»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich habe auch keine Scheu vor anderen Menschen, und sogar die Touristen sind mir willkommen. Sie drängen sich vor dem meistfotografierten Denkmal der Stadt, doch heute bringe ich sie dazu, kurz innezuhalten. Ich laufe übermütig die Stufen hinauf zum Walzerkönig Strauss und verstelle den Besuchern unten die Aussicht. Aber dann verdrücke ich mich, um nicht die Fotografen gegen mich aufzubringen und stattdessen eine Pfeife im Freien zu genießen. Der Tag ist dafür wie geschaffen.

Die Aussicht auf Tiffany befreit mich von Sorgen und Ballast. Wie immer die Begegnung mit ihr ausfallen wird, Tatsache bleibt, sie hat mich angerufen. Die Nummer hat sie wahrscheinlich von Vinzenz gestohlen oder auch von Sigurd Fürst, dem ich zutraue, über mich alles zu wissen. Mit Tiffany hat es zu tun, dass mir fast poetische Worte in den Sinn kommen, aber auch die Erfolge meiner Schießübungen im Keller machen mich ein wenig stolz.

Jetzt aber will ich die Sonne genießen, mit einer Dunhill im Mund und der Margolin an der Seite. Eine endlose Reihe sonnenhungriger Menschen umgibt mich, es war gar nicht leicht, einen freien Platz auf einer der Parkbänke zu finden. Ich schließe die Augen und sehe Tiffany in der U-Bahn-Station auf mich warten. Mit jedem Tag rücke ich der Frau mit der dunklen Stimme ein Stück näher. Ich hoffe nur, sie trifft mich ohne Hund, und vor allem möchte ich eine Begegnung in Ruhe, bei der sie mir in aller Ausführlichkeit ihr Anliegen erzählen kann. Doch bis dahin ist es noch exakt eine Woche, die Glocken der umliegenden Kirchen schlagen eben elf.

Alles könnte so harmonisch sein, wenn der Mann neben mir nicht wäre. Der sucht ständig etwas in seinen Hosentaschen und rempelt mich dabei an. Oder er kratzt sich am Kopf, und ich kann seine ausgefallenen Haare fliegen sehen, auch ohne die Augen zu öffnen. Er scheint ein Säufer zu sein, denn ich höre den Verschluss einer Flasche und das Glucksen, wenn er trinkt. Dieser Mensch schafft es sogar, Tiffany aus meinen Gedanken zu vertreiben. Meine Pfeife geht aus, aber ich weigere mich noch, meine Augen zu öffnen. Ich werde mir wohl oder übel einen anderen Platz suchen müssen.

Viel lieber würde ich jetzt nach der Margolin greifen und sie den Kerl neben mir kurz sehen lassen. Wie rasch würde er wohl aufspringen und sich verziehen. Wenn nicht, wäre ich gezwungen, den Lauf auf seinen stinkenden Körper zu richten und abzudrücken. Er würde zusammensacken, ohne dass es jemandem auffiele. Nur der Knall wäre ein Problem. Die Tauben würden auffliegen und so manches neugierige Auge sich uns zuwenden. Daher schießt man in Anwesenheit von vielen Menschen auch mit Schalldämpfern, anders kann man in belebter Öffentlichkeit gar nicht morden. Außer man wählt das lautlose Messer.

Wieder ist er am Trinken. Doch nicht der Gestank von Fusel dringt her zu mir, sondern ein duftendes Aroma. Ich öffne die Augen und sehe an seinem Hals den Adamsapfel. Der springt auf und ab, die Haut darüber fest gespannt. Jetzt setzt der Mann die Flasche ab und stellt sie auf das Knie. Er wird gleich noch ein paar Züge machen, denn er verschließt sie nicht. Etwas Vertrautes zeigt sich mir: das langhaarige Büffeltier. Nun weiß ich endlich, wie Bison-Wodka riecht. Entweder ist dieses Getränk so in Mode, dass es auch hier im Stadtpark durch viele Hände geht, oder ich kenne den Mann neben mir tatsächlich nur allzu gut. Er trägt seinen Bart wie damals, aber fast zwanzig Jahre Gefängnis haben ihm zugesetzt. Noch nie war ich Sigurd Fürst so nah. Während ich ihn von der Seite betrachte, sieht er hinüber zum vergoldeten Johann Strauss.

Ich bin außerstande, mich zu bewegen, wage kaum zu atmen. Mein Todfeind ist hier. Sein Anblick erscheint mir wie der eines Dämonen. Mehr als ich erwartet hätte, erschreckt mich sein Gehabe und der Ausdruck seines Gesichts. Ich gebe Vinzenz recht, der mir damals in seinem Penthouse erzählte, der Kerl sei eine Mischung aus Tyrann und Verrücktem, den das Aquarium in seiner Zelle wahnsinnig gemacht habe. Auch die Schläge gegen Tiffany kommen mir nun glaubhaft vor. Mehr sogar. Wann holt er aus, um die Wodkaflasche auf meinem Kopf zu zertrümmern?

Ich weiß nicht einmal, ob er zufällig hier sitzt oder absichtlich neben mir Platz genommen hat. Hat er mich im erst Stadtpark entdeckt oder ist er mir schon den ganzen Tag auf der Spur? Ich muss aufhören, ihn anzustarren. Am einfachsten wäre es, aufzuspringen und den Park zu verlassen, aber er würde mir folgen. Gewiss denkt auch er an nichts anderes als an mich.

Sein zuckender Fuß berührt zufällig den meinen, vielleicht ist es auch Absicht. Ich soll mich wohl vorbeugen und auf sein Hosenbein sehen. Will er mir zeigen, dass er wie immer sein Tauchermesser dabei hat? Oder ist er nur ebenso aufgeregt wie ich. Hätte ich doch nur den Mut, ihn zu begrüßen. Oder ich frage ihn, ob wir uns kennen. Aber jede Bemerkung von mir könnte verhängnisvoll sein. Am besten, ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Sigurd Fürst zittert nur. Vielleicht wegen der Menge an geleerten Wodkaflaschen. Oder er ist an Grippe erkrankt und schleppt sich nur meinetwegen ins Freie. Letzteres wäre erschreckend. Sein Hass auf mich ist so groß, dass er nicht einmal den eigenen Körper mehr beherrschen kann.

Er trinkt. Wiederum hält er die Verschlusskappe in der anderen Hand, aber nicht, um gleich einen weiteren Schluck zu nehmen. Ohne mich anzusehen, reicht er mir mit Nachdruck, fast gebieterisch die Flasche. Ich habe mit seinem Messer gerechnet, mit Glassplittern im Kopf, nicht aber mit dieser Geste, mit der er mir zeigen will, wer der Stärkere ist. Er ist der Herr, ich habe zu gehorchen. Der Bison wackelt vor meinem Gesicht, und ich kann nicht anders, als nach ihm zu greifen. Mich ekelt vor dem feuchten, glänzenden Flaschenrand, doch elbst das gehört zu seinem Spiel. Dabei tut er wahrscheinlich nur, was im Gefängnis Alltag ist. Man teilt mit seinen Kumpanen und Zellengenossen. Ich aber bin sein Feind, sein Richter.

In diesem Augenblick heißt es trinken. Oder ich schütte das Zeug in den Sand und gebe damit meinem Nachbarn zu verstehen, dass ich mit ihm nichts zu schaffen habe. Die Feindschaft würde weiter bestehen, und wahrscheinlich wäre sie größer als jemals zuvor. Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken, wenn er sich vorbeugte, um nach dem Messer zu greifen. Mit seinen Erfahrungen im Töten von Haien wäre ich für ihn kein Problem. Ich trinke. Ohne den Flaschenhals heimlich abzuwischen. Aus lauter Feigheit. Es ist, als küsste ich meinen Feind. Als spuckte er mir in den Mund. Der Halm des Büffelgrases stößt an meine Zunge, und jetzt nimmt mich auch das Aroma gefangen. Anders als ich es erwartet hatte, glüht weder meine Kehle, noch verspüre ich einen Schlag in der Magengrube. Mir kommt vor, als habe der Mann neben mir zu zittern aufgehört. Weil die Anspannung von ihm abgefallen ist? Weil er gewonnen hat?

Alles ist nun anders. Zumindest erscheint mir nichts mehr so gefährlich wie noch vor wenigen Augenblicken. Doch es ist nicht der Wodka, der mich betäubt und betrügt. Die Kraft kommt aus mir. Weil ich mich überwunden habe. Ein wenig mutiger bin ich durch den Branntwein schon. Warum sonst würde ich die Flasche ein zweites Mal ansetzen. Endlich sieht Sigurd Fürst her zu mir. Ich gebe ihm die halbleere Flasche zurück und blicke in seine Augen. An diesen Mann habe ich seit Monaten unentwegt gedacht, und er wahrscheinlich Jahrzehnte voller Hass an mich.

Wir sind einander zu nah, als dass er auf mich losgehen könnte, und mir gelingt es nicht, auch nur das Geringste in seinem Blick zu erkennen. Was sind seine Pläne, was hat er vor mit mir? Ich könnte ihn grüßen, doch das wäre lächerlich, denn durch unser gemeinsames Trinken sind wir schon viel weiter. Wenn er nur nicht blitzschnell nach seinem Messer greift! Oder hat er es längst in der Hand? Selbst wenn er wieder verhaftet würde, die Rache wäre ihm gelungen. Dieses Mal wüsste er, wofür er im Gefängnis sitzt. Er könnte sogar damit rechnen, von aller Welt verstanden zu werden. Mir würden die Menschen mein Schicksal vergönnen.

Doch dazu wird es nicht kommen. Weil sich meine Hand schon ganz langsam und unbemerkt der Pfeifentasche nähert. Den Mann neben mir habe ich immer im Blick. Noch fasse ich die Margolin nicht am Griff. Schon zu Hause habe ich sie durchgeladen und auch entsichert. Die nächtliche Schießerei im Keller war wohl eine göttliche Fügung. Jetzt ist mir an der Pistole alles vertraut, ihr kleines Kaliber für unsere Nähe wie geschaffen. Weder werden Herumsitzende noch Touristen gefährdet, und das Blut meines Feindes wird auch nicht in Strömen fließen. Wenn mich Vinzenz nur sehen könnte. Er hat recht gehabt. Es wird Notwehr sein.

Aber ich greife ins Leere. An meiner Pfeifentasche finde ich nur den Schulterriemen, Leder, ein Fach mit glatten Innenwänden. Einen Schrecken wie diesen kann man nicht verbergen, und meine Augensterne müssen sich wohl ins Unendliche geweitet haben. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Die Margolin könnte aus der Tasche geglitten sein, im Sand oder zu meinen Füßen liegen. Oder auf der Bank. Ich taste die Planken um die Pfeifentasche herum ab. Doch die lebensrettende Waffe ist nicht zu finden. Ich werde mich bücken müssen, doch wie stellt man das an, wenn man im unmittelbaren Blickfeld seines Feind sitzt?

Jetzt spüre ich seine Hand an meiner Jacke. Metall gleitet über Holz. Dann drückt der Hahn der Margolin gegen meinen Oberschenkel. Warum hält er die Waffe verkehrt herum? Hat er es nur auf mein Bein abgesehen? Ich blicke an mir hinunter. Sigurd Fürst schiebt die Waffe weiter, bis ich nahezu auf ihr sitze. Kurz hält er sie bedeckt, aber dann lässt er die Pistole los, und ich bemerke, dass der Lauf von mir abgewendet ist. Mein Feind gibt mir die Margolin nur zurück. Er hat sie offensichtlich auf der Bank gefunden. Oder sie aus der Ledertasche gezogen, während meiner Gedanken an seine Muse Tiffany.

Es wäre an der Zeit, endlich mit ihm zu reden. Ein Wort würde fürs Erste genügen. Danke. Ich könnte auch nur nicken und lächeln. Doch er kommt mir zuvor, beugt sich herüber, flüstert in mein Ohr. Wolf.

Mein Freund Vinzenz Wolf. Der Mann neben mir weiß, dass er nicht deutlicher zu werden braucht. Ein Mordauftrag wie dieser muss nicht in allen Einzelheiten besprochen werden. Alles ist klar. Jetzt kommt es nur auf mich an. Wie einfach wäre es für ihn gewesen, mich mit meiner eigenen Pistole niederzustrecken. Vielleicht denkt Sigurd Fürst sogar, dass ich aus Dankbarkeit handeln müsse, weil er mir eben das Leben schenkte.

Er trinkt den restlichen Wodka, steht auf und lässt mich allein. Die Flasche bleibt zurück. Ich nehme sie, um einer alte Dame Platz zu machen. Mir ist es nur recht, dass sie mich für einen Säufer hält und nun mit abgewandtem Gesicht neben mir sitzt. So kann ich die Margolin unbemerkt in die lederne Pfeifentasche schieben, den herausragenden Griff mit einem Taschentuch umhüllt, damit im Waffengeschäft niemand etwas bemerkt, wenn ich später eine neue Packung Patronen kaufe. Aber nicht für Vinzenz Wolf. Sie sind alle für den Weinkeller bestimmt. Ich bin erschöpft, so als hätte ich nicht nur das Loch für Moritz geschaufelt, sondern drei ganze Gräber ausgehoben. Für Sigurd, Vinzenz und mich.

Auf jeden Fall werde ich mich am Gründonnerstag nach Sigurd Fürst noch gründlicher umsehen müssen als sonst. Nur Tiffany möchte ich treffen und niemanden sonst. Wenn Sigurd Fürst in Vinzenz einen Nebenbuhler erblickt, warum mordet er nicht selbst? Weil ein toter Vinzenz ihn doch wieder nur ins Gefängnis bringen würde? Weil er ja mich hat, der in seiner Schuld steht? Heute hat er mich so weit gebracht, von seinem Wodka zu trinken. Wann wird sein nächster Befehl ausgeführt? Dieser Mensch hat Macht über mich. Als Eindringling war er harmlos und versteckt, aber nun habe ich ihn gesehen. Di Sonne verschwindet hinter den Bäumen, im nächsten Moment ist es schon bitter kalt.

*

Der Waffenhändler kann sich nur zu gut an mich erinnern. An den Mann, der auf einer Margolin bestand. Er spricht sogar von einer kleinen Überraschung, die er für mich habe. Doch vorher bekomme ich vier kleine Schachteln. Um sicher zu gehen, nehme ich weitere hundert Patronen dazu. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. All diese Hohlspitzgeschosse werden nichts als die Flaschen in meinem Weinkeller zerbersten lassen. Oder trage ich heute den Tod nach Hause? Mein Verkäufer sorgt sich weniger, denn er bietet mir Schießscheiben an und sogar einen Kugelfang. In seinen Augen ist und bleibt die Margolin eine Waffe für den Sport. Trotzdem gesteht er mir zu, dass man mit dem kleinen Kaliber auch einen Menschen umbringen könnte. Auf die Entfernung komme es an, und natürlich auf die getroffene Stelle.

Damit geht er in einen der hinteren Räume und kommt mit einem abgegriffenen Heft zurück. Die Frau, die ihm die Margolin in der schönen Holzkassette ursprünglich verkauft habe, habe ihm auch diese Aufzeichnungen vor ein paar Tagen gebracht. Sie gehörten zur Pistole, und bei ihr zu Hause könne niemand etwas damit anfangen. Dann wünscht mir der freundliche Verkäufer noch viel Vergnügen beim Schießen und freut sich auf meinen nächsten Besuch.

Schon auf der Fahrt nach Hause blättere ich in dem fingerdicken Heft. Ein Prospekt über die Margolin fällt mir entgegen, aber auch einige Schießscheiben. Ich brauche Zeit, um das Außergewöhnliche daran zu begreifen. Bei der Zwölf gibt es ein einziges Loch. Der ehemalige Besitzer meiner Margolin hat offenbar immer wieder dieselbe Stelle getroffen. Zehn Mal? Das grenzt an ein Wunder. Ich halte die Aufzeichnungen eines Meisters in Händen. Die Einträge reichen über zwei Jahrzehnte, Tausende Ergebnisse sind angeführt. Eine Liste von Treffern reiht sich an die andere, jede Seite ist in kleinsten Buchstaben bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Vor mir liegt das Zeugnis eines Besessenen. Akribisch steht vermerkt, warum eine Schussreihe hervorragend ausgefallen ist, oder auch um einen Hauch weniger gut. In winziger Schrift und spiegelverkehrt. Um das alles zu lesen, würde ich Wochen brauchen, und ich schäme mich, bisher so stümperhaft mit der Margolin umgegangen zu sein.

*

Die Tage bis zum Gründonnerstag werden unendlich lang. Ich überlege, Max zu mir zu holen und ihm von meinem zu Plan erzählen. Um ihn die Hundehütte vergessen zu lassen, soll er ein neues Haus bekommen. In meinem Garten, auf dem Apfelbaum. Kennen Kinder von heute Baumhäuser noch? Auch das Grab darunter würde ich ihm erklären. Vor allem sollte er endlich erfahren, dass seine Hundehütte nicht durch ihn abgebrannt ist, sondern dass ich der Schuldige bin. Doch es bleibt bei dem Vorhaben, und ich fahre nur fort, die Stunden zu zählen. Ich mache mich auch auf eine große Enttäuschung gefasst. So viele Missgeschicke sind möglich. Tiffany könnte unsere Verabredung vergessen haben. Oder Sigurd Fürst wacht über sie, und sie schafft nicht einmal einen Schritt vor die Tür.

*

Am heutigen Gründonnerstag ist in der Stadt die Hölle los. Vor dem großen Fest will ein jeder noch alles besorgen, und man tritt sich sogar in den Außenbezirken gegenseitig auf die Füße. Ein falsch geparktes Auto behindert die Straßenbahn. Die Zeit läuft, und Tiffany wird nicht warten. Schon als wir in die Haltestelle Schottentor einfahren, sehe ich auf einer Uhr, dass ich zu spät bin. Um fünf Minuten. Vielleicht ist das für Tiffany nicht zu viel, doch mir kommt mein Versagen vor wie eine Ewigkeit. Beim Aussteigen dränge ich Menschen beiseite, ich benehme mich wie ein Flegel, und manch einer dreht sich nach mir um.

Von Tiffany jedoch ist nichts zu sehen. Sie könnte bereits in der U-Bahn sein. Eine Frau hinter den Glasscheiben sieht aus wie sie. Tiffany hat genug vom Warten gehabt, und sie hat mich schon jetzt verlassen. Wenn ich lange zögere, habe ich sie vielleicht für immer verloren. Ich hetze in den Waggon, lauter Menschen um mich, doch keiner von ihnen ist Tiffany. Die U-Bahn rast donnernd durch die Tunnels, und ich weiß, dass ich wieder einmal versagt habe. Einen toten Hund könnte ich mir noch verzeihen, nicht aber den Verlust dieser Frau. Plötzlich mischt sich Musik in das Getöse. Schrill und schneidend. Ich habe sie schon einmal gehört. Ich sehe mich nach Frauen um, die Kopfhörer tragen. Das ist nicht leicht zu erkennen, denn die Dinger sind klein und unter den Haaren so gut wie unsichtbar.

Punk, Garagen-Rock? Schon beim Telefonat mit Tiffany war ich mir nicht sicher. Oder bilde ich mir alles nur ein? Weil ich mir diese Frau so sehr herbeisehne? Vielleicht hören Tausende diese Musik, nicht nur sie. Das Schlagzeug rast noch schneller als unser Zug. Doch in der nächsten Haltestelle schöpfe ich Hoffnung. Für einen Augenblick ist es ruhiger geworden. Der Song ist auf Französisch. Hallo. Bonjour.


Song: Mopedrock!! – Vasistas – Les Autrechiens (web, fb)
(c + p KONKORD 2011)
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