»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Warum fällt es mir so schwer, mich von einer Waffe zu trennen? Weil ich mich dann schutzlos glaube? Oder weil sie einen Menschen getötet hat und mir dadurch ein neues Leben beschert. Und weil ich ihr deswegen dankbar sein müsste? Übergebe ich die Margolin nicht dem Donauwasser, setze ich meine Zukunft aufs Spiel. Trotzdem war es leichter, mit ihr einen Menschen umzubringen, als sie fallen zu lassen. Was würde Boris Makarowitsch tun? Die Margolin hat er sein ganzes Leben lang behalten, und auch jetzt gehört sie nicht nur mir, sondern auch ihm. Trotzdem, die Tatwaffe so schnell wie möglich verschwinden zu lassen ist nun einmal unverbrüchliches Gesetz eines jeden Gewaltverbrechens.

Ich fasse meine Margolin am Lauf, damit sie ohne zu pendeln oder sich zu überschlagen im Wasser landen kann, trete an den äußersten Rand des steinernen Ufers und sehe mich um. Ich könnte die Pistole wahrscheinlich auch in großem Bogen in die Donau werfen und würde mich trotzdem nicht verdächtig machen.

Ich habe mir vorgenommen, bis drei zu zählen, aber ich bin schon bei zwanzig, und noch immer ist mir die Trennung nicht gelungen. Beim nächsten Zug auf der Brücke will ich mein Werk vollenden. Doch jetzt taucht wie aus dem Nichts taucht ein Gedanke auf, der mir helfen könnte, die richtige Entscheidung zu treffen. Hunderte Kugeln habe ich aus dieser Pistole verschossen, und vor allem die eine. Aber hier geht es nicht um das Projektil im Kopf eines Motorradfahrers, sondern um die vielen in meinem Keller. Wie ich nur auf sie vergessen konnte! Jedes dieser Geschosse trägt die gleichen Riefenspuren. Eines würde genügen, um mir den Mord an Sigurd Fürst nachzuweisen. In den Regalen und Ziegelwänden der Gewölbe stecken unzählige, auf dem Boden liegen manche sogar offen herum. Ich müsste monatelang nach ihnen suchen, sie aus ihren Löchern holen, und ich hätte dann doch immer noch nicht die Sicherheit, alle gefunden zu haben. Eine unentdeckte Kugel, irgendwo zwischen den Fugen oder im Holzgebälk, würde mich verraten. Wozu also die Waffe versenken? Das rettet mich nicht. Auch käme ich mir schäbig vor. Meine Margolin hat mir geholfen, und ich entledige mich ihrer wie einer zur Last gewordenen Komplizin.

Ich wende mich ab von der Brücke und spaziere das Donauufer entlang. Meine Sorgen sind nicht weniger geworden. Zwar habe ich mir meine Pistole erhalten, mit ihr aber auch alle Möglichkeiten des Todes. Werde ich in einigen Jahren meinen Entschluss bereuen? Oder in einigen Monaten oder sogar in dieser Woche noch. Was geschieht mit mir, wenn ich Verfolgern gegenüberstehe? Ziehe ich dann die Margolin? Die Antwort kenne ich schon lange. Natürlich werde ich schießen, auch auf die Gefahr hin, selbst getroffen zu werden oder sogar in einem Kugelhagel mein Ende zu finden. Aber das scheint mir besser zu sein, als all die Tage bis zu meinem letzten Atemzug hinter Gittern zu verbringen. Denn eines ist klar, ich habe Sigurd Fürst so ausgeklügelt und hinterhältig getötet, dass man mir keinerlei Unzurechnungsfähigkeit oder mildernde Umstände zubilligen könnte, Notwehr schon gar nicht. Ich bekäme lebenslänglich. Und mit Recht. Auch wenn meiner Tat viele Sorgen und Ängste vorangegangen sind, ich bin ein kaltblütiger Mörder.

Ich werde alles tun, um nicht zum Verlierer zu werden, obwohl ich gestehen muss, schon jetzt mehr und mehr Fehler zu erkennen. Ich habe bei meiner Planung nicht an die Zeit nach dem Verbrechen gedacht. Ich muss schon von großem Glück reden, dass ich noch immer keinerlei schlechtes Gewissen empfinde. Vor quälenden Gedanken hatte ich Angst, doch sie scheinen mich zu verschonen. Die Angelegenheit war auch ganz eindeutig. Entweder er oder ich. Einer musste gehen, der andere darf bleiben. Auch wenn ich jetzt kaum weniger Sorgen habe als zu Lebzeiten von Sigurd Fürst. Meine größte gilt der kleinen Kugel in seinem Kopf. Hat man sie gefunden, oder liegt mein Feind gut gekühlt neben den vielen anderen, die in dieser Nacht verstorben sind? Steht einmal Unfall auf dem Totenschein, habe ich von dieser Seite nichts mehr zu befürchten. Außer Sebastian Grohmann schlägt zu. Das könnte er auch noch nach Jahren. Die Leiche wird exhumiert und das Geschoss in seinem Schädel gefunden.

Die beste Lösung wäre natürlich, statt eines Begräbnisses die Einäscherung von Sigurd Fürst. Bei über tausend Grad würde mein Projektil zu einem unverdächtigen Gebilde zerschmelzen. Ich könnte aufatmen und die ständige Bedrohung vergessen. Aber ich weiß nicht einmal, wer für die sterblichen Reste meines Feindes zuständig ist. Wo sind seine Eltern, leben sie noch? Damals, im großen Prozess vor zwanzig Jahren, hat die Mutter nach dem Urteil zu schreien begonnen, während sein Vater nicht aufhören konnte, immer wieder zu nicken. Er soll über die Strafe für seinen Sohn zufrieden gewesen sein, denn nun konnte der nicht noch mehr anstellen. Jetzt habe ich ihnen ihr Kind ganz genommen. Auch das ist ein Gedanke, mit dem ich nicht gerechnet habe. Aber vielleicht habe ich Glück, und die beiden leiden nicht, weil sie nicht mehr leben.

Auf jeden Fall war Sigurd Fürst ein Einzelkind wie ich. Je länger ich nachdenke, umso kleiner wird der Kreis von Angehörigen. Vielleicht hatte er wirklich nur Tiffany, die Fische als seine zweite Liebe und mich für seinen Hass. Wer wird seine Leiche identifizieren? Die Haie aus dem Haus des Meeres kaum, also kommt nur die ewige Muse des Malergenies in Frage. Sie wird einen zerschundenen Körper sehen, ein entstelltes Gesicht. Wenn sie sich nur nicht zu tief zu ihm hinunterbeugt und dieses kleine Loch entdeckt. Während andere nicht darauf achten, weiß Tiffany, wonach sie suchen muss. Und schon irre ich mich wieder. Sie weiß zwar, dass ich ihren Peiniger töten wollte, aber von meiner Margolin hat sie keine Ahnung. Ich werde auch in Zukunft dafür sorgen, sie so frei wie nur möglich zu halten. Es genügt, wenn ich mir Gedanken mache, Tiffany muss nicht hineingezogen werden. Sie darf jetzt aufblühen, für die vielleicht schönsten Jahre in ihrem Leben. Deswegen steht meine Entscheidung fest. So wie alle Welt soll auch sie an einen Unfall glauben.

Ich bin die Donau entlanggewandert, ohne meine vielen Schritte zu merken. Über mir spannt sich nun die Reichsbrücke, und vom Prater ist das Gemisch aus Musik und Geschrei zu hören. Damit wäre ich bei meiner größten Schwierigkeit angekommen. Was wird der Spielhöllenbesitzer tun? Erzählt er bereits von mir, oder behält er unser Geheimnis noch für sich? Er könnte auch so betrunken gewesen sein, dass er mich vergessen hat. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob er alleine in seinem Auto war. Nadine könnte neben ihm gesessen sein, zu zweit werden sie genügend Erinnerungen zustande bringen. Während ich mit meinen Problemen allein bin, können die beiden sich beraten. Sebastian Grohmann wird mich verfluchen und bestimmt alles tun, um seine Fahrerflucht zu verbergen und mich zum Schweigen zu bringen. Es wird ihm etwas einfallen müssen. Ob ihm Nadine dazu rät, mich umzubringen?

*

Zu Hause drängt sich wieder Sigurd Fürst in den Vordergrund. In der heutigen Post finde ich die Einladung zu seiner Ausstellung im Justizpalast. Irgendwann Mitte August soll sie eröffnet werden. Für die Vernissage ist auch ein anderer Toter angekündigt. Richter Dr. Vinzenz Wolf soll die Rede halten, zu diesem einzigartigen Fall von Wiedergutmachung an einem zu Unrecht Verurteilten. Vermutlich werde auch ich dieser Veranstaltung fernbleiben. Ich habe genug zu tun und zu ordnen. Meine Katze wird gefüttert und die Margolin mit einem frisch gefüllten Magazin versehen. Nachdem ich schon so weit bin, gibt es auch keinen Grund, die Pistole in die Holzkassette zurückzulegen und im Kamin zu verstecken. Sollte einmal die Polizei in meiner Villa sein, ist ohnehin alles verloren. Aber meine bisherigen Erfolge machen mir Mut, und die Margolin ist weiterhin dazu da, mich vor Eindringlingen zu schützen. Auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie sich die Dinge entwickeln werden, so bin ich fest davon überzeugt, dass Sebastian Grohmann die Rolle von Sigurd Fürst übernehmen wird.

Ärgerlich ist der Benzingeruch. Aus dem Tank des Motorrades dürfte eine Menge an Treibstoff ausgeronnen sein, denn auch auf dem Gehsteig gegenüber ist ein großer Fleck zu sehen. Der letzte Duft meines Todfeindes erinnert mich in jeder Sekunde an den gestrigen Abend, und ich kann nicht einmal fliehen. Ich hoffe, dass Regen und Wind diese Last möglichst bald beseitigen und ich das Fenster meines Zimmers wieder ungestört öffnen kann. Aber der Anblick der Unfallstelle wird mir lange erhalten bleiben, ich weiß noch nicht, wie ich mich daran gewöhnen kann. Doch die Zeit heilt, und früher oder später werde ich beim Verlassen des Hauses wieder ohne beklemmendes Gefühl und Herzjagen an dem Ort des Todes vorbeigehen können. Dann wird es auch die Kerze nicht mehr geben, die jemand in der Haltestelle entzündet hat. Es mag eine alte Frau gewesen sein, oder auch ein Bekannter von Sigurd Fürst, der auf diese Weise seiner gedenkt. Tiffany würde es bestimmt nicht tun, außer sie will irgendjemandem vormachen, dass sie um diesen Menschen trauert.

Am meisten quält mich nach wie vor das Visier des Helms. Ich habe mir sogar vorgenommen, auch heute Nacht wieder danach Ausschau zu halten. Natürlich kann es schon längst auf dem Tisch eines Kriminalbeamten liegen, oder man hat bereits die ersten Untersuchungsergebnisse. Kupferspuren an den Rändern des verräterischen Loches werden eindeutig auf ein Projektil hinweisen, und von da an ist es nur ein kleiner Schritt, nach der Kugel im Kopf des vermeintlichen Unfallopfers zu suchen. Selbst wenn sie alle Schädelknochen und sogar den Helm durchschlagen hat, so gibt es doch im Gehirn einen Schusskanal, an dem sich sogar der Standort des Schützens ungefähr berechnen ließe. Zuerst wird unsere Straßenseite in Betracht gezogen werden, dann mein Gehsteig, schließlich ich.

Gestern um diese Zeit habe ich meinen Feind schon auf dem Seitenweg zwischen den Häusern gesehen und die Margolin durchgeladen. Auch jetzt stehe ich wieder am Fenster und warte, als müsste ich ihn nochmals erschießen. Die Pistole liegt zwar heute auf dem Schreibtisch, aber die Aufregung ist dieselbe. Wiederum fährt der 41er vorbei, und meine Katze beobachtet abwechselnd die Straße und mich. Aber ich werde mich beherrschen und nicht all die Vorbereitungen und Handgriffe wiederholen, die heute vollkommen sinnlos sind. Das Verrückteste wäre wohl, hinauszugehen und meinen Baum aufzusuchen. Es genügt, wenn ich hier stehe und an die Abläufe der vergangenen Ereignisse denke. Nur noch wenige Herzschläge, und der Augenblick des Todes kehrt zurück. In dieser Sekunde habe ich geschossen, in dieser Sekunde läutet das Telefon.

*

Es war nicht leicht, mich loszureißen, aber es könnte Tiffany sein, die anruft. Allerdings habe ich mir fest vorgenommen, mich mit keiner Äußerung verdächtig zu machen. Bei ihr wäre ich mit meiner Tat zwar gut aufgehoben, aber die Kriminalpolizei schaltet schnell, und ein Telefon ist ohne großen Aufwand zu überwachen.

Ich hebe ab und melde mich mit ruhiger Stimme. Ein Mörder würde anders klingen. Aber ich höre weder Tiffany noch sonst irgendeinen Menschen. Selbst auf meine Frage, wer da ist, kommt keine Antwort. Ich halte den Atem an, um den des Anrufers zu erlauschen, aber außer einem Knistern ist nichts zu vernehmen. Nur nicht jetzt den Namen Tiffany auszusprechen! Damit wäre ein Zusammenhang zwischen ihr und mir hergestellt, auch wenn dadurch noch nichts bewiesen ist. Eines Tages wird sich unsere Beziehung ohnehin nicht mehr verheimlichen lassen, aber jetzt ist es dafür zu früh. Ich lege auf.

Nichts ist verraten, nichts ist verspielt. Es ist aus meinem Mund kein Wort gekommen, das mir zum Nachteil werden könnte. Ich war so wie immer. Viel Aufwand für jemanden, der sich wahrscheinlich verwählt hat und zu feige war, sich zu bekennen und zu entschuldigen.

Ich verlasse mein Haus, meine Festung. Heute muss ich nicht schießen. Wie schon gestern bin ich jetzt wieder der Mann, der spätabends noch einen kleinen Spaziergang unternimmt, um besser schlafen zu können. Falls man mich zur Todesstunde von Sigurd Fürst gesehen hat, kann es nicht schaden, wenn man mich heute ebenfalls sieht. Und auch morgen und in den nächsten Tagen. Irgendwelche Zeugen werden das Gefühl bekommen, mich als nächtlichen Wanderer zu kennen, und entsprechende Aussagen machen. Aber ich bin nicht nur auf der Straße, um diesen Eindruck zu erwecken und zu festigen, sondern um noch einmal genauer Ausschau zu halten. Mit meinen Schuhen durchpflüge ich das Gras an den Gehsteigrändern, mit der Brille meines Vaters blicke ich sogar hinter die Nachbarzäune. Das größte Problem bei meiner Suche nach dem Visier habe ich mir selbst zu verdanken. Gestern war die zerschossene Straßenlaterne noch eine Hilfe, jetzt rächt sie sich, denn es herrscht tiefste Finsternis, und eine Taschenlampe kommt nicht in Frage.

Es sieht immer mehr danach aus, als ob ich diese Niederlage hinnehmen müsste. Eine letzte Hoffnung gibt es allerdings noch. Der schwere Wagen von Sebastian Grohmann könnte das verräterische Ding in kleinste Stücke zerbröselt haben. Aber selbst dann wäre es nicht aus der Welt. Bestimmt ist jedes noch so kleine Teilchen von der Straße aufgelesen worden, um anhand von Lackabbrüchen und einem vielleicht zersplitterten Scheinwerfer den Lenker ausfindig zu machen. Mein Nachbar wird nicht weniger besorgt sein als ich und ebenfalls alles anstellen, um seine Tat nicht sühnen zu müssen.

Ich habe nicht weit zu gehen, um etwas von Fürsts zweitem Mörder zu erfahren. In seiner Villa gibt es heute kein Fest, und im Pool toben sich keine Gäste aus. Auch brennen nirgendwo Lichterketten, und es ist für mich nicht schwer, einen Platz im Dunklen zu finden. Noch weiß ich nicht, worauf ich warte, aber ich wäre schon zufrieden, einen Blick auf Sebastian Grohmann zu erhaschen. Und das Glück scheint einmal mehr auf meiner Seite. Das Tor zur Garage öffnet sich, und Grohmanns Wagen rollt langsam ins Freie. Auf den ersten Blick ist von Schäden an der Vorderfront des Autos nichts zu erkennen, und die Schrammen an der Stoßstange könnten von Fahrten in den Auen des Praters stammen. Am Steuer aber sitzt weder Grohmann noch seine Frau. Die beiden entdecke ich erst jetzt. Sie stehen hinter einem Fenster und sind Zuschauer wie ich.

Die Gartentür schwingt auf, der Unfallwagen gleitet fast lautlos auf den Gehsteig und dann, immer schneller werdend, die Straße hinunter. Den Lenker habe ich zuletzt bei einer Poolparty gesehen. Er ist einer von jenen, die sich Max zuliebe erschießen und in das Wasser fallen ließen. Für mich gibt es keinen Zweifel. Das Todesfahrzeug wird in eine Werkstätte gebracht, und schon in ein paar Tagen wird der tödliche Zusammenstoß mit einem Motorradfahrer nicht mehr nachzuweisen sein. Doch das größte Problem bleibt Sebastian Grohmann erhalten. Außer, er geht so weit, seine Lakaien aus dem Prater auch gegen mich einzusetzen. Ich glaube, er wird es tun. Ob Nadine damit einverstanden ist? Ich sollte mit ihr reden, oder sie wenigstens in ein Gespräch verwickeln, um die Pläne ihres Mannes zu erfahren. Das könnte mir gelingen, noch dazu wo ich ein Meister des Verhörens und der scheinbar harmlosen Fragen bin. Aber nicht in ihrer Villa, sondern dort, wohin sie mich schon so oft eingeladen hat.

*

Ich liebe diese Sommer in der Stadt. Viele der Einwohner sind irgendwo im Süden, und die Wien-Besucher drängen sich nur an den Sehenswürdigkeiten. Auf der Fahrt in den Prater durchwühle ich noch alle Zeitungen, um etwas über Sigurd Fürst zu finden. In keinem Blatt wird sein Name erwähnt, nicht einmal mit seinen Initialen scheint er auf. Auch die Meldung selbst ist überraschend kurz und fast im gleichen Wortlaut. Mehr als drei Zeilen ist der Unfall in der Pötzleinsdorfer Straße nicht wert, was aber daran liegen könnte, dass die Konzerte von Springsteen und Madonna wichtiger sind als der Tod meines Eindringlings. Oder hält sich die Polizei bedeckt, um den Fahrerflüchtigen in Sicherheit zu wiegen? Sie könnte auch schon nach einem unbekannten Schützen forschen.

Bevor ich Nadine in ihrem Etablissement überrasche, lasse ich mich vom Strom der Menschen durch die Gassen des Praters treiben. Der Lärm rundum ist gewaltig, und jeder Schausteller scheint den anderen mit noch grellerer Musik überbieten zu wollen. Wie schon vor Jahrzehnten wird aus den Kassen über Lautsprecher nach Besuchern geschrien, und auch meine geliebte Grottenbahn gibt es noch. Aus einem künstlichen, weißen Gebirge blicken mir aufgemalte Eisbären und ein Nordpolfahrer entgegen, alles um mich herum dreht sich und ist in Bewegung. Nur an einer Schießbude ist es etwas ruhiger, aber ich nehme nicht nur deswegen Zuflucht zu ihr, sondern weil ich wieder die Dinge meiner Kindheit entdecke. Die aufgestellten Dosen als Ziel gibt es noch immer, ebenso die Teddybären, die man gewinnen kann. Aber aus den einst bescheidenen Luftgewehren sind Kriegsgeräte geworden, und ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Am meisten faszinieren mich die Zielfernrohre. Mit einer derartigen Vorrichtung und dem passendem Gewehr könnte ich unvergleichlich weiter schießen als mit meiner Margolin.