»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Wenigstens brauche ich jetzt noch nicht meine Margolin. Obwohl die Überschwemmung kaum fingerdick ist, lege ich die Holzkassette wie einen Schatz auf den Schreibtisch. Bald muss ich mir die Frage stellen, wer wen beschützt.

In der Küche plätschert es schon um einiges lauter. Wie erwartet läuft das Wasser über den Spülbeckenrand. Doch dann kommt die Überraschung. Der Abfluss ist so klar und sauber, wie es überall bei mir ist. Es hat ihn auch niemand verschlossen, weit und breit kein Tuch und auch kein hinterhältig darauf gestellter Topf. Das ganze Geheimnis ist nüchtern und fast enttäuschend. Hier läuft es über, weil im Gemäuer die alten Rohre ein Nadelöhr sind und mit einem stundenlang aufgedrehten Hahn nicht fertig werden konnten. Tatsache ist, niemand war hier, man hat mich und meine Küche alleine gelassen. Mache ich mit dieser Fallenstellerei so weiter, geht mir die Villa auch ohne meine Frau verloren. Neben den nassen Füßen habe ich allerdings eine Gewissheit. Sie war nicht hier.

Noch bevor ich das Wasser abstellen kann, schießt es mir durch den Kopf. Der Eindringling ist kein Hirngespinst, sondern einer, der mich versenken will. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen. Niemals hätte ich den Hahn so weit aufgedreht, ich sehe noch den dünnen Strahl vor mir. Das ist jetzt ein Sturzbach, deswegen auch die Überschwemmung. Der Mann ist ein Teufel, durch und durch zerstörerisch. Es bereitet ihm Freude, aus einem Rinnsal eine Katastrophe zu machen. Ich höre förmlich sein Lachen, wie ein Kind hat er sich gefreut, das Feuer zu schüren. Ich darf das Spiel eröffnen, mit seinem Zug aber schlägt er mich. Ich soll seine Überlegenheit spüren. Da nützt es auch nichts, wenn ich dem Hahn fast den Hals umdrehe, dass er nicht einmal mehr tropft wie sonst immer.

Lange hat es gebraucht, bis ich dann endlich in meinem Zimmer zur Ruhe gekommen bin. Wenigstens hat mich das Geplätschere rundum nicht gestört, und es ist ja auch ohne mein Zutun verschwunden, einfach im Fußboden versickert. Die Holzkassette habe ich wie ein russisches Geschenk geöffnet, zwar nicht Puppe für Puppe, aber ein Zubehör nach dem anderen. Nur, so oft werde ich wohl nicht zum Schießen kommen, dass ich ihren Lauf auch noch reinigen muss. Ein, zwei oder auch drei Explosionen, und die ganze Affäre ist erledigt. Liegt der Eindringling erst einmal da, wird die Polizei gerufen, alles schön hergezeigt und der Hergang geschildert. Notwehr, wie sie glasklarer nicht sein könnte. Ich hoffe nur, dass der Kerl nicht stöhnt oder sogar schreit, denn das wäre für mich qualvoll, und ein Gnadenschuss ist ja nicht erlaubt.

Sie liegt gut in der Hand. Besser als jede Waffe auf meinem Richtertisch. Warum sie sich so gut in mich hineinschmiegt, ist auch leicht zu erklären. Ihr Schöpfer hatte keine Augen für sie, nur seinen Tastsinn und das Gefühl. Ich spüre ihn förmlich, es ist, als würde er mir die Hand geben. Und noch aus einem anderen Grund, fühle ich mich ihm verbunden. Der freundliche Waffenhändler hat nachgeforscht. Herr Mikhail Margolin war nicht von Geburt an blind. 1922 hat ihn gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs eine verirrte Kugel getroffen und den jungen Mann in die Finsternis geworfen. Kurz darauf wurde die UdSSR gegründet, er hat sie nie gesehen. Wer aber würde erwarten, dass sich das Opfer einer Waffe sein ganzes weiteres Leben damit beschäftigt? Ich mache nichts anderes. Meine Angeklagten sind weg, und jetzt drängen sich neue auf. Man kann eben nie aufhören. Mir bleibt auch keine Wahl. Margolin hätte Spielzeug entwerfen können, ich muss jemand zur Strecke bringen, der mich unter Wasser setzt, und damit in den Wahnsinn treiben will.

Ob er mich jetzt beobachtet? Trotz zugezogener Vorhänge. Auf jeden Fall hat er eine derart ausgefallene Pistole noch nie gesehen. Vielleicht macht er sich über ihr Aussehen lustig. Ich kann ihn ja nicht bitten, hereinzukommen und sie in die Hand zu nehmen, dann würde ihm seine Überheblichkeit schnell vergehen und auch dieses Siegerlächeln. Dabei habe ich von seinem Gesicht keine Ahnung. Wie gerne würde ich es zeichnen. Lebendig oder tot, nur nicht schreiend.

Noch ist mein Mann der Große Unbekannte. Mit keiner Sorte von Beschuldigtem hatte ich als Richter mehr zu tun als mit ihm, die Kriminalistik ist voll davon, sogar die kleinsten Verbrecher berufen sich auf ihn. Ich halte ihn für das faszinierendste Wesen auf der Erde. Natürlich auch im Himmel, denn Gott gehört ja dazu. Der Unbekannte ist ein Besonderer, nicht nur weil er ständig für etwas herhalten muss, sondern weil er eben kein Gesicht hat. Je weniger man von ihm weiß, desto aufregender wird er. Für jeden sieht er anders aus, man kann ihn mögen oder hassen. Er ist umgeben von Mysterien, Rätseln und tausend Möglichkeiten. Wie der Mann draußen im Garten oder unten im Wartehäuschen der Straßenbahn. Mein Eindringling hat statt eines Gesichts nur Schwärze, trotzdem aber Augen, mit denen er mich beobachtet. Er braucht nicht einmal eine Maske, die man ihm herunterreißen könnte, es genügt Finsternis und das Laub meiner Gebüsche.

Ich entkomme ihm nicht. Er fordert mich heraus. Aber ich stelle mich ihm. Ich hoffe nur, niemals meinen Scharfsinn und die Urteilskraft zu verlieren. Die meisten Menschen erkennen den Großen Unbekannten nicht, weil sie ihm tausend Züge im Charakter und Gesicht anfügen, die er gar nicht hat. Sie formen ihn nach ihrer Fantasie, machen ein Phantom aus ihm, hinter dem er sich bestens verstecken kann. Je länger sich das Spiel fortsetzt, umso aufregender wird er. Jack the Ripper hat es zu höchsten Ehren gebracht. Voraussetzung ist natürlich, dass der Kerl auch etwas tut. Morde eignen sich am besten. Jemand, der nur vom Gehsteig aus meine Villa betrachtet und sich über den Wildwuchs wundert, kann noch so groß und unbekannt sein, er wird mich nicht interessieren.

Das Unheimliche ist, ich weiß alles, kenne mich mit den Hintergründen aus, und lasse mich trotzdem in die Enge treiben. Ich hoffe nur, mein Eindringling hält, was er verspricht. Meistens ist die Enttäuschung größer als der Unbekannte, wenn erst einmal Licht auf ihn fällt oder die Leiche umgedreht wird. Schade wäre es, mit ihm nicht mehr reden zu können. Ein angeschossener Feind ist um vieles besser, denn von einem Toten erfährt man nichts. Kann er nicht mehr gehen, ziehe ich ihn ins Haus, in Notsituationen entwickelt der Mensch ungeahnte Kräfte. Wenn er erst eimmal in Sicherheit ist, fällt alles weg, was Zeugen anrichten könnten.

Angenehmer wäre es natürlich, er kann noch gehen. Dann marschiert er mit der Margolin im Rücken in den Keller hinunter. Ist er so verletzt, dass man einen Arzt braucht, hat er alles durcheinandergebracht. Dann doch besser tot und die Polizei wird gerufen, seine Reste werden abgeholt, die Nachbarn haben ihr Entsetzen, die Frau vom Kiosk macht ein Geschäft wie nach einem Amoklauf. Wie meine Angeklagten müsste ich dann anfangen, das Blut aufzuwischen, die verräterrische Spur zur Kellertür zu beseitigen und natürlich ans Einkaufen denken. Um nicht aufzufallen, müsste ich neue Läden betreten, von meinem Gemischtwarenhändler aber das Übliche verlangen, nicht ein Stück Brot mehr. Auf ihn heißt es besonders achten, denn Gäste glaubt er mir nicht, noch weniger, dass meine Frau zurückgekehrt ist.

Je mehr ich über alles nachdenke, umso banger wird mir. Es genügt ja nicht, den Kerl in den hintersten Raum zu verfrachten und ihn in der Unterwelt eines Richters seinem Schicksal zu überlassen. Wenn mir etwas passiert, vermodert er, denn dort wird niemals nachgesehen, nicht in hundert Jahren. Ohne verdächtige Tarnung und vorgeschobene Schränke bleiben hier die Dinge im Verborgenen, halb eingestürzte Gewölbe genügen. Nicht ein Ton dringt auf die Straße. Das kann man aus den Erzählungen meiner Eltern schließen. Im Krieg wussten sie oft nicht, ob ein Luftangriff schon vorbei war oder noch immer die Bomben fielen.

Morgen schon kann alles wieder ganz anders sein. Ich kenne mich. Ich bin gut beim Pläneschmieden, aber ausgeführt habe ich längst nicht alles. Andere lösen Kreuzworträtsel, ich halte mein Gehirn mit Strategien am Laufen. Ich will einfach gewappnet sein. Wie beim Einkaufen. Nicht wenige stehen ratlos vor den Regalen oder werfen Berge von Angeboten in ihren Korb, die dann zu Hause verfaulen. Ich habe meine Liste. Unangenehm wird es nur, wenn ich sie vergessen habe. Dann heißt es nachdenken und trotzdem scheitern, weil einem erst im Badezimmer oder vor dem Kühlschrank einfällt, was zu besorgen gewesen wäre. Gegen einen gut aufgestellen Merkzettel kann man nicht gewinnen. Meine Pläne sind besser als ich.

So weiß ich zum Beispiel schon jetzt, dass die Straßenlaterne vor meinem Zaun ein Problem darstellt. Das kommt selbstverständlich auf kein Papier, denn diesen wohl verhängnisvollsten Fehler vorausdenkender Menschen mache ich nicht. Wie viele Skizzen von überfallenen Banken habe ich als Richter in der Hand gehalten, und nicht selten Todeslisten. Diese Wunschzettel haben wir meistens geheim gehalten, um die Anvisierten und auch die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Jahrelang beschäftigten mich Computerausdrucke mit vollständigen Lebensplanungen bis hin zum Mord. Ich würde mich weder einer Maschine noch einem Tagebuch anvertrauen, höchstens meinem Fridolin. Die Laterne kann ich ohnehin nicht vergessen, leuchtet sie doch Abend für Abend in mein Zimmer. In meinem Garten könnte man Zeitung lesen.

Doch wozu warten? Bis die Lampe durchbrennt und erst in Monaten von selbst erlischt? Ich bin doch bestens gerüstet. Sogar das Magazin ist geladen. Der Waffenhändler hat mir die Handgriffe gezeigt, und ich habe sie nachgeahmt. Jedes Kind könnte das. Ich habe ja auch keine Mühe, meine Füllfeder mit Tinte zu versorgen. Dazu kommt die Wärme der Nacht. Schon bald soll es eine Kaltfront geben, doch heute kann ich ein Fenster öffnen, ohne mich warm anziehen zu müssen. Ich kann sogar im Sitzen schießen.

Alles ist vorbereitet, das Licht in meinem Zimmer gelöscht, die Margolin in meiner Hand. Vom Knall heißt es, dass er nicht sehr laut sein soll. Soll ich eine Platte auflegen? Die Sinfonie mit dem Paukenschlag? Dann müsste ich im richtigen Augenblick abdrücken, doch ich will mich nicht dirigieren lassen. Noch fährt die Straßenbahn, sie wird die kleine Explosion übertönen. Den Arm strecken, über das Ziel halten, ihn langsam senken, Kimme und Korn, den Druck auf den Abzug allmählich verstärken, bis sich der Schuss unerwartet und wie von selbst löst. Leicht gesagt. Obwohl der Waffenhändler natürlich nur vom Sportschießen gesprochen hat, im wahren Leben gehe es oft drunter und drüber. Dennoch ist das Grundsätzliche immer eine Hilfe. Mir gefällt daran das Elegante, Rambos sind andere, ich bin eher der Chirurg, der einen bösartigen Tumor zu beseitigen hat. Und damit meine ich nicht die Lampe.

Nochmal von vorne. Jetzt muss nur noch die Straßenbahn an die Haltestelle kommen. Da, ich höre sie schon! – Der Schuss ist losgegangen wie von selbst, war aber trotzdem lauter als das Zischen einer Kobra, ein Stich in meine Ohren. Das nennt der Waffenhändler leise? Er ist anderes gewohnt, auch von den Ergebnissen her. Meine Straßenlaterne leuchtet nach wie vor. Man wird mir doch nicht Platzpatronen gegeben haben? Viel Lärm um Nichts. Zwar habe ich einen Rückstoß gespürt, aber aufgebäumt hat sich die Margolin nicht. Mit diesem Spielzeug soll ich mich verteidigen? Auch der nächste Schuss hat nichts zur Folge gehabt, im Garten blieb es hell. Dafür habe ich einen Schmerz im Kopf, als hätte das Hohlspitzgeschoss mich anstelle der Lampe getroffen, und im Zimmer riecht es wie nie zuvor. Kein unangenehmer Gestank, aber mein Feind wird merken, dass ich nicht mehr hilflos bin. Das ist alles andere als gut, denn jetzt geht er entsprechend vor, bewaffnet sich vielleicht auch, und dann kommt es darauf an, wer schneller ist. Mit der Gartenschaufel meines Vaters und viel Geduld hinter der Tür wäre ich wahrscheinlich besser dran.

Wie Fehlurteile gibt es auch Fehlschüsse. Es fällt nur so schwer, sie zuzugeben. Als Richter war ich ein Profi, und dennoch habe ich den Falschen getroffen, als Scharfschütze bin ich erst am Anfang. Heißt das, ich muss ins Schießkino, wie es mir der Waffenhändler empfohlen hat? Aber dann lege ich eine Spur, die noch schlimmer ist als jede Liste auf einem Zettel. Ich weiß doch, wie ein Richter die Dinge dann drehen kann. Wie oft habe ich selbst einem ins Gesicht gelächelt, wenn er mir seinen Mord mit Notwehr erklären wollte. Jede Vorbereitung macht verdächtig.

Noch steckt alles Wissen allein in mir. Zudem bin ich unbescholten und vor allem Richter. Mein Amt war immer schon der beste Schutzmantel, auch wenn ich ihn nur einmal gebraucht habe. Damals musste ein Streifenwagen ausrücken, weil einem Hausnachbarn meine Musik nicht gefiel. Noch dazu statt Klassik meine kostbaren Schellacks mit Blues. Als dann die Polizisten merkten, mit wem sie es zu tun hatten, gab es Entschuldigungen und sogar die Frage, wer denn die tolle Sängerin sei. Trixie Smith. 1938. Noch lieber ist mir Victoria Spivey mit ihren Auftritten zehn Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Blood Hound Blues oder Murder In The First Degree. Es wird Zeit, dass ich sie wieder hervorhole, auch weil meine Stimmung wieder eine andere geworden ist. Bei mir kommt vieles in Wellen. Jahrelang Callas und Caruso mit Rotwein, dann wieder Hendriks und Mayall mit Whisky. Aber kein Single Malt. Ich nehme den billigsten, der zu bekommen ist, erinnert er mich doch an meine Studentenzeit, und Reisen in die eigene Vergangenheit kann man mit Geld nicht kaufen.

Als ich jetzt das Fenster nach meinem erfolglosen Unternehmen schließen wollte, sehe ich tatsächlich schon zwei Streifenwagen unweit vom Fußgängerübergang. Ich muss mich hinausbeugen, um mehr zu erkennen. Vielleicht liegt ein Betrunkener im Rinnsal, oder es ist auch ein Unfall geschehen, und ich habe ihn überhört. Doch die Polizisten schauen sich um, zwei gehen hinauf zur Villa auf dem gegenüberliegenden Hang, und ein dritter Wagen fährt heran. So viel Blaulicht gibt es in unserer Straße selten. Endlich begreife ich und flüchte vom Schein der Straßenlaterne in die Finsternis meiner Höhle. Man ist natürlich meinetwegen ausgerückt, ich Idiot habe wieder einmal nicht weit genug gesehen, und vor allem nicht gedacht. Die Lampe war ein verschwommener und blendender Fleck, das Haus dahinter eine dunkle Wand. Ausserdem hätte ich nie gedacht, dass eine Kugel aus meiner Margolin so weit fliegt, anders als ein Stein aus meiner Kinderschleuder damals.

Eine Hitze hat mich überfallen, und ich wage kaum zu atmen. Wenigstens brennt bei mir nirgendwo Licht. Aber ist nicht gerade das verdächtig? Jeder Heckenschütze handelt im Verborgenen, und nach einem solchen wird da unten Ausschau gehalten. Noch drehen sich die Herren im Kreis, leuchten in die Hecken hinter den umliegenden Zäunen und in parkende Autos. Die Margolin liegt auf dem Schreibtisch und muss natürlich sobald wie möglich in ein anderes Zimmer, weit weg von mir. Und wenn die Herren da unten bei mir anläuten, führe ich sie mit unschuldigem Gesicht zum versperrten Schrank.

Wenn man aber am Lauf der Pistole riecht? Ich merke, dass ich nicht mehr klar denken kann, denn wozu die Margolin verstecken, das ganze Zimmer stinkt nach Pulverdampf. Daher, niemand darf herein, ich bin nicht zu Hause, ich könnte auch durch den Garten nach hinten wegschleichen und dann irgendwann einmal zurückkommen, aus meinem Gasthaus, mit einer Fahne. Doch der Wirt dort könnte das nicht bestätigen, also werde ich irgendwo an einem Wurststand getrunken haben. Oder ich bin vollkommen nüchtern und war nur spazieren. Wie oft habe ich diese Antwort von meinen Angeklagten gehört, nie geglaubt, doch kaum zu widerlegen.

Wenigstens kommt kein Rettungsauto daher, also habe ich niemanden getroffen. Wichtig ist nur, dass mich niemand sieht, nicht die geringste Bewegung, kein Aufblitzen von einem Glas, Gott sei dank trage ich keine Brille, die mich verraten könnte. In meiner Villa hat sogar Totenstille geherrscht. Dort drüben aber soll alles leben und glücklich sein, keiner hat eine Schramme, und vielleicht ist auch nur eine Taube gegen ein Fenster geflogen, und eine der neureichen Damen glaubt jetzt, dass hier herumgeschossen wird. Oder sie ist alt, in ihrer Einsamkeit voller Sehnsucht nach Gesellschaft, der Griff zum Telefon ist leicht, die Notrufnummer aus Angst vor Einbrechern auf den Hörer geklebt. Die Stadt ist ein einziger Fehlalarm, wie oft hört man diese widerlichen Sirenen heulen. Ein vernünftiger und gelassener Polizist fährt erst gar nicht los.

Diese Idioten da unten stehen noch immer herum. Einer ist sogar mit einem Fernglas unterwegs, als könnte man um diese Zeit etwas sehen. Außer er hält ein Nachtsichtgerät in den Händen. Dann hat er mich längst entdeckt, schaut mir ins Gesicht und braucht nur abzudrücken, um mich zu fotografieren. Dann bin ich geliefert. Dabei ist diese Margolin erst wenige Stunden im Haus. Ich bin sicher, jeder Neuling probiert seine Waffe aus, er will ja damit umgehen können, wenn es ernst wird. Ich weiß jetzt, dass auch kleine Patronen nicht nur für die Nähe sind, mit ihnen hätte ich ganze Straßenzüge im Griff, diese Kobra spuckt weiter als gedacht.

Abreise. Endlich. Die Herren wollen heim, oder sie haben einen nächsten Fall. Mehr als nur ein Klopfen an einem Fenster. Ich bin in Schweiß gebadet. Das endlose Blaulichtgeflacker hat mir den Rest gegeben. Viel Aufwand um wenig. Aber alles meinetwegen. Drei Streifenwagen gegen einen schießwütigen Richter. Ob man herumgefunkt hat, um zu erfahren, wer in der Gegend wohnt? Mein Name wurde sicher schnell aussortiert, weil er nicht in Frage kommt. Daran hat sich hoffentlich nichts geändert. Außer man denkt, einem mit einem Fehlurteil ist auch ein Fehlverhalten zuzutrauen. Man könnte abgezogen sein, um mich in Sicherheit zu wiegen. In Wahrheit holt man sich in diesem Augenblick von einem Richter einen Hausdurchsuchungsbefehl, und im nächsten Moment steht man damit schon vor mir. Aber ich bin ja nicht hier, sondern immer noch auf meinem Spaziergang. Doch jetzt hinausgehen ist alles andere als klug, denn es ist ja keineswegs auszuschließen, dass sich ein Kommando von der hinteren Gartenseite nähert. Auf keinen Fall darf ich etwas trinken, denn dann werde ich mutig und voller Leichtsinn.

*

Meine Kioskfrau hat sich gefreut, mich wieder zu sehen. Gestaunt hat sie, warum ich so viele Zeitungen kaufe. Wie vor einem halben Jahr. Ob man mir wieder einen Skandal anhängen will? Die Gute hält nach wie vor zu mir. Wenn ich auffliege, werde ich sie brauchen. Vielleicht sieht sie in mir sogar einen Helden, sie wurde schon zwei Mal überfallen, und ich könnte ihr Beschützer sein, mit meiner Margolin sogar ein Rächer.

Ich habe Seite für Seite zu Hause durchgeblättert und weder von mir noch von einem Heckenschützen in der vergangenen Nacht etwas gelesen. Viel von Putins Wahlbetrug und seiner fortgesetzten Diktatur, kein Wort von der Pötzleinsdorfer Straße. Dort marschieren die Truppen vielleicht sogar in einen neuen Bürgerkrieg, hier ist es friedlich, und es wird auch nicht geschossen. Vielleicht kommt die Meldung erst morgen, oder man hält die Presse noch fern, um die Ermittlungen nicht zu stören. Dann wird zugeschlagen. Es ist auch sinnlos, wenn ich die Margolin wegwerfe, denn sie ist registriert und ich mit ihr. Wir beide gehören zusammen.

Alles in allem bin ich auf einer anderen Bahn als noch vor ein paar Tagen. Ob jetzt meine zweite Jugend kommt? Ich laufe fast in den Supermarkt, hin zum Regal, an dem ich so oft mit Beherrschung vorbeigegangen bin. Bourbon Whiskey, fast umsonst. Ludwig Redtenbacher hat über eine Woche nichts getrunken, heute darf er. Noch ist er ja nicht wieder in aller Munde.

Es geht mir gut. Eigentlich prächtig. Die Schellacks drehen sich, und bei mir zu Hause ist das Amerika der Zwischenkriegszeit. Hätte ich doch nur meinen Vater vor den Dickschädel gestoßen und Malerei studiert. Boheme statt Geschworene. An sie mag ich jetzt am wenigsten denken, es dreht mir schon vor dem Ausnüchterungstag morgen das Innerste um. Lieber Trixie Smith. My Daddy Rocks Me. Ihr Song, nicht meine Erfindung. Außerdem bin ich jetzt Hausfrau. Die Wäsche wird abgenommen. Ist sie schon trocken? Sogar ein Brief vom vorigen Jahr ist mir auf die Leine geraten. Er wurde mit überschwemmt und kommt so jetzt zu Tage. Von einem Amt, wie das meiste bei mir. Auch das Schreiben von Vinzenz ist nicht sehr persönlich, irgendein Prospekt von der Karlskirche.

Dafür ist Fridolin erfrischend wie immer. Ganze Gesellschaften konnte ich mit meiner Handpuppe unterhalten, einem Richter hätte man solche Fähigkeiten nie zugetraut. Fridolin wird mir immer bleiben, auch heute ist er mir wieder nahezu wie von selbst auf die Linke geschlüpft, nie auf die Rechte. Dann seine alten Tricks, mit denen er mehr Frauen erobern konnte als ich. Jetzt haben er und ich, das heißt eher ich natürlich, draußen etwas entdeckt. Eine Taube nur. Sie lässt mich nicht mehr los. Warum nur? Tauben gibt es doch öfter, warum gerade die eine im Garten? Weil sie so widerlich gurrt?

Mein Grammophon hat heute zwar nicht die lauteste Nadel, dafür aber eine wie man sie in Chicago verwendet hat, in den Hinterzimmern während der Prohibition. Es sollten ja die Cops nicht hören, dass man den Schwarzgebrannten lieber mit dem Blues trinkt. Wenn ich mich recht erinnere, viel Krach hat meine Pistole gestern Nacht nicht gemacht. Alles in allem, es sollte sich ausgehen.

Vorher noch ein Schluck, auch Zielwasser genannt. Meine Hand ist ruhiger als gestern. Dafür hält das Objekt nicht still. Nicht abdrücken, sondern warten, bis der Schuss bricht. – Ich habe ihn kaum gehört, nur den Blues. Aber die Taube ist zerfetzt, ihre Federn fliegen in alle Richtungen.

Meinen Garten habe ich noch nie als Mörder betreten, jetzt ist es so weit. Ich muss das arme Geschöpf ja wegschaffen, zudecken oder sogar begraben. Noch zuckt es. Zur Musik aus dem Haus, doch so laut wie vor Jahren ist sie nicht, deswegen wird es auch keine Anzeige geben. Ich kann hier draußen sogar das Läuten meiner Türklingel hören. Immer wieder. Nur jetzt keine Störung, keinen Besuch. Es ist Nachmittag, also kann es der Briefträger nicht sein. Ich wollte nur ein paar Schritte machen, aber es werden mehr, und ich schwanke sogar. Ich wollte nur aus dem Gebüsch heraustreten, aber nicht so weit. Zu weit. Ich sehe sie, und sie mich. Die beiden Männer am Gartentor winken mir zu.