»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich werde fast herzlich begrüßt und in die Mitte der wenigen Gäste genommen. Max stürmt auf mich zu, legt an und drückt ab. Ich mache ihm aber nicht den Gefallen, zu Boden zu sinken. Auch verzichte ich darauf, dem Kleinen die Gefährlichkeit einer Waffe vor Augen zu führen, noch dazu, wenn ich von Nadine bedrängt werde, alle gegrillten Fleischsorten und die vielen Soßen auszuprobieren. Ich vertröste sie auf später, die Verheißungen ihres Mannes im Wintergarten haben derart von mir Besitz ergriffen, dass ich sogar Mühe habe, das Glas in meiner Hand ruhig zu halten.

Ich heuchle Interesse an den Grillgeräten aus blitzendem Chrom und der vielfarbigen Beleuchtung des Pools. Ein Stück vom Prater ist in die Pötzleinsdorfer Straße gezogen, und auch die Musik klingt danach. Am Beckenrand strahlen sogar einige Scheinwerfer wie Säulen in den nächtlichen Wolkenhimmel, und schon gibt es aus einem angrenzenden Haus den Ruf nach Ruhe. Meine Hoffnung auf eine baldige Beendigung des kleinen Festes ist die Kälte. Ich bin zwar warm angezogen, aber die anderen fangen schon an, unter ihren Bademänteln zu zittern. Der Hausherr verspricht, schon bei der Party Ende April den Garten mit Heizstrahlern in sommerliche Temperaturen zu hüllen und aus ihm ein Paradies zu machen. Er werde sogar den nächsten Winter besiegen und ein Zelt aufstellen lassen. Doch die Krönung soll schon im Sommer kommen. Unser Gastgeber hebt sein Glas und trinkt auf die Unterwelt. Dabei sieht er mich an. Während die anderen lachend anstoßen, weiß ich, dass Sebastian nicht die Gesetzlosigkeit meint, sondern einen Weinkeller, der ihn auch in dieser Gegend zum König machen wird.

Dennoch fängt mein neuer Nachbar an, unruhig zu werden. Einer der drei Herren aus dem Prater kommt seiner Frau näher und näher, und sie lässt es sich gefallen. Ist es der Mann aus der Zelle von Sigurd Fürst, der jetzt anfängt, einen Teil seines Lohns einzufordern? Aber hat Sebastian ihm nicht zugesagt, mit Nadine herumspielen zu dürfen? Der Kerl scheint keine Grenze zu kennen, vor aller Augen fängt er an, Nadine zu küssen. Noch ist es ihre Wange, doch ihr Lachen fordert ihn dazu auf, es nicht dabei zu belassen. Oder macht sich der Falsche an Nadine heran? Einer, mit dem nichts vereinbart ist, der Sigurd Fürst bestenfalls vom Namen her kennt? Trotzdem versuche ich, mir sein glänzendes Gesicht einzuprägen, aber auch die Tätowierungen auf seinem Arm, den er jetzt um die Hüfte der Gastgeberin legt. Dieser Mann könnte für mich noch äußerst wichtig werden. Warum sollte ich mich nicht von meinem Fehlurteil im Alleingang befreien? Was wäre falsch daran, sich mit diesem Menschen zu verbünden und den Spielhöllenbesitzer auszubooten?

Doch das Ganze kann auch eine gefährliche Wendung nehmen. Die beiden Hähne müssen nur in Streit zu geraten, und das große Versprechen platzt. Was im Wintergarten noch möglich war, scheint nun auf eine schiefe Bahn zu kommen. Eben habe ich noch das Licht am Ende meines Tunnels gesehen, jetzt fängt es wieder an, zu verlöschen. Sebastian Grohmann wird zwar zu mir halten und für den Weinkeller weiterhin alles unternehmen, aber sein ungestümer Nebenbuhler kann ihm und mir einen Strich durch die Rechnung machen. Auf einen Kriminellen ist kein Verlass, es genügt, wenn er behauptet, von Sigurd Fürst vieles gehört zu haben, nur kein Mordgeständnis. Ohne Zweifel ist er der Mächtigste in der Runde. Dieser Draufgänger hat Sebastian in der Hand, und mich. Er könnte von ihm noch so einiges verlangen, zum Erpresser werden. Heute Nacht bleibt es vielleicht bei Küssen für Nadine, aber schon morgen will er mehr. Sebastian zieht den Mann weg von seiner Frau, hinunter in die Dunkelheit des Gartens. Was die beiden besprechen, geht in Nadines Lachen und dem Lärm der Musik unter.

Aber bin ich denn wirklich auf diese Gesellschaft angewiesen? Ist die Wahrheit um den Pflastersteinmörder nicht auch anders herauszufinden? Ich könnte doch auf eigenen Beinen stehen und mir die siegessicheren Verkündigungen meines neuen Nachbarn zunutze machen. Um mich herum verflucht man die Kälte, gegen die auch die vielen Gläser mit harten Getränken machtlos sind. Am meisten frieren Nadine und Kristina, am wenigsten Max. Er gesellt sich zu mir, ist warm angezogen wie ich. Auf meine Frage, warum er nicht wie die anderen ins Wasser springe, erfahre ich, dass der Kleine noch nicht schwimmen kann und es auch dumm findet, wenn seine Eltern und die anderen nackt herumlaufen, nicht nur im Garten, im Haus, überall. Wir setzen uns auf eine Liege und rücken enger zusammen. Er zeigt mir seine Pistole, und ich muss versprechen, ihn auch meine in die Hand nehmen zu lassen. Besonders stolz ist er auf seinen nietenbeschlagenen Ledergürtel samt Halfter. Er kann nicht glauben, dass ich weder das eine noch das andere habe.

Um Max und mich herum breitet sich Ruhe aus, die gröhlende Musik verschwindet, und auch die Scheinwerfer im Pool werden abgedreht. Im Wintergarten aber erstrahlen die Pflanzen und tropischen Gewächse in grellem Licht. Sebastians Gäste treten auf die Bühne, werfen ihre Bademäntel ab und greifen zu den Flaschen. Nur der einstige Häftling verzieht sich in einen Korbstuhl. Er ist auch der Einzige, der seinen halbnackten Körper noch immer unter einer Decke versteckt.

Hinter Max und mir verkohlt das Fleisch auf dem Grill, die Glut erinnert mich daran, dass es höchste Zeit ist, dem Kleinen ein Geständnis zu machen. Als ich ihn frage, ob er noch oft an die Hundehütte denkt, sehe ich Tränen in seinen Augen. Alles sei weg, sogar das Riesenrad und auch die vielen Flugzeuge und Panzer. Die neuen Spielsachen hat er noch nicht einmal ausgepackt, am liebsten würde er sie verschenken oder auf die Straße werfen. Aber dann bekäme er wieder Schläge. Früher habe Moritz gebellt und ihn verteidigt, einmal sogar seinen Vater gebissen. Jetzt aber habe er niemanden, der ihm helfe. Ich verspreche Max ein Baumhaus in meinem Garten. Er sieht mich an. Ich erzähle ihm von meinem nächtlichen Besuch im Nachbargarten, von der Suche nach der Holzkassette mit der Pistole, von der vergessenen Kerze. Das Niederbrennen der Hundehütte war nicht seine Schuld, sondern meine.

Max sieht mich ungläubig an, aber dann steigt wieder der Verdacht in ihm auf, den er schon immer hatte. Du hast meinen Moritz. Ich nicke. Musik bricht wie ein Gewitter los und dröhnt durch die Glaswand des Wintergartens. Die Nackten tanzen, und ich suche nach den richtigen Worten. Ich will nicht weiter lügen und sage Max, dass sein Hund tot ist. Ich erzähle ihm sogar von dieser schrecklichen Nacht und warum ich schießen musste. Er aber will mir nicht länger zuhören und schüttelt nur den Kopf, als ich von einem Unfall rede, und wie leid mir alles tut. Max springt auf, flieht vor mir und stolpert zum Wintergarten hinunter. Die Liege kippt, ich habe Mühe, aufzustehen. Ich laufe ihm nach, erreiche ihn aber erst am Pool. Wenigstens scheint er nicht vorzuhaben, zu seinem Vater zu laufen, um ihm von meinem Geständnis zu erzählen. Nichts könnte ich jetzt weniger gebrauchen.

Max schreit mich an, dass alles gelogen ist und Moritz lebt. Oder dass er wenigstens ertrunken ist, und nicht von mir umgebracht. Ich will auf den Kleinen zugehen, um ihm das Unglück zu erklären. Doch er weicht zurück, einen Schritt, zwei, den nächsten. Er kippt nach hinten über den Rand des Beckens, rudert vorher mit den Armen noch in der Luft, dann im dunklen Wasser. Er schlägt um sich, sieht weder mich noch meine ausgestreckte Hand, treibt weg von mir, verschwindet immer wieder in der Tiefe.

Ich ziehe meinen Burberry aus, werfe meine Jacke weg, suche in dem schummrigen Licht nach dem Einstieg in den Pool. Ich laufe den marmornen Boden entlang, finde die Leiter, klettere ins Wasser. Ich kann an dieser Stelle aufrecht gehen, doch es dauert unendlich lange, bis ich an der Stelle bin, an der Max eben noch zu sehen war. Unter den aufsteigenden Blasen bekomme ich ihn an seinem Ledergürtel zu fassen, und er klammert sich ebenfalls an mir fest. Ich hebe den Kleinen in die Höhe, versuche, auf dem Weg durchs Wasser nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und setze ihn auf den Beckenrand. Er hustet und spuckt, hat sogar die Kraft für Wut und Zorn. Auf sich selbst, auf mich? Ich kann mich hier nicht in die Höhe ziehen, muss mühsam zurückwaten und über die Leiter klettern, um wieder aus dem Schwimmbecken zu gelangen.

Max ist nicht mehr hier. Dafür taucht er im Wintergarten auf, wo niemand erschrocken ist über den triefnassen Kleinen. Er wird sogar zur Belustigung der Partygesellschaft. Den Gästen scheint es zu gefallen, dass auch der Pistolenschütze baden gegangen ist. Seine Mutter zieht ihn vor allen aus, um ihn mit einem der vielen herumliegenden Handtücher abzureiben. Er bekommt sogar einen Kuss von ihr, während sich um mich kein Mensch kümmert. Nur Sebastian kommt an die Glasscheibe heran, um in die Finsternis herauszublicken. Er dreht sogar die Lichter im Pool an, um mehr zu sehen. Doch die Scheinwerfer strahlen an mir vorbei, und ich bin froh, in meinem elenden Zustand nicht entdeckt zu werden. Wahrscheinlich nimmt man an, dass der alte Nachbar längst nach Hause gegangen ist, und meine Frau Kristina hat ohnehin nur Augen für den Herrn des Hauses. Ich glaube, dass auch Max nichts von mir erzählen wird. Vielleicht schämt er sich, ins Wasser gefallen zu sein. Er darf heute, was sonst nur Erwachsene dürfen. Um sich aufzuwärmen, bekommt er ein Glas, fingerdick mit Whisky gefüllt.

Ich hingegen friere wie noch nie in meinem Leben. Wie ein nasser Hund mache ich mich davon. Auf dem Gehsteig begegne ich zwar einigen Leuten, aber niemand bemerkt meinen Zustand. Ich müsste vermutlich lichterloh brennen, um aufzufallen. Meinen Garten durchquere ich im Laufschritt, und auf meinem Weg ins Badezimmer hinterlasse ich kleine Wasserpfützen auf dem Boden. Beim Ausziehen fällt mir der Burberry ein. Ob Nadine ihn mir bringt? Oder Sebastian? Max werde ich wohl nicht so schnell wieder zu Gesicht bekommen. Jetzt kann ich es kaum erwarten, bis die Wanne voll ist mit dampfendem Wasser. Erst in der Wärme werde ich über alles in Ruhe nachdenken können. War es ein schlechter Tag oder letztlich sogar einer meiner besten?

*

Den neuen Tag möchte ich mit einem Besuch beginnen. Die Nacht hat mir unendlich viele neue Gedanken beschert, doch nicht einmal die wichtigsten kann ich erfassen. Ich weiß nicht einmal, wo ich bei Sigurd Fürst beginnen soll. Wie ist seine Schuld zu beweisen, wen frage ich, wo fange ich an? Natürlich könnte ich mich auch auf meinen besitzgierigen Nachbarn verlassen, mich zurücklehnen und um den Preis meines Hauses wieder der Mensch werden, der ich einmal war. Aber was ist, wenn sein Informant und Häftling nicht pariert, sich weiter an Nadine vergreift, und die beiden womöglich sogar Feinde werden? Ob Vinzenz eine Hilfe ist?

*

Ich stehe vor dem Haus in der Sensengasse. Wenigstens sieht es nicht aus wie ein Altersheim, schon in den Fluren begegnen mir Helligkeit und Farben. Nach Boris Makarowitsch brauche ich mich nicht lange zu erkundigen, sein Zimmer finde ich im obersten Stockwerk. Man hat mich allerdings gleich darauf hingewiesen, dass heute sein großer Tag ist und er viele Besucher erwartet. Bisher aber seien noch keine gekommen, nicht einmal seine Tochter. Ich klopfe an der Tür und werde mit einem freudigen Herein begrüßt. Strahlende Augen leuchten mir entgegen, und ich höre die Entschuldigung, dass er mich nicht aufrecht stehend empfangen kann. Dafür salutiert Boris Makarowitsch in seinem Stuhl, bittet mich ohne weitere Fragen in nahezu akzentfreiem Deutsch, neben ihm Platz zu nehmen. Viel Zeit habe er für mich nicht, aber was für ein Glück, er habe gerade das Jahr 1945 in seinem Album aufgeschlagen. Auf den Tag genau vor 67 Jahren sei die Schlacht um Wien zu Ende gewesen, und die Rote Armee siegreich. Tausende Tote, er aber lebe immer noch.

Dann allerdings flüstert er mir zu, so leise, als dürften es nicht einmal die Vögel vor dem Fenster hören, dass sich viele seiner Genossen in den Monaten darauf wie Schweine benommen hätten. Er sieht mich an und meint, ich sei im richtigen Alter. Mein Vater könnte ein Russe sein. Ich möge doch einmal meine Mutter fragen, nur würden die meisten Frauen ja nie zugeben, dass sie vergewaltigt worden sind. Er selbst habe damals nur geschossen, aber nicht mehr auf den Feind, sondern nur auf die Vögel im Wienerwald. Keine Amsel oder Kohlmeise, die er nicht getroffen hätte, mit einem ausgeleierten Karabiner, mehr Spazierstock als Gewehr.

Jetzt scheint der Augenblick gekommen zu sein, ihn nach meiner Margolin zu fragen. Ich will schon in meine Tasche greifen, um eine seiner Schießscheiben hervorzuholen. Doch er kommt mir zuvor und schiebt mir das Album über den Tisch. Auf dem größten der alten Fotografien ist das Russendenkmal am Schwarzenbergplatz zu sehen. Boris Makarowitsch fährt mit seinem dürren Finger die hohe Säule entlang bis hinauf zur Figur des Rotarmisten. Er fragt mich, was ich über diesen Mann hier weiß. Ich schweige, weil ich natürlich keine Ahnung habe, auch wenn ich dort oft vorbeigegangen bin, schon als Kind. Damals hat mich die Aufmachung des sieghaften Helden mit Fahne, goldenem Schild und Maschinenpistole beeindruckt, heute finde ich sie lächerlich. Doch der alte Mann ist stolz darauf. Denn dieser Soldat, sagt er, sei niemand anderer als er selbst. Ich glaube ihm nicht, Geschichten von 92-jährigen Menschen stimmen selten.

Doch Boris Makarowitsch beharrt auf seiner Wahrheit. Monate, bevor die Rote Armee Wien erreicht hatte, sei das Denkmal schon geplant und entworfen worden, auf dem Feldzug, zwischen den Schlachten. Dem Bildhauer und Leutnant Intesarjan habe er Modell gestanden, mit Fahne und Kalaschnikow, nur ohne Schild. Aber auch der Künstler habe seine Not gehabt, statt Ton habe er Brotreste verwenden müssen, um die Figur an einer Flasche entlang zu formen. Der alte Mann lächelt jetzt.

Macht er sich lustig über mich, oder ist er glücklich? Hat er seine Frau umgebracht oder nur seinen Hass auf ihre Dauerwelle in Spiegelschrift niedergeschrieben? Sehen Agenten des KGB so aus wie er? Ist er noch immer im Krieg, oder nur ein Mensch am Ende seiner Tage?

Ich zeige ihm die Schießscheibe. Er erkennt sie sofort. Ich müsse ein Freund seiner Tochter sein, denn niemandem sonst würde sie diesen Schatz überlassen. Oder ihr Liebhaber, ihr neuer Mann? Boris Makarowitsch will wissen, wann seine Tochter kommt. Ich weiß keine Antwort und bin froh, dass er durch das eine Loch der Scheibe in das Licht der Sonne schaut. Zehn Schüsse. So, wie ich es mir gedacht habe. Es sieht aus, als würde er über sich selbst staunen. Er gibt allerdings zu, ohne das Wunderwerk von Mikhail hätte er das nie geschafft. Und er stellt das kleine Kaliber über alle größeren und grobschlächtigen, weil es präziser, unauffälliger und raffinierter ist. Er hofft, dass er seine Pistole bald wieder sieht. Aber seine Tochter gehorcht ihm nicht mehr, vergisst die schöne Holzkassette immer wieder. Dabei ist die Margolin für ihn jetzt wichtiger als je zuvor, für seinen letzten Weg, denn er will niemals so weit kommen wie die hier im Haus.

Ich habe nicht den Mut, ihm die Wahrheit zu gestehen. Wie gerne hätte ich mit ihm über das Schießen mit unserer Margolin gesprochen, womöglich hat dieser alte Mann sogar ihren Konstrukteur gekannt. Aber er redet auch ohne Aufforderung voller Begeisterung vom kleinen Kaliber, und dann überrascht er mich mit einer Frage.

Wissen Sie, wie man richtig tötet? Das Zauberwort heißt kaschieren. Man überdeckt das eine mit etwas anderem. Man schießt jemanden eine kleinkalibrige Kugel in den Kopf und lässt ihn möglichst gleichzeitig von Autos überfahren. Die Leiche wird gefunden, sie ist voller Blut und zerfetzt. Ein schrecklicher Unfall. Kein Arzt sucht mehr nach einer Kugel, die nicht größer ist als ein Getreidekorn. Die Angelegenheit wird zu den Akten gelegt, die traurigen Reste werden begraben. Zuletzt hier in Wien, mitten auf der Straße, am Abend und im Weihnachtsverkehr. Alle Bedingungen ideal für die Bestrafung und Beseitigung eines Menschen. Der Auserwählte war ein Greis, klapprig auf dem Fahrrad unterwegs. Zwei oder drei unhörbare Schüsse haben genügt, aus einem Auto heraus, den Rest besorgten Sturz und Schädelbruch. Der Alte hat es verdient. Ich aber habe damit nichts zu tun. Nichts. Die Geschichte hat mir ein Freund berichtet, einer meiner letzten. Wenn mich schon meine Tochter im Stich lässt, er wird heute kommen, an unserem Tag.

Boris Makarowitsch sieht mich an, als bereue er schon, mir so viel erzählt zu haben. Dennoch kann ich mich nicht beherrschen und frage ihn, ob dieser alte Mann auf dem Fahrrad in der Alser Straße verunglückt sei und etwas mit dem Narrenturm zu tun habe. Ich bekomme keine Antwort. Stattdessen zeigt der Meisterschütze wieder auf die Fotografie des Russendenkmals. Das bin ich. Aus Bronze und zwölf Meter hoch. Sie sollten mich öfter besuchen. Dort und hier. Aber von der Polizei sind Sie nicht?

Ich beruhige ihn, verschweige aber auch den Richter. Um Boris Makarowitsch auf andere Gedanken zu bringen, blättere ich in seinem Album. Die Schlacht um Wien muss schrecklich gewesen sein. Wie im Kriminalmuseum sehe ich verstümmelte Körper, aber auch die brennende Stephanskirche. Ein Gesicht taucht immer wieder auf. Der junge Soldat sieht zwar nicht wie ein Held aus, aber er ist großgewachsen. Wahrscheinlich hat man ihn deswegen als Modell genommen. Trotzdem muss ich ihn fragen, ob er das ist. Und der alte Mann neben mir nickt bekräftigend. Aber dann, als ich in seinem Album weiterblättere und ihn mit verschiedenen Freunden sehe, bis herauf zur Gegenwart, nimmt er es mir aus der Hand. Ohne seine Erinnerungen würde man die Bilder nicht verstehen. Beim Abschied bittet er mich dennoch, bald wiederzukommen. Die Schießscheibe darf ich behalten.

Es ist noch viel zu früh, um nach Hause zu gehen. Zum Russendenkmal ist es auch nur ein kleiner Umweg, und mein Herz schlägt schneller, als ich mich dem monumentalen Gebilde nähere. Auch ich habe meine Erinnerungen. Ich dürfte um die zehn gewesen sein, mein Vater war noch ein junger Richter. Aber er hatte mit einem Fall zu tun, der jeden in dieser Stadt bewegte. Der Mord an Ilona Faber zog Menschenmassen an und löste Hysterien aus. Ich sollte schon von Kind an meinen Beruf kennenlernen. Deswegen wurde ich an den Tatort geführt, an diesen Platz zwischen den Bäumen und hinter den Säulen. Jetzt hüpfen hier Vögel herum, damals war es der Fundort der Leiche. Wahrscheinlich hatte die junge Frau noch gelebt, als sie verscharrt wurde. 1958. Ebenfalls im April, aber schon in Frieden und Freiheit. Zum Kino hinüber sind es nur ein paar Schritte. Ein Film mit Elvis Presley war ihr letztes Glück. Sogar den Titel habe ich nicht vergessen. Gold aus heißer Kehle. Wenige Minuten nach der Vorstellung ist die Mannequinschülerin ihrem Mörder gegenübergestanden. Man kennt ihn bis heute nicht. Aber wenigstens wurde kein Fehlurteil gesprochen. Oder doch? Der Hauptverdächtige durfte den Gerichtssaal mit einem Freispruch verlassen. Mein Vater konnte sich nie damit abfinden, dass der Mörder der schönen Frau unentdeckt blieb. Vielleicht sollte ich mich damit beschäftigen, zu Ende führen, woran mein Vater und die anderen gescheitert sind.

Der Anblick der Wasserfontänen kühlt mich ab. Die kleinen Brunnenstrahlen stehen für die Tage des Jahres, aber wirklich beeindruckend sind doch nur die hohen Fontänen in der Mitte. Trotzdem muss ich immer wieder auf ihn blicken, auf Boris Makarowitsch mit Fahne, Schild und Maschinenpistole. Mit den Kalaschnikows wurden Millionen Menschen getötet. Und mit meiner Margolin?