»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Beruhigend ist, dass sich auch Sigurd Fürst in seinem Weitblick irren kann. Denn mein Kopf ist alles andere als derart kahl wie auf seiner Zeichnung, nicht nur Vinzenz beneidet mich um meine Mähne. Deshalb hoffe ich, in meinem Inneren nicht nur Abgründiges zu haben, sondern auch Schönheiten und Anteile am Guten. Aber es ist mir nicht zu verübeln, wenn das Böse in mir wuchert, denn ich musste mich jahrzehntelang damit beschäftigen. Meine Welt ist voller grausamer Taten, die mir und meinem Denken von jenen Menschen zugefügt wurden, deren Abbild ich nun verbrenne. Ich muss gestehen, ich sehe es nicht ungern, wenn sich die Glut in die Fratze einer Kindesmörderin frisst. Vielleicht sollte ich die Gesichter all meiner Angeklagten nach und nach dem Feuer übergeben. Doch für heute ist es genug, ich habe das Niederbrennen der Hundehütte ein klein wenig gesühnt.

Dennoch stehe ich weiter in der Schuld von Max. Wie konnte er auf meine Fragen nach der Margolin anders antworten als mit Schulterzucken. Seine Ahnungslosigkeit war nie gespielt, und ich muss mir zum Vorwurf machen, aus meinem Fehlurteil an Sigurd Fürst nichts gelernt zu haben. Die Indizien und Verdachtsmoment ließen sich damals wie heute leicht zusammenfügen. Max stand als Dieb vor mir, wofür ich ihn hasste. Dabei ist alles mir selbst zuzurechnen. Tod und Brand. Ein Hund, seine Hütte, was kommt noch? Vielleicht sollte mir der Kleine aus dem Weg gehen, ich könnte ihm zum Verhängnis werden.

Meine Margolin ist wieder bei mir. Ihr Fehlen war nicht weniger bedrohlich als ein umherschleichender Sigurd Fürst. Für die Pistole werde ich ein sicheres Versteck finden müssen, und dem Eindringling trete ich demnächst gegenüber. Sein Versteckspiel muss ein Ende haben, es liegt an mir, ihn zu stellen. Vor wenigen Stunden war ich noch wehrlos, jetzt können wir einander endlich begegnen. Ich werde ihn anrufen. Und dieses Mal wird er mir nicht wieder hinterrücks Zeichnungen in die Manteltasche schieben. Ich möchte Sigurd Fürst sehen, von Angesicht zu Angesicht. Ich will von ihm hören, warum er mich beobachtet und umkreist. Ich bin sogar so weit, mich für seine Jahre im Gefängnis zu entschuldigen. Vielleicht verlangt er ja auch nur das und nicht mehr. Der Richter Ludwig Redtenbacher wird ihn um Verzeihung bitten.

Dennoch, ist er als Mensch wirklich groß genug, sich mit einer Entschuldigung von mir zufriedenzugeben? Entspringt diese Hoffnung vielleicht nur meinem Wunsch nach Ruhe und Versöhnung? Ich muss der Wahrheit wieder ins Auge blicken. Sigurd Fürst hat ein Tauchermesser, und das Meerestier bin ich. Er ist Kapitän Ahab, ich sein weißer Wal. Moby Dick. Ich habe Sigurd Fürst zwar nicht das Bein abgerissen, dafür aber Jahrzehnte seines Lebens vernichtet. Warum sollte es bei uns also anders sein als in der Geschichte von Melville? Sigurd Fürst will Rache, und er wird mich jagen bis ans Ende meiner Tage. Oder er ist es, der auf der Strecke bleibt. Durch meine Hand gefällt. Wie es auf dem Blatt Papier in der Schreibmaschine steht: Ich werde dich töten.

Mit der Margolin kommt auch mein Mut zurück. Ich hole Sigurd Fürsts Kuvert mit den drei Zeichnungen aus der Lade. Die erste kenne ich bis auf den letzten Strich, der Hund, die Reisetasche und meine Gestalt. Ich habe dieses Bild seit Tagen deutlicher vor mir als die Gesichter meiner Eltern. Was wird sich mir einprägen, wenn ich die zweite Karte aufschlage? Zeigt mich der Meister betrunken im Weinkeller, umgeben von geleerten Flaschen, oder mit meiner Pistole in der Hand? Es ist nicht einfach, der wissenden Kunst dieses Malerfürsten ins Auge zu schauen, aber ich will es wagen.

Nur, auf dieser zweiten Zeichnung bin gar nicht ich zu sehen, sondern Vinzenz. Mein ehemalige Richterkollege sitzt offenbar an einem Heurigentisch, eine Frau ihm gegenüber. Ein Schauer durchfährt mich. Ich sehe sie.

Tiffany trägt ein schulterfreies Kleid, nippt an einem Glas, allerdings ohne meinen Freund anzusehen. Er hingegen scheint in sie förmlich hineinzukriechen, und ich kann jeden verstehen, der dabei Abscheu und Ekel empfindet. Sigurd Fürst hat die beiden mit unerbittlicher Liebe zur Wahrheit getroffen und auch auf den Hund aus Malaysia im Hintergrund nicht vergessen. Anders als ein Fotograf hebt er mit wenigen Strichen entscheidende Merkmale hervor und macht sie zu Indizien. Das Lokal erkenne ich an den Wandleuchtern, es ist eine der ersten Adressen in der Armbrustergasse. Vielleicht wurde das heimliche Paar an dem Abend, an dem ich ihnen begegnete, mit dem Bleistift festgehalten. Dann muss auch ich damit rechnen, von Sigurd Fürst mit meiner Reisetasche an den Mülltonnen beobachtet worden zu sein.

Ist er damals den beiden gefolgt oder mir? Womöglich hat Sigurd Fürst sogar durch mich die Untreue seiner Muse entdeckt. Dafür spricht auch seine erste Zeichnung. Er war offenbar dem Hundemörder auf der Spur und dessen unbeholfenen Versuchen, die Leiche loszuwerden. Dabei wurde ihm zufällig das Liebesverhältnis der beiden vor Augen geführt. Durch mich ist er zum Wissenden geworden. Wirft er mir das nun vor, oder ist er mir dankbar dafür? Aber ich muss ja nur seine letzte Zeichnung aufschlagen.

Wieder ist es meine Angst, die mich hindert, schnell zu handeln. Vorsichtig und ganz langsam ziehe ich die Karte vom Heurigenbesuch zur Seite, um das nächste Ereignis zu sehen. Es fängt nicht schlecht an. Vinzenz taucht auf, mit einem verzogenen Gesicht und zur Seite geworfenem Kopf. Hat er von Tiffany eine Ohrfeige bekommen? Das würde mir gefallen, und ich habe es in der Hand, die schöne und tugendhafte Frau zu enthüllen. In manchen Stunden erhöht eine Zigarre den Genuss, ich entscheide mich für eine aus Kuba. Schade, dass ich aufgehört habe, Pfeife zu rauchen, eine Dunhill würde jetzt noch besser passen.

Ein tiefer Zug an der Cohiba, und ich greife nach der Karte. Im nächsten Moment stockt mir das Herz. Eine Pistole wird sichtbar. Meine Margolin, gehalten von einer ausgestreckten Hand. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich an der Schläfe von Vinzenz ein kleines Loch. Seine Augen sehen aus, als würde schon kein Leben mehr darin sein.

Die Glut bricht von meiner Zigarre, zerstiebt auf der noch halb verdeckten Zeichnung. Als ich die Asche wegwische, erkenne ich, dass die Hand mit der Pistole unmöglich Tiffany gehören kann. Es sind die Finger eines Mannes, die Sigurd Fürst hier mit nur wenige Strichen skizziert hat. Doch ich bin ja noch nicht am Ende. Eine Daumenbreite noch, und die letzte der drei Zeichnungen wird zur Gänze sichtbar.

Ich decke das Blatt zur Gänze auf. Der Mann mit der Pistole ist weder kahlköpfig, noch hat er ein Greisengesicht. Das Haar ist voll, das Alter gut getroffen. Dieses Mal hat der Meister auf die Seele verzichtet und mein Äußeres gezeichnet. Der Mann mit meiner Margolin bin ich. Wer sonst. Nur er darf damit schießen. Das Beruhigende an der Szene ist ihre Unmöglichkeit. Ein Hirngespinst, wie ich es selbst nie ausführen könnte. Nicht in tausend Jahren. Sigurd Fürst treibt ein ekelhaftes Spiel. Durch meinen hastigen Atem glüht die Cohiba hellauf, ich zerdrücke sie im Aschenbecher. Noch brennend windet sie sich wie vorhin das papierene Gesicht des Angeklagten, und ich muss zu Kristinas Weinglas greifen, um die Glut zu ertränken.

Wie kommt Sigurd Fürst auf die Idee, ich würde meinen Freund umbringen? Ich soll wohl für ihn den Rivalen beseitigen, damit er mit Tiffany sein wildes Leben weiterführen kann. Umgekehrt verlangt Vinzenz von mir genau das Gleiche, nach seinem Wunsch soll ich den Maler niederstrecken. Habe ich nun Vinzenz oder Sigurd Fürst umzubringen? Jeder der beiden setzt mich auf den anderen an.

Aber Sigurd Fürst mit seiner Zeichnung übertrifft Vinzenz bei weitem. Ich sehe mich darin als Täter. Schon jetzt weiß ich, dass ich dieses Bild mein Leben lang nicht vergessen werde. Wie ich entschlossen die Waffe auf den Kopf von Vinzenz gerichtet halte, dessen Gesicht verzerrt, aber immer noch erkennbar ist. Es ist der Augenblick des Todes, den Sigurd Fürst auf diesem kleinen Blatt Papier festgehalten hat. Die Wirkung ist gewaltig. Die Bluttat dringt in mich ein wie ein Befehl von oben, und Sigurd Fürst weiß, was er tut. Sein begnadetes Hirn schafft nicht nur große Kunstwerke, sondern versteht auch Menschen zu lenken. Ich bin in seinen Gedanken zu einer seiner Figuren geworden. Tiffany hat er bereits geformt, jetzt bin ich an der Reihe.

Ich werde mich ihm widersetzen. Sigurd Fürst ist mein Feind, Vinzenz immer noch ein Freund. Ich bestimme, auf wen ich die Margolin richte. Vielleicht wird sie sogar nie wieder abgefeuert, und es bleibt bei den Schüssen auf eine Taube und in das Maul eines Hundes. Die Pistole gehört mir, ich bin ihr Herr, und auch der Herr meiner Taten. Obwohl ich zugeben muss, nach der Zeichnung in meiner Hand kein ganz freier Mann mehr zu sein. Nicht nur weil sie mich in eine Richtung drängt, sondern auch weil sie in mir eine bekannte Erinnerung weckt.

Im Geiste habe ich meinen Freund schon vor Jahrzehnten erschossen. Oder mit einem Beil erschlagen. Wenn er wieder einmal an die Reihe kam, während ich zurückbleiben musste. In den Zeiten seines rasanten Aufstiegs geschah dies fast täglich. Nacht für Nacht. Wach oder träumend. Wie oft hab ich ihm in Gedanken Säure ins Gesicht geschüttet, vor den vielen Frauen, die sich nach dem Schönling umdrehten und nicht nach meiner bedeutungslosen Gestalt. So gesehen wäre es an der Zeit, meine verborgenen Fantasien endlich Wahrheit werden zu lassen. Doch nicht auf Befehl. Auch nicht verführt von einem, der mich als Werkzeug für den eigenen Nutzen missbrauchen will. Zudem ist Sigurd Fürst mein größter Feind. Ist er das?

Die schwächste Figur in diesem Spiel bin ich. Einer, der eine Pistole hat, aber mit ihr nicht umgehen kann. Zufallstreffer mögen Hunde erledigen, doch gegen wahre Feinde bin ich nicht gewappnet. Ich müsste an einen Menschen noch näher herangehen als an Vinzenz, um nicht an seinem Kopf vorbeizuschießen. Einer Messerattacke des Malers wäre ich vollends ausgeliefert, ich würde es nicht einmal zur erlaubten Notwehr bringen. So unbeholfen bin ich, dass ich mir die Margolin sogar von Kristina entwenden lasse. Wenn ich so weitermache, wird Ludwig Redtenbacher zu einem noch größeren Gespött, als er es ohnehin schon ist. Was denkt man von einem, der es klaglos hinnimmt, wenn ihm die Frau weggenommen wird, zuerst von einem alten Freund und Chirurgen, dann von einem zwielichtigen Nachbarn. Mit einem solchen Menschen ist alles möglich, der nimmt die größten Demütigungen ohne aufzumucken hin. Der hilflose Tropf redet sich sogar ein, allein ein besseres Leben zu haben. Wer sich nicht wehrt, verdient es, vernichtet zu werden. Und das muss sich ändern.

Der Waffenhändler hat mir einst geraten, sein Schießkino aufzusuchen, um den Umgang mit der Pistole zu lernen. Doch ich habe einen Keller, der für mich und meine Margolin wie geschaffen ist. Ich kann mich darin austoben, und niemand wird es hören. Andere machen sich in Steinbrüchen und abgelegenen Wäldern verdächtig, während ich bestens beschützt zu Hause die Kunst des Tötens lerne. Auch wenn ich meine Waffe hoffentlich nie gegen einen Menschen erheben muss, so möchte ich doch die Fähigkeit dafür beherrschen. Sie wird mich schützen und aus mir jemand machen, der auf sich vertrauen darf.

*

In der letzten Stunde habe ich oft daneben geschossen, doch einige leere Weinflaschen sind zerborsten. Auch der Knall kann mich nicht mehr erschrecken. Jetzt vergrößere ich den Abstand und lege auf einen Roten Burgunder im hinteren Keller an. Von hier aus erscheint trotz der Brille meines Vaters das Ziel verschwommen. Mein Auge wandert hin und her, zwischen Kimme, Korn und Ziel. Mein Arm wird schwerer und schwerer, und ich fange an zu zittern. Um nicht aufzugeben, drücke ich ab. Die Kugel schlägt irgendwo im Gemäuer ein, und der Geruch von Ziegelstaub und Moder dringt her bis zu mir. Ich lade durch, nehme meinen Feind wieder ins Visier. Doch nicht er muss daran glauben, sondern ein dreißigjähriger St. Laurent daneben.

Dann aber gelingt mir das Kunststück doch. Der Wein spritzt wie Blut über die Regale, und endlich gibt es im stillen Keller einen Höllenlärm. Ich lerne die Ratten das Fürchten. Auch wenn mich der Anblick dieser Tiere immer ekelt, wären sie mir jetzt höchst willkommen, denn auf Lebloses zu schießen, lässt doch bald eine gewisse Langweile entstehen. Auch möchte ich endlich bewegliche Ziele vor mir haben, um es auch darin zu einer gewissen Fertigkeit zu bringen. In der Welt draußen hält man mir zuliebe ja auch nicht still, sondern greift mich an. Ich schlage zurück oder komme sogar einer möglichen Attacke zuvor. Wen wird es treffen? Fürst oder Vinzenz? Vielleicht blickt ein ganz anderer in den Lauf meiner Pistole. Am besten gefiele mir dabei das arrogante Gesicht meines neuen Nachbarn, beim nächsten anvisierten Burgunder denke ich an ihn. Auf keinen Fall richtet sich meine Margolin gegen mich. Wozu mein eigener Feind sein, wenn ich genügend andere habe.

Allmählich macht mir der immer kleiner werdende Vorrat Sorge. Die Patronen reichen kaum noch für diese Nacht. Auch ohne Alkohol bin ich in einen Rausch gekommen, zerplatze fast vor Tatendrang und Mut. Doch jetzt handle ich in der wirklichen Welt. Nichts ist eingebildet oder das Ergebnis eines von Chemie durchströmten und vergifteten Gehirns. Ich lade durch, strecke meinen Arm aus, führe Kimme und Korn zusammen, halte den Atem an, drücke ab, und der herumspritzende Rebensaft malt ein neues Fresko an die Wand.

Ich glaube sogar, dass ich fürs Schießen ein größeres Talent habe als für den Zeichenstift. Mikhail Margolin und Ludwig Redtenbacher vereinigen sich. Das blinde Genie hat mir eine wunderbare Waffe in die Hand gelegt. In meinem Besitz ist sie seit einem Vierteljahr, jetzt aber habe ich sie mir erst erobert. Und ich gehöre ihr. Sie wegzulegen, um schnell das Magazin nachzufüllen, ist beinahe eine schmerzhafte Trennung. Ich bin froh, wenn ich das formvollendete Werk eines begnadeten Konstrukteurs rasch wieder umklammern kann. Nur andere Ziele hätte ich gerne. Etwas Lebendiges. Ich möchte Aufschreie hören und sehen, wie sich jemand auf dem Boden windet. Oder wie er um Gnade fleht. Doch ich tröste mich mit dem Schicksal meines Freundes Margolin. Er konnte zwar trotz seines erloschenen Augenlichts ein kleines Wunderwerk schaffen, doch schießen konnte er damit höchstens ins Leere und treffen nur seine Finsternis. Ich dagegen lege auf Blaue Portugieser an und genieße den Erfolg. Doch die Reue kommt.

*

Noch in der Nacht wache ich auf. In den Träumen habe ich weitergeschossen, aber die getroffenen Menschen wehrten sich und erwiderten das Feuer. Einer rammte mir sogar ein Messer in die Brust. Das kann nur Sigurd Fürst gewesen sein, obwohl er kein Gesicht hatte, auch nichts von einem Körper, nur einen unendlich langen Arm. Das Erschreckende in meinen gegenwärtigen Gedanken ist aber nicht Fürst, sondern der folgsame Ludwig Redtenbacher. Sigurd Fürst hat mich zwar dazu verführt, doch ich habe bereitwillig gehorcht. Seine Zeichnung weckte mich auf und trieb mich in den Keller. Ich schoss zwar nicht auf den Kopf meines alten Richterkollegen, tobte mich aber dennoch in den Gewölben aus. Und das mit Lust. Sie überdeckt mein schlechtes Gewissen.

Gestern war ich noch ein anderer. Es scheint, als hätte die lange hinausgeschobene Reise endlich begonnen. Ich stehe sogar früher auf als sonst. Für heute habe ich einiges vor. Früher habe ich nach durchzechten Nächten schon vor Sonnenaufgang weitergetrunken, jetzt kann ich nur noch an meine Patronen denken und wie ich dem Waffenhändler meinen großen Verbrauch erkläre. Dann heißt es noch, für die Margolin einen guten Platz zu finden. Hier bieten sich einige gut getarnte und absolut sichere Verstecke an, doch ich möchte mich ja nicht in der Villa mit ihr vergraben. Auch ohne Waffenpass wird sie demnächst mitgenommen, hinaus ins Freie. Gemeinsam werden wir den Frühling begrüßen.

Ich werde keine Zigarren mehr rauchen und zu einer alten Leidenschaft zurückkehren. Schuld daran ist meine Pfeifentasche, in die nicht nur die Dunhills und Stanwells passen, sondern auch eine Pistole namens Margolin. Das kostbare Leder umschmiegt die Waffe, macht sie so gut wie unsichtbar, und dennoch bleibt sie griffbereit. Ich bin nicht auf den Burberry angewiesen, um sie bei meinen Ausflügen zu verbergen. Der Mantel kommt in den Schrank, die Jackets für die warme Zeit werden herausgeholt.

Es klingelt, und am Telefon ist eine Frau. Aber nicht Kristina bellt mir ins Ohr, sondern die Stimme ist samtig und dunkel. Auch ohne sie jemals zuvor gehört zu haben, weiß ich, wem sie gehört. Tiffany stellt sich trotzdem vor. Sie müsse mich treffen. Leider könne sie erst in einer Woche, aber am Gründonnerstag sei es möglich. Schottentor. U2 stadtauswärts. 11 Uhr Vormittag. Es gehe um meinen Freund und den ihren.

Natürlich sage ich zu. „Ich komme. Ich werde dort sein.“ Dann legt sie ohne Gruß auf. Sie scheint überhaupt in Eile gewesen zu sein. Oder unter Aufsicht. Meines Freundes oder des ihren? Waren Vinzenz oder Sigurd Fürst in ihrer Nähe, als sie mit mir telefonierte? Heimlich, um mich zu treffen? Was habe ich da im Hintergrund gehört? Punk, Garagenrock? Noch dazu französisch gesungen. Aufregend wie Tiffany. Ich halte den Hörer noch immer in der Hand.

*

Bei meinem Ausflug in den Frühling höre ich kaum die Vögel, sondern nach wie vor die wunderbare Stimme Tiffanys. Aber nicht nur sie ist bei mir, auch die Margolin. Noch nie war die Pfeifentasche so schwer, heute jedoch könnten meine Schultern alles tragen. Die ganze Welt. Ab und zu werfe ich einen Blick nach der Pistole und spüre, wie sie mir Mut einflößt. Ihr Griff schimmert aus dem dunklen Leder hervor, und beim Gehen schlägt sie gegen meinen Schenkel. Dabei würde ich heute am liebsten laufen. Den aufblühenden Bäumen entlang, der Sonne entgegen, den Menschen, die sich zum ersten Mal in diesem Jahr auf den Wiesen niederlassen. Im Stadtpark. Dorthin zieht es mich heute. Um den Gründonnerstag schon jetzt zu feiern.