»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich gehe näher heran. Schon wieder eine Wodkaflasche. Diesmal einfach in meinem Garten zurückgelassen. Kann ein einziger Mann so viel trinken? Sigurd Fürst scheint mehr Wodka zu vertragen als ich Wein zu meinen besten Zeiten. Oder hilft ihm Tiffany dabei? War sie auch hier? Alles ist denkbar. Die beiden umkreisen mich und meine Ruine. Er will mich umbringen, sie hilft ihm dabei. Um mich in den Wahnsinn zu treiben, reicht es vollkommen, mir eine Flasche in den Weg zu legen. Ich brauche nur den Bison auf dem Etikett zu sehen und weiß schon alles. Oder eben nichts. Woraus sich tausende Möglichkeiten ergeben.

Die Flasche glänzt, hat noch keinen Staub angesetzt. Sie liegt einen Tag hier, oder vielleicht auch nur ein paar Stunden. Fürst hat sie geleert, während ich beim Krebsenwasser gefroren habe. In ganz Europa kommen bei den derzeitigen Temperaturen hunderte Menschen zu Tode, warum nicht auch ein Betrunkener in meinem Garten? Mein Eindringling liegt in einem Gebüsch und wird mich nie wieder belästigen. Auch ohne Margolin ist er ausgelöscht.

Aber warum sollen alle um mich herum erfrieren oder ertrinken? Ein Maler, mein neuer Nachbar und sogar ein Kind. Die Antwort ist einfach. Sie sind gegen mich. Ein jeder von ihnen könnte mir schaden. Sigurd will mein Leben, Sebastian die Villa und Max seinen Moritz. Seit gestern kommt Vinzenz dazu. Er möchte mir Tiffany nehmen. Er wird es nie zugeben, aber ich ahne es. Leider ist er mir gegenüber im Vorteil. Weder hat er ihren Lebensgefährten ins Gefängnis gebracht, noch sind sein Haus und sein Leben Ruinen. Und er hat auch schon zumindest einen Abend mit ihr verbracht. Ich hingegen weiß nicht einmal, wie sie heute aussieht. Von Tiffany habe ich höchst unbrauchbare Bilder. Einmal ist sie ein schemenhaftes Wesen in der Armbrustergasse, dann ein verschwommener Punkt unter dem Flakturm. Wirklich aus der Nähe kann ich sie nur betrachten, wenn ich in den Alten Arkaden ihre Doppelgängerin aus Stein besuche. Doch dazwischen liegen zwanzig Jahre. Dennoch glaube ich, dass Tiffany noch aufregender geworden ist. So oft am Tag, und in der Nacht fast unentwegt male ich sie mir aus. Wenn Sigurd Fürst wüsste, wie bedeutungslos er im Vergleich zu seiner Muse ist. Noch gehört sie ihm.

*

Was immer in mein Haus kommt, es bleibt darin oder kehrt dorthin zurück. Der Hund, sein Lederzeug und natürlich Fridolin. Gestern noch war das Halsband höchst verräterisch, jetzt ist es das Geschenk eines Kindes, ich kann es ohne Sorge auf dem Schreibtisch liegen lassen. Der Gegenstand ist derselbe, aber er hat eine vollkommen andere Bedeutung. Vielleicht sogar eine, die ich noch gar nicht kenne. Wenn ich anfange nachzudenken, wird das Halsband wieder gefährlich. Max hat es mir nicht aus Dankbarkeit und noch weniger aus Zuneigung gegeben. Das mag seine attraktive Mama vermuten, die Wahrheit aber kennt niemand von uns. Entweder wollte mich das Kind beschämen oder es führt etwas im Schilde mit mir.

Ihm ist einiges zuzutrauen, womöglich mehr als dem Fürst. Vielleicht war auch nur dieser Max hier, und Sigurd Fürst dagegen kein einziges Mal. Der Kleine ist in meinem Haus herumgeschlichen, hat Dinge verrückt, Wasserhähne aufgedreht und Schallplatten zerkratzt. Auch der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die ersten Veränderungen habe ich vor drei Monaten bemerkt, und meine Nachbarn sind vor einem Vierteljahr in unsere Gegend gezogen. In die ausgebaute Villa ein paar Häuser weiter, protziger als die Botschaft nebenan. Und die leere Wodkaflasche? Die wäre am einfachsten zu erklären. Irgendjemand kann sie ausgetrunken und in den Garten geworfen haben, der Wildwuchs lädt regelrecht dazu ein.

Vinzenz hat mich angerufen. Aus seinem Auto. Er ist auf dem Weg zu mir. Dabei war nichts ausgemacht, das Gestotter gestern am Telefon war unser letztes Gespräch. Oder war es vorgestern? Er will mit mir reden. In zehn Minuten ist er hier, um mich abzuholen. Für Tiffany würde ich mich umziehen, bei ihm genügt meine Alltagskleidung. Nur Fridolin kommt heraus aus der Manteltasche und in eine Schublade. Noch einmal soll er mir nicht gestohlen werden. Trotz aller Hektik und Wirrnisse bin ich noch gut im Denken. Max könnte hier auftauchen. Als braver Besucher, mit seinem Vater oder allein. Inzwischen bin ich mir sogar sicher, dass er mich aus dem Fenster seines Kinderzimmers beobachtet, alle meine Schritte überwacht. Seit Monaten hege ich einen solchen Verdacht.

*

Vinzenz schweigt während der ganzen Fahrt, bittet mich um Geduld. An Ort und Stelle würde ich alles am besten begreifen. Wir sehen einander auch nicht an. Ein jeder stellt sich wohl die Gedanken des anderen vor. Erst in der Innenstadt machen wir Halt, und ein Lift bringt uns in ein kleines Penthouse. Es ist offensichtlich nicht bewohnt, aber bestens eingerichtet und angenehm warm. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Vinzenz stellt mir ein Glas Wein auf den Tisch. Er nimmt mir gegenüber Platz und lässt mich nicht alleine trinken. Wie bei allen seinen Reden ist er bestens vorbereitet. Trotzdem kommt er von einem ins andere und greift öfter zum Glas als ich. Sein Glück lässt ihn überschwänglich werden. Er ist verliebt.

Tiffany. Mein Freund nickt. Er nenne sie aber Frau Bruckner, um möglichst wenig an ihren unseligen Lebensgefährten erinnert zu werden. Eine Mischung aus Tyrann und Verrücktem. Das viele Geld habe er nicht in einem malaysischen Casino verloren, wie behauptet, sondern einer Organisation für Wale gespendet. Dieser Mann lebe mehr unter Wasser als mit Menschen. Eine Frau an seiner Seite könne da nur zugrunde gehen, außerdem sei es einem Wesen voller Lebenslust nicht zuzumuten, jahrzehntelang auf ihn zu warten und dann erst vor dem Nichts zu stehen, finanziell und in allen anderen Dingen. Außer in das Haus des Meeres gehe Fürst kaum noch irgendwohin, das Aquarium in seiner Zelle habe aus ihm einen Wahnsinnigen gemacht.

Vinzenz redet in einem Schwall weiter. Niemals hätte er damit gerechnet, dass sich sein Leben noch einmal derart ändern könne, und trotzdem hänge alles an einem seidenen Faden. Dieser Sigurd Fürst könne das ganze Glück zerstören, er habe vor ihm mehr Angst als ich.

Mir fällt es schwer, halbwegs vernünftige Sätze hervorzubringen. Ich rede von falschen Verdächtigungen und einem Irrtum, die ganze Angelegenheit sei mit einem Kind zu erklären. Ich will schon von Max erzählen, wohl auch, um Vinzenz nicht weiter zuhören zu müssen und seine leuchtenden Augen zu sehen, wenn er von Tiffany spricht. Aber als Richter ist er es gewohnt, dem anderen das Wort abzuschneiden. Er will wissen, auf wessen Seite ich stehe. Auf seiner oder der Fürsts. Auch wenn dieser Maler damals keinen Mord begangen habe, heiße das noch lange nicht, dass er für immer der Unschuldige bleiben würde. Der Verrückte habe zwei Leidenschaften, seine Fische und seinen Richter. Ich könne doch nicht so blind sein und ihn noch nie in meinem Garten gesehen haben. Er werde mir jetzt auch sagen, warum man Fürst nicht mehr observiere. Das habe natürlich er, Vinzenz, verfügt.

Und mein Freund sieht mich lange an. „Ludwig, es soll keine Zeugen geben, wenn du schießt. Und du wirst schießen. Einmal, dreimal. Wenn du nur triffst. Es wird Notwehr sein, dafür hast du mein Wort.“

Er hebt nun sein Glas. Ich stoße nicht an. Nicht auf einen bestellten Mord. Noch weniger mit einem Mann, der mir meine heimliche Geliebte wegnehmen will. Er aber ist sich sicher, dass ich gehorchen werde. So wie er fest an die Erwiderung seiner Gefühle glaubt. Aber vielleicht hat er recht. Ich gehöre zu den Verlierern. Er hat immer bekommen, was er haben wollte. Dieses Penthouse etwa, von dem nicht einmal ich als sein bester Freund eine Ahnung hatte. Niemand weiß davon. Aber er erzählt mir auch, wozu es gut sein soll. Sie soll hier wohnen. Mit glasigem Blick erklärt er mir, Frau Bruckner mehr als jede andere Frau verwöhnen zu wollen und jetzt schon das Wichtigste zu spüren. Sie werde nicht widerstehen können. Weder den zukünftigen Geschenken noch seiner Liebe. Aber man müsse ihr Zeit lassen und dürfe jetzt nichts überstürzen. Vor allem nicht seinetwegen. Ein falscher Schritt, und er habe diesen Fürst am Hals.

Vinzenz greift zu seinem Handy, um mir ein Bild von seiner Geliebten zu zeigen. Zum ersten Mal habe ich die Tiffany von heute nah vor mir. Was immer kommen mag, ich werde alles tun, um diese Frau nicht zu verlieren. Mich beschäftigt sie schon ein halbes Leben lang, seit ihrer Zeit als Mädchen. Vinzenz läuft mit ihr erst ein paar Wochen herum. Am grauenhaftesten ist für mich die Vorstellung, er könne vor mir ans Ziel gelangen. Ich kann eine endlosen Reihe von Männern hinnehmen, nicht aber ihn, den unersättlichen Junggesellen.

Mein Freund gesteht mir, dass er mit ihr erst intim werden wolle, wenn alles ausgestanden sei. Damit weiß ich, wie viel Zeit mir noch bleibt. Er scheint seine Pläne gut und oft durchdacht zu haben. Ich muss ihn nicht erst fragen, warum Sigurd Fürst jetzt plötzlich doch gefährlich sein soll. Noch vor Wochen hatte Vinzenz mir ja versichert, Fürst zeige keinerlei Anzeichen von Gewalttätigkeit. Nun erzählt er mir von Exzessen im Wodkarausch und Schlägen gegen die arme Frau Bruckner.

Mein Freund ist wie verwandelt. Eine Geisteskrankheit könnte ihn befallen haben, oder ein Krebsgeschwür. Vielleicht ist es auch ein Spiel, auf das ich hereinfallen soll. Oder er hat mich nur verschont. Wenn man so weit kommen will, wie er gekommen ist, muss man wohl über Leichen gehen. Vinzenz ist heute ein ganz großes Tier.

Ich verberge meine Gedanken, während er mir die seinen verrät. Vielleicht sind es lauter Lügen, um mich gefügig zu machen. Sigurd Fürst trage ständig ein Messer bei sich, von dem nur Frau Bruckner wisse. Sogar nachts schlafe er mit der Scheide am Fußgelenk. In Malaysia habe er damit die jungen Haie aufgeschlitzt und ausgenommen. Nur sie pflege er zu harpunieren, während ihm alle anderen Fische heilig seien. Kein Zweifel, ein überaus gefährlicher Wahnsinniger sei nun in der Stadt.

Vinzenz hat offenbar alles vorgebracht und mir nichts mehr zu sagen. Zum Abschied blickt er mir wie ein Hypnotiseur tief in die Augen, als beschwöre er mich, von diesen Stunden nur ja nichts zu vergessen. Der Lift bringt mich hinunter in das Erdgeschoss eines Hauses am Rande der Innenstadt, das mir plötzlich unheimlich geworden ist..

*

Seit zwei Tagen denke ich an Tiffany und Vinzenz. Alle Eindringlinge sind vergessen, auch das Hundegrab kommt mir vor wie aus einer anderen Zeit. Allein meine verätzten Hände erinnern mich an Moritz. Immer wieder geistert das Gespräch mit Vinzenz in dem Penthaus durch meinen Kopf. Das Ganze ist so ungeheuerlich, dass ich manches erst jetzt so richtig begreife. An alles hat er gedacht. Sogar Sigurd Fürsts Ausstellung im Justizpalast hat ihren Sinn, soll sie doch beweisen, wie sehr Vinzenz sich dieses zu Unrecht Verurteilten annimmt. Ohne jedoch darüber hinwegzutäuschen, dass Sigurd Fürst eine tickende Bombe ist, der jetzt schon mit seinen Anfällen der Frau Bruckner das Leben zur Hölle mache.

*

Mein neuer Nachbar bleibt bei seinen schlechten Gewohnheiten und betritt unangemeldet mein Haus. Dieses Mal macht er mir Handschuhe für meine angegriffenen Finger und ein Kuvert zum Geschenk. Unaufgefordert nimmt er Platz und drängt mich, den Umschlag zu öffnen. Zum Vorschein kommt ein Ticket für das Riesenrad. Zum letzten Mal bin ich vor einem halben Jahrhundert damit gefahren, und ich begreife nicht, wie man mich dafür einladen kann. Doch mein Nachbar freut sich wie ein Kind und überrascht mich noch weiter. Am 25. Mai 1947 sei es wieder eröffnet worden, an einem Tag, der für mich die allergrößte Bedeutung habe. Natürlich kenne ich diesen Tag im Mai, haben mir doch meine Eltern in besonderen Stunden von ihm erzählt. Aber die beiden sind tot und haben dieses Geheimnis mit ins Grab genommen, und ich habe es niemandem verraten. Oder doch?

Der tüchtige Mensch Mitte dreißig kennt es. Voller Stolz enthüllt er mir, was ich schon fast vergessen hatte. Ich frage ihn, woher er es wisse, aber er lächelt nur. Obwohl mich seine Überheblichkeit anwidert, bin ich dennoch gerührt. Er hat meine Eltern an einem ihrer besten Tage wieder auferstehen lassen, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Er kommt dann auch gleich zur Sache und meint, für ein Haus mit einem so fantastischen Weinkeller sei er bereit, mehr als das Übliche zu bezahlen. Wahrscheinlich sei es noch zu früh für mich, über Geld zu reden, aber niemand würde mir so viel bieten wie er. Genug, um eine neue Villa oder ein Penthouse in bester Lage zu erwerben. Für die Gewölbe da unten verkaufe er sogar gerne eine seiner Spielhallen im Prater.

Dieser Mensch ist drauf und dran, an mir zu scheitern. Vielleicht musste er mir begegnen, damit ihn einer in die Schranken weist. Mein Lächeln versteht er. Doch er ist klug genug, mich nicht weiter zu bedrängen. Bei seiner Verabschiedung kann er es jedoch nicht lassen, primitiv und banal zu werden. Alles sei käuflich, es sei nur eine Frage des Preises. Noch bevor ich ihm die Handschuhe aus feinstem Leder zurückgeben kann, ist er schon im Garten. Aber so wie das Haus und der Weinkeller wird auch der Garten ihm nie gehören.

*

64. Keine runde Zahl. Aber ich feiere Geburtstage seit Jahren nicht mehr. Dennoch ist heute einiges anders. Die Menschen scheinen sich wegen der Schneeverwehungen in die Häuser verkrochen zu haben, und ich bin nahezu allein im Foyer zum Riesenrad. Im Sommer ist hier alles überlaufen, heute aber scheint dieses Wahrzeichen der Stadt nur für mich da zu sein. Ein junges Paar kommt noch heran und wird mit mir auf die Reise gehen. Beim Einstieg in einen der schwankenden Waggons erinnere ich mich an die glänzenden Augen meiner Eltern, wenn sie von der Wiedereröffnung des Riesenrades erzählten. Wie das Burgtheater, die Oper und den Stephansdom hatte man es aus der Asche geholt. Der Krieg war seit zwei Jahren vorbei und das Leben voller Zukunft. Und meine Eltern zeugten ihr Kind der Liebe. Nicht in der Villa, sondern mein Vater war so verwegen, mit seiner Frau die Nacht in einem der besten Hotels zu verbringen. Am 25. Mai 1947.

Draußen bläst der Wind, man könnte fast seekrank werden. Ob meine Eltern in dieser Gondel waren, in der ich jetzt bin? Wahrscheinlich waren sie ähnlich verliebt wie das Paar hinter mir. Kommen die beiden aus Polen? Sind sie auf einer Hochzeitsreise oder nur zu Besuch? Ich vergehe fast vor Wehmut beim Anblick der schneebedeckten Welt da unten. Mit der Brille meines Vaters sehe ich auch so viel wie schon lange nicht. Keine noch so große Geburtstagsfeier könnte schöner sein. Diese Minuten verdanke ich ironischerweise dem neuen Nachbarn. Sogar seine Handschuhe trage ich, doch nur wegen der Kälte, denn die Schrunden beginnen zu heilen. Früher oder später wird mir der Spielhallenbesitzer aus dem Prater erzählen müssen, woher er unser kleines Familiengeheimnis kennt.