»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Auf jeden Fall hatte der Unbekannte aus der Gruft ein gutes Auge. Dank seiner Kamera durchwandere ich den Prater und werde von Bild zu Bild bereichert. Mit einem Einblick in eine Zeit, in der mehr getötet wurde als jemals zuvor. Trotzdem lachen und strahlen die Menschen. Das liegt an den Lustbarkeiten, aber auch an den frühen Jahren des Krieges. Statt selbst zu sterben, durfte man noch siegen. Geht es mir ähnlich, und steht mir das große Grauen erst bevor? Auf mich werden zwar keine Bomben fallen, aber früher oder später werde ich zur Rechenschaft gezogen werden. Trotzdem wird mich auch dieser Gedanke nicht davon abhalten, weiterzumachen. Die Umstände zwingen mich dazu, und jetzt muss ich mich noch mehr verteidigen als zuvor. Der Tod von Sigurd Fürst war eine unvermeidbare Notwendigkeit. Ich bereue nichts, ich würde es wieder tun. Außerdem ist es auch für Tiffany geschehen.

Wo ist sie, wo bleibt sie nur? Warum ruft sie mich nicht an? Ich könnte ihr Ratschläge geben, wie in dieser Situation am besten zu verfahren ist. Ich hoffe nur, dass sie keine Einwände oder Bedenken gegen eine Feuerbestattung ihres Tyrannen hat. Die Kugel in seinem Kopf muss zu einem Nichts geschmolzen werden, ansonsten würde immer eine letzte Zeugin in der Erde liegen. Aber Tiffany droht ja auch noch der Wahnsinn der Ausstellung im Justizpalast. Sie war dem verstorbenen Künstler am nächsten. Die ehrwürdigen Herren aus diesem Haus werden sie nach vorne schieben, die Meute der Journalisten über die schöne Frau herfallen. Tiffany wird öffentlich trauern und weinen müssen. Es genügt ja schon, dass sie es wahrscheinlich ist, die den Toten zu identifizieren hat. Ist es bereits geschehen? Warum wird so gut wie nichts über den tragischen Unfall des einstigen Malergenies berichtet? Auch Vinzenz kommt in den Zeitungen noch immer nicht vor, als hätte es ihn nie gegeben.

Man erstickt mich mit Stille. Nicht nur jeden Abend am Telefon, auch die Polizei bedient sich dieser Folter. Nadine wendet sich ebenfalls von mir ab, aber auch alle anderen sind hinter dem Vorhang verschwunden, und ich stehe alleine auf der Bühne. Es genügt mir nicht, mit meiner Katze zu reden, die immer wilder mit dem Filmstreifen spielt, der sich auf dem Fußboden zu einem kniehohen Berg entwickelt hat. Ich höre deswegen auch auf, die lange Schlange noch weiter abzurollen, und es schmerzen mich inzwischen auch die Augen vom Betrachten der winzigen Bildchen. Außerdem haben mich die Menschen im Prater von damals wehmütig gemacht. Weil die meisten von ihnen inzwischen Skelette sind, wie der Unbekannte in unserem Keller. Es wäre besser gewesen, ihm nicht zu begegnen. Aber nun sehen mich seine Augenhöhlen an, und ich schaffe es nicht, ihn in seinem Grab zu lassen. Mein Vater wird den Mann mit der Kamera nicht ohne triftige Gründe in unserem Gewölbe bestattet haben. Und ich suche, wühle im Keller, grabe alte Filmrollen aus und glaube, ein dunkles Familiengeheimnis erforschen zu müssen. Dabei habe ich doch selbst eines, das nicht zu überbieten ist. Sigurd Fürst sollte mir eigentlich genügen.

Seit seinem Tod kommen die Abende immer langsamer heran. Doch heute werde ich nicht auf die Wiederkehr seiner letzten Stunde warten, sondern das Haus rechtzeitig verlassen. Noch habe ich etwas Zeit, und das ist auch gut so, denn Bonjour muss noch gefüttert werden, und die vielen Zeitungen sind ebenfalls durchzublättern. Ich kaufe sie natürlich an den verschiedensten Stellen, um mich mit meiner Neugier nicht verdächtig zu machen. Meinen Kiosk habe ich seit dem Unfall von Sigurd Fürst nicht mehr betreten. Die Frau dort würde auf den Tod des Motorradfahrers vor meinem Haus zu sprechen kommen, und sie ist eine gute Menschenkennerin. Es wäre mir unmöglich, mich ausreichend zu verstellen. Außerdem weiß sie besser als jeder andere über alles Bescheid, was nicht in den Zeitungen steht. Entweder liest sie zwischen den Zeilen, oder die Gute merkt sich jedes Wort ihrer Kunden. Zudem versteht sie es prächtig, Verborgenes und Geheimnisse aus ihren Kunden herauszulocken. Mich soll sie als Spaziergänger auf der Straße sehen, aber nicht in ein gefährliches Gespräch verwickeln.

Es ist so weit. Noch bevor Sigurd Fürst oben zwischen den Villen auftauchen kann, werde ich mein Haus verlassen. Während meiner nächtlichen Wanderschaft soll mein Telefon meinetwegen eine ganze Stunde läuten. Heute wird niemand abheben, der Stille zuhören und sich Gedanken machen. Ich bin ein freier Mann und werde tun, was mir beliebt. Auch wenn es mich ein wenig stört, noch immer von Sigurd Fürst gejagt zu werden. Aber streng genommen ist es nicht der Tote, der mich aus meiner Villa treibt, sondern ein noch lebender Mensch, der über mich offensichtlich zu viel weiß und glaubt, mich durch lächerliche Anrufe mürbe machen zu können.

Ich will eben mein Zimmer verlassen, als es klopft. Nadine steht vor der Tür. Es bleibt mir gerade noch Zeit, meine Jacke für den abendlichen Spaziergang auf die vielen Zeitungen zu legen, das steht die Dame aus dem Prater schon neben mir. Sie hat mir auch ein Geschenk mitgebracht. Eine Flasche Champagner, die sonst nur Gäste in ihrem Etablissement gewinnen könnten, aber ich bekäme sie ohne jede Tombola, allein für meine Herzlichkeit. Max habe ihr den ganzen Abend von den Skeletten in der Geisterbahn vorgeschwärmt und sei kaum ins Bett zu bringen gewesen.

Nadine setzt sich. Ich blicke hinter ihrem Rücken auf die Uhr. Bis zur Todesminute von Sigurd Fürst ist nicht mehr viel Zeit, und es sieht aus, als wollte meine neue Nachbarin sie mit mir verbringen. Ich werde sogar nach einem Glas Wein gefragt und ob man hier rauchen darf. Ich schenke Nadine ein und gebe ihr Feuer. Dabei zittert meine Hand, und sie hält sie fest. Sie gesteht mir, eigentlich aus einem noch anderen Grund gekommen zu sein. Mein Besuch in ihrem Etablissement gestern Nachmittag sei überraschend gewesen, ich hätte sie ausgerechnet bei einem unvollkommenen Auftritt erwischt. Sie habe die Marlene Dietrich noch nicht wirklich im Griff, und vor einem wie mir müsste sie sich dafür schämen. Deswegen sei sie so überstürzt abgetreten, und nicht meinetwegen. Ganz im Gegenteil, Gäste wie mich hätte sie am liebsten, und ich sei ihr immer herzlich willkommen.

Nadine sieht mich an. Sie spürt, dass ich ihr nicht glaube. Nichts an ihr stimmt. Weder das Gerede über Max noch die peinliche Erklärung, warum sie plötzlich hinter dem Vorhang verschwunden ist. Ich habe ihr zwischen Whitney Houston und Sinatra einen Schrecken eingejagt, auch jetzt hat sie Angst vor mir. Und ein schlechtes Gewissen. Immerhin ist sie die Frau eines Mörders. Oder eine, die von meinem Verbrechen weiß. Vielleicht hat sie sogar vom Auto aus meinen gestreckten Arm im Augenblick des Schusses gesehen. Auf jeden Fall ist sie nicht hier, um über die Dietrich zu reden. Noch dazu in dieser Stunde, in der Sigurd Fürst sein Leben lassen musste. Jetzt fällt sie bereits aus der Rolle der Ahnungslosen und blickt immer wieder heimlich und verstohlen durch mein Fenster auf die Straße. Wie ich. Nur Bonjour hat heute kein Interesse und schläft. Auf meinem Sofa, zwischen dessen Polstern meine Margolin auf ihren nächsten Einsatz wartet.

Aber ich werde Nadine nicht erschießen. Es ist für mich aufregend genug, dass in wenigen Minuten der Tod von Sigurd Fürst zum dritten Mal wiederkehrt. Deswegen ist diese Frau auch hier. Sie will sehen, wie es mir dabei ergeht. Das Duo Sebastian und Nadine ist mir auf den Fersen. Zwei Mörder jagen einen dritten. Dabei war ich doch der erste. Ohne meine Kugel im Kopf eines Motorradfahrers müsste meine Nachbarin jetzt nicht an meinem Tisch sitzen und den teuren Rotwein trinken. Sie entdeckt auch den Helm ihres Sohnes und hat sogar einen Einfall dazu. Max habe keine Freunde, ich sei sein einziger, mich möge er sogar mehr als seinen Stiefvater.

Ich nehme Nadine gegenüber Platz, um nicht dauernd aus dem Fenster schauen zu müssen. Es genügt, wenn ich ihr in die Augen sehe. Sie erzählen mir zwar nichts über die Gedanken meiner Besucherin, aber ihr wiederholter Blick nach draußen verrät mir vieles. Ich höre von den Sorgen mit ihrem Sohn und seinem Schulbeginn in einem Monat. Er habe Angst davor und würde am liebsten zu Hause bleiben. Nadine greift wieder nach meiner Hand, so wie sie es bei ihren Gästen wahrscheinlich täglich hunderte Male tut. Ob ich denn Max nicht gut zureden und mich als Beispiel zeigen könne. Er müsse ja nicht gleich Richter werden, aber zumindest irgendein Akademiker, der Erste in der Familie.

Ich antworte nicht, und sie verstummt. In der Stille warten wir beide auf dasselbe. Ein Motorradfahrer muss herankommen und sterben. Dann können wir weiterreden. Noch aber haben wir einander zu belauern. Sogar die letzten Vögel im Garten haben ihre Gesänge beendet. In diesem Augenblick ist auch von der Pötzleinsdorfer Straße so gut wie nichts zu hören. Nur ein Hund bellt irgendwo, und ein Mann hustet weit entfernt. Auf die Sekunde genau schrillt das Telefon.

Nadine sieht mich an, und ich sehe sie an. Aber ich kann nicht erkennen, ob sie von diesen Anrufen wirklich etwas weiß. Es läutet nochmals und dann wieder. Wozu soll ich aufstehen und abheben, wenn ich ohnehin wieder Stille am anderen Ende der Leitung zu erwarten habe? Noch dazu dieses Mal unter Beobachtung, und es liegt sogar nahe, dass Nadine deswegen hergekommen ist. Vieles spricht dafür. Was ist einfacher, als mich auf diese Weise in die Zange zu nehmen. Sie sitzt gemütlich bei meinem Bordeaux, während ihr Mann meine Nummer wählt und mich dann mit seinem Schweigen quält. Das Schrillen hört nicht auf, und es scheint sogar immer lauter zu werden. Inzwischen blickt mich auch Nadine auffordernd an, ich warte nur auf ihre Bemerkung, ob ich denn nicht abheben wolle. Ich könnte lügen und behaupten, mich und uns jetzt nicht stören lassen zu wollen, doch die Möglichkeit dazu habe ich gar nicht, denn Sebastian oder wer auch immer lässt nicht locker. Lächelt Nadine, weil sie sieht, wie ich kapituliere und aufstehen muss?

Ich versuche, den Hörer ohne Zittern zu halten, und weiß noch nicht einmal, wie ich mich verhalten soll. Wie erwartet ist wieder nur Stille zu vernehmen, doch dieses Mal habe ich mitzuspielen. Ich frage, wer da ist, wiederhole meinen Namen, fordere den Anrufer auf, sich zu melden. Dabei lasse ich Nadine nicht aus den Augen, und auch sie sieht zu mir her. Mein Auftritt ist um vieles jämmerlicher als ihre Marlene Dietrich, und das Schlimmste steht mir noch bevor. Was sage ich, wenn ich mich wieder setze? Rede ich von einer falschen Verbindung oder dass mit meinem Telefon irgendetwas nicht in Ordnung ist? Ich zögere es hinaus, den Hörer aufzulegen, und trotzdem fällt mir nicht ein, wie es weitergehen könnte. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses einseitige Gespräch zu beenden. Doch ich schaffe es nicht, wieder an den Tisch zu gehen und mich Nadine zu zeigen. Frauen können in Gesichtern wie in Büchern lesen, und diese hat noch mehr Lebenserfahrung als die meisten anderen.

Während ich die eine Gefahr vermeide, begebe ich mich unversehens in eine noch größere. Denn ich stehe am Fenster und sehe hinaus. Zwar zeige ich Nadine meinen Rücken, aber mit meinem Blick auf den Ort des Todes verrate ich mich wahrscheinlich noch viel mehr. Sie weiß, dass ich ihr nach diesem Anruf nicht in die Augen schauen kann und sogar Zuflucht bei meinem Verbrechen suche. Bestimmt lasse ich wie ein überführter Angeklagter die Schulter hängen. Auch meine Stimme wird zaghaft und brüchig sein. Deswegen schweige ich noch wie der Anrufer und hoffe, dass Nadine mir hilft. Oder sich verrät. Warum gesteht sie mir nicht die Fahrerflucht ihres Mannes? Oder sie sagt mir geradeheraus, dass wir uns verbünden müssen, wenn wir allen Nachforschungen der Polizei standhalten wollen. Sebastian und ich sind Mörder, da liegt es doch nahe, als verschworene Gemeinschaft auf ewig allen Anfechtungen zu trotzen. Dann wäre ich nicht mehr allein, und auch die Schuld am Tod eines Menschen wäre gemeinsam leichter zu tragen. Wir würden zwar aufeinander angewiesen sein, aber das könnte sogar für eine gute Nachbarschaft hilfreich sein.

Doch Nadine schweigt. Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich zu meiner Feindin umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen. Aber vielleicht hat sie auch mit dem Anrufer nichts zu tun. Dann bleibt sie immer noch die Frau eines Fahrerflüchtigen, der selbst Hilfe braucht, mehr noch als ich. Wenn man mich nicht mit meiner Margolin gesehen hat, hält er sich für den einzigen Schuldigen am Tod von Sigurd Fürst. Dann hätte ich alle Fäden in der Hand, und die Familie Grohmann müsste vor meiner Zeugenschaft zittern. Ist Nadine deswegen hier?

Doch sie macht mir weder ein Angebot, noch verrät ihr Blick Triumph. Sie macht nur die Bemerkung, dass ein Telefon ein Quälgeist sein kann, vor allem Anrufer, die sich verwählen und dann nicht melden, aber sie verrät mir dadurch nichts. Ich weiß so viel wie vorher, und nach wie vor ist alles möglich. Nadine trinkt, ohne zu zittern, und ist mir auch in dieser Hinsicht überlegen. Wann fängt sie endlich an, über den Unfall vor meinem Haus zu reden, über ihren betrunkenen Mann am Steuer und die verbrecherische Fahrerflucht? In der Pötzleinsdorfer Straße passiert so gut wie nie etwas, und trotzdem fällt kein Wort über den Tod eines Menschen und ein zertrümmertes Motorrad.

Nadine trinkt, und ich schenke ihr nach. Sie lobt meinen Bordeaux und möchte bald meinen Weinkeller sehen. Vielleicht wartet auch sie darauf, dass ich den Unfall zur Sprache bringe. Doch nichts geschieht. Weder von mir noch von ihr. Wir tun, als hätte es da draußen nie einen tot daliegenden Motorradfahrer gegeben, und als würden wir seine Mörder nicht kennen. Ich bin dabei in der noch viel schlechteren Lage. Zwei gegen mich. Rechnet man die Lakaien der beiden dazu, steht mir ein ganzes Heer gegenüber. Aber zugleich festigt sich in mir der Eindruck, dass Nadine aus Sorge um sich selbst und ihren Trunkenbold gekommen ist. Vielleicht zittert das schöne Paar sogar vor mir, und ich sehe es nur nicht. Was würde man mir bieten, um wie viel könnte man mich kaufen?

Wenn ich nur nicht das Gefühl hätte, dass mir Nadine voraus und überlegen ist. Sie zwingt mich fast dazu, mir demnächst ein Gewehr mit Zielfernrohr in meinem Waffengeschäft zu besorgen. Oder ich frage Boris Makarowitsch ein weiteres Mal um seinen Rat. Bei solcher Gelegenheit könnte ich mich auch gleich für die gelungene Hinrichtung von Sigurd Fürst bedanken. Er hat mich bestens gelenkt, ich habe die Dinge nur ausgeführt. So gesehen, wurde mein Eindringling von drei Leuten beseitigt. Eigentlich von vier. Denn vermutlich war auch Nadine beim Zusammenprall mit dem Motorrad im Auto. Woher sonst würde der noch nicht verheilte Riss an ihrer Stirn stammen, der mir schon die ganze Zeit ins Auge fällt. Entweder ist sie gegen die Windschutzscheibe geprallt, oder sie hat sich ihr hübsches Köpfchen am Rückspiegel zerschnitten. Sie merkt jetzt meinen Blick, greift sich rasch ins Haar und zeiht eine Strähne über das Mal. Die Sorge um ihre Schönheit hat sie verraten.

Ich atme auf. Die Erleichterung ist so groß, dass ich mich am liebsten jetzt mit dieser Frau betrinken würde. Nadine und Sebastian, sie gehören mir. Da nützt es den beiden auch nichts, wenn sie täglich bei mir antreten oder noch tausend Mal meine Nummer wählen, um mich mit Schweigen am Telefon einzuschüchtern. Man hat Angst vor mir. Jetzt bin ich mir sicher, man hat nicht das Geringste von meiner Margolin gesehen.

Nadine fühlt sich nicht mehr wohl an meiner Seite und gibt vor, gehen zu müssen. Entweder hat sie mir meinen Triumph angesehen oder ihren eigenen Fehler erkannt. Sie holt ein glänzendes Handy aus der Tasche und ruft ein Taxi. Ich höre mit unbändiger Lust die Lüge, die nun folgt. Sie fahre nie, wenn sie etwas getrunken habe. Doch die nächste Bemerkung überbietet alles. Sie könne heute gar nicht ins Auto steigen, weil es ihr vor einer Woche gestohlen worden sei. Ich blicke sie überrascht und fragend an. Nadine nickt, wie ihr Sohn Max, und sie wiederholt den dreisten Schwindel.

Jetzt weiß ich endlich, warum sie gekommen ist und wie ihre Botschaft heißt. Ich bin nahe daran, sie auf das Sofa zu werfen und ihr die Margolin an den Kopf zu setzen. Ihr vor dem Abdrücken noch ins Gesicht zu schreien, dass sie mich nicht für dumm verkaufen soll. Aber dann hätte ich eine Leiche in meinem Zimmer, und die beiden im Keller genügen mir vollauf.

Nadine verabschiedet sich mit einem Kuss auf meine Wange. Sie wünscht mir eine gute Nacht und eilt durch den Garten hinaus zum wartenden Taxi. Sie schafft es aber nicht, einzusteigen, ohne einen Blick auf den Tatort zu werfen, sogar so lang, dass der Fahrer sich nach ihr umwendet und ungeduldig wird. Er kann nicht wissen, was diese Frau jetzt sieht. Bestimmt hört sie auch den Zusammenstoß und wie das Motorrad gegen das Wartehäuschen prallt. Erst wenn alles wieder still ist und sich nichts mehr regt, sind wir erlöst. Aber nur kurz, denn der Tod von Sigurd Fürst wird sich noch oft wiederholen. Das hätte ich bedenken müssen. Wie viele Fehler habe ich noch gemacht? Kommt jeden Tag ein weiterer auf mich zu?

*

Auch der neue Tag lässt mich nicht in Ruhe. Doch anders als Nadine ist mir die Frau auf der Straße vor meinem Haus willkommen. Ich musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass es Tiffany ist. Noch scheint sie mich nicht bemerkt zu haben, weil ich hinter den spiegelnden Fensterscheiben stehe. Sie ist auch nicht gekommen, um mich zu besuchen, sondern seinetwegen. Im Wartehäuschen entdeckt sie die niedergebrannte Kerze für den tödlich Verunglückten, und vom Asphalt zwischen den Schienen des 41ers leuchten ihr die letzten Reste der Kreidestriche entgegen. Autos müssen bremsen, um sie nicht auch noch zu überrollen. Bei den Flecken auf dem Boden scheint sie nicht zu wissen, ob sie vom Blut stammen oder von ausgeronnenem Benzin.

Ich könnte es ihr sagen. Hier hat er gelegen. Aber das Schwein ist nicht verblutet, sondern dürfte gleich tot gewesen sein. Der an mich damals heranrollende Helm ohne Visier und das zerrissene Motorrad sprechen dafür. Aber auch der reglose und verbogene Körper, der unter dem schweren Wagen meiner neuen Nachbarn zum Vorschein gekommen ist.

Tiffany ist nicht allein. Ihr Hund läuft wie verrückt an dem Ort herum, an dem sein Herrchen verstorben ist. Er scheint um ihn mehr zu trauern als meine zukünftige Geliebte, denn sie hat auch noch etwas anderes als Sigurd Fürst im Kopf. Ihr Blick auf mein Haus ist jedoch unauffällig, und das ist auch gut so, denn zu verbergen gibt es genug. Wenn sie nur jetzt nicht auf den Gedanken verfällt, mich zu besuchen, nachdem sie schon in meiner Nähe ist. Aber Tiffany lässt sich von ihren Gefühlen und ihrer Leidenschaft nicht hinreißen, sondern tut das einzig Vernünftige. Sie stellt sich in den Schatten und greift zum Telefon. Endlich kann ich den Hörer abheben, ohne die Angst vor einem anonymen Anrufer haben zu müssen. Anfangs schweigt auch sie, aber sie schenkt mir ihr Atmen und dann ein Wort, das mich vor Glück fast zerspringen lässt. Danke. Es wäre zwar nicht notwendig, aber trotzdem blickt sie auf den Platz meines Verbrechens. Ich muss mich aufs Äußerte beherrschen, um nicht zu antworten und ihr eine Liebeserklärung zu machen. Doch auch ich habe genug Besonnenheit, um uns nicht der mithörenden Polizei auszuliefern.

Aber Tiffany hat noch ein zweites Wort für mich. Palmenhaus. Jetzt sieht sie mich direkt an und macht mir mit ihrer Hand ein Zeichen, der eine Fingerzeig heißt drei, der andere heute. Obwohl wir noch stumm sein müssen, verstehen wir einander jetzt schon bestens. Auch ihr Hund scheint mich zu mögen. Er schlüpft durch die angelehnte Tür in meinen Garten und wühlt sich durch das Dickicht. Es gefällt mir allerdings schon weniger, dass er an meinem alten Apfelbaum stehenbleibt und am Grab von Moritz schnüffelt. Vielleicht habe ich doch zu wenig Kalk auf die Reisetasche mit dem Kadaver gestreut, oder ein Hund riecht einen anderen immer, trotz Erde dazwischen. Tiffany ist so nett, den Störenfried zu sich zu rufen. Er heißt Akim, und alle lauschenden Beamten können sich jetzt ihre Gedanken machen. Sie legt auf, ohne uns mit einem weiteren Namen zu verraten. Ich habe den Hörer des Telefons noch länger an meinem Ohr. Doch nicht nur, weil ich mich von Tiffany schwer trennen kann, sondern weil ein Knistern nachklingt, das ich kenne. Aber wahrscheinlich haben es alle Verbindungen mit Handys an sich, nicht ganz frei von Störungen zu sein. Ich habe bisher nur nicht darauf geachtet.

*

Der Weg zum Palmenhaus in Schönbrunn führt an Gärten vorbei, die anders als meiner gepflegt sind, aber auch gegen die Natur zurechtgeschnitten. In dem Palast aus Stahl und Glas ist es noch heißer als draußen, und die schwere Luft lässt einen fast ersticken. Natürlich bin ich zu früh, mit Tiffany kann ich erst in einer Viertelstunde rechnen. Selbst wenn sie sich verspätet, ich würde ewig auf sie warten. Es schadet mir auch nicht, inmitten von hunderten exotischen Pflanzen die verschlungenen Tunnel zu durchwandern und auf eine Blüte zu warten. Doch Tiffany ist mehr als eine Orchidee, an ihr stimmt alles. Sogar der Ort unseres heimlichen Treffens. Ich hätte einen Brückenkopf an der Donau vorgeschlagen, sie führt mich stattdessen ins Paradies. Dafür bleibt es mir überlassen, wo wir ungestört über alles reden werden. Stühle gibt es hier einige, doch die weiße Bank vor mir scheint für unser Rendezvous wie geschaffen. Hier werden wir sitzen. Nebeneinander.