»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Sie tragen keine Uniformen, also könnten es Zeugen Jehovas sein oder Unverschämte, die mir ein Abonnement andrehen wollen. Wie immer in solchen Fällen greife ich schnell nach dem Pfefferminz in meiner Hosentasche und gehe langsam, damit es im Mund gegen den Bourbon eine Chance hat. Beide halten mir schon ihre Ausweise entgegen, der eine spricht mich sogar mit meinen Namen an, obwohl der gar nicht an der Haustürglocke angeschrieben steht. Die Herren von der Kriminalpolizei sind gut vorbereitet und reden auch nicht lange herum. Man sei auf der Suche nach dem Heckenschützen von gestern Nacht, und ob ich etwas gesehen hätte.

Der Blues in meinem Zimmer ist am Ende, eine Schellack läuft ja auch nicht lange. Ich habe natürlich keine Ahnung, höre von einer Schießerei zum ersten Mal, noch dazu in unserer Gegend. Mit Whiskey im Blut ist man auch ein guter Schauspieler. Ich erkundige mich nach dem genauen Zeitpunkt des Vorfalls und kann die beiden sofort beruhigen, wahrscheinlich aber enttäusche ich sie. Spaziergang. Wie oft um diese Zeit. Schon wollte ich hinzufügen, ohne Zeugen, aber damit hätte ich mich anständig verraten. Noch bin ich Befragter und kein möglicher Täter. Zu meiner Überraschung wirken die beiden zufrieden.

Jetzt muss ich schnell nachfragen, was eigentlich passiert sei, denn einen Menschen ohne Neugier gibt es nicht. Es sei denn, er weiß schon alles, die ganze Wahrheit. Doch dann kommt das Rascheln. Aus meinem Garten hinter dem Haus. Als würde ein Kind Laub kehren, unbeholfen, dann wieder heftig. Ich habe viele Federn zum Fliegen gebracht, aber nicht das Entscheidende der Taube getroffen. Oder sie hat mehrere Leben. Einer der Beamten blickt sogar in die verhängnisvolle Richtung. Ich rede von herumstreunenden Katzen und begreife im nächsten Augenblick, dass ich mich nun endgültig verdächtig gemacht habe. Hoffentlich verreckt das Tier in den nächsten drei Sekunden, und ich entkomme dieser Hölle. Sehr erfahren dürften die beiden nicht sein, oder sie geben sich unbeholfen, um mir eine Falle zu stellen. Sie brauchen ja nur zu warten und mich reden lassen. Als Richter war ich besser, allerdings während einer Verhandlung auch nie betrunken.

Der Vogel hinter dem Haus liegt im Todeskampf, die Polizisten drucksen herum. Man wolle mich nicht beunruhigen, aber der Täter könnte die Straßenseite verwechselt haben, links und rechts. Endlich muss ich nicht den Ahnungslosen spielen, mein offener Mund ist echt, mit der langen Fahne, die man natürlich riecht. Neben der Botschaft der Republik von Usbekistan ein Stück weiter sei meine Villa in der nächsten Umgebung das einzige besondere Objekt, wobei es bei mir nicht um das Anwesen gehe, sondern um mich selbst. Seit dieser Sache damals stehe ich auf ihrer Liste der Gefährdeten, wenn auch nicht zuoberst, aber es gäbe eben viele, die einen Richter lieber tot als lebendig sehen würden. Noch dazu – dieses blöde Fehlurteil, aber welcher Mensch sei schon vollkommen.

Ich rede laut, um die Taube zu übertönen, gestehe, von alldem keine Ahnung zu haben, erfahre, dass man die Drohbriefe an das Gericht auch nicht zu ernst nehmen dürfe. Leider habe man kein Projektil gefunden, nur die zerschossene Scheibe der Veranda im Anwesen gegenüber, aber man suche weiter, wenn es auch fast aussichtslos sei, das Ding irgendwo in den Nachbargärten zu finden.

Hinter meinem Haus ist es still geworden, dafür hüpft etwas hinter meinem Rücken. Ich brauche mich nicht umzudrehen, weiß auch so, was die beiden Beamten sehen. Das Luder beginnt zu flattern, durchpflügt das Laub, hebt sogar ab und stürzt taumelnd einem meiner Polizisten fast ins Gesicht. Dem scheint schon öfter etwas um die Ohren geflogen zu sein, denn statt zu erschrecken zeigt er Gelassenheit, spricht von Glück und meint dabei nicht sich, sondern die Taube, und dass die Katze wohl keinen Hunger habe. Der andere widerspricht ihm, seine Susi bringe auch die Mäuse um, ohne sie zu fressen, aus reiner Lust.

Ich zittere mit der Taube mit, will nur, dass sie weiterfliegt, nicht abstürzt und zum Beweisstück wird, mit einer Schussverletzung im Bauch und womöglich sogar mit meinem Projektil in der Wunde. Von diesem wird auch jetzt gesprochen, man werde die Suche nicht aufgeben, denn wenn man es erst einmal habe, sei man einen guten Schritt weiter. Mein Vogel verschwindet im Garten der zerschossenen Villa. Jetzt muss er dort nur verenden und verfaulen, dann hat man die Kugel aus meiner Margolin. Die beiden Herren verabschieden sich.

Man soll nach einem harten Getränk keinen Wein trinken. Man soll so vieles im Leben nicht tun. Noch einmal aus dem Haus, um Nachschub zu holen, kommt nicht in Frage. Ich zittere, wobei ich nicht weiß, ob es die Aufregung ist, meine Angst oder das Glück, mein eigenes. Fest steht nur, ich bin nicht im Visier der verdammten Kriminalisten, dafür aber auf der Liste. Man passt auf mich auf. Kein Mensch hat mir davon etwas gesagt, nicht einmal Vinzenz, und er müsste es wissen. Ich habe aber die Bedrohung am eigenen Leib verspürt. Meine Füße sind nass geworden, und das Salz im Kühlschrank war nicht zufällig dort, am wenigsten durch meine Hand, in Eile oder durch Verwechslung mit dem Parmesan-Streuer. Man hat es auf mich abgesehen. Es gibt ihn. Er war da und ist es noch immer. Selbst der öfter vorbeifahrende Streifenwagen wird ihn nicht abschrecken. Wenn einmal der Staat anfängt, jemanden zu beschützen, ist Feuer auf dem Dach.

Ich hoffe, meine Taube lebt und fliegt weit, weit weg. Ich wäre erstens doch kein Mörder und die Kugel käme vielleicht in einen Park oder würde nach Jahren mit dem Kadaver aus einer Dachrinne gespült. Im Gras meines Gartens ist sie nicht. Ich habe gesucht und die Erde mit den Händen durchwühlt, außer Blut und Federn nichts gefunden, ein hervorragender Beweis für eine Katze. Im Nachhinein gesehen war mein Gerede von ihr ein Segen, hat sie doch die Herren auf die passende Spur geführt. Man muss eigentlich nur die richtigen Pflänzchen setzen, die Polizei bringt sie zum Blühen.

Natürlich habe ich viele Feinde. Seit Monaten die halbe Stadt. Jetzt sogar einen, der auf mich schießen wollte, sich dabei aber in der Adresse geirrt hat. Es freut mich, dass die Polizei meine ersten Gehversuche so sieht. Aber ist dieser Heckenschütze für mich gut oder schlecht? Hat mir meine Margolin bereits geholfen oder mich in eine noch schwierigere Lage gebracht? Was immer mir demnächst passiert, es wird mit dem nächtlichen Angriff verbunden. Ich habe meinem Eindringling ein kleines Verbrechen angehängt. Wenn er aber in dieser Nacht nicht hier war, weiß er davon nichts, erst wenn die Zeitungen darüber schreiben. Es müsste auch zu lesen sein, dass der Schuss dem Richter Redtenbacher gegolten hat. Doch so weit wird die Polizei in ihrer Geschwätzigkeit nicht gehen. Das wäre für mich die Wiederauferstehung der Hölle. Ich werde morgen Vinzenz anrufen, im Unterbinden und Vertuschen war er immer der Beste.

Vinzenz hat mir auch geholfen, mein großes Versagen als Fehlurteil darzustellen, und sogar die Presse hat mitgespielt, denn er hat sie im Griff. Die Journalisten waren froh, ein so einfaches und eingängiges Etikett zu haben wie Kinderschänder oder Vatermörder. Der Richter mit dem Fehlurteil. Für mich war das auch das kleinere Übel, denn als ein solcher behält man menschliche Züge. Chirurgen kommen mit der schönfärbenden Bezeichnung Kunstfehler ja auch besser weg, und wer von den Lesern der Zeitungen hat schon immer alles richtig gemacht. Trotzdem wurde ich als Sündenbock durch die Gegend gejagt. Bestimmt haben nicht wenige ihre verlorene Jahre mir angerechnet, und ich wurde schuld an ihrem Unglück, auch wenn es aus einer missratenen Ehe oder durch Suff entstanden war.

Manchmal denke ich sogar, gäbe es bei uns die Todesstrafe, wäre sie bei mir angebracht. Fehlurteil ist nur ein verhüllender Mantel, die Wahrheit jedoch viel schlimmer. Das fängt schon damit an, dass Mord vor einem Schwurgerichtshof verhandelt wird. Nicht ich entscheide über Schuld oder Unschuld, sondern die Geschworenen. Sie allein. Acht Frauen und Männer. Die drei Richter denken dann über die Strafe nach, mehr steht ihnen nicht zu. Doch da gibt es diesen einen unter ihnen, und der war in diesem Fall ich. Ich galt immer als höchst gerechter Vorsitzender, und das machte mir die Sache auch so leicht. Ich war von der Schuld meines Angeklagten zutiefst überzeugt, die Beweise waren erdrückend, der Sachverhalt so klar wie selten. Nur, die Herrschaften auf der Geschworenenbank mochten den Kerl, sodass ich das Schlimmste befürchtete.

Was lag näher, als sie vor ihrem Urteil im Beratungszimmer in meine Richtung zu lenken. Nur sie und ich. Der Schriftführer zählt nicht. Ich war gut. Meine Rede brillant. Fast schade, dass sie zwar protokolliert wurde, aber geheim bleiben muss. Sie wäre ein gutes Beispiel für das Verbrechen eines vorsitzenden Richters. In einer halben Stunde habe ich die Frauen und Männer umgedreht. Zumindest schien es mir so.

In den stundenlangen Beratungen, die sie ohne mich führten, entkamen sie mir wieder. Sie erfrechten sich, meinen Mörder freizusprechen. Auch die beiden anderen Richter waren nicht glücklich, hätten aber die Entscheidung hingenommen. Schließlich konnte ich sie dann doch überzeugen. Wir setzten den Wahrspruch der Geschworenen aus, und in der neuen Hauptverhandlung gewannen ich und das Recht. Ein Mörder muss nun einmal lebenslang hinter Gitter, auch wenn er ein gehätscheltes Kind der Wiener Gesellschaft ist. Wenigstens haben sich damals die Proteste seiner Künstlerfreunde in Grenzen gehalten, und ich bin sicher, viele jubelten insgeheim, weil er aus dem Rennen war. Man konnte aufatmen, denn wer weiß, wozu es der Pflastersteinmörder noch gebracht hätte, denn er war nicht nur das arrogante Schwein, sondern als Maler erschreckend gut. Begnadet. Viel zu groß für das kleine Land. Ein paar Jahre noch, und Paris oder sogar Amerika hätte ihn entdeckt. Was für ein Glück, dass er seinen Freund um die Ecke brachte. Rechtzeitig.

Mein Vater sagte immer, bei Fällen, in denen alles klar erscheint, ist höchstes Misstrauen angebracht. Die Aussetzung des Wahrspruchs hängt mir seither als Fehlurteil an, doch mein Auftritt im Beratungszimmer wird nie ans Tageslicht kommen. Das eine ist ein Versagen, das andere ein Verbrechen. Gott sei Dank hat offenbar keiner von den Geschworenen gemerkt, wie ich in ihren Gehirnen umgerührt habe. Oder man will sich keine Blöße geben. Sie alle schweigen. Drei von ihnen, weil sie nicht mehr leben. Eines natürlichen Todes gestorben. Mein Zutun beschränkt sich darauf, im Melderegister immer wieder nachzusehen. Ich kenne ihre Namen, das genügt. Die Journalisten sind zu faul, um nachzuforschen. Tanzt aber einer von diesen Herrschaften aus der Reihe, wird es Vinzenz als Erster erfahren und ihn zur Jagd einladen. Nicht, um den Herrn versehentlich zu erschießen, aber um ihm ein Angebot zu machen. Eine Handvoll vertraulichster Informationen aus den innersten Kreisen gegen diesen Redtenbacher, der ohnehin schon erledigt ist.

Wirklich gefährlich werden kann mir nur ein überlegter Geschworener – und seit gestern ein Hohlspitzgeschoss. Aber vielleicht wendet sich der gute Mann zuerst an mich. Warum sollte ich ihn nicht ein zweites Mal umdrehen können. Oder er hat Verständnis für meinen Gerechtigkeitssinn, oder sogar Mitleid, denn durchgemacht habe ich weiß Gott genug. Auch Geld könnte ich ihm geben, einen Anteil an der Villa. Ob er der Eindringling ist? Auch Frauen waren unter den Geschworenen, und sie alle leben noch. War auch eine Hübsche darunter?

Im Magazin fehlen vier Patronen. Jetzt habe ich nur noch 46. Dabei sollte es bei einem, höchstens zwei Schüssen bleiben. Darum besitze ich auch kein Handy, denn wenn man es erst einmal hat, wird es mehr und mehr benutzt. Zumindest in den letzten Tagen habe ich seltener zum Telefonhörer gegriffen als zu meiner Pistole. Trotzdem, vielleicht ist es besser, meinen alten Freund Vinzenz jetzt anzurufen, morgen ist es womöglich zu spät, weil ich schon in der Zeitung stehe. Er mag es nicht, wenn ich getrunken habe, doch wie ich an meinen Patronen sehe, kann ich noch ganz gut rechnen, ein Beweis für meine Nüchternheit.

Ich wache auf mit dem Hörer in meiner Achselhöhle. Habe ich mit Vinzenz telefoniert oder doch nicht mehr? Vielleicht bin ich beim Gespräch eingeschlafen, und er hat wütend aufgelegt? Ich werde es so schnell nicht erfahren, oder sogar nie, und wieder einmal habe ich in mein Leben ein schwarzes Loch gerissen.

*

Er ist wieder da. Im Zimmer über mir. Eben hat er einen Stuhl verschoben, wenn auch nur um wenige Zentimeter. Dann das Anknipsen der Nachttischlampe. Mein Eindringling spielt mit mir. Es ist Tag, er braucht doch kein Licht. Ich bin sicher, er will nicht besser sehen, sondern mir seine kleinen Stiche versetzen. Deswegen zieht er auch die Schublade ganz langsam auf. Einbrecher klingen anders. Mein Mann sucht nichts und kennt sich noch dazu aus in der Villa. Er jongliert mit den Dingen, auch wenn ich glauben soll, sie werden in eine Tasche gepackt. Das Schrecklichste aber ist, er muss mich gesehen haben, schlafend. In meiner Ohnmacht, mit offenem Mund, ihm ausgeliefert. Wie einer meiner Angeklagten, die sich gegen meinen Zeichenstift auch nicht wehren konnten. Er hätte mich erschlagen können, aber schon lange denke ich, mein Feind will mich lebend haben.

Jetzt macht er ein paar Schritte, bleibt stehen, wendet sich offenbar um. Alle Anspannung fällt von mir ab und weicht einem großen Unbehagen. Was in diesem Augenblick über mir geschieht, habe ich tausende Male gehört. Jahrelang. Sie musste sich immer zurückwenden, um einen Blick auf das Zimmer zu werfen. Als hätte sie nach einem Kind zu schauen, ob es denn schon schläft. Aber Nachwuchs gab es nicht, dafür Wasserhähne, und wenn einer getropft hat, ist sie zurückgegangen, um die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Mehr noch habe ich ihre Stöckelschuhe gehasst. Sie haben zwar ihre Figur noch aufreizender gemacht, der Klang jedoch hat mich bei jedem Schritt erschlagen. In den Foyers der Theater ist es ihr gelungen, alles zu übertönen, während ich ihre Schüsse in den Marmorboden mitzählen konnte.

Jetzt steht sie in der Tür zu meinem Zimmer, und natürlich ist sie schön. Mein Freund tut ihr gut. Er wollte sie schon immer besitzen, also habe ich getauscht. Mit dem Chirurgen kann sie wieder repräsentieren, und ich wollte es mir ersparen, neben ihr zu verblassen. Kristina. Die ersten Wochen nach dem Skandal schaffte ich es noch, mich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen, auch weil ich dem Flüstern hinter meinem Rücken trotzen wollte. Aber als ich dann merkte, dass sie zu mir mehr als einen Schritt Abstand hielt und mich ihren neuen Freunden nur noch flüchtig vorstellte, wurde ich noch schwächer. Auf Feste und Feiern hätte sie nie verzichtet, dann schon lieber auf mich. Trotzdem hasst sie mich jetzt, weil ich ihr mit der Trennung zuvorgekommen bin.

Jetzt kann Kristina wieder auf mich herunterschauen, obwohl sie immer schon mehr getrunken hat als ich. Nur verträgt sie es besser. Oder sie hört rechtzeitig auf, während ich kein Ende finde. Sie hatte mich auch nicht überfallen wollen und ohnehin vorher angerufen, aber es sei dauernd besetzt gewesen. Wohl keine neue Freundin, sondern nur die alte Geschichte, und wenn ich mich schon zu Tode trinke wolle, möge ich zumindest die Tür abschließen, denn es sei auch ihr Haus, zur Hälfte wenigstens.

Doch schon fange ich an zu schwanken. Kristina füllt Wein in das Glas und trinkt. Aus meinem Glas! Wie in alten Zeiten. Sie könnte ja ihre Stöckelschuhe ausziehen und ich meinen Freund mit ihr betrügen. Aber sie rettet mich. Kristina glaubt, ich hätte in ihren Sachen oben herumgestöbert, es fehle auch das eine oder andere. Dabei habe ich ihr Reich nicht betreten, außer das eine Mal, als auch etwas zu hören gewesen war. Sie denkt an Diebstahl unter getrennten Eheleuten, ich an den Eindringling. Könnte es sein, dass der Große Unbekannte Kristina verfolgt und nicht mich? Sie vermisst sogar einige Fotos aus ihrer Zeit als Model. Eine bescheidene Karriere, die sie ihrer Meinung nach natürlich für mich aufgegeben hat.

Kristina stellt das Glas natürlich auf die Holzkassette. Ein Glück, dass meine Margolin nicht herumliegt! Die halbe Stadt wüsste sonst schon morgen, dass der gehörnte Ehemann der Kristina Redtenbacher vor Liebeskummer demnächst Amok laufen wird. So aber verlangt sie nur alle Zeichnungen, die ich von ihr angefertigt habe, damit sie nicht in falsche Hände geraten. Meint sie den Eindringling oder mich? Hat Kristina etwas mit ihm zu tun? Schickt sie mir einen Studenten oder Strotter, um mich in den Wahnsinn zu treiben? Vielleicht gehört sogar ihr Auftritt heute dazu, sie will aus der Nähe sehen, wie weit ich schon bin. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie den roten Umhang in ihrer Umhängetasche und die Stöckelschuhe in der gleichen Farbe für ein Fest heute Abend braucht. Wenigstens muss ich mir weder das Geknalle ihrer Schritte anhören, noch was sie über mich erzählt. Für heute bleibt mir nur ihr Abgang in den Ohren, aus dem Garten Flüche, weil sie mit ihren Bleistiften an den Füßen auf meinen verwachsenen Steinplatten nur schlecht weiterkommt, erst vom Gehsteig her wieder die gewohnten Explosionen. Ich zähle sie mit, lange, die halbe Straße hinunter, bis sie endlich vom Lärm des herankommenden 41ers überrollt werden.

Noch fühle ich mich ohne Frau nicht einsam, doch die Verzweiflung wird schon kommen. Vielleicht ist sogar das Schicksal wieder einmal nur gerecht. Nicht wenigen Männern habe ich neben der Freiheit das Liebste genommen, wenn auch meistens verdient. Als Richter lege ich das Ausmaß der Strafe fest, entscheide über sieben oder zehn endlose Jahre, in denen das weibliche Geschlecht Fantasie bleiben muss. Der vermeintliche Pflastersteinmörder hatte zudem noch eine Muse, um die ihn alle beneideten. Tiffany, stadtbekannt. In meinen Akten hat sie es nur zur Fanny gebracht, und wenn ich die Jahre zusammenzähle, müsste das damals blutjunge Geschöpf jetzt an die vierzig sein. Eine Ewigkeit, die der unschuldige Maler ohne sie auszukommen hatte, ein wildes Leben, das ich ihm genommen habe. Mit diesem Gedanken macht es mir schon weniger aus, die nächste Zeit ein Mönch zu sein, wobei ich ja meine Klause verlassen kann, wann immer ich will, und keine Sekunde an die Freiheit denken muss. Ich habe sie. Was die andere Sehnsucht betrifft, hoffe ich auf die Rückkehr des Paradieses. Und dabei meine ich nicht Frau Redtenbacher.

Vinzenz ist am Telefon väterlich streng wie immer. Dabei ist er nahezu gleich alt wie ich. Es habe ein paar Morddrohungen gegen mich gegeben, doch von besonderer Gefährdung könne keine Rede sein. Man habe nur ein Augenmerk auf mich, es sei nie falsch, aufzupassen. Allerdings solle ich weniger trinken, noch dazu, wenn ich mir eine Waffe besorgen wolle. Ich erzähle ihm, dass ich sie schon habe und es Wein bei mir nur noch alle heilige Zeiten gibt. Er glaubt mir nicht, hört wohl auch meine belegte Stimme, kennt mich eben. Wir haben nur selten gestritten, aber jetzt will ich wissen, wie er dazu kommt, sich nach wie vor als mein Vorgesetzter zu sehen. Ich bin frei. Abgestürzt und im Tal der Teufel.

Vinzenz ist kein Verlierer, auch jetzt will er Recht behalten. Ich solle nicht glauben, er hole seine Befürchtungen aus der Luft, und dann fragt er mich nach dem psychologischen Gutachten. Ob ich damit zufrieden sei. Selbstverständlich, alles bestens, anders hätte man mir niemals eine Waffenbesitzkarte gegeben. Er schweigt. Wie früher auch, wenn er mich auf die Folter spannen wollte. Und dann gesteht er mir, der letzte Richter in meinem Freundeskreis, dass er nachgeholfen hat. Der Arzt sei entsetzt gewesen, nur mit Mühe habe er sich überreden lassen, ihm einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Eine Korrektur dort, eine da. Dabei sei es mehr um Dinge der Logik gegangen, des Verstehens, nicht um meine Aggressionen. Ich sei ja auch ein stiller Trinker und kein Wahnsinniger, der mit der Waffe losläuft.

Nun sei es aber an der Zeit, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Ob ich schon in der Karlskirche gewesen sei? Und er erwähnt seinen Brief. Eine einzigartige Gelegenheit, während der Renovierung die Fresken von Rottmayr aus der Nähe zu betrachten. Mit dem Lift hinauf zu über tausend Quadratmeter höchster Kunst. Vinzenz vertraut auf meine zukünftige Abstinenz, dafür verspreche ich ihm einen Ausflug in sein barockes Juwel.

*

Auch zwei Tage danach, selbst noch auf der Fahrt in die Stadt, lassen mich die Fragen des Psychologen nicht in Ruhe. Ich versuche, sie mir in Erinnerung zu rufen, doch fast alle habe ich vergessen. Ich habe die ganze Sache nicht besonders ernst genommen, eher als durchschaubare Belästigung gesehen. Manchmal habe ich auch eine Antwort absichtlich falsch angekreuzt, um die Herrschaften zu ärgern. Oder? Dass ich den Test mit Bravour bestehe, daran konnte es doch nie einen Zweifel geben. Vielleicht habe ich mein überhebliches Spiel zu weit getrieben. Ich mag zwar ein Gefallener sein, ein Idiot bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Wenn sich bei mir etwas verschärft hat, dann ist es das Urteilsvermögen. Selbst in meiner Lage mache ich alles richtig. Meine Margolin ist keine Tollerei, meine Bedrohung liegt amtlich auf. Nie würde ich es wie der Herr aus Lüttich machen oder jener in Norwegen, und auf einem Platz Unschuldige niederschießen, viel eher würde ich hineingehen in unseren Justizpalast, um mir dort die richtigen Herrschaften vorzunehmen, einen nach dem anderen. Die Frage beschäftigt mich trotzdem, gibt es zu viele Waffen auf den Straßen oder zu wenige?

Doch heute ist bei mir nicht der Justizpalast an der Reihe, sondern ein in jeder Hinsicht friedlicheres Wahrzeichen von Wien. Ein gewaltiges Bauwerk, ich gebe es zu. Eine Schande für mich, seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen zu sein. Zudem nicht überlaufen, wer hat auch schon Mitte Dezember Zeit, in die Kirche zu gehen, nur Touristen und Pensionisten. Die Fahrt mit dem Lift ist harmlos, aber oben schwankt es ziemlich. Ein Schiff hat inmitten von Glaube, Hoffnung und Liebe angelegt, dazu die Bitte um das Erlöschen der Pest. Ich beuge mich so weit es geht über die Reling, um die Freskenmalerei scharf zu sehen. Vinzenz wird mich doch nicht hergelockt haben, damit ich in die Tiefe stürze? Meine Zeichnungen, wie lächerlich! Doch Rottmayr macht mir Mut. Mit über siebzig hat er das alles geschaffen. Mir bleibt also noch Zeit, ähnliche Höhenflüge anzugehen. Aber jetzt sehe ich es wieder. Wie schon beim Aussteigen aus dem Lift. Sogar hier beobachtet es die Vorgänge. Von oben herab. Richter mögen ein Auge wie dieses schätzen. Ich aber bin keiner von ihnen mehr. Was immer ich in Zukunft mache, ich werde mich umschauen müssen, ob nicht irgendwo eines lauert, und ich aus dem Hinterhalt beobachtet werde.