»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Im Stephansdom war ich als Diener des Justizministeriums, wenn es eine Messe anlässlich eines verstorbenen Bundespräsidenten gab, heute hat es mich hierher verschlagen, weil mein Richterkollege Vinzenz Wolf zu Tode gekommen ist. Aber ich bin nicht in der Kirche, um für ihn zu beten, sondern aus Angst. Sie treibt mich in die Ecke eines Seitenschiffs, vorbei an einem Laden für Souvenirs und Devotionalien und hin zu einem Türbogen, durch den ich zuletzt vor Jahrzehnten mit meinen Eltern gegangen bin. In Erinnerung ist mir der Blick auf die Stadt geblieben, und dass man ohne Stufensteigen die Plattform des Nordturms erreichen konnte. Jetzt bin ich wieder im Lift, auf dem Weg nach oben, und ich werde die Stunden bis zur Dunkelheit zu nützen wissen. Die Aussicht ist prächtig, wenn auch weniger beeindruckend als zu meinen Kinderzeiten. Doch sosehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht, das Penthouse von Vinzenz im Gewirr der Giebeln und Dächer ausfindig zu machen.

Was habe ich erhofft? Ihn lebendig hinter einem der Fenster zu entdecken? Wie er auf Tiffany wartet oder sich die Ohren zuhält, um nicht mehr das Motorradgedröhn ihres rasenden Liebhabers aus den Gassen darunter hören zu müssen? Es hätte mir schon genügt, einen Blick hinter die gläsernen Wände werfen zu können. Werde ich allein sein, wenn ich das Penthouse betrete? Kann ich das Licht andrehen, oder muss ich im Dunkeln bleiben, um nicht von allen Seiten gesehen zu werden?

Ich bin auf jeden Fall bestens vorbereitet, mein Auftritt im Penthouse ist bis ins Kleinste durchdacht. Trotz der Ereignisse des heutigen Tages konnte ich den kühlen Kopf des Richters bewahren, und ich hoffe, die Dinge richtig einzuschätzen. Stümperhaft wäre es gewesen, die letzte Nachricht von Vinzenz falsch zu behandeln. Zwar war ich versucht, das Stück Papier zu säubern, um meine Fingerabdrücke zu entfernen, aber damit wären auch die seinen verschwunden gewesen. Manche der Buchstaben sind durch den Wein so zittrig und verbogen, dass man sie für eine Fälschung halten könnte. So aber wird das Blatt ihm zugerechnet, und natürlich auch meinem Bleistift. Es wäre verhängnisvoll, ihn nicht auf seinen Tisch zu legen, denn womit sonst hätte Vinzenz seinen Abschiedsbrief verfasst? Ich denke eben an die kleinsten Dinge genauso wie an die großen Zusammenhänge. Dennoch nehme ich ein gewisses Risiko in Kauf. Auch meine Papillaren wird ein eifriger Kriminalbeamter entdecken. Doch was fängt er an damit? Ich bin in keiner Kartei, eben nichts weniger als ein Verbrecher. Und sollte sich alles verheerend entwickeln und man sogar bis an meine Gartentür gelangen, steht mir noch immer die Behauptung offen, selbstverständlich im Penthouse gewesen zu sein, zu Besuch bei meinem Freund Vinzenz. Wie wären da meine Fingerabdrücke zu vermeiden gewesen?

Trotzdem werden heute Handschuhe getragen, aber erst oben in seinem gläsernen Käfig, denn bei der heutigen Hitze würden sie sogar den Touristen um mich herum auffallen und für Zeugenaussagen in Erinnerung bleiben. Eines ist allerdings nicht zu vermeiden. Ich werde sie hinterlassen. Meine DNA. Selbst wenn ich nur einen Blick in das Penthouse werfe. Man wird jedoch nicht feststellen können, ob sie von heute oder aus längst vergangenen Tagen stammt. Dafür bleibt sie ewig erhalten. Schade nur, dass die DNA von Sigurd Fürst auf dem blutverkrusteten Pflasterstein nicht zu finden war. Damit konnte er seine Unschuld beweisen, und dennoch muss es anders gewesen sein. Vinzenz kannte das Geheimnis, aber er wird es mir nicht mehr gestehen, selbst wenn ich ihn morgen die Kellerstiege hinunterfallen lasse.

Das allein würde genügen, um mich ins Gefängnis zu bringen. Aber ich gebe zu, mich reizt das Spiel gegen die vermeintliche Gerechtigkeit, und ich werde es gewinnen. Quälend ist allerdings das Warten auf mein nächstes Verbrechen, denn die Sonne will und will nicht untergehen, auch wenn die Fiaker und Besucher der Innenstadt immer längere Schatten werfen. Dazu werde ich jetzt auch noch aus meiner sicheren Höhe vertrieben, denn die Plattform wird geschlossen. In allen Sprachen werden wir zum Lift kommandiert, ein Paar aus Frankreich versucht noch einen Blick auf die Pummerin zu erhaschen. Ich selbst schrecke auf, weil ich eine Sirene aus den Gassen unten höre, ducke mich wie ein Gejagter. Ab heute werde ich nicht mehr unbesorgt durch die Stadt gehen können. Ich verlasse den Nordturm des Stephansdoms als Letzter.

Wie gerne wäre ich noch oben geblieben, so weit weg von meinen Sorgen hier unten. Das Haus von Vinzenz liegt noch immer im Hellen, und ich treibe im Touristenstrom über den Graben bis hin zum Kohlmarkt. Ich könnte ins Kino gehen oder in einem Café die Zeit des Zuwartens totschlagen. Doch den Film würde ich vor lauter Aufregung nicht sehen und in den Gästen des Kaffeehauses doch immer wieder nur das Gesicht von Vinzenz entdecken. Jetzt wird er schon erstarrt sein und kühl wie mein Keller. Vor einem Schuhgeschäft fällt mir sein verlorener Budapester ein, und Kristina. Hartnäckig, wie meine Frau ist, wird sie darauf bestehen, dass ich sie anziehe, die schönen neuen Schuhe. Dabei werden sie gemeinsam mit Vinzenz vermodern. Kein Mensch kann von mir verlangen, die Schuhe eines Toten zu tragen.

*

Die Verkäuferin ist nicht so freundlich wie meine Waffenhändler, aber ich schikaniere sie auch schon seit einer Stunde, immer mit Blick hinaus, ob es auch schon dunkel genug ist. Endlich entscheide ich mich für jene Budapester, die nach meinem Urteil den Schuhen von Vinzenz am ähnlichsten sind. Kristina wird sie demnächst an mir bewundern und ihre Freude mit mir haben, selbst wenn wir uns über meinen verschwundenen Freund Vinzenz unterhalten sollten. Und ich bin zufrieden, weil es mir gelungen ist, den ersten Kreis im großen Spiel um Täuschung und Verbrechen zu schließen.

*

Endlich ist es so weit. Zwar sind die Plätze um den Stephansdom noch immer voller Leben, aber im Haus von Vinzenz herrscht Dunkelheit, und die Mieter rundum haben sich in die Wohnungen zurückgezogen. So weit ich es erkennen kann, sieht mich kein Mensch auf dem Weg über den Lift ins Dachgeschoss. Ich verzichte darauf, das Flurlicht anzudrehen, Schloss und Schlüssel ertaste ich trotz Handschuhen mühelos. Aus einer entfernten Nachbartür höre ich Musik, aber niemand kümmert sich um mich. Ich könnte ja Vinzenz sein. Oder Tiffany, die ihn besucht. Trotzdem wage ich es nicht, im Wohnzimmer meines verstorbenen Freundes eine der vielen Lampen einzuschalten. Das ist auch nicht notwendig, denn durch die großen Fenster und die verglaste Decke schimmert genug Licht vom abendlichen Himmel. Die Tragtasche mit den Budapestern wird in den Vorraum gestellt, und die Brille meines Vaters abgenommen. Schon nach kurzer Zeit haben sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt, und ich sehe die Hinterlassenschaft von Vinzenz.

Noch vor wenigen Monaten, bei meinem ersten Besuch, war sein kleines Penthouse sauber und aufgeräumt, eben für Tiffany vorbereitet. Jetzt sieht es aus wie Vinzenz. Es ist kaum möglich, einen Platz ohne herumliegendes Zeug und fallengelassener Schmutzwäsche zu entdecken, fast bei jedem Schritt trete ich auf verstreute Chips und Kronenkorken. Tiffany hat hier natürlich nichts eingerichtet, nicht einmal den Tisch nach ihrem Geschmack gedeckt. Er ist vollgeräumt mit Zeitungen, ungeöffneten Briefen und leeren Flaschen. Auf dem Boden glänzen Splitter, und ich glaube, dass Vinzenz nicht mehr aus Gläsern getrunken hat, vielleicht heute seit längerer Zeit wieder, und das zum letzten Mal.

An dieser Stätte eines aus dem Tritt gekommenen Menschen fehlt nur noch ein letztes Zeugnis für sein Verschwinden. Ein langer Abschiedsbrief wäre unglaubwürdig und Herrn Wolf nicht mehr zuzutrauen. Zwei Zeilen genügen. Ich will nicht mehr. Adieu. Das Rundum beweist die Wahrhaftigkeit dieses Stücks Papier. Ich ordne alles an, wie ausgedacht. Der Bleistift macht mir sogar den Gefallen, vom Tisch zu rollen und zwischen den zerbrochenen Gläsern zu landen. Alles fügt sich ineinander, die Räder meines Meisterwerks können zu laufen beginnen. Wer wird hier noch nach fremden Fingerabdrücken suchen oder sich die Mühe machen, meine DNA zu sichern? Wozu? Nichts weist auf ein Verbrechen hin.

Allerdings kommt auch schnell Sand in mein Getriebe. Wer soll die letzte Botschaft von Vinzenz entdecken? Ich habe mich beeilt, einer Putzfrau zuvorzukommen, aber dieses Penthouse wurde wahrscheinlich nie von einer Frau mit Staubtuch und Wasserkübel betreten. Tiffany hat keine Schlüssel, um hier doch noch aufzutauchen, und die Nachbarn werden nichts unternehmen, da sie keinen Leichengeruch wahrnehmen.

Vinzenz hat auch ihr geschrieben. Frau Fanny Bruckner steht auf dem Kuvert, und ein Postfach im 3. Bezirk. Er ist nicht mehr dazugekommen, den Brief abzuschicken, aber auch der Umschlag ist noch offen. Wollte er seinen Zeilen etwas hinzufügen oder bereits Geschriebenes streichen? Wenn seine Nachricht an Tiffany von Lebenslust sprüht, wird sein Adieu jede Glaubwürdigkeit verlieren. Außerdem sollte nicht auch sie in die ganze Angelegenheit hineingezogen werden. Deswegen kann es nur richtig sein, wenn ich dieses Stück an mich nehme. Eigentlich ist es nur ein Tausch, Papier gegen Papier. Obwohl ich weiß, wie unsinnig mein Handeln ist. Denn um sämtliche Stolpersteine auf meinem ausgedachten Weg zu finden, müsste ich die ganze Wohnung durchwühlen.

Trotzdem sehe ich im Badezimmer nach, um eine andere Gewissheit zu bekommen. War sie hier oder nicht? Aber von Tiffany gibt es weder auf den Konsolen noch in den Schränken eine Spur, dafür erinnert mich die blutige Zahnbürste von Vinzenz an den heutigen Nachmittag. Bis jetzt habe ich keine Ahnung, warum er zu mir gekommen ist, aber er schien auf der Flucht zu sein. Oder war es die Zerfahrenheit des Alkoholikers? Auf jeden Fall dürfte er von keinem meiner Nachbarn gesehen worden sein, und das ist wiederum günstig für mich und meine Pläne.

Auf dem leeren Bücherbord im großen Zimmer finde ich ihn dann doch. Den Beweis für Tiffany. Wenigstens einmal muss sie hier gewesen sein. Ein ganzes Bündel von Bidis leuchtet mir entgegen. Ich zögere keinen Augenblick, es an mich zu nehmen. Zurückgeben kann ich es ihr allerdings nicht, denn für mich ist es jetzt schon höchstes Gebot, meine Liebste aus all diesen Ereignissen herauszuhalten. Vor allem muss ich jetzt einen klaren Kopf zu behalten.

Der Motorradlärm aus einer der Gassen unter mir ist wahrscheinlich Zufall. Trotzdem beunruhigt mich das Gedröhn, denn es entfernt sich und kommt zurück. Es umkreist mich. Ein zweites Mal, und wieder. Es kann keinen Zweifel mehr geben. Sigurd Fürst belauert das Haus am Stephansplatz. Dabei ist weder Tiffany hier noch gar Vinzenz. Dieser Verrückte treibt mich in die Enge. Sigurd Fürst ist imstande, die Nacht durchzufahren und mich zum Gefangenen im Penthouse zu machen. Mit aller Vorsicht öffne ich die Tür zur Terrasse, aber ich komme gar nicht dazu, einen Blick nach unten zu werfen. Etwas Lebendiges drückt sich an meine Beine, mein Freund hat sie mir verschwiegen, er hat die Katze mit keinem Wort erwähnt. Entweder weil ihm die Kugel aus meiner Margolin zuvorgekommen ist, oder aus Scham über seine Einsamkeit.

Tatsache ist, das Tier ist hier noch gefangener als ich. Rundum nichts als hohe Wände und glatte Dächer. Um zu entkommen, müsste sich die Katze in die Tiefe stürzen. Solche Wesen stellen vieles an, doch das tun sie nie, selbst nicht in der größten Not. Deswegen war es auch von Vinzenz keineswegs leichtsinnig, sie auf der Terrasse an der frischen Luft, in der Sonne des heutigen Tages zu lassen. Aber seine Tierliebe schafft mir jetzt ein nahezu unlösbares Problem. Die Katze muss weg von hier, denn er hätte sie vor seinem Selbstmord freigelassen, jemandem geschenkt oder doch in ein Tierheim gebracht. Oder getötet, niemals aber verdursten und verhungern lassen.

Ich hebe die Katze auf und wage mich sogar an das Geländer, denn das Motorrad entfernt sich nun hin zur Ringstraße. In gerader Linie tief unter mir sehe ich eines der selten gewordenen Kopfsteinpflaster, und die Blutgasse ist berühmt dafür, nicht nur wegen des Mozarthauses an ihrem Ende. Doch jetzt ist nicht die Zeit für romantische Gefühle, gilt es doch, einen Platz für das Geschöpf in meinen Armen zu finden. Wie soll ich es schaffen? Aber wahrscheinlich mache ich mir wieder einmal zu viele Gedanken. Um die Katze kaum weniger als um den Menschen Vinzenz. Ich muss nur einen Zug nach dem anderen machen, mit kleinen Schritten lassen sich die höchsten Berge besteigen und alle Tiefen überwinden. Das Tier ist zutraulich, von Vinzenz verwöhnt, es wird sich nicht wehren, sich nicht sträuben wie andere Katzen

Eine große Hilfe könnte ihr gewohnter Liegeplatz auf der Terrasse sein, eine kleine Katzenhütte, die sich am Henkel durchaus bequem heben und halten lässt. Das Tier schlüpft auch sofort hinein, scheint sogar das Schaukeln beim Tragen zu lieben, und ich atme auf, dass ich die beklemmende Höhe verlassen kann. Ich taste mich durch das Halbdunkel zur Wohnungstür und lausche. Aus dem Stiegenhaus ist nichts zu hören, sodass ich ohne Sorge das Penthouse abschließen kann. Für immer. Vinzenz, die Katze und ich, wir drei werden es nie wieder betreten. Auch zu ebener Erde habe ich das Glück des Verbrechers. Niemand ist zu sehen. Dennoch sind meine ersten Schritte auf die Straße voller Vorsicht, denn es könnte ja auch sein, dass Sigurd Fürst an einer Ecke wartet.

Vom Standpunkt des perfekten Handelns aus wäre es natürlich falsch gewesen, ihren Schlüssel im Penthouse zu lassen und die Tür nur zuzuschlagen. Fragen hätten sich ergeben, und eine unbedachte Äußerung von Tiffany würde genügen, die Meute auf mich zu hetzen. So aber kommt ein Anfangsverdacht erst gar nicht auf, und ich kann das Penthouse als erledigt betrachten. Nur den Schlüssel muss ich auf meinem nächtlichen Spaziergang dauerhaft unauffindbar machen. Ich kann ihn nicht einfach durch einen Kanaldeckel in die Tiefe fallen lassen, wo ihn früher oder später ein Reinigungstrupp finden würde. Werfe ich ihn in einen Park, bringen ihn spielende Kinder ihrer Mutter, auch Teiche bedeuten keine Sicherheit, höchstens Flüsse, die so tief sind wie die Donau. In dieser Phase eines Verbrechens passieren die meisten Fehler, Pistolen und Messer, in die nächstgelegenen Mülltonnen und Papierkörbe geworfen, werden selbstverständlich leicht entdeckt.

Mein Plan aber ist ein anderer. Boris Makarowitsch verdeckt, ich dagegen verwandle. Daher steige ich jetzt auch in ein Taxi und hoffe, dass die Katze so artig bleibt wie bisher. Obwohl es sogar hilfreich sein könnte, mit ihr gesehen zu werden. Für eine Lüge, die vollkommen glaubwürdig klingt. Mein Freund Vinzenz habe mir die Katze heute Nachmittag gebracht und mich gebeten, auf sie aufzupassen. Da er aber nicht wieder gekommen sei, wollte ich ihm das arme Tier zurückzubringen. Vergebens, wie man sieht, und so nehme ich die Katze wieder mit nach Hause. Ob man sich wohl Sorgen um meinen alten Freund machen solle?

Die Geschichte gefällt mir so gut, dass ich dafür einen Zeugen haben will. Taxifahrer sind in dieser Hinsicht am verlässlichsten. In der Pötzleinsdorfer Straße gelingt es mir endlich, das Tier an meiner Seite zum Miauen zu bringen. Vorm Aussteigen erkläre ich die ganze Angelegenheit und bringe meinen Chauffeur sogar so weit, die Katze zu streicheln. Er wird sich an mich erinnern können. Ich stelle fest, auch die Katze ist ein Geschenk des Schicksals für mich. Ein lebendiger Beweis für das sonderbare Verhalten von Vinzenz und sein Verschwinden. Jetzt ist es möglich, das zutrauliche Geschöpf in ein Tierheim zu bringen oder sogar Max zu schenken. Und noch etwas Gutes entdecke ich an meiner Gartentür: Ich war unlängst erfolgreich, ich habe getroffen, die Leuchte vor dem Haus Redtenbacher wird für die nächste Zeit finster bleiben.

*

Auch wenn ich weiß, dass nichts passiert sein kann, gehe ich als Erstes in den Keller. Vinzenz ist weder davongelaufen, noch hat jemand seine Leiche gestohlen, sie bleibt mir überlassen. Ich bin zu betäubt von den heutigen Ereignissen, um mir den morgigen Tag seiner Bestattung in allen Abläufen genau vorstellen zu können. Aber auch Euphorie ist in mir. Denn was immer ich in den Stunden nach dem tragischen Ereignis unternommen habe, es ist mir gelungen. Tränen und Trauende gibt es hier nicht. Auch die Katze schlüpft nur kurz unter die Plane zu Vinzenz, und sie kommt ohne Verwirrung zurück. Sie sieht mich an, bestimmt aber nur, weil sie Hunger hat. Dennoch ist sie eine Zeugin, die einzige. Ich muss nur achtgeben, dass sie in den nächsten Tagen nicht ihr Herrchen zu suchen anfängt und mit ihrer feinen Nase bis an seine Gruft vordringt, im hintersten Gewölbe, dort, wo er für immer verschwunden bleiben wird. Aber ich denke, für das Raubtier sind lebende Wesen interessanter, und Mäuse und Ratten gibt es hier mehr als genug.