»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Auch meine Katze scheint neben mir am Fenster darauf zu warten, dass Sigurd Fürst sich nähert. Nachdem sie endlich zu fressen bekommen hat, ist sie ruhig, und ich höre ihr Schnurren. Wenn alles gut geht, wird sie die einzige Zeugin der kommenden Ereignisse sein. Aber Sigurd Fürst lässt sich Zeit. Er sitzt auf seinem Motorrad und spannt mich auf die Folter. Nun greife ich doch zum bereitgelegten Fernglas. Fürsts versteinertes Gesicht verrät mir nichts, ich hätte es lieber nicht gesehen. Einen kurzen Moment lang ist mir sogar vorgekommen, als hätte er mich entdeckt. Ich ziehe mich in die Finsternis des Zimmers zurück und tausche den Feldstecher gegen die Pistole. Sie gibt mir sofort das Gefühl der Sicherheit, ich bin nicht mehr allein.

Ich darf meinen Todfeind für keine Sekunde aus den Augen lassen. Am schrecklichsten wäre es, seine Abfahrt zu übersehen und zu spät zu kommen. Ich drücke den Griff der Margolin noch fester und immer wieder, als könnte ich dadurch die Dinge in Gang bringen. Ein weiteres Mal überprüfe ich, ob sie auch durchgeladen ist, und lege meine Jacke auf den Arm, um sie vor und nach der Tat darunter verschwinden zu lassen. Draußen fährt der 41er vorbei, aber wenigstens verdeckt er mir nicht die Sicht auf Sigurd Fürst.

Bonjour miaut, entfernt ist das Sirenengeheul eines Rettungswagens zu hören. Vielleicht wäre es angebracht, Tiffanys Platte wieder laufen zu lassen, um mich mit dieser Musik wie ein Soldat vor der Schlacht in einen Blutrausch zu versetzen. Zudem wäre diese Frau dann an meiner Seite, und ich müsste nicht alleine auf ihren ewigen Geliebten warten. Aber ich bin ohnehin schon in einem Zustand, der sich kaum noch steigern lässt und alles in meinem Leben an Anspannung und Aufregung weit übertrifft.

Ich bete zu Gott, dass er diesen Menschen da oben endlich losfahren lässt. Viel länger kann ich das nicht mehr ertragen. Aber jetzt klappt Sigurd Fürst das Visier seines Helms herunter und senkt den Kopf. Das ist der erträumte, der herbeigesehnte Augenblick. Mein Todfeind legt den Gang ein, und er rollt tatsächlich los. Ich laufe aus dem Zimmer, stolpere fast über Bonjour und hetze durch den Garten auf die Straße, hin zu meinem Baum.

Die Nacht ist fast so heiß wie der Tag, aber für mich ist das heute ein Segen, weit und breit kein Spaziergänger zu sehen. Es dauert eine Ewigkeit, dann taucht Sigurd Fürst auf, klein wie eine Ameise, und wird schnell größer. Aber da! Statt eines Gesichts glänzt mir aus dem Helm das Spiegelbild der Pötzleinsdorfer Straße entgegen. Alles habe ich bedacht, nur nicht das Visier.

Jetzt bleibt keine Zeit. Ich ziehe den Schoß meiner Jacke beiseite, hebe den Arm, strecke Fürst meine Margolin entgegen, bringe Kimme und Korn auf eine Linie, suche die Stelle, die sein Gesicht sein könnte, und finde die gläserne Mitte des Helms. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos spiegeln sich darin, und alles zusammen schwebt wie ein Planet aus dem Weltall auf mich zu. Ich werde noch ruhiger als bei meinen gelungensten Melonen, glaube sogar, trotz des Visiers Augen zu erkennen, höre kaum den Schuss, spüre aber den leichten Rückschlag der Pistole.

Sigurd Fürst fährt weiter, aber mit nach unten sinkendem Kopf, und auch seine Arme nehmen eine andere Stellung ein. Ich drücke meine Margolin an mich, während das Motorrad auf die Straßenmitte zusteuert und anfängt zu schlingern. Stärker noch als auf der Höhenstraße unlängst neigt es sich zur Seite, aber nur für einen Augenblick. Schon im nächsten wird es von einem heranfahrenden Auto gerammt, ein Stück in die Höhe gerissen und auf den gegenüberliegenden Gehsteig geschleudert. Ich presse mich an meinen Baum, um von den herumfliegenden Trümmern nicht getroffen zu werden, sogar die Margolin halte ich wie ein Schutzschild über meinen Kopf. Ich suche in dem Inferno Sigurd Fürst, aber er ist weder bei seinem Motorrad noch auf der Straße zu entdecken. Am wenigsten mitgenommen scheint das Auto zu sein, dazu ist es zu mächtig, einem Geländewagen ähnlich. Es steht nicht einmal quer, sondern noch immer in seiner Spur, auch der Motor ist nicht abgestorben. Ich höre kein Schreien, auch kein Stöhnen, aber in der Dunkelheit sehe ich den Helm von Sigurd Fürst auf mich zurollen. Er kommt sogar vor meinen Füßen zum Stillstand. Das Visier fehlt zur Gänze, und dort, wo ein Gesicht war, ist jetzt eine leere Höhle.

Höchste Zeit, den Heimweg anzutreten. Trotzdem stehe ich reglos an meinem Baum. Vielleicht ist es die Neugier, die mich verharren lässt, auch drängt mich absolut nichts zu einer überstürzten Flucht. Irgendwo wird jetzt ein Fenster geöffnet, aber auf den Gehsteigen ist niemand zu sehen. Es ist, als wäre die Welt nach meinem Schuss langsamer geworden, und voll der Ruhe rundherum. Das Vorderrad von Fürsts Maschine dreht sich noch immer. Dieser Anblick holt mich in die wirkliche Zeit zurück, ich werfe meine Jacke über die Margolin und löse mich allmählich aus meiner Erstarrung. Aber ich bin außerstande, mich abzuwenden und den Heimweg anzutreten.

Endlich begreife ich, was mich hier hält. Ich will ihn noch einmal sehen. Ich will Gewissheit haben. Aber er ist wie vom Erdboden verschluckt. Dafür sehe ich, wie sich die Tür auf der Fahrerseite des großen Autos langsam öffnet, und ein Mann auf die Straße tritt. Er blickt sich um, macht ein paar unsichere Schritte, weicht vom Motorrad zurück, taucht kurz im Scheinwerferlicht seines Autos auf und kommt sogar in meine Nähe. Ich erkenne ihn und er mich. Sebastian Grohmann hebt die Hand vor sein Gesicht, als könnte er sich dahinter verstecken, und er scheint mir auch etwas zu sagen. Gleich darauf macht er kehrt und schwankt zu seinem Auto hinüber. Zurück bleibt sein Dunst von Schweiß und Alkohol.

Mit einer weiteren Patrone in der Margolin hätte ich ihm jetzt in den Rücken geschossen. So aber sehe ich nur mit an, wie er in seinen schweren Wagen steigt und die Tür zuschlägt. Er fährt los, überrollt mit einem Hinterrad die darunter liegende Gestalt. Der Körper von Sigurd Fürst wird ein Stück mitgeschleift, bleibt dann aber auf der Straßenmitte liegen. Er rührt sich nicht mehr, aber in mich kommt endlich Bewegung. Während ich die paar Schritte zu meiner Gartentür zurücklege, höre ich nur noch, wie mein neuer Nachbar mit aufheulendem Motor sein Auto in die Garage fährt. Jetzt kommt auch der 41er heran. Als die Straßenbahn langsamer wird und schließlich hält, öffne ich bereits die Tür zu meinem Zimmer. Bonjour springt mir voller Freude entgegen.

In die Pötzleinsdorfer Straße kommt Leben. Ich ziehe die Vorhänge zu, um nicht alles ansehen zu müssen und das Licht anschalten zu können. Ich brauche es, um auch die letzten Steinchen meines Mosaiks aneinanderzufügen. Meine Margolin wird in die Holzkassette zurücklegt und das Ganze wieder im Kamin verstaut. Ich setze mich in den bequemen Stuhl, meine Katze gesellt sich zu mir. Ich strecke mich aus, lehne mich zurück. Erst jetzt bricht alles über mich herein. Dafür mit umso größerer Wucht. Ich habe nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Die Ermordung von Sigurd Fürst kommt einem Kunstwerk gleich, übertrifft jedes seiner Bilder und ist sogar noch aufregender als das Gemälde von Tiffany. Nur Sebastian Grohmann ist in mein Mosaik gestolpert und hat es zerstört. Er wird reden.

Draußen wird es zunehmend lauter. So viele Sirenen haben vor meinem Haus noch nie geheult. Man kümmert sich mit immer größerem Aufwand um mein erstes Verbrechen. Die Bestattung von Vinzenz zähle ich nicht, da ich nur mitgeholfen habe. Wenn nur mein neuer Nachbar nicht wäre. Schon als Richter habe ich das zwielichte Gesindel aus dem Prater gehasst und diese Herrschaften stets mit der Höchststrafe bedacht. Jetzt kommen meine nicht ganz gerechten Urteile zurück. Ein Spielhöllenbesitzer wird zu ihrem Rächer. Ist das eine Hydra, ein Staffellauf oder ein Karussell, das angefangen hat, sich zu drehen? Bin ich in einen Strudel geraten, aus dem es kein Entkommen gibt? Oder soll mich der kleine Zwischenfall mit meinem neuen Nachbarn nur davon abhalten, jetzt das Richtige zu tun? Noch ist diese Nacht nicht ausgestanden, aber ich hätte auch nicht das kalte Blut, so zu tun, als wäre da draußen nichts passiert.

Ich schiebe den schweren Vorhang beiseite und zeige mich am Fenster. Das muss ich tun, wenn ich mich nicht verdächtig machen will. Was wäre ich für ein Nachbar, der bei dieser Aufregung vor dem Haus unbeeindruckt seinem gewohnten Leben nachgeht. Es zeigt sich mir das Bild, mit dem ich schon vor Tagen gerechnet habe. Immer mehr Menschen kriechen aus ihren Häusern, und das Flackern der Blaulichter macht das Ende von Sigurd Fürst fast zur Bühnenshow. Ich bekomme auch so manches geboten, wovon ich keine Vorstellung hatte. Links und rechts von meiner Villa ertönt ein immer heftiger werdendes Gehupe, und so weit ich sehen kann, haben sich auf beiden Seiten der Pötzleinsdorfer Straße lange Schlangen an Autos gebildet. Einige der Fahrer wollen umkehren, aber auch das gelingt ihnen nicht mehr. Mit einer kleinen Patrone habe ich sie gefangen. Andere wiederum steigen aus und nützen die Gelegenheit, um mit ihren Handys zu fotografieren und das schaurige Ereignis wahrscheinlich gleich an ihre Freunde zu verschicken.

Um Sigurd Fürst herum gibt es erwartungsgemäß das größte Gedränge. Man beugt sich über ihn, drückt an ihm herum, hat ihn halbnackt ausgezogen und schüttelt die Köpfe. Eine Flasche auf einem kleinen Gestänge neben ihm wird wieder abgehängt, und das sagt mir alles. Mein Eindringling ist tot. Ich habe ihn zur Strecke gebracht. Aber nicht nur, um mich vor ihm zu schützen. Sigurd Fürst hat vor zwanzig Jahren seinen Freund mit einem Pflasterstein erschlagen und gerade erst meinen Freund Vinzenz erschossen. Auch für diese Morde wurde er heute zur Rechenschaft gezogen. Draußen liegt seine Leiche, nie wäre sie ohne mich da nie hingekommen. Ich bin darüber weder erschrocken noch quält mich das schlechte Gewissen. Alles ist unaufhaltsam und unvermeidbar geschehen. Das meiste davon war Notwehr, aber auch der Richter in mir ist zum Zug gekommen. Sigurd Fürst wird nie wieder als Unschuldiger herumlaufen, und schon gar nicht sein Motorrad besteigen, um vor meinem Haus seine lärmenden Kreise zu drehen. Er wird auch Tiffany das Leben nicht mehr zur Hölle machen können. Wann wird sie erfahren, dass er nicht mehr ist? Tiffany, du bist frei!

Ich schließe das Fenster, weil ich mich sonst noch in einen Streit verwickeln könnte. Ich verstehe zwar, dass man sich angesichts des Todes betrinkt, aber es kann mir nicht gefallen, wenn die neugierige Meute ihre leeren Flaschen und Bierdosen in meinen Garten wirft. Das Tosen auf der Straße geht indes weiter. Sigurd Fürst ist inzwischen nicht mehr der Mittelpunkt, zum größten Problem sind der Verkehr und die ungeduldigen Fahrer geworden. Für sie gibt es nichts Neues mehr zu sehen, die meisten wollen in dieser heißen Nacht nur noch in die Gastgärten oder zum Heurigen.

*

Sogar im vorderen Keller ist das Getöse zu hören, sodass ich mich tiefer in die Erde begeben muss. Ich entscheide mich daher, an diesem besonderen Tag das Grab meines Freundes zu besuchen, und nehme dafür sogar eine Flasche mit. Auf dem umgekippten Betontrog vor der Ziegelmauer ist Platz zum Sitzen, auch wenn es dort nicht besonders gemütlich ist. Doch die Kühle dieses Gewölbes tut gut, die Ereignisse über mir scheinen hier wie weggeblasen zu sein. Selbst wenn ich angestrengt lausche, ist weder eine Sirene noch das Getrampel der Menschen zu vernehmen. Noch mehr Ruhe könnte ich ohne Sebastian Grohmann finden. Warum musste gerade er in diesem Augenblick vorbeikommen und sich in mein Leben drängen. Wahrscheinlich hat er das Entscheidende nicht mitbekommen, mich nicht mit der Pistole gesehen, aber ich weiß schon jetzt, dass er mir noch Sorgen machen wird.

Ich könnte Vinzenz erzählen, dass ich ihn gerächt habe. Aber wenn er es nicht ohnehin schon weiß, wird ihn meine gute Nachricht auch jetzt kaum erreichen. Letztlich genügt es mir zu wissen, was mir heute gelungen ist. Darauf trinke ich, und es ist nicht der schlechteste Wein, den ich im Vorbeigehen mitgenommen habe. Mein Vater würde jetzt sogar auf mich anstoßen, er wäre stolz auf seinen einzigen Sohn. Ich bin zwar in meinem Beruf nicht einer wie er geworden, aber wir haben etwas Gemeinsames, das uns mehr als jedes Richteramt verbindet. Ein Blick auf die Mauer vor mir genügt, und ein wohliges Gefühl durchströmt mich. Unbemerkt vom Justizpalast und der ganzen Welt haben wir beide es zu Verbrechern gebracht. Ihm ist es schon gelungen, sein Geheimnis ein halbes Jahrhundert lang zu verbergen, ich muss noch zittern, wenn ungebetene Besucher an diesem Ort ihre Augen herumschweifen lassen oder einen eigenartigen Geruch wahrzunehmen glauben. Aber selbst wenn die Polizei hier herumstöbern sollte, sie wird nichts als Kühle und Stille finden und höchstens eine verwesende Ratte entdecken.

Der Wein sorgt dafür, dass ich die wichtigste Minute in meinem neuen Leben ohne Anspannung und Aufregung betrachten kann. Während der Tat war ich mit anderen Dingen beschäftigt, jetzt sehe ich alles wie in einem Film des Unbekannten in der Gruft vor mir. Aber anders als in meinen Kindertagen mit den schwarzweißen Bildern fährt mir nun Sigurd Fürst entgegen. Er kommt auf mich zu, als seien wir unter dem Baum verabredet gewesen. Ich scheine für ihn keine Überraschung zu sein, und vielleicht hätte er auch von sich aus angehalten. Um mit mir über Tiffany zu reden? Oder mich wieder auf sein Motorrad zu bitten? Dieses Mal für eine Reise, die für uns beide die letzte gewesen wäre?

Ich drücke ab. Das Visier zerspringt wie ein Spiegel, in den man geschossen hat. Aber es zersplittert nicht, wird nur durchbohrt. Es kann keinen Zweifel geben, ich habe Sigurd Fürst getroffen. Jetzt steht auch fest, dass er nicht etwa aus Schreck über mich auf die Mitte der Straßen geraten ist. Auch das Vornübersinken seines Kopfes hätte noch Zufall sein können, aber mit dem Strahlenkranz im Visier ist der Beweis erbracht. Zugleich taucht in mir ein schrecklicher Gedanke auf. Auch wenn kein Mensch eine Kugel in seinem Kopf vermutet, das Visier mit dem Loch in der Mitte könnte aus dem Unfall ein Verbrechen machen.

*

Ich darf mich oben erst zeigen, wenn alles vorüber ist. Die Nacht könnte mir helfen. Nach Unfällen liegen Glassplitter oft noch tagelang herum, und ich selbst habe schon einmal das Rücklicht eines Autos im Gras des Gehsteiges gefunden. Aber in der Pötzleinsdorfer Straße ist heute ein Motorradfahrer nicht von alleine zu Tode gestürzt, sondern mit einem Auto zusammengeprallt. Auch wenn es keine Zeugen dafür gibt, aus den verstreuten Trümmern und der Lage der Leiche wird man die entsprechenden Schlüsse ziehen. Stirbt einer an der eigenen Unachtsamkeit oder Raserei, wird nicht viel Aufhebens gemacht, doch bei Fahrerflucht werden alle Räder in Bewegung gesetzt.

Zu meiner Überraschung beginnen einige Weinflaschen ein Glockenspiel. Auch ich spüre die Vibrationen und höre sogar das dumpfe Dröhnen der Straßenbahn. Wenn der 41er wieder fahren darf, muss das Spektakel über mir zu Ende sein, und meine Arbeit kann beginnen. Ich verlasse das Gewölbe und Vinzenz, gelange trotz des Weins ohne Unsicherheit über die steile Kellerstiege in mein Zimmer zurück. Draußen wird eben noch das Wrack des Motorrads von einem Kranwagen auf einen Laster gehoben, aber schon kurz darauf gibt es nicht mehr viel zu sehen, und die Neugierigen zerstreuen sich allmählich. Der Verkehr fängt wieder an zu fließen, und die letzten Einsatzfahrzeuge ziehen ab. Vielleicht liegt es an der drückenden Hitze, dass man auf weitere Untersuchungen verzichtet. Oder es sind schon genug Beweise gefunden worden.

Ich gehe die Unfallstelle auf und ab. Wie ein Nachbar eben, den der Tod eines Menschen vor seiner Haustür nicht schlafen lässt. Ich bin nicht alleine, und das ist gut so, weil es mich nicht verdächtig macht. Ein junges Paar umkreist die Kreidestriche auf dem Boden, ein Mann mit Stock bestaunt die Schäden an der Haltestelle, und eine Frau wirft angeekelt ihren Schuh weg, mit dem sie in das Blut von Sigurd Fürst getreten ist. Meine Blicke streifen die Rinnsale der Gehsteige und die Ränder entlang der Gartenzäune. Aber vom Visier ist keine Spur zu entdecken. Ich schlendere um die Grasinseln herum, ohne auf dieses verdammte Stück zu treten, und finde auch bei meinem Baum nur eine leere Zigarettenschachtel. Um nicht doch noch die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, verlasse ich den Ort, an dem vor wenigen Stunden mein Todfeind sein Ende gefunden hat.

*

Es ist vier Uhr früh, und tausend Ängste haben mich fest im Griff. Trotzdem werde ich schlafen gehen müssen, um den morgigen Tag durchzustehen. Ich wollte nicht, dass es dazu kommt, aber meine Lage schreit danach. Ich werde mich von meiner Margolin trennen. Solange ich sie habe, schwebt das Fallbeil über mir. Es wäre ganz leicht und unwiderlegbar nachzuweisen, dass die Kugel im Kopf von Sigurd Fürst aus dieser Waffe stammt. Nicht wenigen meiner Angeklagten wurden die Reifenspuren an Projektilen zum Verhängnis. Ich will es besser machen, und das Grab meiner Pistole kenne ich schon lange. Der Ort ist zwar nicht originell, aber nach meinen Erfahrungen immer noch der beste. Lange wir sie dort nicht liegen bleiben, denn die Donau transportiert nicht nur Schlamm und Geröll, sondern auch alles, was wir nicht mehr haben wollen. Das über den Morgenhimmel heraufziehende Gewitter wird den Menschen die herbeigesehnte Abkühlung bringen, mir aber mit seinem Regen einen schneller fließenden Strom.

*

Nach Wochen zeigt sich heute die Stadt wieder klar und in schönstem Licht. Auch die Wolkengebilde sind prächtig anzusehen, und in der gereinigten Luft erscheinen Häuser und Türme zum Greifen nah. Der Platz an der Nordbahnbrücke ist mir vertraut, auch wenn sich mit ihm Erinnerungen an meine Frau verbinden. In den guten Zeiten sind Kristina und ich hier gesessen, um die Züge über uns zu hören und die vorbeifahrenden Lastkähne und Schiffe zu betrachten. Jetzt drücke ich meine Margolin an mich, das Wasser unter mir wartet darauf, sie zu verschlingen. Ich muss sie nicht einmal werfen, sondern nur aus meiner Hand in die Tiefe fallen lassen. Ich bin jetzt sogar allein, weit und breit niemand zu sehen. Trotzdem zögere ich. Ich bin auf der Suche nach einem Gedanken, der mich dazu bringen könnte, meine Margolin zu behalten.