»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

In den Morgennachrichten höre ich nach wie vor nichts von Vinzenz, aber es stehen uns die heißesten Junitage seit Jahrzehnten bevor. Mich wird das nicht betreffen, denn im Keller ist es kühl, und einen besseren Platz für meine Schießübungen könnte ich nicht finden. Nach dem gestrigen Auskundschaften des Tatorts ist Sigurd Fürst nicht mehr ein schemenhaftes Gebilde, sondern ein klares Ziel. Ich habe jetzt schon sein Gesicht unter dem Helm vor mir, und die nächste Zeit dient dazu, alle Handgriffe bis zum Abdrücken in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Fünf Sekunden habe ich Zeit, Fehlschüsse sind erlaubt, doch eine der Kugeln muss ins Schwarze treffen. Wenn er überlebt, hätte das unabsehbare Folgen.

Ich kaufe drei unterschiedliche Melonen, alle in der gleichen Größe. Der Händler meint noch, an heißen Tagen gäbe es nichts Besseres, nur müssten sie vorher lang genug im Kühlschrank liegen. Aber ich trage sie zu Hause gleich in mein unterirdisches Refugium. In den hintereinanderliegenden Gewölben kann ich auch die Distanz herstellen, die ich in der Allee zu erwarten habe. Ich könnte die Honigmelone auf den Stiel der Schaufel pfählen und diese in den Boden rammen, aber das tue ich nicht, ich lege die Frucht in ein bereits leergeschossenes Weinregal. Viel entscheidender sind die Lichtverhältnisse, und dank der einzeln schaltbaren Lampen an den Wänden gelingt es mir, hier unter der Erde fast eine kleine Pötzleinsdorfer Straße herzustellen. Als Baum dient mir ein zusammengerollter Teppich, und ich vergesse heute auch nicht das Wichtigste. Den Schlüssel in der Kellertür habe ich zweimal umgedreht.

Anders als erwartet wird die Melone selbst bei einem Treffer in der Mitte nicht zerschmettert. Für ein Spektakel brauchte man ein größeres Kaliber, aber für meine Zwecke versehen diese Kugeln ihren Dienst sehr ordentlich. An ihren Austrittstellen nehmen sie einiges vom Fruchtfleisch und der Schale mit, aber das wird beim Kopf von Sigurd Fürst kaum der Fall sein. Für die Zerstörung seines Schädels soll stattdessen der Sturz sorgen, der Aufprall an der Gehsteigkante oder der abendliche Verkehr, der ihn überrollt. Dieser macht mir allerdings einige Sorgen. Was ist, wenn kein Auto kommt, die Straßenbahn noch weit entfernt ist und nichts als Leere herrscht, in der Sigurd Fürst verletzt um Hilfe ruft? Aber auch bei genügend Fahrzeugen ist noch nicht alles gewonnen. Boris Makarowitsch hat es sich leicht gemacht und mir den Schuss von vorne empfohlen. Aber ein Helm könnte meinen Mann vor jeder Art von Aufprall beschützen und ihn mit einem Projektil hinterm Auge überleben lassen. Andererseits reizt mich gerade diese Aufgabe. Der alte Rotarmist hat nur einen betagten Herrn vom Rad geschossen, ich bewege mich mit meinem Ziel in ganz anderen Dimensionen.

Von Schuss zu Schuss werde ich besser, und der Lauf meiner Margolin wird wärmer und wärmer. Langsam verstehe ich immer mehr von Rache und nicht vermeidbarer Notwehr. Sogar die Welt eines Breivik fängt an, mir begreifbar zu erscheinen. Hat man sich einmal für einen derartigen Weg entschieden, will und kann man ihn nicht mehr verlassen. Mit jedem Schritt wird man tiefer hineingezogen, bis alles vollendet ist. Doch anders als der Norweger werde ich keinen Unschuldigen treffen. Mit Sigurd Fürst habe ich Glück, er ist ein Mörder. Der Sog in mir wird eine Ratte treffen und vor allem Tiffany befreien. Eigentlich müsste ich jetzt ihre wilde Musik zu meinen Schüssen und Treffern spielen, doch nach der Tat steht einem endlosen Feiern nichts mehr im Wege. Nun heißt es noch, an der Haltung meiner Pistole zu feilen. Das Werk muss heimlich gelingen, mit tief gestellter Pistole, am besten aus der Hüfte heraus.

Aber ich scheitere. Bei tief gehaltener Pistole liegt meine Trefferquote viel zu niedrig. Ich bin auf den Blick über Kimme und Korn angewiesen. Ich werde Sigurd Fürst die Margolin mit erhobener Hand entgegenhalten müssen und dabei in der Finsternis der Nacht zwischen den Blättern der Sträucher verschwinden. Je dichter ich am Baum stehe, desto eher könnte man meinen ausgestreckten Arm für einen Ast halten. Vor einer Stunde ist mir alles noch so leicht erschienen, jetzt begreife ich erst das Ausmaß des Risikos, das ich auf mich nehmen muss. Dazu kommt noch eine weitere Erschwernis. Da ich meine Margolin jedes Mal durchladen muss, reicht die Zeit nur für knapp zwei Schüsse. Aus einer automatischen Waffe oder einem Revolver könnte ich feuern und feuern.

Das wäre allerdings nicht mein Stil. Ich muss in die andere Richtung gehen, weg vom primitiven Ballern, hin zum chirurgischen Eingriff. Deswegen muss ich das Ganze auf die Spitze zu treiben. Kein hektisches Repetieren, ich darf nur einmal schießen. Ein einziges Mal. In aller Ruhe. Mit vollkommener Gelassenheit. So wie ein Bogenschütze seinen Pfeil losschickt, so wie mein Freund Boris Makarowitsch einen Feind exekutiert. Abdrücken und töten. Oder verlieren. Es gefällt mir, alles auf eine Karte zu setzen.

Ich möchte auch kein gewöhnlicher Richter und Henker sein. Mit den Ansprüchen wächst das Können. In den nächsten Tagen werden all meine Gedanken sich auf dieses Ziel konzentrieren. Jetzt noch die dritte Melone aufgelegt. Ihre Schale ist glatt, und sie duftet herrlich. Ich ziele und treffe. Rechts von der Mitte, dort wo das Auge sitzt. Ich lege wieder an, versinke für Sekunden in den Zustand, den ich nicht mehr missen möchte. Ich drücke ab. Es ist kaum zu glauben. Diese zweite Kugel ist exakt durch das erste Loch gegangen. Ich repetiere, hole Luft, halte den Atem an, bewege den Abzug fast in einer Schwerelosigkeit. Dieses Mal bleibt das Kunststück aus, aber immerhin habe ich das andere Auge getroffen. Wenn Sigurd Fürst mir dann auf seinem Motorrad nur nicht mein Werk verzittert. Könnte ich noch schießen, wenn er mich ansieht?

Der Unbekannte im Keller kommt mir wieder in den Sinn, wie öfter in den letzten Tagen. Mein Gefühl sagt mir immer deutlicher, dass der Mann mit dem Koffer zu uns gehört. Dafür spricht eine Erinnerung. Das erste Auto meines Vaters taucht vor mir auf, das immer die bewundernden Blicke der Fußgänger auf sich zog. Und jener Ausflug über die Höhenstraße auf den Kahlenberg. Die Fahrt mit den vielen Kurven war ein wildes Abenteuer, der Blick von der Terrasse auf die Stadt atemberaubend. Wien lag mir zu Füßen, und ich bedauerte es, noch nicht zur Schule zu gehen. Wie gerne hätte ich die vielen Häuser gezählt! So aber überließ ich mich dem Anblick des glänzenden Bandes der Donau und bewunderte die Kellner in ihren weißen Jacken. Und da war er. Mit seinem Bart und der hohen Gestalt. Ich sehe ihn nur von hinten, am Geländer der Aussichtsterrasse steht er wie ein Kapitän auf dem Schiff. Und er fotografiert. Oder filmt? Vielleicht sogar beides. Gab es in seinem Koffer nicht auch ein Bild vom Kahlenberg?

Ich blättere durch die Ansichtskarten und finde die Fotografie. Sie zeigt die vielen Häuser, den Donaustrom, Reihen unbesetzter Stühle, die wartenden Kellner und rechts im Vordergrund an einem Tisch meine Eltern mit einem Paar, das ich nicht kenne. Mein Vater redet wie immer, gestikuliert, die anderen hören ihm zu. Meine Mutter allerdings nicht, vornübergebeugt scheint sie etwas zu schreiben. Seitdem wir das neue Auto besaßen, war es ihr zum Bedürfnis geworden, von nahezu jedem Halt eine Ansichtskarte zu verschicken. Ich bin nirgendwo zu sehen, aber vielleicht war ich bei dem Unbekannten. Um die Erinnerung aufzufrischen, müsste ich mich wohl an Ort und Stelle begeben, aber ich habe Angst davor, über meine Eltern Fürchterliches zu erfahren.

*

Bonjour geht es wie mir. Das arme Tier leidet unter der außerordentlichen Hitze des beginnenden Sommers. Ich könnte zwar meine Schießübungen im kühlen Keller fortsetzen, aber ich weiß auch von der Gefahr übertriebener Vorbereitungen. Außerdem gehen mir bald wieder die Patronen aus, und ein Besuch im Waffengeschäft zum jetzigen Zeitpunkt könnte mich verdächtig machen. Am besten ist es, wenn die Welt von mir nichts erfährt. Der eine oder andere Stein wird noch zu überwinden sein, aber viele sind schon ausgeräumt. Die zerschossene Straßenlaterne bringt mir den Vorteil, den ich brauche, obwohl ich die genauen Zusammenhänge damals noch nicht ahnen konnte. Um den Baum herum ist es auch durch die dichte Krone finster, sodass ich mir über den ausgestreckten Arm beim Zielen keine Sorgen mehr machen muss.

Jetzt kommen zwei Männer an meine Gartentür. Ich gehe ihnen entgegen. Sie schwitzen noch mehr als ich und stellen sich als Kriminalbeamte vor. Die beiden sind für mich keine Überraschung, auch wenn ich mit ihrem Besuch nicht gerade an einem Sonntagabend gerechnet habe. Noch dazu heute, wo doch jeder das Endspiel der Europameisterschaft verfolgen wird. Spanien oder Italien, wer wird die meisten Tore schießen? Diese Frage stelle ich den beiden Herren, um mich möglichst alltäglich zu geben. Als Antwort höre ich Seufzen, aber die Pflicht geht vor, und vielleicht könnte man in den nächsten Stunden den einen oder anderen Blick auf einen Fernseher werfen. Man habe erst heute von einem Penthouse des Herrn Vinzenz Wolf erfahren. Noch gäbe es keinerlei Grund zur Sorge, und bestimmt sei der Herr Richter irgendwo im kühleren Süden, aber da ich schon den Schlüssel habe, könne man gleich der Sache auf den Grund gehen und die Dachwohnung am Stephansplatz besichtigen.

Ich tue beunruhigt, erzähle auch gleich von den vielen Versuchen, meinen alten Freund Vinzenz zu erreichen, und dass ich mir auch schon Gedanken wegen seiner äußeren Veränderung gemacht hätte, aus einem stattlichen Herrn sei ein dünner Mann geworden. Natürlich will man wissen, wann ich Herrn Wolf zum letzten Mal gesehen habe. Ich lüge wie geplant. Vor Monaten, in seinem Penthouse, an einem Nachmittag zu zweit, mit Gesprächen über gemeinsame Erinnerungen. Ich rede weiter, erwähne Belangloses, um meinen ersten großen Fehler in meiner Laufbahn als Verbrecher zu übertünchen. Die beiden Herren aber scheint der Widerspruch nicht aufgefallen zu sein, wie ich dann vom bedenklichen Aussehen von Herrn Wolf wissen konnte. Vor Erleichterung zeige ich mich sogar überaus hilfsbereit, hole eilig den Schlüssel für das Penthouse und steige in das zivile Auto der beiden.

Auf dem Weg in die Innenstadt erfahre ich, dass eine Frau Fanny Bruckner von meinem Schlüssel erzählt habe. Eine Bekannte des Herrn Wolf. Wir kommen rasch voran, Verkehr gibt es so gut wie keinen, die Gassen sind durch das Endspiel wie ausgestorben. Im Haus am Stephansplatz werden wir kurz durch das Aufheulen einer unsichtbaren Menschenmasse aufgehalten. Meine Kriminalbeamten rätseln, ob das nun ein Tor gewesen sei oder nicht. Dann bitten sie mich, die Tür aufzuschießen.

Das Licht geht an, und wir betreten das Chaos in aller Helligkeit und bei fast unerträglicher Hitze. Einer meiner Begleiter behauptet, so etwas noch nie gesehen zu haben, während der andere enttäuscht feststellt, dass es hier keinen Fernseher gibt. Der Pflichbewusstere der beiden öffnet ein Zimmer nach dem anderen. Er sieht sogar in den Schränken nach, und beim Öffnen fallen ihm Unrat und Kleidungsstücke entgegen, wie sie ohnehin schon überall auf dem Boden liegen. Ich nütze die Gelegenheit und versuche vor ihnen als Zeugen, so viele Fingerabdrücke wie nur möglich zu hinterlassen. Um den Tisch in der Mitte mache ich allerdings einen Bogen. Aus der Entfernung sehe ich den Abschiedsbrief von Vinzenz, in den ich meine ganze Hoffnung setze.

Eigentlich müsste ich aufgeregt sein, aber ich schwitze nur der Hitze wegen, während die beiden herumstolpernden Herren meine Ruhe und Gelassenheit nur vergrößern. Ich stehe auf einer Bühne, und in meiner Inszenierung läuft alles ab wie gewünscht. Die Darsteller reden ständig von dem armen Herrn Wolf und wie schlecht es ihm gehen muss, man rätselt, was ihn aus der Bahn geworfen haben könnte, und macht sich Gedanken über die weitere Vorgangsweise. Ein Urlaub des Herrn Richters wird jetzt schon weniger in Betracht gezogen, obwohl er darum in seinem Amt angesucht habe. Beruhigend sei, dass hier nur Essen verfaule, nicht aber der Gesuchte.

Die Terrassentür wird aufgeschoben, und wir alle treten ins Freie. Von der Stadt her brandet Jubel auf, es muss ein Tor gegeben haben. Der gemütlichere der beiden Beamten versucht aus dem Geschrei herauszuhören, ob Spanier oder Italiener diesen Augenblick feiern, der andere entdeckt den Fressnapf, aber kein Tier dazu. Er meint, für einen Hund sei der Topf zu klein, aber eine Katze könnte es gewesen sein. In der Küche findet er noch eine Schale mit eingetrockneter Milch und zu seiner Freude einen Vorrat an Katzenfutter. Jetzt kommt doch wieder der Urlaub in Frage, vor dem der Herr Richter sein Tier zu Freunden oder in ein Heim gegeben habe. Während sich sein Kollege über das Terrassengeländer beugt, um durch das Fenster des Nachbarhauses einen Blick auf einen Fernseher zu erhaschen, zieht der andere Beamte weiter seine Kreise. Jetzt ist er am Tisch, und in Gedanken rufe ich ihm zu, dass es dort heißer und heißer wird.

Er schiebt leere Verpackungen beiseite, hebt Flaschen auf und stöbert in den Laden. Dann endlich greift er zu dem doch so deutlich vor ihm liegenden Zettel. Er liest ihn und nickt, als hätte er es schon immer gewusst. Er will seine Freude teilen, gibt mir den Fund. Ich will nicht mehr. Adieu. Ich mache ein besorgtes Gesicht, obwohl ich vor Glück weinen möchte. Ich drehe das Papier in den Händen, um möglichst viele Fingerabdrücke zu hinterlassen. Man wir sie von meinen alten nicht unterscheiden können, Untersuchung und Verbrechen fließen ineinander. Der tüchtige Beamte redet jetzt endlich von der Möglichkeit, dass sich der Herr Wolf auch etwas angetan haben könnte. Ich widerspreche ihm aber, um mein Spiel in weitere Höhen zu treiben, erzähle von der Lebenslust meines Freundes und dass ein Selbstmord so gut wie ausgeschlossen sei. Der Mann fällt auf mich herein, wird mir gegenüber zum ersten Mal hart und streng. Ich müsse mich auf das Schlimmste gefasst machen, Abschiedsbriefe wie dieser seien ihm in seiner Laufbahn schon genug untergekommen.

Ein Verbrechen sei damit so gut wie auszuschließen, denn welcher Täter käme auf die Idee, ein so schönes Penthouse zu einem Abfallhaufen zu machen. Bestimmt wäre dem letzten Schritt des Herrn Wolf eine lange Leidensgeschichte vorangegangen. Aber eine Frage habe er doch noch an mich. Ob ich mir vorstellen könne, dass Fanny Bruckner etwas mit seinem Verschwinden zu tun habe, denn immerhin sei sie mit ihm einige Male gesehen worden. Ich gebe mich ahnungslos, aber zur eigentlichen Antwort kommt es nicht, denn der andere Kriminalbeamte stürzt von der Terrasse herein, es hat ein weiteres Tor gegeben.

Wir verlassen das Penthouse. Den Schlüssel behalten die beiden Herren, ich bekomme dafür auch eine Quittung. Man bietet mir an, mich wieder zurückzufahren, doch ich lehne ab, spreche von der Schönheit der Nacht und dass ein Spaziergang nach der schrecklichen Geschichte mit meinem alten Freund jetzt genau das Richtige wäre. Der fußballbegeisterte Beamte dankt mir mit einem nassen Händedruck, während der andere mich tröstet. Man könne in keinen Menschen hineinschauen, und vielleicht habe Herr Wolf gerade mir seine wahren Absichten verschwiegen.

Im Überschwang winke ich den beiden noch nach, aber schon auf dem Weg zum Ring fängt trotz der Hitze mein Gehirn wieder an, Fragen zu stellen. Hat sich nicht der Umsichtigere der beiden einfältiger gegeben, als er tatsächlich ist? Wurde ich in das Penthouse gelockt, damit man mich an Ort und Stelle beobachten konnte? Wie reagiere ich auf den Abschiedsbrief, was fällt mir ein, wenn von einer fehlenden Katze gesprochen wird? Jetzt kommt mir sogar der Zeitpunkt verdächtig vor. Das Endspiel einer Europameisterschaft eignet sich hervorragend zur Verwirrung und als Tarnung. Ich verfluche mich, dass ich nicht besser auf den Kriminalbeamten auf der Terrasse geachtet habe. Er hätte mich aus der Dunkelheit heraus im Auge behalten können, die ganze Zeit, während sein Kollege mir scheinbar unbekümmert den Rücken zuwendete. Dann hätte ich zwar alles gründlich vorbereitet, Spielleiter des heutigen Abends wäre aber ein anderer gewesen.

Wieder ein Tor mit Jubelschreien in allen Gassen, und ich weiß noch immer nicht, wer am Gewinnen ist. Aber vielleicht mache ich mir nur zu viele Gedanken. Selbst wenn das Ganze eine Falle gewesen sein sollte, ist nichts verloren, denn ich habe mich richtig verhalten. Keine verdächtige Antwort, und auch meine Blicke können keinerlei Hinweise gegeben haben.

In diesem Moment rennt eine Frau aus einem Haus, stürzt auf mich zu, umarmt und küsst mich. Vier zu null. Ihr Deutsch hat einen Akzent, den ich aber nicht zuordnen kann. Sie bleibt nicht allein, ganze Familien tauchen auf, und die ersten Autos mit jubelnden und fahnenschwingenden Menschen rasen durch die Gassen. Ich will in den menschenleeren 41er steigen, aber die Gluthitze lässt mich kehrtmachen. Lieber nehme ich doch den langen Spaziergang in Kauf, zumal ich dabei auch meine Gedanken ein wenig ordnen kann.

*

Zu Hause wartet zu meiner Freude Bonjour auf mich, aber auch ein Bildnis mit großen Augen und verführerischem Mund. Warum hat Tiffany vom Schlüssel zum Penthouse erzählt? Wurde sie unter Druck gesetzt?

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Die heißen Tage sind der Stadt erhalten geblieben und bringen sie regelrecht zum Glühen. Dennoch bin ich nicht zu Hause geblieben, sondern habe mich in etwas kühlere Höhen begeben. Hier auf dem Kahlenberg ist es drückend heiß, und die Fahrt herauf mit dem Bus war schweißtreibend und holprig. An manchen Kurven haben sich hinter uns lange Autoschlangen gebildet, während die rasenden Motorradfahrer die Serpentinenstraße offenbar dafür benützen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Zum Kopfsteinpflaster sind über die Jahre unzählige Schlaglöcher gekommen, während das schöne alte Hotel verschwunden ist. Dafür gibt es neue Gebäude, die alles andere als eine Zierde für den Hausberg der Wiener sind. Die meisten Terrassen dürfen nicht mehr betreten werden, eine große wiederum ist von Touristen überlaufen, und sie bietet mir nicht den Ausblick, den ich suche. Ich habe meine kleine Reise nicht nur wegen der besseren Luft gemacht, sondern auch um Anhaltspunkte für den Unbekannten aus dem Keller zu finden.

Doch jetzt bin ich an einem kleinen Geländer in einer Nische, der zwar die Tische und Stühle fehlen, aber es ist die richtige Stelle. Hier sind damals meine Eltern gesessen, von diesem Platz aus wurde das Foto gemacht. Ich nehme es zur Hand, sehe auf dem Bild die wartenden Kellner, meinen wortführenden Vater, die Mutter beim Schreiben einer Ansichtskarte, die Stadt. Natürlich ist sie gewachsen und hat sich ausgebreitet, doch unter der Dunstglocke ist heute von den Häusern kaum mehr zu sehen als damals in meinen Kindertagen. Hinter mir erklärt ein Wiener drei Damen aus Deutschland wunderbare Dinge über das Leben da unten, während ich bei meinen Forschungen über das Skelett in unserem Keller keinen Schritt weiterkomme. Aber ich sehe heute die Stadt mit anderen Augen. Wie viele Morde mag es in Wien geben, die noch unentdeckt sind? Sosehr ich mir wünsche, dass Vinzenz nie gefunden wird, das Geheimnis meiner Eltern möchte ich auf alle Fälle ergründen.