»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich bin nicht der einzige Besucher hier, Tiffany könnte unbemerkt auf das Dachplateau gekommen sein. Aber vielleicht ist es ein Tourist, in dessen Heimat Bidis zum Alltag gehören, oder sie sind nach Jahrzehnten auch bei uns wieder Mode geworden. Dann würde ich wohl wahnsinnig werden, weil ich hinter jeder Ecke die Schöne von Sigurd Fürst vermuten müsste. Trotzdem wäre mir das immer noch lieber. Tiffany und Vinzenz, wie geht das zusammen? Gibt es zwischen ihnen schon ein längeres Spiel? Warum hat er sie mir damals verschwiegen?

Meine Begegnung mit Tiffany habe ich mir anders vorgestellt, als eine Angelegenheit zwischen uns zweien, ohne einen Gedanken an meinen Freund Vinzenz. Er geht mit ihr zum Heurigen, sie trinken Wein und reden natürlich über mich. Ob sie mich jetzt erkennt? Wahrscheinlich bin ich ihr so gleichgültig, dass sie mich nicht einmal wahrnimmt. Oder sie starrt in die Wolken wie ich. Dann wären wir ja wieder beisammen.

Endlich drehe ich mich um. Vor mir ist nur die Betonwand des Flakturms, und auch der Geruch der indischen Zigarette wird mehr und mehr vom Wind verblasen. Ich steige von einem Stockwerk zum nächsten, tiefer und tiefer, immer darauf gefasst, ihr plötzlich gegenüberzustehen. Oder ich sehe sie von hinten, wie sie gerade den Arm über ihren Sigurd legt, der seinerseits in die Fische versunken ist. Frauen gibt es hier genug, aber fast alle sind mit Kindern unterwegs, und keine gleicht meinem Bild von Tiffany. Im Erdgeschoss fällt mir ein, dass sie den Lift genommen haben könnte. Auch wenn es sinnlos scheint, steige ich ein und fahre zurück in das oberste Stockwerk. Eine Hoffnung gibt es noch. Sie hat das Dachplateau nicht verlassen, sondern nur einen Rundgang gemacht.

Ich bin wieder am Anfang. Irgendjemand hat geraucht und mich beinahe verrückt gemacht. Wenigstens kann ich Vinzenz nun in die Augen sehen, ohne ihm diese entsetzliche Frage stellen zu müssen. Er hat auch recht gehabt, es war falsch, in das Haus des Meeres zu gehen. Nicht er hat mich betrogen, sondern ich ihn. Langsam wird es Zeit, dem Ganzen ein Ende zu setzen, das Übel an der Wurzel auszurotten. Was gibt es in meinem Leben noch außer unseligen Verstrickungen? Dabei ist es so leicht, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich brauche mich nur über die Betonmauer zu lehnen. Weiter. Noch ein Stück. Nicht einmal Schutzgitter stehen mir im Weg. Aber vielleicht springt man hier nicht und ich bin der Erste. Auf diese Tiefe ist Verlass. Unter mir ebenfalls härtester Beton. Und den Kindern auf dem Spielplatz schadet es nicht, wenn sie schon früh dem Tod in die Augen sehen. Ich werde sie offen halten wie mein erschossener Hund.

Noch aber sehe ich als Lebender. Ein Mann unten auf dem Gehsteig. Er wartet auf eine Frau, die in den Park ruft. Ein Hund läuft auf sie zu, springt an ihr hoch, dann an ihm. Mehr erkenne ich mit meinen verfluchten Augen nicht. Das glückliche Tier umkreist die beiden wie eine Amöbe im Tümpelwasser. Ich habe die so lange Gesuchten endlich gefunden. Die Frau deutet herauf zum Dachplateau. Er folgt ihrem Blick. Ich ziehe mich zurück, muss nicht alles sehen, um es zu verstehen. Sie erzählt ihm von mir. Natürlich hat Tiffany mich erkannt, weiß sie doch seit ihrem Heurigenbesuch in der Armbrustergasse, was für eine verzagte Kreatur ich bin. Aber hat der Maler da unten eine Ahnung von ihrem Abend mit Vinzenz?

*

Zu Hause wähle ich jetzt die Nummer meines letzten Freundes drei Mal, lege aber immer wieder auf. Ich habe Angst, er gesteht mir alles. Ich weiß auch, wie die richtige Frage lautet, jenes Kind hat sie mir beigebracht. Hast du meine Tiffany? Oder ich erkundige mich bei Vinzenz vorsichtig, warum er mir die Dame an diesem Abend nicht vorgestellt hat. Oder weshalb ich denn dem Haus des Meeres fernbleiben soll.

Ich vertage den Anruf, der mich zerstören könnte. Zum Glück habe ich Moritz. Gestern ist mir der Kadaver in der Reisetasche noch als unlösbares Problem erschienen, jetzt steht mir ganz klar vor Augen, was zu tun ist. Ich werde ihn begraben. Das schulde ich dem Kind am Telefon. In meinem Garten. Ich werde selbst eine Grube ausheben. Mit der Schaufel meines Vaters. Und plötzlich erscheint mir auch der warme Winter in einem anderen Licht, wie für mich geschaffen. Ende Januar, und die Erde ist noch nicht gefroren, doch morgen schon soll strenger Frost kommen.

Der Platz unter dem Apfelbaum scheint mir angemessen, von meinem Zimmer aus habe ich ihn jederzeit vor Augen. Lieber ein klares Bild als eine Fülle wilder Fantasien. Ich schiebe nichts mehr beiseite, sondern stelle mich meinen Handlungen. So werden sie ihre Kraft verlieren. Auch das Fehlurteil bin ich.

Das Öffnen des Müllsackes ist weniger entsetzlich als erwartet. Das Halsband ist schnell gelöst, mit einem Zug geht auch die kurze Leine mit. Dann allerdings hebt es mir den Magen. Das Lederband ist mit Knöpfen und falschen Steinen besetzt, ganz offensichtlich von einem Kind ausgesucht. Schnell rette ich mich über diese Vorstellung hinweg, indem ich das Zeug umso sorgfältiger prüfe. An einem der Ringe entdecke ich die Hundemarke. Das alles bleibt bei mir. Jetzt kann ich die Hülle besten Gewissens wieder zuschnüren, ohne Nummer ist das Tier herrenlos.

Schweißtreibend ist das Ausheben der Grube und wäre wahrscheinlich schon morgen nicht mehr möglich. An meinem Körper spüre ich, wie die Temperatur mehr und mehr fällt, schon in der Nacht wird der Boden frieren. Am hinderlichsten sind die Wurzeln des Apfelbaums. Manchen ist weder mit der Schaufel noch mit dem Spaten beizukommen, aber mein Vater hat für jeden Fall vorgesorgt. Das Beil ist noch immer unglaublich scharf. Und auch die Vorräte aus dem Keller kommen an die Reihe. Aus einem ordentlich beschrifteten Papiersack streue ich Branntkalk auf die Reisetasche in der Grube. Mein alter Herr verwendete ihn zum Weißen der Baumstämme gegen Schädlingsbefall, während ich damit meinen Garten seuchenfrei halte. Das Ganze wird mit Wasser übergossen und erwacht wie mit einem Schlag zum Leben. Das Gemisch unter mir schlug Blasen und kochte wie ein kleiner Lavasee. Genug der Vorsichtsmaßnahmen. Alles, was ich hier unternommen habe, ist verboten, wie so manche meiner Handlungen in letzter Zeit. Aber wo kein Kläger, da auch kein Richter.

Ich hätte die Handschrift meines Vaters auf dem Kalksack genauer lesen sollen. Jetzt sind meine Hände verätzt, und ich keuche wie ein Lungenkranker. Alles Waschen hilft wenig, aber ein Gang zum Arzt ist vollkommen ausgeschlossen, da könnte ich gleich mit einer Polizistenkugel im Bauch meinen Weg antreten. Wenigstens habe ich es noch geschafft, die Erde über Moritz festzustampfen. Trotzdem ist ein Hügel geblieben, das erste Grab in meinem Garten.

*

Ich sollte öfter im Garten arbeiten, es hat mir gut getan. Ich höre Musik, ohne an Sigurd Fürst zu denken. Sogar Moritz ist keine Last mehr, fast ein Freund, dem ich die letzte Ehre erwiesen habe. Nur Vinzenz hätte mir nicht einfallen dürfen. Wenn ich an ihn denke, folgt ihm Tiffany auf den Fuß. Das ist neu und nicht zu ertragen. Ich muss nur meinen Schostakowich abstellen und mit einer Taste die letztgewählte Nummer aufrufen.

Er hebt tatsächlich ab. Ich frage ihn ohne Gruß. Wer war die Frau? Er stellt sich dumm, und auch ich hoffe für einen Augenblick, dass es die Begegnung bei der Armbrustergasse gar nicht gegeben hat. Vinzenz! Die Dame mit dem Hund? Hat er aufgelegt, weil es so still ist in der Leitung? Dann gesteht er. Eine Besprechung, mehr mühselig als unterhaltsam, aber wenigstens sei das Ergebnis in Ordnung. Um dem Ludwig Fürst wieder auf die Beine zu helfen, würden einige seiner alten Bilder ausgestellt. Im Justizpalast. Eine Art von Wiedergutmachung. Eine kleine Versöhnung des Gesetzes mit einem Unschuldigen. Auch ein Anstoß, damit dieser verwirrte Mensch wieder zu malen beginnt. Frau Bruckner sorgt sich um ihn. „Fanny Bruckner, du kannst dich nicht mehr an sie erinnern? Es war doch dein Prozess.“

Ich sage ihm auf den Kopf zu, dass ich im Haus des Meeres war, zweimal sogar. Er meint, dann gäbe es nun dort zwei Verrückte. Wahrscheinlich schmiede ein Fehlurteil von diesem Ausmaß zusammen. Er aber werde dafür sorgen, dass die arme Frau nicht auch noch zugrunde gehe.

Es klopft an meiner Tür. Ich beende das Telefonat abrupt und verwünsche mich, dass ich meinen Freund angerufen habe. Auch jetzt wäre es vielleicht besser, mich still zu verhalten, aber der Besucher vor der Tür scheint nichts dabei zu finden, in das Leben anderer Menschen einzudringen. Er lügt schon mit dem ersten Satz, behauptet, mehrmals gerufen und nichts gehört zu haben. Nur ganz kurz werde er mich stören, dabei ist er längst in meinem Zimmer und gibt sich als Besitzer des verlaufenen Hundes zu erkennen. Braunes Fell, hellblaues Halsband, Moritz. Ob ich ihn hier irgendwo gesehen hätte.

Ich versuche, ein vollkommen ahnungsloses Gesicht zu machen. Mein ungebetener Gast scheint ein tüchtiger Mensch zu sein, der nicht so schnell aufgibt, weil er mitten in mein Zimmer tritt und Moritz noch genauer beschreibt. Ich stehe auf, um ihm nicht das ganze Feld zu überlassen, entgegne ihm, dass er wohl woanders suchen müsse, hier habe es seit Jahrzehnten kein Haustier gegeben. Er lässt nicht locker, will in den Garten, denn das arme Geschöpf könnte von einem Auto angefahren worden sein und sich irgendwo verkrochen haben.

Draußen höre ich den forschen Herren herumtapsen und nach Moritz rufen. Er scheint Angst um seine gepflegten Schuhe zu haben. Durch das Fenster kann ich sehen, wie er trotzdem nach einem verkohlten Holzstück der Brandruine tritt und dabei fast das Gleichgewicht verliert. Wie in einem Anfall schreit er nach seinem Hund, so laut, dass es die ganze Nachbarschaft hören muss. Dabei steht er nur wenige Schritte von Moritz entfernt.

Ich hingegen bin zu meiner Verwunderung gelassen wie schon seit Tagen nicht. So wie der Mann da draußen kann auch ich mir das Nächstliegende nicht vorstellen. Dabei könnte ich heute bereits als Totengräber eines Hundes in der Umgebung bekannt werden und morgen in der ganzen Stadt. Was nicht sein darf, wird auch nicht passieren. Aber vielleicht bin ich auch so ruhig, weil ich immer noch meine Margolin habe und im äußersten Fall eben zu ihr greifen müsste. Eine Notwehr der besonderen Art. Die Holzkassette lege ich schon einmal neben mich. Doch ich würde diesen Streuner da draußen, anders als seinen Hund, nicht durch das Fenster erschießen, sondern nach seiner Entdeckung hereinkommen lassen. Was dann weiter geschehen würde, weiß niemand. So viel habe ich inzwischen gelernt, dass Planen wenig bringt und sich die Ereignisse ohnehin selbständig machen. Ich darf nur nicht wieder in Panik verfallen und voreilig handeln.

Er kommt zurück. Nicht aber um sich zu entschuldigen, sondern um eine unverschämte Frage zu stellen. Ob ich einen Keller hätte, denn da könnte sich sein Hund auch zurückgezogen haben. Der Mann Mitte dreißig ist rücksichtslos und wohl auch in seinem sonstigen Leben mehr als tüchtig. Oder nur betrunken und aufgewühlt, denn seine Bewegungen sind alles andere als sicher, und er riecht auch danach. Doch er ist wacher, als mir recht sein kann. Mit seinen glasigen Augen hat er etwas neben dem Telefon entdeckt. Schon hält er mir das Blatt mit Moritz und dem Finderlohn entgegen. Aber es fällt mir nicht mehr schwer zu lügen und blitzschnell eine Ausrede zu finden. Natürlich habe ich diesen Zettel mit ins Haus genommen, so wie hunderttausend Werbeschriften und die Post, aber das meiste würde nach kurzem Hinsehen weggeworfen, und entlaufene Hunde gäbe es viele, auch Katzen, ja sogar Meerschweinchen. Ich zeige auf den vollen Papierkorb.

Im Keller hat mein Besucher schon auf der steilen Stiege zu staunen begonnen. Nie habe er es für möglich gehalten, in dieser Gegend eine ganze Unterwelt zu finden. Bei seinem Haus gäbe es ein paar Abstellräume und das Fitnessstudio, sonst nichts, weit und breit kein Gewölbe und schon gar nicht diese schmalen Gänge. Er ruft in jeden hinein, doch heraus kommt weder Moritz noch ein Bellen, noch auch nur ein Winseln. Als er dann vor den Weinregalen steht, merke ich, dass er seinen Hund kurz vergisst. Der Mann gesteht mir, kein Kenner zu sein, noch nicht, aber er schätze sich überglücklich, jemanden getroffen zu haben, der darin ein Meister zu sein scheine.

Schon bei seinem ersten Schluck weiß ich, dass er einer ist wie ich. Uns kommt es nicht auf den Geschmack der Getränke an, sondern wir suchen nur die Berauschung. Deswegen öffne ich als zweite Flasche eine von durchschnittlicher Qualität und stelle sie auf den kleinen Holztisch, aber ich widerstehe seinem Drängen, als Hausherr doch endlich mitzutrinken. Alkohol darf in einer meiner schwierigsten Stunden keinen Platz haben. Klares Denken ist gefordert, und längst ist noch nicht alles ausgestanden. Der Säufer in meinem Keller braucht sich nur umdrehen und beim Anblick der zum Trocknen an die Wand gelehnten Schaufel auf den richtigen Gedanken kommen. Ich wäre gezwungen zu handeln. Ohne Margolin. Eine Schießerei passt nicht in das Gewölbe, einer meiner Angeklagten ist bei einem Mordversuch von dem eigenen Querschläger getroffen worden. Ich würde zum Werkzeug neben der Schaufel greifen. Ein Beil, mit dem man widerspenstige Wurzeln durchtrennen kann, wird sich wohl auch für einen Schädel voller Alkohol und Angeberei eignen. Vielleicht ist es auch besser, nicht die scharfe Schneide zu nehmen und ein Blutbad anzurichten, sondern mit der Rückseite zuzuschlagen. Unwillkürlich muss ich vorhin meine Hände betrachtet haben, weil der Ahnungslose mich plötzlich auf die wunde Haut anspricht. Ich verschweige den Kalk und gebe ätzenden Putzmitteln die Schuld.

Sein Sohn heißt Max. Deswegen gibt es auch den Moritz. Aber eigentlich ist es nicht sein Kind, sondern das seiner jetzigen Frau. Mein Gegenüber kommt in Fahrt. Auch das Haus sei neu, nein, eigentlich alt, aber aufwendig renoviert und sogar noch ausgebaut, nicht weit von hier. Sein früheres hinter dem Prater sei ihm zu klein geworden, und wenn schon der berufliche Höhenflug nicht aufzuhalten sei, habe auch das Domizil mitzuwachsen. Während er noch erzählt, fällt mir das Halsband ein. Wo ist es? Habe ich es im Garten gelassen oder zu den anderen Dingen in den Keller gelegt? Wenn er es entdeckt, wird es ernst.

Er muss auf die Toilette. Ich schicke ihn hinauf ins Erdgeschoss, obwohl es auch im Keller eine Art Plumpsklo gibt. Die steile Stiege könnte immerhin alle Probleme lösen. Mit oder ohne Polizei, ein Mann mit Genickbruch wäre ohne besondere Umstände aus der Welt geschafft. Es gefällt mir sogar der Gedanke, den Schwätzer zu seinem Hund zu legen. Auch ohne Wein bin ich für die wildesten Fantasien zu haben und wäre sogar fast ein wenig enttäuscht, ginge das Ganze aus wie ein langweiliger Verwandtenbesuch.

Aber ich steige ihm trotzdem nach, weil mir das Halsband keine Ruhe lässt. Mein Nachbar scheint mehr Alkohol zu vertragen, als er vorgibt. Ohne großes Schwanken geht er zu meinem Telefon und drückt auf die Tasten. Will er ein Taxi anrufen oder seine Frau verständigen? Er greift jedoch nicht zum Hörer, sondern liest nur das Display ab. Der Kerl spioniert mir nach, hält mich offenbar für den stummen Anrufer, der seinem Sohn nicht antwortet. Aber das Glück ist, wie stets in den vergangenen Wochen, auf meiner Seite. Der Unverschämte wird nicht fündig. Wie denn auch, habe ich zuletzt doch immer nur die Nummer von Vinzenz gewählt. Unbemerkt und ohne Eile kehre ich in den Keller zurück.

Er schwankt die Stiege herunter, krallt sich wie sein Hund an der Mauer fest. Wenigstens ist mein Gast ein arrogantes Schwein, in dessen Gesicht man dauernd hineinschlagen möchte. Sollte es zu Tätlichkeiten kommen, hätte ich nicht nur die Nüchternheit auf meiner Seite, sondern auch eine ziemliche Menge an Hass. Menschen in meiner Lage gewinnen immer. Trotzdem ist das Spiel noch nicht vorbei. Der Mann setzt sich, lacht mich an, verbirgt etwas hinter seinem Rücken. Wenn er jetzt das Halsband hervorzieht, zerschmettere ich eine der Flaschen auf seinem Kopf. Ich greife nach der vollen auf unserem Tisch, verwende den Korkenzieher aber nur zur Tarnung. Der rote Wein wird sich wunderbar mit seinem Blut vermischen, und ich will ohnehin schon seit Wochen explodieren.

Da legt er meinen . Fridolin auf den Tisch. Die Handpuppe hat er oben in meinem Zimmer gefunden. Natürlich hat er keine Ahnung, wie man sie zum Leben erweckt, er schafft es nicht einmal, mit seiner zittrigen Hand in den Flausch zu schlüpfen, und ich habe keine Lust, eine Vorstellung zu geben. Er schwelgt ohnehin bald wieder in seinem gelungen Leben. Ohne mir seinen Beruf zu nennen, spricht er von einer einzigen Kette von Erfolgen, die niemand einem Mann in seinem Alter zutrauen würde. Und den Hund seines Sohnes werde er auch noch finden, und wenn er die ganze Gegend auf den Kopf stellen müsste.

Mich hingegen ärgert der unterschwellige Verdacht, und dass er die Pötzleinsdorfer Straße zu einer Meile von Hundefängern macht. Ich rate ihm, seine Kreise doch weiter zu ziehen, oft genug habe man von Haustieren gehört, die über endlose Entfernungen in ihre alte Heimat gewandert seien. Er denkt nach, trinkt, gibt mir recht, und zum ersten Mal rührt mich dieser Mensch, weil Hoffnung in seinen feuchten Augen liegt. Er fällt zurück in seine Vergangenheit im zweiten Bezirk, spricht von Spaziergängen mit Max und Moritz, das wild verwachsene Lusthauswasser entlang, und dass die beiden mehr in der Pratergegend als zu Hause aufgewachsen seien. Und dann steht mein Gast auf, schüttelt mir zum Dank die Hand, weil er selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen sei.

Er schwankt zur Stiege, macht halt, wendet sich zu mir um. Ich hätte es längst sehen müssen, das Halsband, hinter ihm an der Mauer neben dem Spaten. Jetzt ist mir alles willkommen, wenn es nur eine Ablenkung für ihn ist. Ich stülpe Fridolin auf meine verätzte Hand, mach, dass er wie zum Abschied winkt und sein Köpfchen schief legt. Mein Nachbar lacht gleich hellauf, lässt sich wunderbar steuern, drückt einen komisch gemeinten Kuss auf die Schnauze des Stofftieres, während ich unbemerkt mit dem Fuß das Lederzeug hinter den Sack mit dem Branntkalk schiebe.

Trotzdem ist die Liebe dieses Menschen zu seinem Hund größer als zur Puppe Fridolin, denn er drängt mich, schnell ein Taxi zu rufen. Und während ich telefoniere, äußert er sich voller Begeisterung über unsere Begegnung. Es sei nicht leicht, als Neuankömmling Freunde unter den Nachbarn zu finden, und zum nächsten Fest lade er mich schon jetzt ein. Er sorge auch wieder für ein Feuerwerk, noch größer als bei der Einweihung des neuen Hauses, am Tag vor dem Heiligen Abend. Wenigstens weiß ich jetzt, dass nicht Sigurd Fürst es war, der meinen Schuppen niedergebrannt hat. Eine Werkzeughütte gegen einen Hund. In meinen Augen ist das ein fairer Tausch.

*

Wieder allein. Nicht einmal meinen Retter Fridolin kann ich finden. Dem neuen Nachbar musste ich vorhin nachlaufen, weil er im Garten den grellgelben Schal verloren hatte. Er konnte kaum noch stehen und ließ sich nur schwer überzeugen, heute nicht mehr im Prater nach dem Hund zu suchen, sondern gleich nach Hause zu fahren. Allerdings zum Unmut des Taxichaffeurs, der lieber durch die halbe Stadt gefahren wäre und nicht nur ein paar Häuser weiter.

Jetzt kann ich in den Keller gehen und beruhigt selbst ein Glas trinken. Ich hole den besten Wein aus dem Regal und durchlüfte das Gewölbe. Aber nur kurz, denn draußen ist es nach dem Frosteinbruch so kalt, dass mir hier gleich unwirtlich wäre. Vielleicht war es auch falsch, meinen Besucher davon abzuhalten, seinen Hund zu suchen. Der Mann mit seinem unendlichen Strang an Erfolgen könnte in diesem Augenblick über eine Wurzel oder auch nur über seine eigenen Füße stolpern und schmerzlos erfrieren. Ein höchst eleganter Mord, ohne großes Zutun, und auch die Leiche wäre schon an der richtigen Stelle.

Mit dem Wein kommen mir aber auch noch andere hilfreiche Gedanken. Ein Hund ist dort, wo das Halsband ist. Hätte man dieses lederne Geschirr erst einmal gefunden, würde man woanders gar nicht mehr suchen. Ein Spaziergänger müsste es nur entdecken und an eine gut sichtbare Stelle hängen.

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Natürlich habe ich in der letzten Nacht wieder zu viel getrunken, doch weniger als in meinen verzweifelten Zeiten. Eine Wanderung am Lusthauswasser ist an diesem strahlenden Tag allein schon deswegen genau das Richtige. In meiner Manteltasche klimpert es wie Geld, dabei schlägt nur die Hundemarke gegen den Karabiner der kurzen Lederleine. Wozu eine schwere Leiche außer Haus bringen, wenn ein kleines Beweisstück für den Verbleib eines Abgängigen genügt. Hier wird man Moritz in den nächsten Tagen suchen. Ein von Bibern angefressener und querliegender Stamm kommt mir geeignet vor. Das Halsband wird für jeden Wanderer zum Blickfang. Vielleicht wird es noch heute entdeckt und mit der Nummer auf dem Stück Blech der Besitzer von Moritz ausgeforscht. Haustiere kehren eben an ihre alten Stätten zurück. Mir hingegen gefällt die Vorstellung, dass mein neuer Nachbar sich hier zu Tode ruft und vielleicht sogar in das Lusthauswasser steigt, um wenigstens die Leiche des Ertrunkenen aufzustöbern.

Jetzt heißt es weg von hier, denn Spaziergänger tauchen oft plötzlich aus dem Gestrüpp hervor, und wieder einmal kann ich keine Zeugen brauchen. Ich will mich auf den Rückweg machen, doch alles sieht gleich aus. Einziger Anhaltspunkt ist das Gewässer, aber auch das verzweigt sich in Seitenarmen. Wieder ist es meine Panik, die so schnell zur Stelle ist, dabei habe ich nichts verbrochen. Es ist ganz falsch, sich wie ein Fliehender zu verhalten und dadurch aufzufallen. Ich zwinge mich zur Ruhe, gebe mich als Naturfreund, der die vermodernden Baumstämme und den Biberfraß betrachtet. Doch dann ist er da. Mit ihm hätte ich am wenigsten gerechnet. Er kann auch nicht alleine hergekommen sein.