»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich begreife aber auch, warum dieses mit Goldblech beschlagene Stück Eisen eine solche Bedeutung hat. Wenn seit über einem Jahrtausend Könige die Heilige Lanze in ihren Schlachten vorangetragen und dann tatsächlich einen Sieg errungen haben, werden die Menschen dazu verführt, in der Lanze die Kraft des Überirdischen zu sehen. Ich hingegen finde es bewegend, etwas vor mir liegen zu sehen, das Herrscher voller Begierde betrachtet haben. Alle wollten sie dieses Symbol der Macht besitzen. Könnte mich doch meine Margolin ebenfalls unbesiegbar machen. Doch wie sollte sie das tun, wenn sie in einem Regal hinter Büchern liegt? Anstatt die Waffe bei mir zu haben, wende ich meinem Feind sogar noch den Rücken zu und bin schon glücklich, wenn er nicht zugestochen hat. Andere spielen Russisches Roulette, ich liefere mich einem rachsüchtigen Lebenslänglichen aus.

Trotzdem bin ich enttäuscht, in eine Schlacht ohne sichtbaren Feind gezogen zu sein. Aber vielleicht überrascht Fürst mich noch an der Eingangstür zur Schatzkammer, die zu betreten er nicht einfältig genug war. Meine Pläne sind nicht aufgegangen, seine kenne ich nicht. Wird er mir wieder ein Zeichen geben? Oder ich treffe ihn doch an einem Ort ohne Zeugen. Dann allerdings nicht ohne meine Margolin. Ob er überhaupt von meiner Pistole weiß?

*

In der Straßenbahn wende ich mich noch öfter um als sonst, so als wollte ich nicht unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Doch mein Feind steigt nicht zu, und er sitzt auch nicht hinter mir. Inzwischen bin ich so weit, mir zu wünschen, dass Sigurd Fürst auftaucht und sich neben mich setzt. Er kennt ja nicht nur mein Haus, sondern bestimmt auch all die Wege, auf denen ich fast täglich zu finden bin. – Aber er lässt mich im Stich.

Nur noch zwei Stationen, dann ist auch diese Möglichkeit eines Treffens vorbei. Es sei denn, dieser unberechenbare Mensch wartet an meinem Gartentor, um mich dort zu überraschen und diesen 29. Februar nicht zu einem gewöhnlichen Tag verkommen zu lassen. Seit Neuestem versperre ich die Tür, um Max davon abzuhalten, in meinen Sachen herumzustöbern. Auf der Suche nach den Schlüsseln in meiner Manteltasche fällt mir ein Kuvert in die Hand. Vergessene Post von heute Morgen? Nein, der Umschlag ist ohne Adresse. Wieder ein Geschenk von meinem neuen Nachbarn? Statt für eine Fahrt mit dem Riesenrad dieses Mal vielleicht ein Ticket für die Geisterbahn oder eine seiner Spielhöhlen?

Doch es sind drei Stück Papier. Groß wie Ansichtskarten, allerdings mit leerem Rücken, ohne Briefmarken und Nachricht. Sie sind auch weniger steif und offenbar aus einem Heft oder Block herausgerissen. Schon jetzt erinnern sie mich an die halbe Zeitungsseite von Sigurd Fürst. Ist es die Hoffnung auf eine Nachricht von ihm, die mich dazu bringt, vor meiner Villa nicht auszusteigen und weiterzufahren? Ist mein Feind jetzt doch bei mir? Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, während ich in die Betrachtung der Heiligen Lanze versunken war, mir das Kuvert in die Tasche meines Burberry zu stecken. Ich glaube sogar, ich habe jemanden hinter mir gespürt, mich sogar umgewendet, allerdings nur Schemen gesehen. Einer von ihnen könnte ohne weiteres Fürst gewesen sein.

An der Endstation verlassen auch die letzten Fahrgäste die Straßenbahn, und neue steigen noch nicht ein. Es wird Zeit, die Karten im wahrsten Sinn des Wortes aufzuschlagen. Erlebe ich jetzt gleich eine Enttäuschung oder halte ich doch etwas von ihm in den Händen. Trifft er mich jetzt? Schon das erste Blatt ist ein Stich ins Herz. Die Zeichnung ist besser als alle, die ich je zustande gebracht habe. Aber auch sie zeigt einen Täter. Er ist dabei, die Leiche eines Hundes in eine Reisetasche zu stecken. Vom Haus dahinter ist nur ein Fenster aus wenigen Strichen zu sehen, doch der Schöpfer dieses Bildes hat mit großer Genauigkeit die Handschuhe des gebückten Mannes festgehalten. Auch seinen Blick voll Widerwillen und Ekel.

Die Straßenbahn fährt los, zurück in die Stadt. Zugestiegen ist niemand, und ich bin unfähig, mich von meinem Platz zu erheben. Ich sehe meine Villa an mir vorbeiziehen, ihre Fenster, den Garten. Hier irgendwo muss Sigurd Fürst gestanden sein, als sich alles ereignet hat. Er hat mich aus der Erinnerung gezeichnet. Es ist ihm sogar gelungen, mit Schraffierungen die damalige Dunkelheit darzustellen. Er ist ein Meister, ich bin schon jetzt sein Gefangener. Vielleicht ist er an diesem Abend nur zufällig vorbeigekommen, oder aber er beobachtet mich doch seit Monaten, wie ich immer vermute.

Keine Einbildung, sondern Wirklichkeit. Sigurd Fürst ist der Eindringling, mein Verfolger. Wahrscheinlich habe ich schon lange keinen Schritt mehr getan, ohne von ihm gesehen worden zu sein. Jetzt gilt es, in meinen Erinnerungen zu suchen und das Gewissen zu erforschen. Welche Verfehlungen habe ich diesem Menschen noch geboten. Nichts, außer den Schüssen auf eine Taube und auf diesen Moritz. Der Tod eines Hundes war zwar ausreichend, um mir die Ruhe zu rauben und mich in Widerwärtigkeiten zu verstricken, aber ein Mörder bin ich deswegen noch lange nicht. Nur, das wirklich Unheimliche an Fürst ist seine Kunst. Schon als er mich im Gerichtssaal zeichnete, gelang es ihm, das Unsichtbare darzustellen und mich voller Bitterkeit und Hass zu zeigen. Und jetzt liest er womöglich meine Gedanken. Jeder Bleistiftstrich kann nur Düsteres ans Tageslicht bringen.

Die Straßenbahn fährt ihre Schienen entlang, und ich mit ihr im Kreis. Seit einer Stunde. Oder sind es schon zwei? Zum ersten Mal habe ich Angst, nach Hause zu gehen. Ich möchte nicht am Gartentor stehen und mich gezwungen fühlen, nach Sigurd Fürst Ausschau zu halten. Ich entkomme ihm nicht. Dabei habe ich es noch nicht einmal gewagt, einen Blick auf das nächste Blatt zu werfen. Was erwartet mich auf dem zweiten Stück Papier? Und dann auf dem dritten?

Jetzt kommt es darauf an, nicht wieder in Panik zu verfallen, sondern das Notwendigste zu tun. Eines nach dem anderen. Ich widersetze mich Sigurd Fürst und schiebe seine Zeichnungen zurück in den Umschlag. Was immer er sich an weiteren Bildern ausgedacht hat, sie werden warten müssen. Das Kuvert wird erst wieder geöffnet, wenn mir danach ist. Die nächste Etappe ist die Haltestelle vor meinem Haus. Zu einer ordentlichen Heimkehr gehört auch ein sicheres Auftreten. Ich werde auf das Gartentor zugehen und mich nach niemandem umsehen.

*

Es ist mir gelungen. Wie mit Scheuklappen gehe ich jetzt ins Haus, laufe fast. Die versperrte Tür ist noch ein zeitraubendes Hindernis, aber auch das schaffe ich, wenn auch mit Tritten und Flüchen. Da draußen lauert ein Mensch, der im Gefängnis zum Untier geworden ist. Zwar fehlen mir die endgültigen Beweise, doch ich bin mit meinem Urteil nicht allein. Ich habe Vinzenz. Auch wenn er Tiffany nachstellt, kann er immer noch ein ehrlicher Richter sein. Jetzt glaube ich weniger denn je, dass seine Worte über die Gefährlichkeit von Sigurd Fürst gelogen sind. Wie ich denkt Vinzenz an Notwehr, wie ich hofft er auf meine Pistole. Sigurd Fürst hat sich zum Abschuss freigegeben.

So gesehen wäre es nur verantwortungslos und fahrlässig, die Margolin nicht ständig an meiner Seite zu haben. Auch Moritz bekommt endlich einen Sinn. Der Todesschuss auf den Hund war notwendig, damit ich üben konnte und mehr Sicherheit bekam. Wer ein Hundemaul getroffen hat, wird auch den Kopf eines rachsüchtigen Wahnsinnigen nicht verfehlen. Warum ist mir der Kerl in der Schatzkammer nicht gegenübergetreten, sondern hat mir nur diese Blätter in die Tasche geschoben und sich gleich davongeschlichen? Dazu passt dieses Schweigen am Telefon. Ein Beweis, dass tatsächlich er am anderen Ende der Leitung war. Sigurd Fürst will gar nicht reden, sondern zerstören.

Ich werde die Margolin aus der Kassette holen. Am Tag wird sie ihren Platz hinter meiner Schreibmaschine haben, nachts zu meiner Sicherheit unter dem Kopfkissen liegen. Schrecklich, dass es so weit kommen musste. Vielleicht traue ich mich eines Tages gar nicht mehr aus dem Haus, jedenfalls werden ab heute meine Kreise immer enger werden. Wie weit darf ich mich wohl noch von meiner Margolin entfernen? Bis in den Keller oder nur in die Küche? Ich werde üben müssen, wie man eine Waffe zieht und im nächsten Augenblick gleich schießt. Mit einer einzigen Zeichnung hat es Sigurd Fürst geschafft, mich zum Hampelmann zu machen. Allein dafür gebührt ihm eine Kugel aus der Margolin.

*

Die Kassette ist nicht hinter den Büchern. Ich hole einen Band nach dem anderen aus dem Regal, aber nirgendwo ist sie zu sehen. Sie könnte der Rückwand entlang auf ein tieferliegendes Brett gerutscht sein, doch da gibt es nur Spinnweben und Staub. Habe ich sie in der Hektik woanders versteckt? Es ist unmöglich, dass mich meine Erinnerung trügt. Max hat geschrien und gegen die Tür getreten, und ich habe die Kassette an diesen Platz geschoben. Oder wieder herausgenommen, um sie noch sicherer zu verbergen? In meinen Anfällen von Panik habe ich schon vieles getan, dieses begehrliche Kind hat mich sogar dazu gebracht, ihm ins Gesicht zu schlagen. Hat das Toben des kleinen Grohmann mich einen Teil meiner Handlungen vergessen lassen?

*

Erst jetzt, am späten Abend, bin mir vollkommen sicher. Ich habe die Holzkassette nirgendwo anders versteckt. Ich habe überall das Unterste nach oben gekehrt, und nicht nur das angrenzende Zimmer sieht nun aus, als würde ich die Villa schon verkauft haben und meinen Platz noch heute räumen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Max oder Sigurd. Einer von beiden muss es gewesen sein. Als Dieb ist ein jeder von ihnen denkbar. Um wie viel lieber wäre es mir, ich hätte meine Waffe nur verlegt, als sie in den Händen meines Todfeindes Sigurd zu wissen. Oder in denen dieses Kindes. Dem müsste ich die Waffe wohl regelrecht abjagen. Wo würde ich anfangen? In seiner Hundehütte? Oder müsste ich mich vor seinem Vater niederknien, um meinen Besitz zurückzubekommen? Ihn auch noch um Verzeihung bitten?

Aber Sigurd Fürst wäre als Dieb nicht besser. Hätte er mich doch damit entwaffnet und schutzlos gemacht. Vinzenz setzte zu große Hoffnungen in mich. Am liebsten würde ich ihn anrufen und ihm reinen Wein einschenken. Für die Beseitigung von Sigurd Fürst wird er sich einen anderen suchen müssen. Dabei war ich noch nie so entschlossen zu einem Mord wie heute. Diese Zeichnung ist nicht nur eine Kriegserklärung, sondern sie beweist mir auch, dass es in meinem Haus tatsächlich einen Eindringling gibt.

Wenn Max jetzt nur käme. Hier könnte ich ihn verhören, und der widerwärtige Gang zu seinen Eltern bliebe mir erspart. Wie erkläre ich Frau Grohmann, dass ihr Sohn vielleicht ein Dieb ist und sie ihre Villa schnellstens nach einer hölzernen Kassette zu durchsuchen hat. Spätestens wenn sie vom tödlichen Inhalt dieser Kassette erfährt, wird sie in Hysterie verfallen. Ich sehe jetzt schon die Streifenwagen vor ihrem Haus.. Mit einem Schlag wäre ich in der Umgebung als Mann bekannt, der Kindern Mordinstrumente zum Spielen gibt, und schon morgen könnte ich wieder in den Zeitungen stehen. Mit jedem Tag länger, den die Waffe verschwunden bleibt, würde der Zorn der Volksseele noch höher aufkochen, und am Ende hieße es Ächtung und Exil für mich. Dann wäre es endlich so weit. Ich müsste meine Villa verlassen. Mein neuer Nachbar hätte sein Ziel erreicht.

Max könnte mich erlösen. Selten habe ich so sehnsüchtig nach einem Menschen Ausschau gehalten. Aber wozu soll er mich noch besuchen, wenn er sich seinen Wunsch bereits erfüllen konnte. Auch ohne einen Cent von seinem ersparten Geld darf er jetzt die Pistole berühren. Aber wehe, wenn er sie jemandem zeigt.

Nein, Max kann es nicht gewesen sein. Seine Sparbüchse steht noch auf dem Tisch. Wäre er hier gewesen, er hätte sie mitgenommen. Oder er war zu sehr in Eile und so benommen von meiner Margolin, dass er sogar auf seine Münzen vergaß. Ich hätte tausend Fragen an ihn, aber ich müsste meine ganze Erfahrung als Richter hervorholen, um die Wahrheit zu erfahren. Bin ich geschickt genug für ein Kind? Seine Antworten und Lügen sind wahrscheinlich überzeugender als die eines abgebrühten Verbrechers. Wer hätte gedacht, dass dieses Zimmer einmal zum Gerichtssaal wird. Wenn Max nur käme. Bald. Ich werde behutsam sein. Mich weder von Zuneigung noch von Misstrauen benebeln lassen. Ein zweites Fehlurteil wird es nicht geben.

Das Warten wird mir zur Qual, und ich öffne einen Brief von Vinzenz. Er rechnet sicher mit mir und meiner Bereitschaft zu handeln, auch wenn er es nicht erwähnt. Stattdessen schreibt er, mich wieder gesellschaftsfähig machen zu wollen. Auch wenn natürlich eine Rehabilitation nicht möglich sei, könne er doch dafür sorgen, dass man mir mein Versagen als Richter nicht länger nachtrage.

Ich bin sogar eingeladen. In den Justizpalast. – Zur Eröffnung der Ausstellung des Malers Sigurd Fürst. Was erwartet sich dieser hinterhältige Freund davon? Gehört das zu meiner Begnadigung? Oder will mich Vinzenz nur ein weiteres Mal zur Tat drängen. Doch wie kann ich ohne Margolin solche Wünsche erfüllen?

Vinzenz hat seinem Brief die Anklageschrift für Breivik beigelegt. Demnächst soll sie dem norwegischen Attentäter vorgelesen werden. Entweder will mein ehemaliger Kollege mich an den großen Prozessen der Gegenwart teilhaben lassen, oder er will mir etwas anderes vor Augen führen. Ich denke, dass ich auch von einem Breivik etwas in mir habe. Dann aber wieder glaube ich, dass ich vollkommen unfähig zum Bösen bin, ja, in der letzten Zeit bin ich mir sogar einige Male als guter Mensch vorgekommen.

Der einzige Schuldige ist Sigurd Fürst. Ohne ihn gäbe es keine Margolin, und ich könnte in Ruhe leben. Moritz wäre nicht krepiert, und meine Reisetasche immer noch im Schrank und nicht unter der Erde. Wie falsch auch von mir, ein Kind zu verdächtigen. Bin ich schon so weit, dass ich mir aus Feigheit einen unterlegenen Feind aussuche? Warum bleibe ich nicht bei dem Mann, der mein Haus umschleicht. Er ist es, der mich aus dem Hinterhalt zeichnet und mir seine Anschuldigung in die Tasche schiebt. Es muss einen Grund haben, warum mir dieser Mensch nicht gegenübertritt, Auge in Auge. Was hat er vor? Vielleicht liegt die Antwort in diesem Umschlag. Aber ich habe Angst, mich auf den übrigen zwei Blättern abgebildet zu sehen. Hat er mich auch beim Erschießen des Hundes porträtiert? Den Ausdruck in meinem Gesicht während des Tötens mit seinem Stift festgehalten?

*

Max ist nicht aufgetaucht, aber ich habe zum Glas gegriffen und wieder Mut bekommen. Mein Hass auf Sigurd Fürst und sein verdammtes Versteckspiel hilft mir dabei. Aus lauter Widerwillen vor Holzkassetten hole ich mir keine Zigarre, sondern genehmige mir nach Jahren wieder eine Zigarette. Die Musik ist eine weitere Zutat, und mit einem Blues von einer Platte trete ich gegen meinen Eindringling an. Da ich nicht so gut zeichnen kann wie er, besteht meine Botschaft aus Worten. Es ist auch höchste Zeit, dass das Blatt in der Mercedes nicht länger unbeschrieben bleibt.