»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich muss nur aufpassen, dass die Musik nicht verschwindet, denn das würde bedeuten, dass Tiffany ausgestiegen ist. Aber die rockigen Klänge bleiben, und dazu zahlreiche Frauen mit langen Haaren. Schon schließen sich die Türen des Waggons, und wir jagen weiter. Mir kommt es vor, als wäre die U-Bahn heute unvergleichlich schneller als sonst, aber das liegt wohl an der vorantreibenden Musik. Bestimmt beobachtet Tiffany mich. Macht es ihr Freude, mich derart verwirrt zu sehen, an ihrem Gängelband? Hält sie mich bereits jetzt für einen alten Herrn, der den Anschluss an ihre Zeit längst verloren hat? Dabei hat sie mich schon in der letzten Woche um einiges jünger gemacht, und jetzt eben finde ich sogar Gefallen an ihrem Spiel.

Der rasende Song ist zu Ende. Kein weiterer folgt, und unser Waggon erscheint mir plötzlich wie ausgestorben. Die Menschen drängen sich weiterhin zwischen den Sitzen und an den Türen, doch das Leben ist aus ihnen verschwunden. Die Fahrt durch den Untergrund ist nur noch das übliche Gemisch aus Motorengeheul und kreischenden Lautsprechern, kein aufregendes Gefühl stellt sich mehr ein.

Eben hätte ich noch die ganze Stadt erobern können, jetzt ist alles wie sonst.Ein kahlköpfiger junger Mann verstellt mir den Weg. Ich schiebe die schmächtige Gestalt beiseite. Meine Hand verheddert sich in den Kabeln seiner Kopfhörer, und ich mache mich schon auf eine Rangelei gefasst. Es wäre nicht das erste Mal. Doch als ich mich vorbeidränge, spüre ich, wie mich jemand von hinten an der Jacke zupft. Und wieder. Ich wende mich um, sehe vollendet geschwungene Lippen und weiche Wangen, und es dauert, bis ich begreife. Nicht ein junger Mann steht mir gegenüber, sondern sie. Ihr kahler Kopf stürzt mich in Verwirrung. Auf einen solchen Auftritt war ich nicht gefasst.

Bei der nächsten Haltestelle steigen wir aus. Tiffany steckt sich sogleich eine von ihren indischen Zigaretten in den Mund. Wir sind nahe am Wasser angelangt, der Weg hinüber zur Alten Donau ist nicht weit. Ich muss mich überwinden, sie anzusehen. Dabei wollte ich sie unbedingt treffen. Meine Tiffany. Jetzt schäme ich mich fast, mit ihr gesehen zu werden, obwohl mich hier bestimmt niemand kennt. Sie bemerkt meine Blicke und holt auch gleich zu einer Erklärung aus. Ihr Friseurbesuch eine Woche zuvor habe mit Vinzenz zu tun, nur sei er wie so vieles andere umsonst gewesen. Sie könne sich nicht auch noch das Gesicht zerschneiden, damit er endlich ablasse von ihr. Herr Vinzenz Wolf müsse zur Besinnung kommen, beschwört sie mich,er sei gewiss ein guter Richter, ein ganz großes Tier, voll mit Geld, aber er könne niemals ihr Geliebter werden.

Wenigstens hat sie noch immer ihre Stimme. Tiffany ist schneller als ich, geht bald rechts von mir, bald links, scheint ständig in Bewegung sein zu müssen. Über Vinzenz wollte sie also mit mir sprechen. Sie sieht sich ständig um und wirkt wie auf der Flucht. Er hat ihr das Penthouse gezeigt, seine Pläne für die nächsten Jahrzehnte ausführlich geschildert und ihr nun schon das dritte Schmuckstück geschenkt, obwohl sie es nur verstecken muss und nie tragen wird. Sein Gerede von Reisen und den besten Hotels sei unerträglich, am schlimmsten aber sei seine großzügige Geduld. Er wolle ihr alle Zeit der Welt geben, selbst wenn das Sexuelle noch Monate auf sich warten lasse. Gestern habe sie ihn geohrfeigt, aber auch das sei ihr schon verziehen worden.

Ich nehme die Brille meines Vaters ab, um Tiffanys kahlen Kopf in Unschärfe zu tauchen. Im Licht der Mittagssonne ist jede ihrer Bewegungen voller Ästhetik, und es gelingt mir jetzt auch, verstohlene Blicke auf ihren Körper zu werfen. Ich verspreche ihr, mit Vinzenz zu reden, auch wenn ich dies in seinem Zustand für sinnlos halte. Sie beharrt darauf, ich solle alles unternehmen, um ihn zur Besinnung zu bringen, denn sonst könnte bald ein Unglück geschehen. Letzte Nacht habe Vinzenz sogar in seinem Auto vor ihrem Haus übernachtet, nur um in ihrer Nähe zu sein. Fürst wäre fast hinuntergegangen, um dem allen ein Ende zu bereiten. Wenn das so weitergehe, werde er doch noch zum Mörder.

Tiffanys Körper ist ruhig geworden, wie erstarrt. Sie schiebt ihren dünnen Umhang zurück und zeigt mir ihren rechten Unterarm. Zu meiner Erleichterung sehe ich keine Einstiche von Drogenspritzen, dafür aber einige fingernagelgroße Wundmale. Es wäre nicht notwendig gewesen, dass sie auch noch an ihrer Bidi zieht und die aufleuchtende Glut an ihre weiche Haut hält, ich verstehe auch so. Sie gesteht mir, ihrem Körper vieles zu verdanken, nun aber sei es an der Zeit, ihn zu zerstören. Er sei schuld an allem. Wenn sie in den Spiegel blicke und ihr der hässliche Kahlkopf entgegenschaue, brauche es nicht mehr viel, und sie würde am liebsten zur Rasierklinge greifen. Noch sei es nicht so weit, noch hänge sie an ihrem Äußeren. Wie viel lieber hätte sie mich schon vor einer Woche getroffen, mit ihrem Haar bis zu den Hüften, als die Frau, die sie immer war. Wie gerne würde sie mir gefallen, mir, der ihr Leben mehr bestimmt habe als jeder andere Mann.

Sie redet nicht weiter, steckt sich die Kopfhörer an, dreht die Musik auf volle Lautstärke. Vielleicht soll ich mir durch die vor Lust explodierenden Klänge ein Bild von ihr machen, wie sie wirklich ist. Auf Französisch rockt es an der Alten Donau, und Tiffany löst jetzt den Seidenschal, windet ihn einige Male über und um den kahlen Kopf. Das abstoßende Wesen ist verschwunden, ich sehe Tiffany mit ihrem Stirnband schöner vor mir als in meinem Traum. Sie überbietet sogar die erotische Gestalt aus den Alten Arkaden. Damals war sie eine Halbwüchsige, doch jetzt als eine Frau Mitte dreißig vereinigt sie alles an Weiblichkeit in sich. Noch vor einer Viertelstunde stieß mich ihr Anblick ab, jetzt ergeht es mir, wie es Vinzenz ergangen ist. Was immer sie unternimmt, loswerden wird sie mich nie. Auch ich denke schon an die Zukunft. Wie lange es wohl dauern wird, bis ihr Haar wieder nachgewachsen ist, und wie ich Tiffany dazu bringen kann, in meinem Haus zu wohnen. Doch woher nehme ich die Hoffnung, sie könnte mich mögen?

Eine falsche Bewegung von mir, und sie wird mich hassen wie Vinzenz. Jetzt das Richtige zu tun, ist ein Glücksspiel. Schon meine Geduld kann dazu beitragen, dass Tiffany mich für langweilig hält. Warum trabe ich wie ein Hund neben ihr her, während sie einen Song nach dem anderen hört? Zwischen dem silbrig glänzenden Wasser und den anderen Spaziergängern könnte ich einen Arm um ihre Schultern legen, ganz vorsichtig und ohne sie zu bedrängen. Sie aber könnte spüren, dass ich jemand bin, der ihr helfen will. Deswegen hat sie mich doch getroffen!

Die französischen Songs sind zu Ende. Eigentlich sind Tiffany und ich jetzt die Champs-Élysées in Paris entlanggegangen. Während ich ihr Feuer für die nächste Zigarette gebe, macht sie mir ein Geständnis. Durch mein Urteil damals hätte ich ihr fast zwanzig Jahre in Freiheit beschert. Die schönste Zeit ihres Lebens. Ich frage sie, ob Fürst gewalttätig ist und sie schlägt. Ihr Schweigen soll mir wohl alles sagen. Gleich darauf entschuldigt sie sich und dankt mir für mein Kommen. Sie hält eines der vorbeikommenden Fahrradtaxis an und klettert hinein. Die Rikscha verschwindet mit ihr am Ende des Uferweges. Ich habe keine Ahnung, ob ich etwas falsch gemacht habe oder doch alles richtig. Eine ältere Frau bietet mir aus einem Korb kunstvoll bemalte Eier an. Ich nehme zwei davon,ab heute will ich alles für zwei kaufen. Die beiden Stücke sind leicht, aber dennoch höchst beschwerlich zu transportieren.

*

Über Ostern geht mir vieles durch den Kopf, so manches sehe ich durch die Augen von Tiffany. Würde ihr mein Haus gefallen oder würde sie es gar nicht erst betreten wollen? Das Penthouse von Vinzenz konnte sie nicht beeindrucken. Diese Frau ist nicht käuflich. Sie ist außergewöhnlich in allem, mehr Fee als irdischer Mensch, sogar ihr Alter musste ich mir errechnen, denn ich hätte es ihr nie ansehen können. Sie dürfte ein guter Mensch sein, keineswegs nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Wie sonst hätte sie sich bei mir bedanken können. Sie hat nicht einmal das Wort Fehlurteil in den Mund genommen. Durch mein damaliges Versagen ist sie glücklich gewesen, zwar auf Kosten von Fürst, aber der scheint wirklich ein Tyrann zu sein. Auch ohne Mord hat er es verdient, weggesperrt zu werden.

Aber Fürst ist nicht das einzige Problem. Vollkommen schleierhaft ist mir, wie ich Vinzenz dazu bringen könnte, aus Tiffanys Leben zu verschwinden. Ein Treffen mit ihm stelle ich mir schrecklich vor. Wie soll ich ihm in die Augen sehen, ohne ihn zu belügen, würde ich ihm von dieser Frau doch nur abraten, um sie selbst zu bekommen. Ich könnte Breivik zum Anlassnehmen. Der Fall des Norwegers scheint ihn sehr zu beschäftigen. Wir würden vordergründig über die neuen Gutachten der käuflichen Psychiatermeute reden, die vollkommen gegensätzliche Standpunkte vertritt, und dass der ganze Prozess der Politik und nicht der Wahrheitsfindung dienen wird. Dann käme Tiffany dran. Breivik ist nun doch zurechnungsfähig, wofür auch alle Fakten sprechen, aber gilt das auch für Vinzenz?

Tiffany ist offenbar nur noch bei Fürst, weil er sie festhält, sie vielleicht sogar mit dem Umbringen bedroht. Sie ist die Gefangene eines ehemaligen Häftlings und wird es auch bleiben, bis er wieder hinter Gittern ist. Oder tot. Aber denke ich jetzt nicht wie Vinzenz? Für ihn ist Tiffany die arme Frau Fanny Bruckner, die von Sigurd Fürst geschlagen wird. Doch sie verabscheut ihn, während sie mir vertraut. Er hat gegen Sigurd Fürst nichts als unbrauchbare Gesetze, ich eine taugliche Waffe. Er würde sich nie die Hände schmutzig machen, ich wäre bereit dazu. Noch aber ist die Margolin nichts als eine Sportpistole, und ich spiele auf diesem Instrument wie ein Dilettant.

Als ich jetzt im Heft des Vorbesitzers und Meisterschützens blättere, gerate ich an Dinge, mit denen ich nie gerechnet hätte. Offenbar kommt er wie Mikhail Margolin aus Russland und dürfte 1954 für sein Land an der Weltmeisterschaft im Sportschießen in Caracas teilgenommen haben. Allerdings ohne den erhofften Erfolg, weil die Eintragungen in Spiegelschrift danach oft verbittert klingen. Ein Rätsel ist mir auch sein Deutsch, zwar voller Fehler, aber verständlich. Nur ab und zu sind kyrillische Buchstaben zu erkennen. Ist er vor Jahrzehnten nach Wien gekommen? Bei einem Wettkampf abgesprungen? Mehr allerdings interessiert mich seine Beschreibung von Schalldämpfern, die er sogar mit Zeichnungen versehen hat. Alle möglichen Rohre werden auf den Lauf einer Pistole geschraubt, doch eine Methode überbietet nach seiner Meinung an Wirksamkeit und Raffinesse alle anderen.

Sie wurde für mein kleines Kaliber ausgedacht und fasziniert mich sofort. Natürlich verwendete der israelische Geheimdienst keine unhandlichen Pistolen wie die meine, sondern kurze, umgebaute Berettas. Die Waffe kam aus Italien, der Schalldämpfer aus Frankreich. Man musste ihn nicht lange anschrauben, sondern schob ihn im Gedränge auf der Straße oder in einer belebten Hotellobby nur schnell auf den Lauf. Mehr als das Klicken eines Feuerzeugs soll nicht zu hören sein. Ein Rohr würde auffallen, nicht aber ein Baguette. Vor Jahrzehnten konnte der Mossad in Paris auf diese Weise aus nächster Nähe töten, heute wäre dies dank der Verbreitung des französischen Brotes in wohl jeder Stadt möglich. Sogar an jedem Ort in Wien.

*

Besuchen wollte ich das Wiener Kriminalmuseum schon immer, aber während meiner Zeit als Richter scheute ich mich davor, noch mehr Verbrechergesichter zu sehen. Doch diese Feiertage erscheinen mir dafür wie geschaffen, und ich stehe vor unzähligen Zeugnissen des Bösen im Menschen. Ein beliebtes Mordinstrument war schon immer das Beil, aber auch ein Fleischwolf musste herhalten, und die bildhübsche und blutjunge Täterin will zur grausamen Tat überhaupt nicht passen. Ich dränge mich an abgeschnittenen Brüsten vorbei, und die kleinen Totenköpfe umgebrachter Kinder erschüttern mich zutiefst. Auch ein Fall meines Vaters ist dargestellt, ich allerdings komme in keinem der vielen Räume vor. Vielleicht jedoch wird hier einmal das Tatwerkzeug des Pflastersteinmörders gezeigt, und wie seine Unschuld bewiesen wurde. Oder die Margolin wird ausgestellt, in ihrer Holzkassette zweifellos eines der edelsten Tötungsinstrumente hier, fast wie das Besteck eines Chirurgen. Doch am meisten bewegt mich die Mordmaschine des Staates. Mit dieser Guillotine wurden im Dritten Reich hunderte Menschen geköpft, oft weil sie selbst nicht in den Krieg ziehen und schießen wollten. Beim Anblick des Fallbeils wird mir klar, dass ich in anderen Zeiten als Richter sogar zum Mörder an dem unschuldigen Sigurd Fürst hätte werden können.

*

Dienstag nach Ostern. Eine endlos scheinende Wartezeit, aber nun halte ich sie in Händen. Sechs Baguettes. Alle frisch und duftend.Fürs Erste bin ich einmal versorgt. Schon der Kauf machte mir insgeheim Freude, denn jeder würde bei mir Gäste vermuten, nicht ein stundenlanges Experimentieren im Keller. Und was wird erst sein,wenn ich demnächst ausgehe. Unterwegs bin. Was sieht man vor sich? Einen gut gekleideten Herrn mit einer Umhängetasche aus bestem Leder und einem Baguette in der Hand. Oder unterm Arm. Je nachdem, was eleganter wirkt. Ich könnte auch eine meiner Pfeifen aus der Tasche holen, sie stopfen, anzünden und in Ruhe rauchen. Auf einer Parkbank, in einem Café, oder flanierend in der Kärntner Straße. Unbemerkt in der Nähe meines Auserwählten, oder mit der Margolin auf ihn wartend.

Sicher ist nur eines. Die Dinge fügen sich ineinander. Immer mehr Rädchen drehen sich, und es kann kein Zufall sein, dass dieses Heft des Russen gerade jetzt zu mir gefunden hat. Am meisten aber beschwingt mich Tiffany. An ihr stimmt alles. Sie ist auch der erste Mensch, der mir mein Fehlurteil nicht zum Vorwurf macht. Wenn nur mein Waffenhändler wüsste, wie glücklich ich mit meiner Margolin bin. Sie erscheint mir sogar immer öfter in den Träumen. Meistens schwenke ich sie über Köpfe hinweg. Manchmal halte ich an, um abzudrücken. Aber die Waffe gefällt mir auch, wenn sie in ihrer Kassette liegt. Dieses Bild ist zu meinem Wappen geworden, ich denke sogar schon daran, sie einmal Tiffany zu zeigen. Ob sie sich dann abwendet von mir oder die Pistole fasziniert in ihre schmalen Hände nimmt? Ich glaube, meine Margolin wird ihr gefallen. Mehr als jeder Schmuck. Ihr dünner Lauf lässt sich jetzt mühelos der Länge nach in das französische Brot drücken. Baguette und Margolin, wie füreinander geschaffen. Hallo. Bonjour. Natürlich werde ich nicht mehr mit ausgestreckter Hand schießen, sondern aus der Hüfte heraus. Oder auch zur Seite hin, und unter verschränkten Armen. Den Anwendungsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt, dabei ist man stets bestens getarnt. Ich zerplatze fast vor Neugier auf den ersten Schuss, mache mich aber dennoch Schritt für Schritt an meine Experimente. Ich habe sogar das Gartentor abgeschlossen, um keine Überraschungen zu erleben. Der Lauf ist gegen den Lehmboden in einem der hinteren Räume gerichtet, damit das Zersplittern der Flasche nicht den Schuss übertönt und ich das Zusammenspiel von Brot und Waffe heraushören kann.

Der Schuss ist so leise wie noch nie. Es funktioniert. Viel besser als erwartet. Natürlich fliegen ein paar Splitter und Krumen herum, aber das hängt wohl auch an der Frische des Gebäcks. Wenn das Baguette zäh oder sogar klamm ist, dürfte das Ergebnis noch überwältigender sein. Selbst in einer U-Bahn könnte ich damit auftreten, sogar in der Stille einer Haltestelle. Oder in einer Kirche. In Museen. Im Haus des Meeres mit seinem ständigen Wasserrauschen ohnehin, aber auch im hallenden Stimmengewirr des Justizpalastes. Doch immer noch bleibt für mich viel zu tun. Meine Projektile verirren sich irgendwohin, denn zum Schießen gibt es weder Kimme noch Korn, nur mein Gefühl. Aber nach und nach treffe ich die anvisierten Spinnweben an der Wand sogar.

Das Telefon läutet.Früher hätte ich mich nicht darum gekümmert, doch es sind neue Zeiten angebrochen. Ich lege die Margolin beiseite, denn Tiffany könnte es sein, und ich würde mir nie verzeihen, nicht abgehoben zu haben. Ich hetze die steile Stiege hinauf und stürze zum Telefon. Ihre Stimme, wie erwartet. Dieses Mal ohne Musik im Hintergrund, und sie klingt aufgeregt. Ob Sigurd Fürst bei mir ist. Er sei ihr leider zu unseremTreffen gefolgt, habe jeden unserer Schritte an der Alten Donau beobachtet, der Streit zu Ostern sei entsetzlich gewesen. Und seit gestern sei er verschwunden. Tiffany redet überstürzt und voller Sorge. Hat sie Angst um Fürst? Um mich? Um uns beide? Ich versuche sie zu beruhigen und biete ihr ein Treffen an. Aber schon legt sie grußlos auf.

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