»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich habe nicht schlechter geschlafen als sonst. Aber anstelle von Vinzenz kam seine Katze in meinen Träumen vor. Immer wieder. In meiner letzten nächtlichen Reise bin ich selbst zu diesem vierbeinigen Wesen geworden. Ich weiß nicht mehr, wie ich als Katze aus dem Penthouse gekommen bin, auf jeden Fall aber stand ich plötzlich auf holprigem Boden, zwischen unendlich hohen Mauern und umgeben von Menschen. Keiner von ihnen bemerkte mich, nicht einmal als ich versuchte, zwischen ihren Beine hindurchzulaufen. Das Kopfsteinpflaster der Blutgasse war sandig und hart, meine Flucht eingeengt durch Wände. Sogar Fahrräder und Autoreifen kamen mir in die Quere, wobei mir am bedrohlichsten die Gitter zu den Kanälen erschienen. Als Katze streunte ich dahin und betrachtete die Welt von unten, doch die Augen waren meine, mit all ihren verschwommenen Gebilden an Häusern und Menschen. Die Angst vor Sigurd Fürst war immer dabei. Die Wodkaflasche mit dem Büffeltier entdeckte ich ein weiteres Mal und fing gleich zu zittern an. Wenigstens wachte ich rechtzeitig auf, bevor der Pflastersteinmörder ein herumstreunendes Haustier erschlagen konnte.

Es hat mich nach dieser Nacht einige Mühe gekostet, mich wieder in Ordnung zu bringen. Die morgendlichen Rituale waren dabei wie immer eine große Hilfe. Jetzt gelingt mir schon ein Handgriff nach dem anderen. Die Katze bekommt aufgeschnittenen Schinken und Fisch aus einer Dose. Sie fühlt sich schon wie zu Hause und wird am Begräbnistag ihres einstigen Herrn mein Zimmer weiter erkunden. Begonnen hat sie bereits damit, und zu meiner Erleichterung bringt sie weder meine Papiere durcheinander, noch lässt sie Figuren aus Porzellan zu Boden stürzen. Dabei springt sie auf Schränke und Regale, streckt sich sogar vom Sims über dem Kamin weit nach oben, um meine Radierungen und Bilder zu betrachten. Ich verabschiede mich von ihr mit Worten wie für einen Menschen, bevor ich das Zimmer abschließe und alle anderen Türen versperre.

Heute werde ich auf eine harte Probe gestellt. Nur wenige Menschen bestatten einen Verstorbenen mit eigenen Händen. Bis zur Grabesstelle ist es ein weiter Weg, davor habe ich mehr Angst als vor dem hintersten Gewölbe. Denn die Stiege in den Keller ist steil, und ich möchte nicht, dass Vinzenz oder mir etwas geschieht. Durch sein Hungern im Liebeswahn ist er leicht geworden. Auch die Leichenstarre hat mein Freund verloren, er lässt sich ohne große Widerstände über den Boden ziehen, Beine voran. Allerdings hat sich auf seinem Liegeplatz ein Fleck gebildet. Aus meiner Richtererfahrung weiß ich, dass mir diese verlorenen Säfte noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten können. Die letzten Grüße eines Toten haben nicht wenige meiner Angeklagten zu Fall gebracht, auch noch Jahre nach der Tat. Am gefährlichsten aber sind diese Spuren in den ersten Tagen und Wochen, weil die Mörder verstohlene Blicke auf sie werfen oder sogar einen großen Bogen um sie machen. Es scheint keinen zu geben, der es schafft, unbekümmert auf solche Hinterlassenschaften zu treten.

Die Stiege ist, wie erwartet, die größte Hürde auf dem Weg zur Unterwelt. Ich habe mich entschlossen, voranzugehen, statt Vinzenz an den Beinen zu nehmen. Sein Kopf würde auf die Stufen schlagen und wie eine Kokosnuss zerplatzen. Ich umschlinge seinen Oberkörper und steige rücklings das erste Stück hinunter. Doch Vinzenz scheint sein ganzes übriggebliebenes Gewicht dafür einzusetzen, mich in die Tiefe stürzen zu lassen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die Stiege zu setzen. Mit Vinzenz im Rücken rutsche ich Stufe für Stufe abwärts, es sind jeweils nur Zentimeter, die wir vorankommen. Manchmal schiebt er nach, dann wieder muss ich ihn ziehen. Doch für eine Umkehr ist es zu spät. Ich müsste über ihn steigen, um nach oben zu gelangen, und wüsste mir erst recht keinen Rat. Vollkommen undenkbar ist es, die Leiche in eine andere Lage zu bringen, Vinzenz umzudrehen, um eine günstigere Gewichtsverteilung herzustellen. Er scheint auch immer schwerer zu werden, aber das liegt vielleicht an mir, weil mich langsam die Erschöpfung packt.

Langsam werde ich wütend auf meinen alten Freund, wie einfach wäre es gewesen, hätte er sich unten im Keller erschießen lassen. Meine Hose ist schon ganz zerfetzt, meine Hände fangen an zu bluten, und ich bin nahe daran, Vinzenz in die Tiefe rutschen zu lassen. Ohne Leichenstarre würde er sich jetzt allerdings verbiegen und ins Rollen kommen, oder er würde sich querlegen und zwischen den Wänden verkanten. Ihn dann losreißen zu müssen, hieße, für Jahrtausende meine DNA an den Ziegeln zu hinterlassen, aber auch sichtbare Spuren und Schrammen im Stiegenaufgang, an denen ich nie wieder unbekümmert vorbeigehen könnte. Deswegen rücke ich von meiner Schwerarbeit nicht ab und nehme weiter den unendlich mühsamen Weg in den Untergrund.

*

Wir haben es geschafft. Am Ende der Stiege lehnen Vinzenz und ich Rücken an Rücken. Zuletzt musste er mich noch quälen, indem er doch ins Rutschen gekommen ist. Hinter mir hat er sich aufgebäumt, mich fast erdrückt, mir Schmerzen zugefügt, die er selbst alle nicht mehr erleiden muss. Aber dafür sind wir endlich hier, auf dem sandigen Boden des ersten Gewölbes, und jetzt haben wir nur noch Ebenen vor uns. Sollte ich jemals einen Mord begehen, ich würde vorher an die Beseitigung der Leiche denken. Ich werde für eine derartige Tortur nicht mehr zur Verfügung stehen, sondern sie anderen überlassen. Am besten ist es wohl, man geht hin, schießt und verschwindet. Mühelos und sauber. Es war auch falsch, dass ich sein Gesicht unverhüllt ließ. Ich hätte Vinzenz eine Kapuze oder wenigstens eine Haube überziehen müssen, um nicht immer wieder diesem Anblick ausgesetzt zu sein. So aber kann ich mir nur helfen, indem ich in sein schütteres Haar greife und seinen Kopf zur Seite drehe. Unser Anblick muss schrecklich sein. Ein Lebender im Handgemenge mit einem Toten.

Bevor ich Vinzenz in die nächsten Gewölbe schleifen kann, muss ich auch noch kehren. Der Boden ist übersät von den Glassplittern meiner Schießübungen auf Flaschen, und der Körper meines Freundes würde aufgerissen werden und Blut hinterlassen. Seine Katze wäre kaum abzuhalten, dem Geruch bis in den letzten Keller zu folgen. Vierbeinige Geschöpfe sind wie geschaffen dafür, versteckte Opfer zu entdecken und Täter zu verraten. Katzen stehen außerdem im Ruf, Kannibalen zu sein, soll sich doch schon so manche an ihrem verstorbenen Herrn vergriffen haben. Dieses Schicksal werde ich Vinzenz ersparen. Die Aufgabe des Skelettierens werden hier im Keller die Nagetiere übernehmen. Nach meinen Richtererfahrungen werden von Vinzenz schon im Sommer nur noch Knochen übrig sein. Ohne Weichteile aber kann ein gewaltsamer Tod nicht mehr bewiesen werden, vorausgesetzt natürlich, die Kugel ist in das Gehirn von Vinzenz gelangt, ohne seinen Schädel zu verletzen.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mit meinem Beruf einmal so viel werde anfangen können. Der Fall Vinzenz Wolf ist für mich wie ein Mosaik, für das ich dank meiner langjährigen Erfahrung Baustein um Baustein zusammenfüge. Meine Angeklagten haben zahllose Fehler gemacht, ich habe daraus gelernt und weiß nun, sie zu vermeiden. Mit meinem Wissen bin ich allen meinen Verfolgern einen Schritt voraus und sogar in der Lage, einen Menschen samt Todesschuss zum Verschwinden zu bringen. Sollte Vinzenz einmal gefunden werden, dann lange nach meiner Zeit, wenn auch ich nur noch aus Knochen bestehe.

Ich werde heute noch tüchtig kehren müssen, um sämtliche Verdacht erregende Hinweise zu verwischen. Man kann zwar eine Bluttat mit viel Mühe und kaltblütiger Raffinesse ungeschehen machen, doch im Gedächtnis bleibt sie erhalten. Es sei denn, der Täter wird verrückt, oder er hat die Gnade, ein paar Tage aus seinem Leben vollkommen zu vergessen. Diese Hoffnung habe ich für mich nicht, und ein schwarzes Loch in meiner Vergangenheit wäre mir auch gar nicht recht.

Wir sind am Ziel, im letzten Gewölbe. Erst mit Vinzenz komme ich wieder an einen Ort, der mir als Kind verboten war. Wahrscheinlich hatte mein Vater nur Angst, ich könnte mir hier den infektiösen Biss einer Ratte zuziehen und noch mehr Kümmernisse als ohnehin schon machen. Als Erbe der ganzen Pracht habe ich mich damit begnügt, vor ein paar Jahren einige Ziegelsteine aus der hintersten Wand zu brechen und den Luftzug zu spüren. Ich weiß, dass es dahinter in die Tiefe geht, doch nicht glatt wie bei einem Brunnen, sondern mit halb eingestürzten Mauern und Verschüttungen. Selbst mit einer Taschenlampe sind nur Schutt und ein paar Holzbalken auszumachen, allerdings so weit entfernt, dass man eine Leiter verwenden müsste, um zu ihnen zu gelangen. Für Vinzenz ist diese Höhle wie geschaffen. Aber das Loch in der Mauer ist noch zu klein, um ihn durchschieben zu können.

Ich muss zurück in den obersten Keller, um Stemmeisen und Hammer zu holen. Aber auch, um mich zu beruhigen. Alles ist in bester Ordnung. Niemand sitzt in meinem Stuhl am Gartentisch, Kristina stöckelt nicht herum, und von Max wird die nächste Zeit ohnehin nichts zu sehen sein. Die Katze hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht und auch schon brav gefressen. Morgen wird Dosenfutter gekauft, ja, ich werde sogar ein Papierknäuel an einen Faden binden, um mit meiner neuen Mitbewohnerin zu spielen. Doch jetzt hat sie hier zu bleiben, denn kaum etwas wäre verhängnisvoller, als eine in die Grabkammer eingemauerte Katze. Auch die Kassette der Margolin ist nach wie vor in ihrem neuen Versteck. Im Kamin ist sie bestens behütet und doch griffbereit. Kein Mensch macht Feuer außer mir, und auch das nur höchst selten, es sei denn, ich will wieder einige meiner Zeichnungen vernichten.

Ich breche einen Ziegelstein nach dem anderen aus der Wand, zerstöre das Werk meines Vaters. Nur zu gut erinnere ich mich an die Tage vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ich muss etwa so alt wie Max gewesen sein, auf jeden Fall ging ich noch nicht zur Schule. Im Haus gab es Aufregung und Unruhe, doch über die Gründe wurde nicht gesprochen, und ich konnte sie bis heute nicht erfahren. Vielleicht waren meine Eltern in Streit geraten und wollten sich scheiden lassen, die Villa aufteilen und verkaufen, oder man befürchtete einen neuen Krieg und dachte an fallende Bomben und den Segen unserer Gewölbe als Luftschutzraum. Jedenfalls durfte ich zusehen, wie mein Vater Zement mit Sand und Wasser vermischte, um eine gefährliche Stelle im Keller auszubessern. Man könne dort in die Tiefe fallen und für immer verschwinden, aber davor würde er mich bewahren, so wie er ohnehin alles für die Familie tue.

Und er hat beste Arbeit geleistet, als sei sie für die Ewigkeit. Sein Beton ist hart wie Stein, ich muss sogar einige der Ziegel zerschlagen, um das Loch für Vinzenz groß genug zu machen. Die Wolke roten Staubs macht mir das Atmen schwer, aber es gibt kein Zurück. Wie ein Bildhauer arbeite ich an meinem Werk, dabei werde ich am Ende nur einen Zugang geschaffen haben. Allerdings zur Grabkammer meines Freundes, der vielleicht doch keiner war. Meine Schläge auf das Stemmeisen gelten auch ihm, der von der Schuld des Pflastersteinmörders schon länger wusste und mir auch Tiffany wegnehmen wollte.

Doch im Augenblick gilt es wichtigere Dinge zu bedenken. Ein kurzer Griff in die Jackentasche von Vinzenz würde genügen, und ich könnte seine Geldtasche an mich nehmen. Er wäre nur noch irgendein Mensch, ohne Herkunft und Adresse, sogar seines Namens beraubt. Aber dann lasse ich es bleiben. Ein Schlüssel ist noch leicht zu vernichten, sein Ausweis und die vielen Kreditkarten würden mich nur vor neue Probleme stellen. Für mich ändert sich nichts. Wenn Vinzenz zu meinen Lebzeiten entdeckt wird, ist ohnehin alles zu Ende, egal ob der Mensch unbekannt bleibt oder Herr Wolf geheißen hat. Wer einen Toten im Keller verbirgt, darf von seinem Leben nichts mehr erwarten.

Die schwere körperliche Arbeit vertreibt sogar die Angst vor dem Gefängnis. Schon beim Ausheben des Grabes für Moritz hatte ich das Gefühl, damit genug gesühnt zu haben, und so ist auch der heutige Tag für mich Strafe genug. Noch dazu für eine Tat, die nicht ich begangen habe. Immer wieder muss ich mir vor Augen halten, dass ich am Tod von Vinzenz unschuldig bin. Dennoch gelingt mir das nicht zur Gänze, denn zu oft habe ich mir sein Ende gewünscht, in meiner Vorstellung auf ihn gezielt und abgedrückt. Max ist mir nur zuvorgekommen. Er hat mich davor bewahrt, zum Mörder zu werden. Da ist es doch nur angebracht, wenn ich ihn jetzt von all den Folgen für sein unschuldiges Tun befreie. Ich muss nur alles schnell hinter mich bringen, bevor mir andere Gedanken kommen. Das Loch in der Wand ist groß genug, und ich bleibe auch bei meiner Entscheidung, nicht in der Jacke von Vinzenz zu wühlen. Wo könnte ich auch seine Geldtasche besser verschwinden lassen als in der von mir geöffneten Gruft.

Ich beginne die Leiche durch die Mauer zu schieben. Ohne Tränen, auch Abschiedsrede wird keine gehalten. Die Ziegelränder beschäftigen mich genug, da ihre Schärfe reicht, um den Körper von Vinzenz aufzureißen. Ich muss ihn anheben, wenn ich ihn einigermaßen heil in das Verlies bringen will. Dann aber kommt es doch zu dem großen Augenblick, den ich schon gestern vor mir hatte und auch heute kaum erwarten konnte. Vinzenz verliert endlich das Gleichgewicht und kippt in die Tiefe. Ich höre, wie er an die Wände seines Grabes schlägt, etwas Sprödes und offenbar Hölzernes durchbricht und endlich aufschlägt. Zu meiner Erleichterung ist kein Geräusch von Wasser zu vernehmen, denn das Versinken in einen Brunnen könnte seine Verwesung unendlich in die Länge ziehen. So aber ist er zugänglich für Ratten und Mäuse. Auch das Leder seiner Geldtasche und Schuhe werden die gierigen Biester nicht verachten, eines wird sich allerdings wohl an einem Hohlspitzgeschoss verschlucken.

Fast hätte ich das vergessen. Sein zweiter Schuh. Er liegt im obersten Keller. Bei üblichen Begräbnissen gibt es eine Schaufel Erde auf den Sarg, Vinzenz wird gleich einen handgenähten Budapester zum Abschied nachgeworfen bekommen. Aber auf dem Weg zurück in das Totenreich wird mir heiß und kalt, und meine Gedanken überstürzen sich, kämpfen mit einer Erinnerung, die ich am liebsten gleich wieder in die Finsternis zurückstoßen würde. Doch sie setzt sich durch und wird immer mächtiger. Die ungeduldige Verkäuferin fällt mir ein, die endlose Reihe anprobierter Schuhe, und wie ich mit einem Paar Budapester das Geschäft am Kohlmarkt verlassen habe. Im Penthouse gab es dann eine Fülle von notwendigen Handgriffen zu erledigen. Die Katze habe ich mitgenommen, in einer kleinen und leicht zu transportierenden Hütte, und dabei die Tragtasche mit meinen eleganten Schuhen zurückgelassen.

Ich müsste kein Richter sein, um die Kette der kommenden Ereignisse nicht innerhalb weniger Augenblicke vor mir zu sehen. Man wird die neuen Budapester samt Rechnung finden und hellhörig werden. Ein Mensch will verschwinden oder sogar seinem Leben eine Ende setzen und kauft noch für eine Zukunft ein, an die er nicht mehr glaubt? Kriminalbeamte werden das Geschäft am Kohlmarkt besuchen. Anhand der Quittung ist die Verkäuferin schnell gefunden. Es wird über Vinzenz Wolf gesprochen, über sein Verhalten am gestrigen Tag, und ob an ihm Auffälligkeiten zu entdecken waren, eine Verzweiflung oder sogar so etwas wie eine Abschiedsstimmung. Die Dame kann sich natürlich bestens an den nervtötenden Kunden erinnern, habe er sie doch bis aufs Blut sekkiert. Auch seine ständigen Blicke hinaus auf die Straße fallen ihr ein, und das volle Haar des Herrn.

Man wird ihr ein Bild von Vinzenz zeigen. Sie wird den Kopf schütteln und den lästigen Käufer der teuren Schuhe bis ins Kleinste beschreiben. Die blauen Augen, die Brille meines Vaters, das ganze Gesicht, die Statur. Sie würde mich bei jeder Gegenüberstellung erkennen, aber auch schon vorher, auf Fotos von Vinzenz und mir. Innerhalb weniger Tage oder auch Stunden wäre ich gefunden.

Ich habe mir mit diesen verfluchten Budapestern mein Grab geschaufelt. Noch warten sie im Penthouse auf ihre Entdeckung, aber auch nur dann, wenn man dem Verschwinden von Vinzenz nicht schon nachgegangen ist. Mein Wettlauf beginnt von Neuem. Ich werde den Häschern zuvorkommen müssen. Doch meine Zeichen stehen so schlecht wie noch nie. Gestern bin ich noch mit einem Schlüssel ins Penthouse gekommen, heute ist mir dieser Weg versperrt, denn das Stück Metall liegt plattgewalzt neben Straßenbahnschienen auf der Ringstraße.

Einen Schlüssel gibt es allerdings noch. In der Jacke von Vinzenz. Oder trägt er ihn in seiner Hosentasche? Der Abstieg in seine Gruft ist der einzige Ausweg. Oder ich nehme in Kauf, schon in wenigen Tagen ins Gefängnis zu gehen. Mit ungleich schlechteren Voraussetzungen als jemals zuvor. Gestern hatte ich die Leiche noch im Garten, heute im Keller, und ich selbst habe sie dorthin gebracht. Keine noch so rücksichtsvolle Hausdurchsuchung könnte sie übersehen. Ein Paar Budapester machen mich mehr als verdächtig, meine Fingerabdrücke im Penthouse geben mir den Rest.

Ich werde es tun müssen. Vinzenz zu töten wäre mir leichter gefallen, als jetzt zu ihm hinabzusteigen. Krieche ich durch das Loch in der Ziegelmauer, steht mir das Gleiche wie ihm bevor, ein Sturz in die Tiefe. Seite an Seite würden wir verfaulen, ich allerdings hätte die Bisse der Ratten bei lebendigem Leib zu ertragen. Es wird mir etwas einfallen müssen, um wieder heil seiner Gruft zu entsteigen, mit dem Schlüssel zum Penthouse in der Hand. Schon jetzt weiß ich, er ist kostbarer als Gold, für meine Zukunft wichtiger als alles andere auf dieser Welt.