»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Aber noch ist von Tiffany nichts zu sehen. Die Schwüle im Palmenhaus bringt mich fast zum Ersticken. Ich komme kaum nach, mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, er brennt in meinen Augen. So werde ich Tiffany jetzt kaum beeindrucken können, ich kann nur hoffen, sie hält mich nicht für kurzatmig und alt. Natürlich war Sigurd Fürst jünger und noch dazu Künstler. Ich aber habe meine ganze Existenz für eine Frau aufs Spiel gesetzt, ihretwegen gemordet, und ich wäre auch bereit, noch ein weiteres Mal zuzuschlagen. Doch von der Bedrohung durch Sebastian und Nadine werde ich ihr nichts erzählen, es genügt, wenn ich mir Sorgen mache und uns beschütze. Außerdem gibt es so viel anderes zu bereden. Wie lange bleiben wir einander noch fern? Tauchen wir dann als Paar plötzlich auf, oder verharren wir im Untergrund, weil es uns dort auch gefällt? Ich kann mir ein Leben mit Tiffany in meinem Haus und in meinem Keller gut vorstellen, und es wäre für mich kein Problem, alle Annehmlichkeiten der Welt zu uns zu holen.

Aber sie ist noch jung und wird ausgehen wollen, Feste besuchen und tanzen. Es wird mir viel einfallen müssen, um diese schöne Frau zu fesseln. Anders als Sigurd Fürst werde ich sie weder einsperren noch bedrohen. Am ehesten wird sie vermutlich bei mir bleiben, wenn ich ihr alle Freiheiten lasse und für sie ein Fels in der Brandung bin, zu dem sie immer zurückkehren kann. Auf keinen Fall darf ich etwas überstürzen und sie verschrecken. Es könnte sogar ein Glück sein, dass ich sie jetzt aus Rücksicht auf polizeiliche Untersuchungen nur ab und zu treffe. Am besten, sie käme in meine Villa. Wie hier gibt es auch dort Grün und hoch wachsende Pflanzen, und in den Gewölben kühle Luft zum Atmen und edle Weine für die schönsten Stunden.

Tiffany hat mich schon von draußen gesehen. Durch die gläserne Wand winkt sie mir zu, und sie ist auch allein. An ihren Hund werde ich mich auch noch gewöhnen müssen, mehr noch aber meine Katze. Trotz meiner Liebe zu Tiffany hätte Bonjour es nicht verdient, beiseite geschoben zu werden. Doch jetzt ist eine der aufregendsten Frauen meine Königin, und sie hält, was sie verspricht. Mit einer Mischung aus Schwung und Grazie kommt sie durch das Dickicht an mich heran und schenkt mir gleich ein großes Lob für meinen Platz. Etwas Schöneres als diese weiße Bank hätte ich nicht finden können. Dabei ist es doch sie, die alles überstrahlt. Mit der schwarzen Perücke sieht sie exotisch aus wie die Pflanzen um uns herum, und aus ihren Kopfhörern kommt die Rockmusik, von der ich mich bei mir zu Hause nächtelang verrückt machen lasse. Sie stellt sie ab, denn für die nächste Zeit brauchen wir nur uns.

Tiffany kennt keine Grenzen, und das gefällt mir an ihr. Trotz Verbots zündet sie sich eine ihrer Bidis an und bläst den Rauch hinauf zu den Nebelschwaden der tropfnassen Luft. Ihr scheint die tropische Hitze nichts auszumachen, und sie gesteht mir auch gleich, öfter hier zu sein. In diesem Palast finde sie einen Hauch von Glück, auch wenn man ein Glashaus niemals mit Malaysia vergleichen könne. Denn das Entscheidende gäbe es hier nicht. Die unglaubliche Freiheit und die wohltuende Ferne von Wien. Sigurd hätte fast ihr Leben zerstört, aber dieses Land in Asien verdanke sie ihm. Er habe ihr zwar auch noch viele andere Dinge gezeigt, doch die meisten davon seien Abgründe gewesen. Nun sei alles anders, und man könne von vorne anfangen.

Wie spricht man von einem gemeinsamen Mord? Ich weiß es nicht, und sie auch nicht. Deswegen schweigen wir noch darüber und reden von Akim und Bonjour. Tiffany erzählt mir dasselbe wie schon einmal und wie sie es auch Vinzenz gegenüber getan hat. Sie möge Katzen noch mehr als Hunde. Diese wunderbaren Wesen seien geheimnisvoll und täten einfach das, was sie wollten. Ihr Akim dagegen laufe brav neben ihr her und gehorche Befehlen. Trotzdem liebe sie ihn, und er sei ein guter Jäger. Mancher Waldspaziergang habe mit einem erlegten Hasen geendet, und einmal wäre er sogar beim Wildern fast erschossen worden.

Tiffany hält inne und sieht mich an. Ein Wort ist gefallen, und wir werden dem Grund unseres heimlichen Treffens nicht länger ausweichen können. Sie sagt nochmals danke. Ich sehe die Erleichterung in ihren Augen, die Aussicht auf ein neues Leben, und Angst wird sie auch keine mehr haben müssen. Am liebsten hätte ich gesagt, gern geschehen. Und geschehen ist es wirklich, ich habe es hinter mir. Wir haben es hinter uns. Auch wenn noch nicht alles ausgestanden ist. Aber die vor uns liegenden Klippen und Berge werden zu zweit angegangen. Schade nur, dass wir die Dinge nicht in meinem Haus besprechen können. Wir werden uns weiterhin an unauffälligeren Orten treffen müssen, doch das Palmenhaus wird mich nicht mehr sehen. Aber während ich kaum noch atmen kann, ist Tiffany voller Frische und scheint hier sogar noch mehr aufzublühen. Sie ist eben eine Orchidee.

Ich erfahre von den schrecklichen Minuten, die sie in den letzten Tage durchlebte. Sie musste sich in die Kälte des Leichenschauhauses begeben. Natürlich war der Tote vom Motorrad Sigurd, wer sonst. Aber ein Führerschein allein ist nicht Beweis genug, mit diesem zerschmetterten Gesicht hätte es jeder sein können. Sie jedoch hat ihn sofort erkannt, an den Schultern und dem gekräuselten Haar auf seiner Brust. Tiffany lächelt. Erinnert sie sich an die Liebesnächte mit meinem Feind? Ich könnte ihr erzählen, dass man die Identität von Sigurd Fürst bestimmt auch anhand seiner Fingerkuppen feststellen hätte können, gibt es doch die Abdrücke in allen Akten. Aber Tiffany kommt meinen Überlegungen zuvor. Sie habe sich tief über Sigurd beugen und sein Gesicht lange betrachten müssen, um zwischen den grausamen Verletzungen das kleine Loch zu entdecken.

Damit stehe ich als der wahre Täter fest, ich muss Tiffany nichts mehr erklären oder beweisen. Nicht ein daherrasendes Auto hat ihren Peiniger beseitigt, sondern ich war es. Ich. Der Mann neben ihr. Sie wird gar nicht anders können, als mich zu mögen. Leicht kann aus einer solchen Mischung von Dankbarkeit und Sympathie so etwas wie Liebe entstehen, und ich werde alles tun, damit sie wächst und immer wahrer wird. Andere erobern Frauen mit Komplimenten und Luxus, ich habe meiner Tiffany die Freiheit geschenkt. Es gefällt mir auch, wie sie die Dinge sieht und ohne große Aufregung oder gar Hysterie darüber reden kann. Wir sind zwar nicht Bonnie and Clyde, aber doch ein verschworenes Paar, das bis an sein Ende zusammenhalten wird. Wäre ich weniger verschwitzt, würde ich die schöne Frau an meiner Seite jetzt umarmen und ihr ins Ohr flüstern, dass ich für sie auch noch andere Morde begehen könnte. Wer soll der Nächste sein, von wem ist sie bedrängt oder auch nur beleidigt worden?

Ich beherrsche mich, weil wir trotz der wenigen Besucher hier auffallen könnten, und weil Tiffany es vielleicht auch noch nicht will. Es genügt mir, ihre glücklichen Augen zu sehen, die nachwachsenden Haare unter ihrer Perücke, und den Duft der Bidi zu riechen. Bald wird er mein ganzes Haus durchströmen, und auch für das Pärchen Akim und Bonjour werden wir eine Lösung finden. Wie viel Glück kann es geben, wenn ein Störenfried beseitigt ist! Aber noch ist Sigurd Fürst nicht ganz verschwunden, denn Tiffany denkt daran, ihn nach alter Sitte begraben zu lassen. Ich rate ihr zur Feuerbestattung, erwähne aber mit keinem Wort das Problem des Projektils. Sie soll nicht alles wissen, um im Fall der Fälle nicht in das Verderben hineingezogen zu werden.

Tiffany wendet sich mir mehr und mehr zu, rückt sogar noch näher an mich heran. Ich denke schon an eine Liebkosung, aber sie holt nur etwas aus ihrer Tasche und legt es mir auf den Schoß. Wenn es jemandem gehöre, dann mir. Vorsichtig und aufgeregt schlage ich das Tuch auseinander, sehe zuerst Riemen aus Gummi, dann die Scheide. Sie ist vom Unfall zerkratzt, aber das Tauchermesser selbst hat keinen Schaden erlitten. Sogar das Wrack des Motorrads hätte man ihr übergeben, doch darauf wollte sie gerne verzichten. Diese Trophäe hingegen könne man leicht unterbringen, George Bush habe ja auch Saddam Husseins Pistole in einer Vitrine. Ich bin gerührt und aufs Tiefste bewegt. Jetzt ist mein Feind endgültig besiegt. Ich bin ihm zuvorgekommen, und es war eindeutig Notwehr. Wie leicht hätte mein Blut an der Klinge dieser Waffe kleben können. So aber glänzt sie im Licht des sonnendurchfluteten Palmenhauses. Mühelos durchschneide ich eine über uns hängende Liane, ebenso heimlich, wie Tiffany ihre Bidis raucht.

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, über unsere Zukunft zu reden, aber mir fallen dazu nicht die richtigen Worte ein. Zudem möchte ich nichts überstürzen und Tiffany nicht bedrängen. Nur zu schnell könnte ich wie Vinzenz alles falsch machen bei ihr. Als hätte sie meine Gedanken erraten, fängt sie an, von meinem alten Richterkollegen zu reden, von seinem Pass, seiner Hose, dem Hemd und der Unterwäsche. Ich verstehe nicht, aber Tiffany hilft mir, ruhig und geduldig. Vinzenz könne ja nicht vom Erdboden verschwunden sein, irgendwo müsse er auftauchen, oder wenigstens Reste von ihm. Ein Ausweis an einem Strand etwa sei für sein Ertrinken noch kein Beweis, denn er könnte auch gestohlen sein. Bei Kleidungsstücken würde die Polizei schon eher einen Unfall oder Selbstmord vermuten, und eine Unterhose räume die letzten Zweifel aus. Auch wenn keine Leiche auftauche, würde man die Nachforschungen wohl einstellen.

Ich bin überrascht und fassungslos. Der Plan könnte von mir sein, und auch die Sprache. Sie verwendet Worte wie ich und zieht Schlüsse, die eher von einem Menschen mit juristischen Erfahrungen stammen. Aber das Rätsel ist schnell gelöst. Vinzenz selbst hat ihr von Fällen erzählt, die niemals aufgeklärt werden konnten. Auch ich kann mich erinnern, dass mein alter Freund schon immer ein großes Interesse für verschwundene Menschen hatte. Jetzt ist er selber zu einem solchen geworden, und Tiffany und ich tragen alles dazu bei, dass er bei den Akten landet und nie wieder auftaucht. In zehn Jahren wird man ihn für tot erklären. Seine Leiche liegt dann nicht in meinem Keller, sondern ist den Fischen zum Futter geworden. Dank Tiffany bekommt Vinzenz eine neue und endgültige Geschichte. Auch im Justizpalast wird man mit dieser Lösung des Problems einigermaßen zufrieden sein, die beiden Kriminalbeamten aus dem Penthouse ohnehin. Abschiedsbrief, Unterhose, Meer, der Kreis ist geschlossen.

Ich glaube, dass Tiffany mich für Vinzenz’ Mörder hält. Warum sonst sollte sie die Kleider an einem Ufer ablegen wollen? Sie denkt, ich hätte ihr geholfen, und jetzt hilft sie eben mir. Oder hat ihr Sigurd Fürst gestanden, dass er dem Kerl in meinem Garten ins Auge geschossen hat? Aber wozu macht sie sich dann die Mühe? Ich vermute, sie will einfach Ruhe haben und von Vinzenz und neugierigen Untersuchungsbeamten nie wieder etwas hören. Dennoch will ich von ihr wissen, wo Vinzenz denn ihrer Meinung nach ertrinken solle, und sie erzählt mir von einem Strand bei Kuala Lumpur, an dem sie auf ihrer Fahrt an die abgelegenen Küsten der Insel vorbeikommen werde. In Malaysia gingen immer wieder Touristen verloren, und der Tod von Einheimischen sei an dieser Stelle durch die Mafia und Drogen an der Tagesordnung.

Eigentlich will ich Tiffany fragen, ob sie denn dort keine Angst hätte, aber die Befürchtung, die mich jetzt befällt, wird immer größer. Was hat sie vor? Will sie eine Reise in ein Land unternehmen, das ich nicht kenne, mit einem Mann an ihrer Seite, der meine Träume zerstören könnte? Soll ich wochenlang in der Pötzleinsdorfer Straße vor Sehnsucht vergehen, während sie sich von einem Kerl in den Urwäldern und am Meer lieben lässt? Ich erkundige mich nach ihrem Hotel und wie lange der Flug dorthin dauert. Tiffany macht es mir nicht schwer, sie auszuhorchen. Begeistert erzählt sie mir, dass sie aus den Zeiten mit ihrem Sigurd eine kleine Kolonie von Europäern und Amerikanern kennt. Das Leben dort koste so gut wie nichts, und man erwache jeden Tag im Paradies.

Ich kann mich nicht länger beherrschen und frage sie, ob sie denn diese Reise allein unternehme. Sie lacht mich an, natürlich nicht, Akim würde sie begleiten. Wie durch ein Wunder käme ihr Hund und treuester Freund in seine alte Heimat zurück. Trotz der drückenden Schwüle atme ich auf, aber nur für einen Augenblick. Dann rede ich sofort davon, dass es für Haustiere nicht gut ist, alle paar Wochen in so unterschiedlichen Klimazonen zu leben, und auch die Gefahr vor Infektionen dürfe man nicht unterschätzen. Was, wenn Tiffany erst in zwei oder drei Monaten zu mir zurückkehrt? Bis dahin bin ich tot. Ich kann unmöglich mit zwei Leichen in meiner Villa allein leben. Sie dort, ich hier. Auch wenn Tiffany ohne Begleiter die Reise macht, dort warten unzählige Kerle auf sie. Am besten wäre es, wir würden jetzt aufstehen, dieses gottverdammte Palmenhaus verlassen und zu mir nach Hause gehen. Dort könnten wir uns trotz der Nachbarn und lauernden Kriminalbeamten über alles in Ruhe unterhalten, und es würde mir bestimmt mit genug Bordeaux und viel Caruso gelingen, ihr die abwegigen Pläne auszureden.

Tiffany blickt auf das Dickicht der exotischen Pflanzen und streckt die Arme und ihren schlanken Körper in die Höhe. Ihre Vorfreude ist nicht zu übersehen. Ich entdecke ihr Spiegelbild in einer der Glasscheiben und werde an Max erinnert. Mit ihrer schwarzen Perücke ähnelt sie meinem kleinen Freund mit seinem Helm. Aber die Wirklichkeit ist schrecklicher als alle Schemen an der Wand. Wie lange sie bleiben will frage ich Tiffany. Ich mache mich auf zwei bis drei Monate gefasst, aber sie sagt, für immer, und dass sie in den nächsten Tage von Wien Abschied nehmen werde. Heute noch ein letzter Opernfilm auf der großen Kinoleinwand vor dem Rathaus, den Geruch von Gegrilltem werde sie als Erinnerung mitnehmen und im September all die Orte besuchen, an denen sie glücklich gewesen sei.

Tiffany zählt mir einige auf, ich höre sie nicht. Ich kann nicht begreifen, dass ich auf dieser weißen Bank vernichtet werden soll. Von einer Frau, die mir alles ist, der ich mehr vertraut habe als meinem besten Freund oder meinem Vater. Lächelnd erzählt sie von den Hütten aus Palmenblättern in ihrer Kolonie, von den sternenklaren Nächten und Tagen, in denen die Zeit aufgehoben sei. Die große Freiheit. Mit jedem Wort trifft sie mich. Da hilft es auch nichts, wenn sie jetzt ihre Hand auf meine Schulter legt und meint, dass sie das alles eigentlich mir zu verdanken habe. Das Blut in meinem Kopf dröhnt lauter als Tiffanys Redeschwall.

Neben mir sitzt eine glückliche Frau, auf meinen Beinen liegt ein Geschenk, mit dem ich alles beenden kann. Ihren Rausch und meine Qual. Ich muss nur das Messer aus der Scheide ziehen und zustechen. Sooft ich kann. Oder ich begnüge mich damit, ihr das Ding nur einmal in den Bauch zu rammen, und habe dann die Möglichkeit ohne Aufsehen den Ort des Grauens zu verlassen. Besucher sind keine zu sehen, und jede Stichwaffe ist immer noch leiser als eine Margolin mit Baguette. Wenn Tiffany aber schreit, müsste ich ihr auch noch die Kehle durchtrennen. Sigurd Fürst hat damit in Malaysia Haie aufgeschlitzt. Ich töte die Frau, die sich mit mir gegen ihn verschworen hat. Ich bringe nicht eine Unschuldige um, sondern eine Mörderin.

Wie hässlich sie ist. Ihr Blick kalt, der Mund verschlingend, der kahle Kopf unter dem schwarzen Helm abstoßend. Und sie hat keine Zeit mehr für mich. Aber vielleicht ahnt sie jetzt etwas oder hat in meinen Augen diese Bereitschaft gesehen. Ihr Blick fällt jedenfalls auf meine Hand, dorthin, wo das Messer ist. Wenn ich jetzt nicht handle, wird es für mich immer schwieriger. Aus Töten im Affekt könnte Mord werden. Ein Zuwarten verschlimmert meine Lage. Wenn ich ihr nachgehe und sie erst irgendwo im Garten von Schönbrunn erledige, ist mir ein Lebenslänglich sicher. Ich darf nicht anfangen zu denken und zu planen. Zustechen. Jetzt. Ihr Bauch ist so nah. Der Atem, der aus ihrer Kehle kommt. Was bin ich? Ein Mann oder doch nur eine Banane? Tiffany hat mich aufgefressen, und jetzt wird die Schale weggeworfen. Das gehört bestraft. Aber das ist nicht so einfach. Ich zittere und zögere. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wenn doch nur japanische Touristen oder eine Familie mit Kindern aus dem Dickicht kämen.

Aber es ist niemand hier, um Tiffany und mich zu retten. Auch von ihr kommt kein erlösendes Wort. Aber ein Kuss. Nicht wie bei Nadine auf meine Wange, sondern von Mund zu Mund. Er dauert nur kurz, aber in mir überstürzen sich die Gefühle. Ich bin unfähig zu denken, und schon gar nicht in der Lage, zu handeln. Tiffanys Waffe ist stärker als das Messer von Sigurd Fürst, und ich bin nicht weit davon entfernt, mich von einem Wahn in den anderen hetzen zu lassen. Wie oft habe ich mir die Lippen dieser Frau vorgestellt und sie nächtelang berührt, aber jetzt bin ich zwischen Erfüllung und Ekel hin und her gerissen. Tiffany hat mit mir monatelang gespielt. Sie ist der reine Teufel. Trotzdem würde ich sie jetzt gerne an mich ziehen und die nächsten Stunden in Umarmungen auf dieser Bank verbringen. Sie müsste mir nur sagen, dass sie bleibt und Wien und mich nicht verlässt.

Aber mein Kuss war für sie nicht gut genug. Nichts als Erstarrung. Ihr Akim kann es besser. Doch zum Hund eigne ich mich nicht. Sie merkt, was sie in dieser stickigen Hölle angerichtet hat, und blickt an mir vorbei. Trotz der Hitze zieht sie ihren Seidenschal enger um den Hals und steht auf. Tiffany sagt mir nicht Auf Wiedersehen, sondern Adieu. Zuletzt habe ich dieses Wort auf dem Zettel von Vinzenz gelesen. Ihn hat sie zuerst zerstört, dann Sigurd Fürst, nun bin ich an der Reihe. Im nächsten Moment zeigt sie mir den schönen Rücken und schafft es mühelos, das Palmenhaus zu verlassen, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Für einen Augenblick male ich mir aus, dass sie vielleicht weint. Aber dann sehe ich durch die gläserne Wand, wie sie sich im Garten von Schönbrunn über den Mund wischt. Immer wieder. Die Bidis hat sie auf unserer Bank vergessen.

*

Ich weiß nicht, wie ich auf den Rathausplatz gekommen bin. Aber ich bin jetzt hier, in einem Gewirr aus Lichtern, Schatten und Menschen. Die meisten scheinen ihre Wege zu kennen, ich aber irre umher. Kein Gesicht gleicht dem von Tiffany, und unzählige Besucher bleiben ohnehin unerreichbar oder im Dunklen. Auf der großen Kinoleinwand des Sommerkinos wird musiziert und gesungen, und das Publikum reckt seine Köpfe in eine Richtung. Obwohl ich mich durch die Sitzreihen dränge, ist sie nirgendwo zu entdecken. Dabei wäre es so leicht, ihr in diesem Gedränge das Messer in den schönen Leib zu stoßen. Sie müsste mir dabei nicht einmal in die Augen sehen. Oder wir begrüßen einander voller Freude. Ich rede scheinheilig vom Zufall, sie empfiehlt mir die gegrillten Meeresfrüchte vom Stand der Asiaten. Vielleicht schwärmt sie auch wieder von Malaysia. Das würde mir die Sache noch leichter machen. Ich bitte sie um eine Aussprache, aber in Ruhe. Sie folgt mir ahnungslos in den Park, und ich beende dort das Ganze.