»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich hätte nicht gedacht, dass mein Ausflug in den Prater mich zu einer Waffe führt. Aber wahrscheinlich liegt es nur an mir, dass ich zwischen Karussells, Autodroms und Riesenrad Vorstellungen vom Töten bekomme. Ich bin und bleibe ein Mörder. Gewöhnliche Männer sehen in den Gewehren mit den Zielfernrohren nur ein Spiel und die Möglichkeit, ihren Mädchen zu imponieren. Ich aber habe Einfälle, die sich mit dem richtigen Leben verbinden lassen. Einen Feind auf große Entfernung zu töten ist nun einmal faszinierend und berauschend, ich könnte über mich hinauswachsen. Trotzdem hätte ich etwas getrübte Gefühle, denn mit einer neuen Waffe käme ich mir wie ein Verräter an meiner Margolin vor. Aber die beiden ließen sich vielleicht gut zusammenführen, gemeinsam würden sie eine ganz schöne Feuerkraft ergeben. Die eine für die Nähe, die andere für einen Nachbarn, der weit weg von mir hinter dem Fenster seiner protzigen Villa steht.

Aber ich bin in den Prater gekommen, um Nadine zu treffen. Deswegen verlasse ich die Schießbude mit ihren Teddybären und Lebkuchenherzen und mache mich auf den Weg zu ihrem Etablissement. Unweit vom Riesenrad ist es leicht zu finden, wirklich eindrucksvoll, wenn auch überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Die glitzernde Fassade gleicht einem ständigen Feuerwerk und blendet sogar im hellen Sonnenlicht. Überlebensgroße Porträts sollen offenbar der vorbeiströmenden Masse das Gefühl geben, in diesem Haus die Stars der Welt treffen zu können. Auch im Inneren begegnet man den lebenden und toten Größen in einem Himmel aus Bildern und Plakaten. Von Frank Sinatra bis Whitney Houston scheinen alle schon einmal hier ihre Cocktails getrunken zu haben. Ich weiß ja nicht, was sonst noch geboten wird, aber vielleicht genügt es den Besuchern, in einer Nische zu sitzen, in der Julie Delpy ihren Schauspielerkollegen geküsst haben soll.

Ich entdecke Nadine, bevor sie mich sieht, und erkenne sie kaum. Die hektische und zugleich biedere Geschäftsfrau von draußen ist hier Marlene Dietrich im schwarzen Kleid und mit langem Zigarrenspitz. Sie geht von Tisch zu Tisch, zeigt ihr Beine und scheint sich wie im Paradies zu fühlen. Manche ihrer Gäste lassen sich vom Spiel der Illusionen verführen, andere scheint das groteske Ambiente als solches zu unterhalten. Ich selbst bin seltsam gerührt und sehe sogar eine Verbindung zwischen Nadine Grohmann und mir. In ihrem Haus hat sich die Welt so zu drehen, wie sie es will, in meinem ist es nicht anders. Und jetzt bin ich hier, um sie über ihren Mann auszuhorchen, der mein Etablissement zerstören könnte.

Nun hat Nadine mich entdeckt. Es fällt ihr zwar nicht der Zigarettenspitz aus der Hand, aber ihre Augen verraten alles. Die Dietrich hätte ihre Haltung bewahrt, doch Nadine wendet mir den entblößten Rücken zu. Als gehörte alles zu ihrem Auftritt, tänzelt sie durch das Gewirr von Stars und Glamour und entfernt sich immer weiter von mir. Dann verschwindet sie hinter einem Vorhang, und ich bleibe am Rande klatschender Gäste allein zurück. Wenn ich doch nur den Mut hätte, Nadines Reich zu durchschreiten und in ihr Innerstes einzudringen. Nach meinen Erfahrungen wäre jetzt so manches aus ihr herauszuholen.

Mich ärgert diese Schwäche, die es zu meinen Zeiten als Richter nicht gegeben hätte. Aber damals hatte ich den Staat an meiner Seite, jetzt bin ich auf mich allein angewiesen, und noch dazu ein Mörder. Eine falsche Bemerkung gegenüber Nadine könnte verheerende Folgen haben. Vielleicht bringe ich die Grohmanns mit meinen Fragen erst auf die Idee, dass es zwischen dem Tod von Sigurd Fürst und mir einen Zusammenhang geben könnte. Oder die Lakaien des Spielhöllenbesitzers kommen. Gestern haben sie das Auto des Fahrerflüchtigen in eine Werkstätte gebracht, heute nehmen sie sich des Zeugen an. Man wird mich zwar kaum hier drin zwischen Whitney Houston und Sinatra niederstechen, aber draußen im Gedränge ist das kein Problem. Ich würde wahrscheinlich unbemerkt zu Boden sinken, während mein Mörder schnellstens untertauchen könnte.

Allerdings, einen Mord plant man nicht in wenigen Minuten. Ich werde also den Prater wohl als Lebender verlassen, aber nun fällt mir vor lauter Niederstechen das Tauchermesser meines Feindes ein. Wo ist es? Man hat es entweder auf der Straße gefunden oder an seinem Bein. Vielleicht hat der Leichenwäscher den Dolch aus der Scheide gezogen und seinen Fund gemeldet. Womit der Tote in ein neues Licht rückt. Was hatte er vor? Vor wem hatte er Angst? Ist dieser Unfall Zufall oder gibt es Hintergründe? Welche Ironie, würde mir Sigurd Fürst auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung machen.

Ich verlasse Nadines Glitzerwelt. Aber anstelle von Messerstechern kommt mir Max entgegen. Mit seinem schwarzen Fahrradhelm ähnelt er einem Außerirdischen in einer der Schreckenskammern, an denen ich heute vorbeigegangen bin. Noch immer scheint er keine Spielkameraden zu haben, sondern allein den Prater zu durchstreunen. Er nimmt meine Hand, zieht mich weg vom Haus seiner Mutter, will mir echte Pferde zeigen. Ich nehme gerne an, denn wo wäre ich vor einem Attentat besser beschützt als an seiner Seite, aber noch bevor wir bei den Ponys ankommen, bemerke ich auf dem Helm des Kleinen etwas, das mir den Atem verschlägt. Das gesuchte Visier.

Max bemerkt meinen Blick und wendet mir voller Stolz den Kopf zu. Er fingert an seinem Helm herum und schiebt das Visier von oben nach vorne. Er sieht aus wie ein richtiger Motorradfahrer. Er lugt jetzt sogar durch das Einschussloch auf mich, und mein Gesicht spiegelt sich in der zerkratzten Schale.

Bei den Pferden trägt er das Visier wieder oben auf dem Helm. Es hat dort einen sicheren Halt, weil es klemmt und wie angegossen sitzt. Ich kann nicht damit rechnen, dass er es verliert, also muss es einmal mehr einen Handel mit dem Kind geben. Hat Sebastian Grohmann dieses Beweisstück erst einmal in Händen, ist mein Ende auch ohne jede Messerstecherei besiegelt.

In einer Wolke von Pferdeausdünstung erzähle ich Max von Cowboyhüten und Sombreros, die jetzt im Sommer bestimmt angenehmer sind als sein Helm. In einer der Schießbuden hätte ich welche gesehen, ich könnte ihm einen schenken. Ich müsste zwar dafür alle Dosen treffen, aber das würde mir mit Sicherheit gelingen. Max winkt ab. Solche Hüte hätten doch alle hier, aber einen Helm wie er niemand. Ich sehe mich um, der Kleine hat recht. Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen. Wenn er nur jetzt nicht meiner überdrüssig wird und davonläuft, wie schon so oft. Ich biete ihm rasch eine Fahrt mit der Geisterbahn an.

Schon beim Besteigen des Waggons ist Max aufgeregt, nicht weniger ich. Er hat Angst vor den Gespenstern, die uns erwarten, und ich vor meinem eigenen Plan. Wir rattern los, brechen durch die Türen. Max schreit schon bei den ersten Skeletten auf und hält seine Hände schützend vor seinen Kopf. Unser Zug schlingert tiefer hinein in eine Welt des Schreckens, von allen Seiten werden wir bedrängt. Entsetzliche Gestalten und Grimassen springen über uns hinweg, das Stöhnen der Geister wird immer lauter, und die Schmerzensschreie von Gepeinigten hallen grässlicher und durchdringender. Ich muss mich zwingen, nicht selbst dem Spektakel zu erliegen, sondern meine Aufmerksamkeit auf den Helm des Kleinen zu richten. Nun müssten bald die Höhlen kommen, in denen zuerst Tücher über die Köpfe wehen und dann der Tod leibhaftig nach den Besuchern greift. Diese Grotte habe ich als Kind, obwohl an der Seite meines Vaters, nie ohne Weinen überstanden.

Vollkommene Finsternis umfängt uns jetzt, und das Heulen grauenhafter Winde. Ich spüre, wie Max sich an mich drückt und offenbar ahnt, dass der Höhepunkt des Schreckens bevorsteht. Krallen von Drachen und knöcherne Gliedmaßen kommen uns in einem Blitzgewitter entgegen, die Donner und das Angstgebrüll der Menschen rundum schaffen das erhoffte Inferno. Während der Kleine die Finger in meine Arme gräbt, taste ich nach seinem Helm und bekomme endlich das Visier zu fassen. Mit einem Ruck, der auch von einem Geist stammen könnte, breche ich es von seinem Helm und drücke es an mich.

Wir rollen in unserem Zug wieder ins Freie, und im Schein der Sonne sehe ich Tränen über das Gesicht des Kleinen laufen. Am liebsten würde ich das Kind um Verzeihung bitten, stattdessen verberge ich das Visier nur so gut es geht unter meiner Jacke und klettere aus dem Waggon. Zu meiner Erleichterung erholt sich Max rasch von seinem Schrecken und will sogar nochmals eine Runde fahren. Das ist der Augenblick, an dem ich merke, wie gern ich über meine Verbrechen reden würde. Aber anstelle eines schlechten Gewissens erdrückt mich mein Schweigen. Max hat den Verlust des Visiers noch immer nicht entdeckt. Ich überlege, ob ich ihn darauf aufmerksam machen soll. Aber ich bin zu feige, und außerdem wäre es ohnehin die größte Heuchelei. Es ist auch nur ein wertloses Stück, durchlöchert noch dazu.

Ich begleite Max zum Etablissement seiner Mutter, als müsste ich diesen Weg zu Ende gehen. Nadine sieht uns kommen, aus einem der Fenster des grellbunten Hauses. Und wieder verschwindet sie schnell. Wenigstens habe ich mich nicht dazu verleiten lassen, das Kind auszuhorchen. Zum Abschied zieht Max nun als Dank für die Geisterbahn seinen Helm vom Kopf und drückt ihn mir in die Hand. Er winkt noch schnell, bevor er vom Besucherstrom in das Etablissement mitgezogen wird. Ich fange an, wieder glücklich zu werden. Der Kleine muss wegen des verlorenen Visiers nicht leiden, und mein Leben ist gerettet. Auch wenn noch nicht alles ausgestanden ist, ein Hinweis auf die Ermordung von Sigurd Fürst kann nun nicht mehr in falsche Hände fallen.

*

Erst zu Hause wage ich es, das Visier zu betrachten. Es ist nicht viel zu Bruch gegangen. Das Loch könnte auch ein aufgewirbelter Kieselstein geschlagen haben. Ich schaffe es einfach nicht, den Blick abzuwenden. Ich stelle mir den Flug des Projektils vor, und wie es vermutlich durch das Auge in Fürsts Gehirn eingedrungen ist. Dazu höre ich immer wieder den Schuss und sehe sein erstauntes Gesicht. Oder hat er mich ausgelacht? Oder hat er sich in der letzten Sekunde seines Lebens verflucht, dass er mir nicht zuvorgekommen ist? Wenn es nur so wäre! Der Gedanke an Notwehr hilft mir immer noch am meisten. Ich ahne, dass mich meine Tat noch länger nicht in Ruhe lassen wird.

*

Schon seit Einbruch der Dunkelheit stehe ich am Fenster, aber erst in einer halben Stunde wiederholt sich der Augenblick des Todes. Wie immer bin ich nicht allein, Bonjour ist an meiner Seite. Zwischen den Villen oberhalb der Straße sehe ich nur ab und zu das Vorbeifahren eines Autos, aber keine Spur von Sigurd Fürst. Obwohl ich weiß, dass er nicht kommen wird, kann ich meinen Platz nicht verlassen. Ich bin kaum weniger aufgeregt als vor zwei Tagen, aber ich habe es heute wenigstens geschafft, meine Margolin vom Schreibtisch zu nehmen und zwischen die Kissen meines Sofas zu schieben. Es ist für mich leichter, wenn ich sie nicht im Blick habe. Ich will nicht in die Versuchung kommen, die Pistole zur Hand zu nehmen, um mich an sie zu klammern.

Noch eine Minute, dann ist Sigurd Fürst tot und alles vorbei. Ich werde wieder aufatmen können und endlich für heute Ruhe haben. Für morgen steht mein Vorsatz fest. Ich werde zu dieser unerträglichen Stunde einen Spaziergang machen. Genügend weit weg von hier. Oder ich setze mich wieder in den Gastgarten meines Heurigen. Eine Dose Katzenfutter auf meinem Tisch muss ich ja nicht mehr befürchten.

Das Telefon klingelt. Wenn es nur Tiffany ist. Es würde mir schon genügen, ihr Atmen zu hören. Ich hebe ab und nenne meinen Namen. Die Antwort ist wie schon gestern Stille. Wie schon gestern die Todesminute von Sigurd Fürst. Nicht eine Sekunde früher oder später. Und auch dieses Mal ist nur ein leises Knistern zu vernehmen. Ich verzichte darauf, sinnlose Fragen zu stellen. Hier hat sich niemand verwählt, und an einen Zufall glaube ich noch viel weniger. Am anderen Ende der Leitung ist jemand, der mich an etwas erinnern möchte. An einen Augenblick, den ich ohnehin nicht vergessen hätte. Eigentlich kommen nur meine neuen Nachbarn in Frage. Nach meinem Besuch im Prater und dem Verhalten von Nadine mehr denn je. Ich lege auf. Meine Katze miaut, und auf der Pötzleinsdorfer Straße fährt ein Cabrio mit dröhnender Musik vorbei. Danach kommt die Straßenbahn, und eigentlich ist es so wie immer. Trotzdem brauche ich lange, um endlich in die Küche zu gehen und eine Dose für meine Katze zu öffnen.

*

In den Zeitungen wird nach wie vor nichts über das Verschwinden von Vizenz berichtet. Im Justizministerium hat man eben sämtliche Fäden in der Hand, man wird alles tun, um den etwaigen Selbstmord eines Richters nicht an die große Glocke zu hängen. Oder man steht noch heute vor meiner Tür, um mir Handschellen anzulegen. Die Polizei könnte auch kommen, um mich für den Mord an Sigurd Fürst zu verhaften. Nur, meine Lage hat auch ihren Reiz. Ich befinde mich im Kampf gegen Obrigkeiten und Mächte. Ich muss keine langweiligen Prozesse mehr leiten, sondern kann ein aufregendes Leben führen. Vor allem aber beweise ich Mut. Nicht jeder Mensch schafft es, einen anderen umzubringen. Während die meisten sich vor ihren Feinden ducken, habe ich mich gegen Sigurd Fürst gewehrt.

*

Heute ist noch nichts geschehen, und es ist auch keine große Aufgabe zu bewältigen. Diese Leere führt dazu, dass meine Gedanken kreisen. In meinen gestrigen Praterbesuch mischen sich Erlebnisse aus längst vergangenen Tagen in der Geisterbahn und im Autodrom. Natürlich bin ich als Kind oft in beiden gefahren, aber meine Bilder sind von gänzlich anderer Natur. Ich erkenne Männer in Uniformen, das Riesenrad hat noch alle Gondeln. Bei Kriegsende sind viele von ihnen verbrannt. Nur habe ich damals noch nicht gelebt. In meiner Erinnerung ist die Welt von damals schwarzweiß und findet auf einem aufgehängten Leintuch statt. Das Zauberwort heißt Pathé. Ich höre dazu das Rattern einer Maschine und sehe den Stolz im Gesicht des Vorführers. Er war auch der Mann mit der kleinen Kamera.

Das Zimmer meines Vaters betrete ich nur ungern, und ich scheue mich noch immer, es endlich aufzuräumen. Seit Jahren nehme ich mir vor, seine Hinterlassenschaft in Ordnung zu bringen, aber entweder hat mir dafür die Zeit gefehlt oder der Mut. Ich müsste seine Dinge berühren, und bestimmt würden wenig angenehme Erinnerungen wach, ja vielleicht kämen sogar bedrückende Erkenntnisse ans Licht. Aber in diesem Moment geht es mir nur um die roten Kartons in seinem Schrank. Wenn ich hier etwas suchen musste, habe ich an ihnen immer vorbeigesehen, um schnell wieder diesen düsteren Raum zu verlassen. Aber jetzt nehme ich den kleinen Stapel an mich, und schon leuchten mir französische Schriftzüge und Pathé entgegen.

Ich erkenne die blechernen Spulen wieder, den eigenartigen Geruch der Filme. Er führt mich sechzig Jahre zurück, in eine Zeit, in der die Abende mit den Vorführungen zu meinen größten Erlebnissen gehörten. Doch ich werde sie nicht wiederholen können, da mir das Wichtigste dafür fehlt, ich besitze keinen Projektor, um die Bilder lebendig werden zu lassen. Vielleicht liegt er im Keller unter dem Skelett des Unbekannten. Ich muss also den schmalen Film mit der Hand abrollen und ihn gegen das Fenster zu halten. Die Bildchen sind nicht größer als der Nagel meines kleinen Fingers, und ich erkenne nur helle und dunkle Stellen. Auch die Brille meines Vaters hilft mir nicht weiter, wohl aber seine Lupe, die ich als Kind nie anfassen durfte. Jetzt heißt es nur noch, ein genügend starkes Licht zu finden. Eine Glühlampe ist zu heiß, aber das Neonlicht meiner Schreibtischleuchte ist dafür wie geschaffen.

Schon das erste Bild erscheint mir wie eine Offenbarung. Das Riesenrad mit seinen sämtlichen Gondeln steht vor mir. Ich schenke mir ein Glas Bordeaux ein und lege eine meiner ältesten Platten auf. Caruso singt zwar von Neapel, aber sein Lied passt zum Prater. Mein Kino ist bestimmt das kleinste der Welt, und die Bilder laufen auch nicht, aber das Wunder ereignet sich trotzdem. Ich ziehe den Filmstreifen immer weiter, halte bei jeder neuen Szene an, sehe die Menschen zwischen den riesigen Hochschaubahnen aus Holz und in den Booten auf den kleinen Seen wie für einen Augenblick erstarrt, und blicke in eine Welt, die es kaum noch gibt. Nicht viele der lachenden Soldaten in ihren Uniformen werden noch leben, und auch die Frauen mit ihren einst modischen Hüten dürften schon auf den Friedhöfen liegen. In dem einen oder anderen Menschen glaube ich einen Verwandten zu erkennen, kurz sogar meine Eltern. Dann müssten sie schon Jahre vor meiner Geburt zumindest Freunde gewesen sein.

Ich sehe einen lachenden Offizier, eine Frau im Autodrom. Aber sie winkt nicht mir zu, sondern dem Mann mit der filmenden Kamera. Er interessiert mich auch mehr als alle anderen. Wer ist er? Warum liegt er in unserem Keller? Wie ist er zu Tode gekommen?