»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Leichter Wind kommt auf, fast hätte er das Foto des Unbekannten in die Weingärten unter mir geweht. Dennoch ist mit keinem abkühlenden Gewitter zu rechnen, und ich ersticke schon jetzt beinahe bei der Vorstellung, wieder mit dem Bus in die Stadt fahren zu müssen. Auf dem Platz vor der Sobieski-Kapelle drängt sich eine keuchende Reisegruppe an mir vorbei, aber dann, im nächsten Moment, sehe ich das Motorrad und auch Sigurd Fürst im Schatten eines Baumes. Schon lange habe ich mit einer solchen Begegnung gerechnet, doch eher in der Nähe meines Hauses als auf dem Kahlenberg. Aber wenn mir dieser Mann schon in einem Gastgarten keine Ruhe lässt, warum soll er mir nicht auch auf meinen Ausflügen folgen, und die Fahrt über die Höhenstraße hier herauf war für ihn bestimmt ein größeres Vergnügen als für mich.

Ich könnte an ihm vorbeigehen, aber unsere Blicke haben sich schon ineinander verfangen. Er tritt mir in den Weg, ein Ausweichen ist unmöglich. Er macht nur eine kleine Handbewegung, aber ich verstehe, was er will. Ich bin eingeladen, auf dem Rücksitz seines Motorrads Platz zu nehmen. Er schwingt sich bereits auf die schwere Maschine. Noch immer hält er mich für den gehorsamen Menschen, dem man ohne viele Worte seinen Willen aufzwingen kann. Ich könnte ihm jetzt sagen, dass ich schon lange nicht mehr der Mann vom Stadtpark bin, den man mit ein paar billigen Gesten einschüchtern konnte. Andererseits habe ich nicht allzu viele Möglichkeiten, dem Ungeheuer zu entkommen. Soll ich in den Wald laufen oder mich in der Kapelle verstecken? Er startet, sieht mich an, freundlich, ohne Feindseligkeit. Einen Augenblick lang schäme ich mich sogar, denn vielleicht ist er wirklich nur ein Mann, den verständliche Eifersucht plagt, während ich ihn töten will und dafür täglich neue Vorbereitungen treffe. Nur, dieser Plan könnte scheitern, wenn ich ihn jetzt zu argwöhnisch mache.

Er fragt mich nun, ob ich Angst hätte, vor ihm, vor einem Unfall? Er spricht von tausenden Kilometern ohne einen Kratzer, und dass ich ihm vertrauen könne. Er möchte die alte Feindschaft begraben und sei sogar bereit, über die Geschichte mit dem Pflasterstein zu reden. Mord oder doch nicht. Das sollte mich eigentlich interessieren. Vinzenz hat die Wahrheit gekannt und mit ins Grab mitgenommen. Auch Sigurd Fürst wird nicht mehr viel Zeit bleiben, sie mir zu gestehen.

Ich steige auf das Motorrad, spüre sofort die Vibrationen der gewaltigen Maschine in meinem ganzen Körper. Es könnte die Hitze sein, die mich Abwegiges denken lässt und jeden Widerstand in mir bricht, aber ich fühle mich auch auf eine besondere Weise mächtig. Zumindest heute bin ich kein Feigling, und ganz sicher keine Banane. Habe ich außerdem nicht schon im Penthouse den Reiz des Abenteuers kennengelernt und mehrmals gewonnen? Wahrscheinlich bin ich auf Sigurd Fürsts Maschine sogar sicherer als auf der Straße, wo er mich leicht überfahren könnte. So aber sitzen wir in einem Boot, und er wird alles tun, um uns beide wohlbehalten in die Stadt zu bringen. Wir schweben ja nahezu über den großen Platz hin zur Höhenstraße. Er fährt immer noch langsam, was vielleicht auf die Schlaglöcher zurückzuführen ist. Wenn nur kein Gewitter kommt und das Kopfsteinpflaster zu einer Rutschbahn werden lässt. Jetzt wird es trotzdem allmählich unangenehmer. Sigurd Fürst beschleunigt schon nach einigen Kurven, und ich fange an, meine Lage zu begreifen.

Wenn ich nicht von seiner Maschine fallen will, muss ich mich festhalten, doch es gibt keinen Griff dafür, oder ich finde ihn in der Aufregung nicht. Die Fahrt wird schneller, und Sigurd Fürst dreht auf, mehr und mehr. Ich muss wohl oder übel meine Arme um seinen Körper legen. Wie ein Kind, oder wie es Tiffany immer wieder getan haben mag, umklammere ich meinen Todfeind. An den Bewegungen seines Bauches glaube ich sogar zu spüren, dass er lacht. Auf jeden Fall genießt er meine Demütigung in vollen Zügen, und meine Angst scheint ihn nur noch anzuspornen. Ich könnte ihn loslassen, seinem widerlichen Auftritt ein Ende setzen. Dann aber würde nicht er auf der Straße zu Tode stürzen, sondern ich. Vielleicht ist das auch seine Absicht. Aussehen würde das Ganze wie ein Unfall, und es hätte für ihn kaum Folgen. Der Mord wäre bestens kaschiert und getarnt.

Die Schlaglöcher werden nicht weniger, aber durch unser Rasen sind sie kaum noch zu spüren. Ich bin ihm hilflos ausgeliefert, wie eine Motorradbraut muss ich mich an seinen Körper pressen und ihn noch fester umfassen. Er lockert meine Hände, auch ich selbst habe das Gefühl, ihn fast zu erdrücken. Die nächste Kurve ist enger als alle anderen, und trotzdem wird sie in voller Geschwindigkeit genommen. Ich bäume mich auf, muss mich dann aber doch zur Seite legen, so weit, dass mein Knie das Kopfsteinpflaster streift. Bei der nächsten Kehre versuche ich abermals, die schreckliche Schieflage zu verhindern, aber es gelingt mir wieder nicht. Ich bin gezwungen, mich mit Sigurd Fürst abwechselnd auf die linke und die rechte Seite zu lehnen, mit ihm eins zu werden. Dabei tritt etwas vollkommen Unerwartetes ein. Je mehr ich mich wie ein Tänzer von ihm führen lasse, umso leichter fällt es mich, und ich nehme sogar die Schönheit unserer Harmonie und Bewegungen wahr. Die Serpentinen verlieren ihren Schrecken, ja, es tut mir fast leid, so schnell am Ende der Höhenstraße angelangt zu sein und dass uns jetzt eine Ampel an der Querstraße bremst.

In der Stadt verschmelzen wir beide mit den vielen anderen, die sich an diesem glutheißen Nachmittag durch den Verkehr zwängen, auch wenn Sigurd Fürst jede noch so kleine Lücke oder Schneise nützt, um schneller voranzukommen. Ich muss ihn endlich nicht mehr umarmen, es genügt, wenn ich mich mit den Beinen auf dem Motorrad halte, ja, ich kann sogar wieder aufrecht sitzen. Erst jetzt wird mir bewusst, in welch gefährlicher Lage ich mich befunden habe, denn ich trage keinerlei Kopfschutz, bei einem Sturz würde ich mit zertrümmertem Schädel auf der Straße liegen, und Sigurd Fürst wäre ein weiteres Mal zum Pflastersteinmörder geworden. Er selbst ist bestens geschützt, durch seinen schwarzen Helm eine Handbreit vor meinen Augen. Ich sehe den Nacken meines Feindes, ein paar Haarsträhnen, seinen Rücken. Ich spüre das Atmen des Mannes, den ich töten werde. Noch weiß ich nicht, ob es jetzt für mich schwieriger wird, mein Vorhaben auszuführen, denn es ist bestimmt einfacher, jemanden umzubringen, den man nur aus der Entfernung kennt.

Auf der Pötzleinsdorfer Straße überholen wir den 41er, und jetzt weiß ich auch, dass er mich sogar nach Hause bringen wird. Ich hätte ihm zugetraut, dass er mich irgendwo absetzt oder sich mit mir auf eine Rundreise an unsere gemeinsamen Orte begibt. Das Haus des Meeres wäre möglich gewesen, die Praterwiesen, der Zentralfriedhof, die Schatzkammer, mein Heuriger mit dem schönen Garten, aber auch der Stephansplatz unter dem Penthouse. Mit keinem Menschen hatte ich in den letzten Monaten so viel zu tun wie mit meinem Feind, wo immer der eine hingeht, ist auch der andere. Ohne seinen Mord vor zwanzig Jahren könnten wir Freunde sein, nicht einmal ein Verhältnis wie Vater und Sohn wäre auszuschließen. Doch unsere Bestimmungen lenken uns anders, und auch jetzt überrascht mich Sigurd Fürst. Zu meiner Villa wären es nur noch wenige Meter, aber er biegt noch vor dem Zeitungskiosk ab, und wir fahren die kleine Gasse hinauf, die ich trotz ihrer Nähe noch nie durchwandert habe.

Sigurd Fürst hält an, wie mir scheint, auf den Punkt genau. Aber er stellt weder den Motor ab, noch dreht er sich zu mir um. Ich entdecke allerdings auch ohne seine Hilfe, was er mir zeigen will. Die Durchsicht ist nicht groß, links und rechts von Villen und Sträuchern begrenzt, dennoch hat man von hier aus einen perfekten Blick auf mein Haus. Der Garten ist bis ans hinterste Ende zu sehen, auch der Baum, unter dem Moritz, der Hund, begraben liegt, der hölzerne Tisch mit den Stühlen. Hinter einem der Fenster kann ich sogar eines meiner Bücherregale und den Kamin erkennen. Im Winter und ohne Blattwerk rundum dürfte der Einblick in mein Leben noch um vieles besser sein.

Sigurd Fürst rollt wieder langsam an, er weiß, dass ich genug gesehen und vor allem begriffen habe. Wir bewegen uns durch ein Gewirr von Gassen und gelangen an das obere Ende der Pötzleinsdorfer Straße. Von hier aus werden wir fünf Sekunden zu meiner Villa brauchen. Diese Zeitspanne hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Auch jetzt zähle ich mit. Wir fahren die leichten Kurve mit den Alleebäumen entlang, auf der mir Sigurd Fürst demnächst entgegenkommen muss, damit ich ihn mit einem einzigen Schuss erledigen kann. Auch jetzt sind es wieder nur diese wenigen Sekunden. Mehr Zeit werde ich nicht haben.

Er hält an. Vor meinem Baum. Beim nächsten Mal muss er stürzen, aber allein, und ich werde trotzdem in seiner Nähe sein, umgeben von Finsternis, in einer der kommenden Nächte. Wenn alles gut geht und er im Sterben liegt oder sich bereits endgültig das Genick gebrochen hat, bleibt mir nur noch der Heimweg. Die paar Schritte hin zu meiner Gartentür. Aber jetzt muss ich mich verabschieden. Wie grüßt man einen Menschen, den man demnächst ermorden wird? Wenigstens muss ich ihm nicht in die Augen sehen, denn sein Helmvisier bleibt heruntergeklappt. Aber sein Blick hin zu meiner Villa entgeht mir nicht. Bonjour ist am Zimmerfenster und kratzt an der Scheibe. Die Rufe der Katze sind nicht zu hören, aber bestimmt gelten sie mir. Sehnsucht oder doch nur Hunger? Sigurd Fürst lächelt. Und ich weiß, dass er alles weiß. Statt eines Grußes äußere ich meinen Dank, dass er mir eine qualvolle Busfahrt erspart und mich gesund nach Hause gebracht hat. Auch er bedankt sich. Dafür, dass ich diesen Herrn Wolf beseitigt habe. Keine Rede vom Pflasterstein. Dann rast er los. Ich bleibe zurück, verwirrt und wie ein Geschlagener.

*

Es liegt nicht nur an der Hitze der Nacht, dass ich nicht einschlafen kann. Immer wieder geht mir die Bemerkung von Sigurd Fürst durch den Kopf. Er tötet Vinzenz, und ich darf ihm die Leiche beseitigen. Dafür bedankt er sich. Mehr Hohn und Verachtung kann man in einem Satz nicht unterbringen. Er verspricht mir ein Geständnis, und ich gehorche. In seinen Augen verdiene ich nicht mehr. Mit Wodkaflaschen und Katzenfutterdosen hält er mich in Atem, und heute war ihm danach, mir seine Fahrkünste vorzuführen. Und mir den Platz zu zeigen, von dem aus er mich seit Monaten im Auge behält. Er hat alles gesehen, auch Vinzenz während seines Besuchs. Um ihn zu erschießen, musste er nur die langgezogene Kurve der Pötzleinsdorfer Straße nehmen, und schon konnte er in kürzester Zeit in meinem Garten sein.

Nein, ich werde nicht zuwarten. Sigurd Fürst ist für mich gefährlicher als je zuvor. Tiffany hat die Polizei bereits ausfindig gemacht, sie werden nur allzu bald auf ihren ewigen Liebhaber stoßen. Mit wenigen Bemerkungen könnte er mir die Meute auf den Hals hetzen. Eine Leiche im Keller ist noch nicht Beweis genug, doch wenn sie hinter einer zugemauerten Wand liegt, kann jeder Richter nur zu einer Entscheidung kommen. Auch wenn es ein Fehlurteil wäre. Heute hat mir Sigurd Fürst die fehlenden Steine für mein Mosaik gezeigt, ich muss sie nur noch zusammenfügen.

*

Obwohl ich später als sonst eingeschlafen bin, spüre ich an diesem großen Tag keine Müdigkeit. In den wenigen Träumen gab es weder Sigurd Fürst noch die Margolin. Und dennoch werde ich heute Abend beide zusammenführen. Bis dahin möchte ich die Zeit in Ruhe und prickelnder Anspannung verbringen. Wie ein Sänger vor der Premiere einer Wagneroper. Tristan oder Parsifal, was immer ich bin, am Ende steht der Tod. Aber nicht der meine. Obwohl, dieser Tag könnte leicht auch mein letzter sein. Die Dinge brauchen nur ein wenig aus der Bahn geraten, alles kann geschehen. So viel weiß ich aus den Erfahrungen der vergangenen Monate. Dennoch kommt nicht jeder, der zum Schwert greift, auch durch das Schwert um.

Ich hätte in den Türkenschanzpark oder Stadtpark gehen können, aber ich bin zur Feier des Tages in den Dehnepark gefahren. Nach wie vor gefällt er mir am besten, weil er einem Wald am nächsten kommt, und heute möchte ich nicht vielen Menschen begegnen. Der kleine Teich und die in unglaubliche Höhen strebenden Bäume genügen mir. Sie erscheinen mir wie ein gotischer Dom, allein die Schönheit der Natur hat mich hier jedes Mal glücklich gemacht. Jetzt betrachte ich die Kronen auch mit dem Wissen, sie vielleicht nie wieder sehen zu können. Aber anstatt in Angst zu verfallen, koste ich den Anblick aus, und es ist mir nur recht, wenn ich für eine Zeit all die vielen Überlegungen zu meinem Vorhaben vergesse. Jetzt kommt es darauf an, das Leben zu spüren, der Tod hat bis zum Abend zu warten.

Trotzdem, hier in dieser Umgebung drängt sich mir immer die Frage auf, die mich schon als Richter beschäftigt hat. Wie passen Schönheit und Töten zusammen? Wie konnte einer meiner Angeklagten auf dem Klavier Sonaten von Schubert spielen und kurz danach eine Prostituierte erwürgen? Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Ebenso unbegreiflich wie Soldaten, die nach einem Gemetzel singen. Oder ein Richter, der ein Todesurteil unterschreibt, während er mit der anderen Hand seinen Hund liebevoll streichelt. Dabei ist es ganz einfach, dieser Park gibt mir die Antwort. Es sind Menschen wie ich. Ich stehe hier und genieße die Natur, und in ein paar Stunden werde ich einem anderen eine Kugel in den Kopf jagen.

*

Zu Hause umschmeichelt mich Bonjour, und sie miaut auch schon. Noch aber wird sie auf ihr Futter warten müssen, denn in der heutigen Nacht ist sie eine Mitspielerin, und dafür hat sie ihr kleines Opfer zu bringen. Auch die Schallplatte von Tiffany ist schon vorbereitet, und meine Margolin bekommt natürlich die größte Aufmerksamkeit. Im Wald habe ich mich dafür entschieden, das Magazin nur mit einer Patrone zu füllen. Mehrere könnten mein Unternehmen ausufern lassen. Denn nur allzu leicht drückt man ab, wenn man plötzlich einen Zeugen vor sich sieht, oder wenn sich einem ein Spaziergänger in die Quere stellt. Es würde zwar kaum zu einem Schusswechsel mit Polizisten kommen, aber eine andere Gefährlichkeit ist nicht zu unterschätzen. In die Enge getrieben, könnte ich dazu verführt werden, meine Margolin gegen mich selbst zu richten.

Ich stelle heute Nacht auch mein Glück auf die Probe. Geht alles gut, bin ich nicht nur von meinem Eindringling für immer befreit, sondern noch dazu ein Sieger, haushoch, und eine Zukunft ohne Angst liegt vor mir. Auch für das alltägliche Leben ist es von Vorteil, wenn man es beherrschen und bestimmen kann. Doch Schluss jetzt mit der Grübelei! Es ist so weit. Seit einer halben Stunde sind nur noch zwei Nachbarn an meinem Garten vorbeigegangen, und auch der Platz unter dem Baum liegt in beruhigender Finsternis. Sigurd Fürst wird heute meinen stummen Befehlen folgen, sein Hass und seine Eifersucht lassen ihm keine andere Wahl.

Ich schalte den Plattenspieler ein, drehe die Lautstärke leise und hebe die Höhen an. Ich muss ein bisschen herumprobieren, um die richtige Balance zu finden. Aber jetzt klingt die Musik von Mopedrock wie von einem Kopfhörer, und sogar ich könnte glauben, dass Tiffany neben mir steht. Meine Katze spielt hervorragend mit, sie miaut noch lauter als vorhin, und ich bin mit meinem Gemisch der Elemente sehr zufrieden. Ich wähle seine Nummer und halte den Hörer kaum atmend an mein Ohr. Sigurd Fürst meldet sich nur mit einem Ja, aber ich kenne seine Stimme. Es dauert ein wenig, bis er anfängt, meine Komposition zu begreifen. Was mag er wohl denken? Er schweigt wie ich. Aber bei Tiffanys Musik und dem Miauen der Katze gibt es nicht viel zu überlegen, wer da am anderen Ende der Leitung ist. Ich oder seine treulose Geliebte. Aus meinem Haus. Aus meinem Zimmer. Hinter dessen Fenster er heute Bonjour gesehen hat.

Ich will ihm zuvorkommen und lege auf. In dieser Nacht werden die Gesetze des Handelns von mir bestimmt. In seinem Gehirn sehe ich Explosionen. Ich habe schon jetzt jenen Bereich getroffen, der für Hass und Eifersucht zuständig ist. Es ist dreiundzwanzig Uhr, und ich gebe ihm eine halbe Stunde. Bis dahin kann ich Bonjour füttern und meine Margolin noch einige Male in die Hand nehmen und den Arm strecken. Kimme und Korn. Bald kommt das Gesicht von Sigurd Fürst dazu. Ich habe nicht auf die kleinste Belanglosigkeit vergessen. War ich am Nachmittag wegen der Hitze auf dem Kahlenberg hell gekleidet, habe ich mich jetzt für mein Vorhaben schwarz angezogen. Man wird nichts sehen und auch nichts hören. Selbst wenn es keinen Verkehr in diesem großen Augenblick geben sollte, das Motorrad übertönt den Schuss bei weitem. Meine eingetrockneten Baguettes kann ich getrost zu Hause lassen.

Aber Sigurd Fürst muss noch schneller gefahren sein als gestern mit mir. Aus der Dunkelheit meines Zimmers erkenne ich sogar schon seinen Helm in aller Deutlichkeit. Im Schlafzimmer nebenan brennt hinter zugezogenen Vorhängen das Licht, was seine Eifersucht noch weiter hochkochen lassen wird. Ich zerspringe fast vor Freude über meine ersten Siege. Er ist nicht nur tatsächlich gekommen, sondern hat auch die richtige Stelle für einen Halt gewählt. Auf dem Seitenweg zwischen den Villen gegenüber. Seine alte Gewohnheit wird ihm zum Verhängnis werden. Aber es ist das letzte Mal, dass der Eindringling mein Haus und meinen Garten von ober her betrachtet. Ich werde nicht lange zu warten haben. Seine Vorstellung vom Liebesspiel zwischen mir und Tiffany muss ihm bald unerträglich werden. Er wird den Gang einlegen, die Kupplung loslassen, und die Reise wird beginnen. Die Allee mit der langgezogenen Kurve ist bereit. So wie ich.