»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Das Modellschiff ist zwar ziemlich verstaubt, aber aus Holz, Stoff, Schnüren und die sorgfältige Arbeit eines geduldigen Menschen. Dieser Könner hat es vor vielleicht sechzig Jahren gebaut, oder auch in einem der Weltkriege. Max wird es gefallen, und mich freut es, für ihn ein nicht alltägliches Geschenk gefunden zu haben. Jetzt heißt es, sich beeilen, um es ihm noch heute bringen zu können. Wann muss ein Fünfjähriger ins Bett? Aber vielleicht ist er erst vier. Zur Schule geht er auf jeden Fall noch nicht.

*

Dieses Mal krieche ich nicht durch den Zaun, sondern läute am Gartentor, das, anders als meines, mit ausladenden Schmiedeeisenarbeiten verziert ist und in neuer Farbe glänzt. Aber bei mir schnarrt kein Öffner, sondern Max kommt mir entgegengelaufen. Seine Eltern scheinen nicht zu Hause zu sein. Auch wenn ich keine Lust habe, den erfolgsverwöhnten Spielhöllenbetreiber zu treffen, so wäre ich doch gerne seiner Frau begegnet. Vor allem hätte sie sehen können, wie ich ihren Sohn verwöhne und dass ich ein Mensch bin, mit dem man sich anfreunden kann. Früher oder später werden wir uns näher kommen. Ich erwarte auch keine Liebe, sondern ein Bündnis gegen ihren nach Besitz gierenden Mann. Aber warum sorge ich mich so sehr um mein Haus? Allein ich entscheide über Verkauf oder nicht.

Max strahlt und hält die hölzerne Santa Maria wie einen neuen Hund in seinen Armen. Er will das Schiff gleich in seine Hütte bringen und niemandem zeigen. Auch seiner Mutter nicht. Nadine wird also nicht erfahren, was für ein freundlicher und guter Nachbar ich bin. Aber sie erkennt es wohl auch ohne Geschenke, warum sonst hätte sie mich vom ersten Augenblick an wie einen alten Freund behandelt. Ohne Hintergedanken. Gegen sie gibt es keinen Verdacht. Ich möchte auch endlich einen Menschen haben, dem ich nicht misstrauen muss. Aber sogar Max ist wie ich. Er fragt, ob ich das schöne Schiff gestohlen hätte. „Gekauft, für dich.“ Er will mich bald besuchen.

*

Zu Hause ist alles wie immer. Das Blatt in der Schreibmaschine ist nach wie vor leer und leuchtet in der Dämmerung. Dazugekommen ist das Alabasterweiß der Nackten aus Porzellan. Ich werde einen Platz für sie finden müssen, noch aber weiß ich nicht, ob ich diese Frau ständig im Blick haben will oder nicht. Solange sie mich an Kristina erinnert, ist es gut, aber der Beigeschmack des Vorbesitzers gefällt mir nicht. Dass er die Schöne mit seinen Augen betrachten durfte, ekelt mich an, und bestimmt hat er nicht nur einmal ihre Brüste und den schlanken Körper berührt. Immerhin aber wollte er sie loswerden. Wenn es denn stimmt. Warum kommt mir das nun wie erfunden vor?

Die Februarsonne trocknet das Laub in meinem Garten, und keiner kann sich mehr lautlos dem Haus nähern. Jeder Schritt ist zu hören. Ich habe auch gelernt, durch das offene Fenster den Brieftäger zu erkennen. Er macht sich nach wie vor die Mühe, mir die Post ins Haus zu bringen, bekommt dafür allerdings ab und zu eine Flasche Wein. Ich schenke ihm vom besten, einen Wein, den er sich nie leisten würde, und habe dann das Gefühl, nicht ganz so verlassen in meinem Geisterhaus zu leben. Doch eben durchpflügt jemand das Laub auf dem Weg, aber die Schritte sind klein und kein brutales Gestampfe.

Max öffnet jetzt die Tür zu meinem Zimmer ganz vorsichtig und fragt sogar, ob er hereinkommen darf. Dann erzählt er mir atemlos von einer Schiffsreise, die er unternommen hat, allerdings nicht auf dem Meer, sondern die Donau entlang in den Prater. Natürlich hat er seinen Vater besucht, den richtigen, und ihm auch von mir erzählt. Und von Moritz in meinem Keller.

Plötzlich entdeckt er die Frau aus Porzellan. Es gefällt ihm nicht, dass sie hier ist. Sie soll wieder verschwinden, und er möchte sich jetzt sein Zimmer aussuchen, mit mir. Am liebsten oben, weit weg vom Keller, weg von Papa.

Mein Spion verrät mir alles. Sebastian Grohmann scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Wahrscheinlich hat er schon einen Architekten für den Umbau meines Hauses bestellt, und es würde mich nicht wundern, wenn es bereits Pläne für einen neuen Wintergarten gäbe.

Max streckt seine Finger nach meiner Schreibmaschine aus. Ich verbiete ihm gleich, das Ding auch nur anzurühren, und hoffe, dass er sich nicht irgendwann hinter meinem Rücken auf der Mercedes zu schaffen macht. Darauf lässt er Gott sei Dank von der Maschine ab und wendet sich meiner Zeichnung von Sigurd Fürst zu. Wie auch die Schreibmaschine sollte sie eigentlich den Maler anlocken und nicht dieses Kind. Doch Max entfernt das Blatt von der Schreibmaschine und setzt sich damit neben mich. Er studiert das Gesicht darauf und fragt mich, warum dieser Mann mit dem Bart so jung ist. Während ich mir eine Antwort überlege, höre ich ihn von dem freundlichen Herrn reden, draußen auf der Straße.

Ein Herr? Wo? Max zeigt zum Fenster hinaus. „Heute?“ Er nickt mit dem Kopf. „Schon öfter?“ Er denkt kurz nach, nickt dann wieder. Das kann jetzt eine Lüge sein oder auch nicht. „Wie sieht er aus?“ Max hält mir meine Zeichnung vor das Gesicht. „Mit einem solchen Bart, nur älter?“ Er freut sich, dass ich endlich begriffen habe, will meine weiteren Fragen aber nicht mehr hören. In meinem Zimmer gibt es noch so viel zu entdecken, eben waren die Radierungen mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt an der Reihe, nun sind es meine Zigarrenkisten. Max öffnet eine nach der anderen, und ich lasse ihn gewähren, weil er nichts kaputt macht und nur daran riecht. Außerdem ist mein Denken darauf gerichtet, wie ich ihn zum Reden bringen kann. Aber alle meine Bemerkungen über den Mann da draußen bleiben ohne Antwort. Nur sein Gesicht verrät mir, dass er noch einiges weiß. Ich hege den Verdacht, dass ihm meine Neugier gefällt. Er spielt mit mir.

Aber diese hölzerne Kassette hätte er jetzt nicht finden dürfen. Ich nehme sie ihm aus der Hand. Einen größeren Fehler hätte ich nicht machen können. Nun ist seine Neugierde geweckt. Er versucht es mit Bitten, dann mit Tränen. Wenn ich ihm einen Blick auf mein Geheimnis werfen lasse, ihm meine Margolin zeige, wird er mir dann wohl Rede und Antwort stehen? Der Kleine begreift das Tauschgeschäft sofort. Es genügt, dass ich die Verschlüsse öffne und ihn dann nach dem Mann mit dem Bart frage. Schon erfahre ich von einem Zettel, den Max von ihm bekommen hat.

Die Margolin liegt inmitten des Zubehörs in den Vertiefungen des braunen Holzes. Eine Pistole ist für den Kleinen nichts Besonderes, kennt er sie doch aus dem Fernsehen, ja, er hat sogar selbst einige davon. Aber meine gefällt ihm besser. Max redet. Und er hat mich in der Hand. Denn der Zettel sei für mich. Er holt ihn aus der Tasche seiner Jean, will ihn mir aber erst geben, wenn er die Margolin angreifen darf. Wir werden uns einig, der Handel findet statt. Er fährt mit seinen kleinen Fingern über die Waffe, ich nehme das Stück Zeitungspapier an mich. Er könnte mich betrogen haben, aber wenigstens hat er mir nicht irgendwelche Murmeln oder eine tote Maus in die Hand gedrückt. Max will wissen, ob die Pistole auch einen Namen hat. Margolin. Das gefällt ihm. Wie beschwörend flüstert er vor sich hin: „Margolin, Margolin.“ Noch bevor er sie am Lauf zu fassen bekommt, schließe ich die Kassette. Max hat begriffen, dass dieses Ding kein Spielzeug ist.

Ich mache mich schon auf seine Fragen gefasst. Ob ich ein Mörder bin. Wen ich mit dieser Pistole schon umgebracht habe. Doch er schweigt, noch ganz im Bann der tödlichen Waffe, die immerhin seinen Moritz getötet hat. Er wird davon nie erfahren. Mir hingegen verraten seine Augen wilde Gedanken. Weiß er alles? Er richtet sich auf, und ich warte darauf, dass er mich drängt, mit ihm in den Keller zu gehen. Mehr als die Schaufel für das Grab seines Hundes wird er dort nicht finden. Doch er hat andere Pläne. Grußlos verlässt er mein Haus. Vom Garten her höre ich das Laub unter seinen eiligen Schritten, die immer schneller werden.

Habe ich richtig gehandelt oder falsch? Vielleicht verkriecht Max sich mit seinem Erlebnis in der Hundehütte. Oder er redet. Dann weiß mein neuer Nachbar, dass auch ich gefährlich bin. Allerdings wird sich ein Casinobetreiber aus dem Prater von einer Schusswaffe kaum beeindrucken lassen. Ich hatte genügend Angeklagte aus dieser Gegend, die damit bestens und todbringend umgehen konnten. Schade, dass ich Vinzenz nichts mehr fragen kann, über Sebastian Grohmann hätte ich gerne mehr gewusst.

Jetzt wartet ein Stück Zeitungspapier auf mich. Ich habe nur einen einzigen Wunsch. Ein Lebenszeichen von Sigurd Fürst. Damit mein Warten ein Ende hat. Ich kann mir schon denken, was dort zerknüllt auf meinem Schreibtisch liegt. Ein Bericht über ihn und mich. Wir beide sind unzertrennlich. Doch das Blatt ist gar nicht vergilbt, keineswegs zwanzig Jahre alt. Es wurde aus einer Ausgabe von heute herausgerissen. Aber kein einziger Artikel hat mit mir zu tun. Auch Sigurd Fürst kommt nicht vor. Max hat mich hinters Licht geführt. Das ist kinderleicht. Man kann mir mittlerweile wahrscheinlich alles vors Gesicht halten, und ich sehe darin eine Verbindung zu Sigurd Fürst.

Aber dann entdecke ich sie doch. Die eine Zeile. Am Rand und mit Bleistift geschrieben. Wir müssen uns treffen. Ort und Zeit bestimmen Sie. Danach schwer lesbar eine Telefonnummer. Offenbar auf einem Knie oder die Latten eines Gartenzauns als Unterlage geschrieben. Der Kleine ist ein verlässlicher Bote.

Jetzt stürmt er gerade wieder in mein Zimmer. Auch wenn er seinen Stiefvater nicht zu mögen scheint, diese Rücksichtslosigkeit hat er von ihm gelernt und dass man sich mit Geld alles kaufen kann. Er schüttelt eine blecherne Sparbüchse und stellt sie vor mir auf den Tisch. Sein Blick richtet sich wieder auf die Holzkassette mit meiner Margolin. Dieser kleine Teufel zwingt mich aufzustehen und das Ding in ein anderes Zimmer zu bringen. Wie ein ungestümer Hund läuft er mir nach, aber ich schaffe es rechtzeitig, vor ihm die Tür zu verschließen. Er ist außer sich und tritt dagegen, während ich die Waffe in einem Regal hinter verstaubten Büchern verstecke. Das gelingt mir gerade noch, nicht aber, mich zu beherrschen. Beim Öffnen der Tür schlage ich dem tobenden Jungen ins Gesicht. Wie mein Vater mir damals vor sechzig Jahren.

Max hält sich die Wange, schluckt aber die Tränen hinunter. Nur sein schneller Atem ist zu hören und ein Gestammle, das ich nicht verstehe. Ich habe keine Ahnung, ob er wieder von Moritz spricht oder mich verflucht. Auf jeden Fall habe ich ihn mir zum Feind gemacht, und es würde mich nicht wundern, wenn er noch heute mein Geschenk in Flammen aufgehen ließe. Die Santa Maria würde aufs Hellste leuchten. Und die Vorstellung schreckt mich auch gar nicht ab, wenn dieses kleine Ungeheuer schon nicht im Lusthauswasser umgekommen ist, soll es meinetwegen in seiner Hundehütte verbrennen. Doch nicht einmal bei diesem Kind ist mir ein Sieg gegönnt. Max dreht sich blitzschnell um und beginnt, unter den Papieren auf meinem Schreibtisch zu wühlen. Im nächsten Moment zieht er den Zettel von Sigurd Fürst hervor und steckt ihn in seinen Mund. Jetzt haben wir endlich beide Vernunft und Besinnung verloren.

Er würgt an dem Papier, und als er es vor sich auf den Boden spuckt, werfe ich mich hastig zu seinen Füßen nieder, um das nasse Knäuel zu erwischen. Ich scheue mich, zu ihm hinaufzublicken, um nicht seinem verächtlichen Grinsen zu begegnen. Doch im nächsten Moment kniet Max schon neben mir und fleht mich mit verzweifelter Miene an, ihm doch die Pistole zu geben. Er will sogar tauschen. Moritz gegen die Margolin.

Kein gutes Geschäft für mich, ein toter Hund gegen eine Waffe voller Leben. Und so ungeschoren kommt mir der kleine Grohmann ganz sicher nicht davon. Deshalb kriegt er von mir eine Antwort, die ihn zum Grübeln bringen soll. Meine Margolin ist bissiger als dein Moritz es je war.

Ich hätte den Mund halten sollen. Ich sehe es an seinen Augen, dass er wie sein Vater alles daransetzen wird, mir etwas wegzunehmen. Auch ohne gemeinsames Blut sind die beiden vom selben Kaliber und gefährlich. Warum konnte die Familie Grohmann nicht im Sumpf der Praterauen bleiben, dort gehört sie hin. Trügerisch auch anzunehmen, Nadine könnte mir eine Hilfe sein. Nur weil sie ein Etablissement besitzt, anstelle eines Casinos? Ihre grünen Augen sehen nicht mich, sondern nur meinen Besitz. Auch Max spielt mir etwas vor. Artig gibt er mir nun zum Abschied noch die Hand, während er in seinem kleinen Köpfchen schon neue Pläne schmiedet. Ich bin mir sicher, dass er seine Sparbüchse absichtlich hier zurückgelassen hat. Damit er schon bald wieder kommen kann.

Doch was kümmert mich dieses verzogene Kind, jetzt, da es endlich so weit ist. Sigurd Fürst will sich mir zeigen. Fast fühle ich mich geehrt, dass mein Feind und Eindringling mich treffen will. Eigentlich hat er ja klein beigegeben, verrät doch die eilige Notiz auf dem Blatt mehr Bitte als Drohung. Oder es ist eine Falle und Sigurd Fürst lockt mich in einen Hinterhalt? Schlau, wie er mich Ort und Zeit aussuchen lässt. Und er kennt mich und weiß, dass ich keinem Menschen mehr vertraue und niemanden habe, dem ich davon erzählen könnte.

Eine Begegnung mit ihm mag gefährlich sein, doch meine Neugier ist größer. Was mir auf der Hundewiese des Praters und im Haus des Meeres versagt geblieben ist, kann sich nun erfüllen. Ich möchte Sigurd Fürst in die Augen sehen. Vor allem aber möchte ich hören, was er von mir will. Eine Entschuldigung für sein verlorenes Leben? Oder doch nur Geld, um es dann wieder den Walen zu schenken? Aber vielleicht geht es ihm nur darum, mir sein Tauchermesser in den Bauch zu stoßen. Das kann ich natürlich nicht gänzlich verhindern, doch ich werde es ihm so schwer machen wie nur möglich. Es liegt also an mir, einen Treffpunkt zu wählen, der für einen Mord höchst ungeeignet ist. Voll von Zeugen oder bestens überwacht. Denn einer Sache bin ich mir sicher. Sigurd Fürst tötet nur, wenn er dafür nicht wieder ins Gefängnis muss.

Ich könnte ihn bitten, in den Justizpalast zu kommen. Doch was habe ich noch in meiner alten Heimstatt zu suchen? Ich bin dort fremder als er, dessen Bilder wahrscheinlich bald in einem der Räume hängen werden. Außerdem möchte ich Vinzenz nicht begegnen. Es müsste ein Ort sein, an dem jeder Besucher von Sicherheitsleuten genauestens betrachtet wird. Auch Kameras wären eine Hilfe, am besten in jeder Ecke eine. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mir diese Augen einmal willkommen sind. Über Fort Knox oder den Tower von London müsste man verfügen.

*

Bei einer Flasche Wein habe ich die Lösung gefunden. Ob sie Sigurd Fürst gefallen wird? Ich bin jetzt auch in der Stimmung, ihn anzurufen. Das Größte wäre, wenn er mir vergeben könnte. Darauf trinke ich noch nicht, aber bevor ich zum Hörer greife, wird noch das eine oder andere Glas geleert.

Ich wähle die Nummer und zittere nicht. Wenn seine Stimme freundlich ist, werde ich ihm sogar danken, den ersten Schritt gemacht zu haben. Es wird abgehoben. Ich stelle mich vor, allerdings nur mit „Redtenbacher“. Er schweigt, aber ich höre sein Atmen. Tiffany kann es nicht sein, sie würde anders klingen. Sigurd Fürst scheint nicht damit gerechnet zu haben, so schnell von mir angerufen zu werden. Ich nenne ihm Ort und Zeit. Er räuspert sich. Meine Überraschung ist offenbar gelungen. Es gefällt mir, wie gelassen ich bin. Doch er übertrifft mich noch. Er legt auf. Vielleicht habe ich sein Ja nur überhört. Wein lockert die Zunge, doch mit den Ohren bekommt man immer weniger mit. Und auch wenn er tatsächlich geschwiegen hätte, wäre ihm das nicht übel zu nehmen. In der Einzelzelle gab es wohl nicht viel zu reden, er ist stumm geworden wie die Fische in seinem Aquarium.

*

Natürlich habe ich weitergetrunken. Deswegen bin ich auch wie zerschlagen. Ausgerechnet am heutigen Tag. In meinem Übermut gestern ist mir die Schatzkammer als eine grandiose Idee erschienen, jetzt kommt sie mir übertrieben vor. Ein Kaffeehaus hätte genügt. Doch andererseits, in diesen Räumen bin ich sicher. Ich werde mindestens so gut bewacht wie die Rudolfskrone, das Goldene Vlies oder der Heilige Gral. Jede falsche Handbewegung wird aufgezeichnet. Wenn ich blutüberströmt zu Boden sacke, wird man Sigurd Fürst nicht nur postwendend dingfest machen, sondern den Mord im Gerichtssaal auch vorführen können. Das weiß er natürlich und wird mich in Ruhe lassen oder erst gar nicht kommen. Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob ich wirklich in der Nacht mit ihm gesprochen habe. Ich kann nicht einmal ausschließen, eine falsche Nummer gewählt zu haben, betrunken wie ich war.

Trotzdem halte ich Ausschau nach ihm. Ich habe bewusst diesen Tag gewählt, den 29. Februar. Schalttag. Warum will ich Sigurd Fürst so viel beweisen? Was liegt mir an seinem Urteil?

Ich schaue auf eine tausendjährige Krone und denke an Sigurd Fürst. Ich betrachte zerstreut die Edelsteine in einem Reichsapfel und warte insgeheim darauf, von ihm an der Schulter berührt zu werden. Auch beim Anblick der Heiligen Lanze denke ich nur flüchtig an die vielen Legenden, die sich um sie ranken. Der Holzschaft ist zwar längst verrottet, aber sie soll den Leichnam Christi durchbohrt haben und seitdem ihre Besitzer unbesiegbar machen. Daran haben Könige geglaubt und auch Adolf Hitler. Ich sehe die eiserne Spitze und stelle mir vor, wie Sigurd Fürst nach seinem nicht weniger spitzen Messer greift. Jetzt steht auch tatsächlich jemand hinter mir, aber ich drehe mich nicht um. Warum sticht er nicht zu? Weil alles nur Einbildung ist? Weil ich ein Opfer der Heiligen Lanze geworden bin, die mich in ihren Bann geschlagen hat?