf mich an. Keine schlechte Wahl.

Mein Vorteil ist, das alles zu wissen. Doch dabei bleibt es nicht. Kristina macht mir ein Geburtstagsgeschenk, das mir viel lieber ist als alle Blumen dieser Welt. Sie kramt den seit Jahrhunderten bewährten Trick aus der Mottenkiste und tut so, als hätte sie etwas im Auge. Eine Wimper vielleicht, aber das genügt, um Sebastian nah an sie heranzuholen. Ganz nah. Jetzt atmet er den Duft ein, den ich so gut kenne. Endlich, das Unvermeidliche! Küsst er besser als ich? Ob es Nadine gefällt? Ein Wohlgefühl ist es, frei zu sein von Eifersucht. Das war nicht immer so, ganz im Gegenteil. Heute lässt mich kalt, was da oben jetzt geschieht. Trotz halb erfrorener Füße geht es mir gut. Weil sich alles zusammenfügt. Sebastian ist entzaubert. Von Kristina hat er die Umstände meiner Zeugung erfahren.

*

Ich habe ihn nicht kommen gehört, aber lange kann er nicht hinter mir gestanden sein. Max spricht leise, als wollte er seinen Vater beim Liebesspiel mit meiner Frau nicht stören. Aber seine Fragen sind für mich erschreckend genug. Warum bist du in unserem Garten? Bist du ein Dieb?

Wie Sigurd Fürst schleiche ich auf fremdem Grund und Boden herum und beobachte Menschen durch die Fenster. Max will wissen, ob ich seinen Vater schlagen will. Und er holt noch weiter aus. Bist du ein Mörder?

Ich sage nein und lache sogar, und trotzdem hat er recht. Zwar habe ich nur seinen Moritz umgebracht, und auch das in Notwehr, doch der Kleine ahnt, was in mir steckt und nur auf den geeigneten Augenblick wartet. In Gedanken habe ich schon fast alle um mich herum mit meiner Margolin niedergestreckt. Sogar dieses Kind hätte ich beinahe durch die Eisdecke brechen lassen, aber jetzt reiche ich ihm ein zweites Mal die Hand. Max, keine Angst, du kennst mich doch.

Er ist von allen der Gefährlichste, und es wäre das beste, sein Vertrauen zu gewinnen. Mutter und Sohn sollen meine Verbündeten werden. Max scheint dazu auch bereit, denn statt weitere Fragen bekomme ich ein Lächeln und das Angebot, dass er mir sein Haus zeigen möchte. Ich sträube mich, doch der Kleine zieht mich weg, vorbei am Wintergarten, hinüber zum Pool. Auch hier bleiben wir nicht stehen, nehmen den ausgetretenen Pfad im Schnee und gelangen erst in der hintersten Ecke des Hügels ans Ziel.

Voller Stolz zeigt er auf die Hundehütte, kriecht hinein und fordert mich auf, nachzukommen, aber ich mache am Eingang halt. Er entzündet eine Kerze, und ich sehe sein Reich. Was mir noch vor wenigen Augenblicken abwegig erschienen ist, kommt mir nun überaus vertraut vor. Bei mir war es ein Baumhaus, und auch ich baute mir darin meine eigene Welt aus Dingen, die andere weggeworfen hatten. Noch mehr aber rührt mich das Vertrauen des Kindes. Ich hätte niemals einen Erwachsenen in den Apfelbaum geholt, nicht einmal mein Vater durfte die Leiter zu mir heraufklettern. Vielleicht aber wären mir Einbrecher und Mörder willkommen gewesen.

Max aber ist anders als ich. Er scheint keine Angst zu kennen. Sogar meine Warnung vor der Kerze nimmt er nicht ernst, dabei könnte das Zeug in seiner Hütte ganz leicht Feuer fangen. Nicht alles ist aus altem Eisen, die meisten Stücke sind hölzerne Modelle von Flugzeugen und Schiffen und bestimmt trocken wie Zunder. Ich habe Erfahrungen mit abgebrannten Hütten. Doch in meiner waren nur Werkzeuge und kein Kind.

Weiß sein Vater von dieser Gefahr? Oder kümmert er sich nur um meine Frau mit der dazugehörigen Villa? Und was ist mit der Mutter von Max? Eben ist sie nach Hause gekommen, die Vorbereitungen für die Beerdigung scheinen vorbei zu sein. Warum ruft sie nicht ihren Sohn oder hält Ausschau nach ihm? Wahrscheinlich denkt sie, dass er in der Hundehütte ohnehin bestens aufgehoben ist, und in der Dunkelheit könnte sie ihn sowieso nicht sehen. Von hier aus hat man hingegen einen prächtigen Blick auf den hell erleuchteten Wintergarten. Nadine hat sich ein Glas eingeschenkt, eine Zigarette angezündet und wandelt jetzt zwischen den exotischen Pflanzen. Max flüstert mir zu, dass er bald wegzulaufen gedenke, zu seinem richtige Vater. Ob ich mitkommen möchte? Ich antworte ihm nicht, weil mich jetzt nur der Blick hinter die durchsichtigen Fassaden beschäftigt. Aber ich verstecke mich bei dir, fährt er fort, ganz lange, dann wird sie weinen.

Vielleicht bricht seine Mutter schon früher in Tränen aus, wenn sie merkt, was im oberen Stockwerk vor sich geht. Auch wenn Max keine Ahnung hat, was jetzt passieren könnte, schaut er mit mir auf die große Bühne hinunter. Wie in einem Theater ist alles bestens ausgestattet, der Vorhang offen, doch nichts geschieht. Dann aber scheint Nadine etwas zu hören. Kristina kommt über eine Wendeltreppe in den Wintergarten. Ihr folgt der Herr des Hauses, allerdings mit vollen Händen. Er trägt eine weiße Mädchenfigur in den Armen, fast so groß wie sein Hund Moritz. Er stellt sie vorsichtig auf einen Tisch. Auf jeden Fall ist die nackte Dame sehr zerbrechlich, dem Anschein nach aus Porzellan. Erst jetzt kommt er dazu, meine Frau mit seiner Frau bekannt zu machen. Sebastian erklärt Nadine natürlich mit großen Gesten die Zusammenhänge, und Kristina macht das Spiel perfekt, indem sie ihm einige Geldscheine überreicht. Wer sollte da noch schlecht denken?

Meine Frau umkreist die weiße Schöne mit dem Stolz der neuen Besitzerin und bekommt von Nadine zur Feier des Tages auch noch ein Glas gereicht. Sebastian kann mit seinem Einfall zufrieden sein. Oder hat Kristina ihn gehabt, mitten im Liebesakt? Der Kleine neben mir ist froh, dass sie weg ist, die blöde Puppe, mit der er nie hatte spielen dürfen. Er holt ein kleines Riesenrad aus seiner Hütte, verstaubt zwar, und nur aus Zündhölzern gebaut. Von seinem richtigen Vater. Er strahlt und zittert. Auch in mir kriecht die Kälte hoch, und ich stelle verlegen fest, dass wir beide jetzt frieren. Er schüttelt sein Köpfchen.

Nimmst du Moritz mit? Ich verstehe ihn nicht. Dein Haus ist viel schöner als unseres. Aber allein gehe ich nicht in den Keller, nur mit dir. Ist Moritz jetzt dort?

Ich frage ihn, ob er schon einmal in meinem Garten war. Er nickt. Im Haus? Er nickt wieder. Mit Papa? Dieselbe stumme Antwort. Auch allein? Er bejaht meine Frage mit Stolz. Kinder sind Angeber, aber ihm traue ich mehr zu. Er könnte hinter Vorhängen stehen und Überschwemmungen anrichten. Aber vielleicht will ich nur, dass er es ist, und Sigurd Fürst dafür meinen Garten noch nie betreten hat. Dieser Kleine könnte gefährlicher sein als der Mann mit dem Tauchermesser am Fußgelenk. Max will wissen, wann ich denn mein Haus verkaufe und ob ich den Moritz mitnähme.

Auf der Bühne hinter der Glasfassade wird gelacht und getrunken. Vielleicht darauf, dass man sich eins geworden ist und weiß, wie man mich kaufen kann? Ich habe mehr als genug erfahren. Beim Abschied will Max mein Freund werden, zerdrückt ein paar Tränen, behauptet aber trotzig, nicht wegen mir zu weinen, sondern nur wegen Moritz.

*

Nicht einmal an meinem Geburtstag finde ich zu Hause noch Ruhe. Jetzt klingelt mich Kristina in den Garten hinaus, und ich muss ihre alle Türen öffnen, um sie in mein Zimmer zu lassen. Keuchend stellt sie die Figur auf den Schreibtisch, die Nackte ist tatsächlich aus Porzellan. Eine hervorragende Arbeit von der ungarischen Manufaktur Herend, in dieser Größe ungewöhnlich. Kristina meint obenhin, sie sei zufällig an ihr Geschenk gelangt. Damit hat sie wohl nicht unrecht. Ihre weitere Geschichte verrät zwar nichts von einem neuen Liebesabenteuer, klingt aber glaubwürdig. Vor ein paar Tagen habe sie mich besuchen wollen, aber nicht angetroffen, und sei von einem netten Herrn angesprochen worden, der hier ganz in der Nähe wohne und mich auch kenne. Man hätte über nichts und alles gesprochen, aber auch von meinem Geburtstag. Er sei mit der Figur nicht glücklich gewesen, immer voller Angst, sie zu zerbrechen, und deswegen sei er froh, sie nicht mehr in seinem Haus zu haben, übrigens ein Paradies, das ich mir unbedingt ansehen müsse.

Mir gefällt Kristinas Geschenk, mehr noch aber, was sie mir so erzählt. Hauptsache, ich kann aufhören, an eine Verschwörung zu glauben. Am Abend meines Geburtstages nehme ich sogar halbe Wahrheiten hin, und es spricht für meine Frau, dass sie mit keinem einzigen Wort den Verkauf unseres Hauses erwähnt. Schließlich verlässt sie mich in Eile, nicht ohne die Andeutung fallen zu lassen, dass sie sich in meinem ehemaligen Freund geirrt hat. Chirurgen seien eben mehr Fleischer als Liebhaber.

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Bei einer Flasche Wein überlege ich mir, wohin ich die zerbrechliche Schöne stellen könnte. Sie sieht Kristina ähnlich. Meine Frau werde ich wohl nie wieder nackt sehen, dafür habe ich jetzt die Dame aus feinstem Porzellan. Zwar habe ich Sebastian Grohmann von Anfang an nicht gemocht, doch jetzt spüre ich so etwas wie Eifersucht. Kristina gönne ich alten Freunden, nicht aber ihm. Es wird Zeit, sie anzurufen. Wir werden miteinander einen schönen Abend verbringen und von früher reden. Nicht alles war schlecht, und ich nicht besser als sie. Was ein Geschenk alles anrichten kann.

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Es wird wärmer, doch ein Tag ohne Eiseskälte macht noch keinen Frühling. Ich habe das Gefühl, aus einer Erstarrung aufzutauen. Mein fünfundsechzigstes Lebensjahr beginne ich in einem Keller. Aber hier wird kein Wein gelagert, sondern eine Unmenge an altem Zeug, das manche Leute nicht mehr haben wollen, während andere danach suchen. Früher habe ich hier sogar die eine oder andere Kostbarkeit gefunden oder auch nur eine Erinnerung an meine Jugendzeit. Jetzt durchwandere ich die Gewölbe mit den zahllosen Verlassenschaften, um ein Geschenk zu entdecken. Nicht für Kristina. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich nur das Vertrauen von Max gewinnen oder ihm wirklich etwas Gutes tun möchte. Gesellschaftsspiele gäbe es hier einige, aber ich glaube, viel mehr Freunde als ich hat er auch nicht. Es scheinen überhaupt einsame Menschen gerne hierher zu kommen, wie der alte Mann, der in Vorhängen wühlt und mich wohl als einen ansieht, der mit seiner feinen Kleidung nicht in diesen Keller passt.

Ich wandere weiter, von einer Unterwelt zur anderen, von kitschigem Tand zu wertvollen Verlassenschaften. Doch dann schwebt sie über mir. Santa Maria. Mit ihr hat Kolumbus Amerika entdeckt.

 

Das Modellschiff ist zwar ziemlich verstaubt, aber aus Holz, Stoff, Schnüren und die sorgfältige Arbeit eines geduldigen Menschen. Dieser Könner hat es vor vielleicht sechzig Jahren gebaut, oder auch in einem der Weltkriege. Max wird es gefallen, und mich freut es, für ihn ein nicht alltägliches Geschenk gefunden zu haben. Jetzt heißt es, sich beeilen, um es ihm noch heute bringen zu können. Wann muss ein Fünfjähriger ins Bett? Aber vielleicht ist er erst vier. Zur Schule geht er auf jeden Fall noch nicht.

*

Dieses Mal krieche ich nicht durch den Zaun, sondern läute am Gartentor, das, anders als meines, mit ausladenden Schmiedeeisenarbeiten verziert ist und in neuer Farbe glänzt. Aber bei mir schnarrt kein Öffner, sondern Max kommt mir entgegengelaufen. Seine Eltern scheinen nicht zu Hause zu sein. Auch wenn ich keine Lust habe, den erfolgsverwöhnten Spielhöllenbetreiber zu treffen, so wäre ich doch gerne seiner Frau begegnet. Vor allem hätte sie sehen können, wie ich ihren Sohn verwöhne und dass ich ein Mensch bin, mit dem man sich anfreunden kann. Früher oder später werden wir uns näher kommen. Ich erwarte auch keine Liebe, sondern ein Bündnis gegen ihren nach Besitz gierenden Mann. Aber warum sorge ich mich so sehr um mein Haus? Allein ich entscheide über Verkauf oder nicht.

Max strahlt und hält die hölzerne Santa Maria wie einen neuen Hund in seinen Armen. Er will das Schiff gleich in seine Hütte bringen und niemandem zeigen. Auch seiner Mutter nicht. Nadine wird also nicht erfahren, was für ein freundlicher und guter Nachbar ich bin. Aber sie erkennt es wohl auch ohne Geschenke, warum sonst hätte sie mich vom ersten Augenblick an wie einen alten Freund behandelt. Ohne Hintergedanken. Gegen sie gibt es keinen Verdacht. Ich möchte auch endlich einen Menschen haben, dem ich nicht misstrauen muss. Aber sogar Max ist wie ich. Er fragt, ob ich das schöne Schiff gestohlen hätte. „Gekauft, für dich.“ Er will mich bald besuchen.

*

Zu Hause ist alles wie immer. Das Blatt in der Schreibmaschine ist nach wie vor leer und leuchtet in der Dämmerung. Dazugekommen ist das Alabasterweiß der Nackten aus Porzellan. Ich werde einen Platz für sie finden müssen, noch aber weiß ich nicht, ob ich diese Frau ständig im Blick haben will oder nicht. Solange sie mich an Kristina erinnert, ist es gut, aber der Beigeschmack des Vorbesitzers gefällt mir nicht. Dass er die Schöne mit seinen Augen betrachten durfte, ekelt mich an, und bestimmt hat er nicht nur einmal ihre Brüste und den schlanken Körper berührt. Immerhin aber wollte er sie loswerden. Wenn es denn stimmt. Warum kommt mir das nun wie erfunden vor?

Die Februarsonne trocknet das Laub in meinem Garten, und keiner kann sich mehr lautlos dem Haus nähern. Jeder Schritt ist zu hören. Ich habe auch gelernt, durch das offene Fenster den Brieftäger zu erkennen. Er macht sich nach wie vor die Mühe, mir die Post ins Haus zu bringen, bekommt dafür allerdings ab und zu eine Flasche Wein. Ich schenke ihm vom besten, einen Wein, den er sich nie leisten würde, und habe dann das Gefühl, nicht ganz so verlassen in meinem Geisterhaus zu leben. Doch eben durchpflügt jemand das Laub auf dem Weg, aber die Schritte sind klein und kein brutales Gestampfe.

Max öffnet jetzt die Tür zu meinem Zimmer ganz vorsichtig und fragt sogar, ob er hereinkommen darf. Dann erzählt er mir atemlos von einer Schiffsreise, die er unternommen hat, allerdings nicht auf dem Meer, sondern die Donau entlang in den Prater. Natürlich hat er seinen Vater besucht, den richtigen, und ihm auch von mir erzählt. Und von Moritz in meinem Keller.

Plötzlich entdeckt er die Frau aus Porzellan. Es gefällt ihm nicht, dass sie hier ist. Sie soll wieder verschwinden, und er möchte sich jetzt sein Zimmer aussuchen, mit mir. Am liebsten oben, weit weg vom Keller, weg von Papa.

Mein Spion verrät mir alles. Sebastian Grohmann scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Wahrscheinlich hat er schon einen Architekten für den Umbau meines Hauses bestellt, und es würde mich nicht wundern, wenn es bereits Pläne für einen neuen Wintergarten gäbe.

Max streckt seine Finger nach meiner Schreibmaschine aus. Ich verbiete ihm gleich, das Ding auch nur anzurühren, und hoffe, dass er sich nicht irgendwann hinter meinem Rücken auf der Mercedes zu schaffen macht. Darauf lässt er Gott sei Dank von der Maschine ab und wendet sich meiner Zeichnung von Sigurd Fürst zu. Wie auch die Schreibmaschine sollte sie eigentlich den Maler anlocken und nicht dieses Kind. Doch Max entfernt das Blatt von der Schreibmaschine und setzt sich damit neben mich. Er studiert das Gesicht darauf und fragt mich, warum dieser Mann mit dem Bart so jung ist. Während ich mir eine Antwort überlege, höre ich ihn von dem freundlichen Herrn reden, draußen auf der Straße.

Ein Herr? Wo? Max zeigt zum Fenster hinaus. „Heute?“ Er nickt mit dem Kopf. „Schon öfter?“ Er denkt kurz nach, nickt dann wieder. Das kann jetzt eine Lüge sein oder auch nicht. „Wie sieht er aus?“ Max hält mir meine Zeichnung vor das Gesicht. „Mit einem solchen Bart, nur älter?“ Er freut sich, dass ich endlich begriffen habe, will meine weiteren Fragen aber nicht mehr hören. In meinem Zimmer gibt es noch so viel zu entdecken, eben waren die Radierungen mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt an der Reihe, nun sind es meine Zigarrenkisten. Max öffnet eine nach der anderen, und ich lasse ihn gewähren, weil er nichts kaputt macht und nur daran riecht. Außerdem ist mein Denken darauf gerichtet, wie ich ihn zum Reden bringen kann. Aber alle meine Bemerkungen über den Mann da draußen bleiben ohne Antwort. Nur sein Gesicht verrät mir, dass er noch einiges weiß. Ich hege den Verdacht, dass ihm meine Neugier gefällt. Er spielt mit mir.

Aber diese hölzerne Kassette hätte er jetzt nicht finden dürfen. Ich nehme sie ihm aus der Hand. Einen größeren Fehler hätte ich nicht machen können. Nun ist seine Neugierde geweckt. Er versucht es mit Bitten, dann mit Tränen. Wenn ich ihm einen Blick auf mein Geheimnis werfen lasse, ihm meine Margolin zeige, wird er mir dann wohl Rede und Antwort stehen? Der Kleine begreift das Tauschgeschäft sofort. Es genügt, dass ich die Verschlüsse öffne und ihn dann nach dem Mann mit dem Bart frage. Schon erfahre ich von einem Zettel, den Max von ihm bekommen hat.

Die Margolin liegt inmitten des Zubehörs in den Vertiefungen des braunen Holzes. Eine Pistole ist für den Kleinen nichts Besonderes, kennt er sie doch aus dem Fernsehen, ja, er hat sogar selbst einige davon. Aber meine gefällt ihm besser. Max redet. Und er hat mich in der Hand. Denn der Zettel sei für mich. Er holt ihn aus der Tasche seiner Jean, will ihn mir aber erst geben, wenn er die Margolin angreifen darf. Wir werden uns einig, der Handel findet statt. Er fährt mit seinen kleinen Fingern über die Waffe, ich nehme das Stück Zeitungspapier an mich. Er könnte mich betrogen haben, aber wenigstens hat er mir nicht irgendwelche Murmeln oder eine tote Maus in die Hand gedrückt. Max will wissen, ob die Pistole auch einen Namen hat. Margolin. Das gefällt ihm. Wie beschwörend flüstert er vor sich hin: „Margolin, Margolin.“ Noch bevor er sie am Lauf zu fassen bekommt, schließe ich die Kassette. Max hat begriffen, dass dieses Ding kein Spielzeug ist.

Ich mache mich schon auf seine Fragen gefasst. Ob ich ein Mörder bin. Wen ich mit dieser Pistole schon umgebracht habe. Doch er schweigt, noch ganz im Bann der tödlichen Waffe, die immerhin seinen Moritz getötet hat. Er wird davon nie erfahren. Mir hingegen verraten seine Augen wilde Gedanken. Weiß er alles? Er richtet sich auf, und ich warte darauf, dass er mich drängt, mit ihm in den Keller zu gehen. Mehr als die Schaufel für das Grab seines Hundes wird er dort nicht finden. Doch er hat andere Pläne. Grußlos verlässt er mein Haus. Vom Garten her höre ich das Laub unter seinen eiligen Schritten, die immer schneller werden.

Habe ich richtig gehandelt oder falsch? Vielleicht verkriecht Max sich mit seinem Erlebnis in der Hundehütte. Oder er redet. Dann weiß mein neuer Nachbar, dass auch ich gefährlich bin. Allerdings wird sich ein Casinobetreiber aus dem Prater von einer Schusswaffe kaum beeindrucken lassen. Ich hatte genügend Angeklagte aus dieser Gegend, die damit bestens und todbringend umgehen konnten. Schade, dass ich Vinzenz nichts mehr fragen kann, über Sebastian Grohmann hätte ich gerne mehr gewusst.

Jetzt wartet ein Stück Zeitungspapier auf mich. Ich habe nur einen einzigen Wunsch. Ein Lebenszeichen von Sigurd Fürst. Damit mein Warten ein Ende hat. Ich kann mir schon denken, was dort zerknüllt auf meinem Schreibtisch liegt. Ein Bericht über ihn und mich. Wir beide sind unzertrennlich. Doch das Blatt ist gar nicht vergilbt, keineswegs zwanzig Jahre alt. Es wurde aus einer Ausgabe von heute herausgerissen. Aber kein einziger Artikel hat mit mir zu tun. Auch Sigurd Fürst kommt nicht vor. Max hat mich hinters Licht geführt. Das ist kinderleicht. Man kann mir mittlerweile wahrscheinlich alles vors Gesicht halten, und ich sehe darin eine Verbindung zu Sigurd Fürst.

Aber dann entdecke ich sie doch. Die eine Zeile. Am Rand und mit Bleistift geschrieben. Wir müssen uns treffen. Ort und Zeit bestimmen Sie. Danach schwer lesbar eine Telefonnummer. Offenbar auf einem Knie oder die Latten eines Gartenzauns als Unterlage geschrieben. Der Kleine ist ein verlässlicher Bote.

Jetzt stürmt er gerade wieder in mein Zimmer. Auch wenn er seinen Stiefvater nicht zu mögen scheint, diese Rücksichtslosigkeit hat er von ihm gelernt und dass man sich mit Geld alles kaufen kann. Er schüttelt eine blecherne Sparbüchse und stellt sie vor mir auf den Tisch. Sein Blick richtet sich wieder auf die Holzkassette mit meiner Margolin. Dieser kleine Teufel zwingt mich aufzustehen und das Ding in ein anderes Zimmer zu bringen. Wie ein ungestümer Hund läuft er mir nach, aber ich schaffe es rechtzeitig, vor ihm die Tür zu verschließen. Er ist außer sich und tritt dagegen, während ich die Waffe in einem Regal hinter verstaubten Büchern verstecke. Das gelingt mir gerade noch, nicht aber, mich zu beherrschen. Beim Öffnen der Tür schlage ich dem tobenden Jungen ins Gesicht. Wie mein Vater mir damals vor sechzig Jahren.

Max hält sich die Wange, schluckt aber die Tränen hinunter. Nur sein schneller Atem ist zu hören und ein Gestammle, das ich nicht verstehe. Ich habe keine Ahnung, ob er wieder von Moritz spricht oder mich verflucht. Auf jeden Fall habe ich ihn mir zum Feind gemacht, und es würde mich nicht wundern, wenn er noch heute mein Geschenk in Flammen aufgehen ließe. Die Santa Maria würde aufs Hellste leuchten. Und die Vorstellung schreckt mich auch gar nicht ab, wenn dieses kleine Ungeheuer schon nicht im Lusthauswasser umgekommen ist, soll es meinetwegen in seiner Hundehütte verbrennen. Doch nicht einmal bei diesem Kind ist mir ein Sieg gegönnt. Max dreht sich blitzschnell um und beginnt, unter den Papieren auf meinem Schreibtisch zu wühlen. Im nächsten Moment zieht er den Zettel von Sigurd Fürst hervor und steckt ihn in seinen Mund. Jetzt haben wir endlich beide Vernunft und Besinnung verloren.

Er würgt an dem Papier, und als er es vor sich auf den Boden spuckt, werfe ich mich hastig zu seinen Füßen nieder, um das nasse Knäuel zu erwischen. Ich scheue mich, zu ihm hinaufzublicken, um nicht seinem verächtlichen Grinsen zu begegnen. Doch im nächsten Moment kniet Max schon neben mir und fleht mich mit verzweifelter Miene an, ihm doch die Pistole zu geben. Er will sogar tauschen. Moritz gegen die Margolin.

Kein gutes Geschäft für mich, ein toter Hund gegen eine Waffe voller Leben. Und so ungeschoren kommt mir der kleine Grohmann ganz sicher nicht davon. Deshalb kriegt er von mir eine Antwort, die ihn zum Grübeln bringen soll. Meine Margolin ist bissiger als dein Moritz es je war.

Ich hätte den Mund halten sollen. Ich sehe es an seinen Augen, dass er wie sein Vater alles daransetzen wird, mir etwas wegzunehmen. Auch ohne gemeinsames Blut sind die beiden vom selben Kaliber und gefährlich. Warum konnte die Familie Grohmann nicht im Sumpf der Praterauen bleiben, dort gehört sie hin. Trügerisch auch anzunehmen, Nadine könnte mir eine Hilfe sein. Nur weil sie ein Etablissement besitzt, anstelle eines Casinos? Ihre grünen Augen sehen nicht mich, sondern nur meinen Besitz. Auch Max spielt mir etwas vor. Artig gibt er mir nun zum Abschied noch die Hand, während er in seinem kleinen Köpfchen schon neue Pläne schmiedet. Ich bin mir sicher, dass er seine Sparbüchse absichtlich hier zurückgelassen hat. Damit er schon bald wieder kommen kann.

Doch was kümmert mich dieses verzogene Kind, jetzt, da es endlich so weit ist. Sigurd Fürst will sich mir zeigen. Fast fühle ich mich geehrt, dass mein Feind und Eindringling mich treffen will. Eigentlich hat er ja klein beigegeben, verrät doch die eilige Notiz auf dem Blatt mehr Bitte als Drohung. Oder es ist eine Falle und Sigurd Fürst lockt mich in einen Hinterhalt? Schlau, wie er mich Ort und Zeit aussuchen lässt. Und er kennt mich und weiß, dass ich keinem Menschen mehr vertraue und niemanden habe, dem ich davon erzählen könnte.

Eine Begegnung mit ihm mag gefährlich sein, doch meine Neugier ist größer. Was mir auf der Hundewiese des Praters und im Haus des Meeres versagt geblieben ist, kann sich nun erfüllen. Ich möchte Sigurd Fürst in die Augen sehen. Vor allem aber möchte ich hören, was er von mir will. Eine Entschuldigung für sein verlorenes Leben? Oder doch nur Geld, um es dann wieder den Walen zu schenken? Aber vielleicht geht es ihm nur darum, mir sein Tauchermesser in den Bauch zu stoßen. Das kann ich natürlich nicht gänzlich verhindern, doch ich werde es ihm so schwer machen wie nur möglich. Es liegt also an mir, einen Treffpunkt zu wählen, der für einen Mord höchst ungeeignet ist. Voll von Zeugen oder bestens überwacht. Denn einer Sache bin ich mir sicher. Sigurd Fürst tötet nur, wenn er dafür nicht wieder ins Gefängnis muss.

Ich könnte ihn bitten, in den Justizpalast zu kommen. Doch was habe ich noch in meiner alten Heimstatt zu suchen? Ich bin dort fremder als er, dessen Bilder wahrscheinlich bald in einem der Räume hängen werden. Außerdem möchte ich Vinzenz nicht begegnen. Es müsste ein Ort sein, an dem jeder Besucher von Sicherheitsleuten genauestens betrachtet wird. Auch Kameras wären eine Hilfe, am besten in jeder Ecke eine. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mir diese Augen einmal willkommen sind. Über Fort Knox oder den Tower von London müsste man verfügen.

*

Bei einer Flasche Wein habe ich die Lösung gefunden. Ob sie Sigurd Fürst gefallen wird? Ich bin jetzt auch in der Stimmung, ihn anzurufen. Das Größte wäre, wenn er mir vergeben könnte. Darauf trinke ich noch nicht, aber bevor ich zum Hörer greife, wird noch das eine oder andere Glas geleert.

Ich wähle die Nummer und zittere nicht. Wenn seine Stimme freundlich ist, werde ich ihm sogar danken, den ersten Schritt gemacht zu haben. Es wird abgehoben. Ich stelle mich vor, allerdings nur mit „Redtenbacher“. Er schweigt, aber ich höre sein Atmen. Tiffany kann es nicht sein, sie würde anders klingen. Sigurd Fürst scheint nicht damit gerechnet zu haben, so schnell von mir angerufen zu werden. Ich nenne ihm Ort und Zeit. Er räuspert sich. Meine Überraschung ist offenbar gelungen. Es gefällt mir, wie gelassen ich bin. Doch er übertrifft mich noch. Er legt auf. Vielleicht habe ich sein Ja nur überhört. Wein lockert die Zunge, doch mit den Ohren bekommt man immer weniger mit. Und auch wenn er tatsächlich geschwiegen hätte, wäre ihm das nicht übel zu nehmen. In der Einzelzelle gab es wohl nicht viel zu reden, er ist stumm geworden wie die Fische in seinem Aquarium.

*

Natürlich habe ich weitergetrunken. Deswegen bin ich auch wie zerschlagen. Ausgerechnet am heutigen Tag. In meinem Übermut gestern ist mir die Schatzkammer als eine grandiose Idee erschienen, jetzt kommt sie mir übertrieben vor. Ein Kaffeehaus hätte genügt. Doch andererseits, in diesen Räumen bin ich sicher. Ich werde mindestens so gut bewacht wie die Rudolfskrone, das Goldene Vlies oder der Heilige Gral. Jede falsche Handbewegung wird aufgezeichnet. Wenn ich blutüberströmt zu Boden sacke, wird man Sigurd Fürst nicht nur postwendend dingfest machen, sondern den Mord im Gerichtssaal auch vorführen können. Das weiß er natürlich und wird mich in Ruhe lassen oder erst gar nicht kommen. Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob ich wirklich in der Nacht mit ihm gesprochen habe. Ich kann nicht einmal ausschließen, eine falsche Nummer gewählt zu haben, betrunken wie ich war.

Trotzdem halte ich Ausschau nach ihm. Ich habe bewusst diesen Tag gewählt, den 29. Februar. Schalttag. Warum will ich Sigurd Fürst so viel beweisen? Was liegt mir an seinem Urteil?

Ich schaue auf eine tausendjährige Krone und denke an Sigurd Fürst. Ich betrachte zerstreut die Edelsteine in einem Reichsapfel und warte insgeheim darauf, von ihm an der Schulter berührt zu werden. Auch beim Anblick der Heiligen Lanze denke ich nur flüchtig an die vielen Legenden, die sich um sie ranken. Der Holzschaft ist zwar längst verrottet, aber sie soll den Leichnam Christi durchbohrt haben und seitdem ihre Besitzer unbesiegbar machen. Daran haben Könige geglaubt und auch Adolf Hitler. Ich sehe die eiserne Spitze und stelle mir vor, wie Sigurd Fürst nach seinem nicht weniger spitzen Messer greift. Jetzt steht auch tatsächlich jemand hinter mir, aber ich drehe mich nicht um. Warum sticht er nicht zu? Weil alles nur Einbildung ist? Weil ich ein Opfer der Heiligen Lanze geworden bin, die mich in ihren Bann geschlagen hat?

 

Ich begreife aber auch, warum dieses mit Goldblech beschlagene Stück Eisen eine solche Bedeutung hat. Wenn seit über einem Jahrtausend Könige die Heilige Lanze in ihren Schlachten vorangetragen und dann tatsächlich einen Sieg errungen haben, werden die Menschen dazu verführt, in der Lanze die Kraft des Überirdischen zu sehen. Ich hingegen finde es bewegend, etwas vor mir liegen zu sehen, das Herrscher voller Begierde betrachtet haben. Alle wollten sie dieses Symbol der Macht besitzen. Könnte mich doch meine Margolin ebenfalls unbesiegbar machen. Doch wie sollte sie das tun, wenn sie in einem Regal hinter Büchern liegt? Anstatt die Waffe bei mir zu haben, wende ich meinem Feind sogar noch den Rücken zu und bin schon glücklich, wenn er nicht zugestochen hat. Andere spielen Russisches Roulette, ich liefere mich einem rachsüchtigen Lebenslänglichen aus.

Trotzdem bin ich enttäuscht, in eine Schlacht ohne sichtbaren Feind gezogen zu sein. Aber vielleicht überrascht Fürst mich noch an der Eingangstür zur Schatzkammer, die zu betreten er nicht einfältig genug war. Meine Pläne sind nicht aufgegangen, seine kenne ich nicht. Wird er mir wieder ein Zeichen geben? Oder ich treffe ihn doch an einem Ort ohne Zeugen. Dann allerdings nicht ohne meine Margolin. Ob er überhaupt von meiner Pistole weiß?

*

In der Straßenbahn wende ich mich noch öfter um als sonst, so als wollte ich nicht unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Doch mein Feind steigt nicht zu, und er sitzt auch nicht hinter mir. Inzwischen bin ich so weit, mir zu wünschen, dass Sigurd Fürst auftaucht und sich neben mich setzt. Er kennt ja nicht nur mein Haus, sondern bestimmt auch all die Wege, auf denen ich fast täglich zu finden bin. – Aber er lässt mich im Stich.

Nur noch zwei Stationen, dann ist auch diese Möglichkeit eines Treffens vorbei. Es sei denn, dieser unberechenbare Mensch wartet an meinem Gartentor, um mich dort zu überraschen und diesen 29. Februar nicht zu einem gewöhnlichen Tag verkommen zu lassen. Seit Neuestem versperre ich die Tür, um Max davon abzuhalten, in meinen Sachen herumzustöbern. Auf der Suche nach den Schlüsseln in meiner Manteltasche fällt mir ein Kuvert in die Hand. Vergessene Post von heute Morgen? Nein, der Umschlag ist ohne Adresse. Wieder ein Geschenk von meinem neuen Nachbarn? Statt für eine Fahrt mit dem Riesenrad dieses Mal vielleicht ein Ticket für die Geisterbahn oder eine seiner Spielhöhlen?

Doch es sind drei Stück Papier. Groß wie Ansichtskarten, allerdings mit leerem Rücken, ohne Briefmarken und Nachricht. Sie sind auch weniger steif und offenbar aus einem Heft oder Block herausgerissen. Schon jetzt erinnern sie mich an die halbe Zeitungsseite von Sigurd Fürst. Ist es die Hoffnung auf eine Nachricht von ihm, die mich dazu bringt, vor meiner Villa nicht auszusteigen und weiterzufahren? Ist mein Feind jetzt doch bei mir? Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, während ich in die Betrachtung der Heiligen Lanze versunken war, mir das Kuvert in die Tasche meines Burberry zu stecken. Ich glaube sogar, ich habe jemanden hinter mir gespürt, mich sogar umgewendet, allerdings nur Schemen gesehen. Einer von ihnen könnte ohne weiteres Fürst gewesen sein.

An der Endstation verlassen auch die letzten Fahrgäste die Straßenbahn, und neue steigen noch nicht ein. Es wird Zeit, die Karten im wahrsten Sinn des Wortes aufzuschlagen. Erlebe ich jetzt gleich eine Enttäuschung oder halte ich doch etwas von ihm in den Händen. Trifft er mich jetzt? Schon das erste Blatt ist ein Stich ins Herz. Die Zeichnung ist besser als alle, die ich je zustande gebracht habe. Aber auch sie zeigt einen Täter. Er ist dabei, die Leiche eines Hundes in eine Reisetasche zu stecken. Vom Haus dahinter ist nur ein Fenster aus wenigen Strichen zu sehen, doch der Schöpfer dieses Bildes hat mit großer Genauigkeit die Handschuhe des gebückten Mannes festgehalten. Auch seinen Blick voll Widerwillen und Ekel.

Die Straßenbahn fährt los, zurück in die Stadt. Zugestiegen ist niemand, und ich bin unfähig, mich von meinem Platz zu erheben. Ich sehe meine Villa an mir vorbeiziehen, ihre Fenster, den Garten. Hier irgendwo muss Sigurd Fürst gestanden sein, als sich alles ereignet hat. Er hat mich aus der Erinnerung gezeichnet. Es ist ihm sogar gelungen, mit Schraffierungen die damalige Dunkelheit darzustellen. Er ist ein Meister, ich bin schon jetzt sein Gefangener. Vielleicht ist er an diesem Abend nur zufällig vorbeigekommen, oder aber er beobachtet mich doch seit Monaten, wie ich immer vermute.

Keine Einbildung, sondern Wirklichkeit. Sigurd Fürst ist der Eindringling, mein Verfolger. Wahrscheinlich habe ich schon lange keinen Schritt mehr getan, ohne von ihm gesehen worden zu sein. Jetzt gilt es, in meinen Erinnerungen zu suchen und das Gewissen zu erforschen. Welche Verfehlungen habe ich diesem Menschen noch geboten. Nichts, außer den Schüssen auf eine Taube und auf diesen Moritz. Der Tod eines Hundes war zwar ausreichend, um mir die Ruhe zu rauben und mich in Widerwärtigkeiten zu verstricken, aber ein Mörder bin ich deswegen noch lange nicht. Nur, das wirklich Unheimliche an Fürst ist seine Kunst. Schon als er mich im Gerichtssaal zeichnete, gelang es ihm, das Unsichtbare darzustellen und mich voller Bitterkeit und Hass zu zeigen. Und jetzt liest er womöglich meine Gedanken. Jeder Bleistiftstrich kann nur Düsteres ans Tageslicht bringen.

Die Straßenbahn fährt ihre Schienen entlang, und ich mit ihr im Kreis. Seit einer Stunde. Oder sind es schon zwei? Zum ersten Mal habe ich Angst, nach Hause zu gehen. Ich möchte nicht am Gartentor stehen und mich gezwungen fühlen, nach Sigurd Fürst Ausschau zu halten. Ich entkomme ihm nicht. Dabei habe ich es noch nicht einmal gewagt, einen Blick auf das nächste Blatt zu werfen. Was erwartet mich auf dem zweiten Stück Papier? Und dann auf dem dritten?

Jetzt kommt es darauf an, nicht wieder in Panik zu verfallen, sondern das Notwendigste zu tun. Eines nach dem anderen. Ich widersetze mich Sigurd Fürst und schiebe seine Zeichnungen zurück in den Umschlag. Was immer er sich an weiteren Bildern ausgedacht hat, sie werden warten müssen. Das Kuvert wird erst wieder geöffnet, wenn mir danach ist. Die nächste Etappe ist die Haltestelle vor meinem Haus. Zu einer ordentlichen Heimkehr gehört auch ein sicheres Auftreten. Ich werde auf das Gartentor zugehen und mich nach niemandem umsehen.

*

Es ist mir gelungen. Wie mit Scheuklappen gehe ich jetzt ins Haus, laufe fast. Die versperrte Tür ist noch ein zeitraubendes Hindernis, aber auch das schaffe ich, wenn auch mit Tritten und Flüchen. Da draußen lauert ein Mensch, der im Gefängnis zum Untier geworden ist. Zwar fehlen mir die endgültigen Beweise, doch ich bin mit meinem Urteil nicht allein. Ich habe Vinzenz. Auch wenn er Tiffany nachstellt, kann er immer noch ein ehrlicher Richter sein. Jetzt glaube ich weniger denn je, dass seine Worte über die Gefährlichkeit von Sigurd Fürst gelogen sind. Wie ich denkt Vinzenz an Notwehr, wie ich hofft er auf meine Pistole. Sigurd Fürst hat sich zum Abschuss freigegeben.

So gesehen wäre es nur verantwortungslos und fahrlässig, die Margolin nicht ständig an meiner Seite zu haben. Auch Moritz bekommt endlich einen Sinn. Der Todesschuss auf den Hund war notwendig, damit ich üben konnte und mehr Sicherheit bekam. Wer ein Hundemaul getroffen hat, wird auch den Kopf eines rachsüchtigen Wahnsinnigen nicht verfehlen. Warum ist mir der Kerl in der Schatzkammer nicht gegenübergetreten, sondern hat mir nur diese Blätter in die Tasche geschoben und sich gleich davongeschlichen? Dazu passt dieses Schweigen am Telefon. Ein Beweis, dass tatsächlich er am anderen Ende der Leitung war. Sigurd Fürst will gar nicht reden, sondern zerstören.

Ich werde die Margolin aus der Kassette holen. Am Tag wird sie ihren Platz hinter meiner Schreibmaschine haben, nachts zu meiner Sicherheit unter dem Kopfkissen liegen. Schrecklich, dass es so weit kommen musste. Vielleicht traue ich mich eines Tages gar nicht mehr aus dem Haus, jedenfalls werden ab heute meine Kreise immer enger werden. Wie weit darf ich mich wohl noch von meiner Margolin entfernen? Bis in den Keller oder nur in die Küche? Ich werde üben müssen, wie man eine Waffe zieht und im nächsten Augenblick gleich schießt. Mit einer einzigen Zeichnung hat es Sigurd Fürst geschafft, mich zum Hampelmann zu machen. Allein dafür gebührt ihm eine Kugel aus der Margolin.

*

Die Kassette ist nicht hinter den Büchern. Ich hole einen Band nach dem anderen aus dem Regal, aber nirgendwo ist sie zu sehen. Sie könnte der Rückwand entlang auf ein tieferliegendes Brett gerutscht sein, doch da gibt es nur Spinnweben und Staub. Habe ich sie in der Hektik woanders versteckt? Es ist unmöglich, dass mich meine Erinnerung trügt. Max hat geschrien und gegen die Tür getreten, und ich habe die Kassette an diesen Platz geschoben. Oder wieder herausgenommen, um sie noch sicherer zu verbergen? In meinen Anfällen von Panik habe ich schon vieles getan, dieses begehrliche Kind hat mich sogar dazu gebracht, ihm ins Gesicht zu schlagen. Hat das Toben des kleinen Grohmann mich einen Teil meiner Handlungen vergessen lassen?

*

Erst jetzt, am späten Abend, bin mir vollkommen sicher. Ich habe die Holzkassette nirgendwo anders versteckt. Ich habe überall das Unterste nach oben gekehrt, und nicht nur das angrenzende Zimmer sieht nun aus, als würde ich die Villa schon verkauft haben und meinen Platz noch heute räumen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Max oder Sigurd. Einer von beiden muss es gewesen sein. Als Dieb ist ein jeder von ihnen denkbar. Um wie viel lieber wäre es mir, ich hätte meine Waffe nur verlegt, als sie in den Händen meines Todfeindes Sigurd zu wissen. Oder in denen dieses Kindes. Dem müsste ich die Waffe wohl regelrecht abjagen. Wo würde ich anfangen? In seiner Hundehütte? Oder müsste ich mich vor seinem Vater niederknien, um meinen Besitz zurückzubekommen? Ihn auch noch um Verzeihung bitten?

Aber Sigurd Fürst wäre als Dieb nicht besser. Hätte er mich doch damit entwaffnet und schutzlos gemacht. Vinzenz setzte zu große Hoffnungen in mich. Am liebsten würde ich ihn anrufen und ihm reinen Wein einschenken. Für die Beseitigung von Sigurd Fürst wird er sich einen anderen suchen müssen. Dabei war ich noch nie so entschlossen zu einem Mord wie heute. Diese Zeichnung ist nicht nur eine Kriegserklärung, sondern sie beweist mir auch, dass es in meinem Haus tatsächlich einen Eindringling gibt.

Wenn Max jetzt nur käme. Hier könnte ich ihn verhören, und der widerwärtige Gang zu seinen Eltern bliebe mir erspart. Wie erkläre ich Frau Grohmann, dass ihr Sohn vielleicht ein Dieb ist und sie ihre Villa schnellstens nach einer hölzernen Kassette zu durchsuchen hat. Spätestens wenn sie vom tödlichen Inhalt dieser Kassette erfährt, wird sie in Hysterie verfallen. Ich sehe jetzt schon die Streifenwagen vor ihrem Haus.. Mit einem Schlag wäre ich in der Umgebung als Mann bekannt, der Kindern Mordinstrumente zum Spielen gibt, und schon morgen könnte ich wieder in den Zeitungen stehen. Mit jedem Tag länger, den die Waffe verschwunden bleibt, würde der Zorn der Volksseele noch höher aufkochen, und am Ende hieße es Ächtung und Exil für mich. Dann wäre es endlich so weit. Ich müsste meine Villa verlassen. Mein neuer Nachbar hätte sein Ziel erreicht.

Max könnte mich erlösen. Selten habe ich so sehnsüchtig nach einem Menschen Ausschau gehalten. Aber wozu soll er mich noch besuchen, wenn er sich seinen Wunsch bereits erfüllen konnte. Auch ohne einen Cent von seinem ersparten Geld darf er jetzt die Pistole berühren. Aber wehe, wenn er sie jemandem zeigt.

Nein, Max kann es nicht gewesen sein. Seine Sparbüchse steht noch auf dem Tisch. Wäre er hier gewesen, er hätte sie mitgenommen. Oder er war zu sehr in Eile und so benommen von meiner Margolin, dass er sogar auf seine Münzen vergaß. Ich hätte tausend Fragen an ihn, aber ich müsste meine ganze Erfahrung als Richter hervorholen, um die Wahrheit zu erfahren. Bin ich geschickt genug für ein Kind? Seine Antworten und Lügen sind wahrscheinlich überzeugender als die eines abgebrühten Verbrechers. Wer hätte gedacht, dass dieses Zimmer einmal zum Gerichtssaal wird. Wenn Max nur käme. Bald. Ich werde behutsam sein. Mich weder von Zuneigung noch von Misstrauen benebeln lassen. Ein zweites Fehlurteil wird es nicht geben.

Das Warten wird mir zur Qual, und ich öffne einen Brief von Vinzenz. Er rechnet sicher mit mir und meiner Bereitschaft zu handeln, auch wenn er es nicht erwähnt. Stattdessen schreibt er, mich wieder gesellschaftsfähig machen zu wollen. Auch wenn natürlich eine Rehabilitation nicht möglich sei, könne er doch dafür sorgen, dass man mir mein Versagen als Richter nicht länger nachtrage.

Ich bin sogar eingeladen. In den Justizpalast. – Zur Eröffnung der Ausstellung des Malers Sigurd Fürst. Was erwartet sich dieser hinterhältige Freund davon? Gehört das zu meiner Begnadigung? Oder will mich Vinzenz nur ein weiteres Mal zur Tat drängen. Doch wie kann ich ohne Margolin solche Wünsche erfüllen?

Vinzenz hat seinem Brief die Anklageschrift für Breivik beigelegt. Demnächst soll sie dem norwegischen Attentäter vorgelesen werden. Entweder will mein ehemaliger Kollege mich an den großen Prozessen der Gegenwart teilhaben lassen, oder er will mir etwas anderes vor Augen führen. Ich denke, dass ich auch von einem Breivik etwas in mir habe. Dann aber wieder glaube ich, dass ich vollkommen unfähig zum Bösen bin, ja, in der letzten Zeit bin ich mir sogar einige Male als guter Mensch vorgekommen.

Der einzige Schuldige ist Sigurd Fürst. Ohne ihn gäbe es keine Margolin, und ich könnte in Ruhe leben. Moritz wäre nicht krepiert, und meine Reisetasche immer noch im Schrank und nicht unter der Erde. Wie falsch auch von mir, ein Kind zu verdächtigen. Bin ich schon so weit, dass ich mir aus Feigheit einen unterlegenen Feind aussuche? Warum bleibe ich nicht bei dem Mann, der mein Haus umschleicht. Er ist es, der mich aus dem Hinterhalt zeichnet und mir seine Anschuldigung in die Tasche schiebt. Es muss einen Grund haben, warum mir dieser Mensch nicht gegenübertritt, Auge in Auge. Was hat er vor? Vielleicht liegt die Antwort in diesem Umschlag. Aber ich habe Angst, mich auf den übrigen zwei Blättern abgebildet zu sehen. Hat er mich auch beim Erschießen des Hundes porträtiert? Den Ausdruck in meinem Gesicht während des Tötens mit seinem Stift festgehalten?

*

Max ist nicht aufgetaucht, aber ich habe zum Glas gegriffen und wieder Mut bekommen. Mein Hass auf Sigurd Fürst und sein verdammtes Versteckspiel hilft mir dabei. Aus lauter Widerwillen vor Holzkassetten hole ich mir keine Zigarre, sondern genehmige mir nach Jahren wieder eine Zigarette. Die Musik ist eine weitere Zutat, und mit einem Blues von einer Platte trete ich gegen meinen Eindringling an. Da ich nicht so gut zeichnen kann wie er, besteht meine Botschaft aus Worten. Es ist auch höchste Zeit, dass das Blatt in der Mercedes nicht länger unbeschrieben bleibt.

 

Mit nur einem Finger tippe ich Buchstabe für Buchstabe. Aus ihnen werden Sätze, die mir schon lange auf der Zunge liegen oder im Kopf kreisen. Sigurd Fürst weiß nun, woran er mit mir ist. Er kann meine Wut spüren und meine Entschlossenheit. Töten. Was für ein Wort, wenn es sichtbar geworden ist. Dich. Ich werde. Lauter große Vorsätze, eine Drohung voller Ernst und Hass. Zugleich liefere ich den besten Beweis. Wer immer dieses Blatt in die Hände bekommt, wird mir alles glauben, nur nicht Notwehr. Und trotzdem mache ich mir keine Sorgen, denn diese wenigen Zeilen könnte jeder auf der Mercedes geschrieben haben. Sogar Sigurd Fürst selbst, um mich für Jahrzehnte ins Gefängnis zu bringen.

Töten. Fünf Buchstaben, von denen ich mich nicht losreißen kann. Ihnen verdanke ich mein Dasein als Richter, und nur zu gut erinnere ich mich daran, geringere Verbrechen als langweilig empfunden zu haben. Und jetzt lese ich eines der wichtigsten Worte der Menschheit und erkenne darin einen Wunsch aus meinem tiefsten Inneren. Oder ist es noch mehr? Muss ich es sogar tun? Bin ich es noch, der demnächst handeln wird? Aber dieses Vorhaben wird mir weder von einer göttlichen Stimme befohlen, noch bin ich unzurechnungsfähig. Doch aus einem freien Willen kommt diese Tat auch nicht zustande. Es ist Sigurd Fürst, der mich dazu zwingt.

Ich werde es tun. Aber womit? In Gedanken habe ich ihn nie erschlagen oder erstochen, immer nur auf ihn gezielt und abgedrückt. Er, ich und die Margolin gehören zusammen. Letztere fehlt, und daran könnte meine Zukunft scheitern. Wie lächerlich von mir, ein Todesurteil in die Schreibmaschine zu hämmern, ohne es vollstrecken zu können. Ich verfluche die diebische Elster aus der Nachbarschaft. Aber ohne Beweise kann ich nicht einmal am Gartentor der Grohmanns läuten. Mir bleibt nur ein Weg, ich muss Max allein in die Hände bekommen.

*

Das ist das letzte Mal, dass ich im Zimmer nach der Holzkassette suche. Es macht mir nicht einmal etwas aus, mich in die Bücherstapel zu graben und sogar die Romane meiner Frau wieder in die Hand zu nehmen, wenn nur dabei endlich eine Kassette aus Holz zum Vorschein käme. Am meisten mochte Kristina schwere Bände mit den Gemälden der großen Meister. Es hat ihr Freude gemacht, abends neben mir darin zu blättern, während sie meine Zeichnungen nie auch nur eines Wortes würdigte. Als hätte es die Porträts der Angeklagten nie gegeben. Stattdessen konnte sie nicht aufhören, von Rembrandt bis Klimt in den höchsten Tönen zu schwärmen. Das ist Kunst! Wie oft habe ich diese Worte von ihr gehört.

Jetzt spüre ich etwas unter meinem Fuß, es klingt, als hätte ich eine Walnuss zertreten. Eine Streichholzschachtel hat mich aus meinen Gedanken gerissen. Ich will das kleine Ding schon hinter die Bücherberge werfen, als ich das Wort Casino auf der Vorderseite sehe. Das Riesenrad ist auf dem Etikett nur Hintergrund, dafür leuchtet ein Schriftzug hervor. Glücksparadies im Prater, ganzjährig geöffnet.

Mein Nachbar Grohmann hat im Weinkeller nicht geraucht. Er ist auch nicht in dieses Zimmer gekommen. Und Max ist für Zigaretten zu jung. Allerdings spielt er gern mit Feuer. Zu gut ist mir mein Entsetzen über seinen kindlichen Leichtsinn in Erinnerung. Die Streichholzschachtel in seinen Händen, und wie er voller Stolz die Kerze zum Brennen bringt. Endlich wird alles klar, und einen besseren Beweis hätte ich nicht finden können. Max hat die Zünder hier verloren. Er war in diesem Zimmer, niemand anderer als dieses Kind hat meine Margolin. Die Zündholzschachtel nehme ich an mich. Wenn Max lügt und in Ausreden flüchtet, wird sie ihm unter die Nase gehalten. Der Kleine soll spüren, wie sich die Kette der Indizien um ihn schließt.

*

Ich bin auf alles gefasst. Doch am Gartentor meiner neuen Nachbarn ist es ruhig. Weit und breit kein Streifenwagen, auch in der Villa scheint es keine Aufregung zu geben. Wenigstens weiß ich schon, wie man sich auch ohne Klingeln und Türöffner Zugang durch den Zaun verschafft. Ich bin nicht zum ersten Mal in einem fremden Garten. Als Eindringling bei Familie Grohmann. Wenn Moritz noch lebte, würde er jetzt bellen und sich mit aufgerissenem Maul auf mich stürzen. Wieder ist die Dunkelheit meine Beschützerin, und der lichtdurchflutete Wintergarten bietet sich mir dar wie eine Bühne.

Doch heute wird nur ein Stück mit einem Kind gegeben. Die Erwachsenen scheinen nicht im Haus. Zu meiner Überraschung macht mir der Einschleichdieb Max sogar eine kleine Freude. Mit meiner Santa Maria segelt er zwischen den grünen und wuchernden Pflanzen, die für ihn wohl ein südliches Dschungelmeer oder auch nur das Krebsenwasser sind. Aber er ist nicht auf einsamer Fahrt, denn seinen Matrosen gibt er Kommandos, und den Menschen an den Ufern ruft er seinen Namen zu. Max der Eroberer schafft es wieder einmal, mich in meine Kindheit zurückzuführen, doch ich habe damals mit Flugzeugen die grasbewachsenen Hügel in unserem Garten bombardiert. Deswegen war ich nicht zerstörerischer als er, denn anders als dieser Kleine habe ich es nie zu einer tödlichen Pistole gebracht. Aber er scheint wenigstens zu wissen, dass meine Margolin kein Spielzeug ist und nicht jedem gezeigt werden darf. Ich an seiner Stelle würde Diebesgut bestens verstecken, noch dazu, wenn man damit richtige Kriege führen kann.

Das Glück scheint in dieser Nacht wieder auf meiner Seite zu sein, mir wird alles geboten, was man sich nur wünschen kann. In seine Hundehütte hat er mich sogar schon einmal eingeladen, und heute habe ich auch einen Grund hineinzukriechen. Sie ist so groß, dass man sich gar nicht durch den Eingang zwängen muss, und auch von hier aus hat man den ganzen Wintergarten im Blick. Aber so hell der auch bis zu mir heraufscheint, es braucht doch einiges mehr an Licht. Ich muss in meiner Tasche nach den Zündhölzern greifen, um die Kerze in der Hütte zu entzünden. Das Feuer flammt auf, der Docht knistert, ich stelle die Kerze in die Mitte, um überall gerade genug zu sehen.

Doch Max ist sorgfältiger als ich. Oder er vertraut den Menschen weniger. Eine Holzkassette ist jedenfalls in dieser verdammten Hundehütte nicht zu finden. Vielleicht hat er sie wie ein Handtaschenräuber weggeworfen und nur die Pistole behalten. Aber obwohl ich wie ein Hund im Boden grabe, entdecke ich die Waffe nicht.

Im Wintergarten gibt es Geschrei, aber ich habe hier in diesem Loch ohnehin nichts mehr zu suchen. Meine Wut ist so groß, dass ich das ganze Gesindel hinter der Glasfassade am liebsten vernichten würde. Mit Granaten und Panzerfäusten müsste man die grüne Idylle da unten in den Boden stampfen, mit einem Flammenwerfer die Grohmanns ausräuchern. Ich wurde bestohlen, und muss mir sogar noch Sorgen machen, mit der Beute könnte ein Unglück passieren. Das Verbrechen haben andere begangen, nicht ich. Die Waffe wurde mit allen Auflagen des Gesetzes gekauft, und sie war auch bestens verwahrt. Hinter Büchern, die so schwer sind wie die Türen eines Tresors. Hätte ich meine Margolin wie Moritz unter dem Baum vergraben sollen? Auch dort wäre sie wohl nicht sicher gewesen. Früher oder später wird sich diese Ausgeburt einer neureichen Familie auch dort zu schaffen machen. Dann aber kann etwas Schreckliches geschehen, man braucht nicht für jede Notwehr eine Pistole.

Doch wie ich sehe, bin ich nicht allein mit meinem Hass auf den Jungen. Der Casinobetreiber jagt ihn gerade durch den Wintergarten, und einige der übermannshohen Gewächse kippen sogar gegen die gläserne Wand. Und jetzt geschieht das, was ich mehr als einmal schon tun wollte. Ein verzogenes Kind wird gezüchtigt. Jeder Hieb in das Gesicht des heranwachsenden Gauners freut mich, und meine einzige Sorge gehört dem Schiff des Kolumbus. Doch die Santa Maria liegt schräg und offenbar unbeschädigt unter dem Serviertisch. Sie wird auch nicht zertreten, als jetzt Herr Grohmann erschöpft nach der nächstbesten Flasche greift und gleich daraus trinkt.

Max hingegen blutet. Ich sehe nur kurz hin, um nicht am Ende doch noch Mitleid in mir aufkommen zu lassen. Außerdem habe ich selbst genug zu tun, um nicht in den leeren Pool zu fallen, während ich mich unbemerkt in Sicherheit bringe. Vater und Sohn verlassen nacheinander das Schlachtfeld. Schon kurz darauf werden die Lichter gelöscht, und der Wintergarten fällt in Finsternis. Die dunkle Glaswand spiegelt nun den Nachthimmel und meine Gestalt. So sieht einer aus, der verloren hat. Gegen ein Kind. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.

Ich werde meine Margolin finden. Sie gehört mir, wie das Gesicht des Mannes in der Glasscheibe. Auge in Auge, schwöre ich mir selbst, nicht locker zulassen, bis die Dinge wieder in Ordnung sind. Das Spiegelbild zeigt mir keine Abendröte, sondern eine immer kräftiger werdende Helligkeit hinter meinem Rücken. Ich wende mich um, mit Blick den Hügel entlang, hin zur Hundehütte. Aus dem Eingang dringt dichter Rauch, und die ersten Flammen umhüllen das Dach. Die fensterlosen Holzwände werden von innen her auseinandergedrückt und fallen brennend zur Seite. Jetzt hat das Feuer genügend Luft, um alles in einem gewaltigen Auflodern zu vernichten. Ich höre das Knacken und Knistern, verkohlte Blätter schweben bis zu mir heran und zerbrechen wie Vögel an der Glasfront des Wintergartens.

Viel an Besitz hat Max nicht gehabt. Auch der Rest wird rasend schnell ein Raub der Flammen, und schon verliert das Feuer an Kraft und Höhe. Da und dort noch ein Schein, wahrscheinlich von einem der Flugmodelle oder dem Riesenrad seines richtigen Vaters. Im Sommer könnten die herumfliegenden Funken noch weiteren Schaden anrichten, doch nicht in diesem März. Trotzdem blicke ich auf die Gebäude ringsum, und ich komme mir vor wie einer von der Feuerwache. Dabei bin ich der Brandstifter und unfähig, den Tatort zu verlassen. Ich habe Entsetzliches angerichtet. Aber kein Fenster wurde geöffnet. Weder in der Villa hier noch irgendwo rundum. Erst morgen wird Max von der Katastrophe erfahren. Er wird vor seinem niedergebrannten Haus stehen und das alles nicht begreifen können. Dann wird er ihn hassen und verfluchen, den Menschen, der ihm das angetan hat. Doch nicht ich bin schuld, sondern eine vergessene Kerze.

Warum blickt Max nicht aus seinem Zimmer? Noch ist genug an lodernden Flammen und Glutnestern zu sehen. Es ist mir unerträglich, dass er die Wahrheit noch nicht kennt. Wie ein Angeklagter, der das unerwartete Urteil Lebenslänglich erst am nächsten Tag erfährt. Aber wieder einmal liegt es an mir. Ein anständiger Mensch würde anläuten und auf das schreckliche Geschehen aufmerksam machen. Doch dann kämen die Fragen. Warum ich hier im Garten bin. Ob ich den Brandstifter gesehen hätte. Ich müsste lügen und den Verdacht auf andere lenken. Zu einer verwerflichen Tat käme die andere, dann die nächste und nächste.

Trotzdem harre ich aus. Als sollte man meiner habhaft werden. Die Wahrheit ist, ich bin feige und auf mich bedacht. Wie die meisten Verbrecher. Ich stehe auch nicht hier, um das Schicksal herauszufordern und endlich entdeckt zu werden, sondern weil ich hilflos bin. Aber nicht ungefährlich. Ich höre nicht auf, eine Spur der Vernichtung zu ziehen. Erst musste der Hund daran glauben, jetzt seine Hütte. Wann ist Max an der Reihe? Oder darf das alles geschehen, weil er mir die Margolin gestohlen hat? Inzwischen ist von seinem hölzernen Zuhause so gut wie alles dem Boden gleich gemacht. Die letzten Flammen sind zusammengefallen, und auch die Glut ist verloschen. Man muss sich anstrengen, in der Dunkelheit die niedrigen Umrisse der Ruine zu erkennen.

Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun. Trotzdem drehe ich mich noch einmal um, bevor ich den Garten verlasse. Meine verbrauchten Augen helfen mir, das Unglück beinahe zu übersehen. Mit ein wenig Vorstellungskraft erscheint alles, wie es immer war. Und eigentlich ist eine niedergebrannte Hundehütte nicht viel anderes als ein zerbrochener Blumentopf, den der Sturm umgeworfen ist.

Auf dem kurzen Nachhauseweg verhalte ich mich wie ein Spaziergänger in der Nacht und zeige keinerlei Eile. Wer immer mich sieht, wird dies später bezeugen können. Andere Brandstifter wären Hals über Kopf geflohen, ich bin geblieben, um das Schauspiel bis zum Ende zu betrachten. Oder hat mich etwas anderes so lange ausharren lassen? War mir eine Hundehütte in Flammen vielleicht sogar lieber als meine Villa, die ich kaum noch ohne Angst betreten kann? Welche Überraschung erwartet mich jetzt wohl da drinnen? Oder brauche ich mich nur umzudrehen, um auf dem Gehsteig gegenüber Sigurd Fürst zu entdecken?

Ich bezwinge mich und betrete wie ein müder Wanderer meinen verwachsenen Garten. Es ist doch alles gut. Mein Haus steht noch, obwohl es auch wie Zunder brennen würde. Noch etwas fällt mir ein, das meine Stimmung hebt. Die Santa Maria ist jedenfalls dem Flammentod entkommen.

*

Die Nacht kennt nur einen Gegenstand, meine Träume sind voll davon. Ich entzünde wieder die verhängnisvolle Kerze, und der Docht knistert erneut beim Auflodern der Flamme. Aber ich befinde mich diesmal nicht in der Hundehütte, sondern im Künstlerzimmer. Im rötlichen Schein starren mir die Gesichter meiner gezeichneten Angeklagten entgegen, und sie scharen sich um mich wie bei einem Scherbengericht. Ich sehe, wie sie mir Bruchstücke aus Ton entgegenstrecken, und in jedes ist mein Name eingeritzt. Jemand spricht mein Urteil. Aber ich werde nicht getötet, sondern für immer verbannt. Mitnehmen darf ich kein Stück von meinem Besitz, nur die Zeichnung von Sigurd Fürst. Doch bei meiner Schreibmaschine finde ich sie nicht, nur das eingespannte Blatt mit meiner Drohung, dass ich ihn töten werde.

*

Noch bevor der Tag hell wird, stehe ich am Schreibtisch vor der Mercedes. Das Porträt von Fürst ist da, und auch das Schreibpapier ist unverändert. Weder wurde es aus der Maschine gerissen, noch gibt es eine Antwort auf meine Mordabsicht. Im Künstlerzimmer sind alle Schuhkartons mit den Zeichnungen meiner Angeklagten auf ihrem Platz, und mein Lebenswerk wird wohl noch länger unberührt bleiben. Um meine Gesichter zu ordnen, brauche ich Ruhe und nicht jeden Tag neue Ereignisse, die mein Dasein bedrohen. Ich muss allerdings zugeben, dass der Tod des Hundes und der Brand seiner Hütte auf meine Rechnung gehen. Doch womit hat alles begonnen? Mit meiner Margolin. Die eine Kugel in das Maul von Moritz hat genügt, um mein Leben auseinanderzureißen. Vielleicht müsste ich sogar dankbar sein, dass Max sie mir gestohlen hat.

*

Ich denke oft an ihn. Heute steht er plötzlich wie herbeigerufen vor meiner Tür, mit verweinten Augen und der Santa Maria im Arm. Aber er kommt nicht an den Tatort, um sich zu stellen oder sein Verbrechen zu bereuen, sondern er fleht um Hilfe. Unter Schluchzen erzählt er mir die Geschichte, und es klingt, als wäre nicht nur die Hundehütte abgebrannt, sondern die ganze Villa samt Wintergarten. Er weint auf die Takelage der Santa Maria, umklammert das Schiff des Kolumbus mit den Händen, sodass ich befürchte, dass er seinen letzten Besitz zerdrückt. Ansonsten lässt mich alles kalt. Entweder bin ich hartherzig geworden, oder ich war nie ein anderer Mensch. Eben immer ein Richter, den Tränen nicht beeindrucken, höchstens misstrauisch machen. Zudem ist Max kein gewöhnliches Kind. Er hat mich bestohlen. Trotz des wunderbaren Geschenks auf seinen Armen.

Sein Vater wird ihn wahrscheinlich noch öfter schlagen, ihm dann aber eine neue Hütte bauen lassen und ihn mit Spielzeug überhäufen. Aber wer bringt mir meine Margolin zurück? Der Kleine redet nicht einmal von ihr, sodass mir nichts übrigbleibt, als mit meinem Verhör zu beginnen. Die Stunde ist günstig. Ich frage ihn, wo meine Pistole ist. Er zeigt auf die Tür des angrenzenden Zimmers. Für sein Alter ist er geschickt, in einer Familie aus dem Prater mit nichts als Spielhöllen und anrüchigen Etablissements weiß man zu lügen und zu täuschen. Von Sebastian Grohmann bekommt der Nachwuchs nicht nur Ohrfeigen, sondern bestimmt auch Ratschläge für ein erfolgreiches Leben. Wo ist meine Pistole?

Der Angeklagte bricht zusammen. Er zeigt auch nicht mehr in eine falsche Richtung, dafür aber würgt er ein paar Worte heraus, die nach Verzeihung klingen. Meine Strenge hat sich gelohnt, auch wenn ich hoffe, sie nie wieder anwenden zu müssen. Max wird erleichtert sein, wenn er alles gestanden hat, und ich habe wieder meine Margolin, die ich fürs Überleben brauche. Einmal mehr halte ich mir vor Augen, dass letztlich er schuld am Niederbrennen der Hundehütte ist, nicht ich. Max hat mich hineingezogen. Während ich von ihm eine Bitte nach der anderen höre, fällt mir noch ein, dass mir der Kleine wahrscheinlich sogar sein Leben verdankt. Wie leicht hätte mein Ungeschick ihm passieren können. Oft genug habe ich ihn vor mir mit seiner Kerze gesehen, seine Arglosigkeit im Umgang mit Feuer. Er wäre in seiner Hundehütte verbrannt.

So aber sitzt er hier und bittet mich zum hundertsten Mal um Verzeihung. Doch er redet nicht von der Pistole, erwähnt sie kein einziges Mal. Es täte ihm so leid. Seine weiteren Worte verstehe ich kaum. Was ich mir zusammenreime, kann ich nicht glauben. Ich frage nach. Dann noch einmal. Er nickt, gibt alles zu. Jetzt bin ich es, der redet und redet. Es ist ja nichts passiert. Deine Hundehütte, wir bauen sie wieder auf. Moritz war nicht drinnen, du auch nicht, nur Holz ist verbrannt, niemandem ist etwas geschehen.

Ich kann ihn nicht trösten. Obwohl ich ihm Flugzeugmodelle und Schiffe verspreche, sogar ein neues Riesenrad aus Zündhölzern, verabschiedet er sich weinend und lässt mich in meinem Zimmer allein. Er kehrt auch nicht um, das Gartentor schlägt zu. Er habe die Kerze sonst immer ausgeblasen. Nur gestern nicht.

Max zerbricht mir das Herz. Ein Unschuldiger gesteht. Der wahre Täter hingegen hält das Maul und verspricht eine neue Hundehütte. Warum laufe ich dem Kleinen nicht nach und gestehe ihm alles? Vom erschossenen Hund bis zur vergessenen Kerze? Weil ich ein Stück Dreck bin. Von einem Feigling kann man nichts verlangen, außer Hinterhalt, Heuchelei und Lügen.

*

Seine Mutter trifft mich in meinem Zimmer so an, wie ihr Max mich verlassen hat. Sitzend und durch das Fenster in den verwachsenen Garten starrend. Von meinen Geheimnissen hat sie keine Ahnung, und sie macht sich auch keine große Sorge um ihren Sohn. Sie wollte nur nachsehen, ob er hier sei, denn zu mir komme er sehr gerne. Ich erzähle ihr von seinem Besuch, erwähne aber weder die vielen Tränen noch das falsche Geständnis. Der Brand der Hundehütte kommt Nadine sogar gelegen, denn dort habe sich nur altes Gerümpel befunden, von dem man ohnehin nur Flöhe bekommen könne. Max aber nütze jede Kleinigkeit, um daraus ein Drama zu machen und für ein paar Stunden nicht nach Hause zu müssen. Wäre da nicht das Etablissement, das sie ruft, sie würde in den Türkenschanzpark laufen, um ihn zu suchen und zur Vernunft zu bringen.

Ich will das alles nicht hören, doch ihre nächste Bemerkung bleibt wie ein Stachel in mir. Sebastian habe nun doch eine Möglichkeit gefunden, an mein Haus zu kommen, ich werde sein Angebot bestimmt nicht ausschlagen wollen. Er schaffe eben alles. Zum ersten Mal erlebe ich, wie Nadine mit Bewunderung von ihrem Mann spricht. Meine Verbündete wird sie wohl nicht werden.

Noch während Frau Grohmann in ihr großes Auto steigt, ziehe ich mich an. Sakko, Schuhe, Burberry, wie immer. Für die Suche nach der Brille meines Vaters habe ich keine Zeit. Max erkenne ich inzwischen trotz meiner kaum noch brauchbaren Augen von weitem. In meinem Türkenschanzpark ist mir jede Ecke vertraut. Wenn der Kleine nur tatsächlich dort ist. Auf dem Spielplatz am ehesten. Auf unserem gemeinsamen Nachhauseweg werde ich ihm dann ein Geständnis machen. Sogar zwei. Und wenn er mir nicht glaubt, zeige ich ihm den Grabhügel unter dem Apfelbaum.

 

Das nasse Wetter und der heftige Wind sind auf meiner Seite. Nur wenige Eltern haben ihre Jüngsten zu den Schaukeln und Klettergerüsten gebracht. Ein einzelnes Kind habe ich noch überhaupt nicht gesehen. Max wird mir auffallen, ich hoffe nur, dass er vor mir nicht die Flucht ergreift. Auch ohne Jagd über den Spielplatz gerate ich außer Atem, und auf dem steilen Hang muss ich keuchend innehalten. Doch meine Angst um den Kleinen treibt mich weiter. Ich wäre schon froh, von ihm nur die Jacke oder seinen Schal zu finden, aber in den hölzernen Lokomotiven und Häusern auf dem Platz sehe ich nur Leere und nasse Planken. Ständig gerate ich auf schmale Wege, eingeengt durch Zäune und Pfähle links und rechts. Das Spielgelände der Kinder wird für mich zum Labyrinth, die wenigen Erwachsenen hier werden mich wohl für einen Verrückten halten.

Ich hetze weiter, mache nur ab und zu Halt, um das angrenzende Gestrüpp zwischen den Bäumen zu überblicken. Max ist nicht hier. Er kann überall sein, auf den vielen Wegen und Wiesen des Parks oder auch schon zu Hause. In einer letzten Hoffnung strecke ich mich über die Zaunlatten und zerreiße mir an einem Drahtgeflecht den Burberry. Beinahe wäre ich weitergelaufen, und nur durch Glück streift mein Blick die Santa Maria auf dem Boden aus Moos und Föhrennadeln. Das Schiff des Kolumbus sieht aus wie abgelegt. Als sollte es wie die dürren Zweige und Äste vermodern und für immer verschwinden.

So wie die Santa Maria mit ihren Segeln auf der Seite liegt, erinnert sie mich an die Hinterlassenschaft eines Menschen, der keinen Ausweg mehr sieht. Allein mein Wissen über Selbstmörder gibt mir Hoffnung. Fünfjährige haben noch keine Vorstellung vom Tod, Fünfjährige bringen sich nicht um. Wahrscheinlich habe ich jetzt diese schrecklichen Gedanken auch nur, weil sie sich mir nach meiner schändlichen Entlassung nahezu täglich aufgedrängt haben. Ich bestreite nicht, die Margolin auch deswegen gekauft zu haben. Um einen letzten Ausweg zu finden, falls die Wellen noch mehr über mir zusammenschlagen. Doch ein Fünfjähriger kennt diese Möglichkeit noch nicht.

Jetzt sehe ich etwas, das aussieht wie ein Affe aus Holz. Er sitzt auf einem dicken Ast über dem Zaun und wendet mir seinen Rücken zu. Doch der Sturm lässt die Haare auf dem Kopf wehen und zerstreut jeden Zweifel. Ich habe Max gefunden. Er sieht aus wie vertieft, in ein Vorhaben versunken, das nur Ältere auszuführen in der Lage sind. Der Kleine weiß noch nichts vom Tod. Bei einem Sturz in die Tiefe würde ihn auch der weiche Waldboden auffangen. Doch da sind die spitzen Zaunlatten, auf die sein Blick gerichtet ist. Vielleicht sieht er in seiner Vorstellung dasselbe wie ich. Wie sich die Spitzen der hölzernen Lanzen in sein Fleisch bohren und seinem Schmerz ein Ende bereiten. Ich kenne auch seine Gedanken. Nur weg von hier. Weg von der Hundehütte und den vielen Menschen, die ihn ablehnen. Am Abend werden die Eltern um ihn weinen.

Wenn ich seinen Namen rufe, kann es passieren, dass er springt. Ich wäre nicht nur schuld an allem, sondern hätte ihn auch noch gepfählt. Wenn Max den Baumstamm loslässt, ist es zu spät. Dazu kommt der Sturm, der heute des Teufels ist. Er kann jederzeit drehen und ein Kind in den Tod reißen. Warum fällt mir nichts ein? Weil ich auf der Welt bin, um Leben zu zerstören anstatt zu bewahren?

Hinter mir weint ein kleines Mädchen immer lauter. Schon vorhin konnte ich sehen, wie es von seiner Mutter höher und höher geschaukelt werden wollte. Jetzt ist es gestürzt. Die Frau versucht das Kind vergeblich zu beruhigen, schon laufen andere Eltern heran. Ich richte meinen Blick auf Max. Wie lange wird er noch in die andere Richtung starren? Wenn er sich umwendet, muss er mich sehen. Ich bücke mich nach dem Schiff, hebe es in die Höhe. Endlich dreht Max sich um, hin zum weinenden Kind, dann her zu mir. Sein Blick fällt auch sofort auf die Santa Maria, die ich über meinem Kopf schwenke und dann gegen den Sturm stemme. Sein Gesicht flammt auf, und ich begreife, was Fügung ist. Ein anderes Kind musste stürzen, um Max vor dem Fall in die Zaunspitzen zu bewahren. Und ich rede mir ein, dass der Kleine nicht nur wegen des Schiffes voller Freude vom Baum klettert, sondern auch, weil er mich gesehen hat.

Gemeinsam verlassen wir den Park. Die Santa Maria darf ich durch die Lüfte tragen. Max will mir das Schiff sogar leihen. Weil ich ihn vor Wunden und Schmerzen errettet habe, oder vor dem Tod, den er in seinem Alter doch unmöglich kennen kann? Ich weiß nicht einmal, ob er nicht einfach nur die Welt von oben betrachten wollte. Nur weil ich nach dem Skandal daran gedacht habe, mich umzubringen, müssen nicht auch andere von solchen Vorstellungen befallen sein. In Max allerdings lauern Gefahren, die mir bei einem Kind noch nie begegnet sind. Bis heute habe ich keine Ahnung, ob er naiv und vielleicht sogar zurückgeblieben ist, oder überaus klug und verschlagen.

An der Straßenbahnhaltestelle bemerkt Max meinen Blick auf den blutverkrusteten Riss in seinem Gesicht. Aber er gesteht mir nicht, dass er gestern von seinem Vater geschlagen worden ist, sondern meint, sein Hund Moritz habe ihn gebissen.

“Aber Moritz ist doch tot!“ Es platzt aus mir heraus. Wie ein Geständnis nach wochenlangen Verhören. Max hat mich zu Fall gebracht. Er zeigt kein entsetztes Gesicht, sondern lächelt mir zu. Er sieht mich an, als hätte er es längst gewusst. Geschickter als jeder Staatsanwalt oder Richter hat er mich auf den Weg der Wahrheit geführt. Auf seine nächste Frage bin ich schon gefasst, durch sie wird wohl alles entschieden. Der Kleine stellt sie mir auch. Er will wissen, wie Moritz umgekommen ist.

Tut dieses Kind nur ahnungslos, um dann die Schlinge umso besser zuziehen zu können, oder hat er mich wirklich nicht in Verdacht? Endlich kommt die Straßenbahn. Sie ist keine Rettung für mich, doch sie gibt mir Zeit. Allerdings nur zwei Stationen lang, dann wird jeder von uns wieder seiner Wege gehen. Doch zu einem Gespräch mit Max kommt es gar nicht erst, denn wir sind gezwungen, einem heftigen Streit unter den Fahrgästen zuzuhören. Die einen haben Verständnis für den Attentäter von Toulouse, die anderen sehen in dem Vierundzwanzigjährigen einen abscheulichen Verbrecher und gönnen ihm den tödlichen Kopfschuss bei seinem Sprung vom Balkon. Ein alter Mann meint, die Pariser Polizei hätte das Schwein schon in der Nacht ausräuchern sollen, statt seine Wohnung endlos lang zu belagern. Max und ich sehen in den Gesichtern Hass, und es fehlt nicht viel, dass es auch im 41er zu einem Gemetzel gekommen wäre. Als wir aussteigen, nimmt der Kleine mir das Schiff dann doch wieder ab. Ich gebe die Santa Maria nur widerwillig aus der Hand, weil er offenbar überhaupt nicht daran denkt, mir meine Margolin zurückzugeben..

*

In meinem Haus begegne ich Kristina schon im Flur. Sie versteht nicht, warum ich die Haustür einmal abschließe, dann wieder nicht. Heute sei sie sogar nur angelehnt gewesen, vor ein Tagen versperrt wie bei einem Panzerschrank. Auf mich sei immer weniger Verlass. Sie drückt mir eine Weinflasche in die Hand, zeigt mir die Verletzung an ihrem Finger und verflucht meinen Korkenzieher. In diesem Haus gehe alles den Bach hinunter, höchste Zeit für einen neuen Herrn.

Seit Jahren nehme ich die vielen Worte meiner Frau nicht ernst. Auch jetzt prallen die meisten Beschimpfungen an mir ab, doch ihr Blick beunruhigt mich. Sehe ich denn wirklich so schlecht aus? Ich habe ja niemanden mehr, der mir über mich etwas erzählt. Vinzenz war der Letzte, der meinen Zustand beurteilen konnte. Aber er hat seit Wochen mein Gesicht nicht gesehen, und wahrscheinlich wäre er jetzt auch blind dafür, hat er doch Tiffany vor sich.

Ich muss mich noch mit Kristina begnügen. Aber bei ihr heißt es vorsichtig sein. Heute auf jeden Fall. Wenn sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch mein Glas mit Wein füllt, will sie etwas von mir. Sie hat es eilig, denn angestoßen wird nicht. Kristina ist keine Diplomatin, sie fällt mit jeder Tür gleich ins Haus. Alles, was ich wissen muss, erfahre ich Schlag auf Schlag. Mein ehemaliger Freund ist so gut wie erledigt. Nicht in seinem Beruf als Chirurg, sondern als Mann an der Seite von Kristina. Dafür gibt es einen neuen, aber dieser Traum von einem Kerl ist verheiratet, noch. Mehr verrät sie nicht, nur so viel, dass ich ihn kenne und trotzdem erst noch kennenlernen werde. Vor allem seine Hartnäckigkeit, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Davon abgesehen, gehöre dieses Haus auch zur Hälfte ihr.

Ich sage ihr auf den Kopf zu, dass ich mich für ihre Liebschaften nicht interessiere, und greife dann sogar zu einem Mittel der Gerichtsbarkeit. Ich schwöre, dieses Haus nie zu verkaufen. Um meine Worte zu bekräftigen, trinke ich darauf. Kristina umklammert ihr Glas. Auch sie leistet einen Eid. Sie werde hier wieder einziehen, und das schon bald, und zwar mit dem neuen Mann an ihrer Seite. Daran könne ich nichts ändern, und seine Praterhure auch nicht.

Damit ist alles klar. Ich und Nadine müssen verschwinden. Doch wie soll das gehen? Ich bleibe hier. Verspreche es heimlich sogar meinen Eltern. Und Tiffany. Das ist die Zukunft. Mein Leben lasse ich mir weder von Kristina, und noch viel weniger von einem Hengst aus dem Prater vorschreiben.

Meine Frau hatte unsere Küche nur selten betreten, und doch ständig gekocht. Auch jetzt ist sie über alle Maßen erhitzt. Dennoch greift sie zu einer Zigarette, zündet sie zitternd an. Am liebsten hätte sie mich jetzt gleich aus dem Haus geworfen, aber es ist nur die Streichholzschachtel, die über den Tisch fliegt. Ich erkenne auf dem Etikett neben dem Riesenrad sofort den Schriftzug vom Glücksparadies im Prater, ganzjährig geöffnet.

Ich frage Kristina, ob sie schon vor ein paar Tagen einmal hier gewesen sei. Natürlich, davon habe sie ja vorhin gesprochen. Ich sei eben längst nicht mehr zurechnungsfähig, es fehle nur noch, dass ich ihr verbiete, ihre eigenen Bücher abzuholen, die schönen Bände, deren Bilder und Gemälde ich ohnehin nie verstanden hätte.

Zum ersten Mal redet diese Frau jetzt über meine Zeichnungen. Sie nennt sie unbeholfen, ein Kindergekritzel, über das man lachen müsste, wenn es nicht aus einem kranken Geist käme. Ich überhöre ihre Wut, ihren Hass auf mich, will nur wissen, ob sie auch im Zimmer daneben gewesen sei. Selbstverständlich, wo sonst hätte sie ihre Bücher suchen sollen. Ich zögere noch, frage aber dann doch nach der Holzkassette. Kristian schenkt sich nach, mir nicht, dafür aber sieht sie mich mit ihren geröteten Augen an.

Du meinst deine Pistole? Die ist in Sicherheit. Wolltest du damit etwa deinen Nachbarn erschießen? Nur, weil er nicht will, dass unser Haus schon morgen einstürzt? Er macht dir die besten Angebote, und du bringst ihn um.

Ich brauche Zeit, um Christinas Worte zu begreifen. Sie hingegen erkennt in meinem Schweigen ein Geständnis. Als ich ihr widerspreche und mich wie ein gestellter Verbrecher verhalte, springt sie auf und läuft zur Schreibmaschine. Da stehe es, schwarz auf weiß. Ich werde dich töten.

Kristina hat nur gelesen, was sie sehen wollte, und nagelt mich jetzt mit einem Satz fest, der eigentlich Sigurd Fürst gilt. Aber es ist undenkbar, dass mich meine eigene Frau entwaffnet, noch dazu eine, die mich mit den Männern rundum betrügt und es in hinterhältigster Weise auf das Haus abgesehen hat. Ich frage sie nach der Waffe, doch Kristina stellt sich taub, verhöhnt mich sogar mit ihrem überlegenen Blick. Bestimmt stellt sie sich vor, wie ich auf ihren neuen Liebhaber anlege und abdrücke. Ich versuche ihr zu erklären, dass meine Margolin harmlos sei, eine Sportpistole, mit er man schon sehr nahe an jemanden herangehen müsse, um ihn zu verletzten, nicht zu vergleichen mit den Waffen eines Breivik oder auch des Todesschützen von Toulouse. Ich erzähle ihr vom blinden russischen Konstrukteur, dessen Geschichte mich eigentlich dazu bewogen hat, dieses Unikum zu kaufen. Um jemanden umzubringen hätte ich mir eine Smith & Wesson zulegen müssen, mit einem viel größeren Kaliber. Mannstoppend.

Ich rede wie vor Monaten der Waffenhändler, und bin im Nachhinein dem Schicksal dankbar, auf einer Margolin beharrt zu haben. Kristina schweigt, aber ganz so sicher ist sie nicht mehr, einem zukünftigen Mörder gegenüberzusitzen. Natürlich erwähne ich weder Sigurd Fürst noch die anderen, die mir als Eindringlinge nach dem Leben trachten könnten. Meinen besitzgierigen und versoffenen Nachbarn hätte ich nie erschießen wollen, sondern ihn in meinem Keller mit dem Spaten erschlagen. Ich rede auch von den düsteren Tagen, an denen ich mir manchmal wünsche, die Schwermut und Verbitterung über mein Versagen nicht länger ertragen zu müssen. Nicht dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte, aber für einen solchen Zweck sei eine Waffe mit einem derart winzigen Kaliber gerade noch zu gebrauchen. Nur für die allernächste Nähe.

Bei diesen Worten blitzen ihre Augen auf. Sie mag mir in den Jahren viele Seitensprünge und Liebhaber verborgen haben, doch wenn sie einen Einfall hatte, dann erkannte ich das sofort. Jetzt öffnet sie sogar den Mund.. Ist das Wort Selbstmord über ihre Lippen gekommen?

Ein anderer Mensch würde jetzt alles tun, um seine widerlichen Vorstellungen bei sich zu behalten und zu verhüllen, doch Kristina springt auf und geht hinauf in den oberen Stock. In ihrem Zimmer über meinem tritt sie den Fußboden mit ihren hochhackigen Schuhen wie in alten Zeiten, aber schon bald darauf steht sie wieder vor mir. Die Holzkassette legt sie behutsam wie ein Geschenk auf den Tisch, dann verabschiedet sie sich. Im Garten verheddert sie sich wieder im Laub, aber heute kehrt sie nicht in die Stadt zurück, sondern schlägt den Weg in die andere Richtung ein, hinauf zu der protzigen Villa. Ich wünsche ihr sogar, dass nur er zu Hause ist, und nicht die Hure aus dem Prater.

*

Meine Margolin ist in ihrer hölzernen Schatulle, kein Putzstock fehlt, und auch die Patronen des kleinen, harmlosen Kalibers sind vollzählig. 43. Ebenso viele Lebewesen könnten damit getötet werden. Ich werde den Kleinen um Verzeihung bitten müssen. Er hat mir nichts getan, ich habe seine Hundehütte zerstört. Das allerdings werde ich ihm niemals gestehen können. Oder doch? Um ihm den schrecklichen Glauben zu nehmen, er selbst sei Schuld daran. Denn ohne Strafe finde ich keine Ruhe. Ich habe Max das Wichtigste genommen, und es ist nur gerecht, dass mir ein Gleiches geschieht. Es ist nicht notwendig, mein ganzes Lebenswerk zu vernichten, aber der Verlust muss schmerzhaft sein.

Das Dutzend Zeichnungen zittert in meiner Hand, und die Glut des Kamins versengt mit fast die Haare. Ich füttere das Feuer jetzt Stück für Stück. Ein letztes Mal sehen mich meine Angeklagten an, bevor sie sich in der Hitze winden und dunkle Flecken bekommen. Dieser Student da mit Brille hat seine Mutter ermordet, jetzt wehrt er sich gegen den eigenen Tod. Endlich unterliegt er, die Gehirnschale bricht auf und wölbt sich in die Höhe. Doch der Mann mit dem feisten Hals und dem brutalen Gesicht hält stand. Drei Menschen mussten damals durch seine Hand sterben, er selbst will nun in der sengenden Hitze nicht und nicht vergehen. Nur zu gut kann ich mich an seine lächerlichen Haarbüschel auf der kahlen Stirn erinnern.

Das letzte Blatt in der Reihe. Nicht ich habe diese Zeichnung geschaffen, sondern ein Meister. Sigurd Fürst hat mich damals gezeichnet, falsch und dann doch wieder richtig, als glatzköpfigen Alten, der sein Gesicht nicht zeigt, es unter Totenhänden verbirgt. Aus Reue? Über die falschen Urteile und das eigene Böse? Aber das von seinem Haupt gefallene Barett zeigt doch, dass Ludwig Redtenbacher ein Richter ist und treu dem Gesetz handeln muss. Dieses Kunstwerk wird nicht dem Feuer übergeben. Sigurd Fürst hat meine Seele erfasst. Wie konnte er schon vor zwanzig Jahren wissen, was aus mir einmal werden würde?

 

Beruhigend ist, dass sich auch Sigurd Fürst in seinem Weitblick irren kann. Denn mein Kopf ist alles andere als derart kahl wie auf seiner Zeichnung, nicht nur Vinzenz beneidet mich um meine Mähne. Deshalb hoffe ich, in meinem Inneren nicht nur Abgründiges zu haben, sondern auch Schönheiten und Anteile am Guten. Aber es ist mir nicht zu verübeln, wenn das Böse in mir wuchert, denn ich musste mich jahrzehntelang damit beschäftigen. Meine Welt ist voller grausamer Taten, die mir und meinem Denken von jenen Menschen zugefügt wurden, deren Abbild ich nun verbrenne. Ich muss gestehen, ich sehe es nicht ungern, wenn sich die Glut in die Fratze einer Kindesmörderin frisst. Vielleicht sollte ich die Gesichter all meiner Angeklagten nach und nach dem Feuer übergeben. Doch für heute ist es genug, ich habe das Niederbrennen der Hundehütte ein klein wenig gesühnt.

Dennoch stehe ich weiter in der Schuld von Max. Wie konnte er auf meine Fragen nach der Margolin anders antworten als mit Schulterzucken. Seine Ahnungslosigkeit war nie gespielt, und ich muss mir zum Vorwurf machen, aus meinem Fehlurteil an Sigurd Fürst nichts gelernt zu haben. Die Indizien und Verdachtsmoment ließen sich damals wie heute leicht zusammenfügen. Max stand als Dieb vor mir, wofür ich ihn hasste. Dabei ist alles mir selbst zuzurechnen. Tod und Brand. Ein Hund, seine Hütte, was kommt noch? Vielleicht sollte mir der Kleine aus dem Weg gehen, ich könnte ihm zum Verhängnis werden.

Meine Margolin ist wieder bei mir. Ihr Fehlen war nicht weniger bedrohlich als ein umherschleichender Sigurd Fürst. Für die Pistole werde ich ein sicheres Versteck finden müssen, und dem Eindringling trete ich demnächst gegenüber. Sein Versteckspiel muss ein Ende haben, es liegt an mir, ihn zu stellen. Vor wenigen Stunden war ich noch wehrlos, jetzt können wir einander endlich begegnen. Ich werde ihn anrufen. Und dieses Mal wird er mir nicht wieder hinterrücks Zeichnungen in die Manteltasche schieben. Ich möchte Sigurd Fürst sehen, von Angesicht zu Angesicht. Ich will von ihm hören, warum er mich beobachtet und umkreist. Ich bin sogar so weit, mich für seine Jahre im Gefängnis zu entschuldigen. Vielleicht verlangt er ja auch nur das und nicht mehr. Der Richter Ludwig Redtenbacher wird ihn um Verzeihung bitten.

Dennoch, ist er als Mensch wirklich groß genug, sich mit einer Entschuldigung von mir zufriedenzugeben? Entspringt diese Hoffnung vielleicht nur meinem Wunsch nach Ruhe und Versöhnung? Ich muss der Wahrheit wieder ins Auge blicken. Sigurd Fürst hat ein Tauchermesser, und das Meerestier bin ich. Er ist Kapitän Ahab, ich sein weißer Wal. Moby Dick. Ich habe Sigurd Fürst zwar nicht das Bein abgerissen, dafür aber Jahrzehnte seines Lebens vernichtet. Warum sollte es bei uns also anders sein als in der Geschichte von Melville? Sigurd Fürst will Rache, und er wird mich jagen bis ans Ende meiner Tage. Oder er ist es, der auf der Strecke bleibt. Durch meine Hand gefällt. Wie es auf dem Blatt Papier in der Schreibmaschine steht: Ich werde dich töten.

Mit der Margolin kommt auch mein Mut zurück. Ich hole Sigurd Fürsts Kuvert mit den drei Zeichnungen aus der Lade. Die erste kenne ich bis auf den letzten Strich, der Hund, die Reisetasche und meine Gestalt. Ich habe dieses Bild seit Tagen deutlicher vor mir als die Gesichter meiner Eltern. Was wird sich mir einprägen, wenn ich die zweite Karte aufschlage? Zeigt mich der Meister betrunken im Weinkeller, umgeben von geleerten Flaschen, oder mit meiner Pistole in der Hand? Es ist nicht einfach, der wissenden Kunst dieses Malerfürsten ins Auge zu schauen, aber ich will es wagen.

Nur, auf dieser zweiten Zeichnung bin gar nicht ich zu sehen, sondern Vinzenz. Mein ehemalige Richterkollege sitzt offenbar an einem Heurigentisch, eine Frau ihm gegenüber. Ein Schauer durchfährt mich. Ich sehe sie.

Tiffany trägt ein schulterfreies Kleid, nippt an einem Glas, allerdings ohne meinen Freund anzusehen. Er hingegen scheint in sie förmlich hineinzukriechen, und ich kann jeden verstehen, der dabei Abscheu und Ekel empfindet. Sigurd Fürst hat die beiden mit unerbittlicher Liebe zur Wahrheit getroffen und auch auf den Hund aus Malaysia im Hintergrund nicht vergessen. Anders als ein Fotograf hebt er mit wenigen Strichen entscheidende Merkmale hervor und macht sie zu Indizien. Das Lokal erkenne ich an den Wandleuchtern, es ist eine der ersten Adressen in der Armbrustergasse. Vielleicht wurde das heimliche Paar an dem Abend, an dem ich ihnen begegnete, mit dem Bleistift festgehalten. Dann muss auch ich damit rechnen, von Sigurd Fürst mit meiner Reisetasche an den Mülltonnen beobachtet worden zu sein.

Ist er damals den beiden gefolgt oder mir? Womöglich hat Sigurd Fürst sogar durch mich die Untreue seiner Muse entdeckt. Dafür spricht auch seine erste Zeichnung. Er war offenbar dem Hundemörder auf der Spur und dessen unbeholfenen Versuchen, die Leiche loszuwerden. Dabei wurde ihm zufällig das Liebesverhältnis der beiden vor Augen geführt. Durch mich ist er zum Wissenden geworden. Wirft er mir das nun vor, oder ist er mir dankbar dafür? Aber ich muss ja nur seine letzte Zeichnung aufschlagen.

Wieder ist es meine Angst, die mich hindert, schnell zu handeln. Vorsichtig und ganz langsam ziehe ich die Karte vom Heurigenbesuch zur Seite, um das nächste Ereignis zu sehen. Es fängt nicht schlecht an. Vinzenz taucht auf, mit einem verzogenen Gesicht und zur Seite geworfenem Kopf. Hat er von Tiffany eine Ohrfeige bekommen? Das würde mir gefallen, und ich habe es in der Hand, die schöne und tugendhafte Frau zu enthüllen. In manchen Stunden erhöht eine Zigarre den Genuss, ich entscheide mich für eine aus Kuba. Schade, dass ich aufgehört habe, Pfeife zu rauchen, eine Dunhill würde jetzt noch besser passen.

Ein tiefer Zug an der Cohiba, und ich greife nach der Karte. Im nächsten Moment stockt mir das Herz. Eine Pistole wird sichtbar. Meine Margolin, gehalten von einer ausgestreckten Hand. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich an der Schläfe von Vinzenz ein kleines Loch. Seine Augen sehen aus, als würde schon kein Leben mehr darin sein.

Die Glut bricht von meiner Zigarre, zerstiebt auf der noch halb verdeckten Zeichnung. Als ich die Asche wegwische, erkenne ich, dass die Hand mit der Pistole unmöglich Tiffany gehören kann. Es sind die Finger eines Mannes, die Sigurd Fürst hier mit nur wenige Strichen skizziert hat. Doch ich bin ja noch nicht am Ende. Eine Daumenbreite noch, und die letzte der drei Zeichnungen wird zur Gänze sichtbar.

Ich decke das Blatt zur Gänze auf. Der Mann mit der Pistole ist weder kahlköpfig, noch hat er ein Greisengesicht. Das Haar ist voll, das Alter gut getroffen. Dieses Mal hat der Meister auf die Seele verzichtet und mein Äußeres gezeichnet. Der Mann mit meiner Margolin bin ich. Wer sonst. Nur er darf damit schießen. Das Beruhigende an der Szene ist ihre Unmöglichkeit. Ein Hirngespinst, wie ich es selbst nie ausführen könnte. Nicht in tausend Jahren. Sigurd Fürst treibt ein ekelhaftes Spiel. Durch meinen hastigen Atem glüht die Cohiba hellauf, ich zerdrücke sie im Aschenbecher. Noch brennend windet sie sich wie vorhin das papierene Gesicht des Angeklagten, und ich muss zu Kristinas Weinglas greifen, um die Glut zu ertränken.

Wie kommt Sigurd Fürst auf die Idee, ich würde meinen Freund umbringen? Ich soll wohl für ihn den Rivalen beseitigen, damit er mit Tiffany sein wildes Leben weiterführen kann. Umgekehrt verlangt Vinzenz von mir genau das Gleiche, nach seinem Wunsch soll ich den Maler niederstrecken. Habe ich nun Vinzenz oder Sigurd Fürst umzubringen? Jeder der beiden setzt mich auf den anderen an.

Aber Sigurd Fürst mit seiner Zeichnung übertrifft Vinzenz bei weitem. Ich sehe mich darin als Täter. Schon jetzt weiß ich, dass ich dieses Bild mein Leben lang nicht vergessen werde. Wie ich entschlossen die Waffe auf den Kopf von Vinzenz gerichtet halte, dessen Gesicht verzerrt, aber immer noch erkennbar ist. Es ist der Augenblick des Todes, den Sigurd Fürst auf diesem kleinen Blatt Papier festgehalten hat. Die Wirkung ist gewaltig. Die Bluttat dringt in mich ein wie ein Befehl von oben, und Sigurd Fürst weiß, was er tut. Sein begnadetes Hirn schafft nicht nur große Kunstwerke, sondern versteht auch Menschen zu lenken. Ich bin in seinen Gedanken zu einer seiner Figuren geworden. Tiffany hat er bereits geformt, jetzt bin ich an der Reihe.

Ich werde mich ihm widersetzen. Sigurd Fürst ist mein Feind, Vinzenz immer noch ein Freund. Ich bestimme, auf wen ich die Margolin richte. Vielleicht wird sie sogar nie wieder abgefeuert, und es bleibt bei den Schüssen auf eine Taube und in das Maul eines Hundes. Die Pistole gehört mir, ich bin ihr Herr, und auch der Herr meiner Taten. Obwohl ich zugeben muss, nach der Zeichnung in meiner Hand kein ganz freier Mann mehr zu sein. Nicht nur weil sie mich in eine Richtung drängt, sondern auch weil sie in mir eine bekannte Erinnerung weckt.

Im Geiste habe ich meinen Freund schon vor Jahrzehnten erschossen. Oder mit einem Beil erschlagen. Wenn er wieder einmal an die Reihe kam, während ich zurückbleiben musste. In den Zeiten seines rasanten Aufstiegs geschah dies fast täglich. Nacht für Nacht. Wach oder träumend. Wie oft hab ich ihm in Gedanken Säure ins Gesicht geschüttet, vor den vielen Frauen, die sich nach dem Schönling umdrehten und nicht nach meiner bedeutungslosen Gestalt. So gesehen wäre es an der Zeit, meine verborgenen Fantasien endlich Wahrheit werden zu lassen. Doch nicht auf Befehl. Auch nicht verführt von einem, der mich als Werkzeug für den eigenen Nutzen missbrauchen will. Zudem ist Sigurd Fürst mein größter Feind. Ist er das?

Die schwächste Figur in diesem Spiel bin ich. Einer, der eine Pistole hat, aber mit ihr nicht umgehen kann. Zufallstreffer mögen Hunde erledigen, doch gegen wahre Feinde bin ich nicht gewappnet. Ich müsste an einen Menschen noch näher herangehen als an Vinzenz, um nicht an seinem Kopf vorbeizuschießen. Einer Messerattacke des Malers wäre ich vollends ausgeliefert, ich würde es nicht einmal zur erlaubten Notwehr bringen. So unbeholfen bin ich, dass ich mir die Margolin sogar von Kristina entwenden lasse. Wenn ich so weitermache, wird Ludwig Redtenbacher zu einem noch größeren Gespött, als er es ohnehin schon ist. Was denkt man von einem, der es klaglos hinnimmt, wenn ihm die Frau weggenommen wird, zuerst von einem alten Freund und Chirurgen, dann von einem zwielichtigen Nachbarn. Mit einem solchen Menschen ist alles möglich, der nimmt die größten Demütigungen ohne aufzumucken hin. Der hilflose Tropf redet sich sogar ein, allein ein besseres Leben zu haben. Wer sich nicht wehrt, verdient es, vernichtet zu werden. Und das muss sich ändern.

Der Waffenhändler hat mir einst geraten, sein Schießkino aufzusuchen, um den Umgang mit der Pistole zu lernen. Doch ich habe einen Keller, der für mich und meine Margolin wie geschaffen ist. Ich kann mich darin austoben, und niemand wird es hören. Andere machen sich in Steinbrüchen und abgelegenen Wäldern verdächtig, während ich bestens beschützt zu Hause die Kunst des Tötens lerne. Auch wenn ich meine Waffe hoffentlich nie gegen einen Menschen erheben muss, so möchte ich doch die Fähigkeit dafür beherrschen. Sie wird mich schützen und aus mir jemand machen, der auf sich vertrauen darf.

*

In der letzten Stunde habe ich oft daneben geschossen, doch einige leere Weinflaschen sind zerborsten. Auch der Knall kann mich nicht mehr erschrecken. Jetzt vergrößere ich den Abstand und lege auf einen Roten Burgunder im hinteren Keller an. Von hier aus erscheint trotz der Brille meines Vaters das Ziel verschwommen. Mein Auge wandert hin und her, zwischen Kimme, Korn und Ziel. Mein Arm wird schwerer und schwerer, und ich fange an zu zittern. Um nicht aufzugeben, drücke ich ab. Die Kugel schlägt irgendwo im Gemäuer ein, und der Geruch von Ziegelstaub und Moder dringt her bis zu mir. Ich lade durch, nehme meinen Feind wieder ins Visier. Doch nicht er muss daran glauben, sondern ein dreißigjähriger St. Laurent daneben.

Dann aber gelingt mir das Kunststück doch. Der Wein spritzt wie Blut über die Regale, und endlich gibt es im stillen Keller einen Höllenlärm. Ich lerne die Ratten das Fürchten. Auch wenn mich der Anblick dieser Tiere immer ekelt, wären sie mir jetzt höchst willkommen, denn auf Lebloses zu schießen, lässt doch bald eine gewisse Langweile entstehen. Auch möchte ich endlich bewegliche Ziele vor mir haben, um es auch darin zu einer gewissen Fertigkeit zu bringen. In der Welt draußen hält man mir zuliebe ja auch nicht still, sondern greift mich an. Ich schlage zurück oder komme sogar einer möglichen Attacke zuvor. Wen wird es treffen? Fürst oder Vinzenz? Vielleicht blickt ein ganz anderer in den Lauf meiner Pistole. Am besten gefiele mir dabei das arrogante Gesicht meines neuen Nachbarn, beim nächsten anvisierten Burgunder denke ich an ihn. Auf keinen Fall richtet sich meine Margolin gegen mich. Wozu mein eigener Feind sein, wenn ich genügend andere habe.

Allmählich macht mir der immer kleiner werdende Vorrat Sorge. Die Patronen reichen kaum noch für diese Nacht. Auch ohne Alkohol bin ich in einen Rausch gekommen, zerplatze fast vor Tatendrang und Mut. Doch jetzt handle ich in der wirklichen Welt. Nichts ist eingebildet oder das Ergebnis eines von Chemie durchströmten und vergifteten Gehirns. Ich lade durch, strecke meinen Arm aus, führe Kimme und Korn zusammen, halte den Atem an, drücke ab, und der herumspritzende Rebensaft malt ein neues Fresko an die Wand.

Ich glaube sogar, dass ich fürs Schießen ein größeres Talent habe als für den Zeichenstift. Mikhail Margolin und Ludwig Redtenbacher vereinigen sich. Das blinde Genie hat mir eine wunderbare Waffe in die Hand gelegt. In meinem Besitz ist sie seit einem Vierteljahr, jetzt aber habe ich sie mir erst erobert. Und ich gehöre ihr. Sie wegzulegen, um schnell das Magazin nachzufüllen, ist beinahe eine schmerzhafte Trennung. Ich bin froh, wenn ich das formvollendete Werk eines begnadeten Konstrukteurs rasch wieder umklammern kann. Nur andere Ziele hätte ich gerne. Etwas Lebendiges. Ich möchte Aufschreie hören und sehen, wie sich jemand auf dem Boden windet. Oder wie er um Gnade fleht. Doch ich tröste mich mit dem Schicksal meines Freundes Margolin. Er konnte zwar trotz seines erloschenen Augenlichts ein kleines Wunderwerk schaffen, doch schießen konnte er damit höchstens ins Leere und treffen nur seine Finsternis. Ich dagegen lege auf Blaue Portugieser an und genieße den Erfolg. Doch die Reue kommt.

*

Noch in der Nacht wache ich auf. In den Träumen habe ich weitergeschossen, aber die getroffenen Menschen wehrten sich und erwiderten das Feuer. Einer rammte mir sogar ein Messer in die Brust. Das kann nur Sigurd Fürst gewesen sein, obwohl er kein Gesicht hatte, auch nichts von einem Körper, nur einen unendlich langen Arm. Das Erschreckende in meinen gegenwärtigen Gedanken ist aber nicht Fürst, sondern der folgsame Ludwig Redtenbacher. Sigurd Fürst hat mich zwar dazu verführt, doch ich habe bereitwillig gehorcht. Seine Zeichnung weckte mich auf und trieb mich in den Keller. Ich schoss zwar nicht auf den Kopf meines alten Richterkollegen, tobte mich aber dennoch in den Gewölben aus. Und das mit Lust. Sie überdeckt mein schlechtes Gewissen.

Gestern war ich noch ein anderer. Es scheint, als hätte die lange hinausgeschobene Reise endlich begonnen. Ich stehe sogar früher auf als sonst. Für heute habe ich einiges vor. Früher habe ich nach durchzechten Nächten schon vor Sonnenaufgang weitergetrunken, jetzt kann ich nur noch an meine Patronen denken und wie ich dem Waffenhändler meinen großen Verbrauch erkläre. Dann heißt es noch, für die Margolin einen guten Platz zu finden. Hier bieten sich einige gut getarnte und absolut sichere Verstecke an, doch ich möchte mich ja nicht in der Villa mit ihr vergraben. Auch ohne Waffenpass wird sie demnächst mitgenommen, hinaus ins Freie. Gemeinsam werden wir den Frühling begrüßen.

Ich werde keine Zigarren mehr rauchen und zu einer alten Leidenschaft zurückkehren. Schuld daran ist meine Pfeifentasche, in die nicht nur die Dunhills und Stanwells passen, sondern auch eine Pistole namens Margolin. Das kostbare Leder umschmiegt die Waffe, macht sie so gut wie unsichtbar, und dennoch bleibt sie griffbereit. Ich bin nicht auf den Burberry angewiesen, um sie bei meinen Ausflügen zu verbergen. Der Mantel kommt in den Schrank, die Jackets für die warme Zeit werden herausgeholt.

Es klingelt, und am Telefon ist eine Frau. Aber nicht Kristina bellt mir ins Ohr, sondern die Stimme ist samtig und dunkel. Auch ohne sie jemals zuvor gehört zu haben, weiß ich, wem sie gehört. Tiffany stellt sich trotzdem vor. Sie müsse mich treffen. Leider könne sie erst in einer Woche, aber am Gründonnerstag sei es möglich. Schottentor. U2 stadtauswärts. 11 Uhr Vormittag. Es gehe um meinen Freund und den ihren.

Natürlich sage ich zu. „Ich komme. Ich werde dort sein.“ Dann legt sie ohne Gruß auf. Sie scheint überhaupt in Eile gewesen zu sein. Oder unter Aufsicht. Meines Freundes oder des ihren? Waren Vinzenz oder Sigurd Fürst in ihrer Nähe, als sie mit mir telefonierte? Heimlich, um mich zu treffen? Was habe ich da im Hintergrund gehört? Punk, Garagenrock? Noch dazu französisch gesungen. Aufregend wie Tiffany. Ich halte den Hörer noch immer in der Hand.

*

Bei meinem Ausflug in den Frühling höre ich kaum die Vögel, sondern nach wie vor die wunderbare Stimme Tiffanys. Aber nicht nur sie ist bei mir, auch die Margolin. Noch nie war die Pfeifentasche so schwer, heute jedoch könnten meine Schultern alles tragen. Die ganze Welt. Ab und zu werfe ich einen Blick nach der Pistole und spüre, wie sie mir Mut einflößt. Ihr Griff schimmert aus dem dunklen Leder hervor, und beim Gehen schlägt sie gegen meinen Schenkel. Dabei würde ich heute am liebsten laufen. Den aufblühenden Bäumen entlang, der Sonne entgegen, den Menschen, die sich zum ersten Mal in diesem Jahr auf den Wiesen niederlassen. Im Stadtpark. Dorthin zieht es mich heute. Um den Gründonnerstag schon jetzt zu feiern.

 

Ich habe auch keine Scheu vor anderen Menschen, und sogar die Touristen sind mir willkommen. Sie drängen sich vor dem meistfotografierten Denkmal der Stadt, doch heute bringe ich sie dazu, kurz innezuhalten. Ich laufe übermütig die Stufen hinauf zum Walzerkönig Strauss und verstelle den Besuchern unten die Aussicht. Aber dann verdrücke ich mich, um nicht die Fotografen gegen mich aufzubringen und stattdessen eine Pfeife im Freien zu genießen. Der Tag ist dafür wie geschaffen.

Die Aussicht auf Tiffany befreit mich von Sorgen und Ballast. Wie immer die Begegnung mit ihr ausfallen wird, Tatsache bleibt, sie hat mich angerufen. Die Nummer hat sie wahrscheinlich von Vinzenz gestohlen oder auch von Sigurd Fürst, dem ich zutraue, über mich alles zu wissen. Mit Tiffany hat es zu tun, dass mir fast poetische Worte in den Sinn kommen, aber auch die Erfolge meiner Schießübungen im Keller machen mich ein wenig stolz.

Jetzt aber will ich die Sonne genießen, mit einer Dunhill im Mund und der Margolin an der Seite. Eine endlose Reihe sonnenhungriger Menschen umgibt mich, es war gar nicht leicht, einen freien Platz auf einer der Parkbänke zu finden. Ich schließe die Augen und sehe Tiffany in der U-Bahn-Station auf mich warten. Mit jedem Tag rücke ich der Frau mit der dunklen Stimme ein Stück näher. Ich hoffe nur, sie trifft mich ohne Hund, und vor allem möchte ich eine Begegnung in Ruhe, bei der sie mir in aller Ausführlichkeit ihr Anliegen erzählen kann. Doch bis dahin ist es noch exakt eine Woche, die Glocken der umliegenden Kirchen schlagen eben elf.

Alles könnte so harmonisch sein, wenn der Mann neben mir nicht wäre. Der sucht ständig etwas in seinen Hosentaschen und rempelt mich dabei an. Oder er kratzt sich am Kopf, und ich kann seine ausgefallenen Haare fliegen sehen, auch ohne die Augen zu öffnen. Er scheint ein Säufer zu sein, denn ich höre den Verschluss einer Flasche und das Glucksen, wenn er trinkt. Dieser Mensch schafft es sogar, Tiffany aus meinen Gedanken zu vertreiben. Meine Pfeife geht aus, aber ich weigere mich noch, meine Augen zu öffnen. Ich werde mir wohl oder übel einen anderen Platz suchen müssen.

Viel lieber würde ich jetzt nach der Margolin greifen und sie den Kerl neben mir kurz sehen lassen. Wie rasch würde er wohl aufspringen und sich verziehen. Wenn nicht, wäre ich gezwungen, den Lauf auf seinen stinkenden Körper zu richten und abzudrücken. Er würde zusammensacken, ohne dass es jemandem auffiele. Nur der Knall wäre ein Problem. Die Tauben würden auffliegen und so manches neugierige Auge sich uns zuwenden. Daher schießt man in Anwesenheit von vielen Menschen auch mit Schalldämpfern, anders kann man in belebter Öffentlichkeit gar nicht morden. Außer man wählt das lautlose Messer.

Wieder ist er am Trinken. Doch nicht der Gestank von Fusel dringt her zu mir, sondern ein duftendes Aroma. Ich öffne die Augen und sehe an seinem Hals den Adamsapfel. Der springt auf und ab, die Haut darüber fest gespannt. Jetzt setzt der Mann die Flasche ab und stellt sie auf das Knie. Er wird gleich noch ein paar Züge machen, denn er verschließt sie nicht. Etwas Vertrautes zeigt sich mir: das langhaarige Büffeltier. Nun weiß ich endlich, wie Bison-Wodka riecht. Entweder ist dieses Getränk so in Mode, dass es auch hier im Stadtpark durch viele Hände geht, oder ich kenne den Mann neben mir tatsächlich nur allzu gut. Er trägt seinen Bart wie damals, aber fast zwanzig Jahre Gefängnis haben ihm zugesetzt. Noch nie war ich Sigurd Fürst so nah. Während ich ihn von der Seite betrachte, sieht er hinüber zum vergoldeten Johann Strauss.

Ich bin außerstande, mich zu bewegen, wage kaum zu atmen. Mein Todfeind ist hier. Sein Anblick erscheint mir wie der eines Dämonen. Mehr als ich erwartet hätte, erschreckt mich sein Gehabe und der Ausdruck seines Gesichts. Ich gebe Vinzenz recht, der mir damals in seinem Penthouse erzählte, der Kerl sei eine Mischung aus Tyrann und Verrücktem, den das Aquarium in seiner Zelle wahnsinnig gemacht habe. Auch die Schläge gegen Tiffany kommen mir nun glaubhaft vor. Mehr sogar. Wann holt er aus, um die Wodkaflasche auf meinem Kopf zu zertrümmern?

Ich weiß nicht einmal, ob er zufällig hier sitzt oder absichtlich neben mir Platz genommen hat. Hat er mich im erst Stadtpark entdeckt oder ist er mir schon den ganzen Tag auf der Spur? Ich muss aufhören, ihn anzustarren. Am einfachsten wäre es, aufzuspringen und den Park zu verlassen, aber er würde mir folgen. Gewiss denkt auch er an nichts anderes als an mich.

Sein zuckender Fuß berührt zufällig den meinen, vielleicht ist es auch Absicht. Ich soll mich wohl vorbeugen und auf sein Hosenbein sehen. Will er mir zeigen, dass er wie immer sein Tauchermesser dabei hat? Oder ist er nur ebenso aufgeregt wie ich. Hätte ich doch nur den Mut, ihn zu begrüßen. Oder ich frage ihn, ob wir uns kennen. Aber jede Bemerkung von mir könnte verhängnisvoll sein. Am besten, ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Sigurd Fürst zittert nur. Vielleicht wegen der Menge an geleerten Wodkaflaschen. Oder er ist an Grippe erkrankt und schleppt sich nur meinetwegen ins Freie. Letzteres wäre erschreckend. Sein Hass auf mich ist so groß, dass er nicht einmal den eigenen Körper mehr beherrschen kann.

Er trinkt. Wiederum hält er die Verschlusskappe in der anderen Hand, aber nicht, um gleich einen weiteren Schluck zu nehmen. Ohne mich anzusehen, reicht er mir mit Nachdruck, fast gebieterisch die Flasche. Ich habe mit seinem Messer gerechnet, mit Glassplittern im Kopf, nicht aber mit dieser Geste, mit der er mir zeigen will, wer der Stärkere ist. Er ist der Herr, ich habe zu gehorchen. Der Bison wackelt vor meinem Gesicht, und ich kann nicht anders, als nach ihm zu greifen. Mich ekelt vor dem feuchten, glänzenden Flaschenrand, doch elbst das gehört zu seinem Spiel. Dabei tut er wahrscheinlich nur, was im Gefängnis Alltag ist. Man teilt mit seinen Kumpanen und Zellengenossen. Ich aber bin sein Feind, sein Richter.

In diesem Augenblick heißt es trinken. Oder ich schütte das Zeug in den Sand und gebe damit meinem Nachbarn zu verstehen, dass ich mit ihm nichts zu schaffen habe. Die Feindschaft würde weiter bestehen, und wahrscheinlich wäre sie größer als jemals zuvor. Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken, wenn er sich vorbeugte, um nach dem Messer zu greifen. Mit seinen Erfahrungen im Töten von Haien wäre ich für ihn kein Problem. Ich trinke. Ohne den Flaschenhals heimlich abzuwischen. Aus lauter Feigheit. Es ist, als küsste ich meinen Feind. Als spuckte er mir in den Mund. Der Halm des Büffelgrases stößt an meine Zunge, und jetzt nimmt mich auch das Aroma gefangen. Anders als ich es erwartet hatte, glüht weder meine Kehle, noch verspüre ich einen Schlag in der Magengrube. Mir kommt vor, als habe der Mann neben mir zu zittern aufgehört. Weil die Anspannung von ihm abgefallen ist? Weil er gewonnen hat?

Alles ist nun anders. Zumindest erscheint mir nichts mehr so gefährlich wie noch vor wenigen Augenblicken. Doch es ist nicht der Wodka, der mich betäubt und betrügt. Die Kraft kommt aus mir. Weil ich mich überwunden habe. Ein wenig mutiger bin ich durch den Branntwein schon. Warum sonst würde ich die Flasche ein zweites Mal ansetzen. Endlich sieht Sigurd Fürst her zu mir. Ich gebe ihm die halbleere Flasche zurück und blicke in seine Augen. An diesen Mann habe ich seit Monaten unentwegt gedacht, und er wahrscheinlich Jahrzehnte voller Hass an mich.

Wir sind einander zu nah, als dass er auf mich losgehen könnte, und mir gelingt es nicht, auch nur das Geringste in seinem Blick zu erkennen. Was sind seine Pläne, was hat er vor mit mir? Ich könnte ihn grüßen, doch das wäre lächerlich, denn durch unser gemeinsames Trinken sind wir schon viel weiter. Wenn er nur nicht blitzschnell nach seinem Messer greift! Oder hat er es längst in der Hand? Selbst wenn er wieder verhaftet würde, die Rache wäre ihm gelungen. Dieses Mal wüsste er, wofür er im Gefängnis sitzt. Er könnte sogar damit rechnen, von aller Welt verstanden zu werden. Mir würden die Menschen mein Schicksal vergönnen.

Doch dazu wird es nicht kommen. Weil sich meine Hand schon ganz langsam und unbemerkt der Pfeifentasche nähert. Den Mann neben mir habe ich immer im Blick. Noch fasse ich die Margolin nicht am Griff. Schon zu Hause habe ich sie durchgeladen und auch entsichert. Die nächtliche Schießerei im Keller war wohl eine göttliche Fügung. Jetzt ist mir an der Pistole alles vertraut, ihr kleines Kaliber für unsere Nähe wie geschaffen. Weder werden Herumsitzende noch Touristen gefährdet, und das Blut meines Feindes wird auch nicht in Strömen fließen. Wenn mich Vinzenz nur sehen könnte. Er hat recht gehabt. Es wird Notwehr sein.

Aber ich greife ins Leere. An meiner Pfeifentasche finde ich nur den Schulterriemen, Leder, ein Fach mit glatten Innenwänden. Einen Schrecken wie diesen kann man nicht verbergen, und meine Augensterne müssen sich wohl ins Unendliche geweitet haben. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Die Margolin könnte aus der Tasche geglitten sein, im Sand oder zu meinen Füßen liegen. Oder auf der Bank. Ich taste die Planken um die Pfeifentasche herum ab. Doch die lebensrettende Waffe ist nicht zu finden. Ich werde mich bücken müssen, doch wie stellt man das an, wenn man im unmittelbaren Blickfeld seines Feind sitzt?

Jetzt spüre ich seine Hand an meiner Jacke. Metall gleitet über Holz. Dann drückt der Hahn der Margolin gegen meinen Oberschenkel. Warum hält er die Waffe verkehrt herum? Hat er es nur auf mein Bein abgesehen? Ich blicke an mir hinunter. Sigurd Fürst schiebt die Waffe weiter, bis ich nahezu auf ihr sitze. Kurz hält er sie bedeckt, aber dann lässt er die Pistole los, und ich bemerke, dass der Lauf von mir abgewendet ist. Mein Feind gibt mir die Margolin nur zurück. Er hat sie offensichtlich auf der Bank gefunden. Oder sie aus der Ledertasche gezogen, während meiner Gedanken an seine Muse Tiffany.

Es wäre an der Zeit, endlich mit ihm zu reden. Ein Wort würde fürs Erste genügen. Danke. Ich könnte auch nur nicken und lächeln. Doch er kommt mir zuvor, beugt sich herüber, flüstert in mein Ohr. Wolf.

Mein Freund Vinzenz Wolf. Der Mann neben mir weiß, dass er nicht deutlicher zu werden braucht. Ein Mordauftrag wie dieser muss nicht in allen Einzelheiten besprochen werden. Alles ist klar. Jetzt kommt es nur auf mich an. Wie einfach wäre es für ihn gewesen, mich mit meiner eigenen Pistole niederzustrecken. Vielleicht denkt Sigurd Fürst sogar, dass ich aus Dankbarkeit handeln müsse, weil er mir eben das Leben schenkte.

Er trinkt den restlichen Wodka, steht auf und lässt mich allein. Die Flasche bleibt zurück. Ich nehme sie, um einer alte Dame Platz zu machen. Mir ist es nur recht, dass sie mich für einen Säufer hält und nun mit abgewandtem Gesicht neben mir sitzt. So kann ich die Margolin unbemerkt in die lederne Pfeifentasche schieben, den herausragenden Griff mit einem Taschentuch umhüllt, damit im Waffengeschäft niemand etwas bemerkt, wenn ich später eine neue Packung Patronen kaufe. Aber nicht für Vinzenz Wolf. Sie sind alle für den Weinkeller bestimmt. Ich bin erschöpft, so als hätte ich nicht nur das Loch für Moritz geschaufelt, sondern drei ganze Gräber ausgehoben. Für Sigurd, Vinzenz und mich.

Auf jeden Fall werde ich mich am Gründonnerstag nach Sigurd Fürst noch gründlicher umsehen müssen als sonst. Nur Tiffany möchte ich treffen und niemanden sonst. Wenn Sigurd Fürst in Vinzenz einen Nebenbuhler erblickt, warum mordet er nicht selbst? Weil ein toter Vinzenz ihn doch wieder nur ins Gefängnis bringen würde? Weil er ja mich hat, der in seiner Schuld steht? Heute hat er mich so weit gebracht, von seinem Wodka zu trinken. Wann wird sein nächster Befehl ausgeführt? Dieser Mensch hat Macht über mich. Als Eindringling war er harmlos und versteckt, aber nun habe ich ihn gesehen. Di Sonne verschwindet hinter den Bäumen, im nächsten Moment ist es schon bitter kalt.

*

Der Waffenhändler kann sich nur zu gut an mich erinnern. An den Mann, der auf einer Margolin bestand. Er spricht sogar von einer kleinen Überraschung, die er für mich habe. Doch vorher bekomme ich vier kleine Schachteln. Um sicher zu gehen, nehme ich weitere hundert Patronen dazu. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. All diese Hohlspitzgeschosse werden nichts als die Flaschen in meinem Weinkeller zerbersten lassen. Oder trage ich heute den Tod nach Hause? Mein Verkäufer sorgt sich weniger, denn er bietet mir Schießscheiben an und sogar einen Kugelfang. In seinen Augen ist und bleibt die Margolin eine Waffe für den Sport. Trotzdem gesteht er mir zu, dass man mit dem kleinen Kaliber auch einen Menschen umbringen könnte. Auf die Entfernung komme es an, und natürlich auf die getroffene Stelle.

Damit geht er in einen der hinteren Räume und kommt mit einem abgegriffenen Heft zurück. Die Frau, die ihm die Margolin in der schönen Holzkassette ursprünglich verkauft habe, habe ihm auch diese Aufzeichnungen vor ein paar Tagen gebracht. Sie gehörten zur Pistole, und bei ihr zu Hause könne niemand etwas damit anfangen. Dann wünscht mir der freundliche Verkäufer noch viel Vergnügen beim Schießen und freut sich auf meinen nächsten Besuch.

Schon auf der Fahrt nach Hause blättere ich in dem fingerdicken Heft. Ein Prospekt über die Margolin fällt mir entgegen, aber auch einige Schießscheiben. Ich brauche Zeit, um das Außergewöhnliche daran zu begreifen. Bei der Zwölf gibt es ein einziges Loch. Der ehemalige Besitzer meiner Margolin hat offenbar immer wieder dieselbe Stelle getroffen. Zehn Mal? Das grenzt an ein Wunder. Ich halte die Aufzeichnungen eines Meisters in Händen. Die Einträge reichen über zwei Jahrzehnte, Tausende Ergebnisse sind angeführt. Eine Liste von Treffern reiht sich an die andere, jede Seite ist in kleinsten Buchstaben bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Vor mir liegt das Zeugnis eines Besessenen. Akribisch steht vermerkt, warum eine Schussreihe hervorragend ausgefallen ist, oder auch um einen Hauch weniger gut. In winziger Schrift und spiegelverkehrt. Um das alles zu lesen, würde ich Wochen brauchen, und ich schäme mich, bisher so stümperhaft mit der Margolin umgegangen zu sein.

*

Die Tage bis zum Gründonnerstag werden unendlich lang. Ich überlege, Max zu mir zu holen und ihm von meinem zu Plan erzählen. Um ihn die Hundehütte vergessen zu lassen, soll er ein neues Haus bekommen. In meinem Garten, auf dem Apfelbaum. Kennen Kinder von heute Baumhäuser noch? Auch das Grab darunter würde ich ihm erklären. Vor allem sollte er endlich erfahren, dass seine Hundehütte nicht durch ihn abgebrannt ist, sondern dass ich der Schuldige bin. Doch es bleibt bei dem Vorhaben, und ich fahre nur fort, die Stunden zu zählen. Ich mache mich auch auf eine große Enttäuschung gefasst. So viele Missgeschicke sind möglich. Tiffany könnte unsere Verabredung vergessen haben. Oder Sigurd Fürst wacht über sie, und sie schafft nicht einmal einen Schritt vor die Tür.

*

Am heutigen Gründonnerstag ist in der Stadt die Hölle los. Vor dem großen Fest will ein jeder noch alles besorgen, und man tritt sich sogar in den Außenbezirken gegenseitig auf die Füße. Ein falsch geparktes Auto behindert die Straßenbahn. Die Zeit läuft, und Tiffany wird nicht warten. Schon als wir in die Haltestelle Schottentor einfahren, sehe ich auf einer Uhr, dass ich zu spät bin. Um fünf Minuten. Vielleicht ist das für Tiffany nicht zu viel, doch mir kommt mein Versagen vor wie eine Ewigkeit. Beim Aussteigen dränge ich Menschen beiseite, ich benehme mich wie ein Flegel, und manch einer dreht sich nach mir um.

Von Tiffany jedoch ist nichts zu sehen. Sie könnte bereits in der U-Bahn sein. Eine Frau hinter den Glasscheiben sieht aus wie sie. Tiffany hat genug vom Warten gehabt, und sie hat mich schon jetzt verlassen. Wenn ich lange zögere, habe ich sie vielleicht für immer verloren. Ich hetze in den Waggon, lauter Menschen um mich, doch keiner von ihnen ist Tiffany. Die U-Bahn rast donnernd durch die Tunnels, und ich weiß, dass ich wieder einmal versagt habe. Einen toten Hund könnte ich mir noch verzeihen, nicht aber den Verlust dieser Frau. Plötzlich mischt sich Musik in das Getöse. Schrill und schneidend. Ich habe sie schon einmal gehört. Ich sehe mich nach Frauen um, die Kopfhörer tragen. Das ist nicht leicht zu erkennen, denn die Dinger sind klein und unter den Haaren so gut wie unsichtbar.

Punk, Garagen-Rock? Schon beim Telefonat mit Tiffany war ich mir nicht sicher. Oder bilde ich mir alles nur ein? Weil ich mir diese Frau so sehr herbeisehne? Vielleicht hören Tausende diese Musik, nicht nur sie. Das Schlagzeug rast noch schneller als unser Zug. Doch in der nächsten Haltestelle schöpfe ich Hoffnung. Für einen Augenblick ist es ruhiger geworden. Der Song ist auf Französisch. Hallo. Bonjour.


Song: Mopedrock!! – Vasistas – Les Autrechiens (web, fb)
(c + p KONKORD 2011)
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Ich muss nur aufpassen, dass die Musik nicht verschwindet, denn das würde bedeuten, dass Tiffany ausgestiegen ist. Aber die rockigen Klänge bleiben, und dazu zahlreiche Frauen mit langen Haaren. Schon schließen sich die Türen des Waggons, und wir jagen weiter. Mir kommt es vor, als wäre die U-Bahn heute unvergleichlich schneller als sonst, aber das liegt wohl an der vorantreibenden Musik. Bestimmt beobachtet Tiffany mich. Macht es ihr Freude, mich derart verwirrt zu sehen, an ihrem Gängelband? Hält sie mich bereits jetzt für einen alten Herrn, der den Anschluss an ihre Zeit längst verloren hat? Dabei hat sie mich schon in der letzten Woche um einiges jünger gemacht, und jetzt eben finde ich sogar Gefallen an ihrem Spiel.

Der rasende Song ist zu Ende. Kein weiterer folgt, und unser Waggon erscheint mir plötzlich wie ausgestorben. Die Menschen drängen sich weiterhin zwischen den Sitzen und an den Türen, doch das Leben ist aus ihnen verschwunden. Die Fahrt durch den Untergrund ist nur noch das übliche Gemisch aus Motorengeheul und kreischenden Lautsprechern, kein aufregendes Gefühl stellt sich mehr ein.

Eben hätte ich noch die ganze Stadt erobern können, jetzt ist alles wie sonst.Ein kahlköpfiger junger Mann verstellt mir den Weg. Ich schiebe die schmächtige Gestalt beiseite. Meine Hand verheddert sich in den Kabeln seiner Kopfhörer, und ich mache mich schon auf eine Rangelei gefasst. Es wäre nicht das erste Mal. Doch als ich mich vorbeidränge, spüre ich, wie mich jemand von hinten an der Jacke zupft. Und wieder. Ich wende mich um, sehe vollendet geschwungene Lippen und weiche Wangen, und es dauert, bis ich begreife. Nicht ein junger Mann steht mir gegenüber, sondern sie. Ihr kahler Kopf stürzt mich in Verwirrung. Auf einen solchen Auftritt war ich nicht gefasst.

Bei der nächsten Haltestelle steigen wir aus. Tiffany steckt sich sogleich eine von ihren indischen Zigaretten in den Mund. Wir sind nahe am Wasser angelangt, der Weg hinüber zur Alten Donau ist nicht weit. Ich muss mich überwinden, sie anzusehen. Dabei wollte ich sie unbedingt treffen. Meine Tiffany. Jetzt schäme ich mich fast, mit ihr gesehen zu werden, obwohl mich hier bestimmt niemand kennt. Sie bemerkt meine Blicke und holt auch gleich zu einer Erklärung aus. Ihr Friseurbesuch eine Woche zuvor habe mit Vinzenz zu tun, nur sei er wie so vieles andere umsonst gewesen. Sie könne sich nicht auch noch das Gesicht zerschneiden, damit er endlich ablasse von ihr. Herr Vinzenz Wolf müsse zur Besinnung kommen, beschwört sie mich,er sei gewiss ein guter Richter, ein ganz großes Tier, voll mit Geld, aber er könne niemals ihr Geliebter werden.

Wenigstens hat sie noch immer ihre Stimme. Tiffany ist schneller als ich, geht bald rechts von mir, bald links, scheint ständig in Bewegung sein zu müssen. Über Vinzenz wollte sie also mit mir sprechen. Sie sieht sich ständig um und wirkt wie auf der Flucht. Er hat ihr das Penthouse gezeigt, seine Pläne für die nächsten Jahrzehnte ausführlich geschildert und ihr nun schon das dritte Schmuckstück geschenkt, obwohl sie es nur verstecken muss und nie tragen wird. Sein Gerede von Reisen und den besten Hotels sei unerträglich, am schlimmsten aber sei seine großzügige Geduld. Er wolle ihr alle Zeit der Welt geben, selbst wenn das Sexuelle noch Monate auf sich warten lasse. Gestern habe sie ihn geohrfeigt, aber auch das sei ihr schon verziehen worden.

Ich nehme die Brille meines Vaters ab, um Tiffanys kahlen Kopf in Unschärfe zu tauchen. Im Licht der Mittagssonne ist jede ihrer Bewegungen voller Ästhetik, und es gelingt mir jetzt auch, verstohlene Blicke auf ihren Körper zu werfen. Ich verspreche ihr, mit Vinzenz zu reden, auch wenn ich dies in seinem Zustand für sinnlos halte. Sie beharrt darauf, ich solle alles unternehmen, um ihn zur Besinnung zu bringen, denn sonst könnte bald ein Unglück geschehen. Letzte Nacht habe Vinzenz sogar in seinem Auto vor ihrem Haus übernachtet, nur um in ihrer Nähe zu sein. Fürst wäre fast hinuntergegangen, um dem allen ein Ende zu bereiten. Wenn das so weitergehe, werde er doch noch zum Mörder.

Tiffanys Körper ist ruhig geworden, wie erstarrt. Sie schiebt ihren dünnen Umhang zurück und zeigt mir ihren rechten Unterarm. Zu meiner Erleichterung sehe ich keine Einstiche von Drogenspritzen, dafür aber einige fingernagelgroße Wundmale. Es wäre nicht notwendig gewesen, dass sie auch noch an ihrer Bidi zieht und die aufleuchtende Glut an ihre weiche Haut hält, ich verstehe auch so. Sie gesteht mir, ihrem Körper vieles zu verdanken, nun aber sei es an der Zeit, ihn zu zerstören. Er sei schuld an allem. Wenn sie in den Spiegel blicke und ihr der hässliche Kahlkopf entgegenschaue, brauche es nicht mehr viel, und sie würde am liebsten zur Rasierklinge greifen. Noch sei es nicht so weit, noch hänge sie an ihrem Äußeren. Wie viel lieber hätte sie mich schon vor einer Woche getroffen, mit ihrem Haar bis zu den Hüften, als die Frau, die sie immer war. Wie gerne würde sie mir gefallen, mir, der ihr Leben mehr bestimmt habe als jeder andere Mann.

Sie redet nicht weiter, steckt sich die Kopfhörer an, dreht die Musik auf volle Lautstärke. Vielleicht soll ich mir durch die vor Lust explodierenden Klänge ein Bild von ihr machen, wie sie wirklich ist. Auf Französisch rockt es an der Alten Donau, und Tiffany löst jetzt den Seidenschal, windet ihn einige Male über und um den kahlen Kopf. Das abstoßende Wesen ist verschwunden, ich sehe Tiffany mit ihrem Stirnband schöner vor mir als in meinem Traum. Sie überbietet sogar die erotische Gestalt aus den Alten Arkaden. Damals war sie eine Halbwüchsige, doch jetzt als eine Frau Mitte dreißig vereinigt sie alles an Weiblichkeit in sich. Noch vor einer Viertelstunde stieß mich ihr Anblick ab, jetzt ergeht es mir, wie es Vinzenz ergangen ist. Was immer sie unternimmt, loswerden wird sie mich nie. Auch ich denke schon an die Zukunft. Wie lange es wohl dauern wird, bis ihr Haar wieder nachgewachsen ist, und wie ich Tiffany dazu bringen kann, in meinem Haus zu wohnen. Doch woher nehme ich die Hoffnung, sie könnte mich mögen?

Eine falsche Bewegung von mir, und sie wird mich hassen wie Vinzenz. Jetzt das Richtige zu tun, ist ein Glücksspiel. Schon meine Geduld kann dazu beitragen, dass Tiffany mich für langweilig hält. Warum trabe ich wie ein Hund neben ihr her, während sie einen Song nach dem anderen hört? Zwischen dem silbrig glänzenden Wasser und den anderen Spaziergängern könnte ich einen Arm um ihre Schultern legen, ganz vorsichtig und ohne sie zu bedrängen. Sie aber könnte spüren, dass ich jemand bin, der ihr helfen will. Deswegen hat sie mich doch getroffen!

Die französischen Songs sind zu Ende. Eigentlich sind Tiffany und ich jetzt die Champs-Élysées in Paris entlanggegangen. Während ich ihr Feuer für die nächste Zigarette gebe, macht sie mir ein Geständnis. Durch mein Urteil damals hätte ich ihr fast zwanzig Jahre in Freiheit beschert. Die schönste Zeit ihres Lebens. Ich frage sie, ob Fürst gewalttätig ist und sie schlägt. Ihr Schweigen soll mir wohl alles sagen. Gleich darauf entschuldigt sie sich und dankt mir für mein Kommen. Sie hält eines der vorbeikommenden Fahrradtaxis an und klettert hinein. Die Rikscha verschwindet mit ihr am Ende des Uferweges. Ich habe keine Ahnung, ob ich etwas falsch gemacht habe oder doch alles richtig. Eine ältere Frau bietet mir aus einem Korb kunstvoll bemalte Eier an. Ich nehme zwei davon,ab heute will ich alles für zwei kaufen. Die beiden Stücke sind leicht, aber dennoch höchst beschwerlich zu transportieren.

*

Über Ostern geht mir vieles durch den Kopf, so manches sehe ich durch die Augen von Tiffany. Würde ihr mein Haus gefallen oder würde sie es gar nicht erst betreten wollen? Das Penthouse von Vinzenz konnte sie nicht beeindrucken. Diese Frau ist nicht käuflich. Sie ist außergewöhnlich in allem, mehr Fee als irdischer Mensch, sogar ihr Alter musste ich mir errechnen, denn ich hätte es ihr nie ansehen können. Sie dürfte ein guter Mensch sein, keineswegs nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Wie sonst hätte sie sich bei mir bedanken können. Sie hat nicht einmal das Wort Fehlurteil in den Mund genommen. Durch mein damaliges Versagen ist sie glücklich gewesen, zwar auf Kosten von Fürst, aber der scheint wirklich ein Tyrann zu sein. Auch ohne Mord hat er es verdient, weggesperrt zu werden.

Aber Fürst ist nicht das einzige Problem. Vollkommen schleierhaft ist mir, wie ich Vinzenz dazu bringen könnte, aus Tiffanys Leben zu verschwinden. Ein Treffen mit ihm stelle ich mir schrecklich vor. Wie soll ich ihm in die Augen sehen, ohne ihn zu belügen, würde ich ihm von dieser Frau doch nur abraten, um sie selbst zu bekommen. Ich könnte Breivik zum Anlassnehmen. Der Fall des Norwegers scheint ihn sehr zu beschäftigen. Wir würden vordergründig über die neuen Gutachten der käuflichen Psychiatermeute reden, die vollkommen gegensätzliche Standpunkte vertritt, und dass der ganze Prozess der Politik und nicht der Wahrheitsfindung dienen wird. Dann käme Tiffany dran. Breivik ist nun doch zurechnungsfähig, wofür auch alle Fakten sprechen, aber gilt das auch für Vinzenz?

Tiffany ist offenbar nur noch bei Fürst, weil er sie festhält, sie vielleicht sogar mit dem Umbringen bedroht. Sie ist die Gefangene eines ehemaligen Häftlings und wird es auch bleiben, bis er wieder hinter Gittern ist. Oder tot. Aber denke ich jetzt nicht wie Vinzenz? Für ihn ist Tiffany die arme Frau Fanny Bruckner, die von Sigurd Fürst geschlagen wird. Doch sie verabscheut ihn, während sie mir vertraut. Er hat gegen Sigurd Fürst nichts als unbrauchbare Gesetze, ich eine taugliche Waffe. Er würde sich nie die Hände schmutzig machen, ich wäre bereit dazu. Noch aber ist die Margolin nichts als eine Sportpistole, und ich spiele auf diesem Instrument wie ein Dilettant.

Als ich jetzt im Heft des Vorbesitzers und Meisterschützens blättere, gerate ich an Dinge, mit denen ich nie gerechnet hätte. Offenbar kommt er wie Mikhail Margolin aus Russland und dürfte 1954 für sein Land an der Weltmeisterschaft im Sportschießen in Caracas teilgenommen haben. Allerdings ohne den erhofften Erfolg, weil die Eintragungen in Spiegelschrift danach oft verbittert klingen. Ein Rätsel ist mir auch sein Deutsch, zwar voller Fehler, aber verständlich. Nur ab und zu sind kyrillische Buchstaben zu erkennen. Ist er vor Jahrzehnten nach Wien gekommen? Bei einem Wettkampf abgesprungen? Mehr allerdings interessiert mich seine Beschreibung von Schalldämpfern, die er sogar mit Zeichnungen versehen hat. Alle möglichen Rohre werden auf den Lauf einer Pistole geschraubt, doch eine Methode überbietet nach seiner Meinung an Wirksamkeit und Raffinesse alle anderen.

Sie wurde für mein kleines Kaliber ausgedacht und fasziniert mich sofort. Natürlich verwendete der israelische Geheimdienst keine unhandlichen Pistolen wie die meine, sondern kurze, umgebaute Berettas. Die Waffe kam aus Italien, der Schalldämpfer aus Frankreich. Man musste ihn nicht lange anschrauben, sondern schob ihn im Gedränge auf der Straße oder in einer belebten Hotellobby nur schnell auf den Lauf. Mehr als das Klicken eines Feuerzeugs soll nicht zu hören sein. Ein Rohr würde auffallen, nicht aber ein Baguette. Vor Jahrzehnten konnte der Mossad in Paris auf diese Weise aus nächster Nähe töten, heute wäre dies dank der Verbreitung des französischen Brotes in wohl jeder Stadt möglich. Sogar an jedem Ort in Wien.

*

Besuchen wollte ich das Wiener Kriminalmuseum schon immer, aber während meiner Zeit als Richter scheute ich mich davor, noch mehr Verbrechergesichter zu sehen. Doch diese Feiertage erscheinen mir dafür wie geschaffen, und ich stehe vor unzähligen Zeugnissen des Bösen im Menschen. Ein beliebtes Mordinstrument war schon immer das Beil, aber auch ein Fleischwolf musste herhalten, und die bildhübsche und blutjunge Täterin will zur grausamen Tat überhaupt nicht passen. Ich dränge mich an abgeschnittenen Brüsten vorbei, und die kleinen Totenköpfe umgebrachter Kinder erschüttern mich zutiefst. Auch ein Fall meines Vaters ist dargestellt, ich allerdings komme in keinem der vielen Räume vor. Vielleicht jedoch wird hier einmal das Tatwerkzeug des Pflastersteinmörders gezeigt, und wie seine Unschuld bewiesen wurde. Oder die Margolin wird ausgestellt, in ihrer Holzkassette zweifellos eines der edelsten Tötungsinstrumente hier, fast wie das Besteck eines Chirurgen. Doch am meisten bewegt mich die Mordmaschine des Staates. Mit dieser Guillotine wurden im Dritten Reich hunderte Menschen geköpft, oft weil sie selbst nicht in den Krieg ziehen und schießen wollten. Beim Anblick des Fallbeils wird mir klar, dass ich in anderen Zeiten als Richter sogar zum Mörder an dem unschuldigen Sigurd Fürst hätte werden können.

*

Dienstag nach Ostern. Eine endlos scheinende Wartezeit, aber nun halte ich sie in Händen. Sechs Baguettes. Alle frisch und duftend.Fürs Erste bin ich einmal versorgt. Schon der Kauf machte mir insgeheim Freude, denn jeder würde bei mir Gäste vermuten, nicht ein stundenlanges Experimentieren im Keller. Und was wird erst sein,wenn ich demnächst ausgehe. Unterwegs bin. Was sieht man vor sich? Einen gut gekleideten Herrn mit einer Umhängetasche aus bestem Leder und einem Baguette in der Hand. Oder unterm Arm. Je nachdem, was eleganter wirkt. Ich könnte auch eine meiner Pfeifen aus der Tasche holen, sie stopfen, anzünden und in Ruhe rauchen. Auf einer Parkbank, in einem Café, oder flanierend in der Kärntner Straße. Unbemerkt in der Nähe meines Auserwählten, oder mit der Margolin auf ihn wartend.

Sicher ist nur eines. Die Dinge fügen sich ineinander. Immer mehr Rädchen drehen sich, und es kann kein Zufall sein, dass dieses Heft des Russen gerade jetzt zu mir gefunden hat. Am meisten aber beschwingt mich Tiffany. An ihr stimmt alles. Sie ist auch der erste Mensch, der mir mein Fehlurteil nicht zum Vorwurf macht. Wenn nur mein Waffenhändler wüsste, wie glücklich ich mit meiner Margolin bin. Sie erscheint mir sogar immer öfter in den Träumen. Meistens schwenke ich sie über Köpfe hinweg. Manchmal halte ich an, um abzudrücken. Aber die Waffe gefällt mir auch, wenn sie in ihrer Kassette liegt. Dieses Bild ist zu meinem Wappen geworden, ich denke sogar schon daran, sie einmal Tiffany zu zeigen. Ob sie sich dann abwendet von mir oder die Pistole fasziniert in ihre schmalen Hände nimmt? Ich glaube, meine Margolin wird ihr gefallen. Mehr als jeder Schmuck. Ihr dünner Lauf lässt sich jetzt mühelos der Länge nach in das französische Brot drücken. Baguette und Margolin, wie füreinander geschaffen. Hallo. Bonjour. Natürlich werde ich nicht mehr mit ausgestreckter Hand schießen, sondern aus der Hüfte heraus. Oder auch zur Seite hin, und unter verschränkten Armen. Den Anwendungsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt, dabei ist man stets bestens getarnt. Ich zerplatze fast vor Neugier auf den ersten Schuss, mache mich aber dennoch Schritt für Schritt an meine Experimente. Ich habe sogar das Gartentor abgeschlossen, um keine Überraschungen zu erleben. Der Lauf ist gegen den Lehmboden in einem der hinteren Räume gerichtet, damit das Zersplittern der Flasche nicht den Schuss übertönt und ich das Zusammenspiel von Brot und Waffe heraushören kann.

Der Schuss ist so leise wie noch nie. Es funktioniert. Viel besser als erwartet. Natürlich fliegen ein paar Splitter und Krumen herum, aber das hängt wohl auch an der Frische des Gebäcks. Wenn das Baguette zäh oder sogar klamm ist, dürfte das Ergebnis noch überwältigender sein. Selbst in einer U-Bahn könnte ich damit auftreten, sogar in der Stille einer Haltestelle. Oder in einer Kirche. In Museen. Im Haus des Meeres mit seinem ständigen Wasserrauschen ohnehin, aber auch im hallenden Stimmengewirr des Justizpalastes. Doch immer noch bleibt für mich viel zu tun. Meine Projektile verirren sich irgendwohin, denn zum Schießen gibt es weder Kimme noch Korn, nur mein Gefühl. Aber nach und nach treffe ich die anvisierten Spinnweben an der Wand sogar.

Das Telefon läutet.Früher hätte ich mich nicht darum gekümmert, doch es sind neue Zeiten angebrochen. Ich lege die Margolin beiseite, denn Tiffany könnte es sein, und ich würde mir nie verzeihen, nicht abgehoben zu haben. Ich hetze die steile Stiege hinauf und stürze zum Telefon. Ihre Stimme, wie erwartet. Dieses Mal ohne Musik im Hintergrund, und sie klingt aufgeregt. Ob Sigurd Fürst bei mir ist. Er sei ihr leider zu unseremTreffen gefolgt, habe jeden unserer Schritte an der Alten Donau beobachtet, der Streit zu Ostern sei entsetzlich gewesen. Und seit gestern sei er verschwunden. Tiffany redet überstürzt und voller Sorge. Hat sie Angst um Fürst? Um mich? Um uns beide? Ich versuche sie zu beruhigen und biete ihr ein Treffen an. Aber schon legt sie grußlos auf.

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Habe ich Tiffany bedrängt? Hat sie deswegen das Telefonat beendet? Sieht sie in mir nur einen Mann wie Vinzenz? Sie könnte auch von Sigurd Fürst überrascht worden sein. Vielleicht hat er unser Gespräch sogar belauscht und fühlt sich in seinem Verdacht noch mehr als bisher bestätigt. Trotzdem muss ich mit dem Schlimmsten rechnen. Dieses Ungeheuer treibt sich womöglich in meinem Garten herum und lauert mir auf. Zu seiner Rache für verlorene Jahrzehnte kommt nun auch sein Kampf um Tiffany. Er hat sie längst verspielt. Auch ohne mich wird sie ihn verlassen. Aber noch hält dieser Wahnsinnige sie für seinen Besitz, und ich würde vieles dafür geben, ihn wieder hinter Gittern zu sehen. Tiffany bestimmt ebenfalls. Da es dazu nicht kommen wird, bleibt nur der Tod. Sigurd Fürst muss aus dem Weg, bevor er diese Frau und auch mich zugrunde gerichtet hat.

Mit der Margolin in der Hand durchstreife ich den Garten. Ich halte sie allerdings unter meiner Jacke verborgen, damit er nicht gleich zu seinem Tauchermesser greift. So sehr ich Vinzenz verabscheue, in einem muss ich ihm zustimmen: Es wird Notwehr sein, nichts als Notwehr. Dann allerdings komme ich zur Besinnung. Es entsetzt mich, dass ich mich so weit habe treiben lassen. Mit der Pistole im Anschlag jage ich einem Menschen hinterher, der bestimmt nicht so einfältig ist, sich wie ein Hund abschießen zu lassen. Ein Anruf von Tiffany hat genügt, und schon gehe ich gehorsam auf die Jagd. Dabei könnte es genauso gut sein, dass sie durchtrieben ist und nur all ihre unliebsamen Männer aufeinanderhetzt. Ein Schuss genügt. Ich wäre vielleicht im Gefängnis, Sigurd Fürst auf jeden Fall aber tot. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen ich nicht getroffen hätte.

Im Keller komme ich wieder zur Ruhe. Ich brauche Hilfe. Ob ich sie im Heft des Russen, in seinen Spiegelschriften finde? War die Margolin für ihn die ganze Zeit über nichts anderes als ein Sportgerät? Hat er nie daran gedacht, damit einen Menschen umzubringen? Vielleicht wurde mit meiner Margolin bereits getötet, und ich bin nur der Nächste in der Reihe. Hat der Vorbesitzer jemanden für den KGB umgebracht, oder ohne Auftrag und nur für sich? Ich blättere, lese, studiere, hetze durch kleinste Notizen, ohne eine Antwort zu finden. Dann allerdings entdecke ich doch einige Zeilen, die mich innehalten lassen. Im Juli 1960 ist seine Frau gestorben, unerwartet und plötzlich beim Aufhängen der Wäsche. Tot hat man sie im Garten gefunden. An Problemen mit dem Kreislauf hatte sie schon länger gelitten, sodass ein Versagen des Herzens keine Überraschung war. Aber warum fügt ihr Mann seinem Eintrag zwei überraschende Worte hinzu. Keine Obduktion. Er schreibt auch von dem vollen Haar seiner Frau, sogar am Tag ihres Todes gepflegt und nicht verklebt.

Hätte sie beim Aufhängen der Wäsche mitten im Sommer schwitzen müssen? Hat sie ihm zuliebe auf einen Haarfestiger verzichtet? Oder ist es das ausgebliebene Blut, an das ich denke. Als Richter beschäftigten mich mehrere Fälle, in denen Kopfschüsse trocken waren und nur durch Zufall oder nachträgliche Exhumierung offenkundig wurden. Mein Russe könnte sehr wohl gemordet haben. Erschüttert hat ihn auf jeden Fall der Tod seiner Frau keineswegs. Wie sonst könnte er seinen Eintrag mit einem derart kaltherzigen Satz beenden. Die Dauerwelle ist seit gestern unter der Erde. Das ganze Geständnis ist kleiner als eine Briefmarke, inmitten von Schießergebnissen zudem gut getarnt. Bestimmt ist das noch von keinem Menschen gelesen worden. Er musste es sich vielleicht von der Seele schreiben. Oder es machte ihm Freude, Tod und Mord zu tarnen. So wie ihn auch das Baguette begeisterte. Aber sind diese kryptischen Zeilen überhaupt ein Geständnis?

Bin ich jetzt wieder der Richter oder immer noch von den blutgetränkten Tüchern und Haaren im Kriminalmuseum benommen? Oder suche ich nach einem Menschen, der bereits etwas getan hat, was mir noch bevorsteht? Brauche ich ihn, um als Mörder nicht alleine zu sein? Dabei wäre der Tod von Sigurd Fürst Notwehr. Mir aufgezwungen. Vielleicht hat auch dem Russen seine Frau das Leben zur Hölle gemacht. Dann wäre es sogar verständlich, dass er sich ihrer entledigte. Er hatte ein Recht auf ein zufriedenes Leben. Ich möchte mir auch nicht meine nächsten Jahre verderben lassen.

Noch vor einer Stunde war die Margolin für mich bloß ein Stück Stahl, nun ist sie mehr als eine Pistole für den Sport. Auf dem Holztisch im Keller liegt ein Mordinstrument, das auch ohne mich ins Kriminalmuseum gehört. Mir erscheint es so gut wie sicher, dass mit dieser Waffe ein Mensch getötet worden ist. Oder mehrere? Vieles spricht dafür, dass der Russe dem KGB gedient hat. Er sprang nicht bei einem Wettkampf ab, sondern kam ins Land, um zu morden. Seine untreuen Landsleute, einen Wiener auf der Kärntner Straße oder einen Amerikaner in einer Gondel des Riesenrads. Und er selbst? Ob er noch lebt? Sein Name steht nicht auf dem Heft, aber auf der Rückseite einer Schießscheibe entdeckte ich ihn. Boris Makarowitsch.

*

Ich habe ihn im Telefonbuch gefunden. Es klingelt am anderen Ende, und eine Frau meldet sich. Sie heißt anders als er und scheint auch nicht mehr jung zu sein. Ich gebe mich als der Käufer der Margolin zu erkennen und erfahre die neue Adresse von Herrn Makarowitsch. Ihr Vater habe sich in das Altersheim in der Sensengasse zurückgezogen, sei inzwischen 92, aber über einen Besuch von mir freue er sich bestimmt. Sie selbst könne mit ihm kaum noch reden, aber früher hätten sie sich gut verstanden.

Ich bin überrascht, dass es Boris Makarowitsch noch gibt. Ich hatte eigentlich mit seinem Tod gerechnet. Aber so kann ich ihn sogar treffen und ihm Fragen stellen. Ich werde weder als Ankläger noch als Richter kommen. Eigentlich will ich nur wissen, wie man mit meiner Margolin einen Menschen tötet, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wird er mir Auskunft geben, mir seinen Mord gestehen? Vielleicht will er schon seit Jahrzehnten darüber reden und hat es nur nicht gewagt. Oder er braucht einen wie mich, in dem er sich wiedererkennt und dem er ohne Angst sein Herz ausschütten kann. Womöglich aber erzählt er nur von Caracas und Wettkämpfen da und dort. Oder er schweigt zu allem, was mit ihm und der Margolin geschehen ist. Ich glaube aber nicht, dass er sein Wissen als Geheimnis behalten und ins Grab mitnehmen will.

Warum bin ich voller Hoffnungen? Mit meinem Vater hat es nichts zu tun, obwohl er jetzt auch 92 wäre. Ihn kannte ich von seinem Innersten her kaum, wohl jetzt aber Boris. Mit tausenden Eintragungen in Spiegelschrift hat er mir seine Türen geöffnet. Weiß er, dass sein Heft verschenkt worden ist? Dieser Abend ist aufregend, und er verdient Musik. Aber nicht Bach oder der friedliche Brahms wird aufgelegt, sondern Wagner. Parsifal. Knappertsbusch dirigiert. 1951. Die ersten Festspiele in Bayreuth nach dem Krieg. Ich höre das Vorspiel und schließe die Augen. Über mir schwebt meine Margolin.

Jetzt ein Geklingel wie verrückt an der Gartentür. Die neue Nachbarin. Sie ist nicht mehr nüchtern und drängt mich, zu ihrer Party zu kommen. Auf der Stelle. Der beheizte Pool werde eingeweiht, und mitten im April zu baden sei eine Sensation. Ich könne natürlich auch ins Wasser springen, aber dafür wäre ich nicht der Typ, und es genüge ja, heute Abend in Alkohol zu ertrinken. Mein Mann wolle unbedingt mit mir reden. Er habe sein großes Vorhaben schon so gut wie geschafft.

Ich schließe Haus und Garten ab und folge der schwankenden Nadine. Einerseits will ich auf andere Gedanken kommen, aber auch endlich Max wieder einmal sehen. Zudem bin ich durch meine letzten Erlebnisse mit meiner Margolin so gefestigt, dass mich nichts mehr so leicht aus der Bahn werfen kann. Nicht einmal das beste Angebot von Sebastian Grohmann. Oder sollte seine Frau mit seinem großen Vorhaben etwas anderes als den Griff nach meiner Villa meinen? Ich freue mich sogar darauf, ihn heute ein weiteres Mal zu enttäuschen und sein zorniges Gesicht zu genießen. Ich bin gespannt, zu welchen Summen er sich versteigt, um seinen Willen durchzusetzen.

*

Endlich bin auch ich auf der Bühne. Im Wintergarten meiner neuen Nachbarn. Allerdings nur kurz mit Nadine und ihrem Mann, dann mit ihm allein. Frau Grohmann wurde am Pool schon erwartet, und sie lässt wie eine Diva ihren Pelzmantel auf den Marmorboden fallen. Die wenigen Männer applaudieren ihr, hofieren aber auch die zweite Dame der Party. Mehr Weiblichkeit scheint es nicht zu geben. Nur Nadine und Kristina. Die gut gebauten Kerle springen in das dampfende Wasser und brüllen ihre Betrunkenheit in die Nacht. Kristina winkt mir zu und hebt ihr Glas. Wenigstens drängt sie mich nicht, hinauszukommen und mich mit meinem Körper neben den anderen lächerlich zu machen. Das aber macht sie nicht aus Liebe zu mir, sondern weil sie weiß, dass es drinnen nun eine höchst wichtige Angelegenheit zu besprechen gibt. Sebastian Grohmann bereitet mich auch schon darauf vor. Ich bekomme Whisky, und er nimmt in einem Korbstuhl mir gegenüber Platz. Er streckt seine Figur, räkelt sich in der Badehose, zeigt mir schon jetzt seine Überlegenheit, und ist sich seines Sieges sicher.

Lieber Freund. Damit meint Sebastian Grohmann mich. Lieber Freund, Sie wissen, worum es geht, und ich weiß, dass Sie nicht verkaufen wollen. Ich bin nicht der Mann für viele Worte, aber meine Erfolge sprechen für mich. Um das Finanzielle hinter uns zu bringen, ich bezahle den ortsüblichen Preis, nicht mehr und nicht weniger. Aber wie so oft im Leben kommt es auf die Zugabe an. Sie werden ihr nicht widerstehen können. Oder wollen Sie nicht wieder der Herr Richter Dr. Ludwig Redtenbacher von früher sein?

Im Gesicht meines neuen Nachbarn sehe ich nichts als Triumph. Er kostet den Augenblick aus. Ich habe keine Ahnung, worauf er hinauswill, aber vielleicht schafft er mir Sigurd Fürst vom Hals. Als Spielhöllenbetreiber hätte er bestimmt die Männer dazu, und die muskulösen Gestalten draußen am rauchenden Pool machen ohnehin den Eindruck von Schlägern und Kriminellen. Doch um den Maler kümmere ich mich selbst, dazu brauche ich nicht die Gnade dieses aufgeblasenen Idioten, und selbst mit dem Tod von Sigurd Fürst wäre ich nicht zu kaufen. Ich lasse Sebastian Grohmann meine Verachtung spüren, lächle ihm sogar ins Gesicht, und zeige am Geschehen draußen mehr Interesse als an seinem Vortrag. Max kommt mir dabei wie gerufen. Ich habe ihn schon vermisst. Er läuft zwischen den Halbnackten am Pool hin und her und legt seine Spielzeugpistole auf die Gäste an. Eine der Figuren macht ihm sogar den Gefallen, den Erschossen zu spielen und ins Wasser zu stürzen. Nadine und Kristina biegen sich vor Lachen.

Ich sei ja auch ein Freund von Pistolen, meint Sebastian Grohmann, das hätte ihm Kristina erzählt, übrigens eine Frau, zu der er mir nur gratulieren könne. Er selbst habe keine Waffe, nicht einmal ein Messer, dafür aber ein Personal, auf das man sich verlassen könne. Die meisten seiner Männer könnten mit ihren Schießeisen besser umgehen als jeder Polizist, auch im Prater seien die Zeiten härter geworden. Er habe da kein Vorurteil, für ihn sei ein ehemaliger Häftling genauso ein Mensch wie er und ich. Ja, einer davon sei ihm regelrecht ans Herz gewachsen, deswegen dürfe er auch heute mit Nadine herumspielen und ihr ein wenig den Hof machen.

Mein Gastgeber blickt durch die mächtige Glaswand auf seine Frau im schwarzen Badeanzug, aber auch auf meine Kristina, allerdings mit einem Lächeln, das alles verrät. Er scheint keine Ahnung zu haben, dass ich von seinem Verhältnis mit ihr weiß. Auch Nadine macht nicht den Eindruck, als hätte sie die Schweinerei durchschaut. Für sie dürfte Kristina eine Freundin sein, mit der sie trinken und über Stöckelschuhe reden kann. Oder das Ganze ist ein abgekartetes Spiel, und sie alle liegen in einem Bett.

Hätte ich meine Pistole, ich würde jeden zur Rede stellen. Oder gleich schießen. Am liebsten die Damen und Herren am Poolrand antreten lassen und auf die nackte Haut zielen. Ein Magazin der Margolin würde reichen. Ohne nachzuladen wäre das schönste Massaker angerichtet, und es gäbe ein herrliches Geplätscher. Das Wasser würde blutrot kochen. Meine Frau bekäme nicht nur einen Bauchschuss, sondern auch ein Projektil zwischen die Augen. Bei Nadine könnte ich ins Grübeln kommen und sie vielleicht zur Seite treten lassen. Sebastian Grohmann wäre auf jeden Fall der Letzte. Er hätte mitanzusehen, wozu ich in der Lage bin, um dann seinen Weg anzutreten. Jetzt aber blickt er mich an, ohne von meinen Möglichkeiten die geringste Vorstellung zu haben, nennt mich nach wie vor seinen lieben Freund und kündigt an, die Katze nun aus dem Sack lassen zu wollen.

Herr Redtenbacher, ich werde Sie retten. Eigentlich verdanken wir alles einem der drei Männer da draußen. Auf diesen Menschen ist Verlass, er ist ehrlicher als so manche, die noch nie im Gefängnis waren. Zum Glück für uns war er Jahre in der Strafanstalt Stein. Vorher in einer Einzelzelle, dann aber mit Fürst zusammen. Man hat sich gegenseitig alles erzählt, Geständnisse gemacht, die kein Richter jemals erfahren würde. Mein Mann hat zugehört, Sigurd Fürst geredet. Zuerst nur mit seinen Fischen, dann auch mit ihm. Aber ich werde es kurz machen, denn Sie wollen endlich wissen, wie ich an den Weinkeller komme, und Sie wieder zu Ihrem guten Ruf. Herr Redtenbacher, lieber Freund, Sigurd Fürst ist das Schwein, für das Sie ihn halten. Seine Unschuld ist nur ein Märchen, der Kerl ist der Mörder seines Freundes. Es gibt keinen Zweifel, das ist die Wahrheit.

Ich hatte mit Bedrohungen und Erpressungen gerechnet, aber nicht einen Augenblick damit, dass mir mein neuer Nachbar mit so einer Geschichte kommt. Dennoch fängt es rund um mich im Wintergarten zu blühen an wie voller exotischer Pflanzen, und ich bin unfähig, mich auch nur aus dem Stuhl zu erheben. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich insgeheim viele Hoffnungen gehegt, doch die Schuldlosigkeit Sigurd Fürsts nicht ein einziges Mal weiter in Frage gestellt. Auf dem Mordwerkzeug fand sich das Blut des Opfers, aber nicht die geringste Spur von Sigurd Fürst. Das waren Erkenntnisse von Experten, an denen nicht zu rütteln ist. Wohl aber durfte man an der Behauptung eines Casinobesitzers zweifeln, für den Kriminelle und ehemalige Häftlinge zum Alltag gehörten. Was war einfacher, als sich einen von ihnen zu kaufen, um an meinen Weinkeller zu gelangen? Mein neuer Nachbar konnte alles behaupten. Der ehemalige Mithäftling von Sigurd Fürst war bestimmt zu jeder Lüge bereit, wenn man ihn nur gut dafür bezahlte oder ihm eine attraktive Stellung in einer der Spielhöllen gab. Denkt der Mann mir gegenüber wirklich, dass ich auf ihn hereinfalle, auf ein derart durchschaubares Unterfangen? Dennoch lässt mir sein Angebot keine Ruhe, weil es so unglaublich ist und Dimensionen eröffnet, mit denen ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet hätte. Ich wäre im Recht gewesen, es hätte nie ein Fehlurteil gegeben. Sebastian Grohmann hat mich an der Angel, und ich sehe ihm an, wie er sich freut.

Lieber Herr Redtenbacher, ich umgebe mich weder mit Kriechern noch mit Speichelleckern. Der Kerl ist bis auf ein paar Einbrüche in Ordnung, niemals würde er die Worte von Sigurd Fürst verdrehen oder gar sein Geständnis erfinden. Er ist auch bereit, alles zu erzählen, sein Wissen vor Gericht zu bezeugen, aber nur, wenn es notwendig ist. Notwendig, hören Sie? Sollte es dazu kommen, müsste aber Sigurd Fürst wieder hinter Gitter verschwinden, denn mein Freund hat keine Lust, jeden Tag um sein Leben zu zittern. Aber ich warne Sie. Die Sache wird nur mit mir angegangen. Ohne mich schweigt der Mann wie ein Grab. Dann hat es auch unser Gespräch nie gegeben. Und Sie bleiben dort, wo Sie jetzt sind.

Sebastian Grohmann meint damit wohl nicht mein Haus. Er sieht mich als gescheiterten Richter, der in lächerlicher Weise seine Probleme mit einer Pistole aus der Welt zu schaffen glaubt. Der Mann könnte mir helfen. Ich fange schon an, mich an ihn und seine Verheißungen zu klammern. Leider steht er auf und macht Anstalten, zu den anderen hinauszugehen. Dabei hätte ich noch so viele Fragen. Eine ungeahnte Hoffnung steigt in mir auf. Ich will nicht mehr, dass alles gelogen ist, ich wünsche mir die beide als Partner oder sogar als Freunde. Den Einbrecher am Pool und Sebastian Grohmann. Gemeinsam sollten wir die Sache angehen, und ich könnte wieder der Mensch werden, der ich einmal war. Ich hätte recht gehabt. Damals wie heute. Ich wäre ein Richter mit Einblick und Menschenkenntnis. Allen überlegen. Sogar Vinzenz. Ich könnte auf seine großspurigen Verheißungen einer Rehabilitation verzichten. Ich käme zurück als der große Sieger.

Draußen im Garten erhebt sich ein Feuerschein, und ich falle zurück in meine Erinnerung an die Hundehütte. An derselben Stelle lodern die Flammen, doch nicht ich bin der Brandstifter, sondern die Freunde von Sebastian Grohmann. Er fordert mich jetzt auf, nicht im Grübeln zu versinken, sondern hinauszukommen und mit ihm das erste Grillfest in diesem Jahr zu feiern. Und wenn ich ins Wasser springen wolle, würde er mir gerne eine seiner Badehosen leihen, er habe sie in allen Farben, und eine würde mir sicher passen.

Dieses Angebot schlage ich zwar aus, aber ich folge ihm hinaus. Ich habe ja auch mit Sigurd Fürst getrunken, warum nicht mit Sebastian Grohmann. Mir wird klar, was für ein Glück es war, dass ich meinem neuen Nachbarn trotz aller Abscheu immer höflich begegnet bin. Dabei wäre ich sogar fast bereit gewesen, ihn mit meiner Schaufel zu erschlagen oder über die Stiege in den Weinkeller stürzen zu lassen. Ihn. Meinen Retter. Wenn er es nur wirklich ist, und dieser Mann mich mit seinen Verheißungen nicht zum Narren hält. Gott, gib, dass es wahr ist, was er erzählt. Noch mache ich mir keine Gedanken um meine Villa, weil sich vielleicht doch eine andere Lösung findet. Er kann ja den Keller bekommen, ich bleibe dafür im Haus. Sebastian Grohmann hat mir ein Angebot gemacht, jetzt bin ich mit meinem Vorschlag an der Reihe. Was hat Kristina damals gesagt? Sebastians letzter Einfall, um an sein Ziel zu kommen, sei pures Gold. Mehr als das. Sollte Sigurd Fürst wirklich schuldig sein, ist das mit nichts aufzuwiegen.

 

Ich werde fast herzlich begrüßt und in die Mitte der wenigen Gäste genommen. Max stürmt auf mich zu, legt an und drückt ab. Ich mache ihm aber nicht den Gefallen, zu Boden zu sinken. Auch verzichte ich darauf, dem Kleinen die Gefährlichkeit einer Waffe vor Augen zu führen, noch dazu, wenn ich von Nadine bedrängt werde, alle gegrillten Fleischsorten und die vielen Soßen auszuprobieren. Ich vertröste sie auf später, die Verheißungen ihres Mannes im Wintergarten haben derart von mir Besitz ergriffen, dass ich sogar Mühe habe, das Glas in meiner Hand ruhig zu halten.

Ich heuchle Interesse an den Grillgeräten aus blitzendem Chrom und der vielfarbigen Beleuchtung des Pools. Ein Stück vom Prater ist in die Pötzleinsdorfer Straße gezogen, und auch die Musik klingt danach. Am Beckenrand strahlen sogar einige Scheinwerfer wie Säulen in den nächtlichen Wolkenhimmel, und schon gibt es aus einem angrenzenden Haus den Ruf nach Ruhe. Meine Hoffnung auf eine baldige Beendigung des kleinen Festes ist die Kälte. Ich bin zwar warm angezogen, aber die anderen fangen schon an, unter ihren Bademänteln zu zittern. Der Hausherr verspricht, schon bei der Party Ende April den Garten mit Heizstrahlern in sommerliche Temperaturen zu hüllen und aus ihm ein Paradies zu machen. Er werde sogar den nächsten Winter besiegen und ein Zelt aufstellen lassen. Doch die Krönung soll schon im Sommer kommen. Unser Gastgeber hebt sein Glas und trinkt auf die Unterwelt. Dabei sieht er mich an. Während die anderen lachend anstoßen, weiß ich, dass Sebastian nicht die Gesetzlosigkeit meint, sondern einen Weinkeller, der ihn auch in dieser Gegend zum König machen wird.

Dennoch fängt mein neuer Nachbar an, unruhig zu werden. Einer der drei Herren aus dem Prater kommt seiner Frau näher und näher, und sie lässt es sich gefallen. Ist es der Mann aus der Zelle von Sigurd Fürst, der jetzt anfängt, einen Teil seines Lohns einzufordern? Aber hat Sebastian ihm nicht zugesagt, mit Nadine herumspielen zu dürfen? Der Kerl scheint keine Grenze zu kennen, vor aller Augen fängt er an, Nadine zu küssen. Noch ist es ihre Wange, doch ihr Lachen fordert ihn dazu auf, es nicht dabei zu belassen. Oder macht sich der Falsche an Nadine heran? Einer, mit dem nichts vereinbart ist, der Sigurd Fürst bestenfalls vom Namen her kennt? Trotzdem versuche ich, mir sein glänzendes Gesicht einzuprägen, aber auch die Tätowierungen auf seinem Arm, den er jetzt um die Hüfte der Gastgeberin legt. Dieser Mann könnte für mich noch äußerst wichtig werden. Warum sollte ich mich nicht von meinem Fehlurteil im Alleingang befreien? Was wäre falsch daran, sich mit diesem Menschen zu verbünden und den Spielhöllenbesitzer auszubooten?

Doch das Ganze kann auch eine gefährliche Wendung nehmen. Die beiden Hähne müssen nur in Streit zu geraten, und das große Versprechen platzt. Was im Wintergarten noch möglich war, scheint nun auf eine schiefe Bahn zu kommen. Eben habe ich noch das Licht am Ende meines Tunnels gesehen, jetzt fängt es wieder an, zu verlöschen. Sebastian Grohmann wird zwar zu mir halten und für den Weinkeller weiterhin alles unternehmen, aber sein ungestümer Nebenbuhler kann ihm und mir einen Strich durch die Rechnung machen. Auf einen Kriminellen ist kein Verlass, es genügt, wenn er behauptet, von Sigurd Fürst vieles gehört zu haben, nur kein Mordgeständnis. Ohne Zweifel ist er der Mächtigste in der Runde. Dieser Draufgänger hat Sebastian in der Hand, und mich. Er könnte von ihm noch so einiges verlangen, zum Erpresser werden. Heute Nacht bleibt es vielleicht bei Küssen für Nadine, aber schon morgen will er mehr. Sebastian zieht den Mann weg von seiner Frau, hinunter in die Dunkelheit des Gartens. Was die beiden besprechen, geht in Nadines Lachen und dem Lärm der Musik unter.

Aber bin ich denn wirklich auf diese Gesellschaft angewiesen? Ist die Wahrheit um den Pflastersteinmörder nicht auch anders herauszufinden? Ich könnte doch auf eigenen Beinen stehen und mir die siegessicheren Verkündigungen meines neuen Nachbarn zunutze machen. Um mich herum verflucht man die Kälte, gegen die auch die vielen Gläser mit harten Getränken machtlos sind. Am meisten frieren Nadine und Kristina, am wenigsten Max. Er gesellt sich zu mir, ist warm angezogen wie ich. Auf meine Frage, warum er nicht wie die anderen ins Wasser springe, erfahre ich, dass der Kleine noch nicht schwimmen kann und es auch dumm findet, wenn seine Eltern und die anderen nackt herumlaufen, nicht nur im Garten, im Haus, überall. Wir setzen uns auf eine Liege und rücken enger zusammen. Er zeigt mir seine Pistole, und ich muss versprechen, ihn auch meine in die Hand nehmen zu lassen. Besonders stolz ist er auf seinen nietenbeschlagenen Ledergürtel samt Halfter. Er kann nicht glauben, dass ich weder das eine noch das andere habe.

Um Max und mich herum breitet sich Ruhe aus, die gröhlende Musik verschwindet, und auch die Scheinwerfer im Pool werden abgedreht. Im Wintergarten aber erstrahlen die Pflanzen und tropischen Gewächse in grellem Licht. Sebastians Gäste treten auf die Bühne, werfen ihre Bademäntel ab und greifen zu den Flaschen. Nur der einstige Häftling verzieht sich in einen Korbstuhl. Er ist auch der Einzige, der seinen halbnackten Körper noch immer unter einer Decke versteckt.

Hinter Max und mir verkohlt das Fleisch auf dem Grill, die Glut erinnert mich daran, dass es höchste Zeit ist, dem Kleinen ein Geständnis zu machen. Als ich ihn frage, ob er noch oft an die Hundehütte denkt, sehe ich Tränen in seinen Augen. Alles sei weg, sogar das Riesenrad und auch die vielen Flugzeuge und Panzer. Die neuen Spielsachen hat er noch nicht einmal ausgepackt, am liebsten würde er sie verschenken oder auf die Straße werfen. Aber dann bekäme er wieder Schläge. Früher habe Moritz gebellt und ihn verteidigt, einmal sogar seinen Vater gebissen. Jetzt aber habe er niemanden, der ihm helfe. Ich verspreche Max ein Baumhaus in meinem Garten. Er sieht mich an. Ich erzähle ihm von meinem nächtlichen Besuch im Nachbargarten, von der Suche nach der Holzkassette mit der Pistole, von der vergessenen Kerze. Das Niederbrennen der Hundehütte war nicht seine Schuld, sondern meine.

Max sieht mich ungläubig an, aber dann steigt wieder der Verdacht in ihm auf, den er schon immer hatte. Du hast meinen Moritz. Ich nicke. Musik bricht wie ein Gewitter los und dröhnt durch die Glaswand des Wintergartens. Die Nackten tanzen, und ich suche nach den richtigen Worten. Ich will nicht weiter lügen und sage Max, dass sein Hund tot ist. Ich erzähle ihm sogar von dieser schrecklichen Nacht und warum ich schießen musste. Er aber will mir nicht länger zuhören und schüttelt nur den Kopf, als ich von einem Unfall rede, und wie leid mir alles tut. Max springt auf, flieht vor mir und stolpert zum Wintergarten hinunter. Die Liege kippt, ich habe Mühe, aufzustehen. Ich laufe ihm nach, erreiche ihn aber erst am Pool. Wenigstens scheint er nicht vorzuhaben, zu seinem Vater zu laufen, um ihm von meinem Geständnis zu erzählen. Nichts könnte ich jetzt weniger gebrauchen.

Max schreit mich an, dass alles gelogen ist und Moritz lebt. Oder dass er wenigstens ertrunken ist, und nicht von mir umgebracht. Ich will auf den Kleinen zugehen, um ihm das Unglück zu erklären. Doch er weicht zurück, einen Schritt, zwei, den nächsten. Er kippt nach hinten über den Rand des Beckens, rudert vorher mit den Armen noch in der Luft, dann im dunklen Wasser. Er schlägt um sich, sieht weder mich noch meine ausgestreckte Hand, treibt weg von mir, verschwindet immer wieder in der Tiefe.

Ich ziehe meinen Burberry aus, werfe meine Jacke weg, suche in dem schummrigen Licht nach dem Einstieg in den Pool. Ich laufe den marmornen Boden entlang, finde die Leiter, klettere ins Wasser. Ich kann an dieser Stelle aufrecht gehen, doch es dauert unendlich lange, bis ich an der Stelle bin, an der Max eben noch zu sehen war. Unter den aufsteigenden Blasen bekomme ich ihn an seinem Ledergürtel zu fassen, und er klammert sich ebenfalls an mir fest. Ich hebe den Kleinen in die Höhe, versuche, auf dem Weg durchs Wasser nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und setze ihn auf den Beckenrand. Er hustet und spuckt, hat sogar die Kraft für Wut und Zorn. Auf sich selbst, auf mich? Ich kann mich hier nicht in die Höhe ziehen, muss mühsam zurückwaten und über die Leiter klettern, um wieder aus dem Schwimmbecken zu gelangen.

Max ist nicht mehr hier. Dafür taucht er im Wintergarten auf, wo niemand erschrocken ist über den triefnassen Kleinen. Er wird sogar zur Belustigung der Partygesellschaft. Den Gästen scheint es zu gefallen, dass auch der Pistolenschütze baden gegangen ist. Seine Mutter zieht ihn vor allen aus, um ihn mit einem der vielen herumliegenden Handtücher abzureiben. Er bekommt sogar einen Kuss von ihr, während sich um mich kein Mensch kümmert. Nur Sebastian kommt an die Glasscheibe heran, um in die Finsternis herauszublicken. Er dreht sogar die Lichter im Pool an, um mehr zu sehen. Doch die Scheinwerfer strahlen an mir vorbei, und ich bin froh, in meinem elenden Zustand nicht entdeckt zu werden. Wahrscheinlich nimmt man an, dass der alte Nachbar längst nach Hause gegangen ist, und meine Frau Kristina hat ohnehin nur Augen für den Herrn des Hauses. Ich glaube, dass auch Max nichts von mir erzählen wird. Vielleicht schämt er sich, ins Wasser gefallen zu sein. Er darf heute, was sonst nur Erwachsene dürfen. Um sich aufzuwärmen, bekommt er ein Glas, fingerdick mit Whisky gefüllt.

Ich hingegen friere wie noch nie in meinem Leben. Wie ein nasser Hund mache ich mich davon. Auf dem Gehsteig begegne ich zwar einigen Leuten, aber niemand bemerkt meinen Zustand. Ich müsste vermutlich lichterloh brennen, um aufzufallen. Meinen Garten durchquere ich im Laufschritt, und auf meinem Weg ins Badezimmer hinterlasse ich kleine Wasserpfützen auf dem Boden. Beim Ausziehen fällt mir der Burberry ein. Ob Nadine ihn mir bringt? Oder Sebastian? Max werde ich wohl nicht so schnell wieder zu Gesicht bekommen. Jetzt kann ich es kaum erwarten, bis die Wanne voll ist mit dampfendem Wasser. Erst in der Wärme werde ich über alles in Ruhe nachdenken können. War es ein schlechter Tag oder letztlich sogar einer meiner besten?

*

Den neuen Tag möchte ich mit einem Besuch beginnen. Die Nacht hat mir unendlich viele neue Gedanken beschert, doch nicht einmal die wichtigsten kann ich erfassen. Ich weiß nicht einmal, wo ich bei Sigurd Fürst beginnen soll. Wie ist seine Schuld zu beweisen, wen frage ich, wo fange ich an? Natürlich könnte ich mich auch auf meinen besitzgierigen Nachbarn verlassen, mich zurücklehnen und um den Preis meines Hauses wieder der Mensch werden, der ich einmal war. Aber was ist, wenn sein Informant und Häftling nicht pariert, sich weiter an Nadine vergreift, und die beiden womöglich sogar Feinde werden? Ob Vinzenz eine Hilfe ist?

*

Ich stehe vor dem Haus in der Sensengasse. Wenigstens sieht es nicht aus wie ein Altersheim, schon in den Fluren begegnen mir Helligkeit und Farben. Nach Boris Makarowitsch brauche ich mich nicht lange zu erkundigen, sein Zimmer finde ich im obersten Stockwerk. Man hat mich allerdings gleich darauf hingewiesen, dass heute sein großer Tag ist und er viele Besucher erwartet. Bisher aber seien noch keine gekommen, nicht einmal seine Tochter. Ich klopfe an der Tür und werde mit einem freudigen Herein begrüßt. Strahlende Augen leuchten mir entgegen, und ich höre die Entschuldigung, dass er mich nicht aufrecht stehend empfangen kann. Dafür salutiert Boris Makarowitsch in seinem Stuhl, bittet mich ohne weitere Fragen in nahezu akzentfreiem Deutsch, neben ihm Platz zu nehmen. Viel Zeit habe er für mich nicht, aber was für ein Glück, er habe gerade das Jahr 1945 in seinem Album aufgeschlagen. Auf den Tag genau vor 67 Jahren sei die Schlacht um Wien zu Ende gewesen, und die Rote Armee siegreich. Tausende Tote, er aber lebe immer noch.

Dann allerdings flüstert er mir zu, so leise, als dürften es nicht einmal die Vögel vor dem Fenster hören, dass sich viele seiner Genossen in den Monaten darauf wie Schweine benommen hätten. Er sieht mich an und meint, ich sei im richtigen Alter. Mein Vater könnte ein Russe sein. Ich möge doch einmal meine Mutter fragen, nur würden die meisten Frauen ja nie zugeben, dass sie vergewaltigt worden sind. Er selbst habe damals nur geschossen, aber nicht mehr auf den Feind, sondern nur auf die Vögel im Wienerwald. Keine Amsel oder Kohlmeise, die er nicht getroffen hätte, mit einem ausgeleierten Karabiner, mehr Spazierstock als Gewehr.

Jetzt scheint der Augenblick gekommen zu sein, ihn nach meiner Margolin zu fragen. Ich will schon in meine Tasche greifen, um eine seiner Schießscheiben hervorzuholen. Doch er kommt mir zuvor und schiebt mir das Album über den Tisch. Auf dem größten der alten Fotografien ist das Russendenkmal am Schwarzenbergplatz zu sehen. Boris Makarowitsch fährt mit seinem dürren Finger die hohe Säule entlang bis hinauf zur Figur des Rotarmisten. Er fragt mich, was ich über diesen Mann hier weiß. Ich schweige, weil ich natürlich keine Ahnung habe, auch wenn ich dort oft vorbeigegangen bin, schon als Kind. Damals hat mich die Aufmachung des sieghaften Helden mit Fahne, goldenem Schild und Maschinenpistole beeindruckt, heute finde ich sie lächerlich. Doch der alte Mann ist stolz darauf. Denn dieser Soldat, sagt er, sei niemand anderer als er selbst. Ich glaube ihm nicht, Geschichten von 92-jährigen Menschen stimmen selten.

Doch Boris Makarowitsch beharrt auf seiner Wahrheit. Monate, bevor die Rote Armee Wien erreicht hatte, sei das Denkmal schon geplant und entworfen worden, auf dem Feldzug, zwischen den Schlachten. Dem Bildhauer und Leutnant Intesarjan habe er Modell gestanden, mit Fahne und Kalaschnikow, nur ohne Schild. Aber auch der Künstler habe seine Not gehabt, statt Ton habe er Brotreste verwenden müssen, um die Figur an einer Flasche entlang zu formen. Der alte Mann lächelt jetzt.

Macht er sich lustig über mich, oder ist er glücklich? Hat er seine Frau umgebracht oder nur seinen Hass auf ihre Dauerwelle in Spiegelschrift niedergeschrieben? Sehen Agenten des KGB so aus wie er? Ist er noch immer im Krieg, oder nur ein Mensch am Ende seiner Tage?

Ich zeige ihm die Schießscheibe. Er erkennt sie sofort. Ich müsse ein Freund seiner Tochter sein, denn niemandem sonst würde sie diesen Schatz überlassen. Oder ihr Liebhaber, ihr neuer Mann? Boris Makarowitsch will wissen, wann seine Tochter kommt. Ich weiß keine Antwort und bin froh, dass er durch das eine Loch der Scheibe in das Licht der Sonne schaut. Zehn Schüsse. So, wie ich es mir gedacht habe. Es sieht aus, als würde er über sich selbst staunen. Er gibt allerdings zu, ohne das Wunderwerk von Mikhail hätte er das nie geschafft. Und er stellt das kleine Kaliber über alle größeren und grobschlächtigen, weil es präziser, unauffälliger und raffinierter ist. Er hofft, dass er seine Pistole bald wieder sieht. Aber seine Tochter gehorcht ihm nicht mehr, vergisst die schöne Holzkassette immer wieder. Dabei ist die Margolin für ihn jetzt wichtiger als je zuvor, für seinen letzten Weg, denn er will niemals so weit kommen wie die hier im Haus.

Ich habe nicht den Mut, ihm die Wahrheit zu gestehen. Wie gerne hätte ich mit ihm über das Schießen mit unserer Margolin gesprochen, womöglich hat dieser alte Mann sogar ihren Konstrukteur gekannt. Aber er redet auch ohne Aufforderung voller Begeisterung vom kleinen Kaliber, und dann überrascht er mich mit einer Frage.

Wissen Sie, wie man richtig tötet? Das Zauberwort heißt kaschieren. Man überdeckt das eine mit etwas anderem. Man schießt jemanden eine kleinkalibrige Kugel in den Kopf und lässt ihn möglichst gleichzeitig von Autos überfahren. Die Leiche wird gefunden, sie ist voller Blut und zerfetzt. Ein schrecklicher Unfall. Kein Arzt sucht mehr nach einer Kugel, die nicht größer ist als ein Getreidekorn. Die Angelegenheit wird zu den Akten gelegt, die traurigen Reste werden begraben. Zuletzt hier in Wien, mitten auf der Straße, am Abend und im Weihnachtsverkehr. Alle Bedingungen ideal für die Bestrafung und Beseitigung eines Menschen. Der Auserwählte war ein Greis, klapprig auf dem Fahrrad unterwegs. Zwei oder drei unhörbare Schüsse haben genügt, aus einem Auto heraus, den Rest besorgten Sturz und Schädelbruch. Der Alte hat es verdient. Ich aber habe damit nichts zu tun. Nichts. Die Geschichte hat mir ein Freund berichtet, einer meiner letzten. Wenn mich schon meine Tochter im Stich lässt, er wird heute kommen, an unserem Tag.

Boris Makarowitsch sieht mich an, als bereue er schon, mir so viel erzählt zu haben. Dennoch kann ich mich nicht beherrschen und frage ihn, ob dieser alte Mann auf dem Fahrrad in der Alser Straße verunglückt sei und etwas mit dem Narrenturm zu tun habe. Ich bekomme keine Antwort. Stattdessen zeigt der Meisterschütze wieder auf die Fotografie des Russendenkmals. Das bin ich. Aus Bronze und zwölf Meter hoch. Sie sollten mich öfter besuchen. Dort und hier. Aber von der Polizei sind Sie nicht?

Ich beruhige ihn, verschweige aber auch den Richter. Um Boris Makarowitsch auf andere Gedanken zu bringen, blättere ich in seinem Album. Die Schlacht um Wien muss schrecklich gewesen sein. Wie im Kriminalmuseum sehe ich verstümmelte Körper, aber auch die brennende Stephanskirche. Ein Gesicht taucht immer wieder auf. Der junge Soldat sieht zwar nicht wie ein Held aus, aber er ist großgewachsen. Wahrscheinlich hat man ihn deswegen als Modell genommen. Trotzdem muss ich ihn fragen, ob er das ist. Und der alte Mann neben mir nickt bekräftigend. Aber dann, als ich in seinem Album weiterblättere und ihn mit verschiedenen Freunden sehe, bis herauf zur Gegenwart, nimmt er es mir aus der Hand. Ohne seine Erinnerungen würde man die Bilder nicht verstehen. Beim Abschied bittet er mich dennoch, bald wiederzukommen. Die Schießscheibe darf ich behalten.

Es ist noch viel zu früh, um nach Hause zu gehen. Zum Russendenkmal ist es auch nur ein kleiner Umweg, und mein Herz schlägt schneller, als ich mich dem monumentalen Gebilde nähere. Auch ich habe meine Erinnerungen. Ich dürfte um die zehn gewesen sein, mein Vater war noch ein junger Richter. Aber er hatte mit einem Fall zu tun, der jeden in dieser Stadt bewegte. Der Mord an Ilona Faber zog Menschenmassen an und löste Hysterien aus. Ich sollte schon von Kind an meinen Beruf kennenlernen. Deswegen wurde ich an den Tatort geführt, an diesen Platz zwischen den Bäumen und hinter den Säulen. Jetzt hüpfen hier Vögel herum, damals war es der Fundort der Leiche. Wahrscheinlich hatte die junge Frau noch gelebt, als sie verscharrt wurde. 1958. Ebenfalls im April, aber schon in Frieden und Freiheit. Zum Kino hinüber sind es nur ein paar Schritte. Ein Film mit Elvis Presley war ihr letztes Glück. Sogar den Titel habe ich nicht vergessen. Gold aus heißer Kehle. Wenige Minuten nach der Vorstellung ist die Mannequinschülerin ihrem Mörder gegenübergestanden. Man kennt ihn bis heute nicht. Aber wenigstens wurde kein Fehlurteil gesprochen. Oder doch? Der Hauptverdächtige durfte den Gerichtssaal mit einem Freispruch verlassen. Mein Vater konnte sich nie damit abfinden, dass der Mörder der schönen Frau unentdeckt blieb. Vielleicht sollte ich mich damit beschäftigen, zu Ende führen, woran mein Vater und die anderen gescheitert sind.

Der Anblick der Wasserfontänen kühlt mich ab. Die kleinen Brunnenstrahlen stehen für die Tage des Jahres, aber wirklich beeindruckend sind doch nur die hohen Fontänen in der Mitte. Trotzdem muss ich immer wieder auf ihn blicken, auf Boris Makarowitsch mit Fahne, Schild und Maschinenpistole. Mit den Kalaschnikows wurden Millionen Menschen getötet. Und mit meiner Margolin?

 

Nach Hause fahre ich mit mehr Wissen über das Töten als jemals zuvor. In meinem Kopf geht es wirr durcheinander, Rotarmisten wechseln einander mit Agenten ab, dazu kommt immer wieder der Sexualmord an der Mannequinschülerin. Am meisten aber beschäftigt mich der Tod des alten Radfahrers in der Alser Straße. Ich versuche mich an ihn zu erinnern. Deutlich sehe ich sein letztes Aufrichten, den verrenkten Körper, umgeben von einer Blutlache, die nur vom Unfall herrühren konnte. Hat Boris Makarowitsch ihn gemeint? Ist der Mann auf dem Rad angeschossen worden und deswegen zu Sturz gekommen? Kurz davor hat er mir noch etwas vom Narrenturm erzählt, und jetzt fällt mir auch das Bild von diesem Ziegelbau auf seinem Gepäckträger wieder ein. Ich habe es sogar an mich genommen, in irgendeiner meiner Schubladen müsste es liegen. Vielleicht kann mir das zersplitterte Ding eine Antwort geben.

*

Schon beim Aussteigen aus der Straßenbahn sehe ich sie. Tiffany dürfte schon einige Male an meiner Gartentür geläutet haben. Ich werde angehupt, weil ich ohne zu schauen über den Schutzweg laufe, und ich wäre nicht der Erste, der an dieser Stelle unter die Räder gekommen ist. Sie trägt heute eine schwarze Perücke und erkennt mich sofort. Sie hat nur eine Bitte an mich, allerdings eine, für die sie mich hat treffen müssen.

Zu meiner Freude muss ich sie nicht einmal einladen. Sie geht voran, bewundert meinen verwachsenen Garten, und wie schön er erst im Sommer aussehen müsste. Die verfallende Villa scheint ihr ebenfalls zu gefallen, und in meinem Zimmer staunt sie über den Kamin und die vielen Schallplatten. Doch setzen will sie sich nicht. Die Angelegenheit mit Vinzenz Wolf sei noch immer nicht zu Ende, aber vielleicht könnte ich ihm die Augen öffnen. Sie holt einen Schlüssel aus ihrer Tasche und bittet mich, ihn Vinzenz zurückzugeben. Er gehöre zum Penthouse in der Stadt, mit dem sie nichts mehr zu tun haben will. Sie habe ihn schon einmal mit der Post an Vinzenz geschickt, ihn aber wieder zurückbekommen.

Tiffany sieht mich an, zögert, legt den Schlüssel auf den Tisch. Alles an ihr weist darauf hin, dass sie ihn mit keinen guten Erinnerungen verbindet. Sie bittet mich dringend, ihr zu helfen und meinen Freund zur Besinnung zu bringen. Als letzter Ausweg bleibe ihr nur die Polizei. Aber kann man denn einen Richter anzeigen? Noch dazu einen, der sie alle in den Händen hat?

Ich frage Tiffany, was sie damit meint. Die Prozesse seien vorbei, Herr Fürst ein unschuldiger Mann. Ich merke, dass sie etwas anderes antworten will, dann aber doch von der Ausstellung im Justizpalast spricht. Auch sie möchte, dass Sigurd wieder zu seiner Malerei zurückfindet, weil dann die Dinge wieder besser werden könnten. Sie fange in ihrer Not sogar schon zu lügen an. Den Kopf habe sie sich zwar wegen Vinzenz kahl scheren lassen, aber die Brandmale auf ihrem Arm seien aus ihrer Jugendzeit, eine Dummheit aus den Tagen mit zu viel Wodka und LSD.

Tiffany zündet sich eine Bidi an. Sie setzt sich sogar. Ich verspreche ihr, alles für sie zu tun, aber auch ich habe Vinzenz seit vielen Wochen nicht gesehen. Ich bedanke mich für ihre Ehrlichkeit, verschweige der verzweifelten Frau aber, wie glücklich sie mich macht. Sie braucht mich. Und sie vertraut mir. Es gefällt ihr hier. Sie fragt mich sogar, ob ich nicht einen Schluck zu trinken hätte. Ich bin nahe daran, sie in den Keller zu führen, doch das ginge doch etwas zu weit und vor allem zu schnell. Ich werde nicht die Fehler meines Freundes wiederholen und Tiffany zu etwas drängen.

Mein Wein schmeckt ihr. Sie kommt auch zur Ruhe, sieht sich um. Sie lächelt. Man sehe dem Zimmer an, dass es ein Mann eingerichtet hat. Ich erzähle ihr kurz von Kristina, ihren Räumen im oberen Stockwerk, die ganz anders aussähen, von unserer Trennung. Ob denn mein Leben immer schon ruhig gewesen sei. Ich gestehe ihr die Hölle seit jenem Tag, der für Herrn Fürst ein guter war, für mich der grauenhafteste. Für einen Richter gäbe es nichts Schrecklicheres als ein Fehlurteil.

Tiffany steht auf. Weicht sie mir aus? Weiß sie mehr über Schuld und Unschuld des Mannes an ihrer Seite? Aber gerade jetzt möchte ich mir darüber keine Gedanken machen, denn sie ist hier, Tiffany ist in meinem Haus, in meinem Zimmer. Auch das Weinglas hält sie anders als Kristina, an ihren Füßen gibt es keine aufreizenden Stöckelschuhe, und trotzdem überbietet ihre Erotik alles, was ich bisher so nah erleben durfte. Dennoch trifft mich jetzt fast der Schlag, als ich sehe, wie ihr Blick meine Mercedes streift. Die eine Zeile muss sie schon gelesen haben, denn sie dreht sich um nach mir. Sigurd Fürst, wann zeigen Sie sich endlich? Eine andere Frau hätte sich vielleicht damit begnügt, doch sie dreht an der Schreibmaschine und holt das Blatt heraus. Ich habe die folgende Sätze nicht nur geschrieben, sondern auch tausende Male gedacht. Sie mit Ihrem Tauchermesser. Du Ungeheuer. Ich werde dich töten.

Tiffany setzt sich. Sie sagt nur ein Wort. Meinetwegen? Ich stottere herum, rede von einem Spiel, überlege sogar, ob ich das alles nicht Max in die Schuhe schieben soll. Oder seinem Vater, sogar Vinzenz käme in Frage. Doch dann entscheide ich mich für die Wahrheit und nicke. Tiffany antwortet sofort: Sigurd verdiene vieles, nicht aber den Tod, außerdem würde mir das niemals gelingen. Nicht umsonst hätte ich vom Tauchermesser geschrieben, und ich sei auch nicht der Mensch dazu, nicht der Mann, dem man so etwas zutrauen könne.

Was geschieht in meinem Zimmer? Warum ist Tiffany vor mir nicht davongelaufen? Sie spricht stattdessen mit mir wie mit einem, der bereit ist, ihre langgehegten Wünsche in die Tat umzusetzen? Aber noch sind wir keine Verbündeten, und ich werde jedes Wort auf die Waagschale legen müssen. Sie ist die Frau von Sigurd Fürst, und womöglich hat sogar er sie zu mir geschickt. Obwohl ihre Augen mir etwas anderes erzählen. Dass sie sich ein Leben ohne Tyrann vorstellt, und in Freiheit, wie ich sie ihr schon einmal schenken konnte, allerdings nur für 19 Jahre. Jetzt soll sie wohl ewig dauern, und das ist nur mit dem Tod zu erreichen.

Es klingelt an der Tür, und ich verfluche Max, Kristina und all die anderen. Wer von ihnen kommt mir heute in die Quere? Ich stehe auf und gehe ohne Blick durchs Fenster dem Besucher entgegen. Er ist anständig genug, am Gartentor zu warten. Ein Mann mit Motorradhelm steht mir gegenüber. Erst als er seine Kopfdeckung abnimmt, erkenne ich ihn. Im Stadtpark habe ich schon einmal in seine Augen geschaut. Aber jetzt sieht mich Sigurd Fürst hasserfüllt an, und meine Margolin liegt nicht auf einer Parkbank, sondern weit weg von mir, in meinem Zimmer, dort, wo Tiffany ist.

Sigurd Fürst entschuldigt sich, dass er mich ohne Ankündigung besuche, bestimmt hätte ich schon von seiner Ausstellung im Justizpalast gehört, dafür brauche er eines seiner Bilder, eines, das er mir damals gegeben habe. Das Porträt eines Richters. Nie sei ihm ein Mensch besser gelungen.

Ich weiß, dass Sigurd Fürst lügt. Wann ist ihm diese Ausrede eingefallen? Jetzt erst, oder schon auf seiner Herfahrt mit dem Motorrad, das jetzt den halben Gehsteig verstellt? Ist er Tiffany gefolgt, beobachtet er uns schon lange? Die ganze Zeit, während sie und ich über seine Ermordung redeten? Noch steht er da wie ich. Regungslos, und doch sind wir beide voller rasender Gedanken. Wenn sich nur Tiffany nicht am Fenster zeigt. Was immer Sigurd Fürst vorhatte, es gäbe kein Halten für ihn. Der Mann ist wahnsinnig vor Eifersucht, und ich könnte kein geeigneteres Opfer sein. Jahrzehntelanger Hass würde sich entladen. Außer ich gehorchte. Wieder einmal. Wie damals bei dem Schluck aus der Wodkaflasche. Natürlich könne ich mich an seine Zeichnung erinnern, sie sei großartig, von Tag zu Tag habe sie mir besser gefallen, vor kurzem erst habe ich sie in den Händen gehalten, es dauere nur eine Minute, er dürfe sie behalten, solange er sie brauche.

Mein Gang in das Haus ist zügig, fast laufe ich, als könnte ich auf diese Weise einer Katastrophe entkommen. In meinem Zimmer finde ich Tiffany, an einer Wand stehend, starr vor Angst. Das einzige Leben an ihr scheint die rauchende Bidi zu sein. Sie selbst aber merkt nicht einmal, dass die Asche schon lang ist und die Glut sich ihren Fingern nähert. Wenigstens ist sie hier durch keines der Fenster zu sehen. Wortlos versuche ich sie zu beruhigen, und sie kommt wieder zu sich. Wir sehen einander an in wortlosem Verstehen. Sigurd Fürst hat uns zu einem Paar gemacht. Ich ziehe ein paar Schubladen auf und habe das Glück, seine Zeichnung schnell zu finden. Auf dem Papier sehe ich mich, mit Kahlkopf und verkrümmten Fingern. Noch vor wenigen Wochen war ich nahe daran, dieses Blatt zu verbrennen, jetzt kann es meine Rettung sein. Für einen Augenblick überlege ich, meine Margolin mitzunehmen. Doch dafür ist es zu spät. Oder zu früh. Auf jeden Fall müsste ich sie vor Tiffany aus ihrer Kassette holen, laden, entsichern. Vielleicht würde es ihr sogar gefallen, wenn ich gerüstet hinausginge, auf die Straße, für den Kampf. Zum Duell um sie.

*

Sigurd Fürst ist weder am Eingangstor noch bei seinem Motorrad. Aber ich muss nicht lange suchen, um ihn zu entdecken. Wie schon seit Monaten treibt er sich in meinem Garten herum, mit Blick in die Fenster, doch dieses Mal nicht meinetwegen, sondern auf der Suche nach seiner Geliebten. Er sieht mich und lügt weiter. Das Haus gefalle ihm, und am liebsten würde er gleich anpacken, um es herzurichten. Im Gefängnis habe er zwar die meiste Zeit wie ein Hund gelitten, aber auch das eine oder andere Handwerk gelernt. Natürlich müsste auch eine gigantische Grube ausgehoben werden, nicht für einen Pool, aber ein Biotop sei schon immer sein Traum gewesen.

Unter dem Apfelbaum bleibt er stehen, scharrt mit seinem Fuß an dem kleinen Hügel, auf dem das Gras wieder zu wachsen beginnt. Er weiß, wer hier unter der Erde liegt. Aber um mich zu erinnern, meint er, es sei bestimmt kein guter Hund gewesen, unzuverlässig, treulos, anderen Herren nachlaufend. Solche Untiere gehörten weggeräumt. Ich begreife, dass er nicht nur von Moritz redet, und mein Schrecken wird endlos, als ich ihn wieder rieche, den Duft der Bidis. Sigurd Fürst scheint ihn noch nicht wahrgenommen zu haben, denn er stürmt nicht los. Er bückt sich, um ein Schuhband fester anzuziehen. Wie zufällig rutscht dabei sein Hosenbein hoch, und ich sehe, was er mir zeigen wollte. Der Griff des Tauchermessers glänzt in der Sonne, allerdings ist es kürzer als in meinen Träumen.

Statt meiner Margolin halte ich ihm seine Zeichnung entgegen. Er scheint fast zu erschrecken. Oder ist auch das wieder Theater? Der Malerfürst hält das Blatt wie eine unbezahlbare Kostbarkeit in seinen Händen, spricht von der Qual, es ansehen zu müssen. Ein Meisterwerk. Aber aus längst vergangenen Tagen. So gut sei er einmal gewesen, heute könne er mit dem Bleistift kaum noch eine gerade Linie ziehen. Zwei Jahrzehnte Gefängnis gingen eben an einem Menschen nicht spurlos vorüber, und selbst das größte Talent müsse vor die Hunde gehen. Doch für die Ausstellung sei dieses Dokument eines Schicksals der Höhepunkt. Noch dazu im Justizpalast. Sigurd Fürst hält seine Zeichnung gegen die sonnendurchflutete Baumkrone und wird noch pathetischer. Das ist er, der Richter, der nicht nur einen Menschen auf dem Gewissen hat. Er hat auch der Kunst viel genommen, wer weiß, was noch alles gekommen wäre.

Er sieht mich an und rollt das Blatt zusammen. Er fragt mich, ob ich in diesem schönen Garten Marihuana anbaue, weil es danach rieche. Aber das sei ja nicht möglich, viel zu früh, obwohl die nächsten Tage besonders heiß werden würden. Zu den vielen Drohungen von heute ist eine weitere gekommen. Sigurd Fürst ist nicht der Mann, der über das Wetter redet. Er setzt seinen Helm auf, klappt das dunkle Visier herunter. Das Ungeheuer steht mir gegenüber. Aber nur noch kurz. Es stapft zum Gartentor, verschwindet aus meinem Reich. Das Motorrad heult auf, immer wieder, einer Sirene gleich. Fenster werden rundum geschlossen, ein anderes geöffnet, mein Haus beäugt und bestimmt auch verflucht. Doch bei der Wegfahrt hat Sigurd Fürst keine Eile. Langsamer als ein Fußgänger, aber mit einem Höllenlärm rollt er die Pötzleinsdorfer Straße hinunter.

Ich folge dem verräterischen Geruch der Bidis, hinein in mein Haus. Er könnte Tiffany und mir zum Verhängnis geworden sein. Sie ist nicht mehr im Zimmer, und ich bin erleichtert. Wenigstens hat sie sich in Sicherheit gebracht, in den oberen Stockwerken, Gelegenheiten dafür gibt es ja genug. Obwohl die Gefahr noch nicht vorüber ist und Sigurd Fürst jederzeit zurückkommen könnte, gehe ich nicht ohne Freude die Stiege hinauf. Sie ist hier, lernt die Villa kennen, mich. Jeden der Räume könnte sie haben, mehrere, sogar eine ganze Etage, nach ihrem Geschmack einrichten und in Ruhe leben. Für Tiffany würde ich sogar die Handwerker kommen lassen, auch ein Renovieren des Hauses ist nicht mehr unvorstellbar. Aber ich glaube, sie liebt wie ich die Romantik der wuchernden Natur und des Verfalls. Ihre farbigen Schals sehen aus wie mein Garten im Herbst. Bei jeder Stufe hin zu ihr entdecke ich Gemeinsamkeiten.

Doch ich finde Tiffany nicht. Sie ist weder im Zimmer Kristinas, noch in einem der Räume der obersten Etage. Ich rufe sie, verhalten, aber dennoch genügend laut. Zum ersten Mal dringt der Name Tiffany aus meinem Mund, ein Name, den ich wohl schon tausende Male gedacht habe. Sie muss mich hören. Um ihr die Angst zu nehmen, füge ich hinzu, dass er weg sei, und falls er wieder käme, würde man sein Motorrad hören.

Sie bleibt verschollen. Ich finde sie auch im Keller nicht. Nur Glassplitter, einen von Wein getränkten Boden und zahllose Krumen von Baguettes. Sie hat offenbar während meines Gesprächs mit Sigurd Fürst die Flucht ergriffen. Durch eines der hinteren Fenster, über den Garten hinweg. Meine Zäune sind leicht zu überklettern, und Tiffany ist wendig und gelenkig. Wenn sie nur nicht die Pötzleinsdorfer Straße hinunterläuft. Doch dazu ist sie zu klug, und wie ich diese Frau kenne, ist sie noch vor ihrem Tyrann zu Hause. Dann wird er einsehen müssen, dass er sich geirrt hat. Es war nichts, sein Verdacht aus der Luft gegriffen, der Geruch von Bidis wirklich nur ein Kräuterstrauch, oder Nachbarn, die mit exotischen Gewürzen gekocht haben.

Dennoch hätte sie mich nicht so schnell verlassen dürfen. Ich komme mir einsam und verlassen vor. Mein Zimmer ist leer wie nie zuvor. Nur noch Tiffanys Weinglas steht auf dem Tisch. Ich öffne das Fenster, weil ich fast am Ersticken bin. Gestern war die Nacht noch lau, heute ist sie schon sommerlich. Mir ist die Zeit abhanden gekommen, und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass in wenigen Stunden der Mai beginnen wird. Draußen röhrt ein Motorrad vorbei. Das warme Wetter lädt zu Ausflügen ein. Und zu Unfällen. Jetzt werden sie wieder wie die Fliegen sterben. Auch meinem Todfeind könnte etwas passieren. Ganz ohne mein Zutun. Ein Ölfleck auf dem Asphalt, oder Sigurd Fürst hat wieder einmal eine seiner Flaschen mit Bisongras geleert. Vielleicht aber rast er aus Hass und glühender Eifersucht nur eine Straße entlang. So wie jetzt. Ich habe keinen Zweifel mehr. Das Motorrad da draußen gehört ihm. Langsam erkenne ich das Gebrüll seiner Maschine. Er fährt hin und her, schnell, langsam, beinahe bis zum Kriechen. Sigurd Fürst patrouilliert vor meinem Haus. Er verzichtet auch nicht darauf, am Gartentor den Motor hochzujagen, jetzt dreht er sogar einige Kreise auf dem Zebrastreifen. Wo ist das heranfahrende Auto, das ihn rammt und durch die Luft schleudert?

Sigurd Fürst weiß so vieles nicht. Die Gesuchte ist längt nicht mehr hier, und er ahnt nicht, wie weit weg sie ist. Von ihm. Tiffany kann sich sogar vorstellen, dass er umgebracht wird. Ich werde dich töten. Einen Schritt dazu hat es heute gegeben, in diesem Zimmer, und ich bin dabei nicht mehr allein.

Doch das Blatt finde ich nicht. Wieder einmal suche ich. Jetzt nicht nach der Holzkassette mit einer Pistole, sondern nach meinem Bekenntnis auf einem Stück Papier. Selbst unter dem Schreibtisch ist es nicht zu entdecken, weder hinter den Sofakissen noch zwischen den Büchern. Ich will es nicht wahrhaben, doch mein Verdacht ist nicht länger wegzuschieben. Tiffany hat es mitgenommen. Um das Blatt mit der Morddrohung gegen mich zu verwenden?

Draußen ist es ruhig. Vielleicht hat sich die Polizei des nächtlichen Rasers angenommen. Ich weiß nicht mehr, wem ich noch vertrauen kann. Wenn nur sie mich nicht enttäuscht. Alle können verschwinden, verrecken, sie hat zu mir zu halten. Tiffany habe ich noch kein einziges Mal gehasst. Und ich möchte auch jetzt das Beste von ihr denken. Ich habe sie doch gesehen, ihre Augen, den Menschen. In meinem Zimmer. Ein Traum ist heute Wirklichkeit geworden. Der Beweis dafür liegt auf dem Tisch, obwohl er nicht notwendig wäre. Vielleicht wird mir der Schlüssel zum Penthouse neue Erkenntnisse eröffnen. Auf jeden Fall muss ich Vinzenz treffen. Ich helfe Tiffany, aber auch mir.

Ein erster Anruf bei meinem alten Richterfreund bleibt erfolglos. Auch bei den weiteren geht er nicht ans Telefon. Das könnte mit dem 1. Mai zusammenhängen, denn der hat inzwischen begonnen.

*

Seit Tagen sommerliche Hitze, und bei meinen neuen Nachbarn ausgelassene Feste. Sogar ein Feuerwerk hat es wieder gegeben, doch dieses Mal ist bei mir nichts abgebrannt. Ich wurde auch nicht eingeladen, was mich allerdings erstaunt. Hat Sebastian Grohmann mir nichts mehr über die Schuld von Sigurd Fürst zu sagen? War das Ganze nur eine seiner Raketen, die zwar schön anzusehen sind, dann aber doch verglühen und verschwinden?

*

Gestern habe ich Vinzenz endlich erreicht. Ich bin jetzt unterwegs zu ihm. Am Nachmittag um drei, denn da sei es in seinem Haus schon ruhig. Als ob ich das alles nicht wüsste. Der Justizpalast hat auch einmal mir gehört, jahrzehntelang. Doch heute bin ich nur ein Besucher wie jeder andere. Auch ich muss durch die Schleuse, und sogar mein kleines Taschenmesser wird mir abgenommen. Wenigstens kann ich den Schlüssel von Vinzenz behalten. Eines steht fest. Mit meiner Margolin kann ich im Stadtpark spazieren gehen, doch in diesen Tempel der Gerechtigkeit würde ich es damit nie schaffen. Wozu auch. Was kümmern mich meine alten Feinde, wo ich doch genügend neue habe.

Aber Vinzenz ist nicht anzutreffen. Von einem seiner Kollegen erfahre ich, dass der Herr Richter heute überhaupt nicht aufgetaucht ist. Wie schon des Öfteren in der letzten Zeit, man könne sich nur noch wundern. Der junge Mann kennt mich nicht, und ich bin auch froh, keinem meiner früheren Kollegen zu begegnen. Im Café nebenan könnte ich sie treffen, sie um ein Billardspiel anbetteln. Aber es genügt mir, vor der Tür meines ehemaligen Büros zu stehen. Den Mut, sie zu öffnen und mein verlorenes Zuhause zu besuchen, habe ich nicht.

 

Ich verlasse den Justizpalast nicht ohne Sorge um Vinzenz und überwinde mich sogar, einen Blick in das Café zu werfen. Einer der alten Kellner kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, freut sich über meinen Besuch. Über Vinzenz weiß er nur, dass er wie verwandelt ist, aber nicht hin zum Guten. Manchmal gebe er kein Trinkgeld, dann wieder das Dreifache der Zeche, und die werde mit dem vielen Wein in der letzten Zeit immer höher. Vor einer Woche hat der Herr Richter mit seinem Stock sogar das Billardtuch zerrissen, und niemand wollte mit ihm mehr spielen. Jetzt geht es Vinzenz wie mir. Ihn hat offenbar Tiffany aus der Bahn geworfen, mich ihr ewiger Liebhaber Sigurd Fürst.

Erst zu Hause komme ich langsam zur Ruhe. Der heutige Tag war für nichts. Der Schlüssel für das Penthouse von Vinzenz brennt in meiner Hand, Tiffany wird enttäuscht sein. Sie setzt ihre Hoffnungen in mich, und ich versage. Aber nicht erst seit heute, mein ganzes Leben ist eine endlose Reihe von falschen Schritten. Begonnen hat es mit einem Geschenk. Von meinem Vater. Zu meinem achtzehnten Geburtstag. Nichts hätte hinterhältiger sein können, zerstörerischer. Ein Packen Papier hat meine Zukunft vernichtet, meine Hoffnungen ausgelöscht. Meisterwerke der Malerei. Edelste Reproduktionen in vollendetem Kupferdruck. Von Künstlern, die vor zweihundert, dreihundert Jahren Unsterbliches geschaffen haben. Dazu die Worte meines Vaters. Lieber Ludwig, wenn du glaubst, so gut wie diese Herren zu sein, soll es nach deinem Willen gehen, und ich bezahle dir die Kunstakademie. Aber denk daran, eine Banane wird nie ein Apfel sein. Und du bist eine Banane.

Ich habe meinem Vater den Unfalltod nicht gegönnt. Mir wäre lieber gewesen, er hätte vor seinem Ende jahrelang gelitten. So wie ich als drittrangiger Richter. Meine Rache war klein und bescheiden. Ich habe keinen einzigen Blick auf die alten Meister geworfen. Bis heute nicht.

Was ist los mit mir? Warum gehe ich ins Künstlerzimmer und grabe in der Vergangenheit? Oder ist es meine Gegenwart, die ich jetzt aufschlage, Blatt für Blatt? Woher nehme ich den Mut und die Kraft, Gemälde zu betrachten, die mich doch nur beschämen? Aber das Gegenteil stellt sich ein. Sie rauben mir den Atem, und die Schönheiten der Maler meines Vaters überwältigen mich. Ihre Frauen besitzen Anmut, Grazie, andere wieder Sehnsucht und Melancholie. Vermeer, Boticelli, Van Dyke, Tintoretto, Goya, ich kenne sie alle, sehe sie aber erst jetzt. Auch die Wahrheit meines Vaters. Er hat mir ein mieses Leben beschert, vielleicht aber auch ein noch schlechteres erspart. Keinen der Bäume von Hobbema, nicht einmal einen Grashalm vom fast vergessenen Hackaert hätte ich zustande gebracht. Während ich die vielen Gegenstände eines Kaufmanns betrachte, vergesse ich sogar Vinzenz, und eine faustgroße Kugel neben seinem Gesicht gibt mir Rätsel auf. Vor einem halben Jahrtausend wurde sie gemalt, jetzt lässt sie mich nicht in Ruhe, weil ich ihre Bedeutung nicht kenne. Doch dann sind sie da, die Staalmeesters Rembrandts, und alle erinnern mich an Sigurd Fürst. Ich flüchte vor ihren Blicken zu Lady Hamilton, deren Schleierhut so groß ist wie ein Sonnenschirm.

Nein, ich bin glücklich. Ich bin sogar so weit, auf meine Zeichnungen nicht mehr stolz zu sein, dafür aber auf meine Urteile. Keines war falsch. Nicht ein einziges. Sie sind mein Lebenswerk. Auch ein Sigurd Fürst wird es nicht zerstören. Ich werde die hohe Kunst des Schießens lernen, und wenn ich dafür bei einem Rotarmisten in die Schule gehen muss. Es ist wohl eine Fügung, dass der alte Mann noch lebt. Aber auch ohne ihn kann ich Fortschritte machen. Schon heute. Zwei Tage lang habe ich die Margolin nicht in den Händen gehalten. Und jetzt will ich es wissen. Bin ich mit Kimme und Korn besser geworden? Landen meine Kugeln noch immer in den Nachbargärten, wenn ich die Straßenlaterne treffen will?

Während meiner Zeit im oberen Stock war ich offenbar nicht allein im Haus. Max muss hier gewesen sein, denn seine Sparbüchse steht nicht mehr auf dem Tisch. Dafür liegt mein Burberry auf dem Sofa, nicht zusammengefaltet, sondern hingeworfen. Trotzdem hätte ich den Kleinen gerne wiedergesehen und selbstverständlich seinen Sturz in den Pool mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht aber hasst er mich deswegen und kommt nie wieder. Auch den Tod seines Hundes wird er mir kaum verzeihen. Hat er zu Hause geredet? Ist damit das Schweigen von Sebastian Grohmann zu erklären? Gibt es deswegen keine Einladung mehr zu den Festen?

*

Ich mache es mir gemütlich. Der lange Klapptisch und die Stühle kommen aus dem Keller in den hinteren Teil des Gartens, unter Bäume und zwischen Buschwerk. Von hier aus wird man nicht gesehen, aber man hat einen hervorragenden Blick auf die Straßenlaterne. Sie ist heute an der Reihe. An einem Tag, der ein guter werden wird. Nicht nur die Sonne gibt mir dieses Gefühl, sondern auch meine Zuversicht, dass sich alle meine Dinge ordnen werden. Das Magazin der Margolin lässt sich wunderbar laden. Nichts klemmt, eine Patrone schmiegt sich an die andere, und ich merke, dass ich schon sehr geschickt geworden bin. Ich kann sogar die Augen schließen und die Pistole dennoch so weit bringen, dass man nur noch abdrücken muss. Auch in meiner Ordnung bin ich ein Stück weiter. Zettel liegen bereit, um meine Schüsse und Treffer zu protokollieren.

Meine Sammlung von Baguettes kann sich inzwischen sehen lassen. Sie liegen schön geordnet nebeneinander vor mir, ich muss mir nur das richtige Stück aussuchen, um meine Margolin in allen Abstufungen zum Klingen zu bringen. Besser gesagt, sie beinahe unhörbar zu machen. Jetzt im Garten könnte ich noch ohne sie auskommen, doch es gilt, Erfahrungen für Parks, U-Bahnstationen und ehrwürdige Räume zu sammeln. Oder werde ich Sigurd Fürst auf der Straße treffen?

Sorgen macht mir sein Motorradhelm. Damit ist er geschützt wie ein Soldat im Krieg. Hat nicht mein Rotarmist davon gesprochen, dass die Kugel in den Kopf zu schießen ist. Das leuchtet auch ein, denn eine bloße Fleischwunde am Arm oder im Oberkörper kann zu größten Problemen führen. Der Kerl kommt nicht zu Sturz und unter die Räder, sondern läuft mit meinem Projektil weinend zur Polizei. Ich werde den alten Herrn in der Sensengasse wohl um Rat fragen müssen.

Doch jetzt müssen erst einmal die richtigen Lichtverhältnisse geschaffen werden, denn das Ende könnte Sigurd Fürst ja auch vor meinem Haus ereilen. Alle paar Jahre verunglückt da unten ein Mensch oder kommt auf dem Zebrastreifen zu Tode. Genügend Nachbarn würden bezeugen, dass es zur Katastrophe hatte kommen müssen, viele wären sogar froh, wieder ihre Ruhe zu haben. Ich muss allerdings schrittweise vorgehen, denn nichts wäre verräterischer, als die Lampe erst in der Nacht auszuschießen. Ihr Verlöschen würde man bemerken. Zu bedenken ist außerdem das Splittergeräusch des Glases, nur, da kann ich mir kinderleicht helfen. Ich warte noch, abgedrückt wird erst, wenn er vorbeifährt, lärmend und nervend wie immer, der 41er.

Ich bin unglaublich ruhig, meine Hand zittert nicht. Laut ist hingegen die Straßenbahn. Sie kommt heran, fährt dröhnend vorbei. Eine kleine Bewegung mit meinem Zeigefinger, und das Werk ist getan. In der Lampe klafft zwar nur ein kleines Loch, aber das dürfte genügen. Wenn am Abend die entfernteren Leuchten angehen, werde ich wissen, wie gut ich war. Ich glaube, vor meinem schönen Haus wird die nächste Zeit Finsternis herrschen. Boris Makarowitsch wäre zufrieden mit dem neuen Besitzer der Margolin.

*

Jetzt hüpft Max in den Garten, voller Freude her zu den Gebüschen. Er schüttelt die Sparbüchse, in der nur noch ein oder zwei Münzen klingen. Er stellt sie auf den Tisch und überreicht mir fast feierlich den neuen Ledergürtel mit Halfter. Ein Geschenk? Der Kleine nickt voller Stolz. Warum? Ich höre aus dem Mund des Kindes, dass ich nicht mehr traurig sein müsse, jetzt seien wir beide Cowboys. Ich habe nicht den Mut, über Moritz zu reden, will nicht in alten Wunden wühlen, hoffe sogar, dass er durch die vielen neuen Ereignisse und Dinge den Hund vergisst. Er scheint auch nicht mehr an mein voreiliges Geständnis in der Nacht der Pool-Party zu denken. Das mag auch an meiner Margolin liegen, die ihn anzieht wie ein Magnet.

Max hat seine Ersparnisse geopfert, um mir etwas zu schenken, jetzt bin ich an der Reihe. Vorsichtig überreiche ihm die Margolin. Er wiegt sie in den Händen, mich freut es, ihm seinen langgehegten Wunsch erfüllen zu können. Ich erkläre ihm, dass eine richtige Waffe kein Spielzeug ist, sondern immer gefährlich, wie ein wildes Tier, wie eine Cobra, die nur darauf wartet, zuzubeißen. Er scheint mich zu verstehen, schielt vorsichtig in den Lauf, streicht mit den Fingern über das Fischhautmuster des Griffes, berührt Kimme und Korn und staunt, wie schwer sie ist. Es wird Zeit, dass ich sie ihm wieder abnehme, und übertrieben behutsam lege ich sie in ihre Holzkassette zurück. Max atmet auf, ich auch. Doch für mich ist noch nicht alles ausgestanden. Wie befürchtet kommt die Frage, ob ich damit seinen Moritz erschossen hätte. Nur, der Kleine wird auf eine Antwort warten müssen, denn die Hausklingel läutet.

*

Die hagere Gestalt des Mannes an der Gartentür erschreckt mich nicht wenig. Es ist Vinzenz. Der Kellner aus dem Café hatte recht. Mein Freund ist ein Schatten seiner selbst. Nur seine Gewohnheiten haben sich nicht geändert. Ohne lange zu fragen drängt er auf meinen Grund und Boden, geht auch voran, hin zum Dickicht, als suchte er Deckung. Offenbar will er nicht gesehen werden, denn er blickt sich um. Sein Gesicht hellt sich aber auf, als er den Tisch entdeckt. Die Anwesenheit von Max lässt ihn kurz zögern, dann zieht er einen der Stühle an sich und nimmt Platz. Wie oft sind wir hier gesessen, er und ich, all die Jahre, immer wieder, um über Gott und die Welt zu reden. Damals habe ich mich allein dem Wein hingegeben, jetzt bittet er mich um einen Schluck.

Ich hole eine Flasche aus der Küche, jene, an die ich mich so gerne erinnere. Sie ist fast noch voll, das eine Glas hat Tiffany getrunken. Es gefällt mir, dass mein Freund Vinzenz das Übrige bekommen soll. Für mich nehme ich Wasser, denn es könnte ja sein, dass die Straßenlaterne am Abend nicht erledigt ist, sondern nach wie vor leuchtet.

Mein alter Freund hat sich inzwischen bedient. Er kaut an einem Baguette, merkt sogar, dass es frische und alte gibt. Ohne dass er mich fragt, erkläre ich ihm, dass der Kleine am Tisch der Sohn eines neuen Nachbarn ist. Aber Vinzenz interessiert sich nicht für Max, sondern beginnt gleich von Sigurd Fürst zu reden. Er bereue es, diesem verkommenen Maler die Ausstellung im Justizpalast ermöglicht zu haben, jetzt sei es zu spät, jetzt sei er gezwungen, mitzuspielen.

Vinzenz hält inne. Weil er auf eine Antwort von mir wartet? Sollen wir wieder über Notwehr reden? Aber es dürften eher das Misstrauen und die Vorsicht des Richters sein, was meinen abgemagerten Freund schweigen lässt. Max ist zwar noch ein Kind, aber er hat Ohren. Erst als Max aufsteht und seine leere Sparbüchse wie ein Luftschiff zwischen den Gebüschen schweben lässt, lehnt sich Vinzenz in seinem Stuhl zurück, Glas und Flasche in den Händen. Er trinkt so schnell wie ich in meiner schlimmsten Zeit. Vinzenz sieht schrecklich aus. Sein Gesicht ist vom Rasieren zerschnitten. Aber wie soll er einen Klingenapparat bedächtig führen, wenn seine Hände so zittern, dass sogar der Wein überschwappt? Obwohl Max ihn nicht mehr hören kann, spricht Vinzenz leise. Und nach fast jedem Satz braucht er einen Schluck.

Ludwig, er bringt sie noch um. Dieses Malerschwein kann nicht begreifen, dass Frau Bruckner mich liebt. Er misshandelt sie. Er schneidet ihr die Haare ab, quält sie bis aufs Blut. Er sperrt sie ein. Ich habe sie seit zwei Wochen nicht gesehen. Ich gehe nicht mehr ins Büro, ich sitze in ihrem Penthouse und warte auf sie. Ich weiß, dass sie kommen will, aber er lässt sie nicht aus den Augen. Ich verstecke mich hinter dem Fenster und höre sein Motorrad. Die Gasse hin und her. Am Tag, in der Nacht. Wenn sie es bis zu unserem Haus schafft, fährt er sie über den Haufen, da bin ich mir ganz sicher. Fanny Bruckner, aber bei mir heißt sie Tiffany. Sigurd Fürst bringt sie noch um.

Soll ich Mitleid mit Vinzenz haben? Am besten wird es sein, ich schenke ihm reinen Wein ein und gebe ihm den Schlüssel zum Penthouse. Er wird in meinem Garten aus allen Wolken fallen, doch das stehe ich durch. Die Flasche in seiner Hand ist leer. Ich werde um eine neue gebeten. Vinzenz ist auch jetzt noch der Kommandant, der er schon immer war. Dabei gibt er sich eine Blöße nach der anderen. Er gesteht mir, seit Monaten kaum etwas gegessen zu haben, und an den Baguettes sehe ich, dass sein Zahnfleisch blutet. Ich frage ihn, welchen Wein er haben will, die Auswahl im Keller sei groß, er könne sich beinahe jeden Jahrgang wünschen. Aber Vinzenz ist es egal. Das ist kein gutes Zeichen.

Doch bevor ich seine neue Sucht stillen werde, möchte ich ihm noch eine Frage stellen. Um ihn nicht gleich wieder aufbrausen zu lassen, gehe ich die Sache ganz vorsichtig an, erzähle zunächst von meinem Besuch im Kriminalmuseum, von den Mördern dort, den Totenköpfen erschlagener Kinder, und dass mich das Fallbeil am meisten erschüttert hätte. Gäbe es bei uns die Todesstrafe, wäre Sigurd Fürst vor zwanzig Jahren hingerichtet worden. Unschuldig. Vollkommen unschuldig.

Vinzenz scheint sich innerlich aufzubäumen, und ich spüre, dass mein alter Freund darüber etwas wissen könnte. Aber er weicht aus, kommt auf sein altes Lieblingsthema Breivik zu reden, und wie unmöglich es sei, dass die Richterin bei einer Vorlesung von Gedichten über die Opfer weine, im Gerichtsaal, für jeden sichtbar. Draußen hat sich Max unter dem Apfelbaum zu schaffen gemacht, mit Händen und Füßen scharrt er am Grabhügel seines Hundes. Aber ohne Schaufel wird er ihn nicht finden, Moritz liegt zu tief. Trotzdem rufe ich zu ihm hinüber, er soll doch auf den Baum klettern und schon einmal die Stelle für seine neue Hütte aussuchen.

Max hängt schon an einem Ast, schaukelt ein wenig hin und her, und dann gelingt es ihm doch, sich hinaufzuziehen. Auch ich werde jetzt nicht nachgeben. Ich lasse alle Umschreibungen und Andeutungen beiseite, frage Vinzenz geradeheraus. Ist er schuldig oder nicht?

Wer? Wen meinst du? Ich schlage auf den Tisch. Der Knall klingt lauter als alle meine Schüsse. Sogar die Kassette ist ein Stück verrutscht, und einige Baguettes liegen auf dem Boden. Vinzenz hebt sie auf, aber nur um Zeit zu gewinnen und mir nicht antworten zu müssen. Mein ehemaliger Vorgesetzter ist zum Angeklagten geworden, und als solcher macht er eine erbärmliche Figur. Schon steigt in mir ein Trieb hoch, den ich seit fast einem Jahr nicht mehr habe ausleben dürfen. Es sitzt einer vor mir, den es zu erledigen gilt. Ich will die Wahrheit wissen, nichts als die Wahrheit. Hat Sigurd Fürst seinen Freund umgebracht?

Vinzenz weicht aus, ich bin nahe daran, ihn anzubrüllen. Doch manchmal ist es besser, wenn man als Richter ganz einfach lügt. Pinsel und Farben. Ich bin Maler wie er. Wie Sigurd Fürst. Ist er der Pflastersteinmörder oder nicht?

Vinzenz ist an der Kippe. Entweder redet er jetzt, oder er fängt zu weinen an. Beides ist fast so viel wert wie ein Geständnis. Oder er stürzt sich auf mich, und Max muss mitansehen, wie zwei alte Freunde sich auf dem Grasboden wälzen. Wahrscheinlich würde mir der Kleine sogar zu Hilfe kommen, denn schon jetzt spürt er die Feindseligkeit an unserem Tisch. Er klettert sogar vom Baum, setzt sich uns gegenüber, drückt verlegen an seiner Sparbüchse herum, fängt an, von den Baguettes zu essen.

Während ich überlege, hat Vinzenz Zeit, nachzudenken. Oft ist es am besten, jemanden zu sich kommen zu lassen. Anschreien ruft meistens nur Widerspruch hervor, Stille hingegen lässt das Gewissen eines Angeklagten wachsen. Noch stottert mein alter Freund, ich verstehe ihn kaum. Das hängt vielleicht mit seinen blutigen Zähnen zusammen, oder ich muss ich doch bald ein paar Weinflaschen bringen.

Ludwig, du hast es leicht. Ich bin noch im Amt. Da ist auf der einen Seite die Schweigepflicht, auf der anderen, auf der anderen, auf der anderen. Du verlangst viel von mir. Man darf auch nicht hin und her. Schuldig, unschuldig. Dann wieder schuldig. Das kann sich niemand leisten, keine Justiz. Und wir wollen nicht so dastehen wie die Norweger mit ihrem Breivik. Einmal ist er unzurechnungsfähig, dann wieder nicht, die Wahrheit ist eben eine Hure. Und erst die Gutachter. Die größten Schweine. Man gibt ihnen einen Pflasterstein in die Hand, und schon wissen sie alles. Aber jetzt das Ganze wieder aufzurollen. Ein Zirkus. Das hat mein Haus nicht verdient. Weißt du noch, wie schön der Justizpalast ist? Die breite Treppe, die Säulen, das Glasdach. Hast du ihn dir einmal angesehen? Mit offenen Augen? Man schaut auf ihn. Und auf mich. Mein lieber Ludwig, lass uns Sigurd Fürst begraben.

Er wird mir alles sagen. Wie jeder meiner Angeklagten. Ich habe ihn so weit. Ich werde ihm helfen und ihn bei Laune halten. Ich verspreche ihm so viel Wein, dass er heute allein nicht mehr aufstehen kann. Nur Max scheint mein Angebot nicht zu gefallen, denn er wartet noch immer darauf, dass ich mich mit seinem Geschenk beschäftige. Mittlerweile tröstet er sich mit den Krumen der Baguettes, die er auf der Holzkassette der Margolin zu einem Bild anordnet. Ich glaube, es wird ein Schiff. Vielleicht sogar die Santa Maria.

*

Im Keller nehme ich zwei der besten Weine aus den Regalen, für einen dritten krieche ich sogar in eines der hintersten Gewölbe, wo kaum bezahlbare Jahrgänge gelagert sind. In diesem Verlies von Ziegelhaufen und Mauerdurchbrüchen überkommt mich die Angst. Hat mein alter Freund erst vor Kurzem von all dem erfahren? Oder weiß er schon länger von Sigurd Fürsts Schuld.

Wieder über der Erde blendet mich das Licht der untergehenden Sonne, und obwohl wir erst Anfang Mai haben, werden wir heute noch lange im Freien sitzen können. Vinzenz ist in seinem Stuhl eingeschlafen. Max hat sich verzogen, er muss jetzt wohl in seinem eigenen Garten den einsamen Cowboy spielen. Die Holzkassette liegt offen da, und die Margolin finde ich unter dem Tisch im Gras. Ganz ohne Zorn ist der Kleine also doch nicht gegangen.

Die Augen von Vinzenz sind glasig, und sein starres Gesicht ist schrecklich anzusehen. Noch mache ich mir beruhigende Gedanken. Auch ich bin manchmal in diesem Stuhl gesessen und muss betrunken und halb bewusstlos ein entsetzliches Bild abgegeben haben. Doch Vinzenz ist weiter. Ich wage es kaum, an ihn heranzutreten. Sein Gesicht riecht nach meinem Wein. Brust und Halsschlagader sind ruhig. Es ist kein Atmen zu hören, nur das Zwitschern der Vögel rundum. Anstelle der Tränendrüse am linken Auge hat Vinzenz ein kleines Loch. Es fließt nur wenig Blut heraus, trocknet auch sofort auf der Wange. Es kann keinen Zweifel geben. Vinzenz Wolf ist tot. Getroffen von einer Kugel aus meiner Margolin.

 

Alles Unheil bricht über mir zusammen. Ich muss mich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden. Die Hitze des Tages erstickt mich, und das Zittern meines ganzen Körpers bringt die Weinflaschen auf dem Tisch zum Klirren. Ich habe schon so manchen Toten gesehen, aber noch keinen in meinem Garten. Es gab auch noch keinen Freund, der leblos vor mir gesessen wäre. Vinzenz sackt außerdem mehr und mehr zusammen, und aus dem Mund quellen Speichelblasen. Seine Augen sind nach wie vor auf den Platz gerichtet, wo Max gesessen ist. Vinzenz hat dem Tod ins Angesicht geblickt, dem Kleinen vielleicht noch zugerufen, dass er die Waffe in die Luft richten soll, nicht auf ihn. Oder er hat keine Miene verzogen, weil sich in Kinderhänden eigentlich immer nur Spielzeugpistolen befinden.

Max brauchte weder ein Baguette, noch musste er auf das Vorbeifahren der Straßenbahn warten. Vor Schreck ließ er die Margolin fallen, und ergriff die Flucht. Aber vielleicht war ihm gar nicht klar, was er angerichtet hatte. Vinzenz dürfte sich nicht aufgebäumt haben, er fiel auch nicht mit großer Gestik in den Pool. Er ist nur nicht mehr. Was für ein Verbrechen, die Margolin hier liegen zu lassen. Wie einfältig muss ein Mensch sein, wenn er glaubt, in einer Holzkassette sei sie sicher. Max hat sie aus ihrem Gehäuse geholt, die Kobra musste nicht einmal aus einem Käfig flüchten, um ihr Gift zu versprühen.

Soll ich jetzt auch die Rettung rufen, oder nur die Polizei? Ich laufe ins Haus, in eines der hinteren Zimmer. Vom Fenster aus sehe ich Vinzenz am Tisch, drei Weinflaschen vor sich, durch die Sonne in den Blättern rundum könnte die Idylle nicht schöner sein. Wie soll man bei so viel Romantik an ein Drama denken? Habe ich vorhin wirklich einen Toten gesehen? Noch habe ich die Kugel nicht ins Rollen gebracht, wenn ich die Polizei erst in einer halben Stunde verständige, bin ich noch kein Verbrecher. Deswegen mache ich mich auf den Weg zurück, nehme sogar wieder Platz neben einem Menschen ohne Leben. Ein paar Vögel lassen sich am Tisch nicht stören. Es kommen sogar noch mehr, um die Krumen meiner Baguettes aufzupicken.

Vinzenz wird sich nie wieder Gedanken machen, meine aber beginnen schon, mir helfen zu wollen. Noch sehe ich nicht den geringsten Ausweg, keinen Lichtblick an diesem strahlenden Tag im Mai. Aber mein Richtergehirn beschäftigt sich schon mit der Strafe, die mir verpasst werden könnte. Bei meiner Fahrlässigkeit muss ich mit einigen Jahren rechnen. Genug, um kein Leben mehr zu haben. Ich fange an, mich wie meine Angeklagten zu verhalten. Was ist zu tun, um dem Untergang zu entkommen? Polizei und Kriminalbeamte sind jetzt schon meine Feinde, und es ist vollkommen undenkbar, sie an den Ort meines Versagens und der größten Katastrophe in meinem Dasein zu rufen.

Das ginge nur, wenn das Ganze als Unglück dargestellt werden könnte, aber davon sind Max und ich weit entfernt. Die Margolin ist voll von unseren Fingerabdrücken. Ich habe unzählige Spuren hinterlassen. Kristina hat meine Todesdrohungen in meiner Schreibmaschine gelesen, Tiffany hat das Blatt sogar mitgenommen. Dabei ist es völlig egal, wen ich umbringen wollte, ob Sigurd Fürst oder jemand anderen. Sebastian Grohmann würde die Gunst der Stunde nützen und auch ohne weitere Anstrengungen an meinen Keller kommen. Ein Mordhaus kauft kein Mensch, es würde billig zu haben sein. Sogar den alten Rotarmisten sehe ich im Gerichtssaal. Fast ohne russischen Akzent wird er von meiner Neugier auf das Töten mit dem kleinen Kaliber erzählen.

Mein Trieb zum Überleben ist so mächtig, dass mir Vinzenz nicht mehr wie mein Freund vorkommt, sondern wie einer, der es wahrscheinlich verdient hat, beseitigt zu werden. Ich kann ihm auch ohne schlechtes Gewissen in die gebrochenen Augen schauen. Dieser Mensch hat mich mehr als einmal aufs Tiefste verletzt, er hat in mir nie den Richterkollegen gesehen, sondern wie mein Vater immer nur die Banane. Bestimmt weiß er schon länger von der Schuld des Pflastersteinmörders Sigurd Fürst. Warum ist er nicht gleich gekommen, um mich von meinem Fehlurteil zu befreien?

Soll ich ihn begraben? Platz ist in meinem Garten genug, es muss ja nicht an der Seite von Moritz sein. Oder lege ich ihn in der Nacht auf die Straße, damit er von Autos überrollt wird? Betrunken hat er mein Haus verlassen, das kann ich bezeugen, und nichts wird man leichter feststellen können als genügend Alkohol im Blut, dazu seit Monaten seine Unzuverlässigkeit im Justizpalast, und im Café erschreckend hohe Rechnungen für Wein. Wie hat Boris Makarowitsch gesagt? Kaschieren, überdecken. Die vielen Verletzungen würden als Todesursache genügen, kein Mensch würde irgendwelche Zweifel haben oder gar nach dem getreidekorngroßen Kupferstück in seinem Kopf suchen.

Während mir solche Gedanken kommen, habe ich das Gefühl, gar nicht dabei zu sein. Das bin nicht ich. Das sind die Vorstellungen der letzten Monate, allerdings in Verbindung mit Sigurd Fürst. Jetzt kommen sie mir gelegen. Ich werde verhindern, dass ein Kind zum Mörder wird. Ich schaffe Vinzenz Wolf aus dem Leben von Max und mir.

Doch vorerst geht es an die praktischen Dinge. Ich stelle den großen Sonnenschirm hinter Vinzenz. Von allen anderen Seiten ist der Tote bestens geschützt. Jede Sekunde wird genützt, der Not zu entkommen. Doch in welche Richtung muss ich fliehen, um mich und Max zu retten? Sogar die Verlegung der Leiche in einen Nachbargarten kommt mir in den Sinn, oder ich bringe sie nachts in einen Park. Ohne Auto? Mit einem Taxi? Verrücktheiten tauchen in meinem Denken auf, werden verworfen, neue erfunden.

Eine weitere Möglichkeit wäre, ich bitte Sigurd Fürst um Hilfe, rufe ihn an, überbringe ihm die freudige Botschaft vom Ableben seines Nebenbuhlers und vereinbare mit ihm ein Treffen in meinem Garten. Zu zweit werden wir leicht Herr der Lage, und warum sollten wir Vinzenz nicht in der Donau versenken? Oder das Krebsenwasser fängt ihn auf. Am raffiniertesten wäre wohl, wir beide verfrachten den Verstorbenen in das Penthouse, dort kann er warten, auf Tiffany. Das größte Problem wäre der Transport. Wie bringen wir eine Leiche vom Platz hinter dem Stephansdom zum Lift? Eingerollt in einen Teppich? Oder Arm in Arm mit Vinzenz, wie es bei einem Betrunkenen üblich ist, wenn ihn Freunde nach Hause bringen?

Inzwischen begreife ich, dass die abwegigen Einfälle nur dazu dienen, mich auf den richtigen Weg zu führen und mir den Keller als die beste und einzige Möglichkeit erscheinen zu lassen. Ein widerlicher Gedanke, noch wehre ich mich dagegen, denn ich will nicht lebenslang einen Toten im Haus. Andererseits kommt es nur auf die richtige Einstellung an. Vinzenz wäre kein stiller Mitbewohner, sondern einer von draußen, dort wo die Straßenbahn fährt, im Untergrund Wiens, in einem Gewölbe, das mehr der Stadt gehört als mir. In den verzweigten Gängen kann seine Leiche von jedermann abgelegt worden sein. Nicht nur Nachbarn kommen in Frage, sogar Arbeiter in angrenzenden Kanälen, oder jemand, der mich mit dem Tod meines Freundes in Verbindung bringen möchte.

Dennoch muss ich mein Vorhaben überprüfen. Vinzenz wird erst angefasst, wenn ich nicht mehr unter Schock stehe und die Dinge klar erkenne. Mein Urteilsvermögen wird mir helfen, das Richtige zu tun. Bisher gab es keinen falschen Schritt. Noch stehen mir alle Möglichkeiten offen. Ich kann in mein Zimmer gehen, die Polizei anrufen und ihr den Ablauf des Dramas höchst wahrheitsgetreu schildern. Da ich vollkommen nüchtern bin, kann ich mich auch an jede Einzelheit erinnern.

Doch was ist, wenn das Nächstliegende passiert? Max lügt. Er leugnet seine Tat. Wer traute wohl einem Kind einen Treffer mitten in die Tränendrüse eines Auges zu. Man wird feststellen, dass der Kleine meine Margolin nicht einmal heben und schon gar nicht ruhig in den Händen halten kann. Dann bin ich der Mörder und noch heute im Gefängnis. Ich müsste weg von hier, noch vor Sonnenuntergang. Und es ist so schön warm in meinem Garten. Sogar Vinzenz profitiert davon. Es wird noch Stunden dauern, bis sein Körper so kühl ist wie die drei Weinflaschen vor ihm auf dem Tisch. Und er hatte Glück. Im letzten Augenblick seines Lebens hatte er nicht die Fratze von Sigurd Fürst vor sich. Sein Tod war ein Kind.

Ich bin weder zynisch noch kaltschnäuzig, ich versuche nur, mit meinem Schicksal zurechtzukommen, wie meine Angeklagten. Man kann kein Ereignis ungeschehen machen, wohl aber versuchen, seine Zukunft zu retten. Zu meinem Trost bin ich weder Totschläger noch Mörder. Bisher ist durch meine Hand kein Mensch umgekommen, nur ein Hund. Und sollte ich Vinzenz wirklich in den Keller schleppen, so geschieht das nicht allein für mich, sondern ich helfe auch einem Kind, das sein ganzes Leben noch vor sich hat.

Ich glaube sogar, Vinzenz würde handeln wie ich. Langsam beginnt der Schweiß auf seinem Gesicht zu trocknen. Das erinnert mich daran, wie wenig Zeit vergangen ist. Vor einer halben Stunde hat dieser Mensch noch gelebt, allerdings in Verzweiflung und mit der falschen Hoffnung auf meine Tiffany. Hätte er noch ein gutes Leben vor sich gehabt? Oder war die kleine Kugel zur richtigen Zeit eine Erlösung für ihn? Ich sollte seiner Totenmaske schon längst die Augen schließen, doch noch ist es mir unmöglich, meinen Freund zu berühren. Ich könnte ihm die Augen mit dem Bleistift zudrücken. Wahrscheinlich hat er sogar damit gespielt. Oder ein Geständnis geschrieben. Auf das Blatt vor mir. Das Papier, auf dem ich heute meine Schießergebnisse verewigen wollte, zeigt tatsächlich eine hingeworfene Zeile, doch die Botschaft ist enttäuschend. Ich will nicht mehr. Adieu.

Fünf Worte, kaum lesbar, im Rausch geschrieben. Vinzenz wollte sich also verdrücken, mir nicht weiter Rede und Antwort stehen. Wäre er doch nur gegangen, zum Gartentor hinausgeschwankt, lebend aus meinem Dasein verschwunden. Ich will nicht mehr. Adieu. So verabschieden sich Selbstmörder, aber dafür war die Pistole zu weit weg von ihm, im Gras unter dem Platz von Max, und außerdem schießt sich kein Lebensmüder ins Auge. Auch wäre Vinzenz sicherlich zu feige gewesen, seiner Erbärmlichkeit ein Ende zu setzen. Er hatte ja nicht einmal den Mut, mir zur Seite zu stehen. Vielleicht hat ihm sogar mein Sturz gefallen. Mehr und mehr beschleicht mich das Gefühl, mein Todfeind heißt nicht Sigurd Fürst, sondern es ist dieser Mann neben mir.

Ich drücke ihm mit dem Ellbogen die Augen zu. Das geht fast wie von selbst. Ich muss mich auch nicht lange überwinden, aufzustehen und hinter ihn zu treten. Noch vor wenigen Monaten wäre mir Vinzenz zu schwer gewesen, jetzt ist sein Schatten zwar nicht leicht, doch ich schaffe es, ihn anzuheben. Die Mühe kommt allerdings mit den ersten Schritten. Nicht nur der Stuhl fällt um, auch Vinzenz sackt zu Boden. Ich muss ihm immer wieder unter die Arme greifen, um ihn über die Wiese bis zur Kellertür zu schleifen. Einer seiner Schuhe bleibt an der Schwelle hängen, doch meine Wut auf ihn und mein Überlebenswille geben mir die Kraft, die Leiche fast bis zur steilen Stiege zu bringen. Das soll es fürs Erste bleiben, in die Tiefe geht es dann in der Nacht, oder morgen, wann immer.

Noch könnte ich den anderen Weg einschlagen. Bisher ist nichts Verwerfliches geschehen, kein Verbrechen meinerseits. Die weiteren Schritte wären einfach. Ich laufe in mein Zimmer hinauf und rufe anstelle der Polizei die Rettung. Ich rede von zu viel Wein, einem Hitzschlag durch die ungewohnte Sonne mitten im Mai, und meiner Hilflosigkeit. Kein Mensch kann von mir erwarten, dass ich die ganze Tragödie längst begriffen und durchschaut habe. Weder der Notarzt noch ein Sanitäter würde sich um das blutunterlaufene Auge eines Säufers besondere Gedanken machen, erst im Krankenhaus würde man die Kugel entdecken. Ein Unfall. Verursacht durch eine Waffe in Kinderhänden.

Aber Vinzenz kühlt im Keller schneller aus. Was ist, wenn seine Temperatur gemessen wird? Dann wüsste man, dass er nicht erst jetzt gestorben ist, dass ich zugewartet habe. Auch seine Leichenstarre fängt demnächst an. Die Augenlider sind schon in der nächsten Stunde an der Reihe, für den ganzen Körper braucht es bis Mitternacht. Wann mache ich mich mit ihm auf den Weg über die Stiege und über die vielen Gewölbe bis in den hintersten Keller? Am besten jetzt gleich, denn sonst muss ich warten, bis die Leiche wieder weich und gelenkig ist.

Ich kehre an den Tatort zurück, setze mich sogar in den Stuhl von Vinzenz. Dabei wäre es viel wichtiger, die Holzkassette mit der Margolin in Sicherheit zu bringen. Doch solcherlei Anstalten machen nur Mörder, und ich bin ja nicht einmal Zeuge der Tat. Ich bin sogar froh, vor lauter Schwäche nichts tun zu können und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Viele meiner Angeklagten haben nach derartigen Ereignissen zur Flasche gegriffen, und ich habe drei vor mir stehen. Aber um auch nur eine zu öffnen, müsste ich einen Korkenzieher holen. Und der Gang in mein Zimmer könnte mir zum Verhängnis werden. Ein Anfall von schlechtem Gewissen würde genügen, um mich zum Telefon greifen zu lassen. Hier bin ich sicher.

*

Es klingelt nicht, aber die Gartentür wird aufgerissen. Stöckelschuhe knallen hinter meinem Rücken auf den Steinplattenweg, in wenigen Augenblicken wird meine Zukunft entschieden sein. Aber Kristina hat keine Zeit für mich, was sie allerdings nicht daran hindert, mir einen ihrer ältesten Vorwürfe zu machen. Sie hält es nicht für gut, alleine zu trinken, noch dazu eine solche Menge, wie ich sie vor mir stehen habe. Wein diene der Geselligkeit und nicht dem Einsiedlertum. Deswegen sei sie auch hier, um zum heutigen Fest der Grohmanns nicht wieder mit leeren Händen zu kommen. Aber für Sebastian und Nadine müssten es edle Tropfen sein, und die gäbe es ja hoffentlich noch unten in meinem Verlies.

Entweder lasse ich meine Frau über meinen alten Freund stolpern, oder ich begreife endlich, dass sich die Dinge wunderbar fügen. Noch bevor sie die Kellertür öffnen kann, bringe ich Kristina mit einem Zuruf zum Stehen. Sie könne die besten Weine haben, ohne zu den Ratten gehen zu müssen. Ich zeige auf die Flaschen von Vinzenz, halte ihr die verstaubteste entgegen, drehe das Etikett ins Sonnenlicht, rede vom hervorragenden Jahrgang 1912 und dass er mehr koste als alle Grohmann’schen Whiskys zusammen. Kristina kommt auf mich zu, hebt sogar noch den Schuh von Vinzenz auf und legt ihn mir auf den Tisch. Es freue sie, dass ich endlich anfange, echte Budapester zu tragen, das hänge doch sicher mit der Frau zusammen, die man vor ein paar Tagen über meinen hinteren Zaun klettern gesehen habe. Eine heimliche Liebschaft, die niemand entdecken dürfe, oder sei mir ihr Ehemann auf die Schliche gekommen?

Kristina weiß alles über Schuhe, aber von Tiffany hat sie keine Ahnung. Sie drückt trotz des Staubes die drei Weinflaschen an sich, und ich muss ihr garantieren, dass sie damit den Wert einer Golfausrüstung in den Armen hält. Sie verspricht mir, mit den Grohmanns auf mich anzustoßen, und macht sich auf den Weg, laut wie immer.

Ich bin Kristina dankbar. Es ist alles entschieden, eine Umkehr ist nicht mehr denkbar. Wie könnte ich jetzt noch der Polizei die Wahrheit erklären? Vinzenz kommt in das hinterste Kellerloch, ich muss mir nur noch die Richtung überlegen. Die vielen Möglichkeiten fallen ab wie eine erdrückende Last. Ich werde alles für mich tun. Endlich bin ich auf der anderen Seite. Die Erfahrungen als Richter werden mir helfen, meine Santa Maria über das große Meer zu steuern. Deswegen werde ich auch die letzten Worte von Vinzenz zu nützen wissen. Ich will nicht mehr. Adieu. So verabschieden sich Menschen, die ihr Leben nicht mehr ertragen. Das Blatt Papier muss nur an der richtigen Stelle gefunden werden, denn auf meinem Gartentisch ist es nutzlos, im schlimmsten Fall sogar verräterisch. Nein, Herr Wolf ist nie hier gewesen, ich habe ihn schon seit Monaten nicht gesehen.

*

Mein Schiff schlingert. Mitten in der Innenstadt. Dabei ist alles bestens bedacht. Mit Vinzenz ist ohnehin erst nach Eintritt der Leichenstarre etwas anzufangen, ich habe ihn vor meinem Weggehen noch in eine Ecke des Kellers gezerrt und zugedeckt. Jetzt gilt es, aus ihm einen Mann zu machen, der von einem Tag auf den anderen untergetaucht ist, der ganz einfach verschwinden wollte, vielleicht sogar Selbstmord beging, und seine letzte Nachricht so schnell wie möglich an seinen liebsten Platz zu bringen. Abschiedsbriefe werden meistens von Putzfrauen gefunden, und ich muss vor ihr im Penthouse sein. Ich umklammere Tiffanys Schlüssel, aber meine Übelkeit will trotzdem nicht weichen. Als wäre ich seekrank schwankt der Innenhof des mächtigen Gebäudes über mir, und meine Angst lässt mich nicht weitergehen, hinüber zum Lift, der direkt ins Penthouse fährt. Es ist noch hell genug, um genügend Hausbewohner zu Zeugen zu machen. Trotz der Brille meines Vaters würde man mich beschreiben können.

Ich bin auf der Flucht. Vor meinem eigenen Vorhaben, hinaus auf die Straße. Auch wenn kein Mensch meine Absichten erkennen kann, fühle ich mich verfolgt. Auf dem kurzen Weg zum Stephansdom gerate ich zwischen die Pferde der wartenden Fiaker, spiele sogar einen an Türmen und Wandtafeln interessierten Touristen. Ich suche den Schutz der Dunkelheit und dränge mich deswegen durch das Tor in die Kathedrale. Hier müsste ich sicher sein, unter den verschlungenen Kreuzgewölben und hohen Fenstern. Trotzdem springt mir ein Eisengitter entgegen, und ich denke an mein zukünftiges Gefängnis. Aber auch die riesigen Flächen brennender Kerzen werden ihre Bedeutung haben.

 

Im Stephansdom war ich als Diener des Justizministeriums, wenn es eine Messe anlässlich eines verstorbenen Bundespräsidenten gab, heute hat es mich hierher verschlagen, weil mein Richterkollege Vinzenz Wolf zu Tode gekommen ist. Aber ich bin nicht in der Kirche, um für ihn zu beten, sondern aus Angst. Sie treibt mich in die Ecke eines Seitenschiffs, vorbei an einem Laden für Souvenirs und Devotionalien und hin zu einem Türbogen, durch den ich zuletzt vor Jahrzehnten mit meinen Eltern gegangen bin. In Erinnerung ist mir der Blick auf die Stadt geblieben, und dass man ohne Stufensteigen die Plattform des Nordturms erreichen konnte. Jetzt bin ich wieder im Lift, auf dem Weg nach oben, und ich werde die Stunden bis zur Dunkelheit zu nützen wissen. Die Aussicht ist prächtig, wenn auch weniger beeindruckend als zu meinen Kinderzeiten. Doch sosehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht, das Penthouse von Vinzenz im Gewirr der Giebeln und Dächer ausfindig zu machen.

Was habe ich erhofft? Ihn lebendig hinter einem der Fenster zu entdecken? Wie er auf Tiffany wartet oder sich die Ohren zuhält, um nicht mehr das Motorradgedröhn ihres rasenden Liebhabers aus den Gassen darunter hören zu müssen? Es hätte mir schon genügt, einen Blick hinter die gläsernen Wände werfen zu können. Werde ich allein sein, wenn ich das Penthouse betrete? Kann ich das Licht andrehen, oder muss ich im Dunkeln bleiben, um nicht von allen Seiten gesehen zu werden?

Ich bin auf jeden Fall bestens vorbereitet, mein Auftritt im Penthouse ist bis ins Kleinste durchdacht. Trotz der Ereignisse des heutigen Tages konnte ich den kühlen Kopf des Richters bewahren, und ich hoffe, die Dinge richtig einzuschätzen. Stümperhaft wäre es gewesen, die letzte Nachricht von Vinzenz falsch zu behandeln. Zwar war ich versucht, das Stück Papier zu säubern, um meine Fingerabdrücke zu entfernen, aber damit wären auch die seinen verschwunden gewesen. Manche der Buchstaben sind durch den Wein so zittrig und verbogen, dass man sie für eine Fälschung halten könnte. So aber wird das Blatt ihm zugerechnet, und natürlich auch meinem Bleistift. Es wäre verhängnisvoll, ihn nicht auf seinen Tisch zu legen, denn womit sonst hätte Vinzenz seinen Abschiedsbrief verfasst? Ich denke eben an die kleinsten Dinge genauso wie an die großen Zusammenhänge. Dennoch nehme ich ein gewisses Risiko in Kauf. Auch meine Papillaren wird ein eifriger Kriminalbeamter entdecken. Doch was fängt er an damit? Ich bin in keiner Kartei, eben nichts weniger als ein Verbrecher. Und sollte sich alles verheerend entwickeln und man sogar bis an meine Gartentür gelangen, steht mir noch immer die Behauptung offen, selbstverständlich im Penthouse gewesen zu sein, zu Besuch bei meinem Freund Vinzenz. Wie wären da meine Fingerabdrücke zu vermeiden gewesen?

Trotzdem werden heute Handschuhe getragen, aber erst oben in seinem gläsernen Käfig, denn bei der heutigen Hitze würden sie sogar den Touristen um mich herum auffallen und für Zeugenaussagen in Erinnerung bleiben. Eines ist allerdings nicht zu vermeiden. Ich werde sie hinterlassen. Meine DNA. Selbst wenn ich nur einen Blick in das Penthouse werfe. Man wird jedoch nicht feststellen können, ob sie von heute oder aus längst vergangenen Tagen stammt. Dafür bleibt sie ewig erhalten. Schade nur, dass die DNA von Sigurd Fürst auf dem blutverkrusteten Pflasterstein nicht zu finden war. Damit konnte er seine Unschuld beweisen, und dennoch muss es anders gewesen sein. Vinzenz kannte das Geheimnis, aber er wird es mir nicht mehr gestehen, selbst wenn ich ihn morgen die Kellerstiege hinunterfallen lasse.

Das allein würde genügen, um mich ins Gefängnis zu bringen. Aber ich gebe zu, mich reizt das Spiel gegen die vermeintliche Gerechtigkeit, und ich werde es gewinnen. Quälend ist allerdings das Warten auf mein nächstes Verbrechen, denn die Sonne will und will nicht untergehen, auch wenn die Fiaker und Besucher der Innenstadt immer längere Schatten werfen. Dazu werde ich jetzt auch noch aus meiner sicheren Höhe vertrieben, denn die Plattform wird geschlossen. In allen Sprachen werden wir zum Lift kommandiert, ein Paar aus Frankreich versucht noch einen Blick auf die Pummerin zu erhaschen. Ich selbst schrecke auf, weil ich eine Sirene aus den Gassen unten höre, ducke mich wie ein Gejagter. Ab heute werde ich nicht mehr unbesorgt durch die Stadt gehen können. Ich verlasse den Nordturm des Stephansdoms als Letzter.

Wie gerne wäre ich noch oben geblieben, so weit weg von meinen Sorgen hier unten. Das Haus von Vinzenz liegt noch immer im Hellen, und ich treibe im Touristenstrom über den Graben bis hin zum Kohlmarkt. Ich könnte ins Kino gehen oder in einem Café die Zeit des Zuwartens totschlagen. Doch den Film würde ich vor lauter Aufregung nicht sehen und in den Gästen des Kaffeehauses doch immer wieder nur das Gesicht von Vinzenz entdecken. Jetzt wird er schon erstarrt sein und kühl wie mein Keller. Vor einem Schuhgeschäft fällt mir sein verlorener Budapester ein, und Kristina. Hartnäckig, wie meine Frau ist, wird sie darauf bestehen, dass ich sie anziehe, die schönen neuen Schuhe. Dabei werden sie gemeinsam mit Vinzenz vermodern. Kein Mensch kann von mir verlangen, die Schuhe eines Toten zu tragen.

*

Die Verkäuferin ist nicht so freundlich wie meine Waffenhändler, aber ich schikaniere sie auch schon seit einer Stunde, immer mit Blick hinaus, ob es auch schon dunkel genug ist. Endlich entscheide ich mich für jene Budapester, die nach meinem Urteil den Schuhen von Vinzenz am ähnlichsten sind. Kristina wird sie demnächst an mir bewundern und ihre Freude mit mir haben, selbst wenn wir uns über meinen verschwundenen Freund Vinzenz unterhalten sollten. Und ich bin zufrieden, weil es mir gelungen ist, den ersten Kreis im großen Spiel um Täuschung und Verbrechen zu schließen.

*

Endlich ist es so weit. Zwar sind die Plätze um den Stephansdom noch immer voller Leben, aber im Haus von Vinzenz herrscht Dunkelheit, und die Mieter rundum haben sich in die Wohnungen zurückgezogen. So weit ich es erkennen kann, sieht mich kein Mensch auf dem Weg über den Lift ins Dachgeschoss. Ich verzichte darauf, das Flurlicht anzudrehen, Schloss und Schlüssel ertaste ich trotz Handschuhen mühelos. Aus einer entfernten Nachbartür höre ich Musik, aber niemand kümmert sich um mich. Ich könnte ja Vinzenz sein. Oder Tiffany, die ihn besucht. Trotzdem wage ich es nicht, im Wohnzimmer meines verstorbenen Freundes eine der vielen Lampen einzuschalten. Das ist auch nicht notwendig, denn durch die großen Fenster und die verglaste Decke schimmert genug Licht vom abendlichen Himmel. Die Tragtasche mit den Budapestern wird in den Vorraum gestellt, und die Brille meines Vaters abgenommen. Schon nach kurzer Zeit haben sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt, und ich sehe die Hinterlassenschaft von Vinzenz.

Noch vor wenigen Monaten, bei meinem ersten Besuch, war sein kleines Penthouse sauber und aufgeräumt, eben für Tiffany vorbereitet. Jetzt sieht es aus wie Vinzenz. Es ist kaum möglich, einen Platz ohne herumliegendes Zeug und fallengelassener Schmutzwäsche zu entdecken, fast bei jedem Schritt trete ich auf verstreute Chips und Kronenkorken. Tiffany hat hier natürlich nichts eingerichtet, nicht einmal den Tisch nach ihrem Geschmack gedeckt. Er ist vollgeräumt mit Zeitungen, ungeöffneten Briefen und leeren Flaschen. Auf dem Boden glänzen Splitter, und ich glaube, dass Vinzenz nicht mehr aus Gläsern getrunken hat, vielleicht heute seit längerer Zeit wieder, und das zum letzten Mal.

An dieser Stätte eines aus dem Tritt gekommenen Menschen fehlt nur noch ein letztes Zeugnis für sein Verschwinden. Ein langer Abschiedsbrief wäre unglaubwürdig und Herrn Wolf nicht mehr zuzutrauen. Zwei Zeilen genügen. Ich will nicht mehr. Adieu. Das Rundum beweist die Wahrhaftigkeit dieses Stücks Papier. Ich ordne alles an, wie ausgedacht. Der Bleistift macht mir sogar den Gefallen, vom Tisch zu rollen und zwischen den zerbrochenen Gläsern zu landen. Alles fügt sich ineinander, die Räder meines Meisterwerks können zu laufen beginnen. Wer wird hier noch nach fremden Fingerabdrücken suchen oder sich die Mühe machen, meine DNA zu sichern? Wozu? Nichts weist auf ein Verbrechen hin.

Allerdings kommt auch schnell Sand in mein Getriebe. Wer soll die letzte Botschaft von Vinzenz entdecken? Ich habe mich beeilt, einer Putzfrau zuvorzukommen, aber dieses Penthouse wurde wahrscheinlich nie von einer Frau mit Staubtuch und Wasserkübel betreten. Tiffany hat keine Schlüssel, um hier doch noch aufzutauchen, und die Nachbarn werden nichts unternehmen, da sie keinen Leichengeruch wahrnehmen.

Vinzenz hat auch ihr geschrieben. Frau Fanny Bruckner steht auf dem Kuvert, und ein Postfach im 3. Bezirk. Er ist nicht mehr dazugekommen, den Brief abzuschicken, aber auch der Umschlag ist noch offen. Wollte er seinen Zeilen etwas hinzufügen oder bereits Geschriebenes streichen? Wenn seine Nachricht an Tiffany von Lebenslust sprüht, wird sein Adieu jede Glaubwürdigkeit verlieren. Außerdem sollte nicht auch sie in die ganze Angelegenheit hineingezogen werden. Deswegen kann es nur richtig sein, wenn ich dieses Stück an mich nehme. Eigentlich ist es nur ein Tausch, Papier gegen Papier. Obwohl ich weiß, wie unsinnig mein Handeln ist. Denn um sämtliche Stolpersteine auf meinem ausgedachten Weg zu finden, müsste ich die ganze Wohnung durchwühlen.

Trotzdem sehe ich im Badezimmer nach, um eine andere Gewissheit zu bekommen. War sie hier oder nicht? Aber von Tiffany gibt es weder auf den Konsolen noch in den Schränken eine Spur, dafür erinnert mich die blutige Zahnbürste von Vinzenz an den heutigen Nachmittag. Bis jetzt habe ich keine Ahnung, warum er zu mir gekommen ist, aber er schien auf der Flucht zu sein. Oder war es die Zerfahrenheit des Alkoholikers? Auf jeden Fall dürfte er von keinem meiner Nachbarn gesehen worden sein, und das ist wiederum günstig für mich und meine Pläne.

Auf dem leeren Bücherbord im großen Zimmer finde ich ihn dann doch. Den Beweis für Tiffany. Wenigstens einmal muss sie hier gewesen sein. Ein ganzes Bündel von Bidis leuchtet mir entgegen. Ich zögere keinen Augenblick, es an mich zu nehmen. Zurückgeben kann ich es ihr allerdings nicht, denn für mich ist es jetzt schon höchstes Gebot, meine Liebste aus all diesen Ereignissen herauszuhalten. Vor allem muss ich jetzt einen klaren Kopf zu behalten.

Der Motorradlärm aus einer der Gassen unter mir ist wahrscheinlich Zufall. Trotzdem beunruhigt mich das Gedröhn, denn es entfernt sich und kommt zurück. Es umkreist mich. Ein zweites Mal, und wieder. Es kann keinen Zweifel mehr geben. Sigurd Fürst belauert das Haus am Stephansplatz. Dabei ist weder Tiffany hier noch gar Vinzenz. Dieser Verrückte treibt mich in die Enge. Sigurd Fürst ist imstande, die Nacht durchzufahren und mich zum Gefangenen im Penthouse zu machen. Mit aller Vorsicht öffne ich die Tür zur Terrasse, aber ich komme gar nicht dazu, einen Blick nach unten zu werfen. Etwas Lebendiges drückt sich an meine Beine, mein Freund hat sie mir verschwiegen, er hat die Katze mit keinem Wort erwähnt. Entweder weil ihm die Kugel aus meiner Margolin zuvorgekommen ist, oder aus Scham über seine Einsamkeit.

Tatsache ist, das Tier ist hier noch gefangener als ich. Rundum nichts als hohe Wände und glatte Dächer. Um zu entkommen, müsste sich die Katze in die Tiefe stürzen. Solche Wesen stellen vieles an, doch das tun sie nie, selbst nicht in der größten Not. Deswegen war es auch von Vinzenz keineswegs leichtsinnig, sie auf der Terrasse an der frischen Luft, in der Sonne des heutigen Tages zu lassen. Aber seine Tierliebe schafft mir jetzt ein nahezu unlösbares Problem. Die Katze muss weg von hier, denn er hätte sie vor seinem Selbstmord freigelassen, jemandem geschenkt oder doch in ein Tierheim gebracht. Oder getötet, niemals aber verdursten und verhungern lassen.

Ich hebe die Katze auf und wage mich sogar an das Geländer, denn das Motorrad entfernt sich nun hin zur Ringstraße. In gerader Linie tief unter mir sehe ich eines der selten gewordenen Kopfsteinpflaster, und die Blutgasse ist berühmt dafür, nicht nur wegen des Mozarthauses an ihrem Ende. Doch jetzt ist nicht die Zeit für romantische Gefühle, gilt es doch, einen Platz für das Geschöpf in meinen Armen zu finden. Wie soll ich es schaffen? Aber wahrscheinlich mache ich mir wieder einmal zu viele Gedanken. Um die Katze kaum weniger als um den Menschen Vinzenz. Ich muss nur einen Zug nach dem anderen machen, mit kleinen Schritten lassen sich die höchsten Berge besteigen und alle Tiefen überwinden. Das Tier ist zutraulich, von Vinzenz verwöhnt, es wird sich nicht wehren, sich nicht sträuben wie andere Katzen

Eine große Hilfe könnte ihr gewohnter Liegeplatz auf der Terrasse sein, eine kleine Katzenhütte, die sich am Henkel durchaus bequem heben und halten lässt. Das Tier schlüpft auch sofort hinein, scheint sogar das Schaukeln beim Tragen zu lieben, und ich atme auf, dass ich die beklemmende Höhe verlassen kann. Ich taste mich durch das Halbdunkel zur Wohnungstür und lausche. Aus dem Stiegenhaus ist nichts zu hören, sodass ich ohne Sorge das Penthouse abschließen kann. Für immer. Vinzenz, die Katze und ich, wir drei werden es nie wieder betreten. Auch zu ebener Erde habe ich das Glück des Verbrechers. Niemand ist zu sehen. Dennoch sind meine ersten Schritte auf die Straße voller Vorsicht, denn es könnte ja auch sein, dass Sigurd Fürst an einer Ecke wartet.

Vom Standpunkt des perfekten Handelns aus wäre es natürlich falsch gewesen, ihren Schlüssel im Penthouse zu lassen und die Tür nur zuzuschlagen. Fragen hätten sich ergeben, und eine unbedachte Äußerung von Tiffany würde genügen, die Meute auf mich zu hetzen. So aber kommt ein Anfangsverdacht erst gar nicht auf, und ich kann das Penthouse als erledigt betrachten. Nur den Schlüssel muss ich auf meinem nächtlichen Spaziergang dauerhaft unauffindbar machen. Ich kann ihn nicht einfach durch einen Kanaldeckel in die Tiefe fallen lassen, wo ihn früher oder später ein Reinigungstrupp finden würde. Werfe ich ihn in einen Park, bringen ihn spielende Kinder ihrer Mutter, auch Teiche bedeuten keine Sicherheit, höchstens Flüsse, die so tief sind wie die Donau. In dieser Phase eines Verbrechens passieren die meisten Fehler, Pistolen und Messer, in die nächstgelegenen Mülltonnen und Papierkörbe geworfen, werden selbstverständlich leicht entdeckt.

Mein Plan aber ist ein anderer. Boris Makarowitsch verdeckt, ich dagegen verwandle. Daher steige ich jetzt auch in ein Taxi und hoffe, dass die Katze so artig bleibt wie bisher. Obwohl es sogar hilfreich sein könnte, mit ihr gesehen zu werden. Für eine Lüge, die vollkommen glaubwürdig klingt. Mein Freund Vinzenz habe mir die Katze heute Nachmittag gebracht und mich gebeten, auf sie aufzupassen. Da er aber nicht wieder gekommen sei, wollte ich ihm das arme Tier zurückzubringen. Vergebens, wie man sieht, und so nehme ich die Katze wieder mit nach Hause. Ob man sich wohl Sorgen um meinen alten Freund machen solle?

Die Geschichte gefällt mir so gut, dass ich dafür einen Zeugen haben will. Taxifahrer sind in dieser Hinsicht am verlässlichsten. In der Pötzleinsdorfer Straße gelingt es mir endlich, das Tier an meiner Seite zum Miauen zu bringen. Vorm Aussteigen erkläre ich die ganze Angelegenheit und bringe meinen Chauffeur sogar so weit, die Katze zu streicheln. Er wird sich an mich erinnern können. Ich stelle fest, auch die Katze ist ein Geschenk des Schicksals für mich. Ein lebendiger Beweis für das sonderbare Verhalten von Vinzenz und sein Verschwinden. Jetzt ist es möglich, das zutrauliche Geschöpf in ein Tierheim zu bringen oder sogar Max zu schenken. Und noch etwas Gutes entdecke ich an meiner Gartentür: Ich war unlängst erfolgreich, ich habe getroffen, die Leuchte vor dem Haus Redtenbacher wird für die nächste Zeit finster bleiben.

*

Auch wenn ich weiß, dass nichts passiert sein kann, gehe ich als Erstes in den Keller. Vinzenz ist weder davongelaufen, noch hat jemand seine Leiche gestohlen, sie bleibt mir überlassen. Ich bin zu betäubt von den heutigen Ereignissen, um mir den morgigen Tag seiner Bestattung in allen Abläufen genau vorstellen zu können. Aber auch Euphorie ist in mir. Denn was immer ich in den Stunden nach dem tragischen Ereignis unternommen habe, es ist mir gelungen. Tränen und Trauende gibt es hier nicht. Auch die Katze schlüpft nur kurz unter die Plane zu Vinzenz, und sie kommt ohne Verwirrung zurück. Sie sieht mich an, bestimmt aber nur, weil sie Hunger hat. Dennoch ist sie eine Zeugin, die einzige. Ich muss nur achtgeben, dass sie in den nächsten Tagen nicht ihr Herrchen zu suchen anfängt und mit ihrer feinen Nase bis an seine Gruft vordringt, im hintersten Gewölbe, dort, wo er für immer verschwunden bleiben wird. Aber ich denke, für das Raubtier sind lebende Wesen interessanter, und Mäuse und Ratten gibt es hier mehr als genug.

 

Ich habe nicht schlechter geschlafen als sonst. Aber anstelle von Vinzenz kam seine Katze in meinen Träumen vor. Immer wieder. In meiner letzten nächtlichen Reise bin ich selbst zu diesem vierbeinigen Wesen geworden. Ich weiß nicht mehr, wie ich als Katze aus dem Penthouse gekommen bin, auf jeden Fall aber stand ich plötzlich auf holprigem Boden, zwischen unendlich hohen Mauern und umgeben von Menschen. Keiner von ihnen bemerkte mich, nicht einmal als ich versuchte, zwischen ihren Beine hindurchzulaufen. Das Kopfsteinpflaster der Blutgasse war sandig und hart, meine Flucht eingeengt durch Wände. Sogar Fahrräder und Autoreifen kamen mir in die Quere, wobei mir am bedrohlichsten die Gitter zu den Kanälen erschienen. Als Katze streunte ich dahin und betrachtete die Welt von unten, doch die Augen waren meine, mit all ihren verschwommenen Gebilden an Häusern und Menschen. Die Angst vor Sigurd Fürst war immer dabei. Die Wodkaflasche mit dem Büffeltier entdeckte ich ein weiteres Mal und fing gleich zu zittern an. Wenigstens wachte ich rechtzeitig auf, bevor der Pflastersteinmörder ein herumstreunendes Haustier erschlagen konnte.

Es hat mich nach dieser Nacht einige Mühe gekostet, mich wieder in Ordnung zu bringen. Die morgendlichen Rituale waren dabei wie immer eine große Hilfe. Jetzt gelingt mir schon ein Handgriff nach dem anderen. Die Katze bekommt aufgeschnittenen Schinken und Fisch aus einer Dose. Sie fühlt sich schon wie zu Hause und wird am Begräbnistag ihres einstigen Herrn mein Zimmer weiter erkunden. Begonnen hat sie bereits damit, und zu meiner Erleichterung bringt sie weder meine Papiere durcheinander, noch lässt sie Figuren aus Porzellan zu Boden stürzen. Dabei springt sie auf Schränke und Regale, streckt sich sogar vom Sims über dem Kamin weit nach oben, um meine Radierungen und Bilder zu betrachten. Ich verabschiede mich von ihr mit Worten wie für einen Menschen, bevor ich das Zimmer abschließe und alle anderen Türen versperre.

Heute werde ich auf eine harte Probe gestellt. Nur wenige Menschen bestatten einen Verstorbenen mit eigenen Händen. Bis zur Grabesstelle ist es ein weiter Weg, davor habe ich mehr Angst als vor dem hintersten Gewölbe. Denn die Stiege in den Keller ist steil, und ich möchte nicht, dass Vinzenz oder mir etwas geschieht. Durch sein Hungern im Liebeswahn ist er leicht geworden. Auch die Leichenstarre hat mein Freund verloren, er lässt sich ohne große Widerstände über den Boden ziehen, Beine voran. Allerdings hat sich auf seinem Liegeplatz ein Fleck gebildet. Aus meiner Richtererfahrung weiß ich, dass mir diese verlorenen Säfte noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten können. Die letzten Grüße eines Toten haben nicht wenige meiner Angeklagten zu Fall gebracht, auch noch Jahre nach der Tat. Am gefährlichsten aber sind diese Spuren in den ersten Tagen und Wochen, weil die Mörder verstohlene Blicke auf sie werfen oder sogar einen großen Bogen um sie machen. Es scheint keinen zu geben, der es schafft, unbekümmert auf solche Hinterlassenschaften zu treten.

Die Stiege ist, wie erwartet, die größte Hürde auf dem Weg zur Unterwelt. Ich habe mich entschlossen, voranzugehen, statt Vinzenz an den Beinen zu nehmen. Sein Kopf würde auf die Stufen schlagen und wie eine Kokosnuss zerplatzen. Ich umschlinge seinen Oberkörper und steige rücklings das erste Stück hinunter. Doch Vinzenz scheint sein ganzes übriggebliebenes Gewicht dafür einzusetzen, mich in die Tiefe stürzen zu lassen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die Stiege zu setzen. Mit Vinzenz im Rücken rutsche ich Stufe für Stufe abwärts, es sind jeweils nur Zentimeter, die wir vorankommen. Manchmal schiebt er nach, dann wieder muss ich ihn ziehen. Doch für eine Umkehr ist es zu spät. Ich müsste über ihn steigen, um nach oben zu gelangen, und wüsste mir erst recht keinen Rat. Vollkommen undenkbar ist es, die Leiche in eine andere Lage zu bringen, Vinzenz umzudrehen, um eine günstigere Gewichtsverteilung herzustellen. Er scheint auch immer schwerer zu werden, aber das liegt vielleicht an mir, weil mich langsam die Erschöpfung packt.

Langsam werde ich wütend auf meinen alten Freund, wie einfach wäre es gewesen, hätte er sich unten im Keller erschießen lassen. Meine Hose ist schon ganz zerfetzt, meine Hände fangen an zu bluten, und ich bin nahe daran, Vinzenz in die Tiefe rutschen zu lassen. Ohne Leichenstarre würde er sich jetzt allerdings verbiegen und ins Rollen kommen, oder er würde sich querlegen und zwischen den Wänden verkanten. Ihn dann losreißen zu müssen, hieße, für Jahrtausende meine DNA an den Ziegeln zu hinterlassen, aber auch sichtbare Spuren und Schrammen im Stiegenaufgang, an denen ich nie wieder unbekümmert vorbeigehen könnte. Deswegen rücke ich von meiner Schwerarbeit nicht ab und nehme weiter den unendlich mühsamen Weg in den Untergrund.

*

Wir haben es geschafft. Am Ende der Stiege lehnen Vinzenz und ich Rücken an Rücken. Zuletzt musste er mich noch quälen, indem er doch ins Rutschen gekommen ist. Hinter mir hat er sich aufgebäumt, mich fast erdrückt, mir Schmerzen zugefügt, die er selbst alle nicht mehr erleiden muss. Aber dafür sind wir endlich hier, auf dem sandigen Boden des ersten Gewölbes, und jetzt haben wir nur noch Ebenen vor uns. Sollte ich jemals einen Mord begehen, ich würde vorher an die Beseitigung der Leiche denken. Ich werde für eine derartige Tortur nicht mehr zur Verfügung stehen, sondern sie anderen überlassen. Am besten ist es wohl, man geht hin, schießt und verschwindet. Mühelos und sauber. Es war auch falsch, dass ich sein Gesicht unverhüllt ließ. Ich hätte Vinzenz eine Kapuze oder wenigstens eine Haube überziehen müssen, um nicht immer wieder diesem Anblick ausgesetzt zu sein. So aber kann ich mir nur helfen, indem ich in sein schütteres Haar greife und seinen Kopf zur Seite drehe. Unser Anblick muss schrecklich sein. Ein Lebender im Handgemenge mit einem Toten.

Bevor ich Vinzenz in die nächsten Gewölbe schleifen kann, muss ich auch noch kehren. Der Boden ist übersät von den Glassplittern meiner Schießübungen auf Flaschen, und der Körper meines Freundes würde aufgerissen werden und Blut hinterlassen. Seine Katze wäre kaum abzuhalten, dem Geruch bis in den letzten Keller zu folgen. Vierbeinige Geschöpfe sind wie geschaffen dafür, versteckte Opfer zu entdecken und Täter zu verraten. Katzen stehen außerdem im Ruf, Kannibalen zu sein, soll sich doch schon so manche an ihrem verstorbenen Herrn vergriffen haben. Dieses Schicksal werde ich Vinzenz ersparen. Die Aufgabe des Skelettierens werden hier im Keller die Nagetiere übernehmen. Nach meinen Richtererfahrungen werden von Vinzenz schon im Sommer nur noch Knochen übrig sein. Ohne Weichteile aber kann ein gewaltsamer Tod nicht mehr bewiesen werden, vorausgesetzt natürlich, die Kugel ist in das Gehirn von Vinzenz gelangt, ohne seinen Schädel zu verletzen.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mit meinem Beruf einmal so viel werde anfangen können. Der Fall Vinzenz Wolf ist für mich wie ein Mosaik, für das ich dank meiner langjährigen Erfahrung Baustein um Baustein zusammenfüge. Meine Angeklagten haben zahllose Fehler gemacht, ich habe daraus gelernt und weiß nun, sie zu vermeiden. Mit meinem Wissen bin ich allen meinen Verfolgern einen Schritt voraus und sogar in der Lage, einen Menschen samt Todesschuss zum Verschwinden zu bringen. Sollte Vinzenz einmal gefunden werden, dann lange nach meiner Zeit, wenn auch ich nur noch aus Knochen bestehe.

Ich werde heute noch tüchtig kehren müssen, um sämtliche Verdacht erregende Hinweise zu verwischen. Man kann zwar eine Bluttat mit viel Mühe und kaltblütiger Raffinesse ungeschehen machen, doch im Gedächtnis bleibt sie erhalten. Es sei denn, der Täter wird verrückt, oder er hat die Gnade, ein paar Tage aus seinem Leben vollkommen zu vergessen. Diese Hoffnung habe ich für mich nicht, und ein schwarzes Loch in meiner Vergangenheit wäre mir auch gar nicht recht.

Wir sind am Ziel, im letzten Gewölbe. Erst mit Vinzenz komme ich wieder an einen Ort, der mir als Kind verboten war. Wahrscheinlich hatte mein Vater nur Angst, ich könnte mir hier den infektiösen Biss einer Ratte zuziehen und noch mehr Kümmernisse als ohnehin schon machen. Als Erbe der ganzen Pracht habe ich mich damit begnügt, vor ein paar Jahren einige Ziegelsteine aus der hintersten Wand zu brechen und den Luftzug zu spüren. Ich weiß, dass es dahinter in die Tiefe geht, doch nicht glatt wie bei einem Brunnen, sondern mit halb eingestürzten Mauern und Verschüttungen. Selbst mit einer Taschenlampe sind nur Schutt und ein paar Holzbalken auszumachen, allerdings so weit entfernt, dass man eine Leiter verwenden müsste, um zu ihnen zu gelangen. Für Vinzenz ist diese Höhle wie geschaffen. Aber das Loch in der Mauer ist noch zu klein, um ihn durchschieben zu können.

Ich muss zurück in den obersten Keller, um Stemmeisen und Hammer zu holen. Aber auch, um mich zu beruhigen. Alles ist in bester Ordnung. Niemand sitzt in meinem Stuhl am Gartentisch, Kristina stöckelt nicht herum, und von Max wird die nächste Zeit ohnehin nichts zu sehen sein. Die Katze hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht und auch schon brav gefressen. Morgen wird Dosenfutter gekauft, ja, ich werde sogar ein Papierknäuel an einen Faden binden, um mit meiner neuen Mitbewohnerin zu spielen. Doch jetzt hat sie hier zu bleiben, denn kaum etwas wäre verhängnisvoller, als eine in die Grabkammer eingemauerte Katze. Auch die Kassette der Margolin ist nach wie vor in ihrem neuen Versteck. Im Kamin ist sie bestens behütet und doch griffbereit. Kein Mensch macht Feuer außer mir, und auch das nur höchst selten, es sei denn, ich will wieder einige meiner Zeichnungen vernichten.

Ich breche einen Ziegelstein nach dem anderen aus der Wand, zerstöre das Werk meines Vaters. Nur zu gut erinnere ich mich an die Tage vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ich muss etwa so alt wie Max gewesen sein, auf jeden Fall ging ich noch nicht zur Schule. Im Haus gab es Aufregung und Unruhe, doch über die Gründe wurde nicht gesprochen, und ich konnte sie bis heute nicht erfahren. Vielleicht waren meine Eltern in Streit geraten und wollten sich scheiden lassen, die Villa aufteilen und verkaufen, oder man befürchtete einen neuen Krieg und dachte an fallende Bomben und den Segen unserer Gewölbe als Luftschutzraum. Jedenfalls durfte ich zusehen, wie mein Vater Zement mit Sand und Wasser vermischte, um eine gefährliche Stelle im Keller auszubessern. Man könne dort in die Tiefe fallen und für immer verschwinden, aber davor würde er mich bewahren, so wie er ohnehin alles für die Familie tue.

Und er hat beste Arbeit geleistet, als sei sie für die Ewigkeit. Sein Beton ist hart wie Stein, ich muss sogar einige der Ziegel zerschlagen, um das Loch für Vinzenz groß genug zu machen. Die Wolke roten Staubs macht mir das Atmen schwer, aber es gibt kein Zurück. Wie ein Bildhauer arbeite ich an meinem Werk, dabei werde ich am Ende nur einen Zugang geschaffen haben. Allerdings zur Grabkammer meines Freundes, der vielleicht doch keiner war. Meine Schläge auf das Stemmeisen gelten auch ihm, der von der Schuld des Pflastersteinmörders schon länger wusste und mir auch Tiffany wegnehmen wollte.

Doch im Augenblick gilt es wichtigere Dinge zu bedenken. Ein kurzer Griff in die Jackentasche von Vinzenz würde genügen, und ich könnte seine Geldtasche an mich nehmen. Er wäre nur noch irgendein Mensch, ohne Herkunft und Adresse, sogar seines Namens beraubt. Aber dann lasse ich es bleiben. Ein Schlüssel ist noch leicht zu vernichten, sein Ausweis und die vielen Kreditkarten würden mich nur vor neue Probleme stellen. Für mich ändert sich nichts. Wenn Vinzenz zu meinen Lebzeiten entdeckt wird, ist ohnehin alles zu Ende, egal ob der Mensch unbekannt bleibt oder Herr Wolf geheißen hat. Wer einen Toten im Keller verbirgt, darf von seinem Leben nichts mehr erwarten.

Die schwere körperliche Arbeit vertreibt sogar die Angst vor dem Gefängnis. Schon beim Ausheben des Grabes für Moritz hatte ich das Gefühl, damit genug gesühnt zu haben, und so ist auch der heutige Tag für mich Strafe genug. Noch dazu für eine Tat, die nicht ich begangen habe. Immer wieder muss ich mir vor Augen halten, dass ich am Tod von Vinzenz unschuldig bin. Dennoch gelingt mir das nicht zur Gänze, denn zu oft habe ich mir sein Ende gewünscht, in meiner Vorstellung auf ihn gezielt und abgedrückt. Max ist mir nur zuvorgekommen. Er hat mich davor bewahrt, zum Mörder zu werden. Da ist es doch nur angebracht, wenn ich ihn jetzt von all den Folgen für sein unschuldiges Tun befreie. Ich muss nur alles schnell hinter mich bringen, bevor mir andere Gedanken kommen. Das Loch in der Wand ist groß genug, und ich bleibe auch bei meiner Entscheidung, nicht in der Jacke von Vinzenz zu wühlen. Wo könnte ich auch seine Geldtasche besser verschwinden lassen als in der von mir geöffneten Gruft.

Ich beginne die Leiche durch die Mauer zu schieben. Ohne Tränen, auch Abschiedsrede wird keine gehalten. Die Ziegelränder beschäftigen mich genug, da ihre Schärfe reicht, um den Körper von Vinzenz aufzureißen. Ich muss ihn anheben, wenn ich ihn einigermaßen heil in das Verlies bringen will. Dann aber kommt es doch zu dem großen Augenblick, den ich schon gestern vor mir hatte und auch heute kaum erwarten konnte. Vinzenz verliert endlich das Gleichgewicht und kippt in die Tiefe. Ich höre, wie er an die Wände seines Grabes schlägt, etwas Sprödes und offenbar Hölzernes durchbricht und endlich aufschlägt. Zu meiner Erleichterung ist kein Geräusch von Wasser zu vernehmen, denn das Versinken in einen Brunnen könnte seine Verwesung unendlich in die Länge ziehen. So aber ist er zugänglich für Ratten und Mäuse. Auch das Leder seiner Geldtasche und Schuhe werden die gierigen Biester nicht verachten, eines wird sich allerdings wohl an einem Hohlspitzgeschoss verschlucken.

Fast hätte ich das vergessen. Sein zweiter Schuh. Er liegt im obersten Keller. Bei üblichen Begräbnissen gibt es eine Schaufel Erde auf den Sarg, Vinzenz wird gleich einen handgenähten Budapester zum Abschied nachgeworfen bekommen. Aber auf dem Weg zurück in das Totenreich wird mir heiß und kalt, und meine Gedanken überstürzen sich, kämpfen mit einer Erinnerung, die ich am liebsten gleich wieder in die Finsternis zurückstoßen würde. Doch sie setzt sich durch und wird immer mächtiger. Die ungeduldige Verkäuferin fällt mir ein, die endlose Reihe anprobierter Schuhe, und wie ich mit einem Paar Budapester das Geschäft am Kohlmarkt verlassen habe. Im Penthouse gab es dann eine Fülle von notwendigen Handgriffen zu erledigen. Die Katze habe ich mitgenommen, in einer kleinen und leicht zu transportierenden Hütte, und dabei die Tragtasche mit meinen eleganten Schuhen zurückgelassen.

Ich müsste kein Richter sein, um die Kette der kommenden Ereignisse nicht innerhalb weniger Augenblicke vor mir zu sehen. Man wird die neuen Budapester samt Rechnung finden und hellhörig werden. Ein Mensch will verschwinden oder sogar seinem Leben eine Ende setzen und kauft noch für eine Zukunft ein, an die er nicht mehr glaubt? Kriminalbeamte werden das Geschäft am Kohlmarkt besuchen. Anhand der Quittung ist die Verkäuferin schnell gefunden. Es wird über Vinzenz Wolf gesprochen, über sein Verhalten am gestrigen Tag, und ob an ihm Auffälligkeiten zu entdecken waren, eine Verzweiflung oder sogar so etwas wie eine Abschiedsstimmung. Die Dame kann sich natürlich bestens an den nervtötenden Kunden erinnern, habe er sie doch bis aufs Blut sekkiert. Auch seine ständigen Blicke hinaus auf die Straße fallen ihr ein, und das volle Haar des Herrn.

Man wird ihr ein Bild von Vinzenz zeigen. Sie wird den Kopf schütteln und den lästigen Käufer der teuren Schuhe bis ins Kleinste beschreiben. Die blauen Augen, die Brille meines Vaters, das ganze Gesicht, die Statur. Sie würde mich bei jeder Gegenüberstellung erkennen, aber auch schon vorher, auf Fotos von Vinzenz und mir. Innerhalb weniger Tage oder auch Stunden wäre ich gefunden.

Ich habe mir mit diesen verfluchten Budapestern mein Grab geschaufelt. Noch warten sie im Penthouse auf ihre Entdeckung, aber auch nur dann, wenn man dem Verschwinden von Vinzenz nicht schon nachgegangen ist. Mein Wettlauf beginnt von Neuem. Ich werde den Häschern zuvorkommen müssen. Doch meine Zeichen stehen so schlecht wie noch nie. Gestern bin ich noch mit einem Schlüssel ins Penthouse gekommen, heute ist mir dieser Weg versperrt, denn das Stück Metall liegt plattgewalzt neben Straßenbahnschienen auf der Ringstraße.

Einen Schlüssel gibt es allerdings noch. In der Jacke von Vinzenz. Oder trägt er ihn in seiner Hosentasche? Der Abstieg in seine Gruft ist der einzige Ausweg. Oder ich nehme in Kauf, schon in wenigen Tagen ins Gefängnis zu gehen. Mit ungleich schlechteren Voraussetzungen als jemals zuvor. Gestern hatte ich die Leiche noch im Garten, heute im Keller, und ich selbst habe sie dorthin gebracht. Keine noch so rücksichtsvolle Hausdurchsuchung könnte sie übersehen. Ein Paar Budapester machen mich mehr als verdächtig, meine Fingerabdrücke im Penthouse geben mir den Rest.

Ich werde es tun müssen. Vinzenz zu töten wäre mir leichter gefallen, als jetzt zu ihm hinabzusteigen. Krieche ich durch das Loch in der Ziegelmauer, steht mir das Gleiche wie ihm bevor, ein Sturz in die Tiefe. Seite an Seite würden wir verfaulen, ich allerdings hätte die Bisse der Ratten bei lebendigem Leib zu ertragen. Es wird mir etwas einfallen müssen, um wieder heil seiner Gruft zu entsteigen, mit dem Schlüssel zum Penthouse in der Hand. Schon jetzt weiß ich, er ist kostbarer als Gold, für meine Zukunft wichtiger als alles andere auf dieser Welt.

 

Als Erstes heißt es, Licht in die Gruft zu bringen. Sollte sie tief wie ein Brunnen sein, würde ich ein Seil brauchen, um zu Vinzenz hinabzusteigen. Undenkbar für mich, der schon in den Turnstunden des Gymnasiums auf Reck und Barren gescheitert ist. Ich kann nur hoffen, dass das Gewölbe nicht allzu tief ist. Ich lege den einzelnen Schuh auf den Tisch im Keller und laufe hinauf in mein Zimmer. Mit der Taschenlampe in der Hand hetze ich die steile Stiege wieder zurück, und nur mit Glück konnte ich ein Stolpern verhindern. Beinahe hätte Vinzenz mich noch nach seinem Tod umgebracht. Und in ein paar Tagen, nachdem sie uns gefunden hätten, würden sie mich zu einem Mörder machen und den Fall wegen der Schuhe zum Budapester Drama. Dann wäre endlich nicht nur mein Vater im Kriminalmuseum, sondern auch ich, mit drei handgefertigten und ledernen Objekten als Ausstellungsstücken.

Ich stecke meinen Kopf in das Loch in der Mauer und komme mir schon vor wie in der Guillotine. Vinzenz liegt natürlich nicht zum Greifen nah, aber doch nur in einer Tiefe von wenigen Metern. Eine solche Höhe in den Abgrund muss zu schaffen sein, und ich habe auch schon eine Vorstellung, wie ich sie überwinden kann. Not macht nicht nur erfinderisch, sie lässt einen sogar Angst und Bedenken vergessen. Jetzt ist die Leiter meines Vaters an der Reihe. Schon beim Durchqueren des obersten Kellers nehme ich die Säge an mich, denn natürlich ist das hölzerne Ding für mein Vorhaben viel zu lang. Ich käme damit nicht einmal über die Kellerstiege, und unten bei Vinzenz genügt mir ja ein Stück davon, nur doppelt so hoch wie ein Mensch.

Ich säge an der Brandstätte des Geräteschuppens, bin mit den Gedanken aber schon bei Vinzenz. Ich glaube mich erinnern zu können, dass er seine Schlüssel in der linken Jackentasche trägt und nicht in der Hose, was mir höchst unangenehm wäre. Zu seinen Lebzeiten habe ich ihn nie mehr berührt, als dass ich seine Hand geschüttelt oder sie auf meiner Schulter gespürt hätte. Das ja, nicht nur einmal hat er mich von oben herab wie einen Hund getätschelt, bald aber wird er wieder dort liegen, wo er hingehört, mir zu Füßen.

Es war nicht schwierig, das ausgetrocknete und an manchen Stellen schon morsche Holz zu durchschneiden. Aber die Sprossen sitzen fest, sie werden mich tragen. Außerdem ist sie leicht, ein weiteres Steinchen in meinem Mosaik, das sich allerdings zunehmend vergrößert. Aber nach wie vor bin ich der Gestalter des Bildes, das mir vielleicht einmal wie ein Fresko in einer Kirche vorkommen wird. Am meisten freut mich, dass ich immer besser werde. Ich mache Fortschritte. Bei der Suche nach Moritz’ Hundemarke war ich noch in Panik, jetzt stelle ich mich wesentlich geschickter an. Ich habe eben aus den Erfahrungen mit der ersten Leiche gelernt, und es ist eine Genugtuung im Nachhinein, das Tier nicht umsonst erschossen zu haben. Moritz gehört in das Mosaik.

Meine Glücksträhne reißt nicht ab. Die zurechtgesägte Leiter lässt sich wunderbar durch das Loch in der Mauer schieben. Weder stößt sie an eine gegenüberliegende Wand, noch ist sie zu kurz oder zu lang. Ich habe einmal mehr das richtige Maß getroffen. Ohne Zollstock, nur meinen Schätzungen folgend. Man muss eben den Verstand mit dem Bauch verbinden. Deswegen hebe ich die Leiter noch einige Male an, um sicher zu gehen, dass sie nicht ausgerechnet auf Vinzenz zum Stehen kommt. Aber sie hat festen Boden unter sich, ich höre sogar das Knirschen von Sand auf dem Untergrund, was wiederum Gutes bedeutet. Ich werde nicht in Schlamm und Fäulnis waten müssen.

Vor mir liegt ein kleiner Berg herausgebrochener Ziegel, dahinter wölbt sich die Wand mit dem Zugang zum Totenreich. Doch ich stehe da wie festgefroren. Noch vor wenigen Augenblicken ist mir alles mühelos erschienen, nur, jetzt heißt es, einen Fluss zu überschreiten. Ich überlege noch, was alles passieren könnte. Gibt es da unten tödliche Gase? Oder ein Rattennest mit tausenden von Jungen, deren Eltern über mich herfallen würden? Auch ein Einsturz des Gemäuers ist nicht auszuschließen, genauso wenig wie ein Durchbrechen des Bodens in eine tiefer gelegene Höhle. Eigentlich müsste ich ein Seil um mich binden und hier oben befestigen, um wenigstens gegen die nächstliegenden Gefahren gesichert zu sein, doch das erinnert mich an das Hängen eines Schuldigen.

Ich öffne eine Flasche Wein und trinke ohne Glas. Ich setze ein weiteres Mal an, wie ein Soldat aus längst vergangenen Tagen, der sich mit Branntwein volllaufen ließ, um mit seinem Degen voranstürmen zu können in das kommende Gemetzel. Doch bei der Hälfte mache ich Halt und leere das teure Getränk auf den Boden. Ein Schluck zu viel, und ich gebe mich einer Betäubung hin, die mich wohl das Loch in der Mauer für eine Tür zum Himmel halten ließe. Dennoch war der Griff zur Flasche eine gute Entscheidung, weil Wärme in mir aufsteigt und Mut. Das tiefe Gewölbe hat Jahrhunderte standgehalten und wird auch jetzt nicht zum Einsturz kommen, Vinzenz war im Leben ein Ungeheuer, nun ist er nicht mehr zum Fürchten, die Kolonien von Ratten sind Ausgeburten meiner Kinderfantasien, es gibt sie nicht, weil ich weder Pfeifen noch Quietschen vernehme. Es ist still. Totenstill. Nur das dumpfe Rollen der Straßenbahn dringt herunter und lässt alle fünf Minuten ein paar Flaschen in den Regalen klirren. Ich selbst wäre allerdings auch in der größten Not von niemandem zu hören.

Ich schiebe mich wie Vinzenz mit den Beinen voran durch das Loch. Auch an mir kratzen die Bruchkanten, aber als Lebender ist es mir möglich, ihnen auszuweichen. Weder werde ich gedrückt noch gezwängt, ich habe mich selbst in der Hand. Dafür macht mir meine größere Statur zu schaffen, und ich schlage mit Kopf und Rücken nicht nur einmal gegen die scharfkantigen Ziegel. Noch bewege ich mich im Finstern. Der Boden ist wie erwartet alles andere als fest, aber ich finde Tritt auf hölzernem Gebälk.

Erst jetzt bin ich so weit, die Lampe anzudrehen. Ihr Licht zeigt mir mehr Schutthalde als Grab, und ich befinde mich inmitten einer Wolke aus Staub, den ich jetzt auch riechen kann. Mehr noch, er verschlägt mir den Atem. Lange werde ich es hier nicht aushalten können. Vinzenz liegt vollkommen verkrümmt und mit hochragenden Beinen zwischen Latten und Balken. Die Arme hält er wie zum Flug ausgestreckt, sein Kopf ist fast im rechten Winkel zur Seite gedreht. Der Sturz hierher scheint ihm auch noch das Genick gebrochen zu haben.

Seine nach unten hängende Jacke lässt das Schlimmste befürchten. Sollten die Schlüssel aus der Tasche gefallen sein, müsste ich unter Vinzenz kriechen und im Durcheinander aus herabgefallenem Mauerwerk und zersplitterndem Gehölz nach ihnen suchen, im Rattenkot wühlen. Aber wieder einmal scheint das Glück auf meiner Seite zu sein, denn schon beim ersten Griff in seine Jacke bekomme ich den Schlüsselbund zu fassen. Ich umklammere ihn wie ein rettendes Seil. Ich weiß nicht, ist es der Wein oder mein tüchtiges Handeln, jedenfalls fange ich an, fast übermütig zu werden. Ich genieße es, meine Ängste zu überwinden, denn wer kann schon von sich sagen, einem Freund in das Grab nachgestiegen zu sein.

Die Straßenbahn fährt hoch über mir hinweg, und nicht einmal ein Sandkorn hat sich von der Decke gelöst. Aber die Stille danach ist überwältigend. Nie habe ich eine größere gehört, die einzigen Geräusche kommen aus mir. Zum ersten Mal in meinem Leben vernehme ich das Pochen meines Herzens und das Strömen des Blutes. Die Luft in meiner Nase kommt mir vor wie ein um die Ecke pfeifender Wind, und ein Wenden des Kopfes lässt die Halswirbel knistern. Vielleicht ist es auch die Aufregung der letzten Tage und Stunden oder auch die Nähe eines Toten, aber nie zuvor habe ich das Innere meines Körpers lebendiger gespürt. Dieser ungewöhnliche Ort überrascht mich mit neuen Empfindungen, und ich bereue nichts. Vinzenz gehört hierher, und jede andere Entscheidung wäre klein und mutlos gewesen. Ich beginne, meine Angeklagten zu verstehen, und sogar den Reiz des Verbrechens. Man schafft sich eine neue Ordnung, auch wenn man sie nur im Verborgenen erleben darf, wie ich hier in dieser Unterwelt.

Ich höre das Ticken einer Uhr. Vinzenz war immer stolz auf seine goldene Patek Philippe, sie ist das letzte Lebendige an ihm, bevor auch sie in wenigen Stunden verstummen wird. Bei seinem Transport habe ich sie nicht beachtet, aber jetzt stehe ich vor der Enscheidung, lasse ich das teure Stück an seinem Arm oder nehme ich es an mich. Der Wert der Uhr hat für mich keine Bedeutung, denn veräußern könnte ich sie ohnehin nicht. Ich würde sie auch nicht tragen, aber dafür etwas von ihm haben. Ein Symbol des Sieges. Wie ein Skalp oder das Geweih eines erlegten Wilds. Ich brauche mich nur zu bücken und seine Hand zu nehmen. Hier dient dieses Meisterwerk der Uhrmacherkunst niemandem, auch wenn es nicht an Wert verliert und selbst in Jahrhunderten wieder aufgezogen werden kann, um die Zeit anzuzeigen. Wer wird sie finden? Am Handgelenk eines Skeletts, dessen Knochen man einsammeln und in die Gerichtsmedizin bringen wird, um die Geheimnisse des Toten zu enträtseln.

Ich habe den rettenden Schlüssel, denke ich mir dann, wozu brauche ich noch eine Uhr, die mir nur zum Verhängnis werden kann. Ich bin weder ein Grabräuber noch auf Siegestrophäen angewiesen. Die kleine Kiste rechts von mir interessiert mich jetzt schon mehr als alle protzigen Aushängeschilder eines bestechlichen Richters. Oder ist es ein Karton? Bei einem Tritt dagegen fühlt es sich nachgiebig und billig an, eben wie auf einen Müllberg geworfen. Im Schein der Taschenlampe sehe ich blecherne Verschlüsse und angenietete Ecken. Koffer wie diesen gibt es schon lange nicht mehr, und wenn er nicht dieses Gewicht hätte, würde ich ihn auch in diesem Gewölbe voller Schutt und Abfall lassen. Vielleicht sind nur Bücher drin, die neben Schallplatten zu den schwersten Sachen gehören. Aber ich nehme mich dieses Fundstücks trotzdem an, noch dazu, wo es sich durch seine handliche Größe bei meinem Aufstieg ohne anzuecken durch das Loch in den oberen Keller schieben lässt. Ich selbst klettere hinterher und bin glücklich, die wohl widerlichste Hürde der letzten Tage genommen zu haben.

*

In meinem Zimmer ist kein einziges Stück von den Regalen und Schränken gefallen, auch die Mädchenfigur aus Porzellan liegt nicht in Scherben auf dem Boden. Dafür hat die Katze neben ihr Platz genommen und sieht mir jetzt zu, wie ich den Schlüssel zum Penthouse von den anderen löse. Der ganze Bund kommt demnächst zurück ins Grab, denn ich werde weder mit dem Auto meines Freundes fahren noch seine eigene Wohnung besuchen. Aber auch die heimliche Absteige im Dachgeschoss muss noch warten, denn außerhalb meines Kellers ist der Tag noch gleißend hell, und ich gehöre ja inzwischen zu den Menschen, die manche ihrer Arbeiten nur nachts im Schutz der Dunkelheit verrichten können. Dabei brenne ich voller Unruhe, denn Vinzenz ist nunmehr seit einem vollen Tag verschwunden, und im Justizpalast wird man sich schon Gedanken machen. Oder auch nicht. Er soll ja schon öfter nicht erschienen sein, sogar die Verabredung mit mir damals hat er vergessen. Ich kann nur hoffen, dass ich heute sein Penthouse so vorfinde, wie ich es verlassen habe, mit meinen neuen Schuhen und ohne Polizei.

Der Koffer aus der Grabkammer wird mir jedenfalls die qualvolle Wartezeit verkürzen. Hat ein Bauarbeiter das Stück aus lackierter Pappe und Blech in den Abgrund geworfen oder waren es meine Eltern? Finde ich nunmehr verbotene Bücher des letzten Krieges oder doch nur hunderte Zeitschriften aus der Justiz oder über Gartenpflege? Es könnten auch alte Tierkalender sein oder die gesammelten Werke russischer Dichter. Oder ich entdecke im nächsten Augenblick in Tüchern gehüllte Weinflaschen aus der Monarchie, die wertvoller wären als die Armbanduhr von Vinzenz. Warum sollte man die wegwerfen? Vielleicht war es ein Versehen, oder der Koffer ist beim Zumauern der Wand unbemerkt in die Tiefe gerutscht.

Er lässt sich ganz leicht öffnen, ohne Schlüssel, ohne Gewalt. Auf jeden Fall hat er einem ordentlichen Menschen gehört und war wohl auch nie fürs Verrotten bestimmt. Obenauf liegt eine Zeitschrift mit der Freiheitsstatue auf dem Titelblatt. 1932. Daneben finde ich einen in ein Tuch gewickelten Wecker, aus der Steinzeit wie mir scheint, aber noch immer funktionierend, darunter eine Pfeife, ebenfalls gut geschützt. Dieses verzierte und filigrane Stück hat mit Tabak nichts zu tun, dafür mit Opium. Die unbeschriebenen Ansichtskarten zeigen, dass der Genießer der Droge schon damals in der Welt viel herumgekommen ist. Brüssel, Prag, Karlsbad, Venedig, aber auch London und New York waren offenbar Stationen in seinem Leben. Sogar die Hay Street in Perth ist dabei. Den Pariser Triumphbogen gibt es aus Bronze auf einer kleinen Marmorplatte, den Roman Quo vadis in einer Ausgabe aus längst vergangenen Tagen. Doch der Besitzer des Koffers war auch modern, das bezeugen neuere Toilettenartikel in Lederetuis und vor allem ein elektrischer Rasierapparat.

Mit jedem Griff in den Koffer erfahre ich mehr über einen Menschen, den ich nicht kenne. Ich sehe in meiner Vorstellung, wie er über Nero liest, sich kämmt oder seinen Bart stutzt, im Duden die richtige Schreibung eines Wortes nachschlägt und auf einer Ansichtskarte die Wiener Staatsoper betrachtet. Doch am überraschendsten ist ein schwarzer Kasten, kleiner als die übrigen Bücher. Er ist schwer, aus Metall und sogar für mich als eine uralte Schmalfilmkamera zu erkennen. Dafür sorgt auch das Wort Pathe, das mir schon als Kind vertraut war, meine Eltern haben sogar behauptet, es sei das erste gewesen, das ich lesen konnte, wenn auch nur zum Schein. Noch kann ich meine weiteren Erinnerungen daran nicht hervorholen und zu einem Bild zusammenfügen, und es kommt mir auch die Geschichte um Pathe wie abgerissen vor. Doch das mechanische Auge des Kofferbesitzers halte ich in der Hand, und zu meiner Verwunderung ist es einsatzbereit. Die Kamera ist noch aufgezogen, die Feder gespannt, sodass ich nur auf einen Knopf drücken muss, um sogleich das surrende Geräusch des Laufwerks zu hören.

Natürlich ist mein Tun sinnlos, denn selbst wenn ich ein Stück Film belichten sollte, ist das Material so alt, dass kein Bild mehr hervorzuholen wäre. Dennoch macht es mir Freude, durch die Kamera zu sehen und die Dinge aus dem Koffer neu zu betrachten, über die Städte auf den Ansichtskarten zu schwenken und die Habseligkeiten eines Unbekannten ins Visier zu nehmen. Ich richte mich sogar auf, erfasse durch den Sucher eine meiner Zimmerpflanzen, den Schlüsselbund von Vinzenz und nähere mich der Mädchenfigur aus Porzellan. Ich umkreise sie, ihren nackten Körper, und entdecke das Sinnliche in ihrem Gesicht. Dieses Geschenk Kristinas war mir bisher immer im Weg, jetzt fängt es an mir zu gefallen, ich kann sogar vergessen, dass es von Sebastian Grohmann kommt und vielleicht nur dazu dienen sollte, den Ehebruch vor seiner Frau Nadine zu verdecken.

Die Katze meines verstorbenen Freundes knabbert nun an meinem Fuß. Das hat sie wahrscheinlich auch bei Vinzenz getan, und er hat ihr gehorcht und sie gefüttert. Oder mit ihr gespielt. Ein Stück Schinken kann sie jetzt noch haben, alles Weitere gibt es erst morgen, wenn meine nächste, gefährlichste Hürde überwunden ist. Ich bin sogar froh, von meiner neuen Mitbewohnerin aus den Träumen gerissen worden zu sein, denn Vinzenz Wolf ist mein Mann und nicht der ehemalige Besitzer dieses Koffers. Wenn ich mich jetzt langsam auf den Weg mache, wird es dunkel genug sein, dass ich unbemerkt in das Penthouse gelangen kann. Außerdem gibt es auf der Hinfahrt noch genügend zu überlegen. Mir fehlt eine Strategie für den Fall der Fälle. Was ist zu tun, wenn man mir zuvorgekommen ist und ich schon im Lift des Hauses mit Kriminalbeamten zusammenstoße?

Ich werde nichts als ein Freund sein, der Vinzenz besuchen wollte. Aus Sorge um ihn. Zu entscheiden wäre noch, ob ich seine Katze gleich ins Spiel bringe oder auf eine passende Bemerkung warte. Auf jeden Fall muss ich schnell reagieren und trotzdem gleichzeitig alle Möglichkeiten bedenken. Einer falschen Antwort folgen in der Regel hundert Fragen. Oder meine Feinde schweigen, um mich zum Reden zu verleiten. Erfahrene Kriminalisten bekommen auf diese Weise komplette Geständnisse, und es genügen schon ein paar übereifrige Worte, damit man sich in Widersprüche verwickelt. Manche der Spürhunde verstehen überdies in den Gesichtern zu lesen, eine Fähigkeit, die auch mir bei meinen Prozessen äußerst hilfreich war. Als Richter wüsste ich mich zu verhören und zu überführen. Doch bin ich auch gut genug, um auf der Seite der Verbrecher zu bestehen?

*

Alles ist wie gestern. Der Stephansplatz im Halbdunkel, das Haus von Vinzenz, der Lift, seine Tür. An ihr ist kein Siegel der Polizei, und ich bin auch keinem Nachbar begegnet. Ich erschrecke aber zu Tode, als der Schlüssel nicht passt. Habe ich den falschen mitgenommen? Der ganze Bund von Vinzenz liegt zu Hause, auf dem Tisch, neben den Dingen aus dem Koffer. Um jetzt umzukehren und all die Wege nochmals zu machen, fehlt mir die Zeit. Schon die nächsten Menschen im Lift könnten Polizisten sein. Ich zwinge mich zur Ruhe, fingere trotzdem unbeholfen und hektisch an dem Schloss herum und verursache auch genügend verdächtige Geräusche, um auf mich aufmerksam zu machen. Bis es plötzlich doch gelingt. Wie schon gestern. Man muss den Schlüssel nur in die richtige Richtung drehen.

Ich betrete das Penthouse jetzt noch fahriger und nervöser als beim ersten Mal. Ich habe nichts dazugelernt, ich bin nicht besser geworden. Eine kleine Irritation genügt, um mich aus der Bahn zu werfen. Aus einer lebenslangen Banane wird eben doch kein Apfel, und schrecklich ist, dass ich mich daran halte. Dabei mache ich nur wenige Fehler, während mir die wichtigen Dinge gelingen. Ich habe den passenden Schlüssel vom Bund genommen und bin unbemerkt an diesen Ort gekommen. Außer mir war auch niemand hier, und die Tragtasche mit meinen Budapestern steht an ihrem Platz. Auf dem Tisch liegt der Abschiedsbrief von Vinzenz, auf der Terrasse muss keine Katze verhungern. Trotzdem weiß ich, dass schon im nächsten Augenblick die Welt über mir wieder zusammenbrechen kann.

Andererseits ist zwar viel geschehen, aber ich bin bisher gut davongekommen. Vinzenz hängt kopfüber in meinem Keller, während ich als freier Mann seinem Penthouse einen Besuch nach dem anderen abstatten kann. Es wäre heute sogar angebracht, über meinen Schatten zu springen. Ich müsste nur das Licht andrehen. Nicht unbedingt hier oder im Bad. Aber vielleicht in seinem Schlafzimmer. Wer das Schicksal nie herausfordert, gehört zu den Verlierern.

 

Es kostet mich einiges an Überwindung, den Raum zu betreten, in dem er mit Tiffany seine Liebe ausleben wollte. Noch schwieriger ist es aber, meine Hand nach dem Lichtschalter auszustrecken. Soll ich so verwegen sein oder doch vernünftig bleiben? Ohne Notwendigkeit gefährde ich mich und meine Zukunft, aber ich könnte mich wie beim russischen Roulette danach noch besser fühlen. Vor allem aber hätte ich mir bewiesen, in einer schwierigen Situation aus freien Stücken die Gefahr auf die Spitze treiben zu können. Ich wäre endlich einer, der sich von seiner Angst nicht mehr in die Enge treiben lässt, das Schicksal sogar noch provoziert. Die Erfahrung daraus könnte für meine weiteren Unternehmungen hilfreich sein, und wer sich einmal überwunden hat, schafft es immer wieder.

Doch in einem Penthouse mit modernster Ausstattung lässt sich das Licht nicht so leicht einschalten wie bei mir zu Hause. Ich drücke vergeblich, bis ich merke, dass der Knopf zum Drehen ist. Nun aber erscheint das Schlafzimmer in einem Hauch von Rot. Ich glaube nicht, dass Tiffany dieser Abklatsch von einem Bordell gefallen hätte, mir aber kommt der schlechte Geschmack von Vinzenz jetzt zugute, denn die Reklamewände auf den Dächern rundum überstrahlen das schummrige Licht bei weitem, sodass ich von außen hier nicht zu erkennen bin.

Wie erwartet, ist das Bett zerwühlt, aber in einer Art, die an einen einsamen Menschen denken lässt. Auf dem Laken liegen alte Zeitungen und leere Verpackungen von Chips und Süßigkeiten, auf dem Boden Kleidungsstücke und leere Flaschen. Vinzenz scheint in den letzten Tagen seines Lebens alle Ordnung verlassen zu haben. Bestimmt hat es ihn eine große Anstrengung gekostet, sich in meinen Garten zu schleppen. Vielleicht ist er auch nur zu mir gekommen, um nicht allein sterben zu müssen. Und er hat es nicht schlecht getroffen. Ohne Aufsehen ist er im Keller verschwunden. Eine Bestattung auf dem Friedhof hätte ihm die übelste Nachrede beschert und seine Richterkollegen bei den unvermeidlichen Grabreden in größte Verlegenheit gebracht. So aber ist Dr. Vinzenz Wolf nur nicht auffindbar und beginnt irgendwo im Süden ein neues Leben.

Gegenüber dem Bett hängt ein einziges Bild. Auch ohne es jemals zuvor gesehen zu haben, erkenne ich es sofort. Sigurd Fürst hat es gemalt, an einem Tag vor über zwanzig Jahren in den Alten Arkaden auf dem Zentralfriedhof. Die Schöne ist Tiffany im Stil der erotischen Figur am Eingang zu den Gräbern. Im Winter und bei eisigem Wetter habe ich die Vorlage und Inspiration aus Stein gesehen, mit inzwischen abgeschlagener Nasenspitze und einer leeren Wodkaflasche zu ihren Füßen. Wodka wird auch damals mehr als genug geflossen sein, als der provokante Künstler beim Verewigen seiner Muse zum Grabschänder wurde. Tiffanys Jugend ist verschwunden, das Andenken daran aber geblieben. Wie auch immer Vinzenz zu diesem Gemälde gekommen ist, er hat Tiffany auf diese Weise bei sich gehabt. Von seinem zerwühlten Bett aus konnte er sie betrachten und entwürdigen.

Ich hänge das Bild von der Wand, nehme es aus dem Rahmen, nicht einen Splitter Holz aus dem Besitz von Vinzenz will ich an meiner Tiffany lassen. Ich drücke sie an mich, spüre die Erhebungen und Furchen der dick aufgetragenen Ölfarbe auf mir, doch bevor ich noch die Tragtasche mit den neuen Schuhen ergreife, meldet sich mein Verstand. Ich mache kehrt, wie schon so oft in diesen Tagen, drücke das Bild in den Rahmen zurück und stecke es in einen der großen Müllsacke aus der Küche. Vinzenz hatte genug davon, aber er ließ all den Unrat lieber auf den Boden fallen, aus Schwäche oder weil es ihm schon gleichgültig war. Aber ich habe eine Zukunft vor mir und schäme mich jetzt, beim Anblick eines jungen Mädchens den Kopf verloren zu haben. Jetzt ist alles wieder geordnet und geschafft, und ich verlasse das Penthouse mit allem, was mir gehört.

*

Zu Hause werde ich von der Katze begrüßt. Sie lässt es sich nicht nehmen, in die Tragtasche der Budapester zu schlüpfen, und auch Tiffanys Bild wird inspiziert. Doch dem Tier gefällt der Müllsack besser als das Gemälde. Das Dosenfutter habe ich vergessen zu kaufen, kommt mir in den Sinn. Seit dem Tod von Vinzenz ist jede Minute meines Lebens ausgefüllt, und eine Aufgabe, die ich erledige, zieht zwei neue nach sich. Ich breche den Bilderrahmen auseinander, mache mich auf in den Keller, nehme unterwegs auch noch den verlorenen Schuh von Vinzenz mit und werfe alles hinunter in die Finsternis seines Grabes. Das Loch in der Wand werde ich sobald wie möglich für immer verschließen.

*

Heute, Sonntag, genehmige ich mir aber dennoch ein paar Stunden Entspannung in dem wunderschönen Gastgarten meines Stadtheurigen. Der Kellner begrüßt mich freudig und hat mich schon seit Wochen vermisst. Er lobt meine Treue, ich bekomme sogar den überdachten Tisch, an dem ich immer sitze. Eine heimliche Freude beschleicht mich, dass mir nichts von meinem Tun und Handeln der letzten Tage anzumerken ist. Sollte er zu meiner Person befragt werden, wird er von einem Herrn Ludwig Redtenbacher erzählen, so wie er ihn seit jeher kennt, ohne die geringste Auffälligkeit. Nicht einmal die Brille meines Vaters trage ich. Keiner der Gäste rundum sieht in mir einen Menschen, der in seinem Keller eine Leiche liegen hat. Vor zwei Tagen, auf die Minute genau, ist die Kugel aus meiner Margolin über das Auge in das Gehirn von Vinzenz eingedrungen. Ich werde das erste Glas des aufgespritzten Weines auf ihn und sein Leben im Jenseits trinken.

Natürlich habe ich mir Arbeit mitgenommen. Zu meinen Zeiten als Richter waren es Akten, jetzt breite ich ein Spiel vor mir aus. Mensch ärgere dich nicht. Aus dem Koffer eines Unbekannten. Dieser Mann lässt mir keine Ruhe, wenn ich mir auch eingestehen muss, damit nur einem weiteren Phantom hinterherzujagen. Seine Reisen in den Zeiten zwischen den Kriegen, wahrscheinlich in der Blüte seines Lebens. Er dürfte um 1900 geboren sein, es ist sogar naheliegend, dass er als Soldat der Monarchie und dem Dritten Reich gedient hat. Aber vielleicht ist er auch dem Töten entkommen, denn militärische Relikte habe ich in seinem Koffer keine gefunden. Oder er wollte eben nicht daran erinnert werden, nur an schöne Tage in London oder Paris. Am meisten jedoch beschäftigt mich das Brettspiel. In manchen Augenblicken glaube ich sogar, die kleinen Figuren vor mir schon einmal gesehen zu haben.

Das wäre nicht verwunderlich, denn Mensch ärgere dich nicht war in allen Familien zu Hause, nur nicht bei uns. Mein Vater hielt es für Zeitverschwendung, bei genauem Nachdenken erinnere ich mich jetzt, dass er es mir sogar verboten hatte. Trotzdem bin ich sicher, dass ich diese kleinen Holzmännchen und den Würfel schon einmal in Händen gehalten habe. Sogar die Verpackung zu dem Spiel kommt mir immer bekannter vor, ihre kreuzförmige Einteilung, der Schriftzug auf dem Deckel, das Bild des Mannes, der sich aus Wut die Haare rauft. Aber ich bin nicht ein Verlierer wie er, wenn ich erst einmal die Gruft verschlossen habe, wird die Ausforschung des Kofferbesitzers meine nächste Aufgabe sein. Ich bekomme immer deutlicher das Gefühl, bald in eine Vergangenheit zu reisen, die sogar einiges mit mir zu tun haben könnte.

Aber ich werde wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Oder bin ich schon von Hysterie befallen, dass ich an allen Ecken und Enden Bidis rieche. Mir wäre lieber, wenigstens hier Ruhe zu haben, aber ich muss dem Duft nachgehen, um sicher zu sein, auch wirklich keine Gelegenheit zu versäumen, dieser schönen Frau zu begegnen. Am Ende wird mir jedoch vermutlich wieder nur eine Fata Morgana entgegenkommen.

Und es ist wie erwartet. An keinem der Tische hier sehe ich Tiffany sitzen, weder in der Laube noch an der Schenke, und auch der herumkriechende Hund dort ist nicht der ihre. Mensch ärgere dich nicht. Ich schwöre mir, nie wieder etwas Unsichtbarem hinterherzuhetzen. Wozu auch? Wenn ich Tiffany sehen will, brauche ich doch nur nach Hause gehen und ihr Bild betrachten. Noch dazu stammt das Gemälde aus einer Zeit, in der sie nicht nur endlos lange Haare hatte, sondern auch eine Jugend, die man heute an ihr vergeblich sucht. Meine Tiffany gibt es nicht mehr. Ihr Bild ist gleich geblieben, aber sie ist eine andere geworden. Als ich das Licht im Schlafzimmer von Vinzenz anschaltete, habe ich das Schicksal herausgefordert, aber ich habe nicht gewonnen. Ich hätte Sigurd Fürsts Werk besser nicht entdecken sollen.

Schon will ich nach dem Weinglas greifen, um daraus Trost zu schöpfen, aber ich ziehe die Hand rasch zurück, denn auf dem Brettspiel steht plötzlich neben den kleinen Holzfiguren eine Dose Katzenfutter. Man hat mir also etwas hinterlassen. Tiffany war hier und hat mich mit einem vielsagenden Geschenk bedacht. Aus dem Hinterhalt gibt sie mir zu verstehen, dass sie von meiner neuen Mitbewohnerin weiß, ja, vielleicht sogar noch mehr. Ist sie mir beim Abtransport der Katze aus dem Penthouse zufällig in der Dunkelheit begegnet oder nach Plan und mit voller Absicht Zeugin meiner Verbrechen geworden?

Noch eine Erklärung gibt es. Tiffany hat von den verhängnisvollen Tagen und Nächten keine Ahnung, dafür weiß ihr ewiger Liebhaber mehr als genug. Ich habe damals sein Motorrad gehört, er hat mich gesehen. Mit Sicherheit schon bei meinem ersten Besuch im Penthouse, vielleicht auch letzte Nacht. Jetzt musste er nur eine Bidi rauchen, um mich in die Irre zu schicken. Mit seinem Präsent führt er mir meine Hilflosigkeit vor Augen. Nach und nach wird er mir verraten, was er beobachten konnte, und mich in den Wahnsinn treiben. Es war eben falsch, dass ich nicht auf Vinzenz gehört habe. Den Pflastersteinmörder hätte ich umbringen müssen. Jetzt aber ist Sigurd Fürst am Zug, und er hat bereits die letzte Runde eingeläutet. Mein Todfeind muss nicht einmal mehr sein Tauchermesser hervorholen, es genügt ein Griff zum Telefon.

Ich zahle und verschwinde. Den Wein lasse ich stehen. Um nicht auch noch dem Kellner verdächtig zu erscheinen, schiebe ich neben dem Brettspiel auch die Dose mit Katzenfutter in meine Tasche. In den Gassen verzichte ich darauf, nach Motorrädern Ausschau zu halten. Fürst hat es nicht mehr nötig, mich zu umkreisen, er ist längst dabei, die Schlinge zuzuziehen. Vielleicht fährt er sogar hinter mir her, um jederzeit eingreifen zu können. Bestimmt denkt er wie ich an meine letzte Möglichkeit, die hieße Flucht. Nur, wohin? Selbst mit genügend Geld käme ich nicht weit. Mein Pass liegt zu Hause, dort wo Vinzenz ist und seine Katze. Und es wäre ein Schuldeingeständnis für einen Mord, den ich nicht begangen habe.

*

Ich klettere in die Straßenbahn, die mich bis an meine Gartentür bringt. Wie oft werde ich diese Villa noch betreten können? Wahrscheinlich wäre es am besten, mich zu Vinzenz zu legen und mir mit meiner Margolin eine Kugel in den Kopf zu schießen. Aber eine solche Verzweiflungstat könnte auch der größte Fehler meines Lebens sein. Ich hätte mich ohne Notwendigkeit ausgelöscht, ohne Beweise das Todesurteil über mich gesprochen. Das Katzenfutter kann vom Pflastermörder kommen, aber genauso gut eine zärtliche Geste von Tiffany sein. Nur, ist diese Frau wirklich weniger gefährlich als Sigurd Fürst?

Das Telefon läutet. Er oder sie? Die Polizei? Oder jemand aus dem Justizpalast, der sich bei mir noch ahnungslos nach Vinzenz erkundigt? Ich habe nicht den Mut abzuheben. Aber schon einen Augenblick danach verfluche ich mich, weil es so leicht gewesen wäre, mir Gewissheit zu verschaffen. Jetzt muss ich davor bangen, dass man mich besucht. Entweder stehen Kriminalbeamte vor der Tür und erkundigen sich, wann und wo ich Herrn Dr. Vinzenz Wolf das letzte Mal gesehen habe, oder Sigurd Fürst wirft mir noch mehr Dosenfutter in den Garten, was mich nicht weniger quälen würde. Oder er tritt bei mir an, um sich für die Ermordung seines Nebenbuhlers zu bedanken. Aber vielleicht weiß er überhaupt nichts, hat mich nur mit der Katze aus dem Penthouse kommen sehen. Dort könnte inzwischen schon die Untersuchung über das Verschwinden eines hochrangigen Richters begonnen haben. Wann ist man bei mir?

Die Katze springt auf den Tisch und kratzt an der Dose mit Geflügel und Leber. Sie kann natürlich nichts riechen, scheint aber zu wissen, dass es Futter gibt. Sie miaut, braucht mich. Ich aber kann mir nicht vorstellen, das bedrückende Geschenk auch noch zu öffnen. Der Inhalt könnte vergiftet sein, oder mir blickt die Skeletthand eines Menschen entgegen. Das Telefon klingelt wiederum, und dieses Mal hebe ich ab, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Alles ist mir recht, wenn nur die Ungewissheit ein Ende hat.

Die Stimme von Tiffany ist mir natürlich tausendmal lieber als das barsche Gebell ihres Herrn oder die hinterhältige Frage eines Polizeibeamten. Sie erkundigt sich, wie es mir geht, wartet aber keine Antwort ab. Sie möchte mich bald wieder treffen, denn sie braucht dringend meine Hilfe. Ob ich Vinzenz den Schlüssel bereits zurückgegeben hat. Bestimmt leide er sehr, aber besser ein schmerzhaftes Ende, als wenn er sich weiter falsche Hoffnungen mache.

Von nun an gehe ich einen Weg, von dem es nicht das kleinste Abweichen mehr geben kann. Ich antworte klar und fest, dass ich Vinzenz zu meinem größten Bedauern weder getroffen noch am Telefon erreicht habe. Er sei wie vom Erdboden verschwunden, aber man müsse sich keine Sorgen machen, denn er könnte ja in seinem Liebeskummer auch verreist sein, in den Süden, irgendwohin.

Tiffany schweigt. Ist sie enttäuscht von mir? Oder erleichtert, weil Vinzenz vielleicht gerade irgendwo eine andere findet? Aber sie verrät mir ihre Gedanken nicht und stellt mir stattdessen eine unerwartete Frage. Ob ich denn eine Katze hätte? Kein Tier gefalle ihr besser, Fische ohnehin nicht, und auch der Hund aus Malaysia sei ihr aufgezwungen worden.

Sie klingt ehrlich. So raffiniert lügen könnte nicht einmal ich. Wer immer mir die Dose auf den Tisch gestellt hat, Tiffany kann es nicht gewesen sein. Mein Misstrauen ihr gegenüber fällt ab wie eine erdrückende Last, ja, ich beginne sogar, von gänzlich anderen Dingen zu reden. Ich erzähle ihr, dass ich mir handgenähte Schuhe gekauft habe und dass mir das Französisch ihrer Rockmusik nicht aus dem Kopf geht. Sie lässt sich auf andere Gedanken bringen und verspricht mir sogar mit einem kaum hörbaren Lächeln, bei unserem nächsten Treffen eine Schallplatte ihrer Lieblingsband mitzubringen. Ich atme auf. Tiffany und ich sind zwei Menschen, die einander bestens verstehen könnten, wenn man sie nur ließe. Unsere Stimmen sind sogar durch das Vertrauen zueinander leiser geworden, das Miauen der hungrigen Katze übertönt uns beide. Jetzt gilt es nur noch eine Frage zu stellen, und ich muss einige Anläufe nehmen, um sie über die Lippen zu bringen. Warum hat sie das Blatt mit meinen Drohungen gegen Sigurd Fürst mitgenommen?

Tiffanys Antwort ist einfach und kurz. Mercedes. Eine Schreibmaschine mit einer solchen Bezeichnung müsse man sich merken. Dort stecke mein Papier. Anscheinend habe ich es noch nicht gelesen. Tiffany will noch wissen, wie meine Katze heiße. Ich vertröste sie auf unser nächstes Treffen. Schallplatte gegen Namen. Tiffany lacht und legt auf.

Nach ihrem ersten und bisher letzten Besuch habe ich das verhängnisvolle Papier überall gesucht, nur nicht dort, wo es am ehesten zu finden ist. Ich drehe jetzt das Blatt aus der Schreibmaschine. Sigurd Fürst wann zeigen si sich endlich sie mit ihrem Messer du ungeheuer ich werde dich töten! Meine Zeilen sind fehlerhaft und unbeholfen, in Kleinbuchstaben geschrieben. Tiffany hat einiges wenige hinzugefügt, aber die zwei Worte in den kräftig angeschlagenen Lettern genügen. JA! Darunter TIFFANY.

Jetzt bin ich nicht mehr allein, ein neues Leben kann beginnen. Sie hat Mut, versteckt sich nicht hinter Andeutungen. Tiffany hat einen Pakt mit mir geschlossen, ihn auch noch offen und ehrlich besiegelt. Schon vor Wochen, aber in meiner Blindheit bin ich daran vorbeigelaufen. Vielleicht musste ich Vinzenz erst in den Keller bringen, um für das Töten eines Menschen gerüstet zu sein.

Trotzdem werde ich für die richtigen Schritte Hilfe brauchen. Nach der endgültigen Bestattung von Vinzenz Wolf wird Boris Makarowitsch besucht. Aber schon jetzt springe ich wieder über meinen Schatten. Ich öffne die Dose und kippe das Futter auf einen Teller. Die Katze stürzt sich nach der Zeit des geschmacklosen Schinkens auf Geflügel und Leber. Soll ich meine neue Mitbewohnerin Minka nennen? Oder wäre Tiffany ein französischer Name lieber?

 

Ich werde meiner Katze einen Namen geben, der Tiffany gefallen wird. Bonjour. Jetzt sind wir zu dritt. Mir als Mann kommt die Aufgabe zu, Sigurd Fürst zu jagen und zu erledigen. Vieles ist dafür schon durchdacht, aber mein Plan hat noch Lücken, die ich wahrscheinlich ohne die Hilfe von Boris Makarowitsch kaum schließen kann. Ich werde Tiffanys Tyrann vom Motorrad schießen. Eine von meinen drei oder vier Kugeln wird ihn treffen, alles Übrige erledigt er selbst. Entweder bricht sich der Pflastersteinmörder schon beim Sturz das Genick, oder die entgegenkommenden oder nachfolgenden Autos können nicht mehr rechtzeitig bremsen und überrollen ihn. Ich müsste dafür gar nicht außer Haus und könnte vom Garten aus in Ruhe zielen. Voraussetzung ist ein weiterer Besuch von Sigurd Fürst. Doch es dürfte nicht allzu schwierig sein, ihn, der jetzt sicher vor Eifersucht rast, zu seiner letzten Ausfahrt zu bringen.

Aber da ist noch das Problem des Motorradhelms. Es ist nach wie vor ungelöst. Meine Kugel wird es kaum schaffen, in seinen Kopf einzudringen. Oder ich übe so lange mit meiner Pistole, bis ich von links oder rechts seinen Hals treffen kann.

*

Montag, endlich. Ich mache mich daran, das Haus zu verlassen, um Zement vom Baumarkt zu holen. Doch Max kommt mir entgegen, stürmt durch den Garten auf mich zu. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn ein schwarzer Fahrradhelm bedeckt seinen Kopf bis tief in die Stirn. Während ich mein Unbehagen nicht verbergen kann, setzt er sich unbekümmert an den Gartentisch, auf denselben Stuhl, von dem aus er Vinzenz erschossen hat. Auch wenn er noch ein Kind ist – kann man etwas Derartiges so schnell vergessen? Oder hat er bis heute nichts vom Tod eines Menschen begriffen? Andererseits wäre das die beste Lösung. Max weiß nichts von seiner Tat, einzig und allein ich. Nur meine Bäume, die Sonne und einige Vögel waren Zeugen.

Es kostet mich einige Überwindung, aber ich nehme an seiner Seite Platz. Ich bin schon vielen Mördern gegenübergesessen, doch so nah noch keinem. Dabei fühle ich mich selbst beinahe wie ein Angeklagter, denn ohne meinen leichtfertigen Umgang mit einer Schusswaffe hätte das alles nicht geschehen müssen. Ich sehe Max in die Augen, aber er fängt gleich von seinen strengen Eltern an und dass man ihm kein Fahrrad kaufen will, weil das viel zu gefährlich ist. Der Kleine hat es also nur zu einem Helm gebracht und wird sich den Kopf anderweitig anschlagen müssen. Trotzdem sieht er mit diesem finsteren Helm fast bedrohlich aus, und ich muss mich bemühen, nicht an Sigurd Fürst zu denken.

Max kann sich natürlich an Vinzenz erinnern, das Ganze ist ja nicht einmal eine halbe Woche her. Er fragt, ob dieser Mann betrunken gewesen sei, denn er habe kaum noch richtig sitzen können und auch undeutlich gesprochen. Ich nicke und lenke mein Gespräch langsam auf meine Margolin. Aber anstatt in Bedrängnis zu geraten, bittet mich Max ungestüm, ihn doch einmal schießen zu lassen. Vielleicht stimmen meine Vermutungen gar nicht, vielleicht war es doch ganz anders.

Ich frage ihn, warum er an jenem Nachmittag plötzlich weg gewesen sei, meinen Freund und mich allein gelassen habe. Er druckst herum, aber dann höre ich aus seinem Gebrabbel ein Wort heraus. Weggeschickt. Max sieht meine Verwirrung. Jemand hat dich weggeschickt? War außer euch denn noch jemand im Garten? Max nickt.

Wenn ich nur mehr von Kindern verstünde! Können sie besser lügen als Erwachsene? Ist Max deswegen so überzeugend, weil er nach dem Schock des Erlebten an eine andere Geschichte glauben will? Jetzt ist höchste Vorsicht geboten, eine falsche Bemerkung, und Max verschließt sich wie eine Auster. Manchmal kann man die Wahrheit nur finden, wenn man mit größter Geduld ans Werk geht. Ich biete Max einen Wettkampf an. Einen, den sogar Kinder gegen Erwachsene gewinnen können. Mensch ärgere dich nicht. Er hat noch nie etwas von dem Spiel gehört, begreift aber die Regeln noch während des Aufstellens der kleinen Holzfiguren.

Glücklicherweise gewinnt Max schon in der ersten Runde. Er triumphiert, ist außer sich vor Siegesfreude. Darauf schlage ich ihm vor, da er kein Geld hat, dass wir um unsere Geheimnisse spielen. Der Verlierer muss eine Frage beantworten, in aller Ehrlichkeit. Max willigt ein, würfelt, wirft eine meiner Figuren vom Brett, dann mehrere, und am Ende der Runde ist er wieder Sieger. Er aber interessiert sich gar nicht für meine Geheimnisse, sondern ist voller Gier nach dem nächsten Triumph, und ich mache mit. Dabei versuche ich, meine Gedanken zu ordnen, Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzuhalten. Ich erinnere mich an meine Zeiten als Kind, an meinen damaligen Gegenspieler, und das war nicht mein Vater, aber doch ein Mann seines Alters.

Soll ich mir wünschen, dass Max die Wahrheit gesagt hat und wirklich weggeschickt worden ist? Hat Vinzenz kurz vor seinem Tod Sigurd Fürst gesehen? Mit einem Motorradhelm auf dem Kopf und voller Hass im Gesicht? Und wie er das Nachbarskind wegschickt, eine Pistole aus der Kassette geholt und sie anlegt auf ihn?

Max gewinnt wiederum, und ich werde nicht nur ein weiteres meiner Geheimnisse preisgeben, sondern mir auch überlegen müssen, wie ich ihn zum Verlieren bringen kann. Ich erzähle von einem Bild, das ich gestohlen und aus dem Rahmen gebrochen habe, und muss anschließend feststellen, dass Mensch ärgere dich nicht ein Spiel ist, bei dem man nicht betrügen kann. Aber Max ist so glücklich, dass er mir vielleicht die eine oder andere Antwort schenkt, und deshalb frage ich ihn nach seinem Helm, der doch ohne Fahrrad ganz sinnlos wäre. Während er meine Figuren umwirft, redet er davon, dass er jetzt auch ein Soldat ist und deswegen das richtige Schießen lernen muss. Er will nun keine Geständnisse mehr von mir hören, sondern die schwere Pistole in die Hand nehmen dürfen, wenn er wieder gewinnt.

Aber Max verliert. Wir beide können es nicht glauben. Ich frage Max auch gleich, welcher Helm denn nun schöner sei. Er klopft auf seinen Kopf. Und größer? Max zeigt ohne Argwohn auf das Gartentor. Jetzt weiß ich es. Dahinter liegt die Straße. Aber ein Beweis fehlt mir noch immer, und diese Mal soll mich nur die Wahrheit leiten. Max, der Mann mit dem Motorrad hat dich weggeschickt. Das Kind verneint. Doch! Max schleudert das Spiel samt Figuren ins Gras, springt auf und läuft davon. Die Tür zum Garten lässt er offen.

Ich habe auch dieses Spiel verloren. Trotzdem bin ich ein Stück weiter. Ein entscheidendes. Wie die Dinge jetzt stehen, sind sie mir viel lieber. Der Kleine mag noch so toben, er hat mein Herz. Ich kann ihn wieder mit anderen Augen sehen. Es scheint, als sei Sigurd Fürst tatsächlich seinem Nebenbuhler bis zu meinem Haus gefolgt. Sogar die im Gras liegende Margolin passt jetzt ins Bild. Sigurd Fürst hat meinen alten Freund erschossen, und ich bringe auch noch die Leiche in den Keller. Einen größeren Triumph kann es für ihn nicht geben.

Ohne Notwendigkeit habe ich mich zu seinem Kumpanen gemacht und bin nun ewig mit ihm verbunden. Hätte ich die Polizei gerufen, könnte ich jetzt einer wunderbaren Zukunft entgegenblicken. Ich wäre wieder ein Richter ohne Fehl und Tadel, und Tiffany könnte ohne Angst vor Vinzenz oder Sigurd Fürst an meiner Seite sein. So aber bin ich verurteilt weiterzukämpfen, um am Ende doch noch alles zum Guten zu führen.

Noch ist nichts verloren. Wenn ich meine Situation genau und gelassen betrachte, gehe ich aus dieser Krise sogar gestärkt hervor. Bisher wäre das Töten von Sigurd Fürst ein Verbrechen gewesen, jetzt ist es die verdiente Strafe. Und ich habe nicht nur Tiffany hinter mir, sondern auch Vinzenz. Mein alter Freund und Richterkollege wird es mir aus dem Jenseits danken, dass ich seinen Mörder zur Rechenschaft ziehe.

*

Im Altenheim in der Sensengasse begegnet man mir, als wäre ich noch nie hier gewesen, aber Boris Makarowitsch erinnert sich sofort an unser Gespräch. Ob ich Fortschritte gemacht hätte im Schießen. Ich berichte von kleinen Erfolgen und dass ich einen Ausflug zum Russendenkmal beim Hochstrahlbrunnen gemacht hatte. Es freut ihn, dass ich ihn doch tatsächlich auf der hohen Säule als Statue gesehen habe.

Ich erinnere ihn an das Zauberwort, das er mir damals genannt hat: Kaschieren. Der Alte sieht mir ins Gesicht, und ich weiß, dass er weiß, dass ich ihn nicht verraten werde. Er scheint auch den Grund meines Besuches zu kennen. Wie sonst würde er davon reden, dass es am schwierigsten sei, den Ersten zu töten und dass es danach gleich leichter falle. Er habe den Vorteil des Krieges gehabt, dort seien durch seine Kalaschnikow hunderte Menschen umgekommen. Alles Soldaten, keine Zivilisten. Sogar die in den letzten Jahrzehnten seien trotz Anzug und Krawatte oder auch Sommerhemd keine harmlosen Bürger gewesen, sondern gnadenlose Feinde. Bestens getarnt, wie er selbst. Der Krieg ohne Uniformen sei aber genauso wichtig wie der andere. Insgesamt ein Dutzend habe er eliminiert. Den Zwölften aus dem Auto heraus. Mit seinem etwas jüngeren Fahrer habe er ein Freundespaar abgegeben, das mehr Mitleid als Verdacht erwecken musste. Zwei Wochen später habe er sich in dieses Heim zurückgezogen. Seit dem neuen Jahr sei er hier, ohne Besucher, und er wisse nicht einmal, ob seine alten Freunde noch lebten.

Soll ich ihn fragen? Es liegt mir auf der Zunge. Aber lieber gehe ich die Angelegenheit vorsichtig an und spreche zunächst von begnadeten Malern und Pianisten, die ihre Kunst noch im hohen Alter ausüben konnten, Picasso etwa, und Vladimir Horowitz habe noch mit über achtzig Konzerte gegeben. Boris Makarowitsch gefällt der Vergleich, und er wirft ein, dass er seinen russischen Landsmann schon um zehn Jahre übertroffen hat. Dann gebe ich mir einen Ruck und bringe das Gespräch auf vergangene Weihnachten, den Mann auf einem Fahrrad in der Alser Straße. Makarowitsch unterbricht er mich gleich: Er habe einige Male schießen müssen, auf eines seiner schwierigsten Ziele, alles in Bewegung, Auto und Rad, aber das Ergebnis könne sich sehen lassen, und eine umgebaute Beretta sei es gewesen, nicht die Margolin, denn die habe noch eine andere Aufgabe zu erfüllen.

Jetzt frage ich ihn geradeheraus, wie er dann wohl einen Motorradfahrer erledigt hätte, der noch dazu bestens mit einem Helm beschützt ist. Makarowitsch zögert keinen Augenblick, und seine Antwort könnte nicht einleuchtender sein. Von vorne. Mitten ins Gesicht. Am besten in ein Auge oder in den Mund, auch der Hals eigne sich dafür. Und keine Sorge. Ein Sturz von einer schweren und schnellen Maschine überdecke alles, man könne sogar ein größeres Kaliber verwenden, aber das sei dann nicht mehr die alte Schule, sondern die primitive Gewalt heutiger Zeiten.

Der Russe weiß, dass ich einen Menschen töten will. Er rät mir sogar, dem Mann möglichst viel Schuld anzukreiden. Wenn man genug Überzeugung besitze, sei das für das Anlegen und Treffen die größte Hilfe. Schädlich hingegen seien Wut und Hass, solche Erregungen würden die Waffe zittern lassen. Alles in allem gelte es, für ein paar Sekunden ein Höchstmaß an Konzentration und Ruhe aufzubringen, egal wo, mitten im Verkehr, aus dem Auto heraus oder auch im Getöse einer heranfahrenden U-Bahn. In meinem Fall rät er mir zu einem Platz hinter einem Baum, in einer Straße mit einer langgezogenen Kurve. Ein entgegenkommender Motoradfahrer könne dann gar nicht anders, als mir sein Gesicht wie eine Zielscheibe entgegenzuhalten. Wien habe genug Alleen, die sich dafür bestens eigneten, und ich könne sogar damit rechnen, dass der Angeschossene gegen einen der Bäume pralle und sich schon dort das Genick breche. Unfälle dieser Art gehörten zur Tagesordnung, und kein Mensch würde an eine Exekution denken.

Ich bedanke mich bei Makarowitsch. Seine Margolin hat uns zusammengeführt, und ihr gilt auch seine Bitte zum Abschied. Ich möge seine treulose Tochter dazu drängen, ihm das gute Stück samt Holzkassette so bald wie möglich zu bringen. Die letzte und schrecklichste Zeit breche über ihn herein, schon kämen die Tage, an denen er sich eine Stunde nach dem Mittagessen nicht mehr daran erinnere. Vielleicht habe er in ein paar Augenblicken unser Gespräch vergessen, obwohl es genüge ja, wenn ich mir seine Ratschläge merke und sein einstiges Handwerk fortsetze. Wie gerne hätte er einen Sohn gehabt wie mich, so aber lebe er von seinen alten Erinnerungen, die mehr und mehr würden. Gestern sei ihm alles zur Liquidierung eines hohen Staatsbeamten eingefallen, jede Kleinigkeit habe er vor sich gehabt. Unfalltod mit einem Auto, an einer Hausmauer, mitten in Wien. Das Kaschieren sei bestens gelungen.

Ich verabschiede mich, will nichts mehr davon hören, weil mich dieses Bekenntnis von Boris Makarowitsch an das Ende meines Vaters erinnert. Auch wenn es keinen Zusammenhang geben kann, weiß ich allmählich zu viel. Nicht nur von diesem Rotarmisten, sondern auch über Vorgänge, von denen ich als Richter keine Ahnung hatte. Das ist auch gut so. Denn schon bald werde ich selbst den Weg beschreiten, der an der Justiz und ihren Palästen vorbeiführt. Auf dem Flur bedankt sich eine der Schwester dafür, dass ich dem einsamen Mann einen Besuch abgestattet habe, und rät mir noch, seine versponnenen Geschichten einfach nicht ernst zu nehmen. In diesem Alter verblasse die Wirklichkeit allmählich, und die Fantasie werde dafür umso mächtiger. Und ich solle doch bald wieder kommen.

*

Zu Hause finde ich einmal mehr eine Überraschung vor. Aber endlich eine, die mich freut und mein Herz auf eine angenehme Weise schneller schlagen lässt. Ein Geschenk liegt vor der Eingangstür, mit dem ich so schnell nicht gerechnet habe. Noch dazu ist es keines von den kleinen Dingern, sondern eines aus Vinyl, wie es sich gehört. Das ist eben Tiffany. Sie hat bei ihrem Besuch vor Wochen meine Vorlieben gesehen und sich meine Freude an richtigen Schallplatten gemerkt. Heute Abend wird ihre Musik gehört. Schade nur, dass sie mich nicht angetroffen hat. Aber mein Besuch bei Boris Makarowitsch war wichtig und dient letzten Endes ohnehin uns beiden. Jetzt weiß ich, wie die Dinge des Tötens anzugehen sind.

Ich ändere aber mein Programm. Nicht erst am Abend spiele ich Tiffanys wilde Musik, sondern schon jetzt. Dieser Tag muss ihr gehören und nicht einem mühseligen Besuch im Baumarkt. Der Zement wird morgen gekauft, das Loch im Keller kann warten. Nun hämmert eine Band namens Mopedrock in meinem Zimmer, und ich höre wie schon damals in der U-Bahn französische Liedertexte und dabei immer wieder Bonjour. Die Katze gleichen Namens hat sich wegen der gewaltigen Lautstärke verkrochen, aber ich habe dafür Tiffany an meiner Seite. Zwar nur als Gemälde, doch ihr Mund verführt mich schon jetzt, und ihre Augen sehen mich an.

Dennoch werde ich mir eine kleine Arbeit vornehmen. Ausnahmsweise muss ich auch nach dem Bild mit dem Narrenturm nicht lange suchen, und jetzt bin ich froh, es nach dem Unfall des Radfahrers in der Alser Straße aufgehoben und mitgenommen zu haben. Der damalige Abend vor Weihnachten fällt mir in allen Einzelheiten wieder ein, meine Unentschlossenheit, eine Straßenbahn zu besteigen, die gerahmte Fotografie mit dem Narrenturm auf dem Gepäckträger des klapprigen Mannes, sein grässlicher Aufschrei, und wie ich mir dann noch auf dem Nachhauseweg an den scharfen Spitzen des zerbrochenen Glases die Hand aufgeschnitten habe.

Es ist mein eigenes Blut, das hier eingetrocknet die vielen kleinen Splitter zusammenhält. Ich komme mir vor wie ein Pathologe, der nach den Ursachen eines Todes forscht. Während eine junge Frau der Rockband vom Paradies singt, schiebe ich mit meiner Pinzette kleine Glasteile beiseite, um in die Mitte der Zerstörung zu gelangen. Ich weiß: Boris Makarowitsch hat mir keine Geschichten erzählt, sondern die Wahrheit gesagt, bis ins Kleinste. Für den alten Radfahrer hat er mehrere Schüsse gebraucht. Ob Querschläger oder nicht, eine Kugel hat jedenfalls auch das Bild mit den Narrenturm getroffen. Ich habe das Projektil vor meinen Augen, und nun heißt es, ein solches Hohlspitzgeschoss in den Kopf von Sigurd Fürst zu bringen. Bald. Bevor er mir zuvorkommt oder Tiffany zu Tode quält.

 

Ein neuer Tag, aber ich fürchte ihn nicht. Was immer er mir bringt, ich werde die Dinge zu handhaben wissen und meinen Weg weitergehen. Dabei wird es natürlich zu kleineren Abweichungen kommen, da ja Sigurd Fürst nicht allein auf meiner Liste steht. Aber einiges ist schon erledigt. Ein Sack Zement ist hier, und im Taxi nach Hause habe ich bereits die wichtigsten Zeitungen durchgeblättert. Von Vinzenz nichts zu finden. Natürlich würde es mich reizen, im Justizpalast anzurufen oder – mehr noch – wieder einmal bei seinem Penthouse vorbeizuschauen, aber dafür habe ich nicht die Zeit. Vinzenz wartet höchstpersönlich in meinem Keller und gibt schon die letzten Zeichen von sich. Aber vielleicht bilde ich mir den Verwesungsgeruch auch nur ein oder verwechsle ihn mit den Ausdünstungen der Ratten in diesem hintersten Gewölbe.

Für das Anrühren des Mörtels steht ein Bottich bereit, daneben das Wasser in einer Gießkanne. Jeder Schritt ist überlegt, nichts wird dem Zufall überlassen. Ich werde zwar das Loch in der Mauer nicht perfekt wie ein Handwerker verschließen können und auch nicht die ansehnliche Arbeit meines Vaters erreichen, aber so gut wie nur möglich Ziegel an Ziegel reihen. Die Leiter ist schon heraufgezogen, nun heißt es Abschied nehmen. Obwohl die Leiche von Vinzenz dieselbe ist, sehe ich sie jetzt doch mit anderen Augen. Es macht eben etwas aus, von wem jemand umgebracht worden ist. Ein Kind als Täter wäre eine Tragödie, Sigurd Fürst als Mörder schreit dagegen nach Rache. Ich empfinde es als große Beruhigung, dass das Spiel unter Erwachsenen fortgesetzt wird und Max der unschuldige Engel bleiben darf. Der Kleine wird früher oder später wieder kommen, mit ihm wird es noch viele Runden Mensch ärgere dich nicht geben, und ich freue mich jetzt schon darauf.

Den Zement vermische ich mit Wasser, ich weiß, dass Eile geboten ist. Laut Beschreibung habe ich den Mörtel innerhalb von zwei Stunden zu verbrauchen. Das müsste zu schaffen sein, denn alles ist bestens vorbereitet und durchdacht. Kalk auf die Leiche zu streuen wäre hier, anders als beim Hundekadaver, falsch, denn es geht ja nicht um Desinfektion, sondern um ein möglichst schnelles Hinüberführen meines Freundes in ein Skelett. Die weiße, ätzende Brühe würde den Nagetieren den Appetit verderben oder Vinzenz vollkommen ungenießbar machen.

In einer anderen Angelegenheit bin ich noch zu keinem Ergebnis gekommen, obwohl sie mich seit Tagen beschäftigt. Gibt es noch etwas anderes von dem Mann mit dem Koffer? Vielleicht ein zweites Gepäcksstück oder sogar Papiere und Dokumente, die ich bei meinem Aufstieg aus der Gruft übersehen habe? Sie würden mir helfen, die Identität des Mannes herauszufinden, der jetzt in meiner Vorstellung nur schemenhaft die kleinen Holzfiguren über das Spielbrett schiebt. Ich könnte eine Kindheitserinnerung wieder auferstehen lassen und müsste mich nicht weiter herumquälen mit dunklen Gebilden. Wer hat vor sechzig Jahren gegen mich verloren und gewonnen?

Die Zeit drängt. Doch es sind nicht Tage, die mir zur Verfügung stehen, sondern nur noch zwei Stunden. Wenn ich das Loch in der Ziegelmauer erst einmal verschlossen habe, ist vielleicht auch die Tür zu einem Teil meiner Kindheit für immer zugeschlagen. Wieder einmal bin ich nahe daran, in Panik zu geraten, obwohl es jetzt nur um Neugier geht, und nicht, wie bei einem Besuch im Penthouse, um meine Zukunft. Aber ich habe gelernt. Zwar laufe ich, um von meinem Zimmer die Taschenlampe und Brille meines Vaters zu holen, aber auf dem Rückweg in den Keller gehe ich schon wie ein Mensch, der keine Eile hat. Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist ein ausgehärteter Mörtel in meinem Bottich. Dann würde eben neu angerührt, Zement gibt es noch genug.

Ich leuchte in die Gruft. Vinzenz scheint mir noch mehr in sich zusammengesunken zu sein. Sein zweiter Schuh ist neben seinem zur Seite geknickten Kopf zu liegen gekommen, und es sieht aus, als hätte ihm noch jemand einen letzten Tritt ins Gesicht versetzt. Neu sind natürlich die Bruchstücke des nachgeworfenen Bilderrahmens, aber auch die vielen Fliegen hat es noch nicht gegeben. Dafür sticht mir überraschenderweise doch kein Verwesungsgeruch in die Nase, nur ein Hauch von Moschus ist zu spüren. Die Kühle des Kellers dürfte nicht nur beim Wein ihre Wirkung haben.

Ich lasse den Schein der Taschenlampe in jede Ecke wandern, wobei ich nicht weiß, was mir lieber wäre. Ein weiteres Fundstück könnte mich zwar dem rätselhaften Koffermann näherbringen, aber in der Gruft stünden mir beklemmende Minuten bevor. Vinzenz hat sich eben bewegt, und ich habe die Befürchtung, dass er damit nicht so schnell aufhören wird. Die Gase in seinem Körper blähen ihn auf, drücken ihn gegen die hölzernen Latten, verlagern sein Gewicht, und es wäre nicht verwunderlich, wenn scheinbar Leben in ihn käme und er anfinge, in die Tiefe zu rutschen. Denn unter ihm ist noch Platz, in einer Finsternis, die auch mein Licht kaum durchdringt. Was immer sich dort an Koffern oder anderen Schätzen befinden mag, sie müssten liegen bleiben, eine Bergung käme nicht in Frage. Trotzdem beuge ich mich vornüber und hinunter. Ich strenge meine Augen auf das Äußerste an, da im Erdreich Konturen zu erkennen sind. Regelmäßige Bogen lassen mich an alte Zeitschriften denken, dann an eine halbgeöffnete Ziehharmonika, und erst jetzt fange ich an, das Unglaubliche zu begreifen. Ich sehe eine Wirbelsäule inmitten von Rippen, bei noch längerer Betrachtung die Knochen zweier Füße und am anderen Ende ausgestreckte Arme.

Ich muss mich anhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in das Grab zu stürzen. Auch eine letzte Möglichkeit ist schnell zerschlagen. Unter Vinzenz liegt ein Skelett. Ich habe ihn gesehen, den Mann mit dem Koffer. Er hat zwar kein Gesicht bekommen, aber seine Augenhöhlen haben mich angestarrt. Ich brauche nicht lange nachzudenken, was mein Fund bedeutet. Ich bin nicht der Erste, der eine Leiche im Keller hat. Meine Eltern waren vor mir. Wieder einmal fügt sich alles zusammen, doch dieses Mal mit größter Schnelligkeit und ungeheuer passend. Die aufgeregte Stimmung vor sechzig Jahren in unserem Haus erklärt sich wie von selbst, auch das heimliche Getue meines Vaters mit Ziegel und Zement.

Aber zur Lösung all dieser Rätsel habe ich jetzt keine Zeit. Schuld daran sind die Schritte auf der Kellerstiege. Vorhin hatte ich noch alles bedacht und natürlich die Tür versperrt, doch die Taschenlampe und die Brille meines Vaters haben mich die wichtigste aller Maßnahmen vergessen lassen. Der Mensch, der sich mir nähert, ist, seinen Schuhen nach zu schließen, ein Mann. Wie gerne hätte ich stattdessen das Stöckeln meiner Frau gehört, denn mit Kristina könnte ich durch irgendein Gerede auch in dieser Situation fertig werden. Aber hier stapft einer auf mich zu, der mich nicht zufällig besucht.

Sebastian Grohmann ist angeheitert wie immer. Er freut sich, mich hier vorzufinden, an einem Ort, der uns, wie er sagt, mehr verbindet als alles andere. Er kommt gerade von einem Ausflug mit Kristina, aber sosehr er meine Frau auch schätzt und bewundert, dieser Weinkeller lässt sein Herz fast noch höher schlagen. Nur wolle er heute einmal nicht über dieses wunderbare Gemäuer reden oder wie man Sigurd Fürst doch noch des Mordes überführen könne, sondern jetzt gehe es um die Scheidung. Kristina sei einverstanden und habe ihn gebeten, die Angelegenheit von Mann zu Mann zu regeln. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, werde er sich ebenfalls trennen, von Nadine, der ja das Etablissement schon wichtiger sei als er.

Mein neuer Nachbar merkt nicht, dass ich im kühlen Keller in Schweiß gebadet bin wie unter sengender Sonne. Aber er sieht das Loch in der Wand, die bereitliegenden Ziegel und den angerührten Mörtel. In mir tut sich alles auf. Sogar die Möglichkeit, endlich nicht nur in Gedanken einen Menschen zu töten, sondern in der nackten Wirklichkeit. Ich müsste diesen Menschen nicht einmal über Kellerstiegen und durch Gewölbe schleppen, sondern hätte ihn schon an Ort und Stelle. Eine kleine Anstrengung , und Sebastian fände seinen letzten Platz bei den zwei anderen Toten. Und danach könnte ich mit unglaublicher Lust die Wand für immer verschließen.

Sebastian lacht mich aus und fragt amüsiert, wie ich mit dem Mauern zurechtkommen wolle, in meinem Alter und mit diesen Fingern, die nur Bleistifte und Füllfedern gehalten hätten. Er zeigt mir die Muskeln seiner Arme, dreht die Pranken vor meinen Augen und ist stolz darauf, in seinem bewegten Leben schon alles angefasst zu haben. Nicht nur unendlich viele Frauen seien durch diese Hände gegangen, sondern auch hunderttausende Ziegel, allerdings in einer Zeit, die er jetzt nicht mehr erleben möchte. Doch für mich werde er wieder zum Arbeiter, außerdem gehe es ja um seinen Keller, und in dem wolle er nicht einen Schandfleck aus stümperhaft aneinandergereihten Ziegeln haben.

Ehe ich protestieren kann, zieht nun Sebastian Grohmann vor mir die gelbe Sommerjacke aus, streift die Hemdsärmeln hoch und macht sich ans Werk. Ich werde sein Handlanger, reiche ihm Ziegel um Ziegel. Mit unglaublicher Geschicklichkeit und größtem Augenmaß setzt er halbe und ganz gebliebene Steine in die Mauer. Geruch nimmt er offensichtlich keinen wahr, und es kommt ihm auch nichts verdächtig vor. Ganz im Gegenteil. Er finde es richtig, Rattenlöcher zu verschließen und außerdem sei jetzt garantiert, dass nicht einer der Nachbarn heimlich die eine oder andere Weinflasche hole. Unter der Pötzleinsdorfer Straße gäbe es nicht nur Gewölbe, sondern auch wild verzweigte Erdstollen, und das Türkenloch aus der Zeit der Belagerung von Wien sei bestimmt keine Legende. Mein neuer Nachbar redet und mauert, und ohne es zu ahnen, verschließt er die Geheimnisse dieses Hauses.

*

Die Arbeit ist getan, und ich bestaune das Werk. Was ich nie für möglich gehalten habe, ist Sebastian gelungen. Er ist selbst stolz darauf, die Ziegel so eingesetzt zu haben, dass keinerlei Übergänge oder Brüche erkennbar sind. Die Wand sieht aus wie aus einem Guss. Ich werde auch in den nächsten Tagen kein Weinregal vor die Mauer schieben müssen, eine bessere und unverdächtigere Tarnung als die Arbeit von Sebastian Grohmann könnte ich mir nicht wünschen. Trotzdem gibt er sich bescheiden. Als Dank für seine Mühe nimmt er nur ein paar meiner besten Weine entgegen. Das ist für einen, der Mittäter geworden ist, nicht allzu viel. In den nächsten Tagen will er wieder kommen, um endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Dann werde er mir auch die wahren Hintergründe verraten, die sogar in der Justiz kaum einer kenne. Sigurd Fürst sei eben immer schon klug genug gewesen.

*

Bonjour schnurrt neben mir auf dem Tisch. Ich bin heute viel weiter gekommen, als ich mir erhoffen durfte. Die Gruft ist versiegelt, und Sebastian Grohmann schätzt mich mehr als zuvor, weil er mir seine Künste zeigen konnte und auch entsprechend bewundert wurde. Das Blatt wird sich erst wieder wenden, wenn er meine Antworten hört. Kristina kann er haben, doch der Weinkeller bleibt bis zu meinem letzten Atemzug in meinem Besitz. Das bin ich auch meinen Eltern schuldig, die mir mit einer Leiche im Gewölbe mehr vererbt haben als Villa und Garten. Wer ist dieser Mann? Wie ist er zu Tode gekommen? Warum musste er heimlich begraben werden? Hat mein Vater diesen Toten auch über die steile Stiege gezerrt und in das hinterste Gewölbe geschleppt? Ohne Zweifel wurde mir damals deswegen verboten, den Keller zu betreten. Das durfte ich erst wieder Monate danach, und das hinterste Gewölbe sollte mir überhaupt verwehrt bleiben.

Neben der Katze liegt Vinzenz’ Brief an Tiffany, den ich aus dem Penthouse mitgenommen habe. Ich überfliege das handgeschriebene Blatt zuerst, studiere dann jedoch Zeile für Zeile und erfahre Dinge, die mir zwar recht geben, mich aber nicht sehr glücklich machen. Wie erwartet hat Vinzenz schon lange gewusst, dass Sigurd Fürst ein Mörder ist. In dem Brief setzt er damit Tiffany unter Druck. Ein Wort von ihm genüge, und der ganze Schwindel fliege auf. Mein alter Kollege hatte sich nicht nur die Liebe von Tiffany erzwingen wollen, sondern mich aufs Schwerste belogen und betrogen, die Lüge von meinem Fehlurteil in Kauf genommen. Oder sogar gefördert? Um einen unbestechlichen Richter aus dem Weg zu räumen?

Ich werde es nie erfahren. Tote reden nicht, schreiben keine Briefe mehr. Vinzenz war auch hinterhältig genug, es bei Andeutungen zu belassen. Wo ist der ganze Betrug um den Pflastersteinmörder? Ich werde vielleicht doch auf Sebastian Grohmann angewiesen sein. Das Geheimnis meiner Eltern hat er im Keller zugemauert, ein anderes wird er ans Licht bringen. Um einen Preis, den ich nicht bezahlen möchte. Aber inzwischen weiß ich, dass sich die Dinge von einem Tag auf den anderen ändern können. Noch vor einer Woche hat Vinzenz Wolf gelebt und voller Gier Tiffanys Abbild betrachtet. Jetzt gehört sogar seine Katze mir. Auch von ihr gibt es eine Zeile in dem Brief. Vinzenz hat sie gekauft, um seiner Angebeteten eine Freude zu machen. Tiffany muss zu Vinzenz wohl irgendwann einmal dasselbe gesagt haben wie zu mir. Kein Tier gefalle ihr besser, Fische ohnehin nicht, und auch der Hund aus Malaysia sei ihr aufgezwungen worden.

Mehr als dieser Brief beschäftigt mich das Skelett im Keller. Inzwischen dürfte der Beton härter sein als Stein, und diese Ziegel wieder herauszubrechen ist unmöglich. Wenn mein hilfsbereiter Nachbar nicht aufgetaucht wäre, hätte ich an den Knochen das eine oder andere entdecken können. Hat man den Toten ordentlich zu Grabe gebettet oder hineingeworfen wie Vinzenz? Ist dieser Mensch da unten auf natürliche Weise gestorben oder hat ihn etwas Gewaltsames aus dem Leben gerissen? Aber vermutlich wäre ich kaum ein weiteres Mal in die Gruft gestiegen, nur um Frakturen an Knochen oder Schädel zu suchen. Eines allerdings scheint mir sicher zu sein. Koffer und toter Mann gehören zusammen. Wer ist er, der London und Paris gesehen haben dürfte, einen elektrischen Rasierapparat aus frühen Tagen benutzte und seine Eindrücke mit einer Filmkamera festhielt? War er ein Fremder, ein zufälliger Besucher, ein gern gesehener Gast oder mit mir sogar blutsverwandt?

Mehr und mehr Bilder tauchen von dem Unbekannten in mir auf. Ich sehe seine Hand und wie sie würfelt. Mit der anderen zwirbelt er den Bart, wenn er das Spiel auf dem bunten Brett verloren hat. Doch Gesicht habe ich keines vor mir, auch keine Gestalt, dafür aber an besonderen Tagen zugezogene Vorhänge und flackernde Bilder. Und das ratternde Geräusch einer Maschine, auf einem Bettlaken an der Wand Landschaften und Straßen. Alles war in Bewegung, die Züge konnten fahren, die Menschen gehen und lachen. Die Stunden hießen Pathé, und ich hatte mir nicht nur einmal mit diesem meinem ersten Wort das große Vergnügen eines Lichtspiels erbettelt. Am meisten hatte mich beeindruckt, dass die Häuser nicht gelb waren, die Bäume nicht grün und auch die Kleider ohne Farbe. Dennoch war alles bestens zu erkennen und sogar schöner als in der Wirklichkeit. Nur jetzt senkt sich wieder ein Vorhang, wenn ich versuche, mich an den Mann von damals zu erinnern. Seine Filme in Schwarzweiß kommen zurück zu mir, er bleibt verschwunden. Dabei war er fast mein ganzes Leben lang keine zwanzig Meter von mir entfernt. Aber in einem Gewölbe, von dem sogar ich jetzt sage, dass es eigentlich nicht zu unserem Haus gehört.

Doch es wird in den nächsten Tagen nicht um meine Kindheit gehen, sondern um meine Zukunft. Ich möchte Boris Makarowitsch nicht enttäuschen. Selbst wenn er es nie erfahren wird, will ich ihm ein guter Schüler sein. Tod in der Allee. Für den Motorradfahrer muss eine leicht gebogene Straße gefunden werden, für mich ein genügend dicker Baum. Für die Umgebung darf mein Standort nicht sichtbar sein, denn was nützt mir eine nicht gefundene Kugel im Gehirn von Sigurd Fürst, wenn mich Zeugen von Kopf bis Fuß beschreiben können. Ideal wäre es natürlich irgendwo hier in meiner Nähe. Ich könnte den Pflastersteinmörder wohl ohne große Mühe in die Pötzleinsdorfer Straße locken, und nach vollbrachter Tat wäre der Weg nach Hause nicht weit.

*

Obwohl man mir mein Vorhaben unmöglich anmerken kann, komme ich mir bei jedem Schritt verdächtig vor. An diesem späten Nachmittag sehe ich die Allee, in der ich wohne, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Auch die Häuser und Villen rundum, sogar den Kiosk meiner Zeitungsverkäuferin. Ich freue mich über das dichte Grün, denn einen besseren Blickschutz könnte es nicht geben. Die Exekution muss nachts vonstatten gehen, doch der richtige Platz dafür kann schon jetzt gefunden werden. Bestens geeignet wäre ein Sonntag, wie heute, mit wenig Verkehr und schläfrigen Nachbarn.

Aber davon bin ich noch weit entfernt, denn passende Bäume gibt es hier so gut wie keine. Die meisten sind zu jung und dünn oder von parkenden Autos verstellt. Da wäre ich dann Blicken aus ganzen Fensterreihen ausgeliefert, und auch die jetzt einsame Parkbank könnte in der Tatnacht von einem Liebespaar besetzt sein. Mein Traum vom perfekten Schauplatz scheint nicht realisierbar zu sein, ich fange an, hin und her zu hetzen, beinahe hätte mich ein 41er überfahren, und die Autos kommen mir gefährlich nah. Aber dann taucht doch ein Baum auf, der nicht nur als Deckung bestens geeignet ist, sondern auch noch den Ausblick auf die langgezogene Straße mit der leichten Kurve dahinter bietet. Ich begreife nun, warum Boris Makarowitsch mir dazu geraten hat. Das Motorrad würde schon von weitem sichtbar sein und dann in einer geraden Linie auf mich zukommen. In dieser Zeit müsste alles geschehen sein. Ich zähle bei einem heranfahrenden Auto mit. Mehr als höchstens fünf Sekunden bleiben mir nicht, dann muss ich geschossen haben.

Und was das Allerbeste ist, der Baum steht nur ein paar Schritte von meiner Villa entfernt. Mein Fluchtweg ist noch viel kürzer als erhofft und so, dass er mich frei hält von jedem Verdacht. Ich bin, falls man mich überhaupt sieht, der nächtliche Spaziergänger, der gerade nach Hause kommt. Beim Anblick meiner Villa springt mein Herz förmlich vor Freude. Keine Spur mehr von Verfall, im Sommer ähnelt sie einem grünumrankten Schloss in einem märchenhaften Garten. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, vor einem Mörderhaus zu stehen.

 

In den Morgennachrichten höre ich nach wie vor nichts von Vinzenz, aber es stehen uns die heißesten Junitage seit Jahrzehnten bevor. Mich wird das nicht betreffen, denn im Keller ist es kühl, und einen besseren Platz für meine Schießübungen könnte ich nicht finden. Nach dem gestrigen Auskundschaften des Tatorts ist Sigurd Fürst nicht mehr ein schemenhaftes Gebilde, sondern ein klares Ziel. Ich habe jetzt schon sein Gesicht unter dem Helm vor mir, und die nächste Zeit dient dazu, alle Handgriffe bis zum Abdrücken in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Fünf Sekunden habe ich Zeit, Fehlschüsse sind erlaubt, doch eine der Kugeln muss ins Schwarze treffen. Wenn er überlebt, hätte das unabsehbare Folgen.

Ich kaufe drei unterschiedliche Melonen, alle in der gleichen Größe. Der Händler meint noch, an heißen Tagen gäbe es nichts Besseres, nur müssten sie vorher lang genug im Kühlschrank liegen. Aber ich trage sie zu Hause gleich in mein unterirdisches Refugium. In den hintereinanderliegenden Gewölben kann ich auch die Distanz herstellen, die ich in der Allee zu erwarten habe. Ich könnte die Honigmelone auf den Stiel der Schaufel pfählen und diese in den Boden rammen, aber das tue ich nicht, ich lege die Frucht in ein bereits leergeschossenes Weinregal. Viel entscheidender sind die Lichtverhältnisse, und dank der einzeln schaltbaren Lampen an den Wänden gelingt es mir, hier unter der Erde fast eine kleine Pötzleinsdorfer Straße herzustellen. Als Baum dient mir ein zusammengerollter Teppich, und ich vergesse heute auch nicht das Wichtigste. Den Schlüssel in der Kellertür habe ich zweimal umgedreht.

Anders als erwartet wird die Melone selbst bei einem Treffer in der Mitte nicht zerschmettert. Für ein Spektakel brauchte man ein größeres Kaliber, aber für meine Zwecke versehen diese Kugeln ihren Dienst sehr ordentlich. An ihren Austrittstellen nehmen sie einiges vom Fruchtfleisch und der Schale mit, aber das wird beim Kopf von Sigurd Fürst kaum der Fall sein. Für die Zerstörung seines Schädels soll stattdessen der Sturz sorgen, der Aufprall an der Gehsteigkante oder der abendliche Verkehr, der ihn überrollt. Dieser macht mir allerdings einige Sorgen. Was ist, wenn kein Auto kommt, die Straßenbahn noch weit entfernt ist und nichts als Leere herrscht, in der Sigurd Fürst verletzt um Hilfe ruft? Aber auch bei genügend Fahrzeugen ist noch nicht alles gewonnen. Boris Makarowitsch hat es sich leicht gemacht und mir den Schuss von vorne empfohlen. Aber ein Helm könnte meinen Mann vor jeder Art von Aufprall beschützen und ihn mit einem Projektil hinterm Auge überleben lassen. Andererseits reizt mich gerade diese Aufgabe. Der alte Rotarmist hat nur einen betagten Herrn vom Rad geschossen, ich bewege mich mit meinem Ziel in ganz anderen Dimensionen.

Von Schuss zu Schuss werde ich besser, und der Lauf meiner Margolin wird wärmer und wärmer. Langsam verstehe ich immer mehr von Rache und nicht vermeidbarer Notwehr. Sogar die Welt eines Breivik fängt an, mir begreifbar zu erscheinen. Hat man sich einmal für einen derartigen Weg entschieden, will und kann man ihn nicht mehr verlassen. Mit jedem Schritt wird man tiefer hineingezogen, bis alles vollendet ist. Doch anders als der Norweger werde ich keinen Unschuldigen treffen. Mit Sigurd Fürst habe ich Glück, er ist ein Mörder. Der Sog in mir wird eine Ratte treffen und vor allem Tiffany befreien. Eigentlich müsste ich jetzt ihre wilde Musik zu meinen Schüssen und Treffern spielen, doch nach der Tat steht einem endlosen Feiern nichts mehr im Wege. Nun heißt es noch, an der Haltung meiner Pistole zu feilen. Das Werk muss heimlich gelingen, mit tief gestellter Pistole, am besten aus der Hüfte heraus.

Aber ich scheitere. Bei tief gehaltener Pistole liegt meine Trefferquote viel zu niedrig. Ich bin auf den Blick über Kimme und Korn angewiesen. Ich werde Sigurd Fürst die Margolin mit erhobener Hand entgegenhalten müssen und dabei in der Finsternis der Nacht zwischen den Blättern der Sträucher verschwinden. Je dichter ich am Baum stehe, desto eher könnte man meinen ausgestreckten Arm für einen Ast halten. Vor einer Stunde ist mir alles noch so leicht erschienen, jetzt begreife ich erst das Ausmaß des Risikos, das ich auf mich nehmen muss. Dazu kommt noch eine weitere Erschwernis. Da ich meine Margolin jedes Mal durchladen muss, reicht die Zeit nur für knapp zwei Schüsse. Aus einer automatischen Waffe oder einem Revolver könnte ich feuern und feuern.

Das wäre allerdings nicht mein Stil. Ich muss in die andere Richtung gehen, weg vom primitiven Ballern, hin zum chirurgischen Eingriff. Deswegen muss ich das Ganze auf die Spitze zu treiben. Kein hektisches Repetieren, ich darf nur einmal schießen. Ein einziges Mal. In aller Ruhe. Mit vollkommener Gelassenheit. So wie ein Bogenschütze seinen Pfeil losschickt, so wie mein Freund Boris Makarowitsch einen Feind exekutiert. Abdrücken und töten. Oder verlieren. Es gefällt mir, alles auf eine Karte zu setzen.

Ich möchte auch kein gewöhnlicher Richter und Henker sein. Mit den Ansprüchen wächst das Können. In den nächsten Tagen werden all meine Gedanken sich auf dieses Ziel konzentrieren. Jetzt noch die dritte Melone aufgelegt. Ihre Schale ist glatt, und sie duftet herrlich. Ich ziele und treffe. Rechts von der Mitte, dort wo das Auge sitzt. Ich lege wieder an, versinke für Sekunden in den Zustand, den ich nicht mehr missen möchte. Ich drücke ab. Es ist kaum zu glauben. Diese zweite Kugel ist exakt durch das erste Loch gegangen. Ich repetiere, hole Luft, halte den Atem an, bewege den Abzug fast in einer Schwerelosigkeit. Dieses Mal bleibt das Kunststück aus, aber immerhin habe ich das andere Auge getroffen. Wenn Sigurd Fürst mir dann auf seinem Motorrad nur nicht mein Werk verzittert. Könnte ich noch schießen, wenn er mich ansieht?

Der Unbekannte im Keller kommt mir wieder in den Sinn, wie öfter in den letzten Tagen. Mein Gefühl sagt mir immer deutlicher, dass der Mann mit dem Koffer zu uns gehört. Dafür spricht eine Erinnerung. Das erste Auto meines Vaters taucht vor mir auf, das immer die bewundernden Blicke der Fußgänger auf sich zog. Und jener Ausflug über die Höhenstraße auf den Kahlenberg. Die Fahrt mit den vielen Kurven war ein wildes Abenteuer, der Blick von der Terrasse auf die Stadt atemberaubend. Wien lag mir zu Füßen, und ich bedauerte es, noch nicht zur Schule zu gehen. Wie gerne hätte ich die vielen Häuser gezählt! So aber überließ ich mich dem Anblick des glänzenden Bandes der Donau und bewunderte die Kellner in ihren weißen Jacken. Und da war er. Mit seinem Bart und der hohen Gestalt. Ich sehe ihn nur von hinten, am Geländer der Aussichtsterrasse steht er wie ein Kapitän auf dem Schiff. Und er fotografiert. Oder filmt? Vielleicht sogar beides. Gab es in seinem Koffer nicht auch ein Bild vom Kahlenberg?

Ich blättere durch die Ansichtskarten und finde die Fotografie. Sie zeigt die vielen Häuser, den Donaustrom, Reihen unbesetzter Stühle, die wartenden Kellner und rechts im Vordergrund an einem Tisch meine Eltern mit einem Paar, das ich nicht kenne. Mein Vater redet wie immer, gestikuliert, die anderen hören ihm zu. Meine Mutter allerdings nicht, vornübergebeugt scheint sie etwas zu schreiben. Seitdem wir das neue Auto besaßen, war es ihr zum Bedürfnis geworden, von nahezu jedem Halt eine Ansichtskarte zu verschicken. Ich bin nirgendwo zu sehen, aber vielleicht war ich bei dem Unbekannten. Um die Erinnerung aufzufrischen, müsste ich mich wohl an Ort und Stelle begeben, aber ich habe Angst davor, über meine Eltern Fürchterliches zu erfahren.

*

Bonjour geht es wie mir. Das arme Tier leidet unter der außerordentlichen Hitze des beginnenden Sommers. Ich könnte zwar meine Schießübungen im kühlen Keller fortsetzen, aber ich weiß auch von der Gefahr übertriebener Vorbereitungen. Außerdem gehen mir bald wieder die Patronen aus, und ein Besuch im Waffengeschäft zum jetzigen Zeitpunkt könnte mich verdächtig machen. Am besten ist es, wenn die Welt von mir nichts erfährt. Der eine oder andere Stein wird noch zu überwinden sein, aber viele sind schon ausgeräumt. Die zerschossene Straßenlaterne bringt mir den Vorteil, den ich brauche, obwohl ich die genauen Zusammenhänge damals noch nicht ahnen konnte. Um den Baum herum ist es auch durch die dichte Krone finster, sodass ich mir über den ausgestreckten Arm beim Zielen keine Sorgen mehr machen muss.

Jetzt kommen zwei Männer an meine Gartentür. Ich gehe ihnen entgegen. Sie schwitzen noch mehr als ich und stellen sich als Kriminalbeamte vor. Die beiden sind für mich keine Überraschung, auch wenn ich mit ihrem Besuch nicht gerade an einem Sonntagabend gerechnet habe. Noch dazu heute, wo doch jeder das Endspiel der Europameisterschaft verfolgen wird. Spanien oder Italien, wer wird die meisten Tore schießen? Diese Frage stelle ich den beiden Herren, um mich möglichst alltäglich zu geben. Als Antwort höre ich Seufzen, aber die Pflicht geht vor, und vielleicht könnte man in den nächsten Stunden den einen oder anderen Blick auf einen Fernseher werfen. Man habe erst heute von einem Penthouse des Herrn Vinzenz Wolf erfahren. Noch gäbe es keinerlei Grund zur Sorge, und bestimmt sei der Herr Richter irgendwo im kühleren Süden, aber da ich schon den Schlüssel habe, könne man gleich der Sache auf den Grund gehen und die Dachwohnung am Stephansplatz besichtigen.

Ich tue beunruhigt, erzähle auch gleich von den vielen Versuchen, meinen alten Freund Vinzenz zu erreichen, und dass ich mir auch schon Gedanken wegen seiner äußeren Veränderung gemacht hätte, aus einem stattlichen Herrn sei ein dünner Mann geworden. Natürlich will man wissen, wann ich Herrn Wolf zum letzten Mal gesehen habe. Ich lüge wie geplant. Vor Monaten, in seinem Penthouse, an einem Nachmittag zu zweit, mit Gesprächen über gemeinsame Erinnerungen. Ich rede weiter, erwähne Belangloses, um meinen ersten großen Fehler in meiner Laufbahn als Verbrecher zu übertünchen. Die beiden Herren aber scheint der Widerspruch nicht aufgefallen zu sein, wie ich dann vom bedenklichen Aussehen von Herrn Wolf wissen konnte. Vor Erleichterung zeige ich mich sogar überaus hilfsbereit, hole eilig den Schlüssel für das Penthouse und steige in das zivile Auto der beiden.

Auf dem Weg in die Innenstadt erfahre ich, dass eine Frau Fanny Bruckner von meinem Schlüssel erzählt habe. Eine Bekannte des Herrn Wolf. Wir kommen rasch voran, Verkehr gibt es so gut wie keinen, die Gassen sind durch das Endspiel wie ausgestorben. Im Haus am Stephansplatz werden wir kurz durch das Aufheulen einer unsichtbaren Menschenmasse aufgehalten. Meine Kriminalbeamten rätseln, ob das nun ein Tor gewesen sei oder nicht. Dann bitten sie mich, die Tür aufzuschießen.

Das Licht geht an, und wir betreten das Chaos in aller Helligkeit und bei fast unerträglicher Hitze. Einer meiner Begleiter behauptet, so etwas noch nie gesehen zu haben, während der andere enttäuscht feststellt, dass es hier keinen Fernseher gibt. Der Pflichbewusstere der beiden öffnet ein Zimmer nach dem anderen. Er sieht sogar in den Schränken nach, und beim Öffnen fallen ihm Unrat und Kleidungsstücke entgegen, wie sie ohnehin schon überall auf dem Boden liegen. Ich nütze die Gelegenheit und versuche vor ihnen als Zeugen, so viele Fingerabdrücke wie nur möglich zu hinterlassen. Um den Tisch in der Mitte mache ich allerdings einen Bogen. Aus der Entfernung sehe ich den Abschiedsbrief von Vinzenz, in den ich meine ganze Hoffnung setze.

Eigentlich müsste ich aufgeregt sein, aber ich schwitze nur der Hitze wegen, während die beiden herumstolpernden Herren meine Ruhe und Gelassenheit nur vergrößern. Ich stehe auf einer Bühne, und in meiner Inszenierung läuft alles ab wie gewünscht. Die Darsteller reden ständig von dem armen Herrn Wolf und wie schlecht es ihm gehen muss, man rätselt, was ihn aus der Bahn geworfen haben könnte, und macht sich Gedanken über die weitere Vorgangsweise. Ein Urlaub des Herrn Richters wird jetzt schon weniger in Betracht gezogen, obwohl er darum in seinem Amt angesucht habe. Beruhigend sei, dass hier nur Essen verfaule, nicht aber der Gesuchte.

Die Terrassentür wird aufgeschoben, und wir alle treten ins Freie. Von der Stadt her brandet Jubel auf, es muss ein Tor gegeben haben. Der gemütlichere der beiden Beamten versucht aus dem Geschrei herauszuhören, ob Spanier oder Italiener diesen Augenblick feiern, der andere entdeckt den Fressnapf, aber kein Tier dazu. Er meint, für einen Hund sei der Topf zu klein, aber eine Katze könnte es gewesen sein. In der Küche findet er noch eine Schale mit eingetrockneter Milch und zu seiner Freude einen Vorrat an Katzenfutter. Jetzt kommt doch wieder der Urlaub in Frage, vor dem der Herr Richter sein Tier zu Freunden oder in ein Heim gegeben habe. Während sich sein Kollege über das Terrassengeländer beugt, um durch das Fenster des Nachbarhauses einen Blick auf einen Fernseher zu erhaschen, zieht der andere Beamte weiter seine Kreise. Jetzt ist er am Tisch, und in Gedanken rufe ich ihm zu, dass es dort heißer und heißer wird.

Er schiebt leere Verpackungen beiseite, hebt Flaschen auf und stöbert in den Laden. Dann endlich greift er zu dem doch so deutlich vor ihm liegenden Zettel. Er liest ihn und nickt, als hätte er es schon immer gewusst. Er will seine Freude teilen, gibt mir den Fund. Ich will nicht mehr. Adieu. Ich mache ein besorgtes Gesicht, obwohl ich vor Glück weinen möchte. Ich drehe das Papier in den Händen, um möglichst viele Fingerabdrücke zu hinterlassen. Man wir sie von meinen alten nicht unterscheiden können, Untersuchung und Verbrechen fließen ineinander. Der tüchtige Beamte redet jetzt endlich von der Möglichkeit, dass sich der Herr Wolf auch etwas angetan haben könnte. Ich widerspreche ihm aber, um mein Spiel in weitere Höhen zu treiben, erzähle von der Lebenslust meines Freundes und dass ein Selbstmord so gut wie ausgeschlossen sei. Der Mann fällt auf mich herein, wird mir gegenüber zum ersten Mal hart und streng. Ich müsse mich auf das Schlimmste gefasst machen, Abschiedsbriefe wie dieser seien ihm in seiner Laufbahn schon genug untergekommen.

Ein Verbrechen sei damit so gut wie auszuschließen, denn welcher Täter käme auf die Idee, ein so schönes Penthouse zu einem Abfallhaufen zu machen. Bestimmt wäre dem letzten Schritt des Herrn Wolf eine lange Leidensgeschichte vorangegangen. Aber eine Frage habe er doch noch an mich. Ob ich mir vorstellen könne, dass Fanny Bruckner etwas mit seinem Verschwinden zu tun habe, denn immerhin sei sie mit ihm einige Male gesehen worden. Ich gebe mich ahnungslos, aber zur eigentlichen Antwort kommt es nicht, denn der andere Kriminalbeamte stürzt von der Terrasse herein, es hat ein weiteres Tor gegeben.

Wir verlassen das Penthouse. Den Schlüssel behalten die beiden Herren, ich bekomme dafür auch eine Quittung. Man bietet mir an, mich wieder zurückzufahren, doch ich lehne ab, spreche von der Schönheit der Nacht und dass ein Spaziergang nach der schrecklichen Geschichte mit meinem alten Freund jetzt genau das Richtige wäre. Der fußballbegeisterte Beamte dankt mir mit einem nassen Händedruck, während der andere mich tröstet. Man könne in keinen Menschen hineinschauen, und vielleicht habe Herr Wolf gerade mir seine wahren Absichten verschwiegen.

Im Überschwang winke ich den beiden noch nach, aber schon auf dem Weg zum Ring fängt trotz der Hitze mein Gehirn wieder an, Fragen zu stellen. Hat sich nicht der Umsichtigere der beiden einfältiger gegeben, als er tatsächlich ist? Wurde ich in das Penthouse gelockt, damit man mich an Ort und Stelle beobachten konnte? Wie reagiere ich auf den Abschiedsbrief, was fällt mir ein, wenn von einer fehlenden Katze gesprochen wird? Jetzt kommt mir sogar der Zeitpunkt verdächtig vor. Das Endspiel einer Europameisterschaft eignet sich hervorragend zur Verwirrung und als Tarnung. Ich verfluche mich, dass ich nicht besser auf den Kriminalbeamten auf der Terrasse geachtet habe. Er hätte mich aus der Dunkelheit heraus im Auge behalten können, die ganze Zeit, während sein Kollege mir scheinbar unbekümmert den Rücken zuwendete. Dann hätte ich zwar alles gründlich vorbereitet, Spielleiter des heutigen Abends wäre aber ein anderer gewesen.

Wieder ein Tor mit Jubelschreien in allen Gassen, und ich weiß noch immer nicht, wer am Gewinnen ist. Aber vielleicht mache ich mir nur zu viele Gedanken. Selbst wenn das Ganze eine Falle gewesen sein sollte, ist nichts verloren, denn ich habe mich richtig verhalten. Keine verdächtige Antwort, und auch meine Blicke können keinerlei Hinweise gegeben haben.

In diesem Moment rennt eine Frau aus einem Haus, stürzt auf mich zu, umarmt und küsst mich. Vier zu null. Ihr Deutsch hat einen Akzent, den ich aber nicht zuordnen kann. Sie bleibt nicht allein, ganze Familien tauchen auf, und die ersten Autos mit jubelnden und fahnenschwingenden Menschen rasen durch die Gassen. Ich will in den menschenleeren 41er steigen, aber die Gluthitze lässt mich kehrtmachen. Lieber nehme ich doch den langen Spaziergang in Kauf, zumal ich dabei auch meine Gedanken ein wenig ordnen kann.

*

Zu Hause wartet zu meiner Freude Bonjour auf mich, aber auch ein Bildnis mit großen Augen und verführerischem Mund. Warum hat Tiffany vom Schlüssel zum Penthouse erzählt? Wurde sie unter Druck gesetzt?

*

Die heißen Tage sind der Stadt erhalten geblieben und bringen sie regelrecht zum Glühen. Dennoch bin ich nicht zu Hause geblieben, sondern habe mich in etwas kühlere Höhen begeben. Hier auf dem Kahlenberg ist es drückend heiß, und die Fahrt herauf mit dem Bus war schweißtreibend und holprig. An manchen Kurven haben sich hinter uns lange Autoschlangen gebildet, während die rasenden Motorradfahrer die Serpentinenstraße offenbar dafür benützen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Zum Kopfsteinpflaster sind über die Jahre unzählige Schlaglöcher gekommen, während das schöne alte Hotel verschwunden ist. Dafür gibt es neue Gebäude, die alles andere als eine Zierde für den Hausberg der Wiener sind. Die meisten Terrassen dürfen nicht mehr betreten werden, eine große wiederum ist von Touristen überlaufen, und sie bietet mir nicht den Ausblick, den ich suche. Ich habe meine kleine Reise nicht nur wegen der besseren Luft gemacht, sondern auch um Anhaltspunkte für den Unbekannten aus dem Keller zu finden.

Doch jetzt bin ich an einem kleinen Geländer in einer Nische, der zwar die Tische und Stühle fehlen, aber es ist die richtige Stelle. Hier sind damals meine Eltern gesessen, von diesem Platz aus wurde das Foto gemacht. Ich nehme es zur Hand, sehe auf dem Bild die wartenden Kellner, meinen wortführenden Vater, die Mutter beim Schreiben einer Ansichtskarte, die Stadt. Natürlich ist sie gewachsen und hat sich ausgebreitet, doch unter der Dunstglocke ist heute von den Häusern kaum mehr zu sehen als damals in meinen Kindertagen. Hinter mir erklärt ein Wiener drei Damen aus Deutschland wunderbare Dinge über das Leben da unten, während ich bei meinen Forschungen über das Skelett in unserem Keller keinen Schritt weiterkomme. Aber ich sehe heute die Stadt mit anderen Augen. Wie viele Morde mag es in Wien geben, die noch unentdeckt sind? Sosehr ich mir wünsche, dass Vinzenz nie gefunden wird, das Geheimnis meiner Eltern möchte ich auf alle Fälle ergründen.

 

Leichter Wind kommt auf, fast hätte er das Foto des Unbekannten in die Weingärten unter mir geweht. Dennoch ist mit keinem abkühlenden Gewitter zu rechnen, und ich ersticke schon jetzt beinahe bei der Vorstellung, wieder mit dem Bus in die Stadt fahren zu müssen. Auf dem Platz vor der Sobieski-Kapelle drängt sich eine keuchende Reisegruppe an mir vorbei, aber dann, im nächsten Moment, sehe ich das Motorrad und auch Sigurd Fürst im Schatten eines Baumes. Schon lange habe ich mit einer solchen Begegnung gerechnet, doch eher in der Nähe meines Hauses als auf dem Kahlenberg. Aber wenn mir dieser Mann schon in einem Gastgarten keine Ruhe lässt, warum soll er mir nicht auch auf meinen Ausflügen folgen, und die Fahrt über die Höhenstraße hier herauf war für ihn bestimmt ein größeres Vergnügen als für mich.

Ich könnte an ihm vorbeigehen, aber unsere Blicke haben sich schon ineinander verfangen. Er tritt mir in den Weg, ein Ausweichen ist unmöglich. Er macht nur eine kleine Handbewegung, aber ich verstehe, was er will. Ich bin eingeladen, auf dem Rücksitz seines Motorrads Platz zu nehmen. Er schwingt sich bereits auf die schwere Maschine. Noch immer hält er mich für den gehorsamen Menschen, dem man ohne viele Worte seinen Willen aufzwingen kann. Ich könnte ihm jetzt sagen, dass ich schon lange nicht mehr der Mann vom Stadtpark bin, den man mit ein paar billigen Gesten einschüchtern konnte. Andererseits habe ich nicht allzu viele Möglichkeiten, dem Ungeheuer zu entkommen. Soll ich in den Wald laufen oder mich in der Kapelle verstecken? Er startet, sieht mich an, freundlich, ohne Feindseligkeit. Einen Augenblick lang schäme ich mich sogar, denn vielleicht ist er wirklich nur ein Mann, den verständliche Eifersucht plagt, während ich ihn töten will und dafür täglich neue Vorbereitungen treffe. Nur, dieser Plan könnte scheitern, wenn ich ihn jetzt zu argwöhnisch mache.

Er fragt mich nun, ob ich Angst hätte, vor ihm, vor einem Unfall? Er spricht von tausenden Kilometern ohne einen Kratzer, und dass ich ihm vertrauen könne. Er möchte die alte Feindschaft begraben und sei sogar bereit, über die Geschichte mit dem Pflasterstein zu reden. Mord oder doch nicht. Das sollte mich eigentlich interessieren. Vinzenz hat die Wahrheit gekannt und mit ins Grab mitgenommen. Auch Sigurd Fürst wird nicht mehr viel Zeit bleiben, sie mir zu gestehen.

Ich steige auf das Motorrad, spüre sofort die Vibrationen der gewaltigen Maschine in meinem ganzen Körper. Es könnte die Hitze sein, die mich Abwegiges denken lässt und jeden Widerstand in mir bricht, aber ich fühle mich auch auf eine besondere Weise mächtig. Zumindest heute bin ich kein Feigling, und ganz sicher keine Banane. Habe ich außerdem nicht schon im Penthouse den Reiz des Abenteuers kennengelernt und mehrmals gewonnen? Wahrscheinlich bin ich auf Sigurd Fürsts Maschine sogar sicherer als auf der Straße, wo er mich leicht überfahren könnte. So aber sitzen wir in einem Boot, und er wird alles tun, um uns beide wohlbehalten in die Stadt zu bringen. Wir schweben ja nahezu über den großen Platz hin zur Höhenstraße. Er fährt immer noch langsam, was vielleicht auf die Schlaglöcher zurückzuführen ist. Wenn nur kein Gewitter kommt und das Kopfsteinpflaster zu einer Rutschbahn werden lässt. Jetzt wird es trotzdem allmählich unangenehmer. Sigurd Fürst beschleunigt schon nach einigen Kurven, und ich fange an, meine Lage zu begreifen.

Wenn ich nicht von seiner Maschine fallen will, muss ich mich festhalten, doch es gibt keinen Griff dafür, oder ich finde ihn in der Aufregung nicht. Die Fahrt wird schneller, und Sigurd Fürst dreht auf, mehr und mehr. Ich muss wohl oder übel meine Arme um seinen Körper legen. Wie ein Kind, oder wie es Tiffany immer wieder getan haben mag, umklammere ich meinen Todfeind. An den Bewegungen seines Bauches glaube ich sogar zu spüren, dass er lacht. Auf jeden Fall genießt er meine Demütigung in vollen Zügen, und meine Angst scheint ihn nur noch anzuspornen. Ich könnte ihn loslassen, seinem widerlichen Auftritt ein Ende setzen. Dann aber würde nicht er auf der Straße zu Tode stürzen, sondern ich. Vielleicht ist das auch seine Absicht. Aussehen würde das Ganze wie ein Unfall, und es hätte für ihn kaum Folgen. Der Mord wäre bestens kaschiert und getarnt.

Die Schlaglöcher werden nicht weniger, aber durch unser Rasen sind sie kaum noch zu spüren. Ich bin ihm hilflos ausgeliefert, wie eine Motorradbraut muss ich mich an seinen Körper pressen und ihn noch fester umfassen. Er lockert meine Hände, auch ich selbst habe das Gefühl, ihn fast zu erdrücken. Die nächste Kurve ist enger als alle anderen, und trotzdem wird sie in voller Geschwindigkeit genommen. Ich bäume mich auf, muss mich dann aber doch zur Seite legen, so weit, dass mein Knie das Kopfsteinpflaster streift. Bei der nächsten Kehre versuche ich abermals, die schreckliche Schieflage zu verhindern, aber es gelingt mir wieder nicht. Ich bin gezwungen, mich mit Sigurd Fürst abwechselnd auf die linke und die rechte Seite zu lehnen, mit ihm eins zu werden. Dabei tritt etwas vollkommen Unerwartetes ein. Je mehr ich mich wie ein Tänzer von ihm führen lasse, umso leichter fällt es mich, und ich nehme sogar die Schönheit unserer Harmonie und Bewegungen wahr. Die Serpentinen verlieren ihren Schrecken, ja, es tut mir fast leid, so schnell am Ende der Höhenstraße angelangt zu sein und dass uns jetzt eine Ampel an der Querstraße bremst.

In der Stadt verschmelzen wir beide mit den vielen anderen, die sich an diesem glutheißen Nachmittag durch den Verkehr zwängen, auch wenn Sigurd Fürst jede noch so kleine Lücke oder Schneise nützt, um schneller voranzukommen. Ich muss ihn endlich nicht mehr umarmen, es genügt, wenn ich mich mit den Beinen auf dem Motorrad halte, ja, ich kann sogar wieder aufrecht sitzen. Erst jetzt wird mir bewusst, in welch gefährlicher Lage ich mich befunden habe, denn ich trage keinerlei Kopfschutz, bei einem Sturz würde ich mit zertrümmertem Schädel auf der Straße liegen, und Sigurd Fürst wäre ein weiteres Mal zum Pflastersteinmörder geworden. Er selbst ist bestens geschützt, durch seinen schwarzen Helm eine Handbreit vor meinen Augen. Ich sehe den Nacken meines Feindes, ein paar Haarsträhnen, seinen Rücken. Ich spüre das Atmen des Mannes, den ich töten werde. Noch weiß ich nicht, ob es jetzt für mich schwieriger wird, mein Vorhaben auszuführen, denn es ist bestimmt einfacher, jemanden umzubringen, den man nur aus der Entfernung kennt.

Auf der Pötzleinsdorfer Straße überholen wir den 41er, und jetzt weiß ich auch, dass er mich sogar nach Hause bringen wird. Ich hätte ihm zugetraut, dass er mich irgendwo absetzt oder sich mit mir auf eine Rundreise an unsere gemeinsamen Orte begibt. Das Haus des Meeres wäre möglich gewesen, die Praterwiesen, der Zentralfriedhof, die Schatzkammer, mein Heuriger mit dem schönen Garten, aber auch der Stephansplatz unter dem Penthouse. Mit keinem Menschen hatte ich in den letzten Monaten so viel zu tun wie mit meinem Feind, wo immer der eine hingeht, ist auch der andere. Ohne seinen Mord vor zwanzig Jahren könnten wir Freunde sein, nicht einmal ein Verhältnis wie Vater und Sohn wäre auszuschließen. Doch unsere Bestimmungen lenken uns anders, und auch jetzt überrascht mich Sigurd Fürst. Zu meiner Villa wären es nur noch wenige Meter, aber er biegt noch vor dem Zeitungskiosk ab, und wir fahren die kleine Gasse hinauf, die ich trotz ihrer Nähe noch nie durchwandert habe.

Sigurd Fürst hält an, wie mir scheint, auf den Punkt genau. Aber er stellt weder den Motor ab, noch dreht er sich zu mir um. Ich entdecke allerdings auch ohne seine Hilfe, was er mir zeigen will. Die Durchsicht ist nicht groß, links und rechts von Villen und Sträuchern begrenzt, dennoch hat man von hier aus einen perfekten Blick auf mein Haus. Der Garten ist bis ans hinterste Ende zu sehen, auch der Baum, unter dem Moritz, der Hund, begraben liegt, der hölzerne Tisch mit den Stühlen. Hinter einem der Fenster kann ich sogar eines meiner Bücherregale und den Kamin erkennen. Im Winter und ohne Blattwerk rundum dürfte der Einblick in mein Leben noch um vieles besser sein.

Sigurd Fürst rollt wieder langsam an, er weiß, dass ich genug gesehen und vor allem begriffen habe. Wir bewegen uns durch ein Gewirr von Gassen und gelangen an das obere Ende der Pötzleinsdorfer Straße. Von hier aus werden wir fünf Sekunden zu meiner Villa brauchen. Diese Zeitspanne hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Auch jetzt zähle ich mit. Wir fahren die leichten Kurve mit den Alleebäumen entlang, auf der mir Sigurd Fürst demnächst entgegenkommen muss, damit ich ihn mit einem einzigen Schuss erledigen kann. Auch jetzt sind es wieder nur diese wenigen Sekunden. Mehr Zeit werde ich nicht haben.

Er hält an. Vor meinem Baum. Beim nächsten Mal muss er stürzen, aber allein, und ich werde trotzdem in seiner Nähe sein, umgeben von Finsternis, in einer der kommenden Nächte. Wenn alles gut geht und er im Sterben liegt oder sich bereits endgültig das Genick gebrochen hat, bleibt mir nur noch der Heimweg. Die paar Schritte hin zu meiner Gartentür. Aber jetzt muss ich mich verabschieden. Wie grüßt man einen Menschen, den man demnächst ermorden wird? Wenigstens muss ich ihm nicht in die Augen sehen, denn sein Helmvisier bleibt heruntergeklappt. Aber sein Blick hin zu meiner Villa entgeht mir nicht. Bonjour ist am Zimmerfenster und kratzt an der Scheibe. Die Rufe der Katze sind nicht zu hören, aber bestimmt gelten sie mir. Sehnsucht oder doch nur Hunger? Sigurd Fürst lächelt. Und ich weiß, dass er alles weiß. Statt eines Grußes äußere ich meinen Dank, dass er mir eine qualvolle Busfahrt erspart und mich gesund nach Hause gebracht hat. Auch er bedankt sich. Dafür, dass ich diesen Herrn Wolf beseitigt habe. Keine Rede vom Pflasterstein. Dann rast er los. Ich bleibe zurück, verwirrt und wie ein Geschlagener.

*

Es liegt nicht nur an der Hitze der Nacht, dass ich nicht einschlafen kann. Immer wieder geht mir die Bemerkung von Sigurd Fürst durch den Kopf. Er tötet Vinzenz, und ich darf ihm die Leiche beseitigen. Dafür bedankt er sich. Mehr Hohn und Verachtung kann man in einem Satz nicht unterbringen. Er verspricht mir ein Geständnis, und ich gehorche. In seinen Augen verdiene ich nicht mehr. Mit Wodkaflaschen und Katzenfutterdosen hält er mich in Atem, und heute war ihm danach, mir seine Fahrkünste vorzuführen. Und mir den Platz zu zeigen, von dem aus er mich seit Monaten im Auge behält. Er hat alles gesehen, auch Vinzenz während seines Besuchs. Um ihn zu erschießen, musste er nur die langgezogene Kurve der Pötzleinsdorfer Straße nehmen, und schon konnte er in kürzester Zeit in meinem Garten sein.

Nein, ich werde nicht zuwarten. Sigurd Fürst ist für mich gefährlicher als je zuvor. Tiffany hat die Polizei bereits ausfindig gemacht, sie werden nur allzu bald auf ihren ewigen Liebhaber stoßen. Mit wenigen Bemerkungen könnte er mir die Meute auf den Hals hetzen. Eine Leiche im Keller ist noch nicht Beweis genug, doch wenn sie hinter einer zugemauerten Wand liegt, kann jeder Richter nur zu einer Entscheidung kommen. Auch wenn es ein Fehlurteil wäre. Heute hat mir Sigurd Fürst die fehlenden Steine für mein Mosaik gezeigt, ich muss sie nur noch zusammenfügen.

*

Obwohl ich später als sonst eingeschlafen bin, spüre ich an diesem großen Tag keine Müdigkeit. In den wenigen Träumen gab es weder Sigurd Fürst noch die Margolin. Und dennoch werde ich heute Abend beide zusammenführen. Bis dahin möchte ich die Zeit in Ruhe und prickelnder Anspannung verbringen. Wie ein Sänger vor der Premiere einer Wagneroper. Tristan oder Parsifal, was immer ich bin, am Ende steht der Tod. Aber nicht der meine. Obwohl, dieser Tag könnte leicht auch mein letzter sein. Die Dinge brauchen nur ein wenig aus der Bahn geraten, alles kann geschehen. So viel weiß ich aus den Erfahrungen der vergangenen Monate. Dennoch kommt nicht jeder, der zum Schwert greift, auch durch das Schwert um.

Ich hätte in den Türkenschanzpark oder Stadtpark gehen können, aber ich bin zur Feier des Tages in den Dehnepark gefahren. Nach wie vor gefällt er mir am besten, weil er einem Wald am nächsten kommt, und heute möchte ich nicht vielen Menschen begegnen. Der kleine Teich und die in unglaubliche Höhen strebenden Bäume genügen mir. Sie erscheinen mir wie ein gotischer Dom, allein die Schönheit der Natur hat mich hier jedes Mal glücklich gemacht. Jetzt betrachte ich die Kronen auch mit dem Wissen, sie vielleicht nie wieder sehen zu können. Aber anstatt in Angst zu verfallen, koste ich den Anblick aus, und es ist mir nur recht, wenn ich für eine Zeit all die vielen Überlegungen zu meinem Vorhaben vergesse. Jetzt kommt es darauf an, das Leben zu spüren, der Tod hat bis zum Abend zu warten.

Trotzdem, hier in dieser Umgebung drängt sich mir immer die Frage auf, die mich schon als Richter beschäftigt hat. Wie passen Schönheit und Töten zusammen? Wie konnte einer meiner Angeklagten auf dem Klavier Sonaten von Schubert spielen und kurz danach eine Prostituierte erwürgen? Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Ebenso unbegreiflich wie Soldaten, die nach einem Gemetzel singen. Oder ein Richter, der ein Todesurteil unterschreibt, während er mit der anderen Hand seinen Hund liebevoll streichelt. Dabei ist es ganz einfach, dieser Park gibt mir die Antwort. Es sind Menschen wie ich. Ich stehe hier und genieße die Natur, und in ein paar Stunden werde ich einem anderen eine Kugel in den Kopf jagen.

*

Zu Hause umschmeichelt mich Bonjour, und sie miaut auch schon. Noch aber wird sie auf ihr Futter warten müssen, denn in der heutigen Nacht ist sie eine Mitspielerin, und dafür hat sie ihr kleines Opfer zu bringen. Auch die Schallplatte von Tiffany ist schon vorbereitet, und meine Margolin bekommt natürlich die größte Aufmerksamkeit. Im Wald habe ich mich dafür entschieden, das Magazin nur mit einer Patrone zu füllen. Mehrere könnten mein Unternehmen ausufern lassen. Denn nur allzu leicht drückt man ab, wenn man plötzlich einen Zeugen vor sich sieht, oder wenn sich einem ein Spaziergänger in die Quere stellt. Es würde zwar kaum zu einem Schusswechsel mit Polizisten kommen, aber eine andere Gefährlichkeit ist nicht zu unterschätzen. In die Enge getrieben, könnte ich dazu verführt werden, meine Margolin gegen mich selbst zu richten.

Ich stelle heute Nacht auch mein Glück auf die Probe. Geht alles gut, bin ich nicht nur von meinem Eindringling für immer befreit, sondern noch dazu ein Sieger, haushoch, und eine Zukunft ohne Angst liegt vor mir. Auch für das alltägliche Leben ist es von Vorteil, wenn man es beherrschen und bestimmen kann. Doch Schluss jetzt mit der Grübelei! Es ist so weit. Seit einer halben Stunde sind nur noch zwei Nachbarn an meinem Garten vorbeigegangen, und auch der Platz unter dem Baum liegt in beruhigender Finsternis. Sigurd Fürst wird heute meinen stummen Befehlen folgen, sein Hass und seine Eifersucht lassen ihm keine andere Wahl.

Ich schalte den Plattenspieler ein, drehe die Lautstärke leise und hebe die Höhen an. Ich muss ein bisschen herumprobieren, um die richtige Balance zu finden. Aber jetzt klingt die Musik von Mopedrock wie von einem Kopfhörer, und sogar ich könnte glauben, dass Tiffany neben mir steht. Meine Katze spielt hervorragend mit, sie miaut noch lauter als vorhin, und ich bin mit meinem Gemisch der Elemente sehr zufrieden. Ich wähle seine Nummer und halte den Hörer kaum atmend an mein Ohr. Sigurd Fürst meldet sich nur mit einem Ja, aber ich kenne seine Stimme. Es dauert ein wenig, bis er anfängt, meine Komposition zu begreifen. Was mag er wohl denken? Er schweigt wie ich. Aber bei Tiffanys Musik und dem Miauen der Katze gibt es nicht viel zu überlegen, wer da am anderen Ende der Leitung ist. Ich oder seine treulose Geliebte. Aus meinem Haus. Aus meinem Zimmer. Hinter dessen Fenster er heute Bonjour gesehen hat.

Ich will ihm zuvorkommen und lege auf. In dieser Nacht werden die Gesetze des Handelns von mir bestimmt. In seinem Gehirn sehe ich Explosionen. Ich habe schon jetzt jenen Bereich getroffen, der für Hass und Eifersucht zuständig ist. Es ist dreiundzwanzig Uhr, und ich gebe ihm eine halbe Stunde. Bis dahin kann ich Bonjour füttern und meine Margolin noch einige Male in die Hand nehmen und den Arm strecken. Kimme und Korn. Bald kommt das Gesicht von Sigurd Fürst dazu. Ich habe nicht auf die kleinste Belanglosigkeit vergessen. War ich am Nachmittag wegen der Hitze auf dem Kahlenberg hell gekleidet, habe ich mich jetzt für mein Vorhaben schwarz angezogen. Man wird nichts sehen und auch nichts hören. Selbst wenn es keinen Verkehr in diesem großen Augenblick geben sollte, das Motorrad übertönt den Schuss bei weitem. Meine eingetrockneten Baguettes kann ich getrost zu Hause lassen.

Aber Sigurd Fürst muss noch schneller gefahren sein als gestern mit mir. Aus der Dunkelheit meines Zimmers erkenne ich sogar schon seinen Helm in aller Deutlichkeit. Im Schlafzimmer nebenan brennt hinter zugezogenen Vorhängen das Licht, was seine Eifersucht noch weiter hochkochen lassen wird. Ich zerspringe fast vor Freude über meine ersten Siege. Er ist nicht nur tatsächlich gekommen, sondern hat auch die richtige Stelle für einen Halt gewählt. Auf dem Seitenweg zwischen den Villen gegenüber. Seine alte Gewohnheit wird ihm zum Verhängnis werden. Aber es ist das letzte Mal, dass der Eindringling mein Haus und meinen Garten von ober her betrachtet. Ich werde nicht lange zu warten haben. Seine Vorstellung vom Liebesspiel zwischen mir und Tiffany muss ihm bald unerträglich werden. Er wird den Gang einlegen, die Kupplung loslassen, und die Reise wird beginnen. Die Allee mit der langgezogenen Kurve ist bereit. So wie ich.

 

Auch meine Katze scheint neben mir am Fenster darauf zu warten, dass Sigurd Fürst sich nähert. Nachdem sie endlich zu fressen bekommen hat, ist sie ruhig, und ich höre ihr Schnurren. Wenn alles gut geht, wird sie die einzige Zeugin der kommenden Ereignisse sein. Aber Sigurd Fürst lässt sich Zeit. Er sitzt auf seinem Motorrad und spannt mich auf die Folter. Nun greife ich doch zum bereitgelegten Fernglas. Fürsts versteinertes Gesicht verrät mir nichts, ich hätte es lieber nicht gesehen. Einen kurzen Moment lang ist mir sogar vorgekommen, als hätte er mich entdeckt. Ich ziehe mich in die Finsternis des Zimmers zurück und tausche den Feldstecher gegen die Pistole. Sie gibt mir sofort das Gefühl der Sicherheit, ich bin nicht mehr allein.

Ich darf meinen Todfeind für keine Sekunde aus den Augen lassen. Am schrecklichsten wäre es, seine Abfahrt zu übersehen und zu spät zu kommen. Ich drücke den Griff der Margolin noch fester und immer wieder, als könnte ich dadurch die Dinge in Gang bringen. Ein weiteres Mal überprüfe ich, ob sie auch durchgeladen ist, und lege meine Jacke auf den Arm, um sie vor und nach der Tat darunter verschwinden zu lassen. Draußen fährt der 41er vorbei, aber wenigstens verdeckt er mir nicht die Sicht auf Sigurd Fürst.

Bonjour miaut, entfernt ist das Sirenengeheul eines Rettungswagens zu hören. Vielleicht wäre es angebracht, Tiffanys Platte wieder laufen zu lassen, um mich mit dieser Musik wie ein Soldat vor der Schlacht in einen Blutrausch zu versetzen. Zudem wäre diese Frau dann an meiner Seite, und ich müsste nicht alleine auf ihren ewigen Geliebten warten. Aber ich bin ohnehin schon in einem Zustand, der sich kaum noch steigern lässt und alles in meinem Leben an Anspannung und Aufregung weit übertrifft.

Ich bete zu Gott, dass er diesen Menschen da oben endlich losfahren lässt. Viel länger kann ich das nicht mehr ertragen. Aber jetzt klappt Sigurd Fürst das Visier seines Helms herunter und senkt den Kopf. Das ist der erträumte, der herbeigesehnte Augenblick. Mein Todfeind legt den Gang ein, und er rollt tatsächlich los. Ich laufe aus dem Zimmer, stolpere fast über Bonjour und hetze durch den Garten auf die Straße, hin zu meinem Baum.

Die Nacht ist fast so heiß wie der Tag, aber für mich ist das heute ein Segen, weit und breit kein Spaziergänger zu sehen. Es dauert eine Ewigkeit, dann taucht Sigurd Fürst auf, klein wie eine Ameise, und wird schnell größer. Aber da! Statt eines Gesichts glänzt mir aus dem Helm das Spiegelbild der Pötzleinsdorfer Straße entgegen. Alles habe ich bedacht, nur nicht das Visier.

Jetzt bleibt keine Zeit. Ich ziehe den Schoß meiner Jacke beiseite, hebe den Arm, strecke Fürst meine Margolin entgegen, bringe Kimme und Korn auf eine Linie, suche die Stelle, die sein Gesicht sein könnte, und finde die gläserne Mitte des Helms. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos spiegeln sich darin, und alles zusammen schwebt wie ein Planet aus dem Weltall auf mich zu. Ich werde noch ruhiger als bei meinen gelungensten Melonen, glaube sogar, trotz des Visiers Augen zu erkennen, höre kaum den Schuss, spüre aber den leichten Rückschlag der Pistole.

Sigurd Fürst fährt weiter, aber mit nach unten sinkendem Kopf, und auch seine Arme nehmen eine andere Stellung ein. Ich drücke meine Margolin an mich, während das Motorrad auf die Straßenmitte zusteuert und anfängt zu schlingern. Stärker noch als auf der Höhenstraße unlängst neigt es sich zur Seite, aber nur für einen Augenblick. Schon im nächsten wird es von einem heranfahrenden Auto gerammt, ein Stück in die Höhe gerissen und auf den gegenüberliegenden Gehsteig geschleudert. Ich presse mich an meinen Baum, um von den herumfliegenden Trümmern nicht getroffen zu werden, sogar die Margolin halte ich wie ein Schutzschild über meinen Kopf. Ich suche in dem Inferno Sigurd Fürst, aber er ist weder bei seinem Motorrad noch auf der Straße zu entdecken. Am wenigsten mitgenommen scheint das Auto zu sein, dazu ist es zu mächtig, einem Geländewagen ähnlich. Es steht nicht einmal quer, sondern noch immer in seiner Spur, auch der Motor ist nicht abgestorben. Ich höre kein Schreien, auch kein Stöhnen, aber in der Dunkelheit sehe ich den Helm von Sigurd Fürst auf mich zurollen. Er kommt sogar vor meinen Füßen zum Stillstand. Das Visier fehlt zur Gänze, und dort, wo ein Gesicht war, ist jetzt eine leere Höhle.

Höchste Zeit, den Heimweg anzutreten. Trotzdem stehe ich reglos an meinem Baum. Vielleicht ist es die Neugier, die mich verharren lässt, auch drängt mich absolut nichts zu einer überstürzten Flucht. Irgendwo wird jetzt ein Fenster geöffnet, aber auf den Gehsteigen ist niemand zu sehen. Es ist, als wäre die Welt nach meinem Schuss langsamer geworden, und voll der Ruhe rundherum. Das Vorderrad von Fürsts Maschine dreht sich noch immer. Dieser Anblick holt mich in die wirkliche Zeit zurück, ich werfe meine Jacke über die Margolin und löse mich allmählich aus meiner Erstarrung. Aber ich bin außerstande, mich abzuwenden und den Heimweg anzutreten.

Endlich begreife ich, was mich hier hält. Ich will ihn noch einmal sehen. Ich will Gewissheit haben. Aber er ist wie vom Erdboden verschluckt. Dafür sehe ich, wie sich die Tür auf der Fahrerseite des großen Autos langsam öffnet, und ein Mann auf die Straße tritt. Er blickt sich um, macht ein paar unsichere Schritte, weicht vom Motorrad zurück, taucht kurz im Scheinwerferlicht seines Autos auf und kommt sogar in meine Nähe. Ich erkenne ihn und er mich. Sebastian Grohmann hebt die Hand vor sein Gesicht, als könnte er sich dahinter verstecken, und er scheint mir auch etwas zu sagen. Gleich darauf macht er kehrt und schwankt zu seinem Auto hinüber. Zurück bleibt sein Dunst von Schweiß und Alkohol.

Mit einer weiteren Patrone in der Margolin hätte ich ihm jetzt in den Rücken geschossen. So aber sehe ich nur mit an, wie er in seinen schweren Wagen steigt und die Tür zuschlägt. Er fährt los, überrollt mit einem Hinterrad die darunter liegende Gestalt. Der Körper von Sigurd Fürst wird ein Stück mitgeschleift, bleibt dann aber auf der Straßenmitte liegen. Er rührt sich nicht mehr, aber in mich kommt endlich Bewegung. Während ich die paar Schritte zu meiner Gartentür zurücklege, höre ich nur noch, wie mein neuer Nachbar mit aufheulendem Motor sein Auto in die Garage fährt. Jetzt kommt auch der 41er heran. Als die Straßenbahn langsamer wird und schließlich hält, öffne ich bereits die Tür zu meinem Zimmer. Bonjour springt mir voller Freude entgegen.

In die Pötzleinsdorfer Straße kommt Leben. Ich ziehe die Vorhänge zu, um nicht alles ansehen zu müssen und das Licht anschalten zu können. Ich brauche es, um auch die letzten Steinchen meines Mosaiks aneinanderzufügen. Meine Margolin wird in die Holzkassette zurücklegt und das Ganze wieder im Kamin verstaut. Ich setze mich in den bequemen Stuhl, meine Katze gesellt sich zu mir. Ich strecke mich aus, lehne mich zurück. Erst jetzt bricht alles über mich herein. Dafür mit umso größerer Wucht. Ich habe nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Die Ermordung von Sigurd Fürst kommt einem Kunstwerk gleich, übertrifft jedes seiner Bilder und ist sogar noch aufregender als das Gemälde von Tiffany. Nur Sebastian Grohmann ist in mein Mosaik gestolpert und hat es zerstört. Er wird reden.

Draußen wird es zunehmend lauter. So viele Sirenen haben vor meinem Haus noch nie geheult. Man kümmert sich mit immer größerem Aufwand um mein erstes Verbrechen. Die Bestattung von Vinzenz zähle ich nicht, da ich nur mitgeholfen habe. Wenn nur mein neuer Nachbar nicht wäre. Schon als Richter habe ich das zwielichte Gesindel aus dem Prater gehasst und diese Herrschaften stets mit der Höchststrafe bedacht. Jetzt kommen meine nicht ganz gerechten Urteile zurück. Ein Spielhöllenbesitzer wird zu ihrem Rächer. Ist das eine Hydra, ein Staffellauf oder ein Karussell, das angefangen hat, sich zu drehen? Bin ich in einen Strudel geraten, aus dem es kein Entkommen gibt? Oder soll mich der kleine Zwischenfall mit meinem neuen Nachbarn nur davon abhalten, jetzt das Richtige zu tun? Noch ist diese Nacht nicht ausgestanden, aber ich hätte auch nicht das kalte Blut, so zu tun, als wäre da draußen nichts passiert.

Ich schiebe den schweren Vorhang beiseite und zeige mich am Fenster. Das muss ich tun, wenn ich mich nicht verdächtig machen will. Was wäre ich für ein Nachbar, der bei dieser Aufregung vor dem Haus unbeeindruckt seinem gewohnten Leben nachgeht. Es zeigt sich mir das Bild, mit dem ich schon vor Tagen gerechnet habe. Immer mehr Menschen kriechen aus ihren Häusern, und das Flackern der Blaulichter macht das Ende von Sigurd Fürst fast zur Bühnenshow. Ich bekomme auch so manches geboten, wovon ich keine Vorstellung hatte. Links und rechts von meiner Villa ertönt ein immer heftiger werdendes Gehupe, und so weit ich sehen kann, haben sich auf beiden Seiten der Pötzleinsdorfer Straße lange Schlangen an Autos gebildet. Einige der Fahrer wollen umkehren, aber auch das gelingt ihnen nicht mehr. Mit einer kleinen Patrone habe ich sie gefangen. Andere wiederum steigen aus und nützen die Gelegenheit, um mit ihren Handys zu fotografieren und das schaurige Ereignis wahrscheinlich gleich an ihre Freunde zu verschicken.

Um Sigurd Fürst herum gibt es erwartungsgemäß das größte Gedränge. Man beugt sich über ihn, drückt an ihm herum, hat ihn halbnackt ausgezogen und schüttelt die Köpfe. Eine Flasche auf einem kleinen Gestänge neben ihm wird wieder abgehängt, und das sagt mir alles. Mein Eindringling ist tot. Ich habe ihn zur Strecke gebracht. Aber nicht nur, um mich vor ihm zu schützen. Sigurd Fürst hat vor zwanzig Jahren seinen Freund mit einem Pflasterstein erschlagen und gerade erst meinen Freund Vinzenz erschossen. Auch für diese Morde wurde er heute zur Rechenschaft gezogen. Draußen liegt seine Leiche, nie wäre sie ohne mich da nie hingekommen. Ich bin darüber weder erschrocken noch quält mich das schlechte Gewissen. Alles ist unaufhaltsam und unvermeidbar geschehen. Das meiste davon war Notwehr, aber auch der Richter in mir ist zum Zug gekommen. Sigurd Fürst wird nie wieder als Unschuldiger herumlaufen, und schon gar nicht sein Motorrad besteigen, um vor meinem Haus seine lärmenden Kreise zu drehen. Er wird auch Tiffany das Leben nicht mehr zur Hölle machen können. Wann wird sie erfahren, dass er nicht mehr ist? Tiffany, du bist frei!

Ich schließe das Fenster, weil ich mich sonst noch in einen Streit verwickeln könnte. Ich verstehe zwar, dass man sich angesichts des Todes betrinkt, aber es kann mir nicht gefallen, wenn die neugierige Meute ihre leeren Flaschen und Bierdosen in meinen Garten wirft. Das Tosen auf der Straße geht indes weiter. Sigurd Fürst ist inzwischen nicht mehr der Mittelpunkt, zum größten Problem sind der Verkehr und die ungeduldigen Fahrer geworden. Für sie gibt es nichts Neues mehr zu sehen, die meisten wollen in dieser heißen Nacht nur noch in die Gastgärten oder zum Heurigen.

*

Sogar im vorderen Keller ist das Getöse zu hören, sodass ich mich tiefer in die Erde begeben muss. Ich entscheide mich daher, an diesem besonderen Tag das Grab meines Freundes zu besuchen, und nehme dafür sogar eine Flasche mit. Auf dem umgekippten Betontrog vor der Ziegelmauer ist Platz zum Sitzen, auch wenn es dort nicht besonders gemütlich ist. Doch die Kühle dieses Gewölbes tut gut, die Ereignisse über mir scheinen hier wie weggeblasen zu sein. Selbst wenn ich angestrengt lausche, ist weder eine Sirene noch das Getrampel der Menschen zu vernehmen. Noch mehr Ruhe könnte ich ohne Sebastian Grohmann finden. Warum musste gerade er in diesem Augenblick vorbeikommen und sich in mein Leben drängen. Wahrscheinlich hat er das Entscheidende nicht mitbekommen, mich nicht mit der Pistole gesehen, aber ich weiß schon jetzt, dass er mir noch Sorgen machen wird.

Ich könnte Vinzenz erzählen, dass ich ihn gerächt habe. Aber wenn er es nicht ohnehin schon weiß, wird ihn meine gute Nachricht auch jetzt kaum erreichen. Letztlich genügt es mir zu wissen, was mir heute gelungen ist. Darauf trinke ich, und es ist nicht der schlechteste Wein, den ich im Vorbeigehen mitgenommen habe. Mein Vater würde jetzt sogar auf mich anstoßen, er wäre stolz auf seinen einzigen Sohn. Ich bin zwar in meinem Beruf nicht einer wie er geworden, aber wir haben etwas Gemeinsames, das uns mehr als jedes Richteramt verbindet. Ein Blick auf die Mauer vor mir genügt, und ein wohliges Gefühl durchströmt mich. Unbemerkt vom Justizpalast und der ganzen Welt haben wir beide es zu Verbrechern gebracht. Ihm ist es schon gelungen, sein Geheimnis ein halbes Jahrhundert lang zu verbergen, ich muss noch zittern, wenn ungebetene Besucher an diesem Ort ihre Augen herumschweifen lassen oder einen eigenartigen Geruch wahrzunehmen glauben. Aber selbst wenn die Polizei hier herumstöbern sollte, sie wird nichts als Kühle und Stille finden und höchstens eine verwesende Ratte entdecken.

Der Wein sorgt dafür, dass ich die wichtigste Minute in meinem neuen Leben ohne Anspannung und Aufregung betrachten kann. Während der Tat war ich mit anderen Dingen beschäftigt, jetzt sehe ich alles wie in einem Film des Unbekannten in der Gruft vor mir. Aber anders als in meinen Kindertagen mit den schwarzweißen Bildern fährt mir nun Sigurd Fürst entgegen. Er kommt auf mich zu, als seien wir unter dem Baum verabredet gewesen. Ich scheine für ihn keine Überraschung zu sein, und vielleicht hätte er auch von sich aus angehalten. Um mit mir über Tiffany zu reden? Oder mich wieder auf sein Motorrad zu bitten? Dieses Mal für eine Reise, die für uns beide die letzte gewesen wäre?

Ich drücke ab. Das Visier zerspringt wie ein Spiegel, in den man geschossen hat. Aber es zersplittert nicht, wird nur durchbohrt. Es kann keinen Zweifel geben, ich habe Sigurd Fürst getroffen. Jetzt steht auch fest, dass er nicht etwa aus Schreck über mich auf die Mitte der Straßen geraten ist. Auch das Vornübersinken seines Kopfes hätte noch Zufall sein können, aber mit dem Strahlenkranz im Visier ist der Beweis erbracht. Zugleich taucht in mir ein schrecklicher Gedanke auf. Auch wenn kein Mensch eine Kugel in seinem Kopf vermutet, das Visier mit dem Loch in der Mitte könnte aus dem Unfall ein Verbrechen machen.

*

Ich darf mich oben erst zeigen, wenn alles vorüber ist. Die Nacht könnte mir helfen. Nach Unfällen liegen Glassplitter oft noch tagelang herum, und ich selbst habe schon einmal das Rücklicht eines Autos im Gras des Gehsteiges gefunden. Aber in der Pötzleinsdorfer Straße ist heute ein Motorradfahrer nicht von alleine zu Tode gestürzt, sondern mit einem Auto zusammengeprallt. Auch wenn es keine Zeugen dafür gibt, aus den verstreuten Trümmern und der Lage der Leiche wird man die entsprechenden Schlüsse ziehen. Stirbt einer an der eigenen Unachtsamkeit oder Raserei, wird nicht viel Aufhebens gemacht, doch bei Fahrerflucht werden alle Räder in Bewegung gesetzt.

Zu meiner Überraschung beginnen einige Weinflaschen ein Glockenspiel. Auch ich spüre die Vibrationen und höre sogar das dumpfe Dröhnen der Straßenbahn. Wenn der 41er wieder fahren darf, muss das Spektakel über mir zu Ende sein, und meine Arbeit kann beginnen. Ich verlasse das Gewölbe und Vinzenz, gelange trotz des Weins ohne Unsicherheit über die steile Kellerstiege in mein Zimmer zurück. Draußen wird eben noch das Wrack des Motorrads von einem Kranwagen auf einen Laster gehoben, aber schon kurz darauf gibt es nicht mehr viel zu sehen, und die Neugierigen zerstreuen sich allmählich. Der Verkehr fängt wieder an zu fließen, und die letzten Einsatzfahrzeuge ziehen ab. Vielleicht liegt es an der drückenden Hitze, dass man auf weitere Untersuchungen verzichtet. Oder es sind schon genug Beweise gefunden worden.

Ich gehe die Unfallstelle auf und ab. Wie ein Nachbar eben, den der Tod eines Menschen vor seiner Haustür nicht schlafen lässt. Ich bin nicht alleine, und das ist gut so, weil es mich nicht verdächtig macht. Ein junges Paar umkreist die Kreidestriche auf dem Boden, ein Mann mit Stock bestaunt die Schäden an der Haltestelle, und eine Frau wirft angeekelt ihren Schuh weg, mit dem sie in das Blut von Sigurd Fürst getreten ist. Meine Blicke streifen die Rinnsale der Gehsteige und die Ränder entlang der Gartenzäune. Aber vom Visier ist keine Spur zu entdecken. Ich schlendere um die Grasinseln herum, ohne auf dieses verdammte Stück zu treten, und finde auch bei meinem Baum nur eine leere Zigarettenschachtel. Um nicht doch noch die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, verlasse ich den Ort, an dem vor wenigen Stunden mein Todfeind sein Ende gefunden hat.

*

Es ist vier Uhr früh, und tausend Ängste haben mich fest im Griff. Trotzdem werde ich schlafen gehen müssen, um den morgigen Tag durchzustehen. Ich wollte nicht, dass es dazu kommt, aber meine Lage schreit danach. Ich werde mich von meiner Margolin trennen. Solange ich sie habe, schwebt das Fallbeil über mir. Es wäre ganz leicht und unwiderlegbar nachzuweisen, dass die Kugel im Kopf von Sigurd Fürst aus dieser Waffe stammt. Nicht wenigen meiner Angeklagten wurden die Reifenspuren an Projektilen zum Verhängnis. Ich will es besser machen, und das Grab meiner Pistole kenne ich schon lange. Der Ort ist zwar nicht originell, aber nach meinen Erfahrungen immer noch der beste. Lange wir sie dort nicht liegen bleiben, denn die Donau transportiert nicht nur Schlamm und Geröll, sondern auch alles, was wir nicht mehr haben wollen. Das über den Morgenhimmel heraufziehende Gewitter wird den Menschen die herbeigesehnte Abkühlung bringen, mir aber mit seinem Regen einen schneller fließenden Strom.

*

Nach Wochen zeigt sich heute die Stadt wieder klar und in schönstem Licht. Auch die Wolkengebilde sind prächtig anzusehen, und in der gereinigten Luft erscheinen Häuser und Türme zum Greifen nah. Der Platz an der Nordbahnbrücke ist mir vertraut, auch wenn sich mit ihm Erinnerungen an meine Frau verbinden. In den guten Zeiten sind Kristina und ich hier gesessen, um die Züge über uns zu hören und die vorbeifahrenden Lastkähne und Schiffe zu betrachten. Jetzt drücke ich meine Margolin an mich, das Wasser unter mir wartet darauf, sie zu verschlingen. Ich muss sie nicht einmal werfen, sondern nur aus meiner Hand in die Tiefe fallen lassen. Ich bin jetzt sogar allein, weit und breit niemand zu sehen. Trotzdem zögere ich. Ich bin auf der Suche nach einem Gedanken, der mich dazu bringen könnte, meine Margolin zu behalten.

 

Warum fällt es mir so schwer, mich von einer Waffe zu trennen? Weil ich mich dann schutzlos glaube? Oder weil sie einen Menschen getötet hat und mir dadurch ein neues Leben beschert. Und weil ich ihr deswegen dankbar sein müsste? Übergebe ich die Margolin nicht dem Donauwasser, setze ich meine Zukunft aufs Spiel. Trotzdem war es leichter, mit ihr einen Menschen umzubringen, als sie fallen zu lassen. Was würde Boris Makarowitsch tun? Die Margolin hat er sein ganzes Leben lang behalten, und auch jetzt gehört sie nicht nur mir, sondern auch ihm. Trotzdem, die Tatwaffe so schnell wie möglich verschwinden zu lassen ist nun einmal unverbrüchliches Gesetz eines jeden Gewaltverbrechens.

Ich fasse meine Margolin am Lauf, damit sie ohne zu pendeln oder sich zu überschlagen im Wasser landen kann, trete an den äußersten Rand des steinernen Ufers und sehe mich um. Ich könnte die Pistole wahrscheinlich auch in großem Bogen in die Donau werfen und würde mich trotzdem nicht verdächtig machen.

Ich habe mir vorgenommen, bis drei zu zählen, aber ich bin schon bei zwanzig, und noch immer ist mir die Trennung nicht gelungen. Beim nächsten Zug auf der Brücke will ich mein Werk vollenden. Doch jetzt taucht wie aus dem Nichts taucht ein Gedanke auf, der mir helfen könnte, die richtige Entscheidung zu treffen. Hunderte Kugeln habe ich aus dieser Pistole verschossen, und vor allem die eine. Aber hier geht es nicht um das Projektil im Kopf eines Motorradfahrers, sondern um die vielen in meinem Keller. Wie ich nur auf sie vergessen konnte! Jedes dieser Geschosse trägt die gleichen Riefenspuren. Eines würde genügen, um mir den Mord an Sigurd Fürst nachzuweisen. In den Regalen und Ziegelwänden der Gewölbe stecken unzählige, auf dem Boden liegen manche sogar offen herum. Ich müsste monatelang nach ihnen suchen, sie aus ihren Löchern holen, und ich hätte dann doch immer noch nicht die Sicherheit, alle gefunden zu haben. Eine unentdeckte Kugel, irgendwo zwischen den Fugen oder im Holzgebälk, würde mich verraten. Wozu also die Waffe versenken? Das rettet mich nicht. Auch käme ich mir schäbig vor. Meine Margolin hat mir geholfen, und ich entledige mich ihrer wie einer zur Last gewordenen Komplizin.

Ich wende mich ab von der Brücke und spaziere das Donauufer entlang. Meine Sorgen sind nicht weniger geworden. Zwar habe ich mir meine Pistole erhalten, mit ihr aber auch alle Möglichkeiten des Todes. Werde ich in einigen Jahren meinen Entschluss bereuen? Oder in einigen Monaten oder sogar in dieser Woche noch. Was geschieht mit mir, wenn ich Verfolgern gegenüberstehe? Ziehe ich dann die Margolin? Die Antwort kenne ich schon lange. Natürlich werde ich schießen, auch auf die Gefahr hin, selbst getroffen zu werden oder sogar in einem Kugelhagel mein Ende zu finden. Aber das scheint mir besser zu sein, als all die Tage bis zu meinem letzten Atemzug hinter Gittern zu verbringen. Denn eines ist klar, ich habe Sigurd Fürst so ausgeklügelt und hinterhältig getötet, dass man mir keinerlei Unzurechnungsfähigkeit oder mildernde Umstände zubilligen könnte, Notwehr schon gar nicht. Ich bekäme lebenslänglich. Und mit Recht. Auch wenn meiner Tat viele Sorgen und Ängste vorangegangen sind, ich bin ein kaltblütiger Mörder.

Ich werde alles tun, um nicht zum Verlierer zu werden, obwohl ich gestehen muss, schon jetzt mehr und mehr Fehler zu erkennen. Ich habe bei meiner Planung nicht an die Zeit nach dem Verbrechen gedacht. Ich muss schon von großem Glück reden, dass ich noch immer keinerlei schlechtes Gewissen empfinde. Vor quälenden Gedanken hatte ich Angst, doch sie scheinen mich zu verschonen. Die Angelegenheit war auch ganz eindeutig. Entweder er oder ich. Einer musste gehen, der andere darf bleiben. Auch wenn ich jetzt kaum weniger Sorgen habe als zu Lebzeiten von Sigurd Fürst. Meine größte gilt der kleinen Kugel in seinem Kopf. Hat man sie gefunden, oder liegt mein Feind gut gekühlt neben den vielen anderen, die in dieser Nacht verstorben sind? Steht einmal Unfall auf dem Totenschein, habe ich von dieser Seite nichts mehr zu befürchten. Außer Sebastian Grohmann schlägt zu. Das könnte er auch noch nach Jahren. Die Leiche wird exhumiert und das Geschoss in seinem Schädel gefunden.

Die beste Lösung wäre natürlich, statt eines Begräbnisses die Einäscherung von Sigurd Fürst. Bei über tausend Grad würde mein Projektil zu einem unverdächtigen Gebilde zerschmelzen. Ich könnte aufatmen und die ständige Bedrohung vergessen. Aber ich weiß nicht einmal, wer für die sterblichen Reste meines Feindes zuständig ist. Wo sind seine Eltern, leben sie noch? Damals, im großen Prozess vor zwanzig Jahren, hat die Mutter nach dem Urteil zu schreien begonnen, während sein Vater nicht aufhören konnte, immer wieder zu nicken. Er soll über die Strafe für seinen Sohn zufrieden gewesen sein, denn nun konnte der nicht noch mehr anstellen. Jetzt habe ich ihnen ihr Kind ganz genommen. Auch das ist ein Gedanke, mit dem ich nicht gerechnet habe. Aber vielleicht habe ich Glück, und die beiden leiden nicht, weil sie nicht mehr leben.

Auf jeden Fall war Sigurd Fürst ein Einzelkind wie ich. Je länger ich nachdenke, umso kleiner wird der Kreis von Angehörigen. Vielleicht hatte er wirklich nur Tiffany, die Fische als seine zweite Liebe und mich für seinen Hass. Wer wird seine Leiche identifizieren? Die Haie aus dem Haus des Meeres kaum, also kommt nur die ewige Muse des Malergenies in Frage. Sie wird einen zerschundenen Körper sehen, ein entstelltes Gesicht. Wenn sie sich nur nicht zu tief zu ihm hinunterbeugt und dieses kleine Loch entdeckt. Während andere nicht darauf achten, weiß Tiffany, wonach sie suchen muss. Und schon irre ich mich wieder. Sie weiß zwar, dass ich ihren Peiniger töten wollte, aber von meiner Margolin hat sie keine Ahnung. Ich werde auch in Zukunft dafür sorgen, sie so frei wie nur möglich zu halten. Es genügt, wenn ich mir Gedanken mache, Tiffany muss nicht hineingezogen werden. Sie darf jetzt aufblühen, für die vielleicht schönsten Jahre in ihrem Leben. Deswegen steht meine Entscheidung fest. So wie alle Welt soll auch sie an einen Unfall glauben.

Ich bin die Donau entlanggewandert, ohne meine vielen Schritte zu merken. Über mir spannt sich nun die Reichsbrücke, und vom Prater ist das Gemisch aus Musik und Geschrei zu hören. Damit wäre ich bei meiner größten Schwierigkeit angekommen. Was wird der Spielhöllenbesitzer tun? Erzählt er bereits von mir, oder behält er unser Geheimnis noch für sich? Er könnte auch so betrunken gewesen sein, dass er mich vergessen hat. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob er alleine in seinem Auto war. Nadine könnte neben ihm gesessen sein, zu zweit werden sie genügend Erinnerungen zustande bringen. Während ich mit meinen Problemen allein bin, können die beiden sich beraten. Sebastian Grohmann wird mich verfluchen und bestimmt alles tun, um seine Fahrerflucht zu verbergen und mich zum Schweigen zu bringen. Es wird ihm etwas einfallen müssen. Ob ihm Nadine dazu rät, mich umzubringen?

*

Zu Hause drängt sich wieder Sigurd Fürst in den Vordergrund. In der heutigen Post finde ich die Einladung zu seiner Ausstellung im Justizpalast. Irgendwann Mitte August soll sie eröffnet werden. Für die Vernissage ist auch ein anderer Toter angekündigt. Richter Dr. Vinzenz Wolf soll die Rede halten, zu diesem einzigartigen Fall von Wiedergutmachung an einem zu Unrecht Verurteilten. Vermutlich werde auch ich dieser Veranstaltung fernbleiben. Ich habe genug zu tun und zu ordnen. Meine Katze wird gefüttert und die Margolin mit einem frisch gefüllten Magazin versehen. Nachdem ich schon so weit bin, gibt es auch keinen Grund, die Pistole in die Holzkassette zurückzulegen und im Kamin zu verstecken. Sollte einmal die Polizei in meiner Villa sein, ist ohnehin alles verloren. Aber meine bisherigen Erfolge machen mir Mut, und die Margolin ist weiterhin dazu da, mich vor Eindringlingen zu schützen. Auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie sich die Dinge entwickeln werden, so bin ich fest davon überzeugt, dass Sebastian Grohmann die Rolle von Sigurd Fürst übernehmen wird.

Ärgerlich ist der Benzingeruch. Aus dem Tank des Motorrades dürfte eine Menge an Treibstoff ausgeronnen sein, denn auch auf dem Gehsteig gegenüber ist ein großer Fleck zu sehen. Der letzte Duft meines Todfeindes erinnert mich in jeder Sekunde an den gestrigen Abend, und ich kann nicht einmal fliehen. Ich hoffe, dass Regen und Wind diese Last möglichst bald beseitigen und ich das Fenster meines Zimmers wieder ungestört öffnen kann. Aber der Anblick der Unfallstelle wird mir lange erhalten bleiben, ich weiß noch nicht, wie ich mich daran gewöhnen kann. Doch die Zeit heilt, und früher oder später werde ich beim Verlassen des Hauses wieder ohne beklemmendes Gefühl und Herzjagen an dem Ort des Todes vorbeigehen können. Dann wird es auch die Kerze nicht mehr geben, die jemand in der Haltestelle entzündet hat. Es mag eine alte Frau gewesen sein, oder auch ein Bekannter von Sigurd Fürst, der auf diese Weise seiner gedenkt. Tiffany würde es bestimmt nicht tun, außer sie will irgendjemandem vormachen, dass sie um diesen Menschen trauert.

Am meisten quält mich nach wie vor das Visier des Helms. Ich habe mir sogar vorgenommen, auch heute Nacht wieder danach Ausschau zu halten. Natürlich kann es schon längst auf dem Tisch eines Kriminalbeamten liegen, oder man hat bereits die ersten Untersuchungsergebnisse. Kupferspuren an den Rändern des verräterischen Loches werden eindeutig auf ein Projektil hinweisen, und von da an ist es nur ein kleiner Schritt, nach der Kugel im Kopf des vermeintlichen Unfallopfers zu suchen. Selbst wenn sie alle Schädelknochen und sogar den Helm durchschlagen hat, so gibt es doch im Gehirn einen Schusskanal, an dem sich sogar der Standort des Schützens ungefähr berechnen ließe. Zuerst wird unsere Straßenseite in Betracht gezogen werden, dann mein Gehsteig, schließlich ich.

Gestern um diese Zeit habe ich meinen Feind schon auf dem Seitenweg zwischen den Häusern gesehen und die Margolin durchgeladen. Auch jetzt stehe ich wieder am Fenster und warte, als müsste ich ihn nochmals erschießen. Die Pistole liegt zwar heute auf dem Schreibtisch, aber die Aufregung ist dieselbe. Wiederum fährt der 41er vorbei, und meine Katze beobachtet abwechselnd die Straße und mich. Aber ich werde mich beherrschen und nicht all die Vorbereitungen und Handgriffe wiederholen, die heute vollkommen sinnlos sind. Das Verrückteste wäre wohl, hinauszugehen und meinen Baum aufzusuchen. Es genügt, wenn ich hier stehe und an die Abläufe der vergangenen Ereignisse denke. Nur noch wenige Herzschläge, und der Augenblick des Todes kehrt zurück. In dieser Sekunde habe ich geschossen, in dieser Sekunde läutet das Telefon.

*

Es war nicht leicht, mich loszureißen, aber es könnte Tiffany sein, die anruft. Allerdings habe ich mir fest vorgenommen, mich mit keiner Äußerung verdächtig zu machen. Bei ihr wäre ich mit meiner Tat zwar gut aufgehoben, aber die Kriminalpolizei schaltet schnell, und ein Telefon ist ohne großen Aufwand zu überwachen.

Ich hebe ab und melde mich mit ruhiger Stimme. Ein Mörder würde anders klingen. Aber ich höre weder Tiffany noch sonst irgendeinen Menschen. Selbst auf meine Frage, wer da ist, kommt keine Antwort. Ich halte den Atem an, um den des Anrufers zu erlauschen, aber außer einem Knistern ist nichts zu vernehmen. Nur nicht jetzt den Namen Tiffany auszusprechen! Damit wäre ein Zusammenhang zwischen ihr und mir hergestellt, auch wenn dadurch noch nichts bewiesen ist. Eines Tages wird sich unsere Beziehung ohnehin nicht mehr verheimlichen lassen, aber jetzt ist es dafür zu früh. Ich lege auf.

Nichts ist verraten, nichts ist verspielt. Es ist aus meinem Mund kein Wort gekommen, das mir zum Nachteil werden könnte. Ich war so wie immer. Viel Aufwand für jemanden, der sich wahrscheinlich verwählt hat und zu feige war, sich zu bekennen und zu entschuldigen.

Ich verlasse mein Haus, meine Festung. Heute muss ich nicht schießen. Wie schon gestern bin ich jetzt wieder der Mann, der spätabends noch einen kleinen Spaziergang unternimmt, um besser schlafen zu können. Falls man mich zur Todesstunde von Sigurd Fürst gesehen hat, kann es nicht schaden, wenn man mich heute ebenfalls sieht. Und auch morgen und in den nächsten Tagen. Irgendwelche Zeugen werden das Gefühl bekommen, mich als nächtlichen Wanderer zu kennen, und entsprechende Aussagen machen. Aber ich bin nicht nur auf der Straße, um diesen Eindruck zu erwecken und zu festigen, sondern um noch einmal genauer Ausschau zu halten. Mit meinen Schuhen durchpflüge ich das Gras an den Gehsteigrändern, mit der Brille meines Vaters blicke ich sogar hinter die Nachbarzäune. Das größte Problem bei meiner Suche nach dem Visier habe ich mir selbst zu verdanken. Gestern war die zerschossene Straßenlaterne noch eine Hilfe, jetzt rächt sie sich, denn es herrscht tiefste Finsternis, und eine Taschenlampe kommt nicht in Frage.

Es sieht immer mehr danach aus, als ob ich diese Niederlage hinnehmen müsste. Eine letzte Hoffnung gibt es allerdings noch. Der schwere Wagen von Sebastian Grohmann könnte das verräterische Ding in kleinste Stücke zerbröselt haben. Aber selbst dann wäre es nicht aus der Welt. Bestimmt ist jedes noch so kleine Teilchen von der Straße aufgelesen worden, um anhand von Lackabbrüchen und einem vielleicht zersplitterten Scheinwerfer den Lenker ausfindig zu machen. Mein Nachbar wird nicht weniger besorgt sein als ich und ebenfalls alles anstellen, um seine Tat nicht sühnen zu müssen.

Ich habe nicht weit zu gehen, um etwas von Fürsts zweitem Mörder zu erfahren. In seiner Villa gibt es heute kein Fest, und im Pool toben sich keine Gäste aus. Auch brennen nirgendwo Lichterketten, und es ist für mich nicht schwer, einen Platz im Dunklen zu finden. Noch weiß ich nicht, worauf ich warte, aber ich wäre schon zufrieden, einen Blick auf Sebastian Grohmann zu erhaschen. Und das Glück scheint einmal mehr auf meiner Seite. Das Tor zur Garage öffnet sich, und Grohmanns Wagen rollt langsam ins Freie. Auf den ersten Blick ist von Schäden an der Vorderfront des Autos nichts zu erkennen, und die Schrammen an der Stoßstange könnten von Fahrten in den Auen des Praters stammen. Am Steuer aber sitzt weder Grohmann noch seine Frau. Die beiden entdecke ich erst jetzt. Sie stehen hinter einem Fenster und sind Zuschauer wie ich.

Die Gartentür schwingt auf, der Unfallwagen gleitet fast lautlos auf den Gehsteig und dann, immer schneller werdend, die Straße hinunter. Den Lenker habe ich zuletzt bei einer Poolparty gesehen. Er ist einer von jenen, die sich Max zuliebe erschießen und in das Wasser fallen ließen. Für mich gibt es keinen Zweifel. Das Todesfahrzeug wird in eine Werkstätte gebracht, und schon in ein paar Tagen wird der tödliche Zusammenstoß mit einem Motorradfahrer nicht mehr nachzuweisen sein. Doch das größte Problem bleibt Sebastian Grohmann erhalten. Außer, er geht so weit, seine Lakaien aus dem Prater auch gegen mich einzusetzen. Ich glaube, er wird es tun. Ob Nadine damit einverstanden ist? Ich sollte mit ihr reden, oder sie wenigstens in ein Gespräch verwickeln, um die Pläne ihres Mannes zu erfahren. Das könnte mir gelingen, noch dazu wo ich ein Meister des Verhörens und der scheinbar harmlosen Fragen bin. Aber nicht in ihrer Villa, sondern dort, wohin sie mich schon so oft eingeladen hat.

*

Ich liebe diese Sommer in der Stadt. Viele der Einwohner sind irgendwo im Süden, und die Wien-Besucher drängen sich nur an den Sehenswürdigkeiten. Auf der Fahrt in den Prater durchwühle ich noch alle Zeitungen, um etwas über Sigurd Fürst zu finden. In keinem Blatt wird sein Name erwähnt, nicht einmal mit seinen Initialen scheint er auf. Auch die Meldung selbst ist überraschend kurz und fast im gleichen Wortlaut. Mehr als drei Zeilen ist der Unfall in der Pötzleinsdorfer Straße nicht wert, was aber daran liegen könnte, dass die Konzerte von Springsteen und Madonna wichtiger sind als der Tod meines Eindringlings. Oder hält sich die Polizei bedeckt, um den Fahrerflüchtigen in Sicherheit zu wiegen? Sie könnte auch schon nach einem unbekannten Schützen forschen.

Bevor ich Nadine in ihrem Etablissement überrasche, lasse ich mich vom Strom der Menschen durch die Gassen des Praters treiben. Der Lärm rundum ist gewaltig, und jeder Schausteller scheint den anderen mit noch grellerer Musik überbieten zu wollen. Wie schon vor Jahrzehnten wird aus den Kassen über Lautsprecher nach Besuchern geschrien, und auch meine geliebte Grottenbahn gibt es noch. Aus einem künstlichen, weißen Gebirge blicken mir aufgemalte Eisbären und ein Nordpolfahrer entgegen, alles um mich herum dreht sich und ist in Bewegung. Nur an einer Schießbude ist es etwas ruhiger, aber ich nehme nicht nur deswegen Zuflucht zu ihr, sondern weil ich wieder die Dinge meiner Kindheit entdecke. Die aufgestellten Dosen als Ziel gibt es noch immer, ebenso die Teddybären, die man gewinnen kann. Aber aus den einst bescheidenen Luftgewehren sind Kriegsgeräte geworden, und ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Am meisten faszinieren mich die Zielfernrohre. Mit einer derartigen Vorrichtung und dem passendem Gewehr könnte ich unvergleichlich weiter schießen als mit meiner Margolin.

 

Ich hätte nicht gedacht, dass mein Ausflug in den Prater mich zu einer Waffe führt. Aber wahrscheinlich liegt es nur an mir, dass ich zwischen Karussells, Autodroms und Riesenrad Vorstellungen vom Töten bekomme. Ich bin und bleibe ein Mörder. Gewöhnliche Männer sehen in den Gewehren mit den Zielfernrohren nur ein Spiel und die Möglichkeit, ihren Mädchen zu imponieren. Ich aber habe Einfälle, die sich mit dem richtigen Leben verbinden lassen. Einen Feind auf große Entfernung zu töten ist nun einmal faszinierend und berauschend, ich könnte über mich hinauswachsen. Trotzdem hätte ich etwas getrübte Gefühle, denn mit einer neuen Waffe käme ich mir wie ein Verräter an meiner Margolin vor. Aber die beiden ließen sich vielleicht gut zusammenführen, gemeinsam würden sie eine ganz schöne Feuerkraft ergeben. Die eine für die Nähe, die andere für einen Nachbarn, der weit weg von mir hinter dem Fenster seiner protzigen Villa steht.

Aber ich bin in den Prater gekommen, um Nadine zu treffen. Deswegen verlasse ich die Schießbude mit ihren Teddybären und Lebkuchenherzen und mache mich auf den Weg zu ihrem Etablissement. Unweit vom Riesenrad ist es leicht zu finden, wirklich eindrucksvoll, wenn auch überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Die glitzernde Fassade gleicht einem ständigen Feuerwerk und blendet sogar im hellen Sonnenlicht. Überlebensgroße Porträts sollen offenbar der vorbeiströmenden Masse das Gefühl geben, in diesem Haus die Stars der Welt treffen zu können. Auch im Inneren begegnet man den lebenden und toten Größen in einem Himmel aus Bildern und Plakaten. Von Frank Sinatra bis Whitney Houston scheinen alle schon einmal hier ihre Cocktails getrunken zu haben. Ich weiß ja nicht, was sonst noch geboten wird, aber vielleicht genügt es den Besuchern, in einer Nische zu sitzen, in der Julie Delpy ihren Schauspielerkollegen geküsst haben soll.

Ich entdecke Nadine, bevor sie mich sieht, und erkenne sie kaum. Die hektische und zugleich biedere Geschäftsfrau von draußen ist hier Marlene Dietrich im schwarzen Kleid und mit langem Zigarrenspitz. Sie geht von Tisch zu Tisch, zeigt ihr Beine und scheint sich wie im Paradies zu fühlen. Manche ihrer Gäste lassen sich vom Spiel der Illusionen verführen, andere scheint das groteske Ambiente als solches zu unterhalten. Ich selbst bin seltsam gerührt und sehe sogar eine Verbindung zwischen Nadine Grohmann und mir. In ihrem Haus hat sich die Welt so zu drehen, wie sie es will, in meinem ist es nicht anders. Und jetzt bin ich hier, um sie über ihren Mann auszuhorchen, der mein Etablissement zerstören könnte.

Nun hat Nadine mich entdeckt. Es fällt ihr zwar nicht der Zigarettenspitz aus der Hand, aber ihre Augen verraten alles. Die Dietrich hätte ihre Haltung bewahrt, doch Nadine wendet mir den entblößten Rücken zu. Als gehörte alles zu ihrem Auftritt, tänzelt sie durch das Gewirr von Stars und Glamour und entfernt sich immer weiter von mir. Dann verschwindet sie hinter einem Vorhang, und ich bleibe am Rande klatschender Gäste allein zurück. Wenn ich doch nur den Mut hätte, Nadines Reich zu durchschreiten und in ihr Innerstes einzudringen. Nach meinen Erfahrungen wäre jetzt so manches aus ihr herauszuholen.

Mich ärgert diese Schwäche, die es zu meinen Zeiten als Richter nicht gegeben hätte. Aber damals hatte ich den Staat an meiner Seite, jetzt bin ich auf mich allein angewiesen, und noch dazu ein Mörder. Eine falsche Bemerkung gegenüber Nadine könnte verheerende Folgen haben. Vielleicht bringe ich die Grohmanns mit meinen Fragen erst auf die Idee, dass es zwischen dem Tod von Sigurd Fürst und mir einen Zusammenhang geben könnte. Oder die Lakaien des Spielhöllenbesitzers kommen. Gestern haben sie das Auto des Fahrerflüchtigen in eine Werkstätte gebracht, heute nehmen sie sich des Zeugen an. Man wird mich zwar kaum hier drin zwischen Whitney Houston und Sinatra niederstechen, aber draußen im Gedränge ist das kein Problem. Ich würde wahrscheinlich unbemerkt zu Boden sinken, während mein Mörder schnellstens untertauchen könnte.

Allerdings, einen Mord plant man nicht in wenigen Minuten. Ich werde also den Prater wohl als Lebender verlassen, aber nun fällt mir vor lauter Niederstechen das Tauchermesser meines Feindes ein. Wo ist es? Man hat es entweder auf der Straße gefunden oder an seinem Bein. Vielleicht hat der Leichenwäscher den Dolch aus der Scheide gezogen und seinen Fund gemeldet. Womit der Tote in ein neues Licht rückt. Was hatte er vor? Vor wem hatte er Angst? Ist dieser Unfall Zufall oder gibt es Hintergründe? Welche Ironie, würde mir Sigurd Fürst auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung machen.

Ich verlasse Nadines Glitzerwelt. Aber anstelle von Messerstechern kommt mir Max entgegen. Mit seinem schwarzen Fahrradhelm ähnelt er einem Außerirdischen in einer der Schreckenskammern, an denen ich heute vorbeigegangen bin. Noch immer scheint er keine Spielkameraden zu haben, sondern allein den Prater zu durchstreunen. Er nimmt meine Hand, zieht mich weg vom Haus seiner Mutter, will mir echte Pferde zeigen. Ich nehme gerne an, denn wo wäre ich vor einem Attentat besser beschützt als an seiner Seite, aber noch bevor wir bei den Ponys ankommen, bemerke ich auf dem Helm des Kleinen etwas, das mir den Atem verschlägt. Das gesuchte Visier.

Max bemerkt meinen Blick und wendet mir voller Stolz den Kopf zu. Er fingert an seinem Helm herum und schiebt das Visier von oben nach vorne. Er sieht aus wie ein richtiger Motorradfahrer. Er lugt jetzt sogar durch das Einschussloch auf mich, und mein Gesicht spiegelt sich in der zerkratzten Schale.

Bei den Pferden trägt er das Visier wieder oben auf dem Helm. Es hat dort einen sicheren Halt, weil es klemmt und wie angegossen sitzt. Ich kann nicht damit rechnen, dass er es verliert, also muss es einmal mehr einen Handel mit dem Kind geben. Hat Sebastian Grohmann dieses Beweisstück erst einmal in Händen, ist mein Ende auch ohne jede Messerstecherei besiegelt.

In einer Wolke von Pferdeausdünstung erzähle ich Max von Cowboyhüten und Sombreros, die jetzt im Sommer bestimmt angenehmer sind als sein Helm. In einer der Schießbuden hätte ich welche gesehen, ich könnte ihm einen schenken. Ich müsste zwar dafür alle Dosen treffen, aber das würde mir mit Sicherheit gelingen. Max winkt ab. Solche Hüte hätten doch alle hier, aber einen Helm wie er niemand. Ich sehe mich um, der Kleine hat recht. Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen. Wenn er nur jetzt nicht meiner überdrüssig wird und davonläuft, wie schon so oft. Ich biete ihm rasch eine Fahrt mit der Geisterbahn an.

Schon beim Besteigen des Waggons ist Max aufgeregt, nicht weniger ich. Er hat Angst vor den Gespenstern, die uns erwarten, und ich vor meinem eigenen Plan. Wir rattern los, brechen durch die Türen. Max schreit schon bei den ersten Skeletten auf und hält seine Hände schützend vor seinen Kopf. Unser Zug schlingert tiefer hinein in eine Welt des Schreckens, von allen Seiten werden wir bedrängt. Entsetzliche Gestalten und Grimassen springen über uns hinweg, das Stöhnen der Geister wird immer lauter, und die Schmerzensschreie von Gepeinigten hallen grässlicher und durchdringender. Ich muss mich zwingen, nicht selbst dem Spektakel zu erliegen, sondern meine Aufmerksamkeit auf den Helm des Kleinen zu richten. Nun müssten bald die Höhlen kommen, in denen zuerst Tücher über die Köpfe wehen und dann der Tod leibhaftig nach den Besuchern greift. Diese Grotte habe ich als Kind, obwohl an der Seite meines Vaters, nie ohne Weinen überstanden.

Vollkommene Finsternis umfängt uns jetzt, und das Heulen grauenhafter Winde. Ich spüre, wie Max sich an mich drückt und offenbar ahnt, dass der Höhepunkt des Schreckens bevorsteht. Krallen von Drachen und knöcherne Gliedmaßen kommen uns in einem Blitzgewitter entgegen, die Donner und das Angstgebrüll der Menschen rundum schaffen das erhoffte Inferno. Während der Kleine die Finger in meine Arme gräbt, taste ich nach seinem Helm und bekomme endlich das Visier zu fassen. Mit einem Ruck, der auch von einem Geist stammen könnte, breche ich es von seinem Helm und drücke es an mich.

Wir rollen in unserem Zug wieder ins Freie, und im Schein der Sonne sehe ich Tränen über das Gesicht des Kleinen laufen. Am liebsten würde ich das Kind um Verzeihung bitten, stattdessen verberge ich das Visier nur so gut es geht unter meiner Jacke und klettere aus dem Waggon. Zu meiner Erleichterung erholt sich Max rasch von seinem Schrecken und will sogar nochmals eine Runde fahren. Das ist der Augenblick, an dem ich merke, wie gern ich über meine Verbrechen reden würde. Aber anstelle eines schlechten Gewissens erdrückt mich mein Schweigen. Max hat den Verlust des Visiers noch immer nicht entdeckt. Ich überlege, ob ich ihn darauf aufmerksam machen soll. Aber ich bin zu feige, und außerdem wäre es ohnehin die größte Heuchelei. Es ist auch nur ein wertloses Stück, durchlöchert noch dazu.

Ich begleite Max zum Etablissement seiner Mutter, als müsste ich diesen Weg zu Ende gehen. Nadine sieht uns kommen, aus einem der Fenster des grellbunten Hauses. Und wieder verschwindet sie schnell. Wenigstens habe ich mich nicht dazu verleiten lassen, das Kind auszuhorchen. Zum Abschied zieht Max nun als Dank für die Geisterbahn seinen Helm vom Kopf und drückt ihn mir in die Hand. Er winkt noch schnell, bevor er vom Besucherstrom in das Etablissement mitgezogen wird. Ich fange an, wieder glücklich zu werden. Der Kleine muss wegen des verlorenen Visiers nicht leiden, und mein Leben ist gerettet. Auch wenn noch nicht alles ausgestanden ist, ein Hinweis auf die Ermordung von Sigurd Fürst kann nun nicht mehr in falsche Hände fallen.

*

Erst zu Hause wage ich es, das Visier zu betrachten. Es ist nicht viel zu Bruch gegangen. Das Loch könnte auch ein aufgewirbelter Kieselstein geschlagen haben. Ich schaffe es einfach nicht, den Blick abzuwenden. Ich stelle mir den Flug des Projektils vor, und wie es vermutlich durch das Auge in Fürsts Gehirn eingedrungen ist. Dazu höre ich immer wieder den Schuss und sehe sein erstauntes Gesicht. Oder hat er mich ausgelacht? Oder hat er sich in der letzten Sekunde seines Lebens verflucht, dass er mir nicht zuvorgekommen ist? Wenn es nur so wäre! Der Gedanke an Notwehr hilft mir immer noch am meisten. Ich ahne, dass mich meine Tat noch länger nicht in Ruhe lassen wird.

*

Schon seit Einbruch der Dunkelheit stehe ich am Fenster, aber erst in einer halben Stunde wiederholt sich der Augenblick des Todes. Wie immer bin ich nicht allein, Bonjour ist an meiner Seite. Zwischen den Villen oberhalb der Straße sehe ich nur ab und zu das Vorbeifahren eines Autos, aber keine Spur von Sigurd Fürst. Obwohl ich weiß, dass er nicht kommen wird, kann ich meinen Platz nicht verlassen. Ich bin kaum weniger aufgeregt als vor zwei Tagen, aber ich habe es heute wenigstens geschafft, meine Margolin vom Schreibtisch zu nehmen und zwischen die Kissen meines Sofas zu schieben. Es ist für mich leichter, wenn ich sie nicht im Blick habe. Ich will nicht in die Versuchung kommen, die Pistole zur Hand zu nehmen, um mich an sie zu klammern.

Noch eine Minute, dann ist Sigurd Fürst tot und alles vorbei. Ich werde wieder aufatmen können und endlich für heute Ruhe haben. Für morgen steht mein Vorsatz fest. Ich werde zu dieser unerträglichen Stunde einen Spaziergang machen. Genügend weit weg von hier. Oder ich setze mich wieder in den Gastgarten meines Heurigen. Eine Dose Katzenfutter auf meinem Tisch muss ich ja nicht mehr befürchten.

Das Telefon klingelt. Wenn es nur Tiffany ist. Es würde mir schon genügen, ihr Atmen zu hören. Ich hebe ab und nenne meinen Namen. Die Antwort ist wie schon gestern Stille. Wie schon gestern die Todesminute von Sigurd Fürst. Nicht eine Sekunde früher oder später. Und auch dieses Mal ist nur ein leises Knistern zu vernehmen. Ich verzichte darauf, sinnlose Fragen zu stellen. Hier hat sich niemand verwählt, und an einen Zufall glaube ich noch viel weniger. Am anderen Ende der Leitung ist jemand, der mich an etwas erinnern möchte. An einen Augenblick, den ich ohnehin nicht vergessen hätte. Eigentlich kommen nur meine neuen Nachbarn in Frage. Nach meinem Besuch im Prater und dem Verhalten von Nadine mehr denn je. Ich lege auf. Meine Katze miaut, und auf der Pötzleinsdorfer Straße fährt ein Cabrio mit dröhnender Musik vorbei. Danach kommt die Straßenbahn, und eigentlich ist es so wie immer. Trotzdem brauche ich lange, um endlich in die Küche zu gehen und eine Dose für meine Katze zu öffnen.

*

In den Zeitungen wird nach wie vor nichts über das Verschwinden von Vizenz berichtet. Im Justizministerium hat man eben sämtliche Fäden in der Hand, man wird alles tun, um den etwaigen Selbstmord eines Richters nicht an die große Glocke zu hängen. Oder man steht noch heute vor meiner Tür, um mir Handschellen anzulegen. Die Polizei könnte auch kommen, um mich für den Mord an Sigurd Fürst zu verhaften. Nur, meine Lage hat auch ihren Reiz. Ich befinde mich im Kampf gegen Obrigkeiten und Mächte. Ich muss keine langweiligen Prozesse mehr leiten, sondern kann ein aufregendes Leben führen. Vor allem aber beweise ich Mut. Nicht jeder Mensch schafft es, einen anderen umzubringen. Während die meisten sich vor ihren Feinden ducken, habe ich mich gegen Sigurd Fürst gewehrt.

*

Heute ist noch nichts geschehen, und es ist auch keine große Aufgabe zu bewältigen. Diese Leere führt dazu, dass meine Gedanken kreisen. In meinen gestrigen Praterbesuch mischen sich Erlebnisse aus längst vergangenen Tagen in der Geisterbahn und im Autodrom. Natürlich bin ich als Kind oft in beiden gefahren, aber meine Bilder sind von gänzlich anderer Natur. Ich erkenne Männer in Uniformen, das Riesenrad hat noch alle Gondeln. Bei Kriegsende sind viele von ihnen verbrannt. Nur habe ich damals noch nicht gelebt. In meiner Erinnerung ist die Welt von damals schwarzweiß und findet auf einem aufgehängten Leintuch statt. Das Zauberwort heißt Pathé. Ich höre dazu das Rattern einer Maschine und sehe den Stolz im Gesicht des Vorführers. Er war auch der Mann mit der kleinen Kamera.

Das Zimmer meines Vaters betrete ich nur ungern, und ich scheue mich noch immer, es endlich aufzuräumen. Seit Jahren nehme ich mir vor, seine Hinterlassenschaft in Ordnung zu bringen, aber entweder hat mir dafür die Zeit gefehlt oder der Mut. Ich müsste seine Dinge berühren, und bestimmt würden wenig angenehme Erinnerungen wach, ja vielleicht kämen sogar bedrückende Erkenntnisse ans Licht. Aber in diesem Moment geht es mir nur um die roten Kartons in seinem Schrank. Wenn ich hier etwas suchen musste, habe ich an ihnen immer vorbeigesehen, um schnell wieder diesen düsteren Raum zu verlassen. Aber jetzt nehme ich den kleinen Stapel an mich, und schon leuchten mir französische Schriftzüge und Pathé entgegen.

Ich erkenne die blechernen Spulen wieder, den eigenartigen Geruch der Filme. Er führt mich sechzig Jahre zurück, in eine Zeit, in der die Abende mit den Vorführungen zu meinen größten Erlebnissen gehörten. Doch ich werde sie nicht wiederholen können, da mir das Wichtigste dafür fehlt, ich besitze keinen Projektor, um die Bilder lebendig werden zu lassen. Vielleicht liegt er im Keller unter dem Skelett des Unbekannten. Ich muss also den schmalen Film mit der Hand abrollen und ihn gegen das Fenster zu halten. Die Bildchen sind nicht größer als der Nagel meines kleinen Fingers, und ich erkenne nur helle und dunkle Stellen. Auch die Brille meines Vaters hilft mir nicht weiter, wohl aber seine Lupe, die ich als Kind nie anfassen durfte. Jetzt heißt es nur noch, ein genügend starkes Licht zu finden. Eine Glühlampe ist zu heiß, aber das Neonlicht meiner Schreibtischleuchte ist dafür wie geschaffen.

Schon das erste Bild erscheint mir wie eine Offenbarung. Das Riesenrad mit seinen sämtlichen Gondeln steht vor mir. Ich schenke mir ein Glas Bordeaux ein und lege eine meiner ältesten Platten auf. Caruso singt zwar von Neapel, aber sein Lied passt zum Prater. Mein Kino ist bestimmt das kleinste der Welt, und die Bilder laufen auch nicht, aber das Wunder ereignet sich trotzdem. Ich ziehe den Filmstreifen immer weiter, halte bei jeder neuen Szene an, sehe die Menschen zwischen den riesigen Hochschaubahnen aus Holz und in den Booten auf den kleinen Seen wie für einen Augenblick erstarrt, und blicke in eine Welt, die es kaum noch gibt. Nicht viele der lachenden Soldaten in ihren Uniformen werden noch leben, und auch die Frauen mit ihren einst modischen Hüten dürften schon auf den Friedhöfen liegen. In dem einen oder anderen Menschen glaube ich einen Verwandten zu erkennen, kurz sogar meine Eltern. Dann müssten sie schon Jahre vor meiner Geburt zumindest Freunde gewesen sein.

Ich sehe einen lachenden Offizier, eine Frau im Autodrom. Aber sie winkt nicht mir zu, sondern dem Mann mit der filmenden Kamera. Er interessiert mich auch mehr als alle anderen. Wer ist er? Warum liegt er in unserem Keller? Wie ist er zu Tode gekommen?

 

Auf jeden Fall hatte der Unbekannte aus der Gruft ein gutes Auge. Dank seiner Kamera durchwandere ich den Prater und werde von Bild zu Bild bereichert. Mit einem Einblick in eine Zeit, in der mehr getötet wurde als jemals zuvor. Trotzdem lachen und strahlen die Menschen. Das liegt an den Lustbarkeiten, aber auch an den frühen Jahren des Krieges. Statt selbst zu sterben, durfte man noch siegen. Geht es mir ähnlich, und steht mir das große Grauen erst bevor? Auf mich werden zwar keine Bomben fallen, aber früher oder später werde ich zur Rechenschaft gezogen werden. Trotzdem wird mich auch dieser Gedanke nicht davon abhalten, weiterzumachen. Die Umstände zwingen mich dazu, und jetzt muss ich mich noch mehr verteidigen als zuvor. Der Tod von Sigurd Fürst war eine unvermeidbare Notwendigkeit. Ich bereue nichts, ich würde es wieder tun. Außerdem ist es auch für Tiffany geschehen.

Wo ist sie, wo bleibt sie nur? Warum ruft sie mich nicht an? Ich könnte ihr Ratschläge geben, wie in dieser Situation am besten zu verfahren ist. Ich hoffe nur, dass sie keine Einwände oder Bedenken gegen eine Feuerbestattung ihres Tyrannen hat. Die Kugel in seinem Kopf muss zu einem Nichts geschmolzen werden, ansonsten würde immer eine letzte Zeugin in der Erde liegen. Aber Tiffany droht ja auch noch der Wahnsinn der Ausstellung im Justizpalast. Sie war dem verstorbenen Künstler am nächsten. Die ehrwürdigen Herren aus diesem Haus werden sie nach vorne schieben, die Meute der Journalisten über die schöne Frau herfallen. Tiffany wird öffentlich trauern und weinen müssen. Es genügt ja schon, dass sie es wahrscheinlich ist, die den Toten zu identifizieren hat. Ist es bereits geschehen? Warum wird so gut wie nichts über den tragischen Unfall des einstigen Malergenies berichtet? Auch Vinzenz kommt in den Zeitungen noch immer nicht vor, als hätte es ihn nie gegeben.

Man erstickt mich mit Stille. Nicht nur jeden Abend am Telefon, auch die Polizei bedient sich dieser Folter. Nadine wendet sich ebenfalls von mir ab, aber auch alle anderen sind hinter dem Vorhang verschwunden, und ich stehe alleine auf der Bühne. Es genügt mir nicht, mit meiner Katze zu reden, die immer wilder mit dem Filmstreifen spielt, der sich auf dem Fußboden zu einem kniehohen Berg entwickelt hat. Ich höre deswegen auch auf, die lange Schlange noch weiter abzurollen, und es schmerzen mich inzwischen auch die Augen vom Betrachten der winzigen Bildchen. Außerdem haben mich die Menschen im Prater von damals wehmütig gemacht. Weil die meisten von ihnen inzwischen Skelette sind, wie der Unbekannte in unserem Keller. Es wäre besser gewesen, ihm nicht zu begegnen. Aber nun sehen mich seine Augenhöhlen an, und ich schaffe es nicht, ihn in seinem Grab zu lassen. Mein Vater wird den Mann mit der Kamera nicht ohne triftige Gründe in unserem Gewölbe bestattet haben. Und ich suche, wühle im Keller, grabe alte Filmrollen aus und glaube, ein dunkles Familiengeheimnis erforschen zu müssen. Dabei habe ich doch selbst eines, das nicht zu überbieten ist. Sigurd Fürst sollte mir eigentlich genügen.

Seit seinem Tod kommen die Abende immer langsamer heran. Doch heute werde ich nicht auf die Wiederkehr seiner letzten Stunde warten, sondern das Haus rechtzeitig verlassen. Noch habe ich etwas Zeit, und das ist auch gut so, denn Bonjour muss noch gefüttert werden, und die vielen Zeitungen sind ebenfalls durchzublättern. Ich kaufe sie natürlich an den verschiedensten Stellen, um mich mit meiner Neugier nicht verdächtig zu machen. Meinen Kiosk habe ich seit dem Unfall von Sigurd Fürst nicht mehr betreten. Die Frau dort würde auf den Tod des Motorradfahrers vor meinem Haus zu sprechen kommen, und sie ist eine gute Menschenkennerin. Es wäre mir unmöglich, mich ausreichend zu verstellen. Außerdem weiß sie besser als jeder andere über alles Bescheid, was nicht in den Zeitungen steht. Entweder liest sie zwischen den Zeilen, oder die Gute merkt sich jedes Wort ihrer Kunden. Zudem versteht sie es prächtig, Verborgenes und Geheimnisse aus ihren Kunden herauszulocken. Mich soll sie als Spaziergänger auf der Straße sehen, aber nicht in ein gefährliches Gespräch verwickeln.

Es ist so weit. Noch bevor Sigurd Fürst oben zwischen den Villen auftauchen kann, werde ich mein Haus verlassen. Während meiner nächtlichen Wanderschaft soll mein Telefon meinetwegen eine ganze Stunde läuten. Heute wird niemand abheben, der Stille zuhören und sich Gedanken machen. Ich bin ein freier Mann und werde tun, was mir beliebt. Auch wenn es mich ein wenig stört, noch immer von Sigurd Fürst gejagt zu werden. Aber streng genommen ist es nicht der Tote, der mich aus meiner Villa treibt, sondern ein noch lebender Mensch, der über mich offensichtlich zu viel weiß und glaubt, mich durch lächerliche Anrufe mürbe machen zu können.

Ich will eben mein Zimmer verlassen, als es klopft. Nadine steht vor der Tür. Es bleibt mir gerade noch Zeit, meine Jacke für den abendlichen Spaziergang auf die vielen Zeitungen zu legen, das steht die Dame aus dem Prater schon neben mir. Sie hat mir auch ein Geschenk mitgebracht. Eine Flasche Champagner, die sonst nur Gäste in ihrem Etablissement gewinnen könnten, aber ich bekäme sie ohne jede Tombola, allein für meine Herzlichkeit. Max habe ihr den ganzen Abend von den Skeletten in der Geisterbahn vorgeschwärmt und sei kaum ins Bett zu bringen gewesen.

Nadine setzt sich. Ich blicke hinter ihrem Rücken auf die Uhr. Bis zur Todesminute von Sigurd Fürst ist nicht mehr viel Zeit, und es sieht aus, als wollte meine neue Nachbarin sie mit mir verbringen. Ich werde sogar nach einem Glas Wein gefragt und ob man hier rauchen darf. Ich schenke Nadine ein und gebe ihr Feuer. Dabei zittert meine Hand, und sie hält sie fest. Sie gesteht mir, eigentlich aus einem noch anderen Grund gekommen zu sein. Mein Besuch in ihrem Etablissement gestern Nachmittag sei überraschend gewesen, ich hätte sie ausgerechnet bei einem unvollkommenen Auftritt erwischt. Sie habe die Marlene Dietrich noch nicht wirklich im Griff, und vor einem wie mir müsste sie sich dafür schämen. Deswegen sei sie so überstürzt abgetreten, und nicht meinetwegen. Ganz im Gegenteil, Gäste wie mich hätte sie am liebsten, und ich sei ihr immer herzlich willkommen.

Nadine sieht mich an. Sie spürt, dass ich ihr nicht glaube. Nichts an ihr stimmt. Weder das Gerede über Max noch die peinliche Erklärung, warum sie plötzlich hinter dem Vorhang verschwunden ist. Ich habe ihr zwischen Whitney Houston und Sinatra einen Schrecken eingejagt, auch jetzt hat sie Angst vor mir. Und ein schlechtes Gewissen. Immerhin ist sie die Frau eines Mörders. Oder eine, die von meinem Verbrechen weiß. Vielleicht hat sie sogar vom Auto aus meinen gestreckten Arm im Augenblick des Schusses gesehen. Auf jeden Fall ist sie nicht hier, um über die Dietrich zu reden. Noch dazu in dieser Stunde, in der Sigurd Fürst sein Leben lassen musste. Jetzt fällt sie bereits aus der Rolle der Ahnungslosen und blickt immer wieder heimlich und verstohlen durch mein Fenster auf die Straße. Wie ich. Nur Bonjour hat heute kein Interesse und schläft. Auf meinem Sofa, zwischen dessen Polstern meine Margolin auf ihren nächsten Einsatz wartet.

Aber ich werde Nadine nicht erschießen. Es ist für mich aufregend genug, dass in wenigen Minuten der Tod von Sigurd Fürst zum dritten Mal wiederkehrt. Deswegen ist diese Frau auch hier. Sie will sehen, wie es mir dabei ergeht. Das Duo Sebastian und Nadine ist mir auf den Fersen. Zwei Mörder jagen einen dritten. Dabei war ich doch der erste. Ohne meine Kugel im Kopf eines Motorradfahrers müsste meine Nachbarin jetzt nicht an meinem Tisch sitzen und den teuren Rotwein trinken. Sie entdeckt auch den Helm ihres Sohnes und hat sogar einen Einfall dazu. Max habe keine Freunde, ich sei sein einziger, mich möge er sogar mehr als seinen Stiefvater.

Ich nehme Nadine gegenüber Platz, um nicht dauernd aus dem Fenster schauen zu müssen. Es genügt, wenn ich ihr in die Augen sehe. Sie erzählen mir zwar nichts über die Gedanken meiner Besucherin, aber ihr wiederholter Blick nach draußen verrät mir vieles. Ich höre von den Sorgen mit ihrem Sohn und seinem Schulbeginn in einem Monat. Er habe Angst davor und würde am liebsten zu Hause bleiben. Nadine greift wieder nach meiner Hand, so wie sie es bei ihren Gästen wahrscheinlich täglich hunderte Male tut. Ob ich denn Max nicht gut zureden und mich als Beispiel zeigen könne. Er müsse ja nicht gleich Richter werden, aber zumindest irgendein Akademiker, der Erste in der Familie.

Ich antworte nicht, und sie verstummt. In der Stille warten wir beide auf dasselbe. Ein Motorradfahrer muss herankommen und sterben. Dann können wir weiterreden. Noch aber haben wir einander zu belauern. Sogar die letzten Vögel im Garten haben ihre Gesänge beendet. In diesem Augenblick ist auch von der Pötzleinsdorfer Straße so gut wie nichts zu hören. Nur ein Hund bellt irgendwo, und ein Mann hustet weit entfernt. Auf die Sekunde genau schrillt das Telefon.

Nadine sieht mich an, und ich sehe sie an. Aber ich kann nicht erkennen, ob sie von diesen Anrufen wirklich etwas weiß. Es läutet nochmals und dann wieder. Wozu soll ich aufstehen und abheben, wenn ich ohnehin wieder Stille am anderen Ende der Leitung zu erwarten habe? Noch dazu dieses Mal unter Beobachtung, und es liegt sogar nahe, dass Nadine deswegen hergekommen ist. Vieles spricht dafür. Was ist einfacher, als mich auf diese Weise in die Zange zu nehmen. Sie sitzt gemütlich bei meinem Bordeaux, während ihr Mann meine Nummer wählt und mich dann mit seinem Schweigen quält. Das Schrillen hört nicht auf, und es scheint sogar immer lauter zu werden. Inzwischen blickt mich auch Nadine auffordernd an, ich warte nur auf ihre Bemerkung, ob ich denn nicht abheben wolle. Ich könnte lügen und behaupten, mich und uns jetzt nicht stören lassen zu wollen, doch die Möglichkeit dazu habe ich gar nicht, denn Sebastian oder wer auch immer lässt nicht locker. Lächelt Nadine, weil sie sieht, wie ich kapituliere und aufstehen muss?

Ich versuche, den Hörer ohne Zittern zu halten, und weiß noch nicht einmal, wie ich mich verhalten soll. Wie erwartet ist wieder nur Stille zu vernehmen, doch dieses Mal habe ich mitzuspielen. Ich frage, wer da ist, wiederhole meinen Namen, fordere den Anrufer auf, sich zu melden. Dabei lasse ich Nadine nicht aus den Augen, und auch sie sieht zu mir her. Mein Auftritt ist um vieles jämmerlicher als ihre Marlene Dietrich, und das Schlimmste steht mir noch bevor. Was sage ich, wenn ich mich wieder setze? Rede ich von einer falschen Verbindung oder dass mit meinem Telefon irgendetwas nicht in Ordnung ist? Ich zögere es hinaus, den Hörer aufzulegen, und trotzdem fällt mir nicht ein, wie es weitergehen könnte. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses einseitige Gespräch zu beenden. Doch ich schaffe es nicht, wieder an den Tisch zu gehen und mich Nadine zu zeigen. Frauen können in Gesichtern wie in Büchern lesen, und diese hat noch mehr Lebenserfahrung als die meisten anderen.

Während ich die eine Gefahr vermeide, begebe ich mich unversehens in eine noch größere. Denn ich stehe am Fenster und sehe hinaus. Zwar zeige ich Nadine meinen Rücken, aber mit meinem Blick auf den Ort des Todes verrate ich mich wahrscheinlich noch viel mehr. Sie weiß, dass ich ihr nach diesem Anruf nicht in die Augen schauen kann und sogar Zuflucht bei meinem Verbrechen suche. Bestimmt lasse ich wie ein überführter Angeklagter die Schulter hängen. Auch meine Stimme wird zaghaft und brüchig sein. Deswegen schweige ich noch wie der Anrufer und hoffe, dass Nadine mir hilft. Oder sich verrät. Warum gesteht sie mir nicht die Fahrerflucht ihres Mannes? Oder sie sagt mir geradeheraus, dass wir uns verbünden müssen, wenn wir allen Nachforschungen der Polizei standhalten wollen. Sebastian und ich sind Mörder, da liegt es doch nahe, als verschworene Gemeinschaft auf ewig allen Anfechtungen zu trotzen. Dann wäre ich nicht mehr allein, und auch die Schuld am Tod eines Menschen wäre gemeinsam leichter zu tragen. Wir würden zwar aufeinander angewiesen sein, aber das könnte sogar für eine gute Nachbarschaft hilfreich sein.

Doch Nadine schweigt. Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich zu meiner Feindin umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen. Aber vielleicht hat sie auch mit dem Anrufer nichts zu tun. Dann bleibt sie immer noch die Frau eines Fahrerflüchtigen, der selbst Hilfe braucht, mehr noch als ich. Wenn man mich nicht mit meiner Margolin gesehen hat, hält er sich für den einzigen Schuldigen am Tod von Sigurd Fürst. Dann hätte ich alle Fäden in der Hand, und die Familie Grohmann müsste vor meiner Zeugenschaft zittern. Ist Nadine deswegen hier?

Doch sie macht mir weder ein Angebot, noch verrät ihr Blick Triumph. Sie macht nur die Bemerkung, dass ein Telefon ein Quälgeist sein kann, vor allem Anrufer, die sich verwählen und dann nicht melden, aber sie verrät mir dadurch nichts. Ich weiß so viel wie vorher, und nach wie vor ist alles möglich. Nadine trinkt, ohne zu zittern, und ist mir auch in dieser Hinsicht überlegen. Wann fängt sie endlich an, über den Unfall vor meinem Haus zu reden, über ihren betrunkenen Mann am Steuer und die verbrecherische Fahrerflucht? In der Pötzleinsdorfer Straße passiert so gut wie nie etwas, und trotzdem fällt kein Wort über den Tod eines Menschen und ein zertrümmertes Motorrad.

Nadine trinkt, und ich schenke ihr nach. Sie lobt meinen Bordeaux und möchte bald meinen Weinkeller sehen. Vielleicht wartet auch sie darauf, dass ich den Unfall zur Sprache bringe. Doch nichts geschieht. Weder von mir noch von ihr. Wir tun, als hätte es da draußen nie einen tot daliegenden Motorradfahrer gegeben, und als würden wir seine Mörder nicht kennen. Ich bin dabei in der noch viel schlechteren Lage. Zwei gegen mich. Rechnet man die Lakaien der beiden dazu, steht mir ein ganzes Heer gegenüber. Aber zugleich festigt sich in mir der Eindruck, dass Nadine aus Sorge um sich selbst und ihren Trunkenbold gekommen ist. Vielleicht zittert das schöne Paar sogar vor mir, und ich sehe es nur nicht. Was würde man mir bieten, um wie viel könnte man mich kaufen?

Wenn ich nur nicht das Gefühl hätte, dass mir Nadine voraus und überlegen ist. Sie zwingt mich fast dazu, mir demnächst ein Gewehr mit Zielfernrohr in meinem Waffengeschäft zu besorgen. Oder ich frage Boris Makarowitsch ein weiteres Mal um seinen Rat. Bei solcher Gelegenheit könnte ich mich auch gleich für die gelungene Hinrichtung von Sigurd Fürst bedanken. Er hat mich bestens gelenkt, ich habe die Dinge nur ausgeführt. So gesehen, wurde mein Eindringling von drei Leuten beseitigt. Eigentlich von vier. Denn vermutlich war auch Nadine beim Zusammenprall mit dem Motorrad im Auto. Woher sonst würde der noch nicht verheilte Riss an ihrer Stirn stammen, der mir schon die ganze Zeit ins Auge fällt. Entweder ist sie gegen die Windschutzscheibe geprallt, oder sie hat sich ihr hübsches Köpfchen am Rückspiegel zerschnitten. Sie merkt jetzt meinen Blick, greift sich rasch ins Haar und zeiht eine Strähne über das Mal. Die Sorge um ihre Schönheit hat sie verraten.

Ich atme auf. Die Erleichterung ist so groß, dass ich mich am liebsten jetzt mit dieser Frau betrinken würde. Nadine und Sebastian, sie gehören mir. Da nützt es den beiden auch nichts, wenn sie täglich bei mir antreten oder noch tausend Mal meine Nummer wählen, um mich mit Schweigen am Telefon einzuschüchtern. Man hat Angst vor mir. Jetzt bin ich mir sicher, man hat nicht das Geringste von meiner Margolin gesehen.

Nadine fühlt sich nicht mehr wohl an meiner Seite und gibt vor, gehen zu müssen. Entweder hat sie mir meinen Triumph angesehen oder ihren eigenen Fehler erkannt. Sie holt ein glänzendes Handy aus der Tasche und ruft ein Taxi. Ich höre mit unbändiger Lust die Lüge, die nun folgt. Sie fahre nie, wenn sie etwas getrunken habe. Doch die nächste Bemerkung überbietet alles. Sie könne heute gar nicht ins Auto steigen, weil es ihr vor einer Woche gestohlen worden sei. Ich blicke sie überrascht und fragend an. Nadine nickt, wie ihr Sohn Max, und sie wiederholt den dreisten Schwindel.

Jetzt weiß ich endlich, warum sie gekommen ist und wie ihre Botschaft heißt. Ich bin nahe daran, sie auf das Sofa zu werfen und ihr die Margolin an den Kopf zu setzen. Ihr vor dem Abdrücken noch ins Gesicht zu schreien, dass sie mich nicht für dumm verkaufen soll. Aber dann hätte ich eine Leiche in meinem Zimmer, und die beiden im Keller genügen mir vollauf.

Nadine verabschiedet sich mit einem Kuss auf meine Wange. Sie wünscht mir eine gute Nacht und eilt durch den Garten hinaus zum wartenden Taxi. Sie schafft es aber nicht, einzusteigen, ohne einen Blick auf den Tatort zu werfen, sogar so lang, dass der Fahrer sich nach ihr umwendet und ungeduldig wird. Er kann nicht wissen, was diese Frau jetzt sieht. Bestimmt hört sie auch den Zusammenstoß und wie das Motorrad gegen das Wartehäuschen prallt. Erst wenn alles wieder still ist und sich nichts mehr regt, sind wir erlöst. Aber nur kurz, denn der Tod von Sigurd Fürst wird sich noch oft wiederholen. Das hätte ich bedenken müssen. Wie viele Fehler habe ich noch gemacht? Kommt jeden Tag ein weiterer auf mich zu?

*

Auch der neue Tag lässt mich nicht in Ruhe. Doch anders als Nadine ist mir die Frau auf der Straße vor meinem Haus willkommen. Ich musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass es Tiffany ist. Noch scheint sie mich nicht bemerkt zu haben, weil ich hinter den spiegelnden Fensterscheiben stehe. Sie ist auch nicht gekommen, um mich zu besuchen, sondern seinetwegen. Im Wartehäuschen entdeckt sie die niedergebrannte Kerze für den tödlich Verunglückten, und vom Asphalt zwischen den Schienen des 41ers leuchten ihr die letzten Reste der Kreidestriche entgegen. Autos müssen bremsen, um sie nicht auch noch zu überrollen. Bei den Flecken auf dem Boden scheint sie nicht zu wissen, ob sie vom Blut stammen oder von ausgeronnenem Benzin.

Ich könnte es ihr sagen. Hier hat er gelegen. Aber das Schwein ist nicht verblutet, sondern dürfte gleich tot gewesen sein. Der an mich damals heranrollende Helm ohne Visier und das zerrissene Motorrad sprechen dafür. Aber auch der reglose und verbogene Körper, der unter dem schweren Wagen meiner neuen Nachbarn zum Vorschein gekommen ist.

Tiffany ist nicht allein. Ihr Hund läuft wie verrückt an dem Ort herum, an dem sein Herrchen verstorben ist. Er scheint um ihn mehr zu trauern als meine zukünftige Geliebte, denn sie hat auch noch etwas anderes als Sigurd Fürst im Kopf. Ihr Blick auf mein Haus ist jedoch unauffällig, und das ist auch gut so, denn zu verbergen gibt es genug. Wenn sie nur jetzt nicht auf den Gedanken verfällt, mich zu besuchen, nachdem sie schon in meiner Nähe ist. Aber Tiffany lässt sich von ihren Gefühlen und ihrer Leidenschaft nicht hinreißen, sondern tut das einzig Vernünftige. Sie stellt sich in den Schatten und greift zum Telefon. Endlich kann ich den Hörer abheben, ohne die Angst vor einem anonymen Anrufer haben zu müssen. Anfangs schweigt auch sie, aber sie schenkt mir ihr Atmen und dann ein Wort, das mich vor Glück fast zerspringen lässt. Danke. Es wäre zwar nicht notwendig, aber trotzdem blickt sie auf den Platz meines Verbrechens. Ich muss mich aufs Äußerte beherrschen, um nicht zu antworten und ihr eine Liebeserklärung zu machen. Doch auch ich habe genug Besonnenheit, um uns nicht der mithörenden Polizei auszuliefern.

Aber Tiffany hat noch ein zweites Wort für mich. Palmenhaus. Jetzt sieht sie mich direkt an und macht mir mit ihrer Hand ein Zeichen, der eine Fingerzeig heißt drei, der andere heute. Obwohl wir noch stumm sein müssen, verstehen wir einander jetzt schon bestens. Auch ihr Hund scheint mich zu mögen. Er schlüpft durch die angelehnte Tür in meinen Garten und wühlt sich durch das Dickicht. Es gefällt mir allerdings schon weniger, dass er an meinem alten Apfelbaum stehenbleibt und am Grab von Moritz schnüffelt. Vielleicht habe ich doch zu wenig Kalk auf die Reisetasche mit dem Kadaver gestreut, oder ein Hund riecht einen anderen immer, trotz Erde dazwischen. Tiffany ist so nett, den Störenfried zu sich zu rufen. Er heißt Akim, und alle lauschenden Beamten können sich jetzt ihre Gedanken machen. Sie legt auf, ohne uns mit einem weiteren Namen zu verraten. Ich habe den Hörer des Telefons noch länger an meinem Ohr. Doch nicht nur, weil ich mich von Tiffany schwer trennen kann, sondern weil ein Knistern nachklingt, das ich kenne. Aber wahrscheinlich haben es alle Verbindungen mit Handys an sich, nicht ganz frei von Störungen zu sein. Ich habe bisher nur nicht darauf geachtet.

*

Der Weg zum Palmenhaus in Schönbrunn führt an Gärten vorbei, die anders als meiner gepflegt sind, aber auch gegen die Natur zurechtgeschnitten. In dem Palast aus Stahl und Glas ist es noch heißer als draußen, und die schwere Luft lässt einen fast ersticken. Natürlich bin ich zu früh, mit Tiffany kann ich erst in einer Viertelstunde rechnen. Selbst wenn sie sich verspätet, ich würde ewig auf sie warten. Es schadet mir auch nicht, inmitten von hunderten exotischen Pflanzen die verschlungenen Tunnel zu durchwandern und auf eine Blüte zu warten. Doch Tiffany ist mehr als eine Orchidee, an ihr stimmt alles. Sogar der Ort unseres heimlichen Treffens. Ich hätte einen Brückenkopf an der Donau vorgeschlagen, sie führt mich stattdessen ins Paradies. Dafür bleibt es mir überlassen, wo wir ungestört über alles reden werden. Stühle gibt es hier einige, doch die weiße Bank vor mir scheint für unser Rendezvous wie geschaffen. Hier werden wir sitzen. Nebeneinander.

 

Aber noch ist von Tiffany nichts zu sehen. Die Schwüle im Palmenhaus bringt mich fast zum Ersticken. Ich komme kaum nach, mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, er brennt in meinen Augen. So werde ich Tiffany jetzt kaum beeindrucken können, ich kann nur hoffen, sie hält mich nicht für kurzatmig und alt. Natürlich war Sigurd Fürst jünger und noch dazu Künstler. Ich aber habe meine ganze Existenz für eine Frau aufs Spiel gesetzt, ihretwegen gemordet, und ich wäre auch bereit, noch ein weiteres Mal zuzuschlagen. Doch von der Bedrohung durch Sebastian und Nadine werde ich ihr nichts erzählen, es genügt, wenn ich mir Sorgen mache und uns beschütze. Außerdem gibt es so viel anderes zu bereden. Wie lange bleiben wir einander noch fern? Tauchen wir dann als Paar plötzlich auf, oder verharren wir im Untergrund, weil es uns dort auch gefällt? Ich kann mir ein Leben mit Tiffany in meinem Haus und in meinem Keller gut vorstellen, und es wäre für mich kein Problem, alle Annehmlichkeiten der Welt zu uns zu holen.

Aber sie ist noch jung und wird ausgehen wollen, Feste besuchen und tanzen. Es wird mir viel einfallen müssen, um diese schöne Frau zu fesseln. Anders als Sigurd Fürst werde ich sie weder einsperren noch bedrohen. Am ehesten wird sie vermutlich bei mir bleiben, wenn ich ihr alle Freiheiten lasse und für sie ein Fels in der Brandung bin, zu dem sie immer zurückkehren kann. Auf keinen Fall darf ich etwas überstürzen und sie verschrecken. Es könnte sogar ein Glück sein, dass ich sie jetzt aus Rücksicht auf polizeiliche Untersuchungen nur ab und zu treffe. Am besten, sie käme in meine Villa. Wie hier gibt es auch dort Grün und hoch wachsende Pflanzen, und in den Gewölben kühle Luft zum Atmen und edle Weine für die schönsten Stunden.

Tiffany hat mich schon von draußen gesehen. Durch die gläserne Wand winkt sie mir zu, und sie ist auch allein. An ihren Hund werde ich mich auch noch gewöhnen müssen, mehr noch aber meine Katze. Trotz meiner Liebe zu Tiffany hätte Bonjour es nicht verdient, beiseite geschoben zu werden. Doch jetzt ist eine der aufregendsten Frauen meine Königin, und sie hält, was sie verspricht. Mit einer Mischung aus Schwung und Grazie kommt sie durch das Dickicht an mich heran und schenkt mir gleich ein großes Lob für meinen Platz. Etwas Schöneres als diese weiße Bank hätte ich nicht finden können. Dabei ist es doch sie, die alles überstrahlt. Mit der schwarzen Perücke sieht sie exotisch aus wie die Pflanzen um uns herum, und aus ihren Kopfhörern kommt die Rockmusik, von der ich mich bei mir zu Hause nächtelang verrückt machen lasse. Sie stellt sie ab, denn für die nächste Zeit brauchen wir nur uns.

Tiffany kennt keine Grenzen, und das gefällt mir an ihr. Trotz Verbots zündet sie sich eine ihrer Bidis an und bläst den Rauch hinauf zu den Nebelschwaden der tropfnassen Luft. Ihr scheint die tropische Hitze nichts auszumachen, und sie gesteht mir auch gleich, öfter hier zu sein. In diesem Palast finde sie einen Hauch von Glück, auch wenn man ein Glashaus niemals mit Malaysia vergleichen könne. Denn das Entscheidende gäbe es hier nicht. Die unglaubliche Freiheit und die wohltuende Ferne von Wien. Sigurd hätte fast ihr Leben zerstört, aber dieses Land in Asien verdanke sie ihm. Er habe ihr zwar auch noch viele andere Dinge gezeigt, doch die meisten davon seien Abgründe gewesen. Nun sei alles anders, und man könne von vorne anfangen.

Wie spricht man von einem gemeinsamen Mord? Ich weiß es nicht, und sie auch nicht. Deswegen schweigen wir noch darüber und reden von Akim und Bonjour. Tiffany erzählt mir dasselbe wie schon einmal und wie sie es auch Vinzenz gegenüber getan hat. Sie möge Katzen noch mehr als Hunde. Diese wunderbaren Wesen seien geheimnisvoll und täten einfach das, was sie wollten. Ihr Akim dagegen laufe brav neben ihr her und gehorche Befehlen. Trotzdem liebe sie ihn, und er sei ein guter Jäger. Mancher Waldspaziergang habe mit einem erlegten Hasen geendet, und einmal wäre er sogar beim Wildern fast erschossen worden.

Tiffany hält inne und sieht mich an. Ein Wort ist gefallen, und wir werden dem Grund unseres heimlichen Treffens nicht länger ausweichen können. Sie sagt nochmals danke. Ich sehe die Erleichterung in ihren Augen, die Aussicht auf ein neues Leben, und Angst wird sie auch keine mehr haben müssen. Am liebsten hätte ich gesagt, gern geschehen. Und geschehen ist es wirklich, ich habe es hinter mir. Wir haben es hinter uns. Auch wenn noch nicht alles ausgestanden ist. Aber die vor uns liegenden Klippen und Berge werden zu zweit angegangen. Schade nur, dass wir die Dinge nicht in meinem Haus besprechen können. Wir werden uns weiterhin an unauffälligeren Orten treffen müssen, doch das Palmenhaus wird mich nicht mehr sehen. Aber während ich kaum noch atmen kann, ist Tiffany voller Frische und scheint hier sogar noch mehr aufzublühen. Sie ist eben eine Orchidee.

Ich erfahre von den schrecklichen Minuten, die sie in den letzten Tage durchlebte. Sie musste sich in die Kälte des Leichenschauhauses begeben. Natürlich war der Tote vom Motorrad Sigurd, wer sonst. Aber ein Führerschein allein ist nicht Beweis genug, mit diesem zerschmetterten Gesicht hätte es jeder sein können. Sie jedoch hat ihn sofort erkannt, an den Schultern und dem gekräuselten Haar auf seiner Brust. Tiffany lächelt. Erinnert sie sich an die Liebesnächte mit meinem Feind? Ich könnte ihr erzählen, dass man die Identität von Sigurd Fürst bestimmt auch anhand seiner Fingerkuppen feststellen hätte können, gibt es doch die Abdrücke in allen Akten. Aber Tiffany kommt meinen Überlegungen zuvor. Sie habe sich tief über Sigurd beugen und sein Gesicht lange betrachten müssen, um zwischen den grausamen Verletzungen das kleine Loch zu entdecken.

Damit stehe ich als der wahre Täter fest, ich muss Tiffany nichts mehr erklären oder beweisen. Nicht ein daherrasendes Auto hat ihren Peiniger beseitigt, sondern ich war es. Ich. Der Mann neben ihr. Sie wird gar nicht anders können, als mich zu mögen. Leicht kann aus einer solchen Mischung von Dankbarkeit und Sympathie so etwas wie Liebe entstehen, und ich werde alles tun, damit sie wächst und immer wahrer wird. Andere erobern Frauen mit Komplimenten und Luxus, ich habe meiner Tiffany die Freiheit geschenkt. Es gefällt mir auch, wie sie die Dinge sieht und ohne große Aufregung oder gar Hysterie darüber reden kann. Wir sind zwar nicht Bonnie and Clyde, aber doch ein verschworenes Paar, das bis an sein Ende zusammenhalten wird. Wäre ich weniger verschwitzt, würde ich die schöne Frau an meiner Seite jetzt umarmen und ihr ins Ohr flüstern, dass ich für sie auch noch andere Morde begehen könnte. Wer soll der Nächste sein, von wem ist sie bedrängt oder auch nur beleidigt worden?

Ich beherrsche mich, weil wir trotz der wenigen Besucher hier auffallen könnten, und weil Tiffany es vielleicht auch noch nicht will. Es genügt mir, ihre glücklichen Augen zu sehen, die nachwachsenden Haare unter ihrer Perücke, und den Duft der Bidi zu riechen. Bald wird er mein ganzes Haus durchströmen, und auch für das Pärchen Akim und Bonjour werden wir eine Lösung finden. Wie viel Glück kann es geben, wenn ein Störenfried beseitigt ist! Aber noch ist Sigurd Fürst nicht ganz verschwunden, denn Tiffany denkt daran, ihn nach alter Sitte begraben zu lassen. Ich rate ihr zur Feuerbestattung, erwähne aber mit keinem Wort das Problem des Projektils. Sie soll nicht alles wissen, um im Fall der Fälle nicht in das Verderben hineingezogen zu werden.

Tiffany wendet sich mir mehr und mehr zu, rückt sogar noch näher an mich heran. Ich denke schon an eine Liebkosung, aber sie holt nur etwas aus ihrer Tasche und legt es mir auf den Schoß. Wenn es jemandem gehöre, dann mir. Vorsichtig und aufgeregt schlage ich das Tuch auseinander, sehe zuerst Riemen aus Gummi, dann die Scheide. Sie ist vom Unfall zerkratzt, aber das Tauchermesser selbst hat keinen Schaden erlitten. Sogar das Wrack des Motorrads hätte man ihr übergeben, doch darauf wollte sie gerne verzichten. Diese Trophäe hingegen könne man leicht unterbringen, George Bush habe ja auch Saddam Husseins Pistole in einer Vitrine. Ich bin gerührt und aufs Tiefste bewegt. Jetzt ist mein Feind endgültig besiegt. Ich bin ihm zuvorgekommen, und es war eindeutig Notwehr. Wie leicht hätte mein Blut an der Klinge dieser Waffe kleben können. So aber glänzt sie im Licht des sonnendurchfluteten Palmenhauses. Mühelos durchschneide ich eine über uns hängende Liane, ebenso heimlich, wie Tiffany ihre Bidis raucht.

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, über unsere Zukunft zu reden, aber mir fallen dazu nicht die richtigen Worte ein. Zudem möchte ich nichts überstürzen und Tiffany nicht bedrängen. Nur zu schnell könnte ich wie Vinzenz alles falsch machen bei ihr. Als hätte sie meine Gedanken erraten, fängt sie an, von meinem alten Richterkollegen zu reden, von seinem Pass, seiner Hose, dem Hemd und der Unterwäsche. Ich verstehe nicht, aber Tiffany hilft mir, ruhig und geduldig. Vinzenz könne ja nicht vom Erdboden verschwunden sein, irgendwo müsse er auftauchen, oder wenigstens Reste von ihm. Ein Ausweis an einem Strand etwa sei für sein Ertrinken noch kein Beweis, denn er könnte auch gestohlen sein. Bei Kleidungsstücken würde die Polizei schon eher einen Unfall oder Selbstmord vermuten, und eine Unterhose räume die letzten Zweifel aus. Auch wenn keine Leiche auftauche, würde man die Nachforschungen wohl einstellen.

Ich bin überrascht und fassungslos. Der Plan könnte von mir sein, und auch die Sprache. Sie verwendet Worte wie ich und zieht Schlüsse, die eher von einem Menschen mit juristischen Erfahrungen stammen. Aber das Rätsel ist schnell gelöst. Vinzenz selbst hat ihr von Fällen erzählt, die niemals aufgeklärt werden konnten. Auch ich kann mich erinnern, dass mein alter Freund schon immer ein großes Interesse für verschwundene Menschen hatte. Jetzt ist er selber zu einem solchen geworden, und Tiffany und ich tragen alles dazu bei, dass er bei den Akten landet und nie wieder auftaucht. In zehn Jahren wird man ihn für tot erklären. Seine Leiche liegt dann nicht in meinem Keller, sondern ist den Fischen zum Futter geworden. Dank Tiffany bekommt Vinzenz eine neue und endgültige Geschichte. Auch im Justizpalast wird man mit dieser Lösung des Problems einigermaßen zufrieden sein, die beiden Kriminalbeamten aus dem Penthouse ohnehin. Abschiedsbrief, Unterhose, Meer, der Kreis ist geschlossen.

Ich glaube, dass Tiffany mich für Vinzenz’ Mörder hält. Warum sonst sollte sie die Kleider an einem Ufer ablegen wollen? Sie denkt, ich hätte ihr geholfen, und jetzt hilft sie eben mir. Oder hat ihr Sigurd Fürst gestanden, dass er dem Kerl in meinem Garten ins Auge geschossen hat? Aber wozu macht sie sich dann die Mühe? Ich vermute, sie will einfach Ruhe haben und von Vinzenz und neugierigen Untersuchungsbeamten nie wieder etwas hören. Dennoch will ich von ihr wissen, wo Vinzenz denn ihrer Meinung nach ertrinken solle, und sie erzählt mir von einem Strand bei Kuala Lumpur, an dem sie auf ihrer Fahrt an die abgelegenen Küsten der Insel vorbeikommen werde. In Malaysia gingen immer wieder Touristen verloren, und der Tod von Einheimischen sei an dieser Stelle durch die Mafia und Drogen an der Tagesordnung.

Eigentlich will ich Tiffany fragen, ob sie denn dort keine Angst hätte, aber die Befürchtung, die mich jetzt befällt, wird immer größer. Was hat sie vor? Will sie eine Reise in ein Land unternehmen, das ich nicht kenne, mit einem Mann an ihrer Seite, der meine Träume zerstören könnte? Soll ich wochenlang in der Pötzleinsdorfer Straße vor Sehnsucht vergehen, während sie sich von einem Kerl in den Urwäldern und am Meer lieben lässt? Ich erkundige mich nach ihrem Hotel und wie lange der Flug dorthin dauert. Tiffany macht es mir nicht schwer, sie auszuhorchen. Begeistert erzählt sie mir, dass sie aus den Zeiten mit ihrem Sigurd eine kleine Kolonie von Europäern und Amerikanern kennt. Das Leben dort koste so gut wie nichts, und man erwache jeden Tag im Paradies.

Ich kann mich nicht länger beherrschen und frage sie, ob sie denn diese Reise allein unternehme. Sie lacht mich an, natürlich nicht, Akim würde sie begleiten. Wie durch ein Wunder käme ihr Hund und treuester Freund in seine alte Heimat zurück. Trotz der drückenden Schwüle atme ich auf, aber nur für einen Augenblick. Dann rede ich sofort davon, dass es für Haustiere nicht gut ist, alle paar Wochen in so unterschiedlichen Klimazonen zu leben, und auch die Gefahr vor Infektionen dürfe man nicht unterschätzen. Was, wenn Tiffany erst in zwei oder drei Monaten zu mir zurückkehrt? Bis dahin bin ich tot. Ich kann unmöglich mit zwei Leichen in meiner Villa allein leben. Sie dort, ich hier. Auch wenn Tiffany ohne Begleiter die Reise macht, dort warten unzählige Kerle auf sie. Am besten wäre es, wir würden jetzt aufstehen, dieses gottverdammte Palmenhaus verlassen und zu mir nach Hause gehen. Dort könnten wir uns trotz der Nachbarn und lauernden Kriminalbeamten über alles in Ruhe unterhalten, und es würde mir bestimmt mit genug Bordeaux und viel Caruso gelingen, ihr die abwegigen Pläne auszureden.

Tiffany blickt auf das Dickicht der exotischen Pflanzen und streckt die Arme und ihren schlanken Körper in die Höhe. Ihre Vorfreude ist nicht zu übersehen. Ich entdecke ihr Spiegelbild in einer der Glasscheiben und werde an Max erinnert. Mit ihrer schwarzen Perücke ähnelt sie meinem kleinen Freund mit seinem Helm. Aber die Wirklichkeit ist schrecklicher als alle Schemen an der Wand. Wie lange sie bleiben will frage ich Tiffany. Ich mache mich auf zwei bis drei Monate gefasst, aber sie sagt, für immer, und dass sie in den nächsten Tage von Wien Abschied nehmen werde. Heute noch ein letzter Opernfilm auf der großen Kinoleinwand vor dem Rathaus, den Geruch von Gegrilltem werde sie als Erinnerung mitnehmen und im September all die Orte besuchen, an denen sie glücklich gewesen sei.

Tiffany zählt mir einige auf, ich höre sie nicht. Ich kann nicht begreifen, dass ich auf dieser weißen Bank vernichtet werden soll. Von einer Frau, die mir alles ist, der ich mehr vertraut habe als meinem besten Freund oder meinem Vater. Lächelnd erzählt sie von den Hütten aus Palmenblättern in ihrer Kolonie, von den sternenklaren Nächten und Tagen, in denen die Zeit aufgehoben sei. Die große Freiheit. Mit jedem Wort trifft sie mich. Da hilft es auch nichts, wenn sie jetzt ihre Hand auf meine Schulter legt und meint, dass sie das alles eigentlich mir zu verdanken habe. Das Blut in meinem Kopf dröhnt lauter als Tiffanys Redeschwall.

Neben mir sitzt eine glückliche Frau, auf meinen Beinen liegt ein Geschenk, mit dem ich alles beenden kann. Ihren Rausch und meine Qual. Ich muss nur das Messer aus der Scheide ziehen und zustechen. Sooft ich kann. Oder ich begnüge mich damit, ihr das Ding nur einmal in den Bauch zu rammen, und habe dann die Möglichkeit ohne Aufsehen den Ort des Grauens zu verlassen. Besucher sind keine zu sehen, und jede Stichwaffe ist immer noch leiser als eine Margolin mit Baguette. Wenn Tiffany aber schreit, müsste ich ihr auch noch die Kehle durchtrennen. Sigurd Fürst hat damit in Malaysia Haie aufgeschlitzt. Ich töte die Frau, die sich mit mir gegen ihn verschworen hat. Ich bringe nicht eine Unschuldige um, sondern eine Mörderin.

Wie hässlich sie ist. Ihr Blick kalt, der Mund verschlingend, der kahle Kopf unter dem schwarzen Helm abstoßend. Und sie hat keine Zeit mehr für mich. Aber vielleicht ahnt sie jetzt etwas oder hat in meinen Augen diese Bereitschaft gesehen. Ihr Blick fällt jedenfalls auf meine Hand, dorthin, wo das Messer ist. Wenn ich jetzt nicht handle, wird es für mich immer schwieriger. Aus Töten im Affekt könnte Mord werden. Ein Zuwarten verschlimmert meine Lage. Wenn ich ihr nachgehe und sie erst irgendwo im Garten von Schönbrunn erledige, ist mir ein Lebenslänglich sicher. Ich darf nicht anfangen zu denken und zu planen. Zustechen. Jetzt. Ihr Bauch ist so nah. Der Atem, der aus ihrer Kehle kommt. Was bin ich? Ein Mann oder doch nur eine Banane? Tiffany hat mich aufgefressen, und jetzt wird die Schale weggeworfen. Das gehört bestraft. Aber das ist nicht so einfach. Ich zittere und zögere. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wenn doch nur japanische Touristen oder eine Familie mit Kindern aus dem Dickicht kämen.

Aber es ist niemand hier, um Tiffany und mich zu retten. Auch von ihr kommt kein erlösendes Wort. Aber ein Kuss. Nicht wie bei Nadine auf meine Wange, sondern von Mund zu Mund. Er dauert nur kurz, aber in mir überstürzen sich die Gefühle. Ich bin unfähig zu denken, und schon gar nicht in der Lage, zu handeln. Tiffanys Waffe ist stärker als das Messer von Sigurd Fürst, und ich bin nicht weit davon entfernt, mich von einem Wahn in den anderen hetzen zu lassen. Wie oft habe ich mir die Lippen dieser Frau vorgestellt und sie nächtelang berührt, aber jetzt bin ich zwischen Erfüllung und Ekel hin und her gerissen. Tiffany hat mit mir monatelang gespielt. Sie ist der reine Teufel. Trotzdem würde ich sie jetzt gerne an mich ziehen und die nächsten Stunden in Umarmungen auf dieser Bank verbringen. Sie müsste mir nur sagen, dass sie bleibt und Wien und mich nicht verlässt.

Aber mein Kuss war für sie nicht gut genug. Nichts als Erstarrung. Ihr Akim kann es besser. Doch zum Hund eigne ich mich nicht. Sie merkt, was sie in dieser stickigen Hölle angerichtet hat, und blickt an mir vorbei. Trotz der Hitze zieht sie ihren Seidenschal enger um den Hals und steht auf. Tiffany sagt mir nicht Auf Wiedersehen, sondern Adieu. Zuletzt habe ich dieses Wort auf dem Zettel von Vinzenz gelesen. Ihn hat sie zuerst zerstört, dann Sigurd Fürst, nun bin ich an der Reihe. Im nächsten Moment zeigt sie mir den schönen Rücken und schafft es mühelos, das Palmenhaus zu verlassen, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Für einen Augenblick male ich mir aus, dass sie vielleicht weint. Aber dann sehe ich durch die gläserne Wand, wie sie sich im Garten von Schönbrunn über den Mund wischt. Immer wieder. Die Bidis hat sie auf unserer Bank vergessen.

*

Ich weiß nicht, wie ich auf den Rathausplatz gekommen bin. Aber ich bin jetzt hier, in einem Gewirr aus Lichtern, Schatten und Menschen. Die meisten scheinen ihre Wege zu kennen, ich aber irre umher. Kein Gesicht gleicht dem von Tiffany, und unzählige Besucher bleiben ohnehin unerreichbar oder im Dunklen. Auf der großen Kinoleinwand des Sommerkinos wird musiziert und gesungen, und das Publikum reckt seine Köpfe in eine Richtung. Obwohl ich mich durch die Sitzreihen dränge, ist sie nirgendwo zu entdecken. Dabei wäre es so leicht, ihr in diesem Gedränge das Messer in den schönen Leib zu stoßen. Sie müsste mir dabei nicht einmal in die Augen sehen. Oder wir begrüßen einander voller Freude. Ich rede scheinheilig vom Zufall, sie empfiehlt mir die gegrillten Meeresfrüchte vom Stand der Asiaten. Vielleicht schwärmt sie auch wieder von Malaysia. Das würde mir die Sache noch leichter machen. Ich bitte sie um eine Aussprache, aber in Ruhe. Sie folgt mir ahnungslos in den Park, und ich beende dort das Ganze.

 

Die Tausenden auf dem Rathausplatz haben keine Ahnung, was demnächst vielleicht in ihrer Mitte oder auch etwas abgelegen passieren wird. Die einen werden schon in dieser Nacht das Wichtigste erfahren, die anderen es erst morgen in den Zeitungen lesen. Ich schließe nicht einmal aus, dass Zeugen mich verfolgen und ich bei diesen Massen an Menschen nicht entkommen kann. Man wird mir vielleicht sogar entgegentreten, den Weg versperren und mich zu Boden ringen. Für einen Richter wäre das ein entsetzliches Ende.

Wenigstens steht fest, dass die Verräterin ihre Strafe zu Recht bekommt. Ich könnte sie zwar begnadigen und am Leben lassen, aber das würde sie doch nur dazu nützen, ihren Ausschweifungen nachzugehen. Wie konnte ich glauben, dass eine schöne Frau wie sie ohne Hintergedanken auf mich zukommt und dann auch noch zu mir hält? Sie hat schon immer vorgehabt, mich zu verlassen. Noch schrecklicher, Tiffany wollte mit mir nie etwas zu tun haben. Nicht einmal ein gemeinsamer Abend in meinem Haus wäre ihr in den Sinn gekommen. Sie hat mich nur gebraucht, um den Abzug der Margolin zu drücken. Zumindest hat sie sich für meinen Mord bedankt. Sogar zweimal. Das waren meine schönsten Augenblicke.

Womöglich bin ich jetzt schon einige Male an ihr vorbeigegangen, oder sie hat mich längst entdeckt. Dort hinten gibt es einen Kreis von Freunden, man schaut sogar her zu mir. Hat sie den grinsenden Gesichtern vielleicht von Ludwig Redtenbacher erzählt, den jungen Männern meine Schweißausbrüche im Palmenhaus geschildert?

Doch Tiffany ist nicht in der betrunkenen Runde, und mich scheint man nicht einmal bemerkt zu haben. Ich komme mir inzwischen schon fast wie ein Jäger auf der Jagd nach einem Tiger im Dschungel vor. Sigurd Fürst ist zwar nicht gerade mein Begleiter, aber er steht mir auf eigenartige Weise zur Seite, hat er doch wie ich unter dieser Frau gelitten. Vielleicht bin ich sogar dazu bestimmt, mit seinem Tauchermesser zu vollenden, was ihm nicht gelungen ist.

Ich entdecke Tiffany am Rande einer Sitzreihe. Ihr Hund hat sie verraten. Er liegt auf dem Boden und hechelt, während sie dem Geschehen auf der Leinwand folgt. Allem Anschein nach ist sie ohne Begleiter hier, fast rührt es mich, wie sie hier artig und voller Hingabe einer Oper lauscht. Mozart fesselt sie so sehr, dass sie sogar die Augen geschlossen hält. Auf den Stühlen neben ihr mehrere alte Damen. Ich nehme hinter ihr Platz. Die Perücke, die sie gewählt hat, ist nicht schwarz, heute Abend trägt sie Lila.

Akim richtet sich auf, scheint mich zu kennen. Er schnuppert an mir. Der Geruch des Tauchermessers dürfte ihm vertraut sein, nur bin ich nicht sein einstiges Herrchen. Mir kommt seine Zudringlichkeit höchst ungelegen, ich bin schon jetzt in Bedrängnis genug. Wohin soll ich stechen? Nehme ich mir Tiffanys Rücken vor oder ihren Nacken? Ich könnte beim Gesang des Sarastro ihren Kopf blitzschnell von hinten packen und ihr die Klinge über die Kehle ziehen. Nichts wäre zu hören, kein Laut, und auch meine Bewegungen wären nicht allzu aufwändig. Aber die Perücke könnte mir in die Quere kommen, oder der Hund spürt die Gefahr, verteidigt sein Frauchen und springt mir an den Hals.

Es kommen so viele Widerstände zusammen, dass ich aufatmen kann. Eine unglaubliche Last fällt damit von mir ab. Es muss nicht jetzt geschehen, Tiffany ist noch den ganzen September hier, sodass ich alles gründlich durchdenken kann. Nun öffnet sie die Augen, beugt sich vor und richtet den Blick auf die hell erleuchtete Uhr am Turm des Rathauses. Erwartet sie jemanden? Mich bestimmt nicht, und ihr ewiger Geliebter ist tot. Sie blickt sich nicht um, sondern wendet sich neuerlich der Leinwand zu, aber ohne große Aufmerksamkeit. Sie scheint unruhig geworden zu sein. Schon nach wenigen Minuten schaut sie ein weiteres Mal auf die Rathausuhr und rückt nervös die lila Perücke zurecht. Warum kann sie nicht auf Malaysia verzichten und bleiben? Ich würde mit ihr in die richtigen Opern gehen, sie hinführen zu Wagner und Verdi, und ich könnte ihr unvergleichlich mehr bieten als einen Strand voller Insekten und drogenzerfressener Kerle. Ich würde von Vinzenz lernen, ich würde alles richtig machen. Akim und ich verstehen uns schon bestens. Von seinen Lefzen trieft Speichel auf meine Hose, ich lasse es geschehen. Aber Tiffany ist eben kein Hund, sondern eine Katze.

Ich muss mich zusammenkauern, um nicht entdeckt zu werden, denn Tiffany richtet sich auf und zieht an der Hundeleine. Wer Mozart verlässt, muss etwas sehr Wichtiges zu tun haben. Tiffany geht gebückt zwischen den Zuschauerreihen und der Leinwand über den Platz, ich folge ihr mit genügend Abstand. Sie strebt auf den Park zu, als hätte sie dort jemanden zu treffen. Hier ist es so dunkel, dass ich mich nicht besonders in Acht nehmen muss, dafür sind meine Schritte auf dem Kies immer deutlicher zu hören. Hinter uns ist der Gesang von Tamino über Freundschaft und Liebe nur noch ein verwehter Klang, der Weg unter den Bäumen menschenleer. Tiffanys Handy leuchtet in der Finsternis, und Akim nützt die Gelegenheit, um in einen der Springbrunnen zu klettern und sich abzukühlen. Ich drücke mich wie schon so oft in letzter Zeit an einen Baumstamm, ein heimlicher Beobachter und Mörder.

Weshalb soll sie keine lilafarbene Perücke tragen, warum soll sie nicht telefonieren, mit wem sie will? Das eine gefällt mir sogar, das andere quält mich bis aufs Blut. Vinzenz ist nicht mehr da, Sigurd wird demnächst begraben, und trotzdem scheinen immer noch Männer um sie zu sein. Sogar solche, denen sie gehorcht. Warum sonst würde sie die Zauberflöte ausgerechnet jetzt verlassen? Als käme es auf eine Sekunde an.

Endlich, während Akim sein nasses Fell ausschüttelt, wählt sie eine Nummer. Vielleicht erfahre ich schon in wenigen Augenblicken, wer ihr Liebhaber ist. Sie könnte auch mit jemanden in Malaysia telefonieren, das würde ihr eigenartiges Verhalten erklären. Wie spät ist es jetzt dort? Wahrscheinlich früher Nachmittag.

Ich blicke auf meine Uhr, dann auf die hell erleuchtete Scheibe inmitten des Rathausturms. Beide zeigen exakt dieselbe Zeit. Die Minute meines größten Sieges und zugleich der Augenblick des abendlichen Schreckens. Aber auch Tiffany wird unruhig, weil – bei mir in der Villa niemand abhebt. Die Fenster stehen offen, das Telefon schrillt bis hinaus auf die Pötzleinsdorfer Straße, und ich bin nicht zu Hause.

Es kann nur so sein! Tiffany ist die nächtliche Anruferin. Sie will mich in den Wahnsinn treiben. Dazu kommt ihr die Todeszeit von Sigurd Fürst gerade recht. Wofür aber will sie sich rächen? Oder möchte sie den Mörder ihres ewigen Geliebten zu einem Geständnis zwingen, um selbst vor allen Verfolgungen sicher zu sein?

Sie kann mich nicht hören, weil sie ganz ins Telefonieren versunken ist. Wahrscheinlich stellt sie sich gerade vor, wie ich in einer Ecke meines Zimmers auf das Ende des Klingelns hoffe und vor Angst vergehe. Sie gibt nicht auf, lässt es läuten. Dabei stehe ich schon hinter ihr, und auch das Messer habe ich inzwischen lautlos aus der Scheide gezogen. Sie hat offenbar meinen Atem gespürt, denn sie dreht sich endlich um. Ich möchte sogar, dass sie mir vorher in die Augen sieht. Sie soll begreifen, dass ich alles weiß. Ihr Erschrecken gibt mir recht. Nun sind auch meine letzten Bedenken ausgeräumt. Diese Frau ist schuldiger als alle meine Angeklagten, ich könnte gar nicht anders, als dem Gesetz entsprechend zu handeln. Ich stoße zu, aber das Messer geht ins Leere. Das Biest weicht mir aus und will sich nicht bestrafen lassen.

Tiffany tut das, was sie am besten kann. Sie flieht vor mir. Sie stolpert davon, verliert ihr Handy, und hetzt durch die Finsternis zum beleuchteten Brunnen. Jetzt kann ich sie gar nicht mehr laufen lassen. Meine Schritte auf dem Kies klingen ekelhaft, aber ich folge ihr auf den Fuß. Sogar hinein in das Wasser. Akim springt an ihr hoch und freut sich auf das gemeinsame Bad. Auch mit mir will er spielen, und das ist auch gut so, denn einen bissigen Hund kann ich jetzt nicht gebrauchen. Tiffany taumelt, auch ich habe größte Mühe, mich auf dem glitschigen Boden zu halten. Sie schlägt der Länge nach hin, und ich verliere mein Messer. Erst nachdem ich lange im Schlamm gewühlt habe, bekomme ich es zu fassen, an der Schneide. Trotz des Schmerzes hole ich es an die Oberfläche, von dem Blut im Wasser wird es gleich mehr geben, nur wird es nicht meines sein.

Von mir weiß ich nur, dass ich noch nie so lebendig war wie jetzt. Ich bin zum Mörder geboren und wundere mich, dass ich so lange ausharren konnte, ohne meiner Bestimmung zu gehorchen. Ich bin sogar einer von der besonderen Sorte, denn bei allem Rausch ist mein Denken klar, und nicht eine Sekunde geht mir verloren. Ich werde mich an jeden Augenblick erinnern können. Tiffany ist ohnehin ein Bild, das man nicht vergessen kann. Sie strampelt mit den Beinen, während sich ihr kahler Kopf nicht einen Millimeter bewegt. Er klemmt zwischen den Granitfelsen fest, ich hätte nie gedacht, dass diese moosbewachsenen Steine einmal meine Komplizen werden würden. Ich muss gar nichts tun. Ich kann sogar das Messer wieder fallen lassen, ins Wasser gehört es ohnehin. Tiffany sieht mich an. Mit weit aufgerissen Augen aus dem Wasser heraus. Ich hoffe nur, dass sie in ihren letzten Sekunden noch alles begreift und versteht, warum ich ihr nicht helfen kann. Sie hat mich benützt, betrogen und weggeworfen. Ihr Todeskampf ist dazu da, ihre Schuld zu erkennen. Zu spät zwar für eine Bekehrung und ein anständiges Leben, aber bei der Hinrichtung eines Verurteilten ist es nicht anders.

Ich könnte mich hinunterbeugen und ihre herumschlagenden Beine ergreifen. Damit ich irgendetwas unternehme. Aber Fische sind leichter zu fangen, und mir ist es lieber, sie kommt ohne mich um. Am wenigstens recht wäre es mir, wenn sie anstatt zu ertrinken sich im letzten Augenblick losreißen könnte. Sie wüsste zu viel von mir. Sie würde nicht schweigen, sondern meine Geheimnisse hinaustragen in die Welt. So aber beenden wir die Angelegenheit unter uns. Ohne Schmerz. Ich empfinde so gut wie nichts für sie. Ich könnte sie ins Leben zurückzuholen, aber um einen Preis, den ich nicht zahlen will. Meine Folter würde von vorne beginnen. Weil ich wieder anfangen könnte, sie zu begehren. Eine Tote lässt sich leichter lieben.

Ich blicke um mich und staune über so viel Glück. Kein Mensch zu sehen, und die Musik von Mozart lässt alles friedlich und voller Harmonien erscheinen. Auch Tiffany wird ruhiger. Ich habe aber nicht vor, ihr Ende abzuwarten, denn eine kleine Hoffnung möchte ich uns beiden doch noch lassen. Ich wende mich ab und wate ans Ufer. Sie könnte es schaffen. Ich habe sogar ein Keuchen gehört, aber vielleicht war es auch nur das aufgeregte Hecheln ihres Hundes. Ich widerstehe der Versuchung, mich umzuwenden. Ob ein Mensch in dieser Nacht hier ertrunken ist, werde ich erst aus der Zeitung erfahren. Die Perücke ist das Letzte, was ich von Tiffany sehe. Das lilafarbene Ding treibt am Beckenrand entlang und versinkt jetzt vor mir im Wasser.

Tiffanys Mobiltelefon finde ich schon nach wenigen Schritten in Griffweite auf dem Boden. Ich werde keine der gespeicherten Nummern anrufen, nur meine werde ich löschen. Zwischen Fanny Bruckner und Ludwig Redtenbacher hat es nie eine Verbindung gegeben, die Frau in meinem Rücken hat mit mir nichts zu tun. Es fällt mir auch immer leichter, mich nicht umzudrehen. Es genügt mir, das Plätschern des Wassers und das Gebell von Akim zu hören. Manchmal ist es besser, in einer Ungewissheit zu leben, als alle Wahrheiten zu kennen.

Ich dränge mich wieder durch die Menschenmassen vor dem Rathaus. Auf der Leinwand schläft Pamina in einem Garten, und Monostatos versucht, sie heimlich zu küssen. Mein Ausflug in den Park hat also doch etwas länger gedauert, höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Am schrecklichsten wäre es, einer tropfnassen Tiffany zu begegnen, aber ihr Tod im Brunnen macht mir mein Leben auch nicht leichter. Das mag daran liegen, dass alles zu schnell gekommen ist. Meinen Mord an Sigurd Fürst habe ich bis ins Kleinste begriffen, Tiffany hingegen hat mich in einen Strudel gezogen. Noch vor wenigen Stunden habe ich sie mehr geliebt als jeden Menschen zuvor, jetzt gibt es sie wahrscheinlich nicht mehr. Es ist alles so leicht gegangen. Ich musste nicht einmal töten. Nicht einmal auf dem Messer ist ihr Blut, nur meines. Die Schnittwunde an meiner Hand wird eine ewige Erinnerung bleiben. Wie soll ich es da schaffen, Tiffany zu vergessen?

*

Aber der Mensch schafft eben vieles. Ich bin ohne Irrwege nach Hause gekommen, und jetzt füttere ich meine Katze. Langsam hellen sich die Dinge auf, die Verletzung an der Hand musste ich nicht einmal verbinden. Ich könnte Wagner oder Bruckner hören. Mozart wäre noch besser, um ihn von den Ereignissen der Nacht zu befreien.

Die meisten Spuren hat sie an meinen Schuhen hinterlassen. Die Hose selbst ist nicht einmal bis zu den Knien nass geworden, meine Kleider haben nach manchen Gewitterregen schon schlimmer ausgesehen. Morgen wird alles getan, um wieder zu einem ruhigen Leben zurückzukehren. Es ist mir auch schon gelungen, über eine halbe Stunde lang nicht an Tiffany zu denken. Sie selbst taucht kaum auf, nur ihr Gesicht unter Wasser. Aber auch diese offenen Augen und die aufsteigenden Luftblasen werde ich noch zum Verschwinden bringen. Vielleicht steht sie in ein paar Tagen vor meiner Tür, und wir vertragen uns wieder. Dann hätten wir zwar beide miteinander gekämpft, aber es gäbe weder Sieger noch Verlierer.

Bonjour ist satt und schnurrt. Sie liebt die Nächte wie ich. Wir hören nicht Mozart, aber Caruso. An Schlaf ist nicht zu denken, und so krame ich in den Filmkartons des Unbekannten aus dem Keller. Einige sind beschriftet, andere nicht. Die Rolle aus dem Prater 1941 habe ich schon gesehen. Nun ist eine an der Reihe, die den Namen Schloss Pottendorf trägt. 1943. Wieder suche ich mit der Lupe in den kleinen Bildchen nach der Wahrheit. Ich sehe Krankenschwestern und verstümmelte Menschen mit dicken Verbänden in barocken Zimmern. Derartige Verwundungen sind in der Regel nur an Soldaten zu finden, und auch das Antreten der Krüppel in Reih und Glied spricht dafür. Viele bleiben beim Auftauchen eines hohen Offiziers in ihren Betten liegen, aber auch sie salutieren. Ein Einziger ohne Arme rollt mit Stolz und Haltung seine Augen. Er ist in einer Großaufnahme zu sehen und keine siebzehn. Ich bin in einem Lazarett und fange an, Tiffany zu vergessen.

Doch dann ist, zwischen Eisenstäben hinter einem Fenster, ein älterer Herr zu sehen, den ich kenne. Diese Hände habe ich schon einmal vor mir gehabt. An einer fehlen die mittleren drei Finger, und trotzdem hat sie gewürfelt und die kleinen Holzfiguren über das Spielbrett geschoben. Mensch ärgere dich nicht. Der Mann hat seine Kamera offenbar einem anderen Verwundeten in die Hand gedrückt, um auch selbst einmal in seinen Filmen vorzukommen. Das Bild ist unscharf, sodass der Unbekannte aus dem Keller noch kein richtiges Gesicht hat, aber er lacht und deutet auf den steinernen Rahmen des Gitters. Was will er zeigen? Ein paar Buchstaben, ein Wort? Eine Schrift, die alles aufklären könnte?

*

Auf den Straßen in den Süden von Wien rasen wir nun der gleißenden Sonne entgegen. Die Augusthitze hat das umliegende Land noch fester im Griff als die Stadt, und trotz der Kühle im Taxi bereue ich meine Entscheidung schon fast. Der Chauffeur versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber ich bin mit den Gedanken bei dem Skelett in unserem Keller. Den heutigen Tag hätte ich zu Hause nicht ertragen. Sogar jetzt bin ich nahe daran, meine kleine Reise abzubrechen und mich in den Rathauspark bringen zu lassen. In weniger als einer Stunde könnte ich dort sein und endlich alles erfahren. Lebt sie oder nicht? Hat man eine Leiche aus dem Brunnen geborgen, oder weiß man nichts, weil es Tiffany geschafft hat, dem Tod durch Ertrinken im knietiefen Wasser zu entkommen?

Sie könnte auch in einem Krankenhaus liegen und anfangen, von mir zu erzählen. Oder sie schweigt und weicht allen Verhören aus. Nicht mir zuliebe, sondern weil sie Angst hat, ein weiteres Mal, und dann für immer unterzugehen. Es genügt, wenn der Pass von Vinzenz und seine Kleider in ihrer Wohnung gefunden werden.

Wir sind da. Der Park von Pottendorf ist von unglaublicher Pracht, ein Himmel auf Erden, das Schloss selbst eine Ruine. Sogar die Kapelle droht einzustürzen, und nur Enten und weidende Schafe dürfen in ihre Nähe. Die meisten Fenster sind bloß noch dunkle Augenhöhlen oder Durchblicke auf wild wachsende Sträucher und in den darüberliegenden Himmel. Die meisten Gitter sind herausgebrochen, und es sieht so aus, als würde ich in die Stadt zurückkehren müssen, ohne dem Toten in meinem Keller auch nur ein Stück näher gekommen zu sein. Wenigstens war ich so bedacht, das Taxi auf mich warten zu lassen. Ein letzter Weg führt mich über einen Teppich aus Blattwerk und Geäst, das meine Beine umschlingt. Es zieht mich weiter, hin zu einem Fenster im Erdgeschoss. Die Buchstaben sind verwittert und kaum auszumachen. Ich muss mich anstrengen, um das Wort zu entziffern. Doch dann weiß ich auf einen Schlag seinen Namen, und ich begreife nicht, wie ich ihn vergessen konnte. Benedikt. Der Tote in unserem Keller.

Auf der Rückfahrt bin ich gesprächiger als mein Chauffeur. Während er nur über die Staus und Baustellen flucht, bin ich voll des Übermuts. Ich erzähle von Onkel Benedikt und seiner einzigartigen Hand. Aber den nervösen Mann hinter dem Lenkrad interessieren keine fehlenden Finger, und ich bin erst dabei, weitere Erinnerungen aus meinem Gedächtnis zu graben. Die großen Rätsel werden mir noch länger erhalten bleiben. Warum liegt er in unserem Keller, wie ist er zu Tode gekommen?

Doch jetzt geht vorerst wieder das Leben weiter. Wir nähern uns Wien, und an einer Kreuzung mit endloser Wartezeit macht ein Zeitungsverkäufer ein gutes Geschäft mit mir. Ich schlage das erste Blatt auf und muss nicht lange suchen. Der Bericht ist nicht groß, aber mich überwältigt er. Das Bild von Tiffany ist aus vergangenen Tagen, die Zeile darunter ist mit einem Fragezeichen versehen. Doch am wichtigsten ist der Richter Dr. Vinzenz Wolf. Es wird sein ehrwürdiges Leben beschrieben, die Schwierigkeiten in der letzten Zeit, sein Verschwinden. Seit Wochen habe man nichts von ihm gehört, und es sei mit dem Schlimmsten zu rechnen. Selbstmord oder doch Mord? In der Wohnung seiner Geliebten hat man seinen Pass und Kleidungsstücke, zu einem Paket verschnürt, gefunden. Von ihr selbst fehlt seit gestern jede Spur, es wird nach ihr gefahndet. Sogar ein internationaler Haftbefehl soll ausgeschrieben werden. Erst jetzt lese ich die Schlagzeile, tiefster Boulevard: Die Schöne und ihr Wolf.

Ich werde den Fahrer bitten, mich nicht wieder nach Hause zu bringen. Einerseits ist meine Villa jetzt so gefährlich wie noch nie, aber ich muss auch einen Spaziergang im Park vor dem Rathaus machen. Über den Kiesweg vorbei am Springbrunnen. Früher oder später kehrt jeder Mörder an den Tatort zurück. Aber bin ich überhaupt einer?

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