»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Sind Wiens Straßenbahnen auch schon überwacht oder nur die unterirdischen Züge? Zumindest die alten Waggons des 41ers dürften noch sauber sein, denn ich kann nirgendwo eine Kamera entdecken. Auf jeden Fall war ich vor ein paar Tagen hier alles andere als vorsichtig. Beim Heimholen der Margolin konnte ich aus lauter Neugier nicht widerstehen und öffnete die Holzkassette. Natürlich sah ich mich dabei im Waggon um, aber außer einer Mutter mit Kind und ein paar dahindämmernden Fahrgästen gab es keine Zeugen. Eine Kamera wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich hatte ja bisher nichts zu verbergen. Jetzt aber könnte ich schon aktenkundig sein, mit einer Videoaufzeichnung als Beweis.

Noch habe ich nichts angestellt, aber ich bin auffällig geworden. Man wird ein Augenmerk auf mich haben. Ob Vinzenz etwas davon weiß? Sieht er sich heute die Aufzeichnungen aus der Karlskirche an? Es kann sein, dass er unschuldig ist, aber ich werde den Verdacht nicht los, zur Barockmalerei gelockt worden zu sein. Nicht sie sollte ich aus nächster Nähe sehen, sondern die Herrschaften mich. Ich vertrauensvoller Tor spielte auch noch mit, hielt wie für ein Verbrecherfoto still und präsentierte mein derzeitiges Gesicht.

Als Richter weiß ich, es kann auch ganz anders sein. Eine Lehre ist der heutige Tag auf jeden Fall. Es ist auch kein großer Aufwand, mich öfter als bisher umzuwenden. Noch eines habe ich begriffen, es ist kein Vergnügen, beobachtet zu werden. Auch nicht von mir. Aber wahrscheinlich werde ich mir das nie abgewöhnen können. Anstatt in der Straßenbahn wie die anderen in mich selbst zu schauen, starre ich nach wie vor in die Gesichter. Manche hasse ich, besonders wenn sie stumpf sind und primitiv, die Augen mehr Knöpfe als Sehorgane, die Münder lauter als ein Bierzelt. Ich bin sicher, nicht der Einzige zu sein, der dann in solche Fratzen hineinschlagen möchte. Ich schlucke wie die anderen die Eindrücke hinunter, nur wenn so ein Kerl dann neben mir auch noch auf den Gehsteig spuckt, nenne ich ihn ein Schwein. Allerdings nur selten laut, um nicht auf offener Straße niedergeschlagen zu werden und mir bei einem Prozess auch noch den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, ich hätte angefangen, hätte mit einer Beschimpfung provoziert.

Ich weiß es noch nicht, aber ich ahne es schon. Manche Probleme lassen sich nur lösen, indem man sich nicht einschüchtern lässt, sondern zurückschlägt. Mit geeigneten Werkzeugen. Das kann in seltenen Fällen die Sprache sein oder auch der gezückte Degen. Die Mündung einer Waffe versteht jeder. Wichtig ist, dass es die Schuldigen trifft und ich nicht zur Margolin greife, nur weil ich unglücklich bin.

Noch aber kehre ich lieber vor meiner eigenen Tür, und deswegen nehme ich mir vor, auch hinter ein noch so abstoßendes Gesicht zu sehen. Kann der schwitzende Mann etwas dafür? Vielleicht hat ihn das Schicksal geschlagen wie mich? Vielleicht kommt er aus einem Krankenhaus, in dem seine Frau liegt, ohne Aussicht auf Heilung, und denkt nach, wie es mit seinen kleinen Kindern weitergehen soll, und dass er wahrscheinlich auch noch seine Arbeit verliert, weil sich niemand einen Verkäufer mit einer derart deprimierenden Visage leisten will.

Schade, dass er aufsteht, gerade jetzt, da ich angefangen habe, ihn anders zu sehen. Mich ekelt auch nicht mehr vor ihm, vielmehr ekelt er sich vor der Zukunft. Da ist es naheliegend, dass einer beim Aussteigen auf den Gehsteig spuckt. Was für ein Fehlurteil, ginge ich ihm nach, um Richter zu spielen und ihn im Park mit meiner Margolin niederzustrecken. Das wäre nicht ich. Ich bin derjenige, der diesen Verzweifelten beim Anfahren der Straßenbahn durch das Fenster anlächelt, ihm sogar zunickt, Hoffnung macht, weil vielleicht alles besser wird, als er jetzt glaubt. Er zeigt mir seinen Stinkefinger. Weil er sich verhöhnt vorkommt und mich falsch sieht. Ich bin nicht sein Feind. Der 41er ist wieder stehen geblieben, die Fahrgäste fluchen, ich aber bin froh darüber, denn mein freundlicher Blick muss dem Mann da draußen sagen, dass er sich irrt. Er schlägt gegen die Scheibe. Jetzt kriecht die Angst in mir wieder hoch. Bestimmt hält mich der eine oder andere für einen reichen Sack, der den armen Menschen da draußen beleidigt hat, oder sie denken, er hat meine Villa renoviert und zu wenig dafür gekriegt.

Aber ich werde mir weder mein Leben noch meine Villa, noch den Türkenschanzpark oder die vielen außerordentlichen Orte der Stadt nehmen lassen, nicht einmal meine Straßenbahn. Für mich sind die Waggons rollende Wartezimmer, die einzigen, die ich mag. Man erhält hier keine schreckliche Diagnose, obwohl fast alle Insassen von einer gemeinsamen Krankheit befallen sind, der Melancholie. Der Klassenkampf findet unter den Stehenden und Sitzenden statt. Ich spüre in meinem Nacken den Hass gegen mich, weil ich noch keine Anstalten mache auszusteigen. Wie gern würde ich bei solchen Gelegenheiten eine Macht besitzen, die über die richterliche hinausgeht. Ich wäre gut als Polizist, der einen nach dem anderen verhaftet, oder auch als Türsteher, der alles hinauswirft, was stört. Dazu bedürfte es der nötigen Kraft und einer Erfahrung im Nahkampf. Ich habe nur eine Margolin ohne Waffenpass. Vor ein paar Wochen war ich noch vollkommen hilflos in Dingen der Selbstverteidigung, das jedoch hat sich geändert. Noch gehe ich in die Lehre, aber auch der Barockmaler Rottmayr ist erst mit über siebzig zum vollendeten Meister geworden.

*

Eines steht fest, ich muss aufhören, Luftschlösser zu bauen, in meiner Villa gibt es genug zu tun. Ich merke, wie ich anfange, den Eindringling wegzuschieben. Als könnte man mit Gedanken einen Verfolger vernichten. Dabei steht außer Frage, er war wieder hier. Die wunderbare Platte, sie ist zerkratzt. Ich kenne jeden Knacks in meiner Musik, doch heute ertönen nervtötende Explosionen an Stellen, die bisher absolut klangrein waren. Als hätte der Eindringling auf meinen Vinylscheiben getanzt. Verschobene Vorhänge könnte ich ihm verzeihen, die Zerstörung Beethovens nie.

Diese Vorhänge aus Brokat sind auch ein schweres Erbe. Beim Abnehmen für die Reinigung wird man von ihnen fast erdrückt. Dennoch gehören sie mehr zu meiner Kindheit als die Obstbäume im Garten. Nirgends sonst konnte man sich so gut verstecken, in Nischen, groß wie kleine Dome. Das einzige Spiel, das auch mein Vater mochte. Wie gern hörte ich ihn meinen Namen rufen, ohne die Angst, dass Befehle folgen würden. Was für eine Freude zu wissen, er suchte mich. Mich, Ludwig. Und er würde nicht aufhören, bis der Brokat auseinandergeschlagen wurde und ich ihn erschrecken durfte.

Aber bald schon konnte ich mich den Fenstern nicht mehr nähern, ohne ein eigenartiges Gefühl zu verspüren. Versteckte sich jemand hinter den Vorhängen? Ein Freund aus der Schule oder wenigstens der Nachbarhund. Es konnte auch ein Gespenst sein oder der Teufel persönlich. Mit meinem Vater hatte ich dann Nachschau gehalten, ohne je jemand anzutreffen. Doch wehe die Tage, an denen er nicht zu Hause war und meine Mutter diese Flausen ignorierte. Da war ich auf mich allein gestellt. Aber dann verfiel ich plötzlich auf die Idee, in die Rolle des Unbekannten in der Fensternische zu schlüpfen, der den ängstlichen Ludwig beobachtete. Ich wechselte die Perspektive und sah mir selbst zu, und dabei beruhigte ich mich. Es gab keinen Grund, mich vor mir selbst zu fürchten.

Heute ist es anders. Ich weiß, dass ich nicht hinter dem Vorhang bin. Aber es gibt keinen Beweis, dass nicht ein anderer dahinter lauert. Es kann auch sein, dass mein Feind so klug ist, den Brokat zu meiden, und sich damit begnügt zu wissen, dass ich mich mit ihm, meinem Eindringling, beschäftige, wenn ich zum Vorhang blicke. Ich hingegen denke weiter, zum Fenster hinaus. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass er in den Gebüschen wartet?

Es ist wie immer. Wenn ein Problem gelöst ist, taucht ein neues auf. Mikhail Margolin hatte das Sportschießen im Sinn, die Größe der Waffe war ihm unwichtig. Ich muss mir dafür etwas einfallen lassen. Ich könnte sie im Holzkoffer transportieren. Wenn Kristina darin einen Malkasten sah, werden andere es ebenfalls tun. Ich könnte ihn mit Namen von Galerien oder Museumsetiketten bekleben. Am eindeutigsten wäre die Kopie eines Gemäldes, van Goghs Sonnenblumen hat jeder zu Hause hängen, aber auch ein Klimt oder Schiele wäre gut. Ein Werk meines zu Unrecht verurteilten Malers wäre natürlich die Krönung. Auch ein Signal an ihn, falls er mir einmal begegnet. Was aber, wenn er es missversteht, sich provoziert fühlt, wie der schwitzende Kerl in der Straßenbahn. Bei dem Herrn mit dem Pflasterstein würde es nicht beim Spucken bleiben. Hitzköpfig, wie er ist, könnte er doch noch zum Mörder werden. Ob er dann Vinzenz als Richter bekäme? Würde mein Freund dann wohl zu mir halten oder doch das verhätschelte Malerkind der Schickeria freisprechen?

Schon seit über einer Stunde habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich muss also doch hinter den Vorhang schauen. Aber wenn, dann von draußen. Die Musik wird lauter gedreht, damit mein Eindringling glaubt, es gehe mir gut, nur weil ich Fleetwood Mac höre. Wenn man sich fürchtet, legt man Wagner auf oder einen dunklen Skandinavier. Ich kann ihn nicht sehen, und er mich auch nicht. In solchen Situationen denke ich dann, ob es nicht besser wäre, vorübergehend Frieden zu schließen. Ich gestatte ihm, hinter dem Vorhang zu bleiben. Aber unterhalten könnten wir uns doch. Er hätte den Vorteil, mich zu kennen, ich hingegen spräche zu einem Phantom. Wenigstens wüsste ich, ob ich es mit einem Mann oder mit einer Frau zu tun habe. Kristina hätte ich wohl erkannt, ist sie doch eine, die keine Minute still halten kann. Aber ihren neuen Liebhaber, meinen alten Freund?

Im Sommer wäre es um diese Zeit noch hell, jetzt leuchtet mir nur diese verdammte Straßenlaterne in den Garten, während ich das Haus verlasse, und im Nachbarhaus flackert ein Fernseher: Ganz Nordkorea beweint den Tod des geliebten Führers. Die Villa ist kein Palast, aber um sie zu umrunden, benötige ich doch ein gewisse Zeit. Dazu das Gestrüpp an allen Ecken und Enden, und natürlich meine Perfektion. Meine Blicke durch die Fenster in die Vorhangnischen gleichen denen eines Archäologen, kein Winkel wird übersehen. Doch außer schmutzigen Fenstern ist nichts zu entdecken, auf manchen Scheiben zeigen sich Fresken aus Straßenschmutz und Blütenstaub, mindestens ein so guter Schutz für den Eindringling wie die Brokatvorhänge in meinem Haus.

Zurück in meiner Höhle, drehe ich die Musik doch ein wenig leiser, um nicht auch noch die Nachbarn gegen mich aufzubringen, denn einen Krieg an zu vielen Fronten kann man nur verlieren. Der Eindringling verdient meine ganze Aufmerksamkeit, und es ist eine Schande, wie wenig ich über ihn weiß. Bei einem Prozess wäre ich ein schlechter Zeuge. Ich kenne nicht einmal seinen Schatten, und wenn ich anfange, seinen Geruch zu beschreiben, würde es im Saal nur Gelächter geben. Als Richter müsste ich einen wie mich darauf hinweisen, dass die Ausdünstungen vielleicht von verbranntem Essen kommen, die Milch sauer geworden ist, oder Mäuse in das Zimmer eingezogen sind. Ich gestehe, alles davon kann stimmen. Selbst eine zerkratzte Schallplatte ist kein Beweis, sie kann mir auch im Suff hinuntergefallen sein.

*

Erschreckend ist es, wenn ich mir beim Einkaufen zuhöre. Ich sage, 200 Gramm von dem –, und zeige in die Vitrine, weil mir der Parmesanschinken nicht einfällt. Und bei den Baguettes sind es zwei Stück, mit dem Blick in die entsprechende Richtung. Manchmal kommt mir dann doch das richtige Wort, und ich liefere es nach, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Doch das führt nur dazu, dass mein Kaufmann gekränkt ist und frech wird. Einmal musste ich mir sogar anhören, dass ich ohnehin immer dasselbe verlange und er noch keinen Alzheimer habe. Ich lachte, um die Angelegenheit auf eine gemütliche Ebene zu bringen. Er geht demnächst in den Ruhestand. Er freut sich darauf, weil endlich seine Reise um die Welt auf dem Programm steht, ein Leben ohne langweilige Baguettes und neumodischen Parmesanschinken, und dann wird der Kilimandscharo bestiegen.

Der Absturz hat zweifellos meine Karriere beendet und meine Vergesslichkeit gefördert. So sehe ich es, und bei allem ist die Hoffnung, wieder aus dem Tal herauszukommmen. Dafür spricht auch, dass die Namen für manche Dinge nicht verschwunden sind, sondern mir nur nicht einfallen, weil ich an den Pflastersteinmörder denke. Er und seine Unschuld stehen mir im Weg. Ist das alles erst einmal überwunden, mache ich mich ebenfalls auf die Reise, die jedoch diesen gewöhnlichen Ausflug meines Händlers bei weitem übertrifft. Die Vorbereitungen laufen gut.

Aber jetzt, auf dem Weg vom Einkaufen zurück, an diesem letzten Einkaufssamstag vor Weihnachten, greift der Schrecken doch noch nach mir. Vom Schottenring wüsste ich weiter, denn da heißt es nur, den 41er zu nehmen und selbstverständlich bei meiner Villa rechtzeitig auszusteigen. Aber die verfluchte Gabelung an der Alser Straße, nur vier Stationen vor der nächsten Etappe entfernt, macht mir Angst. Ich kenne mich aus, habe die Pläne haargenau im Kopf, bin all die Strecken schon unzählige Male gefahren. Das Problem ist nur, dass zwei Linien zu meinem Ziel führen. Ich kann in jede Straßenbahn einsteigen, beide führen mich hin, keine ist falsch. Noch leichter kann man es mir nicht machen. Aber genau da liegt meine Schwierigkeit. Ich kann mich nicht entscheiden, welche für mich die richtige ist.

Ich habe einfach Angst, einen Fehler zu machen, gerade jetzt, wo es wieder aufwärts geht, und ich möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie mein Vater, der es so eilig hatte, dass er gegen eine Wand rasen musste. Noch heute meide ich den 20. Bezirk, wo man mir einen zusammengedrückten Berg von Blech gezeigt hat, das einmal sein schönes Auto war. Es heißt doch immer, dass der Sohn dem Vater nachgerät. Richter wie er bin ich geworden, mehr nicht, den Tod auf der Straße kann man von mir nicht verlangen. Aber für heute spüre ich, das Unglück liegt in der Luft. Wem schade ich schon, wenn ich versuche, mein verdorbenes Leben wieder aufzurichten und es nicht in den Abgrund eines Unfalls stürzen zu lassen. Man soll mich morgen fragen, vielleicht habe ich dann schon wieder den Mut, wie jeden Tag in die Straßenbahn zu steigen. Doch in diesen Stunden sei mir eine kleine Hilflosigkeit gegönnt. Und wenn mir gerade heute das schreckliche Ende meines Vaters einfällt, hat das nicht nur mit Weihnachten zu tun. Eine Woche vor dem Heiligen Abend hat er uns verlassen, vor zwanzig Jahren, aber ich denke immer öfter an den mächtigen Herrn. Vielleicht auch, weil ich wieder anfange, ihn zu lieben.

Doch dann kommt Hilfe. Oder auch das Verhängnis. Ich sehe ein Bild vor mir. Nicht in der Fantasie, sondern höchst real. Es schmerzt mich, weil es eine Seite zeigt, die einem wie mir nur zu gerne zugeschoben wird. Natürlich ist alles Zufall, aber Narrenturm bleibt Narrenturm.

Mein Blick versenkt sich in die Darstellung dieses berüchtigten und zugleich geheimnisvollen Bauwerks. Jetzt stößt mich jemand von hinten an. Ob es mir gefalle, ich könne es haben, er selbst habe es bei einem Trödler gefunden, aber seine eigenen Erinnerungen seien ohnehin besser als alle Fotografien. Der Mann könnte zumindest vom Alter her mein Vater sein, doch gekleidet ist er ärmlich und für diese Jahreszeit viel zu dürftig, auch ist sein Gesicht freundlich und nicht herrisch. Er habe mich beobachtet und kenne meine Unentschlossenheit nur zu gut, aus eigener Erfahrung. Doch jetzt sei er über die kritischen Jahre hinweg und endlich ein anderer Mensch. Das Leben mache ihm wieder Freude, man dürfe nur nicht zu viel nach links und rechts schauen. Im Narrenturm sei er einmal tätig gewesen, ich einer sehr hohen Position, auch wenn man ihm das jetzt nicht mehr ansehe.

Er bindet sein Fahrrad los, deutet nochmals auf das Bild. Ich lehne höflich dankend ab, wer weiß, ob es nicht Unglück bringt. Aber einen Ratschlag will er mir doch geben. Wenn ich über meinen Zustand mehr erfahren wolle, müsse ich in einen der hinteren Höfe des alten Krankenhauses gehen, dort stehe der Turm. Der alte Mann besteigt das Rad und meint, ich dürfe aber nicht wie ein Tourist davor stehenbleiben, sondern müsse ganz nah an ihn heran, mit diesem Mysterium auf Tuchfühlung gehen, und dann in die Mauern hineinhören. Sollte ich die Stimmen und Klagen der einstigen Bewohner hören, sei ich einer von ihnen. Aber das vergehe mit den Jahren wieder, ich solle nur ihn ansehen.

Er lässt mich noch verwirrter zurück, als ich es ohnehin schon war. Betrunken ist er nicht, auch keineswegs hinfällig, auf dem Fahrrad sogar noch wendiger als zu Fuß. Er dreht sich sogar zu mir um, winkt mir zu. Ich hebe nur die Hand, weiß nicht, ob ich ihm danken soll oder nicht. Auf jeden Fall hat er mich so weit gebracht, dass ich in die nächste Straßenbahn einsteigen werde, egal welche kommt. Sie fährt auch schon heran, die Tür öffnet sich, die von Weihnachten Gehetzten strömen heraus. Ich trete aber wieder nicht über die Schwelle, weil ich die quietschenden Bremsen eines Autos höre und den grauenhaften Aufschrei eines Menschen.