»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Vielleicht mache ich es mir zur Gewohnheit und fahre auch an meinen nächsten Geburtstagen mit dem Riesenrad. Im Foyer lese ich, dass man sogar Waggons mieten kann. Für mich allein? Warum nehme ich mir nicht vor, in einem Jahr mit Tiffany hier zu feiern? Doch wahrscheinlich ist das größte Problem nicht er, sondern ich. Selbst mir fällt kein Grund ein, warum diese außergewöhnliche Frau mich mögen sollte. Trotzdem habe ich nach wie vor die Hoffnung, dass sich unser beider Leben verbindet.

Am Eingang zum Prater kommt mir meine neue Nachbarin entgegen und erkennt mich auch sofort. Die wäre wohl leichter zu erobern. Sie ist aufgeregt und in Eile, nimmt sich aber die Zeit, mich zu umarmen und mir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen. Sie ist nicht zu einer der Spielhallen ihres Mannes unterwegs, sondern hat ein eigenes Etablissement. Natürlich bin ich herzlich eingeladen, morgen die Beerdigung von Whitney Houston mitzuverfolgen. Die Übertragung könne man bei ihr auf der großen Leinwand sehen, und sie erwarte hunderte Fans für die gemeinsame Feier. Ich kenne zwar den Namen der Verstorbenen, habe mich aber nie für ihre Musik interessiert. Ich schweige darüber, um die tüchtige Unternehmerin nicht zu verletzen. Sie gesteht mir, wegen dieses Begräbnisses mit ihrem Mann im Zwist zu sein, für ihn komme von den toten Sängerinnen der letzten Zeit nur die Winehouse in Frage, und bei ihr habe er auch Glück gehabt, weil er sie in seinem Casino im letzten Sommer beerdigen konnte, ohne Schnee und geschlossene Praterbuden.

Meine neuen Nachbarn leben offenbar nicht nur bestens vom Spieltrieb und anderen Süchten, sondern auch von Menschen, die an ihren Erfolgen zugrunde gehen. Einen Teil von diesem Geld soll ich bekommen, für meine Villa. Allerdings überrascht mich der Mann wiederum. Sein Gehabe ist zwar primitiv, nicht aber sein Musikgeschmack. Für mich ist zwar die Callas eine unerreichbare Größe, aber Janis Joplin und Amy Winehouse gefallen mir beinahe ebenso gut. Jetzt gibt mir die Frau noch den Rat, auf Sebastians Wünsche nicht einzugehen, und endlich erfahre ich auch den Namen der Familie. Grohmann. Sie selbst aber solle ich lieber so nennen, wie ihre Gäste es tun. Nadine. Nadine nimmt mir sogar ein Versprechen ab. Kein Hausverkauf, denn ihr Mann würde sich im Keller zu Tode trinken, und noch brauche sie ihn.

Noch? Ihre letzte Bemerkung ist in der schnellen Umklammerung zum Abschied fast untergegangen. Sie könnte ihr versehentlich entkommen sein, aber danach sieht Nadine Grohmann nicht aus. Warum sollte sie nicht ebenso berechnend sein wie er? Im Prater hat sie schon ihren Platz, jetzt kommt die Pötzleinsdorfer Straße an die Reihe. Oder nur ich. Will Nadine mich oder auch nur mein Gewölbe? Denkt sie an ein Etablissement unter einem Geisterhaus, das sich für Beerdigungen ihrer Art besonders eignet? Vielleicht weinen einmal verzweifelte Fans um ihre Idole in meinem Keller. Platz hätten hunderte.

Auf der Fahrt heimwärts mit dem 41er erkenne ich immer deutlicher das Vorhaben der Familie Grohmann. Beide wollen meinen Besitz. Nur ein jeder für sich und seine Pläne. Nadine ist nicht so grobschlächtig wie ihr Mann, der mich einfach nur kaufen will. Sie glaubt, mit ihren grünen Augen und ständigen Umarmungen ans Ziel zu kommen. Oder aber sie ist wie ich und liebt zu Hause die Behaglichkeit mehr als Glitzer und Glamour. Dann könnte ihr sogar meine Ruine gefallen, wenn im Sommer die Efeuranken und unzählige Blätter daraus ein romantisches Schlösschen machen. Doch dieser Gedanke ist gefährlich. Bin ich schon so weit, nicht mehr an Tiffany zu glauben? Es würde zu mir passen. Es hat nie vieler Hindernisse bedurft, um mich scheitern zu lassen. Wann endlich werde ich einer wie Vinzenz? Aber vielleicht muss man zum Sieger geboren sein.

*

Ich steige aus der Straßenbahn und kann gerade noch rechtzeitig stehen bleiben. Unweit von meinem Haus hält ein mir bekanntes Auto. Natürlich hätte ich mit ihr rechnen müssen. Kristina hat noch nie auf meinen Geburtstag vergessen, doch vielleicht besucht sie mich wieder nur, um irgendein Andenken an sich selbst aus ihrem Zimmer zu holen. Ich aber habe kein Bedürfnis, meiner Frau gegenüberzutreten. Das aber hat anscheinend auch sie nicht vor, denn sie geht am Gartenzaun entlang und weiter. Nur einen kurzen Blick hat sie auf unser gemeinsames Haus geworfen und meine Abwesenheit bemerkt, da keines der Fenster erleuchtet ist.

Wozu ist sie hier? Wenn Kristina jetzt kehrtmacht und die Villa umschleicht, ist endlich alles klar. Der Eindringling ist die eigene Frau. Oder wird mir meine schlechte Menschenkenntnis bewiesen, denn ich sehe schon beinahe in jedem einen Feind. Sigurd, Vinzenz, Kristina, Sebastian, Max und seit heute Nadine. Ich habe mir eine schöne Gefolgschaft auserkoren. Wer kommt morgen dazu? Allein Tiffany ist mir noch geblieben.

Meiner Frau jedenfalls habe ich Unrecht getan. Sie geht an der Villa vorbei und weiter die Straße entlang. Ich folge Kristina, um ihr dann auf dem Rückweg entgegenkommen zu können. Früher habe ich in dem kleinen Laden Blumen für sie gekauft, jetzt wird sie es tun, um dem Geburtstagskind eine Freude zu machen. Deswegen verzeihe ich ihr sogar den Lärm ihrer Stöckelschuhe. Sie sind heute schwarz, und das Streusalz auf dem vereisten Gehsteig knirscht unter den Absätzen. Ich bin nicht einmal abgeneigt, meine Frau in den Keller einzuladen. Beim besten aller Weine werde ich sie fragen, wie es dem Chirurgen geht und der großen Liebe. Ganz ohne Eifersucht lasse ich mir von seinen Vorteilen erzählen und dass ihr wahres Leben erst mit ihm begonnen habe. Ich könnte ihr antworten, wie dankbar ich meinem ehemaligen Freund bin, mir die streitsüchtige Ehefrau abgenommen zu haben, doch ich werde es nicht tun. Nicht heute, nicht an meinem Tag.

Kristina ist stehengeblieben. Vor einer Villa, die ich kenne. In mir steigt das Entsetzen auf. Sie blickt sich um. Dann läutet sie am Gartentor, und schon wenig später ist das Schnarren des Öffners zu hören. Sie wurde erwartet.

Ich hole die Brille meines Vaters aus dem Etui und setze sie auf. Trotzdem sind hinter einem der Fenster nur Schemen zu erkennen. Ich muss wohl näher herangehen an das Anwesen der Familie Grohmann, bevor ich Kristina verurteilen kann. Obwohl, zu vieles passt bestens zusammen. Wenigstens hilft mir eine Lücke im halbfertigen Zaun, um der Angelegenheit auf den Grund gehen zu können. In diesem Garten kommt man auch schnell voran, kein Geflecht aus Gras und Geäst lässt mich stolpern.

Kristina hält ein Glas in der Hand, Sebastian geht im Zimmer mit dem ausladenden Luster auf und ab, redet auf sie ein. Es kann keinen Zweifel geben, die beiden verstehen einander gut. Sie sind Verbündete. Hier wird nicht über das Wetter und die Schneeverwehungen gesprochen, sondern über den Starrsinn eines Menschen, der in einer Ruine lebt und sie um keinen Preis verkaufen will. Bestimmt erklärt er ihr jetzt, wie sie mich anpacken muss, damit ich gefügig werde und verkaufe. Ich gebe zu, ich habe meinen neuen Nachbarn unterschätzt. Er verlässt sich nicht nur auf sein Geld, sondern setzt Kristina auf mich an. Keine schlechte Wahl.

Mein Vorteil ist, das alles zu wissen. Doch dabei bleibt es nicht. Kristina macht mir ein Geburtstagsgeschenk, das mir viel lieber ist als alle Blumen dieser Welt. Sie kramt den seit Jahrhunderten bewährten Trick aus der Mottenkiste und tut so, als hätte sie etwas im Auge. Eine Wimper vielleicht, aber das genügt, um Sebastian nah an sie heranzuholen. Ganz nah. Jetzt atmet er den Duft ein, den ich so gut kenne. Endlich, das Unvermeidliche! Küsst er besser als ich? Ob es Nadine gefällt? Ein Wohlgefühl ist es, frei zu sein von Eifersucht. Das war nicht immer so, ganz im Gegenteil. Heute lässt mich kalt, was da oben jetzt geschieht. Trotz halb erfrorener Füße geht es mir gut. Weil sich alles zusammenfügt. Sebastian ist entzaubert. Von Kristina hat er die Umstände meiner Zeugung erfahren.

*

Ich habe ihn nicht kommen gehört, aber lange kann er nicht hinter mir gestanden sein. Max spricht leise, als wollte er seinen Vater beim Liebesspiel mit meiner Frau nicht stören. Aber seine Fragen sind für mich erschreckend genug. Warum bist du in unserem Garten? Bist du ein Dieb?

Wie Sigurd Fürst schleiche ich auf fremdem Grund und Boden herum und beobachte Menschen durch die Fenster. Max will wissen, ob ich seinen Vater schlagen will. Und er holt noch weiter aus. Bist du ein Mörder?

Ich sage nein und lache sogar, und trotzdem hat er recht. Zwar habe ich nur seinen Moritz umgebracht, und auch das in Notwehr, doch der Kleine ahnt, was in mir steckt und nur auf den geeigneten Augenblick wartet. In Gedanken habe ich schon fast alle um mich herum mit meiner Margolin niedergestreckt. Sogar dieses Kind hätte ich beinahe durch die Eisdecke brechen lassen, aber jetzt reiche ich ihm ein zweites Mal die Hand. Max, keine Angst, du kennst mich doch.

Er ist von allen der Gefährlichste, und es wäre das beste, sein Vertrauen zu gewinnen. Mutter und Sohn sollen meine Verbündeten werden. Max scheint dazu auch bereit, denn statt weitere Fragen bekomme ich ein Lächeln und das Angebot, dass er mir sein Haus zeigen möchte. Ich sträube mich, doch der Kleine zieht mich weg, vorbei am Wintergarten, hinüber zum Pool. Auch hier bleiben wir nicht stehen, nehmen den ausgetretenen Pfad im Schnee und gelangen erst in der hintersten Ecke des Hügels ans Ziel.

Voller Stolz zeigt er auf die Hundehütte, kriecht hinein und fordert mich auf, nachzukommen, aber ich mache am Eingang halt. Er entzündet eine Kerze, und ich sehe sein Reich. Was mir noch vor wenigen Augenblicken abwegig erschienen ist, kommt mir nun überaus vertraut vor. Bei mir war es ein Baumhaus, und auch ich baute mir darin meine eigene Welt aus Dingen, die andere weggeworfen hatten. Noch mehr aber rührt mich das Vertrauen des Kindes. Ich hätte niemals einen Erwachsenen in den Apfelbaum geholt, nicht einmal mein Vater durfte die Leiter zu mir heraufklettern. Vielleicht aber wären mir Einbrecher und Mörder willkommen gewesen.

Max aber ist anders als ich. Er scheint keine Angst zu kennen. Sogar meine Warnung vor der Kerze nimmt er nicht ernst, dabei könnte das Zeug in seiner Hütte ganz leicht Feuer fangen. Nicht alles ist aus altem Eisen, die meisten Stücke sind hölzerne Modelle von Flugzeugen und Schiffen und bestimmt trocken wie Zunder. Ich habe Erfahrungen mit abgebrannten Hütten. Doch in meiner waren nur Werkzeuge und kein Kind.

Weiß sein Vater von dieser Gefahr? Oder kümmert er sich nur um meine Frau mit der dazugehörigen Villa? Und was ist mit der Mutter von Max? Eben ist sie nach Hause gekommen, die Vorbereitungen für die Beerdigung scheinen vorbei zu sein. Warum ruft sie nicht ihren Sohn oder hält Ausschau nach ihm? Wahrscheinlich denkt sie, dass er in der Hundehütte ohnehin bestens aufgehoben ist, und in der Dunkelheit könnte sie ihn sowieso nicht sehen. Von hier aus hat man hingegen einen prächtigen Blick auf den hell erleuchteten Wintergarten. Nadine hat sich ein Glas eingeschenkt, eine Zigarette angezündet und wandelt jetzt zwischen den exotischen Pflanzen. Max flüstert mir zu, dass er bald wegzulaufen gedenke, zu seinem richtige Vater. Ob ich mitkommen möchte? Ich antworte ihm nicht, weil mich jetzt nur der Blick hinter die durchsichtigen Fassaden beschäftigt. Aber ich verstecke mich bei dir, fährt er fort, ganz lange, dann wird sie weinen.

Vielleicht bricht seine Mutter schon früher in Tränen aus, wenn sie merkt, was im oberen Stockwerk vor sich geht. Auch wenn Max keine Ahnung hat, was jetzt passieren könnte, schaut er mit mir auf die große Bühne hinunter. Wie in einem Theater ist alles bestens ausgestattet, der Vorhang offen, doch nichts geschieht. Dann aber scheint Nadine etwas zu hören. Kristina kommt über eine Wendeltreppe in den Wintergarten. Ihr folgt der Herr des Hauses, allerdings mit vollen Händen. Er trägt eine weiße Mädchenfigur in den Armen, fast so groß wie sein Hund Moritz. Er stellt sie vorsichtig auf einen Tisch. Auf jeden Fall ist die nackte Dame sehr zerbrechlich, dem Anschein nach aus Porzellan. Erst jetzt kommt er dazu, meine Frau mit seiner Frau bekannt zu machen. Sebastian erklärt Nadine natürlich mit großen Gesten die Zusammenhänge, und Kristina macht das Spiel perfekt, indem sie ihm einige Geldscheine überreicht. Wer sollte da noch schlecht denken?

Meine Frau umkreist die weiße Schöne mit dem Stolz der neuen Besitzerin und bekommt von Nadine zur Feier des Tages auch noch ein Glas gereicht. Sebastian kann mit seinem Einfall zufrieden sein. Oder hat Kristina ihn gehabt, mitten im Liebesakt? Der Kleine neben mir ist froh, dass sie weg ist, die blöde Puppe, mit der er nie hatte spielen dürfen. Er holt ein kleines Riesenrad aus seiner Hütte, verstaubt zwar, und nur aus Zündhölzern gebaut. Von seinem richtigen Vater. Er strahlt und zittert. Auch in mir kriecht die Kälte hoch, und ich stelle verlegen fest, dass wir beide jetzt frieren. Er schüttelt sein Köpfchen.

Nimmst du Moritz mit? Ich verstehe ihn nicht. Dein Haus ist viel schöner als unseres. Aber allein gehe ich nicht in den Keller, nur mit dir. Ist Moritz jetzt dort?

Ich frage ihn, ob er schon einmal in meinem Garten war. Er nickt. Im Haus? Er nickt wieder. Mit Papa? Dieselbe stumme Antwort. Auch allein? Er bejaht meine Frage mit Stolz. Kinder sind Angeber, aber ihm traue ich mehr zu. Er könnte hinter Vorhängen stehen und Überschwemmungen anrichten. Aber vielleicht will ich nur, dass er es ist, und Sigurd Fürst dafür meinen Garten noch nie betreten hat. Dieser Kleine könnte gefährlicher sein als der Mann mit dem Tauchermesser am Fußgelenk. Max will wissen, wann ich denn mein Haus verkaufe und ob ich den Moritz mitnähme.

Auf der Bühne hinter der Glasfassade wird gelacht und getrunken. Vielleicht darauf, dass man sich eins geworden ist und weiß, wie man mich kaufen kann? Ich habe mehr als genug erfahren. Beim Abschied will Max mein Freund werden, zerdrückt ein paar Tränen, behauptet aber trotzig, nicht wegen mir zu weinen, sondern nur wegen Moritz.

*

Nicht einmal an meinem Geburtstag finde ich zu Hause noch Ruhe. Jetzt klingelt mich Kristina in den Garten hinaus, und ich muss ihre alle Türen öffnen, um sie in mein Zimmer zu lassen. Keuchend stellt sie die Figur auf den Schreibtisch, die Nackte ist tatsächlich aus Porzellan. Eine hervorragende Arbeit von der ungarischen Manufaktur Herend, in dieser Größe ungewöhnlich. Kristina meint obenhin, sie sei zufällig an ihr Geschenk gelangt. Damit hat sie wohl nicht unrecht. Ihre weitere Geschichte verrät zwar nichts von einem neuen Liebesabenteuer, klingt aber glaubwürdig. Vor ein paar Tagen habe sie mich besuchen wollen, aber nicht angetroffen, und sei von einem netten Herrn angesprochen worden, der hier ganz in der Nähe wohne und mich auch kenne. Man hätte über nichts und alles gesprochen, aber auch von meinem Geburtstag. Er sei mit der Figur nicht glücklich gewesen, immer voller Angst, sie zu zerbrechen, und deswegen sei er froh, sie nicht mehr in seinem Haus zu haben, übrigens ein Paradies, das ich mir unbedingt ansehen müsse.

Mir gefällt Kristinas Geschenk, mehr noch aber, was sie mir so erzählt. Hauptsache, ich kann aufhören, an eine Verschwörung zu glauben. Am Abend meines Geburtstages nehme ich sogar halbe Wahrheiten hin, und es spricht für meine Frau, dass sie mit keinem einzigen Wort den Verkauf unseres Hauses erwähnt. Schließlich verlässt sie mich in Eile, nicht ohne die Andeutung fallen zu lassen, dass sie sich in meinem ehemaligen Freund geirrt hat. Chirurgen seien eben mehr Fleischer als Liebhaber.

*

Bei einer Flasche Wein überlege ich mir, wohin ich die zerbrechliche Schöne stellen könnte. Sie sieht Kristina ähnlich. Meine Frau werde ich wohl nie wieder nackt sehen, dafür habe ich jetzt die Dame aus feinstem Porzellan. Zwar habe ich Sebastian Grohmann von Anfang an nicht gemocht, doch jetzt spüre ich so etwas wie Eifersucht. Kristina gönne ich alten Freunden, nicht aber ihm. Es wird Zeit, sie anzurufen. Wir werden miteinander einen schönen Abend verbringen und von früher reden. Nicht alles war schlecht, und ich nicht besser als sie. Was ein Geschenk alles anrichten kann.

*

Es wird wärmer, doch ein Tag ohne Eiseskälte macht noch keinen Frühling. Ich habe das Gefühl, aus einer Erstarrung aufzutauen. Mein fünfundsechzigstes Lebensjahr beginne ich in einem Keller. Aber hier wird kein Wein gelagert, sondern eine Unmenge an altem Zeug, das manche Leute nicht mehr haben wollen, während andere danach suchen. Früher habe ich hier sogar die eine oder andere Kostbarkeit gefunden oder auch nur eine Erinnerung an meine Jugendzeit. Jetzt durchwandere ich die Gewölbe mit den zahllosen Verlassenschaften, um ein Geschenk zu entdecken. Nicht für Kristina. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich nur das Vertrauen von Max gewinnen oder ihm wirklich etwas Gutes tun möchte. Gesellschaftsspiele gäbe es hier einige, aber ich glaube, viel mehr Freunde als ich hat er auch nicht. Es scheinen überhaupt einsame Menschen gerne hierher zu kommen, wie der alte Mann, der in Vorhängen wühlt und mich wohl als einen ansieht, der mit seiner feinen Kleidung nicht in diesen Keller passt.

Ich wandere weiter, von einer Unterwelt zur anderen, von kitschigem Tand zu wertvollen Verlassenschaften. Doch dann schwebt sie über mir. Santa Maria. Mit ihr hat Kolumbus Amerika entdeckt.