»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Doch bevor meine neue Freundin bei mir einzieht, könnte ich Ordnung machen, endlich mein großes Werk angehen, der Margolin ein angenehmes Zuhause schaffen. Sie soll sich nicht nur in meiner Hand wohl fühlen, sondern auch mit Freude auf dem Schreibtisch liegen können oder oben im Künstlerzimmer. Das eine ist schon geschehen, meine Frau habe ich fortgeschickt, bleibt nur noch der Saustall meiner Kinder. Auch wenn keines von meiner Schar aus Fleisch und Blut ist, sind sie doch mein ganzer Stolz. Die übrigen Räume der Villa betrete ich kaum, mir soll es recht sein, wenn der Efeu in die Zimmer wächst, sich die Natur holt, was ihr gehört. Warum soll nur ich einmal zerfressen und wieder zu Erde werden?

Darum sollen auch nur meine Kinder zurückbleiben, alles andere hat unterzugehen. Wenn es mir nur gelingt, das Geld nach und nach zu verbrauchen, bis am Ende nichts mehr da ist. Aber schön aufgeteilt, Jahr für Jahr, ohne große Schwankungen, in einer absteigenden Linie wie die Börsenkurse. Am letzten Tag möchte ich nur noch eine Münze in der Tasche haben. Ich werde sie herausziehen und beim Heurigen meinem Kellner geben, und wenn ich in der kalten Jahreszeit abtrete, lasse ich das glänzende Ding durch einen Kanaldeckel fallen. Ich kenne da einige dieser abgeschliffenen Gitter zur Unterwelt, die mir gefallen, werden sie doch unzählige Male von Autos überrollt und von Millionen Menschenfüßen getreten. Meine gehören dazu. Weil ich nicht ausweiche, keine Angst habe, durchzubrechen und im Inneren von Wien zu verschwinden. Gusseisen hält ewig, wie der Stahl der Margolin. Da ist die Lebenszeit meiner Kinder schon kürzer.

Ich habe sie angehäuft, aber nie streng behandelt. Die einzige Ordnung sind die Schuhkartons meiner Frau. Jeder mit einer Jahreszahl beschriftet, das ist schon alles. Darin liegen sie. In fast drei Dekaden von Kartons im Künstlerzimmer. Meine Zeichnungen. Mein eigentliches Lebenswerk. Andere Richter müssen Protokolle oder Urteile zur Hand nehmen, wenn sie sich an ihre Angeklagten erinnern wollen. Ich habe ihre Gesichter. Von jedem. Ausnahmslos. Ob er ein Wurm von Einschleichdieb war oder ein Mörder. Keiner ist mir entkommen. Bei mir hat sich die Bibel erfüllt, meine Verbrecher sind dank einer talentierten Hand buchstäblich zu Gezeichneten geworden. Ein Blatt Papier, ein Bleistift, ich. Das ist alles. Und natürlich mein Amt. Wo sonst hat man die Macht, einem, der weder ins Gefängnis kommen noch mit seinem Gesicht verewigt werden möchte, zu sagen, dass er still zu sitzen hat. Manchmal zögerte ich sogar die Verhandlung so lange hinaus, bis mein Werk fertig war. Davon etwas gemerkt hat höchstens der eine oder andere Beisitzer, ein zu rasch herbeigeeilter Staatsanwalt, aber nie ein Delinquent. Wie viele Münder sind in meinem Künstlerzimmer versammelt? Ich werde es erst wissen, wenn dort die Ordnung eingekehrt ist.

Vorbild für mein Schaffen waren die Radierer der Stadt. Ihre alten Ansichten vom Burgtor oder Schönbrunn hängen an den Wänden. Sogar die Stiege hinauf in den Stock habe ich bis auf den letzten Platz damit ausgestattet. Will man bei mir nach oben, durchklettert man vorher einen Tunnel aus der Monarchie, und dann wandert das Auge über ein Wien, in dem sich die Baumeister noch ausbreiten durften. Ich habe mich in meiner Kunst für das Kleine entschieden. Statt einer Fassade von einer Viertelmeile steht mir nur der Platz zur Verfügung, den eine Violine braucht. Den Hals entlang habe ich anstelle von Saiten die prallen Schlagadern zitternder Sünder, die auf meine nächste Frage warten müssen, weil mir ihre Stirn oder ihr Haar auf dem Papier noch nicht gefallen. Gelingt mir aber ein Strich besonders gut, kann es schon vorkommen, dass ich dem Angeklagten gegenüber plötzlich milde werde und mich mit ihm fast verbrüdere. Dann ist es an mir, trotzdem gerecht zu bleiben und nicht einem Schwein die Freiheit zu schenken, mit der es ohnehin nichts anfangen kann. Ich wäre auch schuld, wenn einer der Gezeichneten unbeschadet aus dem Saal spaziert und draußen die nächste Tankstelle überfällt oder eine alte Dame umbringt, weil sie ihre Handtasche nicht hergeben will.

Dem Gesetz war ich immer treu, leider auch meiner Frau. Verschenkte Jahre, wenn es auch ehrlicherweise nicht allzu viele Gelegenheiten gegeben hat. Oft bin ich auch zurückgewichen, weil ich den Verdacht nicht loswürfe, die schöne Dunkelhaarige will mit mir nur ins Bett, damit ihr Mann schon in ein paar Monaten wieder bei ihr ist, nicht erst in drei Jahren. Ich muss zugeben, nicht wenigen Frauen ein erfülltes Eheleben genommen zu haben. Dafür sind andere Männer glücklich geworden, obwohl keiner hat sich bei mir bedankt, dass ich einen störenden Gatten weggesperrt habe.

Maler wollte ich werden, Richter bin ich geworden, in der dritten Generation dazu vom Vater verdammt. Meine Rache ist meine Kinderlosigkeit, um die Früchte seines Samens für immer auszulöschen. Aber dem Wettkampf mit ihm bin ich nicht entkommen. Ich wollte noch gerechter sein als er, doch wie könnte das möglich sein, im Verhältnis zu einem, der sich in seinem Leben nie geirrt hat? Der Bleistift wurde zum rettenden Strohhalm, die Aufgabe war einfach und dennoch von höchster Wichtigkeit. Kann man das Böse im Gesicht eines Menschen sehen? Eine Frage, die schon die Griechen beschäftigt hat. Mein Atlas wird sie lösen. Es gilt nur, meine Kinder in eine Ordnung zu bringen, dann in ein zwölfbändiges Werk zu pressen, im Ruhestand. Nur ist der zu früh gekommen, und ich war auf das Sortieren noch nicht eingestellt. Aber jetzt wird ein Anfang gemacht, eine gigantische Arbeit begonnen. Das bin ich auch den Hunderten von Angeklagten schuldig, die mir ihre Gesichter geben mussten, auch wenn sie darunter kaum gelitten haben, schon eher ich, weil ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Weder wollte ich mir die Idee stehlen lassen, noch für verrückt gehalten werden. Es hat mir genügt, hinter meinem Rücken »Bleistift« genannt zu werden, und erst in den letzten Jahren ist ein Name dazugekommen, der noch giftiger war. Weil ich mit den Mächtigen nicht essen gegangen bin, habe ich es zum Hungerkünstler gebracht.

Niemand blickt in das Gesicht des Verbrechens besser als ein Richter. Die Angeklagten schielen an der Meute rundum vorbei, mich aber hatten sie anzusehen, oft genug auf Befehl. Oder ich habe eine Frage gestellt, bei der sie mich mit aufgerissenen Lidern anstarren mussten. Darunter zwei weiß umrandete Kugeln voller Angst. Noch größer war dann in den Pupillen die Anstrengung zu erkennen, mit der Antwort die Wahrheit zu verbergen. Doch Augen lügen noch weniger als Gesten und Verkrampfungen. Viele meiner Kollegen verlassen sich auf die unkontrollierten Zuckungen der Glieder, ich lese in der Iris. Selbst sie zeichne ich, mit dem härtesten und spitzesten aller Bleistifte. Eine Auswahl aller Grade liegt vor mir auf dem Tisch, verdeckt vom Kruzifix, das ich deswegen manchmal zurechtrücken muss. Weiche Minen werden bei Frauen eingesetzt, aber auch, wenn ich in einem männlichen Angeklagten Ehrlichkeit und Unschuld entdecke. Es gilt ja, das Gesicht hinter dem Gesicht zu entdecken. Mein Atlas soll kein Fotoalbum werden, sondern eine Wahrheit, die man nur zeichnen kann. Dafür müssen meine Angeklagten durch mich hindurchgehen. Dabei sind mir bestimmt auch Fehler passiert, weil ich ein Mensch und kein Röntgenapparat bin. Der eine wurde glorifiziert, die andere hat den Charakter einer möglichen Kindsmörderin bekommen, nur weil ich ihren aufreizenden Mund nicht ausstehen konnte, den ich als anständiger und unbestechlicher Richter nie würde küssen dürfen.

Heute bliebe mein unerfülltes Begehren ohne Folgen, nicht einmal meine eigenen Gesetze würden verletzt. Aber ohne Macht bin ich hilflos wie zu meinen Zeiten als pickeliger Gymnasiast. Nur in der Straßenbahn starre ich noch Gesichter an, weil sie auch ohne Prozess einigermaßen still halten. Weicht mir ein schönes aus, nehme ich das hin und verstehe es sogar. Ich könnte ja ein Serienmörder sein. Setzt sich aber eine Frau meinetwegen woanders hin, schmerzt es mich. Ich kann ihr ja nicht nachlaufen und erklären, dass mein Blick längst nicht mehr die Kraft von früher hat und sie für mich aussieht wie das Gemälde von einem, der sich mit Konturen zufrieden gibt und dem dunkle Höhlen lieber sind als Augen.

Die meisten Menschen verlieren das Gehör, bei mir war es ein Sehsturz. Jeder Arzt würde sich diese Bezeichnung verbieten, denn für solche Herren gibt es nur, was in ihren Büchern steht. Es hat schon seinen Grund, warum ich ihre Schwelle seit Jahrzehnten nicht übertrete. Anstatt mich nach stundenlangem Warten mit einem kurzen Gespräch abfertigen zu lassen, höre ich mir lieber die Ratschläge von Apothekern an. Sie sagen mir, wie ich einen Schnupfen zu kurieren habe, viel mehr kann ich ihnen ohnehin nicht bieten. Nicht einmal Haarausfall. Viele meiner Kollegen färben in allen Tönungen, und die glatzköpfigen laufen mit Perücken herum. Ich will auch nie in einem Krankenhaus liegen. Bisher ist mir das gelungen. Trotzdem, mein Blick ist gestürzt. Nicht von einem Tag auf den anderen, jedoch so um die Zeit nach meiner Entlassung. Vielleicht nimmt mir der strafende Gott die Hälfte von meinem Leben, indem er es in Unschärfe versinken lässt.

Ja, ich gestehe, ich habe meinen Sehsinn missbraucht und in den Gesichtern mehr das Böse als das Heile wahrzunehmen versucht. Ehrliche Menschen sind für meinen Atlas genauso unbrauchbar wie gute Nachrichten für die Medien. Deswegen ist es für mich auch so schwer, die Schuhkartons zu öffnen. Deutlicher noch als Verbrecher sehe ich dort mich und meine Lügen. Aber vielleicht ist mir das Falkenauge genommen worden, damit ich mich selbst entdecke. Es gibt doch den nach innen gewandten Blick, für den ich nie Zeit hatte. Davor graut es mir. Ist mein Eindringling nicht genug? Muss noch etwas dazukommen, wogegen nicht einmal meine Margolin etwas ausrichten kann?

Meine Post liegt auf dem Schreibtisch. Dabei habe ich sie heute noch nicht geholt. Er ist hier. Es gibt etwas zu tun. Doch mit bloßen Händen? Das Schicksal kann hinterhältig sein, die Margolin kommt einen Tag zu spät. Der Krieg beginnt, bevor alle bewaffnet sind. Ich war oben, er bei meinen Briefen. Wenigstens hat er sie nicht geöffnet, und bestimmt hat er keine Fingerabdrücke hinterlassen. Selbst wenn ich sie zur Polizei bringe, wird man nur die Papillaren der Postbeamten finden. Aber vielleicht ist der Zusteller mein Mann? Ohne Probleme kann er in meine Villa hereinspazieren, sich sogar noch als guten Menschen ausgeben, der mir den Weg zum Kasten am Gartentor ersparen will. Oder er ist anständig und hat mich gerufen, während ich vor meinen Zeichnungen gezittert habe. Warum soll der Mann nicht vollkommen schuldlos sein und sich denken, dem Herrn Richter lege ich die Briefe auf den Schreibtisch, dort findet er sie bestimmt. Er tut etwas für mich, und ich bringe ihn um. Vielleicht ist es ein Segen, dass ich die Margolin noch nicht habe. Aber wie soll das weitergehen, wenn die Waffe erst einmal im Haus ist? Muss ich dann ständig in der Angst leben, den Falschen niederzustrecken?

Noch vor den Zeichnungen muss ich meine Gedanken ordnen. Fest steht, der freundliche Briefträger ist zwar etwas ungeschickt, aber er meint es gut. Womöglich aber komme ich zu diesem Urteil, weil ich heute noch nicht schießen kann und mich beruhigen will. Wein wäre eine Hilfe. Aber dann müsste ich mir eingestehen, bei jeder Gelegenheit einen Feind hervorzuholen, nur damit ich trinken kann. Was ist denn schon geschehen? Nichts. Der Briefträger war nett zu mir. Das nächste Mal zucke ich zusammen, wenn er am Gartentor klingelt, weil er meine Unterschrift braucht. Gehe ich dann mit übertriebener Höflichkeit an ihn heran und dann nach überstandener Gefahr in den Keller zum Roten?

Es wird Zeit, dass ich die Dinge sehe, wie sie sind. Harmlos. Mein Abstieg hat mich kaputt gemacht, sonst nichts, und ich bin noch immer nicht darüber hinweg. Ein anderer hätte sich die Kugel gegeben, aber ich bin noch da, ich denke nicht im Entferntesten daran, mir etwas anzutun. Ich fange nur an, wie ein Verbrecher hinter jeder Ecke einen Verfolger zu sehen und mich hunderte Male zu verstecken, ohne dass es notwendig gewesen wäre. Das Trommelfeuer der Presse ist längst verklungen und ich bin wahrscheinlich schon vergessen, zugedeckt von den vielen Skandalen, die nach mir gekommen sind. Was sagte die Frau von meinem Kiosk zu mir, als ich damals die Zeitungen holte, statt bei Tag in der Finsternis, damit mich ja niemand sehe? »Schon morgen, Herr Redtenbacher, ist das alles Altpapier.« Sie war die Einzige, die mir gut zugesprochen und mich nicht verurteilt hat. Sie konnte mich trösten. Ob ich jetzt zu ihr hinübergehen soll?

Ich habe mich mit dem Radio begnügt. Es muss ja nicht immer ein Mensch sein, der einem zur Hilfe kommt. Es wäre mir aber zu schwer gefallen, eine Platte aufzulegen. Beim Rundfunk ist man außerdem nicht allein. Musik. Seit einer Stunde Klassik. Zuletzt Callas, eine der besten Marias auf diesem Planeten. Mein Sender eben. Die Nachrichten kommen ruhig und deutlich, ohne die Hysterie von anderen Programmen. Gleich geht es zum Wetter. Das interessiert mich, weil ich morgen die Margolin hole. Vorher noch eine kleine Meldung, von der ich nicht verstehe, warum sie nicht am Anfang gekommen ist. Aber womöglich ist sie zu frisch, und man weiß noch nichts Genaues. Hirsch ist tot. Ein Ludwig wie ich. Beide Künstler. Er Sänger, ich Maler. Schauspieler waren wir auch. Er der bessere. Ich musste mir die Publikumsgunst oft mit harten Urteilen erkämpfen, den Leuten im Saal ihre Rache geben, damit sie mir und meinem Gesicht zunickten, das ich auf Strenge und Gerechtigkeit eingestellt hatte. Schmierentheater. Anders als bei ihm. Manchmal wurde auch applaudiert. Das habe ich natürlich sofort abgestellt, aber es hat mir gefallen. Warum aber in aller Welt stirbt er? Er, von dem ich Schallplatten habe, er, der in meinem Alter war. Heute Nacht werde ich ihn hören, aus meiner Sammlung, und laut. Oder ganz leise, das passt besser zu ihm. Und auch zu mir. Die Kraft dazu werde ich haben, ich spüre es. Weil ich begreife, wie gut es mir geht. Ich lebe.

Aber wie? Meine gutmütige Kioskfrau hat zwar mit dem Altpapier recht gehabt, aber jeden Tag kommen frische Zeitungen, von denen sie ja lebt. Wie auch die Redakteure und Journalisten, doch diese Herrschaften sind pflichtbewusster als die genauesten Protokollschreiber beim Gericht. Wenn etwa wieder einmal von mir die Rede war, hat bisher keiner vergessen, auf mein Versagen hinzuweisen, in jedem Artikel musste mein Fehlurteil vorkommen, damit sie nur ja ausgewogen berichteten und der Wahrheit dienten. Mit mir beweisen sie, wie gewissenhaft sie bei ihrer Arbeit sind und was für ein übermenschliches Gedächtnis sie haben, das sich alles merkt. Mich in Erinnerung zu halten ist einfach. Mein Strafregister wird nie gelöscht. Schade nur, dass ein Fall hundert andere tötet und das Davor nicht mehr zählt. Die Erwähnung meines Namens ohne meinen Skandal ist undenkbar. Ich höre schon bei der Nachricht von meinem Tode die tödliche Ergänzung, dass Ludwig Redtenbacher der breiten Öffentlichkeit durch ein Fehlurteil bekannt geworden ist. Sonst würde man ja auch nicht wissen, wer ich bin. Ich beneide den anderen Ludwig, er kommt ohne Makel aus. Allerdings zu Recht. Seine Musik in hunderttausenden Menschen gegen meine Schuhkartons mit den gesammelten Gesichtern. Und vor allem kein Schandfleck, kein Brandmal. Ich gestehe, an meiner erbärmlichen Todesmeldung nicht unschuldig zu sein.

Wenigstens sind die Briefe gut zu mir, einer ist sogar von Vinzenz. Auf die Gedanken von ihm freue ich mich schon jetzt. Kein Schreiben, vor dem ich erschrecken müsste. Keine Anfrage um ein Interview wie vor zwei Wochen. Nur ein Gratisblatt kam auf den Nächstliegenden, eben auf mich. Soll die Todesstrafe auch bei uns wieder eingeführt werden? Ist Lebenslänglich nicht genauso schrecklich? Ich weiß es nicht. Ich war noch nie tot. Auch nicht Jahrzehnte hinter Gittern. Nicht einen Tag. Aber ich könnte von einem Richter erzählen, in dessen Gehirn die Häftlinge hämmern. Aber nicht mit den maximal 300 Zeichen, die man mir vorgeschrieben hatte. Ich müsste schon nach meinem ersten Schrei aufhören und käme nie zur Klage. Außerdem wäre die mit der Füllfeder geschriebene Antwort wie ein Geständnis, ich bin mir sicher, sie würde als Faksimile gedruckt. Um den Lesern in der Straßenbahn zu zeigen, wie die Schrift eines Richters aussieht, der beinahe ein falsches Todesurteil unterschrieben hätte. Der eine oder andere würde sich dann meine verheerende Hand vorstellen, dann mich und wie es in einer Seele aussieht, die zu so etwas fähig ist.

Ich merke, wie klar ich denken kann, wenn man mich nur lässt. Dann ist alles wie früher und meine Urteilskraft scharf. Doch schon ein Briefträger kann mich aus der Fassung bringen. Dabei wäre es so leicht, solche Ausfälle zu verhindern. Warum auch lasse ich das Gartentor unversperrt und sogar die Haustür? Will ich, dass man mich überfällt? Brauche ich Gesellschaft, ohne es zu wissen?

Weit gefehlt. Mein Konzept ist raffiniert und nicht ohne eine gewisse Hinterhältigkeit, weil es aus dem Kopf eines Richters kommt, der Einbrecher studieren durfte. Das Haus abschließen ginge noch, doch schon Rollläden in den Fenstern wären eine Katastrophe, weil sie wie Plakate hinausschreien, dass es hier etwas zu holen gibt. Jedes Gitter ist mir ohnehin zuwider, außer ich sage mir, einer wie ich gehört für den Rest seines Lebens ins Gefängnis. Eine Alarmanlage kommt schon gar nicht in Frage, weil ich genug Fälle hatte, in denen Monteure nichts als Spione waren, die nicht nur den ganzen Hausrat kannten, sondern auch wussten, wie man die Sirenen am Aufheulen hindert. Handwerker und Bauarbeiter sind überhaupt das Gefährlichste, verfügen sie doch sogar über das Können und die Kraft, durch Mauern ins Haus zu brechen. Aber ganz an der Spitze stehen Straßenreparaturen, die keine sind und nur der Tarnung dienen. Ein Zelt auf dem Gehsteig bedeutet, dass man sich in der Nacht durch einen Tunnel an meine Villa herangräbt und nach so viel Arbeit auch bereit ist, mich zu erschlagen, wenn ich aufwache und den Herrschaften in die Quere komme. In meiner Karriere wurden eine Bank und zwei Juweliere auf diese Weise ausgeraubt. Sehe ich irgendwann einmal vor meinem Zaun auch nur die Spitze von einer Pyramide aus Planen, bin ich draußen und kontrolliere unauffällig, ob man sich auch wirklich nur an Erdkabeln und Wasserrohren zu schaffen macht. In Zukunft mit der Margolin in der Tasche. Wobei natürlich ein Flammenwerfer um vieles besser wäre. Zelte sollen ja besonders eindrucksvoll brennen.

Gut geschlafen und auch der Morgen war erträglich, fast schwungvoll, als freute mich das Leben wieder. Nicht ein Aufwachen, bei dem man sich denkt, wie soll ich ihn schaffen, diesen Tag. Aber vielleicht hängt das mit der Margolin zusammen. Kein schöner Gedanke, wenn mich schon Dinge glücklich machen und ich eine Pistole behandle wie eine Braut, die ich heimführe. Doch eine Margolin geht weit über eine Sache oder einen nüchternen Gegenstand hinaus. Mit ihr kann man etwas ausrichten, vielleicht sogar ein bisschen die Welt verändern, zumindest meine. Ich habe ja nicht vor, wie Breivik eine Masse von Menschen umzulegen. Der Kerl kommt mir immer wieder in den Kopf, wahrscheinlich weil es bei ihm kein Fehlurteil geben kann. Doch wenn es stimmt, was mein alter Richterfreund Vinzenz auf geheimsten Wegen erfahren hat, dann wird Gesetz und Ordnung wieder ein Stück mehr in den Wahnsinn verschoben. Ich hoffe, er ist nur einem Gerücht aufgesessen. Rechthaberisch wie er ist, meint er, dass Ende November Norwegen die Menschen wieder aufkochen lassen wird, wenn man an die Öffentlichkeit geht und mit dem Malheuer herausrückt. Unzurechnungsfähig. Alles wäre mir in den Sinn kommen, nur das nicht. Eine Tragödie für einen Richter, weil er durch Gutachten regelrecht entmündigt wird. Am wenigsten geht es um den Angeklagten. Er steht nur in einer langen Reihe. Ob in den Diktaturen jedweder Zeit oder bei uns, Attentäter auf das große Gefüge müssen wahnsinnig sein.

Ich halte Breivik für intelligenter als mich. Aber vielleicht haben wir etwas Gemeinsames, nur dass er in die eine Richtung gegangen ist, ich in die andere, und es ist mir nur recht, wenn ich mich von ihm möglichst weit entferne. Es gibt mir natürlich ein gutes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, warum ich auf meiner Margolin so beharre. Die Geschichte vom blinden Mikhail ist schön und macht Mut, doch ausschlaggebend dürfte das kleine Kaliber sein. Der Unzurechnungsfähige hatte Kanonen, ich hole heute eher ein Kuriosum aus der Josefstadt zu mir nach Währing. Er hatte eine ganze Weltanschauung zum Feind, ich nur einen Mann. Oder sogar ein Kind, das in fremden Wohnungen herumstöbert. Da gäbe es Ohrfeigen statt Schüsse. Wahrscheinlich nicht einmal das. Oft hilft gut zureden am meisten. Ich könnte ihm meine Gesichter im Künstlerzimmer zeigen und müsste keine Angst haben, dass man meine Hinterlassenschaft als Bürde empfindet. Hoffentlich ist es kein Mädchen. Da hieße es, schnell die Polizei anrufen und die Hände heben, um zu zeigen, dass sie sauber sind. Ich würde die Herren auch freiwillig in den Keller führen. Nur Wein, Zigarren und ein bequemer Sessel, keine Tür hinter den Stapeln von Flaschen. Trotzdem ein Ort mit außerordentlichen Möglichkeiten.

Eine Frau kommt ja ohnehin als Eindringling nicht in Frage, weil der Geruch nicht passt. Oder doch? Welche könnte es auf mich schon abgesehen haben. Meine eigene? Ausgeschlossen ist das nicht. Rache hat bei vielen meiner Fälle eine Rolle gespielt, aber auch die Villa gefällt ihr, sie würde sie aus der Versenkung holen und eine Residenz daraus machen. Dafür müsste ich weg. Oder für unzurechnungsfähig erklärt werden. Ich dürfte dann zwar morden, aber über nichts mehr bestimmen. Dass ich einen Mann rieche, ist auch schnell erklärt. Sie duftet nicht mehr nach sich, sondern nach ihrem neuen Kerl. Wie einst nach mir, als sich die Liebe noch ausgetobt hat.

Ist sie es? Ich werde es herausfinden. Nichts leichter als das. Ich lasse das Wasser in der Küche laufen. Zu lange aufgedrehte Hähne haben sie immer wahnsinnig gemacht. Ich kann nur hoffen, dass sie heute draußen irgendwo wartet und in meinem Zimmer wieder irgendwelche Verrückungen machen will, während ich die Margolin hole. Allein das Geräusch des Plätscherns wird sie nicht ertragen und es ersticken. Sie kann es nicht ausstehen, wenn man auch noch hört, wie die Zeit verrinnt.

Im Waffengeschäft bin ich doch nicht ganz dem Breivik entkommen. Wie man die Margolin effektiver machen könnte, war meine Frage und die Antwort ein Päckchen. Es wird zwar nie ein Stier aus ihr, doch zu einer Kobra hat es meine Pistole gebracht. Mit diesen Hohlspitzgeschoßen aus Kupfer werden ihre Möglichkeiten ausgereizt, und das nicht schlecht. 50 Stück in meinem Burberry und die Holzkassette mit der Margolin auf dem Schoß. In der Straßenbahn bin ich wahrscheinlich jetzt der gefährlichste Mann. Wenigstens heute, wo meine ehemaligen Klienten mit den anderen Linien unterwegs sind und hinter mir nur ein Kind seine Mutter mit Gesang unterhält. Dafür bekomme ich von vorne einen Schlag ins Gesicht. Ein herumliegendes Blatt hat ihn mir versetzt, ein zweites habe ich sogar vom Boden aufgehoben. Mein Sänger der vergangenen Nacht hat sich umgebracht. Das wussten bestimmt schon alle, nur ich wieder einmal nicht, weil ich keine Zeitungen mehr lese.

Ich kann den anderen Ludwig begreifen, noch dazu, wenn er an seinem letzten Tag so aufgewacht ist wie ich, dabei sind meine schwermütigen Morgen frei von Operationssaal und zerfressener Lunge. Ich würde nicht springen, in meinem Haus doch nur weich im Wildwuchs landen. Ich hätte sie, die Kobra. Nur eines von diesen kupfernen Dingern aus dem Päckchen wäre notwendig. Wenn der Waffenhändler recht hat, kommt es auf die Nähe an, aus welcher der Schuss abgegeben wird. Aber eine Straßenbahnstation weiter denke ich schon wieder anders und gestehe, nicht die geringste Ahnung zu haben, was ich tun würde. Wie auch immer, die Margolin ist für den Eindringling bestimmt, und am wenigsten wird sie sich gegen Ludwig Redtenbacher richten. Seit heute bewege ich mich ohnehin in einer anderen Welt, der erste Schritt in das Reich meiner Angeklagten ist getan. Ich kämpfe. Ludwig Hirsch, ich komme noch lange nicht.

Beim Hauseingang wird die Anspannung immer größer. War sie hier? Hat meine Frau in der Küche Ordnung geschaffen? Beim Weggehen bin ich sogar noch einmal umgekehrt, um nachzusehen, ob ich den Hahn nicht aus Gewohnheit versehentlich abgedreht habe. Das Wasser ist gelaufen, in einem dünnen, aber nervenden Strahl. Zu meinem Bedauern höre ich es beim Öffnen der unversperrten Tür noch immer. Die Überschwemmung sehe ich erst in meinem Arbeitszimmer. Nicht hoch, aber es reicht, dass meine Briefe herumschwimmen. Leider hat es auch Fridolin erwischt, meine alte Handpuppe ist am Ertrinken. Ich rette zuerst ihn, dann die Post. Wie lange schon habe ich Fridolin nicht zum Leben erweckt, zu seinem wirklichen, wo er und ich zusammen spielen. Will ich mich nicht an das Lachen meiner Frau erinnern?

Was ist, wenn ich das Wasser weiter laufen lasse? Um nicht in die Küche gehen zu müssen, hin zum Abwaschbecken, denn dort lauert die Wahrheit. Ich stelle meiner Frau eine Falle, und über mir schnappt sie zu. Noch kann ich es mir aussuchen. Ist der Abfluss durch Speisereste verlegt oder hat jemand nachgeholfen?