»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Dann muss ich meine Hippocampi verlassen, denn um mich herum wird das Gedränge groß. Die Haie werden gefüttert, und wir Besucher sind durch unsere Neugier gezwungen, ihnen beim Verschlingen der blutigen Stücke zuzuschauen. Niemand gelingt es, seinen Blick auf etwas anderes zu richten, und ich selbst würde jetzt an meinen vier kleinen Wesen von vorhin keinen Gefallen finden. Allerdings regen mich weniger die Zähne der Raubtiere auf als ein Gedanke, der mein Problem beseitigen könnte. Auch ich habe an die dreißig Kilo Fleisch, dazu Fell und Knochen. Warum bringe ich den Hundekadaver nicht in dieses Haus? Man wird mir dankbar sein. Selbst für den Fall, dass man die Haie nur mit frisch geschlachteten Tieren verwöhnt, es wird hier doch auch Aasfresser geben. Ich könnte meine Reisetasche einfach abstellen und mich zurückziehen. Natürlich würde man das Fleisch an weniger wertvollen Bewohnern in diesen Glaskäfigen ausprobieren, um eine Katastrophe zu verhindert, falls es vergiftet wäre. Doch mein Hund ist tadellos, in China oder Korea wäre er in den Restaurants eine Spezialität. Am besten gefällt mir an meiner Idee, dass ich mithelfe, einen Kreis in der Natur zu schließen, und mein Versagen an der Mülltone sogar noch zu einem guten Ende führt. Fast beschwingt steige ich aus der Straßenbahn, freue mich auf die Wärme in meiner Villa. Ich nehme mir vor, sie ohne Angst zu betreten, und selbst wenn die Heizung wieder ausgefallen ist, kann ich das Verlöschen der kleinen Flamme dem heutigen Sturm zuschreiben und ohne Aufregung in den Keller gehen.

Aber das Unheil wartet schon vor der Gartentür auf mich. Dieses Mal ist kein Schuppen abgebrannt, der flatternde Zettel auf dem Laternenpfahl ist viel schrecklicher. Ich sehe meinen Hund. Treuherzig blickt er mich an, mit schief gelegtem Kopf und in Farbe. „Hund entlaufen. Hört auf Moritz. Sehr hoher Finderlohn.“ Ich reiße den Zettel ab und wanke wie nach einem Heurigenbesuch in mein Zimmer. Eigentlich müsste ich hinausgehen und all diese Schandflecken entfernen, in eine Mülltonne werfen. Was für eine Frechheit, dass man den Aufruf an meiner Laterne anbringt und ohne den geringsten Beweis mich zum Verdächtigen macht. Zugleich sehe ich zum ersten Mal das Tier ohne aufgerissenes Maul und mit einem Blick, der mich nie zur Margolin greifen lassen würde. Dieser Fetzen Papier ist schlimmer als ein Steckbrief mit meinem Gesicht und dem Namen dazu. Er übertrifft eine Anklageschrift, ein ausgefertigtes Urteil, alles. Hund entlaufen! Will man mich provozieren? Der Kerl auf dem Blatt mit seinem schief geneigten Kopf ist doch tot! Außer mir weiß das niemand, kein Mensch auf dieser Welt. Der Besitzer ahnt es vielleicht, denkt an einen Verkehrsunfall oder versehentlich gefressenes Rattengift. Aber er gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, sein Gefährte könnte ihm treulos geworden sein und in einer der wohlhabenden Häuser rundum mit teuerstem Dosenfutter verwöhnt werden. Warum sucht er erst jetzt? Mein Schuss liegt fast eine Woche zurück, die Reisetasche fängt schon an zu stinken, trotz Wasserdichtheit und Winter. Doch der Winter ist dieses Jahr zu warm, und die Leiche eines Hundes verhält sich nicht anders als die eines Menschen aus meiner Zeit als Richter. Sie stellt auch die gleichen Ansprüche an den Mörder, mein Kopf besteht nur noch aus Mülltonnen und Haien. Wie kommt das Tier dazu, gegen jedes normale Verhalten in meinem Fenster aufzutauchen und sich an mir seit Tagen festzukrallen. Teufel machen das, aber doch nicht Hunde. Zu allem Überfluss weiß ich jetzt sogar seinen Namen, fehlt nur noch, dass man mir seine ganze Lebensgeschichte mit dem nächsten Flugblatt zukommen lässt. Ist denn das so schwer zu verstehen, ich will von diesem Ungeheuer nichts wissen! Alles Sich-Wehren hilft nichts. Das Ungeheuer bin ich. Die Kugel aus dem Lauf der Margolin gehört mir, seit dem Kauf, während des Knalls und wohl auf ewige Zeiten. Es wird sich kein anderer ihrer annehmen. Mein Blick fällt auf meinen Zeigefinger. Warum hat er sich in der Nacht des Hundes nicht versteift oder ist lahm geworden, warum durfte er abdrücken. Ich hätte auch vorbeischießen können und den Eindringling nur erschrecken. Dann wäre er jetzt zu Hause bei seinen Liebsten und ich nicht in ärgster Bedrängnis. Dazu kommt die unverschämte Aufforderung, dringend anzurufen, wenn ein Hund dem abgebildeten auch nur ähnlich sieht. Was verlangt man noch von Spaziergängern und Passanten? Man soll sich wohl das Foto einprägen, die Nummer auswendig lernen und bei jedem verdächtigen Köter Meldung erstatten. Für mich ist nicht einmal sicher, ob das Tier auf dem Waschzettel in meiner Reisetasche liegt. Die Welt ist voller Zufälle, und warum sollen in der Pötzleinsdorfer Straße nicht zwei Hunde verschwunden sein. Ich rede mich heraus wie meine Angeklagten, mit einer ganzen Kette herbeifantasierter Argumente, die zwei Dinge zeigen, Schuld und Hilflosigkeit. Mein Innerstes weiß das längst, kenne ich doch die Telefonnummer schon auswendig. Aber glaube ich noch ernsthaft, dass der Hund Sigurd Fürst gehört? Würde Tiffany ein Tier aus Malaysia Moritz nennen? Auf dem Foto weist nichts auf die Besitzer hin, es zeigt nur einen Hund auf nackter Erde. Dabei wäre es so leicht, die Wahrheit herauszufinden. Sieben Ziffern in das Telefon getippt, und ich erfahre von einer auf die andere Sekunde mehr als durch meine Ausflüge auf den Zentralfriedhof oder in das Haus des Meeres.

Ich habe einfach Angst, die Stimme von Sigurd Fürst nach fast zwanzig Jahren wieder zu hören. Oder gar Tiffany. Warum hat er auf diesen Streuner nicht aufgepasst? Wie komme ich dazu, mich mit einer braunfelligen Leiche herumzuschlagen. Sogar im Spiegel über dem Telefon sehe ich meine angeschwollenen Adern im Hals und wie das Blut in ihnen immer schneller pocht. Noch kann ich auflegen oder die Zahl mit den sieben Stellen rechtzeitig vergessen. Beides wird mir nicht gelingen, und ein weiteres Zuwarten die Qual nur verlängern. Mein Vater würde mich jetzt wieder ohrfeigen, weil Zögern und Zaudern zu nichts führt, am wenigsten zu einem gelungenen Leben. Dabei muss ich nichts tun, nur schweigen und hören. Dank meiner geheimen Nummer kann mir nichts passieren, selbst wenn ich bei einem Fremden oder meinem unschuldigen Maler Tag und Nacht anrufe. Das Rufsignal sticht mir ins Ohr, aber nur einmal, denn sofort wird abgehoben, man hat offenbar neben dem Telefon sitzend auf mich gewartet. Mein Gegenüber scheint noch vorsichtiger zu sein als ich, oder es ist Sigurd Fürst und er weiß alles, stellt mir eine Falle, hat mich vielleicht bei den Mülltonnen beobachtet. Jetzt hört er mein Atmen, und es gelingt mit nicht, ihn anzuhalten. Oder ich bin Tiffany so nah wie noch nie. Es schreit mich aber niemand voller Hass an. Ich bin keinem Feind ausgeliefert, ich weiß nicht einmal, ob die leise Stimme einem Jungen oder einem Mädchen gehört. Vier Worte und eine Frage, dazu das vor Aufregung kratzende Händchen am Telefon. „Hast du meinen Moritz?“ Ich könnte jetzt auch antworten. Mit einem leisen Ja. Meine Kehle ist so zugeschnürt, dass ich nicht einmal meine Stimme verstellen müsste. Außerdem ist ein Kind als Zeuge unbrauchbar, schon gar in einem Verfahren, wo es um die Tötung eines Lebewesens geht. Aber vielleicht läuft ein Band mit, oder die Eltern stehen hinter ihm. Man könnte auch die Polizei im Hause haben und eine Fangschaltung. Wenn ich nicht gleich auflege, bin ich geliefert. Aber ich warte noch auf ein befreiendes Wort, auf eine Erlösung. Vielleicht sagt mir das Kind, dass ich Moritz behalten darf, weil es sich ohnehin schon in das Hündchen im Schaufenster einer Tierhandlung verliebt hat. Einer von uns beiden muss ein Ende machen. Warum schlägt nicht ein Blitz in die Leitung, wie bei einem Gewitter vor sieben oder acht Jahren? Die Stille schadet nicht nur mir, sondern auch dem kleinen Geschöpf. Während ich aus Vernunft und Verschlagenheit kein Wort sage, bekomme ich einen Rat. „Man muss Moritz hinter den Ohren kraulen, dann beißt er nicht.“ Du dummes Kind, wie soll das gehen, ohne die eigene Hand zu riskieren? Ich denke es nur, aber vielleicht hat man mich gehört. Darum scheuche ich die Antwort weg, dass Moritz nie mehr angreifen wird. Nie wieder. Er wird auch alle Fenster in Ruhe lassen und in kein fremdes Haus mehr eindringen. Man hätte das zähnefletschende Ungeheuer besser erziehen sollen, statt es zu fotografieren. Endlich bin ich in eine Wut geraten, mit der ich auch bei meinem Vater gut angekommen wäre. Mir hilft sie, den Faden verhängnisvollster Gefühle abzureißen und endlich den Hörer aufzulegen. Auf jeden Fall weiß ich, mit meinem Hund hat Sigurd Fürst nichts zu tun. Es sei denn, er hätte im Gefängnis einen Nachwuchs gezeugt. Oder Tiffany hätte das Tier von einem anderen Mann, und Fürst findet sich ab damit. Vinzenz wird einmal mehr Rede und Antwort stehen müssen. Natürlich lässt mich das Kind am Telefon nicht los. Wie lange es wohl dauern wird, bis ich seine zwei Sätze vergessen habe. Sie bedrängen mich nicht weniger als mein Eindringling, aber von der anderen Seite. Schuldig fühle ich mich noch nicht, denn es war Notwehr, aber wie erkläre ich das dem kleinen Tierfreund? Wobei ich nichts weniger will, als sein verweintes Gesicht auch noch zu sehen. Junge oder Mädchen? Es könnte auch eine alte Frau mit kindlicher Stimme gewesen sein. Auf jeden Fall war der Hund nicht mehr jung, sein Tod stand wahrscheinlich ohnehin ins Haus.

Trotzdem wäre es vielleicht nicht falsch, nochmals anzurufen und mit verstellter Stimme ins Telefon zu flüstern oder gar zu schreien, tot, tot, tot. Mehr braucht es nicht. Das begreift auch ein Fünfjähriger, der noch nicht weiß, was der Tod letztendlich bedeutet. Nicht einmal ich schaffe das, obwohl ich ihm durch den Hund schon näher gekommen bin. Es ist schrecklich, aber sein Ende beschäftigt mich mehr als das meiner Eltern. Sie sind ja auch nicht umgebracht worden und liegen in ordentlichen Gräbern. Das Tier in der Reisetasche hat nach wie vor keine Ruhe, dafür aber jetzt einen Namen, und es ist mir noch nie so lebendig erschienen wie nach diesem unüberlegten Telefonat. Ein Spielplatz drängt sich auf, und das Kind läuft mit Moritz den Donaukanal entlang. Darf ich ihn noch in eine Mülltonne kippen oder den Haien zum Fraß vorwerfen? Ich brauche Hilfe. Vielleicht auch für das Loch in meinem Garten, aber vorher muss ich mit jemand reden. Die Auswahl ist nicht groß, an vollkommen treuen Menschen habe ich ohnehin nur noch den einen.

*

Ich wollte Vinzenz woanders treffen, doch für weite Wege hat er keine Zeit. So sitze ich hier, unweit von seiner Arbeitsstelle, die auch einmal die meinige war. In den alten Zeiten habe ich in diesem Café zu Mittag gegessen und nach Verhandlungen am liebsten Billard gespielt. Manchmal gab es auch ein Glas Wein, bevor es wieder zurückging in den Justizpalast, öfter jedoch wurden es viele. Dann wurde ich besonders tatkräftig und schüttelte meine Anweisungen und Urteile nur so aus dem Ärmel. Vinzenz hat es als einer der wenigen bemerkt und mich dafür gehasst, so wie ich seit Jahrzehnten seine Unpünktlichkeit verabscheue. Ich trinke jetzt wenigstens nur einen großen Schwarzen, während er dabei geblieben ist, zu spät zu kommen. Natürlich kennen mich hier viele, auch wenn ich bisher nur vom Kellner gegrüßt worden bin, und das auch so knapp wie nie zuvor. Früher war ich der Herr Rat, jetzt bin ich hier nichts, weniger als ein Tortenstück in der Glasvitrine. Rundum wird in Zeitungen oder Akten geblättert, dazwischen wird zu mir hergesehen, weil ich nicht aufhöre, den einen oder anderen ehemaligen Kollegen anzustarren. Aber man blickt durch mich hindurch, voller Konzentration, als wäre hinter mir eine Anzeigetafel für ein Pferderennen oder die bloße Ferne. Sie sind gute Schauspieler, eben Verteidiger, Staatsanwälte und Richter. Die Jüngeren hier wissen vielleicht wirklich nicht, wer ich bin, die ganz alten Stammgäste erkennen mich nicht mehr, weil sie mich nur verschwommen sehen oder ihnen zu mir nichts mehr einfällt. Doch dazwischen sind die Kollegen von Vinzenz. Mein Kreis. Aber der ist zerbrochen. Oder auch nicht. Ich bin nur ein Herausgefallener. Mein einsamer Tisch wird mir unerträglich, fast zum Pranger. Ich werde spielen. Vielleicht gesellt sich ein Mutiger oder auch nur Ahnungsloser zu mir und greift wie ich zu einem der Billardstöcke an der Wand. Doch ich bleibe allein. Das ist kein Problem, denn die Kugeln lassen sich auch ohne Gegner über das grüne Tuch schießen. Dieser Tisch ist auf jeden Fall besser als der vorige, denn jetzt spüre ich die Blicke bloß im Rücken, und ich habe nicht nur eine Tasse Kaffee vor mir. Trotzdem zittern meine Hände so sehr, dass ich die Kugel kaum auflegen kann. Die ersten Stöße können ruhig danebengehen, habe ich doch über ein dreiviertel Jahr nicht mehr gespielt. Das brauche ich zur Entschuldigung auch niemand zu erklären, das wissen ohnehin die meisten. Man wundert sich eher über meinen heutigen Auftritt, und der eine oder andere ist sicher verärgert, weil ich ihn in Verlegenheit bringe. Es verlassen auch einige das Cafe, aber das hat kaum etwas mit mir zu tun, sondern die Mittagspause ist vorbei, und es muss nicht nur hier, sondern auch im großen Haus verurteilt werden. Dennoch habe ich noch meine Richter. Ich merke es an der Ruhe im Saal. Ich habe einen Stoß vor mir, der schwierig ist, aber gelingen könnte. Rundum ist es deshalb still geworden. Ausschlaggebend bin aber ich. Lieber Gott, lass mich treffen. Es müssen ja nicht immer die Kugeln meiner Margolin sein. Ich schieße, aber für den Bruchteil eines Augenblicks zu spät. Das Öffnen der Tür hat mir die Hand verrissen. Vinzenz ist hereingestürmt. In das Kaffeehaus kommt wieder Leben, und ich danke es tausendmal meinem Freund, dass er ohne Scheu auf mich zugeht und nach einem Billardstock greift. Er war schon immer in allem flinker als ich und tritt nicht nur im Gerichtssaal beeindruckend auf.

Ich weiß gar nicht, was ich ihn fragen soll. Ich brauche Vinzenz, das müsste doch genügen. Aber wir schenken uns nichts, er redet nicht von sich, ich nicht von meinen Sorgen. Wir gehen vollkommen im Wettkampf auf. Aber dann will ich doch wissen, ob er an mir eine Veränderung wahrgenommen hat. Er lacht und beglückwünscht mich dazu, deutet auf die Kaffeetasse, bestellt für sich Wasser. Der Kellner sieht mich fragend an. Ich entscheide mich wie zum Trotz für ein kleines Glas Wein. Vinzenz straft mich mit seinem Blick. Ich verspreche, dass es dabei bleibt, nichts dazukommt. Er meint, auch die beste Freundschaft könne einmal zerbrechen. Dann rutscht es mir heraus, wenn auch nur leise. „Ich habe nur noch dich.“ Ich weiß nicht, ob er es gehört hat, denn er spielt weiter und zwingt mich zum nächsten Stoß. Warum hängt er alles am Wein auf, als hätte ich sonst keine Fehler. Aber ich glaube, die sieht er nicht. Er blickt nicht wie die anderen durch mich hindurch, aber offen in die Augen schaut er mir auch nicht. Irgendetwas geht bei uns nicht mit rechten Dingen zu. Womit hält er hinter dem Berg? Vielleicht rieche ich nach meinem Hund, oder Vinzenz will all den anderen hier zeigen, dass er mir nicht mehr so nahe steht. Ich muss ihm zugute halten, kein anderer von meinen alten Kollegen würde es wagen, sich derart mit mir abzugeben. Aber was hilft mir sein Mut, wenn wir spielen, anstatt zu reden. Der Kellner bringt die Gläser. Vinzenz blickt auf meines. Ich frage ihn geradeheraus, ob er an mir Veränderungen wahrgenommen hat. Er meint, eigentlich nicht, und wenn schon, bei einem Schicksal wie dem meinen sei es kein Wunder. Trotzdem würde ich mich gut halten und bestimmt bald wieder der Alte sein. Ich solle nur anfangen, mir weniger Sorgen zu machen, und endlich nach vorne schauen. Doch ich werde rückfällig. Ich greife zwar nicht zum Glas, frage ihn aber, warum man Sigurd Fürst nicht mehr unter Aufsicht stelle. Vinzenz wird fast ungehalten, verteidigt meinen Feind. Weder läge gegen ihn etwas vor, noch gäbe es die geringsten Anzeichen für irgendwelche Rachegedanken, die allerdings nur zu verständlich wären. Auch wenn er nicht mehr male, eine Künstlerseele sei er geblieben. Fürst habe sich auch keine Waffe besorgt, wie so manch andere. Ich möge doch endlich aufhören, mich in diesen Menschen zu verbohren, und vor allem, ihn noch immer als Mörder zu sehen. Nun geht Vinzenz doch ganz nahe an mich heran. „Er hat nie zugeschlagen und wird es auch nie tun! Aber du siehst ihn ja noch immer mit dem Pflasterstein in der Hand.“ Vinzenz hat recht. Meine Erinnerungen sind stärker als die Wahrheit. Verzagt, aber leise genug führe ich noch an, dass er dann umso mehr Grund hätte, mich für seine verlorenen Jahre zu bestrafen. Jetzt ist es mein alter Freund, der brutal wird. Er meint, dass es für mich wahrscheinlich doch besser wäre, zum Glas zu greifen und meine Grübeleien samt Gehirn im Wein zu ertränken. Und zum letzten Mal: „Sigurd Fürst sinnt nicht nach Vergeltung, sondern starrt stundenlang auf Fische.“

Langsam werde ich ruhig und fast zufrieden. Es ist, als hätte ich schon ein paar Gläser getrunken. Dabei hat Vinzenz mir nur die Leviten gelesen. Mein Vater hätte es weniger leise gemacht, doch mit gleicher Härte. Allmählich begreife ich auch, dass nicht er sich verändert hat, sondern dass meine Ängste Vinzenz ihn in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wir spielen wortlos weiter, er absichtlich schlecht, damit ich endlich auch wieder einmal gewinne. Eigentlich müsste es mich demütigen, aber ich bin damit einverstanden. Ich war krank und komme erst wieder langsam auf die Beine, jeder Freundesdienst ist da willkommen. Ich zahle für uns beide, ohne den Wein getrunken zu haben. Auf der Straße rät er mir noch zu einer Reise und warnt mich davor, in das Haus des Meeres zu gehen, um die beiden zu treffen. Das würde nur Wunden aufreißen und zu neuen Verstrickungen führen.

*

Er geht zurück zum Justizpalast, ich fahre im 41er heimwärts. Doch vor meiner Villa steige ich nicht aus, sondern bleibe wie ein Betrunkener sitzen, auch an der Endstation, und kehre dann in die Innenstadt zurück. Heute werde ich nicht in den Flakturm zu den Aquarien hinaufsteigen, sondern die Angelegenheit von der anderen Seite einfädeln. Der Lift bringt mich ins letzte Stockwerk, aber bevor ich mein Werk angehe, nütze ich noch die Nähe des Dachplateaus. Mit wenigen Schritten stehe ich im Freien und über der Stadt. Der Anblick der Sonne hinter den Wolken fesselt mich. Fliegen sollte man können, ich wüsste sofort wohin. Aber trotz der Schwerkraft wird es um mich leichter und leichter, je länger ich dieses Gemälde der Natur betrachte. Sigurd Fürst müsste es sehen, anstatt ein paar Meter unter mir mit seinen begabten Augen die Fische zu verfolgen.

Ich sehe mehr als Wolken. Sie werden zu Rauchgebilden, die sich langsam, aber ständig verändern, und die ich sogar riechen kann. Solche Erlebnisse sollte man teilen können. Der Duft selbst ist wunderbar, und ich kenne ihn. Zuletzt bin ich ihm vor ein paar Tagen begegnet. In einer Nacht voller Verzweiflung, mit Vinzenz mir gegenüber und dem Hund seiner Begleiterin an meiner Reisetasche. Jetzt aber kämpfen Wolken und Sonne miteinander, und in mir unbegreifliche Gedanken. Mit jedem Atemzug nehme ich den Gerucht der indischen Zigarette deutlicher auf. Wie viele Leute gibt es wohl, die Zuflucht auf der Terrasse suchen und zu Bidis greifen? Wahrscheinlich nur die eine. Ich brauche mich nur umzudrehen, um Vinzenz’ Frau in diesem schönen Abendlicht zu sehen. Aber ich bleibe bei den Wolken, weil ich Angst habe, hinter mir könnte sie stehen. Sie. Während Sigurd Fürst bei den Fischen ist.