»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Man legt mir Steine in den Weg. Dabei will ich doch nur eine Waffe. Eine Pistole, um mich für den Rest meines Lebens zu schützen. Nicht irgendwoher, sondern treu nach dem Gesetz. Schon der lächerliche Test des aufgeblasenen Psychologen war eine Demütigung. Dass ich Richter bin oder zumindest war, hatte auf einen Schlag keine Bedeutung mehr. Wie von einem zukünftigen Mörder wollte man von mir wissen, ob ich schon einmal jemand hatte umbringen wollen? Oder mich selbst! Da kreuzt doch wohl der Dümmste ein Nein nach dem anderen an. Dennoch ein Papier voller Fallen, weil es dann hinterhältig wird. Ob ich einem frechen Autofahrer für gewöhnlich lieber den Vogel zeige oder ihn ohrfeige. Dabei habe ich nicht einmal ein Fahrrad. Und Führerschein schon gar keinen. Letztlich zielt alles bei dieser Durchleuchtung darauf ab, ob ich aggressiv bin oder nicht. Von allen Seiten und aus jeder Ecke kommt man auf mich zu, um schon jetzt zu erfahren, ob ich auch den Richtigen erschieße. Am liebsten hätte ich Notwehr groß und quer über den ganzen Bogen geschrieben, um ein für alle Mal klarzumachen, dass mein Feind nicht ein Juwelier oder mein ehemaliger Vorgesetzter ist, sondern ein Verbrecher. Weil er in mein Leben eindringt. Vielleicht sogar meine Villa zu seinem Zuhause machen will. Jemand stellt mir nach, und ich soll zusehen, wie ich verschwinde? Da ist Selbsthilfe an der Reihe. Oder soll ich mich von verschlafenen Polizisten rund um die Uhr bewachen lassen? Ich will doch nicht, dass ein Hampelmann in meinem Garten steht und mir durchs Fenster zusieht, ob ich auch mein Leben schön in Ordnung halte und nicht zu viel trinke. Intimität kommt in meiner Liste gleich nach Gerechtigkeit.

Und jetzt sieht man mich schon wieder an, als wäre ich vom Mond gefallen. Natürlich habe ich mich kundig gemacht, mich telefonisch angekündigt, das Geschäft mit großer Aufmerksamkeit betreten, dem Beratungsgespräch für einen Herrn aus Deutschland hinter meinem Rücken zugehört, gleichzeitig die schönen Glocks und Colts in den Vitrinen betrachtet, ein Mordinstrument nach dem anderen, und ich könnte sie alle aufzählen, kamen sie doch in meinem Richterleben öfter vor als anständige Menschen. Der Waffenhändler glaubt, von den Dingern aus Stahl etwas zu wissen, aber ich habe mit ihnen mein Dasein verbracht. Und geurteilt. Fünf Jahre, zehn, lebenslang. Wobei es eigentlich lebenslänglich heißen müsste. Und einer hat mir dann das Genick gebrochen. Ein Mörder, der plötzlich keiner mehr ist. Einer, der einen der ehrenwertesten Richter in Pension schickt, Jahre vor seiner Zeit. Ihm sein ganzes Ansehen raubt. Wenn ich das Wort Fehlurteil höre, möchte ich schon zu einer dieser Pistolen greifen. Diese zehn Buchstaben sind zu meinem größten Feind geworden. Und das Trio DNA. Und jetzt ist jemand dazugekommen, der mir wie ein Schatten nachstellt. Aber ich kann ihn in meinem Zimmer riechen. Und sehen, was er anrichtet. Noch sind es verrückte Weingläser, oder es ist mein Salzstreuer im Kühlschrank, dessen Anblick an einem vollkommen falschen Ort einen mehr erschreckt als eine Verbrecherfratze. Natürlich fragt man sich dann, wann bin ich dran? Lande ich in einem Schrank oder in der Gefriertruhe?

Der Waffenhändler kann nichts dafür, dass er bei mir in die falsche Richtung läuft. Er meint, ein Revolver wäre auf jeden Fall besser als jede Pistole, da er verlässlicher sei und schneller eingesetzt werden könne. Wieder einer, der noch nicht weiß, dass er bei mir auf Granit beißen wird. Ich bleibe bei meiner Margolin. Der freundliche Verkäufer verdreht die Augen und erklärt dem Mondkalb, dass bei einer Margolin alles zusammenkommt, was für meinen Zweck nur falsch sein kann. Schon das Kaliber sei gewaltig daneben, sinnvoll für eine Sportwaffe, aber unbrauchbar zur Verteidigung. Mit derart kleinen Patronen könne man meist nur verletzen. In meiner Hand möchte er eine Smith & Wesson sehen. 9 mm. Mannstoppend. Oder wolle ich mit dem falschen Werkzeug auf den Eindringling schießen, sodass ich ihn treffe, er aber auf mich zuschwanke und mir sein Messer in den Bauch renne? Außerdem würde diese Margolin seit Jahrzehnten nicht mehr erzeugt, sei alles andere als ästhetisch, eben ein typisches Produkt der zugrunde gegangenen UdSSR, und auch Sammler versteckten sie lieber im Keller, als sie groß herzuzeigen.

Der Mann ahnt nicht, wie viel besser ich sie kenne, meine Margolin. Ich bin nicht der Typ, der sich mit einer Waffe zufrieden gibt, die tausende Male in Filmen zu sehen ist. Meine Beschützerin soll eigen sein. Wie ich. Zumindest sagt man das von mir, und ich stelle es auch immer wieder fest. Das Zauberwort heißt Margolin. Wie ihr Schöpfer. Mikhail Margolin. Ein außergewöhnlicher Mensch. Einer, der sich über die Zustände geärgert hat. Ihm hat es nicht gefallen, dass seine Landsleute beim Sportschießen draußen in der Welt zu den Verlierern gehörten. Also hat er sich hingesetzt und eine Waffe konstruiert, die alles und alle in den Schatten stellen sollte. 1948 war sie fertig. In meinem Geburtsjahr. Wahrscheinlich habe ich mir schon vor Jahrzehnten auch deswegen diesen Mann gemerkt. Sein Name hat mir von Anfang an gefallen. Mikhail Margolin war kein Konstrukteur wie jeder andere. Er war blind. Er hätte mit seiner Pistole schießen können, aber kaum etwas getroffen. Wenn er jemand verletzt oder gar umgebracht hätte, wäre ihm das höchstens als fahrlässige Tötung anzurechnen gewesen. Nichts anderes will ich für mich. Es könnte ja sein, dass mein Eindringling vor mir die Flucht ergreift und ich ihn gerade noch im Garten erledige. Oder ihm eine dieser kleinen Kugeln durchs Fenster und in die Finsternis verpasse. Mitten in sein neugieriges Auge und von dort aus in sein Hirn, das mich eben noch studiert hat.

Margolin. Mit einem Gebrechen, das ihn nicht auf dem Boden gehalten hat. Er wollte und konnte fliehen. Das tröstet mich, selbst wenn ich wie er vollkommen erblinde. Bestimmt bin ich davon noch eine Ewigkeit entfernt, aber meine Sehkraft lässt nach. Als Richter war ich noch ein Falke, mit den Augen und beim Erkennen der Umstände. Heute muss ich an die Dinge nahe herangehen, wenn ich sie sehen will, wie sie wirklich sind. Man könnte auch sagen, meine Welt besteht zum Großteil nur noch aus Schemen. Zu deren Natur gehört es, zu gefallen oder zu ängstigen. Das hängt davon ab. Auf jeden Fall ist mein Leben aufregender geworden, denn mit jedem Schritt verändert sich mein Ausblick, es ist ein unentwegtes Erlangen und Verlieren. Am angenehmsten dabei ist eine hintergründige Erscheinung. Man muss nicht mehr in die vielen Gesichter rundum schauen, von denen ich nicht weiß, ob ihre Träger schuldig oder unschuldig sind, und es wohl auch nie mehr erfahren werde. Auch dumme Fratzen werden einem erspart. Dabei weiß ich nicht einmal, ob das mit meinen Augen zusammenhängt, oder ob meine Sucht nach Erkennen nachgelassen hat. Eines steht fest, eine Brille werde ich nie tragen. Margolin hat bestimmt auch keine gehabt. Wozu auch.

Der Waffenhändler ist es gewohnt, auf die ausgefallensten Kundenwünsche einzugehen, sogar auf meine. Er wird sich umsehen, vielleicht gibt es irgendwo in der Stadt einen Sammler, der sich von seiner Margolin trennt, zu einem fairen Preis, denn gesucht ist dieses Stück nicht. So wie dieser Mann kennt offenbar niemand die Geschichte vom blinden Konstrukteur, und das ist auch gut so. Es ist nicht nur ein Vergnügen, mehr zu wissen als andere, ich würde auch ungern Margolin mit anderen teilen. Bei Monteverdi und Gluck bleibt mir das ohnehin nicht erspart, gar nicht zu reden von Caruso. Der Händler überprüft noch meine Papiere, ob ich auch berechtigt bin, meine zukünftige Beschützerin zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen. Er will mich anrufen, wenn er fündig geworden ist. Meine Telefonnummer gebe ich ihm ungern. Wozu ist sie geheim, wenn sie dann doch jeder hat. Inzwischen müssen es ein halbes Dutzend Menschen sein, die mich jederzeit stören können.

Endlich wieder zu Hause. Solche Ausflüge sind anstrengend, dieser aber war notwendig. Ob es an den Schemen liegt, die aus einer Durchquerung von ein paar Wiener Bezirken eine kleine Reise machen? Ich bin doch nicht alt. Ohne das unschuldige Schwein könnte ich noch fast zwei Jahre im Amt sein, und für viele geht das Leben ohnehin erst nach der Pensionierung los. Meines auch? Oder nur die Pistole, deren Verlust ein Waffensammler irgendwo da draußen beklagt? Wenn sie nur bald bei mir einzieht und bis dahin nichts Schreckliches geschieht. Aber das Salz war heute auf dem Küchentisch und nicht im Kühlschrank, und der Geruch des Eindringlings kommt mir jetzt geringer vor. Hat er keine Zeit? Oder zieht er wie Kriminalbeamte bei einem Mordfall einen Schutzanzug an, um nichts auszudünsten?

Meine Fantasie eilt mir schon wieder voraus. Wahrscheinlich ist die Margolin hinausgeworfenes Geld und mein Mitbewohner ein Nachbarsohn, der aus Langeweile den letzten Spross aus der alten Richterdynastie in seiner verfallenden Villa mit Verrückungen erschrecken will. Was ist, wenn ich ihn erschieße? Dann bin ich nicht nur der Richter, der dafür gesorgt hat, dass ein Mensch 19 Jahre unschuldig im Gefängnis war, sondern auch ein Kindermörder. Deswegen ist es gut, dass diese Pistole mit ihren kleinen Patronen mehr für den Sport ausgelegt ist als fürs Töten. Wahrscheinlich verletzt man den Feind auch nicht richtig, sondern markiert ihn nur. Das wiederum dient dazu, den Kerl ausfindig zu machen, obwohl er schnell ins elterliche Haus geflüchtet ist. Trotzdem, die Nachbarschaft wäre in Aufruhr, ich eine Gefahr, und es würde mich nicht wundern, wenn draußen auf der Straße die Leute mit Transparenten stünden, auf denen ich lesen müsste: Weg mit ihm! Ich höre sie schon schreien. Ein grässlicher Chor. Vor allem ist es undenkbar, dass ich dieses Nest verlasse. Ich will nicht hinausgebrüllt werden, sondern einmal tot meine Villa verlassen. Frühestens in zwanzig Jahren, das habe ich mit mir ausgemacht. Und bis dahin wird gelebt und verteidigt. Und getrunken. Ab in den Keller. Der Tag war anstrengend genug.

Das alte Gemäuer in der Tiefe der Pötzleinsdorfer Erde ist für mich das schönste Erbe meiner Vorgänger. Eine kleine Entschädigung für mein erzwungenes Leben als einer, der über andere urteilt, auch wenn ich mit etwa vierzig angefangen habe, dieses Amt mehr und mehr zu mögen und später sogar zu lieben. Großvater, Vater, ich. Fast eine Richterdynastie, der ich mit meiner Kinderlosigkeit ein Ende gesetzt habe. Ob ich von uns dreien der Beste war? Auf jeden Fall der Unbestechlichste. Keiner, der es sich richtet, wie so viele in meiner Zeit. Korrupt waren meine Alten bestimmt nicht, aber ein wenig zu sehr auf ihre Würde bedacht, ja versessen. Kleine Götter in allem. Als müsste man auch außerhalb des Gerichtssaals Robe tragen. Um etwas zu verdecken? Oder diente der ganze Pomp der Herren nur dazu, wie Pfaue den Frauen zu imponieren?

Ich habe mein Haupt nie so hoch getragen. Dienend und nicht herrschend. Auch um meinem Vater etwas entgegenzuhalten. Und gesellschaftliche Ereignisse waren mir schon als Kind verhasst. Einen Garten voll von brüllenden Edelmenschen hat es bei mir nie gegeben, nur Bäume und Wildwuchs. Unsere Nachbarn haben beim Tod meines Vaters bestimmt ebenso aufgeatmet wie ich. Mit mir ist zwar nicht Ruhe eingekehrt, aber Musik statt Frauengekreische in den Sommernächten. Dafür hört man meinen Schostakowitsch. Nie Mahler. Oft Bruckner. Dem stillen Mann zu Ehren voll aufgedreht. Bei seiner Messe knien sich wahrscheinlich sogar noch drüben im Türkenschanzpark die Leute nieder. Bis dahin sind es immerhin zwei Stationen mit der Straßenbahn. Oder eine Viertelstunde zu Fuß. Seit Jahrzehnten. Alt bin ich erst, wenn ich doppelt so lang brauche. Aber vielleicht sitze ich einmal im Keller hier und denke nur noch an die Wege, die Teiche und vor allem an die Sonne dort. In dieser Oase scheint sie anders als in jedem anderen Park. Vielleicht, weil sie mich schon als Kind beleuchtet und erwärmt hat. Licht und Schatten. Manchmal denke ich, meine Welt besteht nur noch daraus.

Auch Wein schafft beides. Die Hölle am nächsten Tag, das Glück heute. Jetzt. Im Keller meiner Ahnen. Allerdings ist er Jahrhunderte älter als die beiden Robenträger. Vielleicht hat mein Großvater das Grundstück wegen des Kellers ausgesucht und nur die Villa daraufgesetzt. Erst später hat man entdeckt, dass er bis unter die Straße reicht. Deswegen höre ich alle zehn Minuten den 41er über mir. Meine Tramway. Darin habe ich wohl ein Zehntel meines Lebens verbracht, und täglich werden die Fahrten länger, weil ich immer weniger zu Fuß gehe oder auch den Ausstieg versäume. Sogar an der Haltestelle vor meinem Haus. Ohne die Würde und Bürde als Richter bin ich mehr in Gedanken. Ich versäume ja auch nichts. Nicht einmal meinen Schlaf. Früher habe ich mich darum bemüht, genug Schlaf zu bekommen, wenn ich am nächsten Tag jemand ins Gesicht sagen musste und es oft auch wollte, dass es lebenslänglich ist, was er vor sich hat. Und jetzt besuchen mich diese Damen und Herren in den Träumen, wenn ich schlafe, oder bei der dritten Flasche Wein die Straßenbahn über mir nicht mehr höre, weil es schon lange nach Mitternacht ist und sie nicht mehr fährt. Bei mir gab es nur gerechte Urteile. Bis auf eines. Und ausgerechnet er durfte kein Mörder sein. Er. Anders will ich ihn nicht nennen. Oft genug ist mir sein Name aus den Zeitungen entgegengesprungen. Jahrelang war er der Täter, dann ich. Offenbar hat er wirklich seinem Freund nicht das Leben genommen, ich ihm aber das seine. Zumindest fast 20 Jahre davon. Ob er jetzt an mich denkt? Freut er sich, dass ich jetzt vielleicht ebenso lange die Hölle habe? Er im Gefängnis, ich in Freiheit, aber als einer, der sich kaum noch irgendwo hinwagt, weil man in ihm den Skandalrichter erkennt?

Heute wird getrunken. Auch, weil ich nicht allein bin. Nicht die Lebenslänglichen umkreisen mich, sondern über mir wird gearbeitet. Anständige Menschen nützen die Nacht und graben sich in die Straße, verlegen wahrscheinlich ein Erdkabel unter den Tramwayschienen. Oder bohrt man nach mir? Aber es genügt ja, wenn sich unter dem Presslufthammer ein Ziegel aus dem Gewölbe über mir löst und mich erschlägt. Ein Aufatmen ginge durch die Kollegenschaft, das Schwarze Schaf ist nicht mehr. Man könnte sich erzählen, dass Ludwig Redtenbacher sich mit einer Unmenge an Alkohol im Blut verabschiedet hat. Wenn nur keine Zeitung erfährt, dass ein Richter trinkt. Wo bleibt dann das Urteilsvermögen? Meine Herren, ich kenne euch alle, im Garten meines Vaters mit glasigen Augen und über die eigenen Füße stolpernd, umgeben von sich hochdienenden Staatsanwälten und dem Truthahngelächter eurer faltigen Frauen. Ihr habt laut getrunken, ich leise, beide vom selben Wein. Das ist aber auch schon unsere einzige Gemeinsamkeit.

Es geht mir besser. Weil ich kein Dreck bin, eher eine Ausnahme. Wie kann ich nur am Tag durch die Gassen gehen und glauben, ich sei ein Verbrecher. Oder noch schlimmer, nichts. Ludwig Nichts. Hunderte Urteile, eines davon falsch. Wenigstens ist mein Vater tot, er hätte mich aus dem Haus geworfen. Aus dem Keller. Die Schande auf den Redtenbachers wäre geblieben.

Wenn andere trinken, werden sie aggressiv, ich fange an zu lieben. Alle Menschen. Bis auf die hämischen Kollegen. Wenigstens haben sich alle verdrückt. Aber den Straßenarbeiter über mir könnte ich umarmen. Nicht nur, weil er aufgehört hat, mich mit dem Presslufthammer in meiner Gemütlichkeit zu stören und jetzt, einem Totengräber gleich, mit einer Schaufel über mir arbeitet, sondern weil er ein Mensch ist und mich nicht verachtet. Wie auch, er kennt mich ja nicht. Oder doch? Weiß er, dass er seine heutige Nachtschicht vor der Villa eines Gestürzten verbringt? Hat er Mitleid mit mir, oder vergönnt er dem gerechtesten aller Richter den tiefen Fall? Am einfachsten, ich frage ihn, lade ihn nach seiner Arbeit in den Keller ein. Dann wissen zwei von meiner Existenz als Maulwurf, er und ich. Aber womöglich kennt er mich schon längst, weiß über mich mehr als meine geflüchtete Frau. Vielleicht ist das Erdkabel nur ein Vorwand, gräbt er nur zum Schein. Schaufelt, damit er mich ungestört ausspähen kann, blickt immer wieder zur Villa, zum erleuchteten Fenster meines Arbeitszimmer, wartet, bis sich etwas bewegt, weiß nicht, dass ich drei Meter unter ihm bin. Und ich wusste nicht, wer mein Eindringling ist. Bis jetzt. Er. Offenbar sieht mein Er sich weniger als Straßenarbeiter denn als Totengräber. Der Wein lässt mich klar sehen, ohne Schemen und Schatten.

Ein neuer Tag ist für jemand, der nicht mehr zur Arbeit gehen darf, ein Berg. In meinem Fall weil ich niemand zur Strecke bringen kann. Der Mann soll ja seit Urzeiten Jäger geblieben sein, und ich war auch einer, der über das Leben anderer bestimmt hat, allerdings bequem vom gepolsterten Stuhl aus. Meine göttliche Hand durfte vor Publikum und mit Blick in das Angesicht eines Gestrauchelten mit dem Daumen nach oben oder unten zeigen. Von einem Löwen gefressen oder enthauptet zu werden, war vermutlich weniger leidvoll, als für Jahrzehnte hinter Gitter zu müssen. Aber ich war weder Nero noch ein Rächer, auch kein Spielball von Launen, sondern ein Ritter der Gerechtigkeit und niemandem verpflichtet. Ich habe mit den Staatsanwälten nicht gefrühstückt und mit den Frauen von Angeklagten keine Nächte in Hotelzimmern verbracht. Dennoch war das Gesetzbuch nicht meine Bibel, meine Leitsterne waren das Gewissen und vor allem die mir angeborene und immer weiter entwickelte Urteilsfähigkeit. Von ihr lebe ich heute. Sie hält mich in dieser Welt und hilft mir, mit ihr zurechtzukommen. Aus Mangel an Verbrechern, die ich studieren und durchleuchten könnte, mache ich alle um mich herum zu Angeklagten. Und ich stelle fest, keiner ist ganz unschuldig. Fast alle haben ihren Schein, hinter dem das Wahre steckt. Meine Natur treibt mich dazu, es herauszufinden. Doch mein Reich ist heute größer als zu den alten Richterzeiten. Ich setze auch das Unsichtbare auf die Anklagebank. Die Ehrlichkeit, die Vernunft oder den Mut. Und nicht einmal vor dem Höchsten mache ich Halt. Vor dem Urteilsvermögen. Auch ihm misstraue ich. Zu Recht, wie mir immer wieder bewiesen wird. In dieser Nacht zum Beispiel war noch der Arbeiter mit dem Erdkabel der Mann, den ich seit Monaten suche. Ich habe ihn zu meinem Eindringling gemacht, nur weil er da war, zum Greifen nah. Zu Mittag, noch im Bett, habe ich ihn bereits freigesprochen.

Ich muss mich daran gewöhnen, dass es mir mein Eindringling nicht leicht macht. Der liebe Gott schickt mir einen ebenbürtigen Feind. Warum sollte ich nicht trotz meines Ruhestandes vor meinem größten Prozess stehen? In dem es weder Geschworene noch eine gehässige Presse gibt. Der Mann gehört mir. Vielleicht wird er mir geschickt, um eine alte Sünde auszulöschen. Vielleicht gibt mir das Leben auch eine Chance, meine Laufbahn ehrenvoll zu beenden oder sogar unsere Dynastie zu krönen.

Aber es wird nicht leicht. Der Kerl ist verschlagen und scheint viel Zeit zu haben. Wie ich. Und er hat mir voraus, dass er mich kennt und mich beobachten kann. Aus Sträuchern und Gebüschen, von denen es im Garten mehr als genug gibt, denn ich lasse das Zeugs wachsen, so wie es Gott geschaffen hat. Nicht zufällig trägt der unberührte Baum vor meinem Fenster die besten Äpfel. Mein Großvater hat ihn gepflanzt, von seinem Sohn wurde er malträtiert, ich lasse ihn gedeihen, dafür schenkt er mir seine Früchte und einen wunderbaren Anblick. Aber noch habe ich zwischen den Blättern kein Auge entdeckt, vielleicht suche ich auch nur verkehrt. Manchmal ist das offene Feld die beste Tarnung.

Oder die Haltestelle der Straßenbahn. Denn mein Blick dorthin ist frei. Gibt es etwas Unauffälligeres, als auf den 41er zu warten und mich dabei ins Visier zu nehmen? Schon im Krieg wurden aus der Tramway heraus Häuser observiert. Warum denke ich nicht an ein Auto? Weil ich keines habe? Mein Eindringling fährt Tag und Nacht die Pötzleinsdorfer Straße entlang und mit einigem Glück bringt ihn immer wieder die Ampel am Fußgängerübergang zum Stehen. Zeit zur Betrachtung. Aus dem Dunkel heraus. So wie der Zebrastreifen zu mir heraufleuchtet, strahlt mein Fenster hinunter. Der Schatten dahinter bin ich.

Als Richter war ich die Ruhe selbst, im Ruhestand bin ich gehetzt. Heute erschrecke ich schon, wenn noch das Wasser von gestern in der Badewanne steht, wie vorhin. Dabei habe ich nur vergessen, es abzulassen. Eine lässliche Sünde, und trotzdem bereitet sie mir ein schlechtes Gewissen. Weil ich nicht perfekt war. Das Hundertprozentige liebe ich an mir, es hat mich nie verlassen, wir beide gehören zusammen. Aber vielleicht sollte ich weniger von mir verlangen, schließlich werde ich ja auch nicht mehr bezahlt dafür. Trotzdem, Geldsorgen habe ich keine, weil ich noch immer mehr als genug bekomme und auch anständig was auf meinen Sparbüchern habe. Ich blicke in eine abgesicherte Zukunft, mich wird auch in zwanzig, dreißig Jahren niemand aus der Villa jagen und in ein Heim stecken. Gepflegt und gestorben wird hier.

Altes Wasser in der Badewanne ist kein Beinbruch. Nur eine unterlassene Handbewegung, mit der ich sonst immer den Stöpsel herausziehe. Aber warum habe ich es dieses Mal vergessen? Es hat mich niemand aus der Routine gebracht, das Telefon nicht geläutet. Dieser Störenfried belästigt mich am wenigsten, es vergehen wunderbare Tage ohne einen einzigen Anruf. Unzählige waren es, als die halbe Welt von meinem Fehlurteil erfahren hatte. Deswegen auch diese neue, noch geheimere Nummer.

Aber er kann es gewesen sein. Ich habe gar nicht vergessen, das Wasser auszulassen, sondern er hat die Badewanne frisch gefüllt! Während ich heute Vormittag nach meinem Trinkgelage noch geschlafen habe. Um mir ein Versagen anzuhängen. Doch der Richter in mir stellt Fragen. Da war doch die Trübung des Wassers, da waren die Seifenreste und ein Schmutzrand zu sehen. Dann hätte der Eindringling den Schmutz hinzugefügt, Seifenschaum aufgeschlagen und womöglich seine eigenen Haare hineingeschüttelt. Oder sogar selbst in meiner Wanne gebadet. Für eine Stunde Ludwig Redtenbacher gespielt. Und ich Idiot habe den Stöpsel gezogen und die Spuren beseitigt, den Feind durch den Abfluss entkommen lassen, sogar die Wanne gesäubert. Wie einfach hätte man seine DNA feststellen können, ein über jeden Zweifel erhabener Beweis. Mein Gott, lass mich nur nicht wieder daran denken, diese verfluchten Buchstaben, dieses teuflische Trio.

Das Telefon läutet, manchmal ist sogar das ein Segen, holt mich aus der aufsteigenden Verzweiflung. Der Waffenhändler, er hat eine Margolin. Allerdings mit Holzkassette und allem Zubehör. Anders war sie nicht zu bekommen. Dabei brauche ich doch nur die Pistole. Man legt mir eben überall Steine in den Weg. Aber ich werde sie wegräumen, einen nach dem anderen.