»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich sehe mich um. Nicht aber ruhig und gelassen, sondern die Aufregung von vorhin kommt zurück, steigert sich sogar. Es ist einfach undenkbar, dass mein Nachbar nicht hier war oder es vielleicht noch immer ist. Wie sonst wäre Fridolin hergekommen. Der Betrunkene hat ihn aus meinem Zimmer gestohlen und bei seiner nächtlichen Suche nach seinem Hund verloren. Jetzt liegt meine Handpuppe hier vor meinen Füßen. Ich hätte mir denken können, dass mein ungebetener Gast nicht nach Hause fährt. Er muss nach Moritz gesucht haben und durch das Dickicht gestolpert sein. Mit mehr Wein als Blut in den Adern kann man nur stürzen und liegen bleiben. Und das in der eisigsten Nacht seit Jahren. Irgendwo hier ist er erfroren. Oder er hat den Taxifahrer mit Geld vollgestopft und sich mit ihm auf die Jagd begeben. Dann lebt er noch.

Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass er noch immer hier ist und mich jetzt sieht. Aus dem Dickicht heraus den Mann betrachtet, der mit dem verschwundenen Hund nichts zu tun haben wollte. Alles ist möglich. Sogar das Schrecklichste. Mein hinterhältiger Gast hat mir vorhin zugesehen. Mit dem Halsband auf dem Baumstrunk bin ich überführt. Als letzte Hoffnung kommt mir nur ein überaus lächerlicher Gedanke. Nach dem strengen Frost wird man nur mit einem Presslufthammer die Erde über Moritz aufbrechen können. Bis dahin bin ich unschuldig und nur ein Verdächtiger. Den ganzen heutigen Tag werde ich mich noch frei bewegen können. Aber auch dann wird man mich nicht aus meiner Villa zerren. Trotzdem habe ich nur einen Wunsch: Das Leben jenes Menschen Mitte dreißig mit seinen Bergen von Erfolgen möge in der vergangenen Nacht ein Ende gefunden haben.

Ich hebe Fridolin auf und stecke ihn in die große Tasche meines Burberrys. Wie immer bin ich zu leicht angezogen, und schon der Kälte wegen wird es Zeit, diesen unheimlichen Ort zu verlassen. Ich wünsche einem anderen den Tod, brauche aber nur selbst zu stolpern und mir den Fuß brechen, um hilflos zu erfrieren. Jetzt nehme ich im Dickicht eine Bewegung wahr. Es könnte ein Reh sein oder ein anderes Wildtier. Doch dieses Wesen hat eine Stimme. Es ruft nach Fridolin. Ist mein neuer Nachbar nun vollkommen verrückt geworden oder hat er sich von einem Wahn in den nächsten getrunken?

Zu dem Gekrächze „Fridolin“ gesellt sich ein „Moritz“. Es kann ja auch sein, dass ich durch die Last der vergangenen Tage und die Aufregung den Verstand verloren habe. Ein verschwommener Fleck schält sich aus dem Dickicht und kommt auf mich zu. Es ist ein menschliches Wesen, ich erkenne seine Stimme wieder. Nur, die Frage ist jetzt etwas anders als am Telefon. „Hast du meinen Moritz gesehen? Und den Fridolin?“

Ich weiß über beide alles. Ich kenne sogar den Namen des Kindes vor mir. Der Kleine heißt Max. Sein Vater ist ein Säufer und Handpuppendieb. Auch die Frau meines nächtlichen Gastes lässt nicht auf sich warten. Im Weinkeller hat er sie mir ja ausführlich und überschwänglich beschrieben. Sie stolpert nicht durch das Dickicht, sondern kommt den Weg entlang. Auch sie vergisst aufs Grüßen, entschuldigt sich aber für das ungestüme Verhalten ihres Sohnes. Den Erklärungen höre ich kaum zu, kenne ich doch die Vorgeschichte zu Genüge. Einiges ist dann aber auch für mich neu. Zu allem Unglück mit dem Hund komme nun auch Fridolin. Max müsse ihn hier irgendwo verloren haben.

Die Frau beschreibt mir die Handpuppe in meiner Manteltasche, dann den Hund. Ich könnte mich ahnungslos geben, schnell verabschieden und wegstehlen. Aber schon in ein paar Tagen würde ich meiner neuen Nachbarin über den Weg laufen, spätestens als Gast bei ihrem nächsten Fest wäre ich enttarnt. Manchmal ist es angebrachter, einen Teil der Wahrheit zu gestehen, um Wichtigeres zu verbergen und zu schützen. Ich erzähle ihr von ihrem Mann und meiner Bewunderung für ihn und seine Erfolge. Jetzt grüßt mich die Frau, sie gibt mir sogar die Hand. Mein Weinkeller müsse ja eine wahre Grotte sein, Sebastian habe davon wie von einem überirdischen Reich geschwärmt. Sie danke mir auch für die göttliche Idee, hier nach Moritz zu suchen. Leider sei ihr Gemahl kein Morgenmensch, schon gar nicht nach einer Nacht wie unserer. Aber warum ich hier sei, will sie wissen, ausgerechnet am Lusthauswasser.

Um zu helfen. Die offensichtlich wohlhabende und attraktive Dame blickt mich verständnislos an. Doch ich bin seit Neuestem ein Meister im Erfinden ständig neuer Lügen. Mir sei dieser liebe Hund inzwischen auch ans Herz gewachsen, und ein Suchender mehr könne nicht falsch sein. Dieser Frau scheinen so gutartige Menschen wie ich selten unterzukommen. Sie ist gerührt, streicht über das Haar ihres Sohnes, meint damit vielleicht aber mich. Der Kleine sieht mich an wie einen lieben Onkel, ich aber weiche seinen Augen voller Hoffnung aus. Man soll mir auch nicht anmerken, dass meine Gedanken beim Halsband sind. Ich könnte in die Richtung gehen, aus der ich gekommen bin, und dort vorgeben, diesen unseligen Hund zu suchen. Ein schneller Griff zum Baumstrunk hin, und das Halsband wäre im Burberry.

Ich höre, wie sich die Frau für Fridolin bedankt, selten bringe ihr Mann so liebenswerte Geschenke nach Hause, aber gemeinsam würden wir beide bestimmt noch finden, der flauschige Kleine und Moritz gehörten doch zusammen. Eigentlich müsste ich ihr jetzt antworten, dass sie mit einem Dieb und Säufer verheiratet sei und ich es bereue, ihm dem Namen meines allerletzten Freundes genannt zu haben. Eher verzichte ich auf Vinzenz als auf Fridolin. Deswegen bleibt der kleine Kerl in meinem Mantel, selbst wenn ihr Sohn in Tränen ausbrechen sollte. Doch Mutter und Kind haben mich ins Herz geschlossen. Die Zuneigung der Frau ist sogar so groß, dass sie mir Max anvertraut, während sie auf der anderen Seite nach dem verlorenen Liebling suchen will. Der Kleine aber bleibt nicht an meiner Seite, sondern stürmt los. Ich folge ihm, obwohl ich erst vor kurzem aus dieser Richtung gekommen bin.

Natürlich ruft er nach Moritz, manchmal fragend und lauschend, dann wieder befehlend, meistens aber wird aus seiner dünnen Stimme ein verzweifeltes Flehen. Ich hingegen werde zum Verstellungskünstler, brülle den Namen des Hundes in den Urwald und sogar über das Wasser. Wenn Max das Halsband findet, muss ihn das auf den einen Gedanken bringen, der mich noch retten kann. Nur wenn sein Spielkamerad im Lusthauswasser ertrunken ist, fügt sich alles zusammen, und die wahnwitzige Suche kann abgebrochen werden. Noch ist er ein paar Schritte vom Baumstrunk entfernt und auch mir zugewandt. Ich sehe seine Augen, die gleich eine Wahrheit entdecken werden, die ich geschaffen habe.

Und es ist so weit. Er schreit auf, voller Freude, er nähert sich dem verzierten Lederband, kann nicht verstehen, warum es hier hängt. Aber er zieht nur zaghaft an der kurzen Leine, nimmt sie nicht an sich, wie ich erwartet habe. Wenn er doch wenigstens wieder anfinge, nach seinem Hund zu rufen! Warum ist denn dem Kind so schwer begreiflich zu machen, was geschehen sein könnte? Laufen wir doch zurück zu seiner Mutter, sie wird sofort verstehen, was es zu bedeuten hat.

In diesem Augenblick weiß es nicht einmal ich. Wahrheit und Ausgedachtes kommen mir durcheinander. Wo ist Moritz? Begraben oder hier? Ob er noch lebt? Max fragt mich das auch. Um einer Antwort auszuweichen, muss ich unbedacht auf das Wasser geblickt haben, denn dorthin sieht er jetzt ebenfalls und wendet sich ab von mir, hin zur spiegelnden Eisfläche am Ufer. So langsam und gleichmäßigen Schrittes wie er gehen Erwachsene bei Begräbnissen, doch auch am Rand der zerfurchten und harten Erde macht er nicht Halt. Max betritt das gefrorene Lusthauswasser, überhört meine Warnung, dass das Eis noch nicht trägt. Hilflos drehe ich mich nach seiner Mutter um. Es ist ihr Kind, sie müsste wissen, wie es anzuschreien ist, damit es gehorcht.

Max hat etwas entdeckt. Aber er geht nicht auf Moritz zu, sondern auf einen Baumstamm mit Ästen, der aus der glänzenden Fläche ragt. In ein paar Tagen wird man sogar auf diesem schlammigen Gewässer mit Schlittschuhen fahren können. Ich frage mich sogar noch, ob ein Kind hier ertrinken könnte, bevor ich endlich handle. Die Decke hält, knirscht nicht einmal, im Sommer reicht das Lusthauswasser Kindern nur bis zur Hüfte, und in Trockenzeiten kann man das Bachbett sogar zu Fuß durchwandern. Auf dem Uferweg gegenüber sehe ich Spaziergänger. Sie kümmern sich nicht um uns. Doch im Fall des Falles wären sie rasch zur Stelle. Manchmal ist es eben leicht, mutig zu sein.

Es ärgert mich, dass die Mutter des Kindes mich nicht sieht. Sie könnte doch am Ufer über den Mann staunen, der als rettender Engel seine Gesundheit oder sogar das Leben aufs Spiel setzt. Ein Mensch, der mich mag und schätzt, täte mir in diesen Tagen gut. Davon abgesehen gefällt sie mir, obwohl sie an Tiffany nicht herankommt. Aber auch bei ihr steht ein anderer Mann im Weg.

Max zieht an einem Ast des festgefrorenen Baumstamms und lächelt mich an. Im Augenblick ist er erleichtert, aber schon im nächsten scheint es, als hätter er unter der Eisdecke eine weitere Gestalt entdeckt. Wieder nicht Moritz. Der Arme wird heute begreifen müssen, dass man oft im Leben Liebgewonnenes für immer verliert. Doch er gibt nicht auf, scheint sich so einiges von seinem tüchtigen Vater abgeschaut zu haben. Er bellt mich sogar an, ihm doch zu helfen. Ich sehe mich suchend um, rufe abermals den Namen seines Hundes. Der Kleine hingegen legt sich auf den Bauch und versucht durch das Eis in die Tiefe des Wassers zu schauen. Wahrscheinlich starrt er wieder auf vermodertes Holz oder auf einen lauernden Fisch oder einen im wahrsten Sinn des Wortes zu Grunde gegangenen Biber. Max richtet sich auf und stampft mit seinen feinen Schuhen auf die Eisdecke, bringt nicht nur sich, sondern auch seinen Retter in Gefahr.

Ich weiche zurück, schreie ihn an. An keinem der Ufer ist jetzt ein Wanderer zu sehen. Noch mischt sich in meine Wut Besorgnis, aber mein Zorn wird größer und größer, weil der Junge wie ein Verrückter springt und sein ganzes Gewicht zum Einsatz bringt. Schon knackst das Eis unter uns, und ich weiß auch, was jetzt richtig wäre, ich lasse ihn hier und gehe zum Ufer zurück, hinein in den Wald, rufe dort hilfsbereit und voller Eifer nach seinem Hund. Nur nicht Zeuge sein.

Doch dagegen spricht, dass der Kleine ohne mich nicht hier wäre. Ich habe nun einmal seinen Spielkameraden umgebracht. Ich ziehe meinen Burberry aus, lasse ihn zu Boden gleiten, um mich nicht in ihm zu verfangen, falls wir einbrechen, und ich im Wasser herumwaten muss. Max will schon zum nächsten, vielleicht entscheidenden Sprung ansetzen, da richtet er sich langsam auf und starrt auf meinen Mantel. Dann sieht er mich an.

„ Den Moritz hast du auch!“ Am Telefon war es noch eine Frage. Du hast den Moritz? Unter uns knackst das Eis. Aus der weiten Tasche meines Burberry lugt Fridolin. Seine Ohren sind zu erkennen und die Schnauze mit dem einen Nasenloch. Mein allerletzter Freund wird nun auch zu meinem Verräter.

Um Max herum ziehen die ersten Sprünge ihre Kreise. Lange kann es nicht mehr dauern, und er bricht berstend ein. Es ist, als hätte die Wahrheit ihn schwerer als mich gemacht. Wahrscheinlich ist aber alles höchst natürlich. Wenn er unter die Eisdecke gleitet, könnte nicht einmal ich ihm helfen. Sein kluges Köpfchen würde er mitnehmen, kein Verdacht, kein Vorwurf käme mehr ans Licht. Bei allen anderen bin ich bestens angeschrieben, Kinder aber wissen mehr. Max denkt wie ich. Noch ist er ein kleiner Richter. Nur sind seine Worte von einem Fehlurteil weit entfernt.

In wenigen Minuten kann alles vorbei sein. Ich brauche nur zu warten. Alle warten. Sogar der Wind hat sich gelegt, und die wenigen Vögel schweigen. Geblieben ist die Kälte und das Knistern unter meinem Feind. Nur noch ein paar Augenblicke, und er verschwindet. Es scheint ihm zu gefallen, dass er mich gestellt hat und in Verzweiflung sieht. Er setzt sein Leben aufs Spiel, um seinen Sieg auszukosten. Aber das sind nur rasende Gedanken eines Erwachsenen in höchster Not. Max ist ein Kind und sein Leben in meiner Hand. Ich strecke sie nach ihm aus, rede auf ihn ein, ganz schnell, aber vorsichtig. Er blickt an mir vorbei.

Ich wende mich um und sehe am Ufer die Mutter. Ich bin erleichtert, weil es jetzt nur noch einen Weg gibt. Ich gehe dem Kleinen entgegen, das Knacksen des Eises muss auch die Frau hinter mir hören. Wenigstens ist sie so klug, nicht auch noch heranzulaufen und uns alle einbrechen zu lassen. Sie vertraut mir. Dem ehrwürdigen Herrn. Noch aber ist die Sache nicht ausgestanden. Max bleibt stehen wie erstarrt. Um uns zu retten, lüge ich ein weiteres Mal. Dein Moritz ist nicht bei mir. Da ich schon längst auf der Seite der Verbrecher bin, fällt es mir auch nicht schwer, es ihm zu schwören.

Endlich nimmt er sie, meine Hand. Er gräbt seine Fingernägel in mein Fleisch, aber nicht, um sich festzuhalten. Ein Kind rächt sich an einem Erwachsenen. Ich nehme es gerne hin, genieße es sogar. Wenn die Strafe damit erledigt ist, und Max nur den Mund hält.

Am Ufer nimmt ihn die glückliche Mutter in die Arme. Für mein Gefühl hätte sie mehr tun können, als nur zuzusehen. Aber vielleicht ist sie derartige Auftritte ihres Sohnes gewohnt, oder sie liebt ihn so wenig wie meine Mutter mich. Jetzt aber werde ich auch von einer Frau gedrückt, und sogar ein Kuss kommt auf die rechte Wange. Ich sage etwas von Selbstverständlichkeit, und dass Max ein Abenteurer ist, voller Fantasie und wilder Geschichten. Sie nickt zustimmend und rät mir, dem kleinen Dichter nur nicht alles zu glauben, was ihm den lieben langen Tag einfalle.

Aber ist diese Frau wirklich auf meiner Seite? Ihr Sohn hat mich durchschaut. Auch jetzt treibt er sein Spiel, indem er schweigt. Ein anderes Kind würde meine Handpuppe an sich reißen und sie der Mutter triumphierend vor das Gesicht halten. Max aber sieht mich nur an, während ich den Gürtel um den Burberry zuziehe und Fridolin vor aller Augen verberge. Das Halsband seines Hundes aber holt er jetzt vom Baumstrunk. Er hält es mir entgegen und schüttelt es wie eine Schelle. Seine Mutter will es ihm aus der Hand nehmen und meint, für ein Kind sei das alles zu viel, und es wäre besser gewesen, dieses Ding nicht gefunden zu haben, nun sei alles wieder aufgewühlt. Sie fragt mich, ob es in Wien noch Hundefänger gäbe, aber vielleicht habe auch jemand den Moritz entführt und zu sich genommen.

Max lässt sich nicht bändigen, legt das Lederzeug um seinen Hals und läuft den Weg zurück, den ich heute schon einige Male gegangen bin. Seine Mutter scheint froh zu sein, jemanden zum Reden zu haben. Sie schiebt ihren Arm unter meinen, aber gemeinsam kommen wir nicht weit, die querliegenden Bäume trennen uns bald wieder. Sie gesteht mir, den Zirkus um den Hund nicht mehr lange zu ertragen, und es wäre ihr inzwischen am liebsten, das Tier wäre tot, schmerzlos umgekommen, da wisse man wenigstens, woran man sei. Aber ihr Mann sei wie versessen darauf, Moritz zu finden.

Ich halte die Äste des Dickichts von ihr fern, warte, wenn sie über heruntergebrochene Äste klettert, dabei den Mantel öffnet und ihre schönen Beine zeigt. In dieser Frau habe ich eine Verbündete, und Max wird es schwer haben, ihr seine Verdächtigungen aufzutischen. Beim Lusthaus angekommen, verbietet sie mir, an der Haltestelle der Straßenbahn stehen zu bleiben, mein Haus läge doch auf ihrem Weg. Also klettere ich auf den Beifahrersitz des mächtigen Geländewagens. Ihr Sohn hat hinten Platz zu nehmen, dorthin käme keiner ihrer Gäste, weil alles voll mit Hundehaaren sei.

In den Gassen weicht man uns ehrfürchtig aus, aber sie fährt schnell und redet trotzdem viel. Sie freue sich, mich persönlich kennengelernt zu haben, denn wenn man vor meinem Haus stehe, käme man auf ganz andere Gedanken. Ein guter Mensch wohne dort, fast ein Lebensretter, und nicht ein vertrockneter, hilfloser Alter. Ich erzähle ihr von meiner Vorliebe für Wildwuchs und die Romantik der Natur, und natürlich sähe es im Inneren vollkommen anders aus. Sie lacht und meint, dann sei die Nummer 47 in der Pötzleinsdorfer Straße wie so manche Menschen, von außen schrecklich, aber in der Seele schön und herzlich. Bald käme sie mich besuchen, natürlich vorausgesetzt, ich würde sie einladen. Sie habe auch keine Hintergedanken, nur ihr Mann, und falls er mich auf einen Verkauf meines Anwesens anspreche, solle ich unbedingt ablehnen, sie selbst wolle nicht größer und größer werden.

Sie hält vor meiner Villa und meint, wer immer da wohne, führe das richtigere Leben. Trotzdem, einstürzen dürfe das Haus nicht, es könnte einen sehr liebenswerten Menschen erschlagen. Hat die Frau an meiner Seite mir jetzt gedroht oder mag sie mich, wie sie es vorgibt? Wir verabschieden uns. Da kriecht Max an uns heran und drückt mir das Halsband in die Hand. Seine Mutter ist gerührt. Sonst mache er niemals Geschenke, aber ihr Sohn habe ein außerordentliches Gefühl für Menschen. Noch mehr aber freue sie eines. Max scheine damit endlich mit Moritz abgeschlossen zu haben.

*

In meinem Zimmer geht sie mir nicht aus dem Kopf. Eine schöne Frau in meiner Nachbarschaft, voll von Vermutungen. Keine stimmt. Weder bin ich liebenswert, noch wird ihr Sohn aufhören, mich zu überraschen. Max und Moritz gehören eben zusammen. Unter meinen Feinden ist nun auch ein Kind. Auch ihr Bild von meiner Villa trifft nicht zu. Es sei denn, meines ist falsch, und ich betrüge mich selbst. Ich habe heute das Knistern einer Eisdecke gehört, aber noch nie etwas Ähnliches aus meinen Mauern. Vielleicht wünscht man sich ja eine Ruine über mir, auf deren Einsturz man hofft, und alles wäre billigst zu bekommen. Meine neuen Nachbarn halten also Ausschau. Wie sonst könnte sich eine Frau die Nummer eines Hauses merken. Und sie träumt von einem prächtigen Neubau über einem alten Weingewölbe. Ich hätte es ihrem Mann nicht zeigen dürfen.

Ich selbst bin mit meinen Augen kaum in der Lage, die 47 an der Vorderfront zu erkennen. Auch die zerbrochenen Fenster und schadhaften Mauern erscheinen mir bei meinen Rundgängen in gnädiger Verschwommenheit. Ich weiß gar nicht, in welchem Haus ich lebe. Mir genügen meine gut gepflegten Zimmer, auch wenn es nicht mehr viele sind und immer weniger werden. Meine Villa gleicht mir selbst. In jeder Hinsicht.

Es widerstrebt mir, jetzt die Brille in die Hand zu nehmen, zu gut habe ich sie in Erinnerung. Sie gehörte zum Gesicht meines Vaters wie sein Mund und das volle Haar. Wahrscheinlich wollte ich nie eine tragen, um ihm nicht ähnlich zu sein. Er hat nicht viele gehabt, die aus der untersten Schublade des Schreibtischs war seine letzte. Sie passt mir.

So wie jetzt habe ich meinen Garten und das Haus noch nie gesehen. Als Kind hatte ich noch verlässliche Augen, aber auch die Villa stand in ihrer Blüte. Vielleicht hätte ich die Brille meines Vaters doch lieber zurücklegen sollen. Der alte Herr rächt sich, indem er mir vorführt, wie ich sein Erbe verkommen lasse. Kaum etwas an den Mauern ist noch heil, die Fenster sind mehr morsches Holz als Anstrich, die Geländer der Veranda lebensgefährlich. Ich schreite tatsächlich um eine Ruine herum. Hier wohnt ein Mensch?

Ein ähnliches Dickicht habe ich heute bereits durchwandert, allein die Holzstöße erinnern mich daran, dass ich hier lebe und sogar ab und zu Feuer mache in meinem Kamin. Und noch etwas kommt mir vertraut vor.