»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Alles Unheil bricht über mir zusammen. Ich muss mich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden. Die Hitze des Tages erstickt mich, und das Zittern meines ganzen Körpers bringt die Weinflaschen auf dem Tisch zum Klirren. Ich habe schon so manchen Toten gesehen, aber noch keinen in meinem Garten. Es gab auch noch keinen Freund, der leblos vor mir gesessen wäre. Vinzenz sackt außerdem mehr und mehr zusammen, und aus dem Mund quellen Speichelblasen. Seine Augen sind nach wie vor auf den Platz gerichtet, wo Max gesessen ist. Vinzenz hat dem Tod ins Angesicht geblickt, dem Kleinen vielleicht noch zugerufen, dass er die Waffe in die Luft richten soll, nicht auf ihn. Oder er hat keine Miene verzogen, weil sich in Kinderhänden eigentlich immer nur Spielzeugpistolen befinden.

Max brauchte weder ein Baguette, noch musste er auf das Vorbeifahren der Straßenbahn warten. Vor Schreck ließ er die Margolin fallen, und ergriff die Flucht. Aber vielleicht war ihm gar nicht klar, was er angerichtet hatte. Vinzenz dürfte sich nicht aufgebäumt haben, er fiel auch nicht mit großer Gestik in den Pool. Er ist nur nicht mehr. Was für ein Verbrechen, die Margolin hier liegen zu lassen. Wie einfältig muss ein Mensch sein, wenn er glaubt, in einer Holzkassette sei sie sicher. Max hat sie aus ihrem Gehäuse geholt, die Kobra musste nicht einmal aus einem Käfig flüchten, um ihr Gift zu versprühen.

Soll ich jetzt auch die Rettung rufen, oder nur die Polizei? Ich laufe ins Haus, in eines der hinteren Zimmer. Vom Fenster aus sehe ich Vinzenz am Tisch, drei Weinflaschen vor sich, durch die Sonne in den Blättern rundum könnte die Idylle nicht schöner sein. Wie soll man bei so viel Romantik an ein Drama denken? Habe ich vorhin wirklich einen Toten gesehen? Noch habe ich die Kugel nicht ins Rollen gebracht, wenn ich die Polizei erst in einer halben Stunde verständige, bin ich noch kein Verbrecher. Deswegen mache ich mich auf den Weg zurück, nehme sogar wieder Platz neben einem Menschen ohne Leben. Ein paar Vögel lassen sich am Tisch nicht stören. Es kommen sogar noch mehr, um die Krumen meiner Baguettes aufzupicken.

Vinzenz wird sich nie wieder Gedanken machen, meine aber beginnen schon, mir helfen zu wollen. Noch sehe ich nicht den geringsten Ausweg, keinen Lichtblick an diesem strahlenden Tag im Mai. Aber mein Richtergehirn beschäftigt sich schon mit der Strafe, die mir verpasst werden könnte. Bei meiner Fahrlässigkeit muss ich mit einigen Jahren rechnen. Genug, um kein Leben mehr zu haben. Ich fange an, mich wie meine Angeklagten zu verhalten. Was ist zu tun, um dem Untergang zu entkommen? Polizei und Kriminalbeamte sind jetzt schon meine Feinde, und es ist vollkommen undenkbar, sie an den Ort meines Versagens und der größten Katastrophe in meinem Dasein zu rufen.

Das ginge nur, wenn das Ganze als Unglück dargestellt werden könnte, aber davon sind Max und ich weit entfernt. Die Margolin ist voll von unseren Fingerabdrücken. Ich habe unzählige Spuren hinterlassen. Kristina hat meine Todesdrohungen in meiner Schreibmaschine gelesen, Tiffany hat das Blatt sogar mitgenommen. Dabei ist es völlig egal, wen ich umbringen wollte, ob Sigurd Fürst oder jemand anderen. Sebastian Grohmann würde die Gunst der Stunde nützen und auch ohne weitere Anstrengungen an meinen Keller kommen. Ein Mordhaus kauft kein Mensch, es würde billig zu haben sein. Sogar den alten Rotarmisten sehe ich im Gerichtssaal. Fast ohne russischen Akzent wird er von meiner Neugier auf das Töten mit dem kleinen Kaliber erzählen.

Mein Trieb zum Überleben ist so mächtig, dass mir Vinzenz nicht mehr wie mein Freund vorkommt, sondern wie einer, der es wahrscheinlich verdient hat, beseitigt zu werden. Ich kann ihm auch ohne schlechtes Gewissen in die gebrochenen Augen schauen. Dieser Mensch hat mich mehr als einmal aufs Tiefste verletzt, er hat in mir nie den Richterkollegen gesehen, sondern wie mein Vater immer nur die Banane. Bestimmt weiß er schon länger von der Schuld des Pflastersteinmörders Sigurd Fürst. Warum ist er nicht gleich gekommen, um mich von meinem Fehlurteil zu befreien?

Soll ich ihn begraben? Platz ist in meinem Garten genug, es muss ja nicht an der Seite von Moritz sein. Oder lege ich ihn in der Nacht auf die Straße, damit er von Autos überrollt wird? Betrunken hat er mein Haus verlassen, das kann ich bezeugen, und nichts wird man leichter feststellen können als genügend Alkohol im Blut, dazu seit Monaten seine Unzuverlässigkeit im Justizpalast, und im Café erschreckend hohe Rechnungen für Wein. Wie hat Boris Makarowitsch gesagt? Kaschieren, überdecken. Die vielen Verletzungen würden als Todesursache genügen, kein Mensch würde irgendwelche Zweifel haben oder gar nach dem getreidekorngroßen Kupferstück in seinem Kopf suchen.

Während mir solche Gedanken kommen, habe ich das Gefühl, gar nicht dabei zu sein. Das bin nicht ich. Das sind die Vorstellungen der letzten Monate, allerdings in Verbindung mit Sigurd Fürst. Jetzt kommen sie mir gelegen. Ich werde verhindern, dass ein Kind zum Mörder wird. Ich schaffe Vinzenz Wolf aus dem Leben von Max und mir.

Doch vorerst geht es an die praktischen Dinge. Ich stelle den großen Sonnenschirm hinter Vinzenz. Von allen anderen Seiten ist der Tote bestens geschützt. Jede Sekunde wird genützt, der Not zu entkommen. Doch in welche Richtung muss ich fliehen, um mich und Max zu retten? Sogar die Verlegung der Leiche in einen Nachbargarten kommt mir in den Sinn, oder ich bringe sie nachts in einen Park. Ohne Auto? Mit einem Taxi? Verrücktheiten tauchen in meinem Denken auf, werden verworfen, neue erfunden.

Eine weitere Möglichkeit wäre, ich bitte Sigurd Fürst um Hilfe, rufe ihn an, überbringe ihm die freudige Botschaft vom Ableben seines Nebenbuhlers und vereinbare mit ihm ein Treffen in meinem Garten. Zu zweit werden wir leicht Herr der Lage, und warum sollten wir Vinzenz nicht in der Donau versenken? Oder das Krebsenwasser fängt ihn auf. Am raffiniertesten wäre wohl, wir beide verfrachten den Verstorbenen in das Penthouse, dort kann er warten, auf Tiffany. Das größte Problem wäre der Transport. Wie bringen wir eine Leiche vom Platz hinter dem Stephansdom zum Lift? Eingerollt in einen Teppich? Oder Arm in Arm mit Vinzenz, wie es bei einem Betrunkenen üblich ist, wenn ihn Freunde nach Hause bringen?

Inzwischen begreife ich, dass die abwegigen Einfälle nur dazu dienen, mich auf den richtigen Weg zu führen und mir den Keller als die beste und einzige Möglichkeit erscheinen zu lassen. Ein widerlicher Gedanke, noch wehre ich mich dagegen, denn ich will nicht lebenslang einen Toten im Haus. Andererseits kommt es nur auf die richtige Einstellung an. Vinzenz wäre kein stiller Mitbewohner, sondern einer von draußen, dort wo die Straßenbahn fährt, im Untergrund Wiens, in einem Gewölbe, das mehr der Stadt gehört als mir. In den verzweigten Gängen kann seine Leiche von jedermann abgelegt worden sein. Nicht nur Nachbarn kommen in Frage, sogar Arbeiter in angrenzenden Kanälen, oder jemand, der mich mit dem Tod meines Freundes in Verbindung bringen möchte.

Dennoch muss ich mein Vorhaben überprüfen. Vinzenz wird erst angefasst, wenn ich nicht mehr unter Schock stehe und die Dinge klar erkenne. Mein Urteilsvermögen wird mir helfen, das Richtige zu tun. Bisher gab es keinen falschen Schritt. Noch stehen mir alle Möglichkeiten offen. Ich kann in mein Zimmer gehen, die Polizei anrufen und ihr den Ablauf des Dramas höchst wahrheitsgetreu schildern. Da ich vollkommen nüchtern bin, kann ich mich auch an jede Einzelheit erinnern.

Doch was ist, wenn das Nächstliegende passiert? Max lügt. Er leugnet seine Tat. Wer traute wohl einem Kind einen Treffer mitten in die Tränendrüse eines Auges zu. Man wird feststellen, dass der Kleine meine Margolin nicht einmal heben und schon gar nicht ruhig in den Händen halten kann. Dann bin ich der Mörder und noch heute im Gefängnis. Ich müsste weg von hier, noch vor Sonnenuntergang. Und es ist so schön warm in meinem Garten. Sogar Vinzenz profitiert davon. Es wird noch Stunden dauern, bis sein Körper so kühl ist wie die drei Weinflaschen vor ihm auf dem Tisch. Und er hatte Glück. Im letzten Augenblick seines Lebens hatte er nicht die Fratze von Sigurd Fürst vor sich. Sein Tod war ein Kind.

Ich bin weder zynisch noch kaltschnäuzig, ich versuche nur, mit meinem Schicksal zurechtzukommen, wie meine Angeklagten. Man kann kein Ereignis ungeschehen machen, wohl aber versuchen, seine Zukunft zu retten. Zu meinem Trost bin ich weder Totschläger noch Mörder. Bisher ist durch meine Hand kein Mensch umgekommen, nur ein Hund. Und sollte ich Vinzenz wirklich in den Keller schleppen, so geschieht das nicht allein für mich, sondern ich helfe auch einem Kind, das sein ganzes Leben noch vor sich hat.

Ich glaube sogar, Vinzenz würde handeln wie ich. Langsam beginnt der Schweiß auf seinem Gesicht zu trocknen. Das erinnert mich daran, wie wenig Zeit vergangen ist. Vor einer halben Stunde hat dieser Mensch noch gelebt, allerdings in Verzweiflung und mit der falschen Hoffnung auf meine Tiffany. Hätte er noch ein gutes Leben vor sich gehabt? Oder war die kleine Kugel zur richtigen Zeit eine Erlösung für ihn? Ich sollte seiner Totenmaske schon längst die Augen schließen, doch noch ist es mir unmöglich, meinen Freund zu berühren. Ich könnte ihm die Augen mit dem Bleistift zudrücken. Wahrscheinlich hat er sogar damit gespielt. Oder ein Geständnis geschrieben. Auf das Blatt vor mir. Das Papier, auf dem ich heute meine Schießergebnisse verewigen wollte, zeigt tatsächlich eine hingeworfene Zeile, doch die Botschaft ist enttäuschend. Ich will nicht mehr. Adieu.

Fünf Worte, kaum lesbar, im Rausch geschrieben. Vinzenz wollte sich also verdrücken, mir nicht weiter Rede und Antwort stehen. Wäre er doch nur gegangen, zum Gartentor hinausgeschwankt, lebend aus meinem Dasein verschwunden. Ich will nicht mehr. Adieu. So verabschieden sich Selbstmörder, aber dafür war die Pistole zu weit weg von ihm, im Gras unter dem Platz von Max, und außerdem schießt sich kein Lebensmüder ins Auge. Auch wäre Vinzenz sicherlich zu feige gewesen, seiner Erbärmlichkeit ein Ende zu setzen. Er hatte ja nicht einmal den Mut, mir zur Seite zu stehen. Vielleicht hat ihm sogar mein Sturz gefallen. Mehr und mehr beschleicht mich das Gefühl, mein Todfeind heißt nicht Sigurd Fürst, sondern es ist dieser Mann neben mir.

Ich drücke ihm mit dem Ellbogen die Augen zu. Das geht fast wie von selbst. Ich muss mich auch nicht lange überwinden, aufzustehen und hinter ihn zu treten. Noch vor wenigen Monaten wäre mir Vinzenz zu schwer gewesen, jetzt ist sein Schatten zwar nicht leicht, doch ich schaffe es, ihn anzuheben. Die Mühe kommt allerdings mit den ersten Schritten. Nicht nur der Stuhl fällt um, auch Vinzenz sackt zu Boden. Ich muss ihm immer wieder unter die Arme greifen, um ihn über die Wiese bis zur Kellertür zu schleifen. Einer seiner Schuhe bleibt an der Schwelle hängen, doch meine Wut auf ihn und mein Überlebenswille geben mir die Kraft, die Leiche fast bis zur steilen Stiege zu bringen. Das soll es fürs Erste bleiben, in die Tiefe geht es dann in der Nacht, oder morgen, wann immer.

Noch könnte ich den anderen Weg einschlagen. Bisher ist nichts Verwerfliches geschehen, kein Verbrechen meinerseits. Die weiteren Schritte wären einfach. Ich laufe in mein Zimmer hinauf und rufe anstelle der Polizei die Rettung. Ich rede von zu viel Wein, einem Hitzschlag durch die ungewohnte Sonne mitten im Mai, und meiner Hilflosigkeit. Kein Mensch kann von mir erwarten, dass ich die ganze Tragödie längst begriffen und durchschaut habe. Weder der Notarzt noch ein Sanitäter würde sich um das blutunterlaufene Auge eines Säufers besondere Gedanken machen, erst im Krankenhaus würde man die Kugel entdecken. Ein Unfall. Verursacht durch eine Waffe in Kinderhänden.

Aber Vinzenz kühlt im Keller schneller aus. Was ist, wenn seine Temperatur gemessen wird? Dann wüsste man, dass er nicht erst jetzt gestorben ist, dass ich zugewartet habe. Auch seine Leichenstarre fängt demnächst an. Die Augenlider sind schon in der nächsten Stunde an der Reihe, für den ganzen Körper braucht es bis Mitternacht. Wann mache ich mich mit ihm auf den Weg über die Stiege und über die vielen Gewölbe bis in den hintersten Keller? Am besten jetzt gleich, denn sonst muss ich warten, bis die Leiche wieder weich und gelenkig ist.

Ich kehre an den Tatort zurück, setze mich sogar in den Stuhl von Vinzenz. Dabei wäre es viel wichtiger, die Holzkassette mit der Margolin in Sicherheit zu bringen. Doch solcherlei Anstalten machen nur Mörder, und ich bin ja nicht einmal Zeuge der Tat. Ich bin sogar froh, vor lauter Schwäche nichts tun zu können und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Viele meiner Angeklagten haben nach derartigen Ereignissen zur Flasche gegriffen, und ich habe drei vor mir stehen. Aber um auch nur eine zu öffnen, müsste ich einen Korkenzieher holen. Und der Gang in mein Zimmer könnte mir zum Verhängnis werden. Ein Anfall von schlechtem Gewissen würde genügen, um mich zum Telefon greifen zu lassen. Hier bin ich sicher.

*

Es klingelt nicht, aber die Gartentür wird aufgerissen. Stöckelschuhe knallen hinter meinem Rücken auf den Steinplattenweg, in wenigen Augenblicken wird meine Zukunft entschieden sein. Aber Kristina hat keine Zeit für mich, was sie allerdings nicht daran hindert, mir einen ihrer ältesten Vorwürfe zu machen. Sie hält es nicht für gut, alleine zu trinken, noch dazu eine solche Menge, wie ich sie vor mir stehen habe. Wein diene der Geselligkeit und nicht dem Einsiedlertum. Deswegen sei sie auch hier, um zum heutigen Fest der Grohmanns nicht wieder mit leeren Händen zu kommen. Aber für Sebastian und Nadine müssten es edle Tropfen sein, und die gäbe es ja hoffentlich noch unten in meinem Verlies.

Entweder lasse ich meine Frau über meinen alten Freund stolpern, oder ich begreife endlich, dass sich die Dinge wunderbar fügen. Noch bevor sie die Kellertür öffnen kann, bringe ich Kristina mit einem Zuruf zum Stehen. Sie könne die besten Weine haben, ohne zu den Ratten gehen zu müssen. Ich zeige auf die Flaschen von Vinzenz, halte ihr die verstaubteste entgegen, drehe das Etikett ins Sonnenlicht, rede vom hervorragenden Jahrgang 1912 und dass er mehr koste als alle Grohmann’schen Whiskys zusammen. Kristina kommt auf mich zu, hebt sogar noch den Schuh von Vinzenz auf und legt ihn mir auf den Tisch. Es freue sie, dass ich endlich anfange, echte Budapester zu tragen, das hänge doch sicher mit der Frau zusammen, die man vor ein paar Tagen über meinen hinteren Zaun klettern gesehen habe. Eine heimliche Liebschaft, die niemand entdecken dürfe, oder sei mir ihr Ehemann auf die Schliche gekommen?

Kristina weiß alles über Schuhe, aber von Tiffany hat sie keine Ahnung. Sie drückt trotz des Staubes die drei Weinflaschen an sich, und ich muss ihr garantieren, dass sie damit den Wert einer Golfausrüstung in den Armen hält. Sie verspricht mir, mit den Grohmanns auf mich anzustoßen, und macht sich auf den Weg, laut wie immer.

Ich bin Kristina dankbar. Es ist alles entschieden, eine Umkehr ist nicht mehr denkbar. Wie könnte ich jetzt noch der Polizei die Wahrheit erklären? Vinzenz kommt in das hinterste Kellerloch, ich muss mir nur noch die Richtung überlegen. Die vielen Möglichkeiten fallen ab wie eine erdrückende Last. Ich werde alles für mich tun. Endlich bin ich auf der anderen Seite. Die Erfahrungen als Richter werden mir helfen, meine Santa Maria über das große Meer zu steuern. Deswegen werde ich auch die letzten Worte von Vinzenz zu nützen wissen. Ich will nicht mehr. Adieu. So verabschieden sich Menschen, die ihr Leben nicht mehr ertragen. Das Blatt Papier muss nur an der richtigen Stelle gefunden werden, denn auf meinem Gartentisch ist es nutzlos, im schlimmsten Fall sogar verräterisch. Nein, Herr Wolf ist nie hier gewesen, ich habe ihn schon seit Monaten nicht gesehen.

*

Mein Schiff schlingert. Mitten in der Innenstadt. Dabei ist alles bestens bedacht. Mit Vinzenz ist ohnehin erst nach Eintritt der Leichenstarre etwas anzufangen, ich habe ihn vor meinem Weggehen noch in eine Ecke des Kellers gezerrt und zugedeckt. Jetzt gilt es, aus ihm einen Mann zu machen, der von einem Tag auf den anderen untergetaucht ist, der ganz einfach verschwinden wollte, vielleicht sogar Selbstmord beging, und seine letzte Nachricht so schnell wie möglich an seinen liebsten Platz zu bringen. Abschiedsbriefe werden meistens von Putzfrauen gefunden, und ich muss vor ihr im Penthouse sein. Ich umklammere Tiffanys Schlüssel, aber meine Übelkeit will trotzdem nicht weichen. Als wäre ich seekrank schwankt der Innenhof des mächtigen Gebäudes über mir, und meine Angst lässt mich nicht weitergehen, hinüber zum Lift, der direkt ins Penthouse fährt. Es ist noch hell genug, um genügend Hausbewohner zu Zeugen zu machen. Trotz der Brille meines Vaters würde man mich beschreiben können.

Ich bin auf der Flucht. Vor meinem eigenen Vorhaben, hinaus auf die Straße. Auch wenn kein Mensch meine Absichten erkennen kann, fühle ich mich verfolgt. Auf dem kurzen Weg zum Stephansdom gerate ich zwischen die Pferde der wartenden Fiaker, spiele sogar einen an Türmen und Wandtafeln interessierten Touristen. Ich suche den Schutz der Dunkelheit und dränge mich deswegen durch das Tor in die Kathedrale. Hier müsste ich sicher sein, unter den verschlungenen Kreuzgewölben und hohen Fenstern. Trotzdem springt mir ein Eisengitter entgegen, und ich denke an mein zukünftiges Gefängnis. Aber auch die riesigen Flächen brennender Kerzen werden ihre Bedeutung haben.