»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich werde meiner Katze einen Namen geben, der Tiffany gefallen wird. Bonjour. Jetzt sind wir zu dritt. Mir als Mann kommt die Aufgabe zu, Sigurd Fürst zu jagen und zu erledigen. Vieles ist dafür schon durchdacht, aber mein Plan hat noch Lücken, die ich wahrscheinlich ohne die Hilfe von Boris Makarowitsch kaum schließen kann. Ich werde Tiffanys Tyrann vom Motorrad schießen. Eine von meinen drei oder vier Kugeln wird ihn treffen, alles Übrige erledigt er selbst. Entweder bricht sich der Pflastersteinmörder schon beim Sturz das Genick, oder die entgegenkommenden oder nachfolgenden Autos können nicht mehr rechtzeitig bremsen und überrollen ihn. Ich müsste dafür gar nicht außer Haus und könnte vom Garten aus in Ruhe zielen. Voraussetzung ist ein weiterer Besuch von Sigurd Fürst. Doch es dürfte nicht allzu schwierig sein, ihn, der jetzt sicher vor Eifersucht rast, zu seiner letzten Ausfahrt zu bringen.

Aber da ist noch das Problem des Motorradhelms. Es ist nach wie vor ungelöst. Meine Kugel wird es kaum schaffen, in seinen Kopf einzudringen. Oder ich übe so lange mit meiner Pistole, bis ich von links oder rechts seinen Hals treffen kann.

*

Montag, endlich. Ich mache mich daran, das Haus zu verlassen, um Zement vom Baumarkt zu holen. Doch Max kommt mir entgegen, stürmt durch den Garten auf mich zu. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn ein schwarzer Fahrradhelm bedeckt seinen Kopf bis tief in die Stirn. Während ich mein Unbehagen nicht verbergen kann, setzt er sich unbekümmert an den Gartentisch, auf denselben Stuhl, von dem aus er Vinzenz erschossen hat. Auch wenn er noch ein Kind ist – kann man etwas Derartiges so schnell vergessen? Oder hat er bis heute nichts vom Tod eines Menschen begriffen? Andererseits wäre das die beste Lösung. Max weiß nichts von seiner Tat, einzig und allein ich. Nur meine Bäume, die Sonne und einige Vögel waren Zeugen.

Es kostet mich einige Überwindung, aber ich nehme an seiner Seite Platz. Ich bin schon vielen Mördern gegenübergesessen, doch so nah noch keinem. Dabei fühle ich mich selbst beinahe wie ein Angeklagter, denn ohne meinen leichtfertigen Umgang mit einer Schusswaffe hätte das alles nicht geschehen müssen. Ich sehe Max in die Augen, aber er fängt gleich von seinen strengen Eltern an und dass man ihm kein Fahrrad kaufen will, weil das viel zu gefährlich ist. Der Kleine hat es also nur zu einem Helm gebracht und wird sich den Kopf anderweitig anschlagen müssen. Trotzdem sieht er mit diesem finsteren Helm fast bedrohlich aus, und ich muss mich bemühen, nicht an Sigurd Fürst zu denken.

Max kann sich natürlich an Vinzenz erinnern, das Ganze ist ja nicht einmal eine halbe Woche her. Er fragt, ob dieser Mann betrunken gewesen sei, denn er habe kaum noch richtig sitzen können und auch undeutlich gesprochen. Ich nicke und lenke mein Gespräch langsam auf meine Margolin. Aber anstatt in Bedrängnis zu geraten, bittet mich Max ungestüm, ihn doch einmal schießen zu lassen. Vielleicht stimmen meine Vermutungen gar nicht, vielleicht war es doch ganz anders.

Ich frage ihn, warum er an jenem Nachmittag plötzlich weg gewesen sei, meinen Freund und mich allein gelassen habe. Er druckst herum, aber dann höre ich aus seinem Gebrabbel ein Wort heraus. Weggeschickt. Max sieht meine Verwirrung. Jemand hat dich weggeschickt? War außer euch denn noch jemand im Garten? Max nickt.

Wenn ich nur mehr von Kindern verstünde! Können sie besser lügen als Erwachsene? Ist Max deswegen so überzeugend, weil er nach dem Schock des Erlebten an eine andere Geschichte glauben will? Jetzt ist höchste Vorsicht geboten, eine falsche Bemerkung, und Max verschließt sich wie eine Auster. Manchmal kann man die Wahrheit nur finden, wenn man mit größter Geduld ans Werk geht. Ich biete Max einen Wettkampf an. Einen, den sogar Kinder gegen Erwachsene gewinnen können. Mensch ärgere dich nicht. Er hat noch nie etwas von dem Spiel gehört, begreift aber die Regeln noch während des Aufstellens der kleinen Holzfiguren.

Glücklicherweise gewinnt Max schon in der ersten Runde. Er triumphiert, ist außer sich vor Siegesfreude. Darauf schlage ich ihm vor, da er kein Geld hat, dass wir um unsere Geheimnisse spielen. Der Verlierer muss eine Frage beantworten, in aller Ehrlichkeit. Max willigt ein, würfelt, wirft eine meiner Figuren vom Brett, dann mehrere, und am Ende der Runde ist er wieder Sieger. Er aber interessiert sich gar nicht für meine Geheimnisse, sondern ist voller Gier nach dem nächsten Triumph, und ich mache mit. Dabei versuche ich, meine Gedanken zu ordnen, Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzuhalten. Ich erinnere mich an meine Zeiten als Kind, an meinen damaligen Gegenspieler, und das war nicht mein Vater, aber doch ein Mann seines Alters.

Soll ich mir wünschen, dass Max die Wahrheit gesagt hat und wirklich weggeschickt worden ist? Hat Vinzenz kurz vor seinem Tod Sigurd Fürst gesehen? Mit einem Motorradhelm auf dem Kopf und voller Hass im Gesicht? Und wie er das Nachbarskind wegschickt, eine Pistole aus der Kassette geholt und sie anlegt auf ihn?

Max gewinnt wiederum, und ich werde nicht nur ein weiteres meiner Geheimnisse preisgeben, sondern mir auch überlegen müssen, wie ich ihn zum Verlieren bringen kann. Ich erzähle von einem Bild, das ich gestohlen und aus dem Rahmen gebrochen habe, und muss anschließend feststellen, dass Mensch ärgere dich nicht ein Spiel ist, bei dem man nicht betrügen kann. Aber Max ist so glücklich, dass er mir vielleicht die eine oder andere Antwort schenkt, und deshalb frage ich ihn nach seinem Helm, der doch ohne Fahrrad ganz sinnlos wäre. Während er meine Figuren umwirft, redet er davon, dass er jetzt auch ein Soldat ist und deswegen das richtige Schießen lernen muss. Er will nun keine Geständnisse mehr von mir hören, sondern die schwere Pistole in die Hand nehmen dürfen, wenn er wieder gewinnt.

Aber Max verliert. Wir beide können es nicht glauben. Ich frage Max auch gleich, welcher Helm denn nun schöner sei. Er klopft auf seinen Kopf. Und größer? Max zeigt ohne Argwohn auf das Gartentor. Jetzt weiß ich es. Dahinter liegt die Straße. Aber ein Beweis fehlt mir noch immer, und diese Mal soll mich nur die Wahrheit leiten. Max, der Mann mit dem Motorrad hat dich weggeschickt. Das Kind verneint. Doch! Max schleudert das Spiel samt Figuren ins Gras, springt auf und läuft davon. Die Tür zum Garten lässt er offen.

Ich habe auch dieses Spiel verloren. Trotzdem bin ich ein Stück weiter. Ein entscheidendes. Wie die Dinge jetzt stehen, sind sie mir viel lieber. Der Kleine mag noch so toben, er hat mein Herz. Ich kann ihn wieder mit anderen Augen sehen. Es scheint, als sei Sigurd Fürst tatsächlich seinem Nebenbuhler bis zu meinem Haus gefolgt. Sogar die im Gras liegende Margolin passt jetzt ins Bild. Sigurd Fürst hat meinen alten Freund erschossen, und ich bringe auch noch die Leiche in den Keller. Einen größeren Triumph kann es für ihn nicht geben.

Ohne Notwendigkeit habe ich mich zu seinem Kumpanen gemacht und bin nun ewig mit ihm verbunden. Hätte ich die Polizei gerufen, könnte ich jetzt einer wunderbaren Zukunft entgegenblicken. Ich wäre wieder ein Richter ohne Fehl und Tadel, und Tiffany könnte ohne Angst vor Vinzenz oder Sigurd Fürst an meiner Seite sein. So aber bin ich verurteilt weiterzukämpfen, um am Ende doch noch alles zum Guten zu führen.

Noch ist nichts verloren. Wenn ich meine Situation genau und gelassen betrachte, gehe ich aus dieser Krise sogar gestärkt hervor. Bisher wäre das Töten von Sigurd Fürst ein Verbrechen gewesen, jetzt ist es die verdiente Strafe. Und ich habe nicht nur Tiffany hinter mir, sondern auch Vinzenz. Mein alter Freund und Richterkollege wird es mir aus dem Jenseits danken, dass ich seinen Mörder zur Rechenschaft ziehe.

*

Im Altenheim in der Sensengasse begegnet man mir, als wäre ich noch nie hier gewesen, aber Boris Makarowitsch erinnert sich sofort an unser Gespräch. Ob ich Fortschritte gemacht hätte im Schießen. Ich berichte von kleinen Erfolgen und dass ich einen Ausflug zum Russendenkmal beim Hochstrahlbrunnen gemacht hatte. Es freut ihn, dass ich ihn doch tatsächlich auf der hohen Säule als Statue gesehen habe.

Ich erinnere ihn an das Zauberwort, das er mir damals genannt hat: Kaschieren. Der Alte sieht mir ins Gesicht, und ich weiß, dass er weiß, dass ich ihn nicht verraten werde. Er scheint auch den Grund meines Besuches zu kennen. Wie sonst würde er davon reden, dass es am schwierigsten sei, den Ersten zu töten und dass es danach gleich leichter falle. Er habe den Vorteil des Krieges gehabt, dort seien durch seine Kalaschnikow hunderte Menschen umgekommen. Alles Soldaten, keine Zivilisten. Sogar die in den letzten Jahrzehnten seien trotz Anzug und Krawatte oder auch Sommerhemd keine harmlosen Bürger gewesen, sondern gnadenlose Feinde. Bestens getarnt, wie er selbst. Der Krieg ohne Uniformen sei aber genauso wichtig wie der andere. Insgesamt ein Dutzend habe er eliminiert. Den Zwölften aus dem Auto heraus. Mit seinem etwas jüngeren Fahrer habe er ein Freundespaar abgegeben, das mehr Mitleid als Verdacht erwecken musste. Zwei Wochen später habe er sich in dieses Heim zurückgezogen. Seit dem neuen Jahr sei er hier, ohne Besucher, und er wisse nicht einmal, ob seine alten Freunde noch lebten.

Soll ich ihn fragen? Es liegt mir auf der Zunge. Aber lieber gehe ich die Angelegenheit vorsichtig an und spreche zunächst von begnadeten Malern und Pianisten, die ihre Kunst noch im hohen Alter ausüben konnten, Picasso etwa, und Vladimir Horowitz habe noch mit über achtzig Konzerte gegeben. Boris Makarowitsch gefällt der Vergleich, und er wirft ein, dass er seinen russischen Landsmann schon um zehn Jahre übertroffen hat. Dann gebe ich mir einen Ruck und bringe das Gespräch auf vergangene Weihnachten, den Mann auf einem Fahrrad in der Alser Straße. Makarowitsch unterbricht er mich gleich: Er habe einige Male schießen müssen, auf eines seiner schwierigsten Ziele, alles in Bewegung, Auto und Rad, aber das Ergebnis könne sich sehen lassen, und eine umgebaute Beretta sei es gewesen, nicht die Margolin, denn die habe noch eine andere Aufgabe zu erfüllen.

Jetzt frage ich ihn geradeheraus, wie er dann wohl einen Motorradfahrer erledigt hätte, der noch dazu bestens mit einem Helm beschützt ist. Makarowitsch zögert keinen Augenblick, und seine Antwort könnte nicht einleuchtender sein. Von vorne. Mitten ins Gesicht. Am besten in ein Auge oder in den Mund, auch der Hals eigne sich dafür. Und keine Sorge. Ein Sturz von einer schweren und schnellen Maschine überdecke alles, man könne sogar ein größeres Kaliber verwenden, aber das sei dann nicht mehr die alte Schule, sondern die primitive Gewalt heutiger Zeiten.

Der Russe weiß, dass ich einen Menschen töten will. Er rät mir sogar, dem Mann möglichst viel Schuld anzukreiden. Wenn man genug Überzeugung besitze, sei das für das Anlegen und Treffen die größte Hilfe. Schädlich hingegen seien Wut und Hass, solche Erregungen würden die Waffe zittern lassen. Alles in allem gelte es, für ein paar Sekunden ein Höchstmaß an Konzentration und Ruhe aufzubringen, egal wo, mitten im Verkehr, aus dem Auto heraus oder auch im Getöse einer heranfahrenden U-Bahn. In meinem Fall rät er mir zu einem Platz hinter einem Baum, in einer Straße mit einer langgezogenen Kurve. Ein entgegenkommender Motoradfahrer könne dann gar nicht anders, als mir sein Gesicht wie eine Zielscheibe entgegenzuhalten. Wien habe genug Alleen, die sich dafür bestens eigneten, und ich könne sogar damit rechnen, dass der Angeschossene gegen einen der Bäume pralle und sich schon dort das Genick breche. Unfälle dieser Art gehörten zur Tagesordnung, und kein Mensch würde an eine Exekution denken.

Ich bedanke mich bei Makarowitsch. Seine Margolin hat uns zusammengeführt, und ihr gilt auch seine Bitte zum Abschied. Ich möge seine treulose Tochter dazu drängen, ihm das gute Stück samt Holzkassette so bald wie möglich zu bringen. Die letzte und schrecklichste Zeit breche über ihn herein, schon kämen die Tage, an denen er sich eine Stunde nach dem Mittagessen nicht mehr daran erinnere. Vielleicht habe er in ein paar Augenblicken unser Gespräch vergessen, obwohl es genüge ja, wenn ich mir seine Ratschläge merke und sein einstiges Handwerk fortsetze. Wie gerne hätte er einen Sohn gehabt wie mich, so aber lebe er von seinen alten Erinnerungen, die mehr und mehr würden. Gestern sei ihm alles zur Liquidierung eines hohen Staatsbeamten eingefallen, jede Kleinigkeit habe er vor sich gehabt. Unfalltod mit einem Auto, an einer Hausmauer, mitten in Wien. Das Kaschieren sei bestens gelungen.

Ich verabschiede mich, will nichts mehr davon hören, weil mich dieses Bekenntnis von Boris Makarowitsch an das Ende meines Vaters erinnert. Auch wenn es keinen Zusammenhang geben kann, weiß ich allmählich zu viel. Nicht nur von diesem Rotarmisten, sondern auch über Vorgänge, von denen ich als Richter keine Ahnung hatte. Das ist auch gut so. Denn schon bald werde ich selbst den Weg beschreiten, der an der Justiz und ihren Palästen vorbeiführt. Auf dem Flur bedankt sich eine der Schwester dafür, dass ich dem einsamen Mann einen Besuch abgestattet habe, und rät mir noch, seine versponnenen Geschichten einfach nicht ernst zu nehmen. In diesem Alter verblasse die Wirklichkeit allmählich, und die Fantasie werde dafür umso mächtiger. Und ich solle doch bald wieder kommen.

*

Zu Hause finde ich einmal mehr eine Überraschung vor. Aber endlich eine, die mich freut und mein Herz auf eine angenehme Weise schneller schlagen lässt. Ein Geschenk liegt vor der Eingangstür, mit dem ich so schnell nicht gerechnet habe. Noch dazu ist es keines von den kleinen Dingern, sondern eines aus Vinyl, wie es sich gehört. Das ist eben Tiffany. Sie hat bei ihrem Besuch vor Wochen meine Vorlieben gesehen und sich meine Freude an richtigen Schallplatten gemerkt. Heute Abend wird ihre Musik gehört. Schade nur, dass sie mich nicht angetroffen hat. Aber mein Besuch bei Boris Makarowitsch war wichtig und dient letzten Endes ohnehin uns beiden. Jetzt weiß ich, wie die Dinge des Tötens anzugehen sind.

Ich ändere aber mein Programm. Nicht erst am Abend spiele ich Tiffanys wilde Musik, sondern schon jetzt. Dieser Tag muss ihr gehören und nicht einem mühseligen Besuch im Baumarkt. Der Zement wird morgen gekauft, das Loch im Keller kann warten. Nun hämmert eine Band namens Mopedrock in meinem Zimmer, und ich höre wie schon damals in der U-Bahn französische Liedertexte und dabei immer wieder Bonjour. Die Katze gleichen Namens hat sich wegen der gewaltigen Lautstärke verkrochen, aber ich habe dafür Tiffany an meiner Seite. Zwar nur als Gemälde, doch ihr Mund verführt mich schon jetzt, und ihre Augen sehen mich an.

Dennoch werde ich mir eine kleine Arbeit vornehmen. Ausnahmsweise muss ich auch nach dem Bild mit dem Narrenturm nicht lange suchen, und jetzt bin ich froh, es nach dem Unfall des Radfahrers in der Alser Straße aufgehoben und mitgenommen zu haben. Der damalige Abend vor Weihnachten fällt mir in allen Einzelheiten wieder ein, meine Unentschlossenheit, eine Straßenbahn zu besteigen, die gerahmte Fotografie mit dem Narrenturm auf dem Gepäckträger des klapprigen Mannes, sein grässlicher Aufschrei, und wie ich mir dann noch auf dem Nachhauseweg an den scharfen Spitzen des zerbrochenen Glases die Hand aufgeschnitten habe.

Es ist mein eigenes Blut, das hier eingetrocknet die vielen kleinen Splitter zusammenhält. Ich komme mir vor wie ein Pathologe, der nach den Ursachen eines Todes forscht. Während eine junge Frau der Rockband vom Paradies singt, schiebe ich mit meiner Pinzette kleine Glasteile beiseite, um in die Mitte der Zerstörung zu gelangen. Ich weiß: Boris Makarowitsch hat mir keine Geschichten erzählt, sondern die Wahrheit gesagt, bis ins Kleinste. Für den alten Radfahrer hat er mehrere Schüsse gebraucht. Ob Querschläger oder nicht, eine Kugel hat jedenfalls auch das Bild mit den Narrenturm getroffen. Ich habe das Projektil vor meinen Augen, und nun heißt es, ein solches Hohlspitzgeschoss in den Kopf von Sigurd Fürst zu bringen. Bald. Bevor er mir zuvorkommt oder Tiffany zu Tode quält.