»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich verlasse den Justizpalast nicht ohne Sorge um Vinzenz und überwinde mich sogar, einen Blick in das Café zu werfen. Einer der alten Kellner kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, freut sich über meinen Besuch. Über Vinzenz weiß er nur, dass er wie verwandelt ist, aber nicht hin zum Guten. Manchmal gebe er kein Trinkgeld, dann wieder das Dreifache der Zeche, und die werde mit dem vielen Wein in der letzten Zeit immer höher. Vor einer Woche hat der Herr Richter mit seinem Stock sogar das Billardtuch zerrissen, und niemand wollte mit ihm mehr spielen. Jetzt geht es Vinzenz wie mir. Ihn hat offenbar Tiffany aus der Bahn geworfen, mich ihr ewiger Liebhaber Sigurd Fürst.

Erst zu Hause komme ich langsam zur Ruhe. Der heutige Tag war für nichts. Der Schlüssel für das Penthouse von Vinzenz brennt in meiner Hand, Tiffany wird enttäuscht sein. Sie setzt ihre Hoffnungen in mich, und ich versage. Aber nicht erst seit heute, mein ganzes Leben ist eine endlose Reihe von falschen Schritten. Begonnen hat es mit einem Geschenk. Von meinem Vater. Zu meinem achtzehnten Geburtstag. Nichts hätte hinterhältiger sein können, zerstörerischer. Ein Packen Papier hat meine Zukunft vernichtet, meine Hoffnungen ausgelöscht. Meisterwerke der Malerei. Edelste Reproduktionen in vollendetem Kupferdruck. Von Künstlern, die vor zweihundert, dreihundert Jahren Unsterbliches geschaffen haben. Dazu die Worte meines Vaters. Lieber Ludwig, wenn du glaubst, so gut wie diese Herren zu sein, soll es nach deinem Willen gehen, und ich bezahle dir die Kunstakademie. Aber denk daran, eine Banane wird nie ein Apfel sein. Und du bist eine Banane.

Ich habe meinem Vater den Unfalltod nicht gegönnt. Mir wäre lieber gewesen, er hätte vor seinem Ende jahrelang gelitten. So wie ich als drittrangiger Richter. Meine Rache war klein und bescheiden. Ich habe keinen einzigen Blick auf die alten Meister geworfen. Bis heute nicht.

Was ist los mit mir? Warum gehe ich ins Künstlerzimmer und grabe in der Vergangenheit? Oder ist es meine Gegenwart, die ich jetzt aufschlage, Blatt für Blatt? Woher nehme ich den Mut und die Kraft, Gemälde zu betrachten, die mich doch nur beschämen? Aber das Gegenteil stellt sich ein. Sie rauben mir den Atem, und die Schönheiten der Maler meines Vaters überwältigen mich. Ihre Frauen besitzen Anmut, Grazie, andere wieder Sehnsucht und Melancholie. Vermeer, Boticelli, Van Dyke, Tintoretto, Goya, ich kenne sie alle, sehe sie aber erst jetzt. Auch die Wahrheit meines Vaters. Er hat mir ein mieses Leben beschert, vielleicht aber auch ein noch schlechteres erspart. Keinen der Bäume von Hobbema, nicht einmal einen Grashalm vom fast vergessenen Hackaert hätte ich zustande gebracht. Während ich die vielen Gegenstände eines Kaufmanns betrachte, vergesse ich sogar Vinzenz, und eine faustgroße Kugel neben seinem Gesicht gibt mir Rätsel auf. Vor einem halben Jahrtausend wurde sie gemalt, jetzt lässt sie mich nicht in Ruhe, weil ich ihre Bedeutung nicht kenne. Doch dann sind sie da, die Staalmeesters Rembrandts, und alle erinnern mich an Sigurd Fürst. Ich flüchte vor ihren Blicken zu Lady Hamilton, deren Schleierhut so groß ist wie ein Sonnenschirm.

Nein, ich bin glücklich. Ich bin sogar so weit, auf meine Zeichnungen nicht mehr stolz zu sein, dafür aber auf meine Urteile. Keines war falsch. Nicht ein einziges. Sie sind mein Lebenswerk. Auch ein Sigurd Fürst wird es nicht zerstören. Ich werde die hohe Kunst des Schießens lernen, und wenn ich dafür bei einem Rotarmisten in die Schule gehen muss. Es ist wohl eine Fügung, dass der alte Mann noch lebt. Aber auch ohne ihn kann ich Fortschritte machen. Schon heute. Zwei Tage lang habe ich die Margolin nicht in den Händen gehalten. Und jetzt will ich es wissen. Bin ich mit Kimme und Korn besser geworden? Landen meine Kugeln noch immer in den Nachbargärten, wenn ich die Straßenlaterne treffen will?

Während meiner Zeit im oberen Stock war ich offenbar nicht allein im Haus. Max muss hier gewesen sein, denn seine Sparbüchse steht nicht mehr auf dem Tisch. Dafür liegt mein Burberry auf dem Sofa, nicht zusammengefaltet, sondern hingeworfen. Trotzdem hätte ich den Kleinen gerne wiedergesehen und selbstverständlich seinen Sturz in den Pool mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht aber hasst er mich deswegen und kommt nie wieder. Auch den Tod seines Hundes wird er mir kaum verzeihen. Hat er zu Hause geredet? Ist damit das Schweigen von Sebastian Grohmann zu erklären? Gibt es deswegen keine Einladung mehr zu den Festen?

*

Ich mache es mir gemütlich. Der lange Klapptisch und die Stühle kommen aus dem Keller in den hinteren Teil des Gartens, unter Bäume und zwischen Buschwerk. Von hier aus wird man nicht gesehen, aber man hat einen hervorragenden Blick auf die Straßenlaterne. Sie ist heute an der Reihe. An einem Tag, der ein guter werden wird. Nicht nur die Sonne gibt mir dieses Gefühl, sondern auch meine Zuversicht, dass sich alle meine Dinge ordnen werden. Das Magazin der Margolin lässt sich wunderbar laden. Nichts klemmt, eine Patrone schmiegt sich an die andere, und ich merke, dass ich schon sehr geschickt geworden bin. Ich kann sogar die Augen schließen und die Pistole dennoch so weit bringen, dass man nur noch abdrücken muss. Auch in meiner Ordnung bin ich ein Stück weiter. Zettel liegen bereit, um meine Schüsse und Treffer zu protokollieren.

Meine Sammlung von Baguettes kann sich inzwischen sehen lassen. Sie liegen schön geordnet nebeneinander vor mir, ich muss mir nur das richtige Stück aussuchen, um meine Margolin in allen Abstufungen zum Klingen zu bringen. Besser gesagt, sie beinahe unhörbar zu machen. Jetzt im Garten könnte ich noch ohne sie auskommen, doch es gilt, Erfahrungen für Parks, U-Bahnstationen und ehrwürdige Räume zu sammeln. Oder werde ich Sigurd Fürst auf der Straße treffen?

Sorgen macht mir sein Motorradhelm. Damit ist er geschützt wie ein Soldat im Krieg. Hat nicht mein Rotarmist davon gesprochen, dass die Kugel in den Kopf zu schießen ist. Das leuchtet auch ein, denn eine bloße Fleischwunde am Arm oder im Oberkörper kann zu größten Problemen führen. Der Kerl kommt nicht zu Sturz und unter die Räder, sondern läuft mit meinem Projektil weinend zur Polizei. Ich werde den alten Herrn in der Sensengasse wohl um Rat fragen müssen.

Doch jetzt müssen erst einmal die richtigen Lichtverhältnisse geschaffen werden, denn das Ende könnte Sigurd Fürst ja auch vor meinem Haus ereilen. Alle paar Jahre verunglückt da unten ein Mensch oder kommt auf dem Zebrastreifen zu Tode. Genügend Nachbarn würden bezeugen, dass es zur Katastrophe hatte kommen müssen, viele wären sogar froh, wieder ihre Ruhe zu haben. Ich muss allerdings schrittweise vorgehen, denn nichts wäre verräterischer, als die Lampe erst in der Nacht auszuschießen. Ihr Verlöschen würde man bemerken. Zu bedenken ist außerdem das Splittergeräusch des Glases, nur, da kann ich mir kinderleicht helfen. Ich warte noch, abgedrückt wird erst, wenn er vorbeifährt, lärmend und nervend wie immer, der 41er.

Ich bin unglaublich ruhig, meine Hand zittert nicht. Laut ist hingegen die Straßenbahn. Sie kommt heran, fährt dröhnend vorbei. Eine kleine Bewegung mit meinem Zeigefinger, und das Werk ist getan. In der Lampe klafft zwar nur ein kleines Loch, aber das dürfte genügen. Wenn am Abend die entfernteren Leuchten angehen, werde ich wissen, wie gut ich war. Ich glaube, vor meinem schönen Haus wird die nächste Zeit Finsternis herrschen. Boris Makarowitsch wäre zufrieden mit dem neuen Besitzer der Margolin.

*

Jetzt hüpft Max in den Garten, voller Freude her zu den Gebüschen. Er schüttelt die Sparbüchse, in der nur noch ein oder zwei Münzen klingen. Er stellt sie auf den Tisch und überreicht mir fast feierlich den neuen Ledergürtel mit Halfter. Ein Geschenk? Der Kleine nickt voller Stolz. Warum? Ich höre aus dem Mund des Kindes, dass ich nicht mehr traurig sein müsse, jetzt seien wir beide Cowboys. Ich habe nicht den Mut, über Moritz zu reden, will nicht in alten Wunden wühlen, hoffe sogar, dass er durch die vielen neuen Ereignisse und Dinge den Hund vergisst. Er scheint auch nicht mehr an mein voreiliges Geständnis in der Nacht der Pool-Party zu denken. Das mag auch an meiner Margolin liegen, die ihn anzieht wie ein Magnet.

Max hat seine Ersparnisse geopfert, um mir etwas zu schenken, jetzt bin ich an der Reihe. Vorsichtig überreiche ihm die Margolin. Er wiegt sie in den Händen, mich freut es, ihm seinen langgehegten Wunsch erfüllen zu können. Ich erkläre ihm, dass eine richtige Waffe kein Spielzeug ist, sondern immer gefährlich, wie ein wildes Tier, wie eine Cobra, die nur darauf wartet, zuzubeißen. Er scheint mich zu verstehen, schielt vorsichtig in den Lauf, streicht mit den Fingern über das Fischhautmuster des Griffes, berührt Kimme und Korn und staunt, wie schwer sie ist. Es wird Zeit, dass ich sie ihm wieder abnehme, und übertrieben behutsam lege ich sie in ihre Holzkassette zurück. Max atmet auf, ich auch. Doch für mich ist noch nicht alles ausgestanden. Wie befürchtet kommt die Frage, ob ich damit seinen Moritz erschossen hätte. Nur, der Kleine wird auf eine Antwort warten müssen, denn die Hausklingel läutet.

*

Die hagere Gestalt des Mannes an der Gartentür erschreckt mich nicht wenig. Es ist Vinzenz. Der Kellner aus dem Café hatte recht. Mein Freund ist ein Schatten seiner selbst. Nur seine Gewohnheiten haben sich nicht geändert. Ohne lange zu fragen drängt er auf meinen Grund und Boden, geht auch voran, hin zum Dickicht, als suchte er Deckung. Offenbar will er nicht gesehen werden, denn er blickt sich um. Sein Gesicht hellt sich aber auf, als er den Tisch entdeckt. Die Anwesenheit von Max lässt ihn kurz zögern, dann zieht er einen der Stühle an sich und nimmt Platz. Wie oft sind wir hier gesessen, er und ich, all die Jahre, immer wieder, um über Gott und die Welt zu reden. Damals habe ich mich allein dem Wein hingegeben, jetzt bittet er mich um einen Schluck.

Ich hole eine Flasche aus der Küche, jene, an die ich mich so gerne erinnere. Sie ist fast noch voll, das eine Glas hat Tiffany getrunken. Es gefällt mir, dass mein Freund Vinzenz das Übrige bekommen soll. Für mich nehme ich Wasser, denn es könnte ja sein, dass die Straßenlaterne am Abend nicht erledigt ist, sondern nach wie vor leuchtet.

Mein alter Freund hat sich inzwischen bedient. Er kaut an einem Baguette, merkt sogar, dass es frische und alte gibt. Ohne dass er mich fragt, erkläre ich ihm, dass der Kleine am Tisch der Sohn eines neuen Nachbarn ist. Aber Vinzenz interessiert sich nicht für Max, sondern beginnt gleich von Sigurd Fürst zu reden. Er bereue es, diesem verkommenen Maler die Ausstellung im Justizpalast ermöglicht zu haben, jetzt sei es zu spät, jetzt sei er gezwungen, mitzuspielen.

Vinzenz hält inne. Weil er auf eine Antwort von mir wartet? Sollen wir wieder über Notwehr reden? Aber es dürften eher das Misstrauen und die Vorsicht des Richters sein, was meinen abgemagerten Freund schweigen lässt. Max ist zwar noch ein Kind, aber er hat Ohren. Erst als Max aufsteht und seine leere Sparbüchse wie ein Luftschiff zwischen den Gebüschen schweben lässt, lehnt sich Vinzenz in seinem Stuhl zurück, Glas und Flasche in den Händen. Er trinkt so schnell wie ich in meiner schlimmsten Zeit. Vinzenz sieht schrecklich aus. Sein Gesicht ist vom Rasieren zerschnitten. Aber wie soll er einen Klingenapparat bedächtig führen, wenn seine Hände so zittern, dass sogar der Wein überschwappt? Obwohl Max ihn nicht mehr hören kann, spricht Vinzenz leise. Und nach fast jedem Satz braucht er einen Schluck.

Ludwig, er bringt sie noch um. Dieses Malerschwein kann nicht begreifen, dass Frau Bruckner mich liebt. Er misshandelt sie. Er schneidet ihr die Haare ab, quält sie bis aufs Blut. Er sperrt sie ein. Ich habe sie seit zwei Wochen nicht gesehen. Ich gehe nicht mehr ins Büro, ich sitze in ihrem Penthouse und warte auf sie. Ich weiß, dass sie kommen will, aber er lässt sie nicht aus den Augen. Ich verstecke mich hinter dem Fenster und höre sein Motorrad. Die Gasse hin und her. Am Tag, in der Nacht. Wenn sie es bis zu unserem Haus schafft, fährt er sie über den Haufen, da bin ich mir ganz sicher. Fanny Bruckner, aber bei mir heißt sie Tiffany. Sigurd Fürst bringt sie noch um.

Soll ich Mitleid mit Vinzenz haben? Am besten wird es sein, ich schenke ihm reinen Wein ein und gebe ihm den Schlüssel zum Penthouse. Er wird in meinem Garten aus allen Wolken fallen, doch das stehe ich durch. Die Flasche in seiner Hand ist leer. Ich werde um eine neue gebeten. Vinzenz ist auch jetzt noch der Kommandant, der er schon immer war. Dabei gibt er sich eine Blöße nach der anderen. Er gesteht mir, seit Monaten kaum etwas gegessen zu haben, und an den Baguettes sehe ich, dass sein Zahnfleisch blutet. Ich frage ihn, welchen Wein er haben will, die Auswahl im Keller sei groß, er könne sich beinahe jeden Jahrgang wünschen. Aber Vinzenz ist es egal. Das ist kein gutes Zeichen.

Doch bevor ich seine neue Sucht stillen werde, möchte ich ihm noch eine Frage stellen. Um ihn nicht gleich wieder aufbrausen zu lassen, gehe ich die Sache ganz vorsichtig an, erzähle zunächst von meinem Besuch im Kriminalmuseum, von den Mördern dort, den Totenköpfen erschlagener Kinder, und dass mich das Fallbeil am meisten erschüttert hätte. Gäbe es bei uns die Todesstrafe, wäre Sigurd Fürst vor zwanzig Jahren hingerichtet worden. Unschuldig. Vollkommen unschuldig.

Vinzenz scheint sich innerlich aufzubäumen, und ich spüre, dass mein alter Freund darüber etwas wissen könnte. Aber er weicht aus, kommt auf sein altes Lieblingsthema Breivik zu reden, und wie unmöglich es sei, dass die Richterin bei einer Vorlesung von Gedichten über die Opfer weine, im Gerichtsaal, für jeden sichtbar. Draußen hat sich Max unter dem Apfelbaum zu schaffen gemacht, mit Händen und Füßen scharrt er am Grabhügel seines Hundes. Aber ohne Schaufel wird er ihn nicht finden, Moritz liegt zu tief. Trotzdem rufe ich zu ihm hinüber, er soll doch auf den Baum klettern und schon einmal die Stelle für seine neue Hütte aussuchen.

Max hängt schon an einem Ast, schaukelt ein wenig hin und her, und dann gelingt es ihm doch, sich hinaufzuziehen. Auch ich werde jetzt nicht nachgeben. Ich lasse alle Umschreibungen und Andeutungen beiseite, frage Vinzenz geradeheraus. Ist er schuldig oder nicht?

Wer? Wen meinst du? Ich schlage auf den Tisch. Der Knall klingt lauter als alle meine Schüsse. Sogar die Kassette ist ein Stück verrutscht, und einige Baguettes liegen auf dem Boden. Vinzenz hebt sie auf, aber nur um Zeit zu gewinnen und mir nicht antworten zu müssen. Mein ehemaliger Vorgesetzter ist zum Angeklagten geworden, und als solcher macht er eine erbärmliche Figur. Schon steigt in mir ein Trieb hoch, den ich seit fast einem Jahr nicht mehr habe ausleben dürfen. Es sitzt einer vor mir, den es zu erledigen gilt. Ich will die Wahrheit wissen, nichts als die Wahrheit. Hat Sigurd Fürst seinen Freund umgebracht?

Vinzenz weicht aus, ich bin nahe daran, ihn anzubrüllen. Doch manchmal ist es besser, wenn man als Richter ganz einfach lügt. Pinsel und Farben. Ich bin Maler wie er. Wie Sigurd Fürst. Ist er der Pflastersteinmörder oder nicht?

Vinzenz ist an der Kippe. Entweder redet er jetzt, oder er fängt zu weinen an. Beides ist fast so viel wert wie ein Geständnis. Oder er stürzt sich auf mich, und Max muss mitansehen, wie zwei alte Freunde sich auf dem Grasboden wälzen. Wahrscheinlich würde mir der Kleine sogar zu Hilfe kommen, denn schon jetzt spürt er die Feindseligkeit an unserem Tisch. Er klettert sogar vom Baum, setzt sich uns gegenüber, drückt verlegen an seiner Sparbüchse herum, fängt an, von den Baguettes zu essen.

Während ich überlege, hat Vinzenz Zeit, nachzudenken. Oft ist es am besten, jemanden zu sich kommen zu lassen. Anschreien ruft meistens nur Widerspruch hervor, Stille hingegen lässt das Gewissen eines Angeklagten wachsen. Noch stottert mein alter Freund, ich verstehe ihn kaum. Das hängt vielleicht mit seinen blutigen Zähnen zusammen, oder ich muss ich doch bald ein paar Weinflaschen bringen.

Ludwig, du hast es leicht. Ich bin noch im Amt. Da ist auf der einen Seite die Schweigepflicht, auf der anderen, auf der anderen, auf der anderen. Du verlangst viel von mir. Man darf auch nicht hin und her. Schuldig, unschuldig. Dann wieder schuldig. Das kann sich niemand leisten, keine Justiz. Und wir wollen nicht so dastehen wie die Norweger mit ihrem Breivik. Einmal ist er unzurechnungsfähig, dann wieder nicht, die Wahrheit ist eben eine Hure. Und erst die Gutachter. Die größten Schweine. Man gibt ihnen einen Pflasterstein in die Hand, und schon wissen sie alles. Aber jetzt das Ganze wieder aufzurollen. Ein Zirkus. Das hat mein Haus nicht verdient. Weißt du noch, wie schön der Justizpalast ist? Die breite Treppe, die Säulen, das Glasdach. Hast du ihn dir einmal angesehen? Mit offenen Augen? Man schaut auf ihn. Und auf mich. Mein lieber Ludwig, lass uns Sigurd Fürst begraben.

Er wird mir alles sagen. Wie jeder meiner Angeklagten. Ich habe ihn so weit. Ich werde ihm helfen und ihn bei Laune halten. Ich verspreche ihm so viel Wein, dass er heute allein nicht mehr aufstehen kann. Nur Max scheint mein Angebot nicht zu gefallen, denn er wartet noch immer darauf, dass ich mich mit seinem Geschenk beschäftige. Mittlerweile tröstet er sich mit den Krumen der Baguettes, die er auf der Holzkassette der Margolin zu einem Bild anordnet. Ich glaube, es wird ein Schiff. Vielleicht sogar die Santa Maria.

*

Im Keller nehme ich zwei der besten Weine aus den Regalen, für einen dritten krieche ich sogar in eines der hintersten Gewölbe, wo kaum bezahlbare Jahrgänge gelagert sind. In diesem Verlies von Ziegelhaufen und Mauerdurchbrüchen überkommt mich die Angst. Hat mein alter Freund erst vor Kurzem von all dem erfahren? Oder weiß er schon länger von Sigurd Fürsts Schuld.

Wieder über der Erde blendet mich das Licht der untergehenden Sonne, und obwohl wir erst Anfang Mai haben, werden wir heute noch lange im Freien sitzen können. Vinzenz ist in seinem Stuhl eingeschlafen. Max hat sich verzogen, er muss jetzt wohl in seinem eigenen Garten den einsamen Cowboy spielen. Die Holzkassette liegt offen da, und die Margolin finde ich unter dem Tisch im Gras. Ganz ohne Zorn ist der Kleine also doch nicht gegangen.

Die Augen von Vinzenz sind glasig, und sein starres Gesicht ist schrecklich anzusehen. Noch mache ich mir beruhigende Gedanken. Auch ich bin manchmal in diesem Stuhl gesessen und muss betrunken und halb bewusstlos ein entsetzliches Bild abgegeben haben. Doch Vinzenz ist weiter. Ich wage es kaum, an ihn heranzutreten. Sein Gesicht riecht nach meinem Wein. Brust und Halsschlagader sind ruhig. Es ist kein Atmen zu hören, nur das Zwitschern der Vögel rundum. Anstelle der Tränendrüse am linken Auge hat Vinzenz ein kleines Loch. Es fließt nur wenig Blut heraus, trocknet auch sofort auf der Wange. Es kann keinen Zweifel geben. Vinzenz Wolf ist tot. Getroffen von einer Kugel aus meiner Margolin.