»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Habe ich Tiffany bedrängt? Hat sie deswegen das Telefonat beendet? Sieht sie in mir nur einen Mann wie Vinzenz? Sie könnte auch von Sigurd Fürst überrascht worden sein. Vielleicht hat er unser Gespräch sogar belauscht und fühlt sich in seinem Verdacht noch mehr als bisher bestätigt. Trotzdem muss ich mit dem Schlimmsten rechnen. Dieses Ungeheuer treibt sich womöglich in meinem Garten herum und lauert mir auf. Zu seiner Rache für verlorene Jahrzehnte kommt nun auch sein Kampf um Tiffany. Er hat sie längst verspielt. Auch ohne mich wird sie ihn verlassen. Aber noch hält dieser Wahnsinnige sie für seinen Besitz, und ich würde vieles dafür geben, ihn wieder hinter Gittern zu sehen. Tiffany bestimmt ebenfalls. Da es dazu nicht kommen wird, bleibt nur der Tod. Sigurd Fürst muss aus dem Weg, bevor er diese Frau und auch mich zugrunde gerichtet hat.

Mit der Margolin in der Hand durchstreife ich den Garten. Ich halte sie allerdings unter meiner Jacke verborgen, damit er nicht gleich zu seinem Tauchermesser greift. So sehr ich Vinzenz verabscheue, in einem muss ich ihm zustimmen: Es wird Notwehr sein, nichts als Notwehr. Dann allerdings komme ich zur Besinnung. Es entsetzt mich, dass ich mich so weit habe treiben lassen. Mit der Pistole im Anschlag jage ich einem Menschen hinterher, der bestimmt nicht so einfältig ist, sich wie ein Hund abschießen zu lassen. Ein Anruf von Tiffany hat genügt, und schon gehe ich gehorsam auf die Jagd. Dabei könnte es genauso gut sein, dass sie durchtrieben ist und nur all ihre unliebsamen Männer aufeinanderhetzt. Ein Schuss genügt. Ich wäre vielleicht im Gefängnis, Sigurd Fürst auf jeden Fall aber tot. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen ich nicht getroffen hätte.

Im Keller komme ich wieder zur Ruhe. Ich brauche Hilfe. Ob ich sie im Heft des Russen, in seinen Spiegelschriften finde? War die Margolin für ihn die ganze Zeit über nichts anderes als ein Sportgerät? Hat er nie daran gedacht, damit einen Menschen umzubringen? Vielleicht wurde mit meiner Margolin bereits getötet, und ich bin nur der Nächste in der Reihe. Hat der Vorbesitzer jemanden für den KGB umgebracht, oder ohne Auftrag und nur für sich? Ich blättere, lese, studiere, hetze durch kleinste Notizen, ohne eine Antwort zu finden. Dann allerdings entdecke ich doch einige Zeilen, die mich innehalten lassen. Im Juli 1960 ist seine Frau gestorben, unerwartet und plötzlich beim Aufhängen der Wäsche. Tot hat man sie im Garten gefunden. An Problemen mit dem Kreislauf hatte sie schon länger gelitten, sodass ein Versagen des Herzens keine Überraschung war. Aber warum fügt ihr Mann seinem Eintrag zwei überraschende Worte hinzu. Keine Obduktion. Er schreibt auch von dem vollen Haar seiner Frau, sogar am Tag ihres Todes gepflegt und nicht verklebt.

Hätte sie beim Aufhängen der Wäsche mitten im Sommer schwitzen müssen? Hat sie ihm zuliebe auf einen Haarfestiger verzichtet? Oder ist es das ausgebliebene Blut, an das ich denke. Als Richter beschäftigten mich mehrere Fälle, in denen Kopfschüsse trocken waren und nur durch Zufall oder nachträgliche Exhumierung offenkundig wurden. Mein Russe könnte sehr wohl gemordet haben. Erschüttert hat ihn auf jeden Fall der Tod seiner Frau keineswegs. Wie sonst könnte er seinen Eintrag mit einem derart kaltherzigen Satz beenden. Die Dauerwelle ist seit gestern unter der Erde. Das ganze Geständnis ist kleiner als eine Briefmarke, inmitten von Schießergebnissen zudem gut getarnt. Bestimmt ist das noch von keinem Menschen gelesen worden. Er musste es sich vielleicht von der Seele schreiben. Oder es machte ihm Freude, Tod und Mord zu tarnen. So wie ihn auch das Baguette begeisterte. Aber sind diese kryptischen Zeilen überhaupt ein Geständnis?

Bin ich jetzt wieder der Richter oder immer noch von den blutgetränkten Tüchern und Haaren im Kriminalmuseum benommen? Oder suche ich nach einem Menschen, der bereits etwas getan hat, was mir noch bevorsteht? Brauche ich ihn, um als Mörder nicht alleine zu sein? Dabei wäre der Tod von Sigurd Fürst Notwehr. Mir aufgezwungen. Vielleicht hat auch dem Russen seine Frau das Leben zur Hölle gemacht. Dann wäre es sogar verständlich, dass er sich ihrer entledigte. Er hatte ein Recht auf ein zufriedenes Leben. Ich möchte mir auch nicht meine nächsten Jahre verderben lassen.

Noch vor einer Stunde war die Margolin für mich bloß ein Stück Stahl, nun ist sie mehr als eine Pistole für den Sport. Auf dem Holztisch im Keller liegt ein Mordinstrument, das auch ohne mich ins Kriminalmuseum gehört. Mir erscheint es so gut wie sicher, dass mit dieser Waffe ein Mensch getötet worden ist. Oder mehrere? Vieles spricht dafür, dass der Russe dem KGB gedient hat. Er sprang nicht bei einem Wettkampf ab, sondern kam ins Land, um zu morden. Seine untreuen Landsleute, einen Wiener auf der Kärntner Straße oder einen Amerikaner in einer Gondel des Riesenrads. Und er selbst? Ob er noch lebt? Sein Name steht nicht auf dem Heft, aber auf der Rückseite einer Schießscheibe entdeckte ich ihn. Boris Makarowitsch.

*

Ich habe ihn im Telefonbuch gefunden. Es klingelt am anderen Ende, und eine Frau meldet sich. Sie heißt anders als er und scheint auch nicht mehr jung zu sein. Ich gebe mich als der Käufer der Margolin zu erkennen und erfahre die neue Adresse von Herrn Makarowitsch. Ihr Vater habe sich in das Altersheim in der Sensengasse zurückgezogen, sei inzwischen 92, aber über einen Besuch von mir freue er sich bestimmt. Sie selbst könne mit ihm kaum noch reden, aber früher hätten sie sich gut verstanden.

Ich bin überrascht, dass es Boris Makarowitsch noch gibt. Ich hatte eigentlich mit seinem Tod gerechnet. Aber so kann ich ihn sogar treffen und ihm Fragen stellen. Ich werde weder als Ankläger noch als Richter kommen. Eigentlich will ich nur wissen, wie man mit meiner Margolin einen Menschen tötet, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wird er mir Auskunft geben, mir seinen Mord gestehen? Vielleicht will er schon seit Jahrzehnten darüber reden und hat es nur nicht gewagt. Oder er braucht einen wie mich, in dem er sich wiedererkennt und dem er ohne Angst sein Herz ausschütten kann. Womöglich aber erzählt er nur von Caracas und Wettkämpfen da und dort. Oder er schweigt zu allem, was mit ihm und der Margolin geschehen ist. Ich glaube aber nicht, dass er sein Wissen als Geheimnis behalten und ins Grab mitnehmen will.

Warum bin ich voller Hoffnungen? Mit meinem Vater hat es nichts zu tun, obwohl er jetzt auch 92 wäre. Ihn kannte ich von seinem Innersten her kaum, wohl jetzt aber Boris. Mit tausenden Eintragungen in Spiegelschrift hat er mir seine Türen geöffnet. Weiß er, dass sein Heft verschenkt worden ist? Dieser Abend ist aufregend, und er verdient Musik. Aber nicht Bach oder der friedliche Brahms wird aufgelegt, sondern Wagner. Parsifal. Knappertsbusch dirigiert. 1951. Die ersten Festspiele in Bayreuth nach dem Krieg. Ich höre das Vorspiel und schließe die Augen. Über mir schwebt meine Margolin.

Jetzt ein Geklingel wie verrückt an der Gartentür. Die neue Nachbarin. Sie ist nicht mehr nüchtern und drängt mich, zu ihrer Party zu kommen. Auf der Stelle. Der beheizte Pool werde eingeweiht, und mitten im April zu baden sei eine Sensation. Ich könne natürlich auch ins Wasser springen, aber dafür wäre ich nicht der Typ, und es genüge ja, heute Abend in Alkohol zu ertrinken. Mein Mann wolle unbedingt mit mir reden. Er habe sein großes Vorhaben schon so gut wie geschafft.

Ich schließe Haus und Garten ab und folge der schwankenden Nadine. Einerseits will ich auf andere Gedanken kommen, aber auch endlich Max wieder einmal sehen. Zudem bin ich durch meine letzten Erlebnisse mit meiner Margolin so gefestigt, dass mich nichts mehr so leicht aus der Bahn werfen kann. Nicht einmal das beste Angebot von Sebastian Grohmann. Oder sollte seine Frau mit seinem großen Vorhaben etwas anderes als den Griff nach meiner Villa meinen? Ich freue mich sogar darauf, ihn heute ein weiteres Mal zu enttäuschen und sein zorniges Gesicht zu genießen. Ich bin gespannt, zu welchen Summen er sich versteigt, um seinen Willen durchzusetzen.

*

Endlich bin auch ich auf der Bühne. Im Wintergarten meiner neuen Nachbarn. Allerdings nur kurz mit Nadine und ihrem Mann, dann mit ihm allein. Frau Grohmann wurde am Pool schon erwartet, und sie lässt wie eine Diva ihren Pelzmantel auf den Marmorboden fallen. Die wenigen Männer applaudieren ihr, hofieren aber auch die zweite Dame der Party. Mehr Weiblichkeit scheint es nicht zu geben. Nur Nadine und Kristina. Die gut gebauten Kerle springen in das dampfende Wasser und brüllen ihre Betrunkenheit in die Nacht. Kristina winkt mir zu und hebt ihr Glas. Wenigstens drängt sie mich nicht, hinauszukommen und mich mit meinem Körper neben den anderen lächerlich zu machen. Das aber macht sie nicht aus Liebe zu mir, sondern weil sie weiß, dass es drinnen nun eine höchst wichtige Angelegenheit zu besprechen gibt. Sebastian Grohmann bereitet mich auch schon darauf vor. Ich bekomme Whisky, und er nimmt in einem Korbstuhl mir gegenüber Platz. Er streckt seine Figur, räkelt sich in der Badehose, zeigt mir schon jetzt seine Überlegenheit, und ist sich seines Sieges sicher.

Lieber Freund. Damit meint Sebastian Grohmann mich. Lieber Freund, Sie wissen, worum es geht, und ich weiß, dass Sie nicht verkaufen wollen. Ich bin nicht der Mann für viele Worte, aber meine Erfolge sprechen für mich. Um das Finanzielle hinter uns zu bringen, ich bezahle den ortsüblichen Preis, nicht mehr und nicht weniger. Aber wie so oft im Leben kommt es auf die Zugabe an. Sie werden ihr nicht widerstehen können. Oder wollen Sie nicht wieder der Herr Richter Dr. Ludwig Redtenbacher von früher sein?

Im Gesicht meines neuen Nachbarn sehe ich nichts als Triumph. Er kostet den Augenblick aus. Ich habe keine Ahnung, worauf er hinauswill, aber vielleicht schafft er mir Sigurd Fürst vom Hals. Als Spielhöllenbetreiber hätte er bestimmt die Männer dazu, und die muskulösen Gestalten draußen am rauchenden Pool machen ohnehin den Eindruck von Schlägern und Kriminellen. Doch um den Maler kümmere ich mich selbst, dazu brauche ich nicht die Gnade dieses aufgeblasenen Idioten, und selbst mit dem Tod von Sigurd Fürst wäre ich nicht zu kaufen. Ich lasse Sebastian Grohmann meine Verachtung spüren, lächle ihm sogar ins Gesicht, und zeige am Geschehen draußen mehr Interesse als an seinem Vortrag. Max kommt mir dabei wie gerufen. Ich habe ihn schon vermisst. Er läuft zwischen den Halbnackten am Pool hin und her und legt seine Spielzeugpistole auf die Gäste an. Eine der Figuren macht ihm sogar den Gefallen, den Erschossen zu spielen und ins Wasser zu stürzen. Nadine und Kristina biegen sich vor Lachen.

Ich sei ja auch ein Freund von Pistolen, meint Sebastian Grohmann, das hätte ihm Kristina erzählt, übrigens eine Frau, zu der er mir nur gratulieren könne. Er selbst habe keine Waffe, nicht einmal ein Messer, dafür aber ein Personal, auf das man sich verlassen könne. Die meisten seiner Männer könnten mit ihren Schießeisen besser umgehen als jeder Polizist, auch im Prater seien die Zeiten härter geworden. Er habe da kein Vorurteil, für ihn sei ein ehemaliger Häftling genauso ein Mensch wie er und ich. Ja, einer davon sei ihm regelrecht ans Herz gewachsen, deswegen dürfe er auch heute mit Nadine herumspielen und ihr ein wenig den Hof machen.

Mein Gastgeber blickt durch die mächtige Glaswand auf seine Frau im schwarzen Badeanzug, aber auch auf meine Kristina, allerdings mit einem Lächeln, das alles verrät. Er scheint keine Ahnung zu haben, dass ich von seinem Verhältnis mit ihr weiß. Auch Nadine macht nicht den Eindruck, als hätte sie die Schweinerei durchschaut. Für sie dürfte Kristina eine Freundin sein, mit der sie trinken und über Stöckelschuhe reden kann. Oder das Ganze ist ein abgekartetes Spiel, und sie alle liegen in einem Bett.

Hätte ich meine Pistole, ich würde jeden zur Rede stellen. Oder gleich schießen. Am liebsten die Damen und Herren am Poolrand antreten lassen und auf die nackte Haut zielen. Ein Magazin der Margolin würde reichen. Ohne nachzuladen wäre das schönste Massaker angerichtet, und es gäbe ein herrliches Geplätscher. Das Wasser würde blutrot kochen. Meine Frau bekäme nicht nur einen Bauchschuss, sondern auch ein Projektil zwischen die Augen. Bei Nadine könnte ich ins Grübeln kommen und sie vielleicht zur Seite treten lassen. Sebastian Grohmann wäre auf jeden Fall der Letzte. Er hätte mitanzusehen, wozu ich in der Lage bin, um dann seinen Weg anzutreten. Jetzt aber blickt er mich an, ohne von meinen Möglichkeiten die geringste Vorstellung zu haben, nennt mich nach wie vor seinen lieben Freund und kündigt an, die Katze nun aus dem Sack lassen zu wollen.

Herr Redtenbacher, ich werde Sie retten. Eigentlich verdanken wir alles einem der drei Männer da draußen. Auf diesen Menschen ist Verlass, er ist ehrlicher als so manche, die noch nie im Gefängnis waren. Zum Glück für uns war er Jahre in der Strafanstalt Stein. Vorher in einer Einzelzelle, dann aber mit Fürst zusammen. Man hat sich gegenseitig alles erzählt, Geständnisse gemacht, die kein Richter jemals erfahren würde. Mein Mann hat zugehört, Sigurd Fürst geredet. Zuerst nur mit seinen Fischen, dann auch mit ihm. Aber ich werde es kurz machen, denn Sie wollen endlich wissen, wie ich an den Weinkeller komme, und Sie wieder zu Ihrem guten Ruf. Herr Redtenbacher, lieber Freund, Sigurd Fürst ist das Schwein, für das Sie ihn halten. Seine Unschuld ist nur ein Märchen, der Kerl ist der Mörder seines Freundes. Es gibt keinen Zweifel, das ist die Wahrheit.

Ich hatte mit Bedrohungen und Erpressungen gerechnet, aber nicht einen Augenblick damit, dass mir mein neuer Nachbar mit so einer Geschichte kommt. Dennoch fängt es rund um mich im Wintergarten zu blühen an wie voller exotischer Pflanzen, und ich bin unfähig, mich auch nur aus dem Stuhl zu erheben. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich insgeheim viele Hoffnungen gehegt, doch die Schuldlosigkeit Sigurd Fürsts nicht ein einziges Mal weiter in Frage gestellt. Auf dem Mordwerkzeug fand sich das Blut des Opfers, aber nicht die geringste Spur von Sigurd Fürst. Das waren Erkenntnisse von Experten, an denen nicht zu rütteln ist. Wohl aber durfte man an der Behauptung eines Casinobesitzers zweifeln, für den Kriminelle und ehemalige Häftlinge zum Alltag gehörten. Was war einfacher, als sich einen von ihnen zu kaufen, um an meinen Weinkeller zu gelangen? Mein neuer Nachbar konnte alles behaupten. Der ehemalige Mithäftling von Sigurd Fürst war bestimmt zu jeder Lüge bereit, wenn man ihn nur gut dafür bezahlte oder ihm eine attraktive Stellung in einer der Spielhöllen gab. Denkt der Mann mir gegenüber wirklich, dass ich auf ihn hereinfalle, auf ein derart durchschaubares Unterfangen? Dennoch lässt mir sein Angebot keine Ruhe, weil es so unglaublich ist und Dimensionen eröffnet, mit denen ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet hätte. Ich wäre im Recht gewesen, es hätte nie ein Fehlurteil gegeben. Sebastian Grohmann hat mich an der Angel, und ich sehe ihm an, wie er sich freut.

Lieber Herr Redtenbacher, ich umgebe mich weder mit Kriechern noch mit Speichelleckern. Der Kerl ist bis auf ein paar Einbrüche in Ordnung, niemals würde er die Worte von Sigurd Fürst verdrehen oder gar sein Geständnis erfinden. Er ist auch bereit, alles zu erzählen, sein Wissen vor Gericht zu bezeugen, aber nur, wenn es notwendig ist. Notwendig, hören Sie? Sollte es dazu kommen, müsste aber Sigurd Fürst wieder hinter Gitter verschwinden, denn mein Freund hat keine Lust, jeden Tag um sein Leben zu zittern. Aber ich warne Sie. Die Sache wird nur mit mir angegangen. Ohne mich schweigt der Mann wie ein Grab. Dann hat es auch unser Gespräch nie gegeben. Und Sie bleiben dort, wo Sie jetzt sind.

Sebastian Grohmann meint damit wohl nicht mein Haus. Er sieht mich als gescheiterten Richter, der in lächerlicher Weise seine Probleme mit einer Pistole aus der Welt zu schaffen glaubt. Der Mann könnte mir helfen. Ich fange schon an, mich an ihn und seine Verheißungen zu klammern. Leider steht er auf und macht Anstalten, zu den anderen hinauszugehen. Dabei hätte ich noch so viele Fragen. Eine ungeahnte Hoffnung steigt in mir auf. Ich will nicht mehr, dass alles gelogen ist, ich wünsche mir die beide als Partner oder sogar als Freunde. Den Einbrecher am Pool und Sebastian Grohmann. Gemeinsam sollten wir die Sache angehen, und ich könnte wieder der Mensch werden, der ich einmal war. Ich hätte recht gehabt. Damals wie heute. Ich wäre ein Richter mit Einblick und Menschenkenntnis. Allen überlegen. Sogar Vinzenz. Ich könnte auf seine großspurigen Verheißungen einer Rehabilitation verzichten. Ich käme zurück als der große Sieger.

Draußen im Garten erhebt sich ein Feuerschein, und ich falle zurück in meine Erinnerung an die Hundehütte. An derselben Stelle lodern die Flammen, doch nicht ich bin der Brandstifter, sondern die Freunde von Sebastian Grohmann. Er fordert mich jetzt auf, nicht im Grübeln zu versinken, sondern hinauszukommen und mit ihm das erste Grillfest in diesem Jahr zu feiern. Und wenn ich ins Wasser springen wolle, würde er mir gerne eine seiner Badehosen leihen, er habe sie in allen Farben, und eine würde mir sicher passen.

Dieses Angebot schlage ich zwar aus, aber ich folge ihm hinaus. Ich habe ja auch mit Sigurd Fürst getrunken, warum nicht mit Sebastian Grohmann. Mir wird klar, was für ein Glück es war, dass ich meinem neuen Nachbarn trotz aller Abscheu immer höflich begegnet bin. Dabei wäre ich sogar fast bereit gewesen, ihn mit meiner Schaufel zu erschlagen oder über die Stiege in den Weinkeller stürzen zu lassen. Ihn. Meinen Retter. Wenn er es nur wirklich ist, und dieser Mann mich mit seinen Verheißungen nicht zum Narren hält. Gott, gib, dass es wahr ist, was er erzählt. Noch mache ich mir keine Gedanken um meine Villa, weil sich vielleicht doch eine andere Lösung findet. Er kann ja den Keller bekommen, ich bleibe dafür im Haus. Sebastian Grohmann hat mir ein Angebot gemacht, jetzt bin ich mit meinem Vorschlag an der Reihe. Was hat Kristina damals gesagt? Sebastians letzter Einfall, um an sein Ziel zu kommen, sei pures Gold. Mehr als das. Sollte Sigurd Fürst wirklich schuldig sein, ist das mit nichts aufzuwiegen.