»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Das nasse Wetter und der heftige Wind sind auf meiner Seite. Nur wenige Eltern haben ihre Jüngsten zu den Schaukeln und Klettergerüsten gebracht. Ein einzelnes Kind habe ich noch überhaupt nicht gesehen. Max wird mir auffallen, ich hoffe nur, dass er vor mir nicht die Flucht ergreift. Auch ohne Jagd über den Spielplatz gerate ich außer Atem, und auf dem steilen Hang muss ich keuchend innehalten. Doch meine Angst um den Kleinen treibt mich weiter. Ich wäre schon froh, von ihm nur die Jacke oder seinen Schal zu finden, aber in den hölzernen Lokomotiven und Häusern auf dem Platz sehe ich nur Leere und nasse Planken. Ständig gerate ich auf schmale Wege, eingeengt durch Zäune und Pfähle links und rechts. Das Spielgelände der Kinder wird für mich zum Labyrinth, die wenigen Erwachsenen hier werden mich wohl für einen Verrückten halten.

Ich hetze weiter, mache nur ab und zu Halt, um das angrenzende Gestrüpp zwischen den Bäumen zu überblicken. Max ist nicht hier. Er kann überall sein, auf den vielen Wegen und Wiesen des Parks oder auch schon zu Hause. In einer letzten Hoffnung strecke ich mich über die Zaunlatten und zerreiße mir an einem Drahtgeflecht den Burberry. Beinahe wäre ich weitergelaufen, und nur durch Glück streift mein Blick die Santa Maria auf dem Boden aus Moos und Föhrennadeln. Das Schiff des Kolumbus sieht aus wie abgelegt. Als sollte es wie die dürren Zweige und Äste vermodern und für immer verschwinden.

So wie die Santa Maria mit ihren Segeln auf der Seite liegt, erinnert sie mich an die Hinterlassenschaft eines Menschen, der keinen Ausweg mehr sieht. Allein mein Wissen über Selbstmörder gibt mir Hoffnung. Fünfjährige haben noch keine Vorstellung vom Tod, Fünfjährige bringen sich nicht um. Wahrscheinlich habe ich jetzt diese schrecklichen Gedanken auch nur, weil sie sich mir nach meiner schändlichen Entlassung nahezu täglich aufgedrängt haben. Ich bestreite nicht, die Margolin auch deswegen gekauft zu haben. Um einen letzten Ausweg zu finden, falls die Wellen noch mehr über mir zusammenschlagen. Doch ein Fünfjähriger kennt diese Möglichkeit noch nicht.

Jetzt sehe ich etwas, das aussieht wie ein Affe aus Holz. Er sitzt auf einem dicken Ast über dem Zaun und wendet mir seinen Rücken zu. Doch der Sturm lässt die Haare auf dem Kopf wehen und zerstreut jeden Zweifel. Ich habe Max gefunden. Er sieht aus wie vertieft, in ein Vorhaben versunken, das nur Ältere auszuführen in der Lage sind. Der Kleine weiß noch nichts vom Tod. Bei einem Sturz in die Tiefe würde ihn auch der weiche Waldboden auffangen. Doch da sind die spitzen Zaunlatten, auf die sein Blick gerichtet ist. Vielleicht sieht er in seiner Vorstellung dasselbe wie ich. Wie sich die Spitzen der hölzernen Lanzen in sein Fleisch bohren und seinem Schmerz ein Ende bereiten. Ich kenne auch seine Gedanken. Nur weg von hier. Weg von der Hundehütte und den vielen Menschen, die ihn ablehnen. Am Abend werden die Eltern um ihn weinen.

Wenn ich seinen Namen rufe, kann es passieren, dass er springt. Ich wäre nicht nur schuld an allem, sondern hätte ihn auch noch gepfählt. Wenn Max den Baumstamm loslässt, ist es zu spät. Dazu kommt der Sturm, der heute des Teufels ist. Er kann jederzeit drehen und ein Kind in den Tod reißen. Warum fällt mir nichts ein? Weil ich auf der Welt bin, um Leben zu zerstören anstatt zu bewahren?

Hinter mir weint ein kleines Mädchen immer lauter. Schon vorhin konnte ich sehen, wie es von seiner Mutter höher und höher geschaukelt werden wollte. Jetzt ist es gestürzt. Die Frau versucht das Kind vergeblich zu beruhigen, schon laufen andere Eltern heran. Ich richte meinen Blick auf Max. Wie lange wird er noch in die andere Richtung starren? Wenn er sich umwendet, muss er mich sehen. Ich bücke mich nach dem Schiff, hebe es in die Höhe. Endlich dreht Max sich um, hin zum weinenden Kind, dann her zu mir. Sein Blick fällt auch sofort auf die Santa Maria, die ich über meinem Kopf schwenke und dann gegen den Sturm stemme. Sein Gesicht flammt auf, und ich begreife, was Fügung ist. Ein anderes Kind musste stürzen, um Max vor dem Fall in die Zaunspitzen zu bewahren. Und ich rede mir ein, dass der Kleine nicht nur wegen des Schiffes voller Freude vom Baum klettert, sondern auch, weil er mich gesehen hat.

Gemeinsam verlassen wir den Park. Die Santa Maria darf ich durch die Lüfte tragen. Max will mir das Schiff sogar leihen. Weil ich ihn vor Wunden und Schmerzen errettet habe, oder vor dem Tod, den er in seinem Alter doch unmöglich kennen kann? Ich weiß nicht einmal, ob er nicht einfach nur die Welt von oben betrachten wollte. Nur weil ich nach dem Skandal daran gedacht habe, mich umzubringen, müssen nicht auch andere von solchen Vorstellungen befallen sein. In Max allerdings lauern Gefahren, die mir bei einem Kind noch nie begegnet sind. Bis heute habe ich keine Ahnung, ob er naiv und vielleicht sogar zurückgeblieben ist, oder überaus klug und verschlagen.

An der Straßenbahnhaltestelle bemerkt Max meinen Blick auf den blutverkrusteten Riss in seinem Gesicht. Aber er gesteht mir nicht, dass er gestern von seinem Vater geschlagen worden ist, sondern meint, sein Hund Moritz habe ihn gebissen.

“Aber Moritz ist doch tot!“ Es platzt aus mir heraus. Wie ein Geständnis nach wochenlangen Verhören. Max hat mich zu Fall gebracht. Er zeigt kein entsetztes Gesicht, sondern lächelt mir zu. Er sieht mich an, als hätte er es längst gewusst. Geschickter als jeder Staatsanwalt oder Richter hat er mich auf den Weg der Wahrheit geführt. Auf seine nächste Frage bin ich schon gefasst, durch sie wird wohl alles entschieden. Der Kleine stellt sie mir auch. Er will wissen, wie Moritz umgekommen ist.

Tut dieses Kind nur ahnungslos, um dann die Schlinge umso besser zuziehen zu können, oder hat er mich wirklich nicht in Verdacht? Endlich kommt die Straßenbahn. Sie ist keine Rettung für mich, doch sie gibt mir Zeit. Allerdings nur zwei Stationen lang, dann wird jeder von uns wieder seiner Wege gehen. Doch zu einem Gespräch mit Max kommt es gar nicht erst, denn wir sind gezwungen, einem heftigen Streit unter den Fahrgästen zuzuhören. Die einen haben Verständnis für den Attentäter von Toulouse, die anderen sehen in dem Vierundzwanzigjährigen einen abscheulichen Verbrecher und gönnen ihm den tödlichen Kopfschuss bei seinem Sprung vom Balkon. Ein alter Mann meint, die Pariser Polizei hätte das Schwein schon in der Nacht ausräuchern sollen, statt seine Wohnung endlos lang zu belagern. Max und ich sehen in den Gesichtern Hass, und es fehlt nicht viel, dass es auch im 41er zu einem Gemetzel gekommen wäre. Als wir aussteigen, nimmt der Kleine mir das Schiff dann doch wieder ab. Ich gebe die Santa Maria nur widerwillig aus der Hand, weil er offenbar überhaupt nicht daran denkt, mir meine Margolin zurückzugeben..

*

In meinem Haus begegne ich Kristina schon im Flur. Sie versteht nicht, warum ich die Haustür einmal abschließe, dann wieder nicht. Heute sei sie sogar nur angelehnt gewesen, vor ein Tagen versperrt wie bei einem Panzerschrank. Auf mich sei immer weniger Verlass. Sie drückt mir eine Weinflasche in die Hand, zeigt mir die Verletzung an ihrem Finger und verflucht meinen Korkenzieher. In diesem Haus gehe alles den Bach hinunter, höchste Zeit für einen neuen Herrn.

Seit Jahren nehme ich die vielen Worte meiner Frau nicht ernst. Auch jetzt prallen die meisten Beschimpfungen an mir ab, doch ihr Blick beunruhigt mich. Sehe ich denn wirklich so schlecht aus? Ich habe ja niemanden mehr, der mir über mich etwas erzählt. Vinzenz war der Letzte, der meinen Zustand beurteilen konnte. Aber er hat seit Wochen mein Gesicht nicht gesehen, und wahrscheinlich wäre er jetzt auch blind dafür, hat er doch Tiffany vor sich.

Ich muss mich noch mit Kristina begnügen. Aber bei ihr heißt es vorsichtig sein. Heute auf jeden Fall. Wenn sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch mein Glas mit Wein füllt, will sie etwas von mir. Sie hat es eilig, denn angestoßen wird nicht. Kristina ist keine Diplomatin, sie fällt mit jeder Tür gleich ins Haus. Alles, was ich wissen muss, erfahre ich Schlag auf Schlag. Mein ehemaliger Freund ist so gut wie erledigt. Nicht in seinem Beruf als Chirurg, sondern als Mann an der Seite von Kristina. Dafür gibt es einen neuen, aber dieser Traum von einem Kerl ist verheiratet, noch. Mehr verrät sie nicht, nur so viel, dass ich ihn kenne und trotzdem erst noch kennenlernen werde. Vor allem seine Hartnäckigkeit, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Davon abgesehen, gehöre dieses Haus auch zur Hälfte ihr.

Ich sage ihr auf den Kopf zu, dass ich mich für ihre Liebschaften nicht interessiere, und greife dann sogar zu einem Mittel der Gerichtsbarkeit. Ich schwöre, dieses Haus nie zu verkaufen. Um meine Worte zu bekräftigen, trinke ich darauf. Kristina umklammert ihr Glas. Auch sie leistet einen Eid. Sie werde hier wieder einziehen, und das schon bald, und zwar mit dem neuen Mann an ihrer Seite. Daran könne ich nichts ändern, und seine Praterhure auch nicht.

Damit ist alles klar. Ich und Nadine müssen verschwinden. Doch wie soll das gehen? Ich bleibe hier. Verspreche es heimlich sogar meinen Eltern. Und Tiffany. Das ist die Zukunft. Mein Leben lasse ich mir weder von Kristina, und noch viel weniger von einem Hengst aus dem Prater vorschreiben.

Meine Frau hatte unsere Küche nur selten betreten, und doch ständig gekocht. Auch jetzt ist sie über alle Maßen erhitzt. Dennoch greift sie zu einer Zigarette, zündet sie zitternd an. Am liebsten hätte sie mich jetzt gleich aus dem Haus geworfen, aber es ist nur die Streichholzschachtel, die über den Tisch fliegt. Ich erkenne auf dem Etikett neben dem Riesenrad sofort den Schriftzug vom Glücksparadies im Prater, ganzjährig geöffnet.

Ich frage Kristina, ob sie schon vor ein paar Tagen einmal hier gewesen sei. Natürlich, davon habe sie ja vorhin gesprochen. Ich sei eben längst nicht mehr zurechnungsfähig, es fehle nur noch, dass ich ihr verbiete, ihre eigenen Bücher abzuholen, die schönen Bände, deren Bilder und Gemälde ich ohnehin nie verstanden hätte.

Zum ersten Mal redet diese Frau jetzt über meine Zeichnungen. Sie nennt sie unbeholfen, ein Kindergekritzel, über das man lachen müsste, wenn es nicht aus einem kranken Geist käme. Ich überhöre ihre Wut, ihren Hass auf mich, will nur wissen, ob sie auch im Zimmer daneben gewesen sei. Selbstverständlich, wo sonst hätte sie ihre Bücher suchen sollen. Ich zögere noch, frage aber dann doch nach der Holzkassette. Kristian schenkt sich nach, mir nicht, dafür aber sieht sie mich mit ihren geröteten Augen an.

Du meinst deine Pistole? Die ist in Sicherheit. Wolltest du damit etwa deinen Nachbarn erschießen? Nur, weil er nicht will, dass unser Haus schon morgen einstürzt? Er macht dir die besten Angebote, und du bringst ihn um.

Ich brauche Zeit, um Christinas Worte zu begreifen. Sie hingegen erkennt in meinem Schweigen ein Geständnis. Als ich ihr widerspreche und mich wie ein gestellter Verbrecher verhalte, springt sie auf und läuft zur Schreibmaschine. Da stehe es, schwarz auf weiß. Ich werde dich töten.

Kristina hat nur gelesen, was sie sehen wollte, und nagelt mich jetzt mit einem Satz fest, der eigentlich Sigurd Fürst gilt. Aber es ist undenkbar, dass mich meine eigene Frau entwaffnet, noch dazu eine, die mich mit den Männern rundum betrügt und es in hinterhältigster Weise auf das Haus abgesehen hat. Ich frage sie nach der Waffe, doch Kristina stellt sich taub, verhöhnt mich sogar mit ihrem überlegenen Blick. Bestimmt stellt sie sich vor, wie ich auf ihren neuen Liebhaber anlege und abdrücke. Ich versuche ihr zu erklären, dass meine Margolin harmlos sei, eine Sportpistole, mit er man schon sehr nahe an jemanden herangehen müsse, um ihn zu verletzten, nicht zu vergleichen mit den Waffen eines Breivik oder auch des Todesschützen von Toulouse. Ich erzähle ihr vom blinden russischen Konstrukteur, dessen Geschichte mich eigentlich dazu bewogen hat, dieses Unikum zu kaufen. Um jemanden umzubringen hätte ich mir eine Smith & Wesson zulegen müssen, mit einem viel größeren Kaliber. Mannstoppend.

Ich rede wie vor Monaten der Waffenhändler, und bin im Nachhinein dem Schicksal dankbar, auf einer Margolin beharrt zu haben. Kristina schweigt, aber ganz so sicher ist sie nicht mehr, einem zukünftigen Mörder gegenüberzusitzen. Natürlich erwähne ich weder Sigurd Fürst noch die anderen, die mir als Eindringlinge nach dem Leben trachten könnten. Meinen besitzgierigen und versoffenen Nachbarn hätte ich nie erschießen wollen, sondern ihn in meinem Keller mit dem Spaten erschlagen. Ich rede auch von den düsteren Tagen, an denen ich mir manchmal wünsche, die Schwermut und Verbitterung über mein Versagen nicht länger ertragen zu müssen. Nicht dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte, aber für einen solchen Zweck sei eine Waffe mit einem derart winzigen Kaliber gerade noch zu gebrauchen. Nur für die allernächste Nähe.

Bei diesen Worten blitzen ihre Augen auf. Sie mag mir in den Jahren viele Seitensprünge und Liebhaber verborgen haben, doch wenn sie einen Einfall hatte, dann erkannte ich das sofort. Jetzt öffnet sie sogar den Mund.. Ist das Wort Selbstmord über ihre Lippen gekommen?

Ein anderer Mensch würde jetzt alles tun, um seine widerlichen Vorstellungen bei sich zu behalten und zu verhüllen, doch Kristina springt auf und geht hinauf in den oberen Stock. In ihrem Zimmer über meinem tritt sie den Fußboden mit ihren hochhackigen Schuhen wie in alten Zeiten, aber schon bald darauf steht sie wieder vor mir. Die Holzkassette legt sie behutsam wie ein Geschenk auf den Tisch, dann verabschiedet sie sich. Im Garten verheddert sie sich wieder im Laub, aber heute kehrt sie nicht in die Stadt zurück, sondern schlägt den Weg in die andere Richtung ein, hinauf zu der protzigen Villa. Ich wünsche ihr sogar, dass nur er zu Hause ist, und nicht die Hure aus dem Prater.

*

Meine Margolin ist in ihrer hölzernen Schatulle, kein Putzstock fehlt, und auch die Patronen des kleinen, harmlosen Kalibers sind vollzählig. 43. Ebenso viele Lebewesen könnten damit getötet werden. Ich werde den Kleinen um Verzeihung bitten müssen. Er hat mir nichts getan, ich habe seine Hundehütte zerstört. Das allerdings werde ich ihm niemals gestehen können. Oder doch? Um ihm den schrecklichen Glauben zu nehmen, er selbst sei Schuld daran. Denn ohne Strafe finde ich keine Ruhe. Ich habe Max das Wichtigste genommen, und es ist nur gerecht, dass mir ein Gleiches geschieht. Es ist nicht notwendig, mein ganzes Lebenswerk zu vernichten, aber der Verlust muss schmerzhaft sein.

Das Dutzend Zeichnungen zittert in meiner Hand, und die Glut des Kamins versengt mit fast die Haare. Ich füttere das Feuer jetzt Stück für Stück. Ein letztes Mal sehen mich meine Angeklagten an, bevor sie sich in der Hitze winden und dunkle Flecken bekommen. Dieser Student da mit Brille hat seine Mutter ermordet, jetzt wehrt er sich gegen den eigenen Tod. Endlich unterliegt er, die Gehirnschale bricht auf und wölbt sich in die Höhe. Doch der Mann mit dem feisten Hals und dem brutalen Gesicht hält stand. Drei Menschen mussten damals durch seine Hand sterben, er selbst will nun in der sengenden Hitze nicht und nicht vergehen. Nur zu gut kann ich mich an seine lächerlichen Haarbüschel auf der kahlen Stirn erinnern.

Das letzte Blatt in der Reihe. Nicht ich habe diese Zeichnung geschaffen, sondern ein Meister. Sigurd Fürst hat mich damals gezeichnet, falsch und dann doch wieder richtig, als glatzköpfigen Alten, der sein Gesicht nicht zeigt, es unter Totenhänden verbirgt. Aus Reue? Über die falschen Urteile und das eigene Böse? Aber das von seinem Haupt gefallene Barett zeigt doch, dass Ludwig Redtenbacher ein Richter ist und treu dem Gesetz handeln muss. Dieses Kunstwerk wird nicht dem Feuer übergeben. Sigurd Fürst hat meine Seele erfasst. Wie konnte er schon vor zwanzig Jahren wissen, was aus mir einmal werden würde?