»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich vergesse alle Vorsicht, laufe die Straße hinunter, dränge mich durch hupende Autos, sehe zuerst das Fahrrad auf dem Boden liegen, dann ihn. Ich steige auf den Narrenturm, höre trotz des Lärms rundum das Knirschen von Glas, aber nicht ich bin der Zerstörer des Bildes, sondern es ist schon bei dem Unfall zerbrochen. Der alte Mann zuckt wie ein angefahrenes Reh, versucht sich aufzurichten, schaut her zu mir. Ohne unsere Begegnung wäre er wahrscheinlich den dahinrasenden Autos entkommen, hätte seine Spur wie immer gefunden. Seine Ratschläge für mein Leben haben ihm einen Augenblick beschert, in dem sich das Verhängnis entfalten konnte. Eine Sekunde später oder früher, und er wäre mit dem unversehrten Bild weiterhin unterwegs, und ich in der Straßenbahn auf der Fahrt nach Hause. So aber kippte er nach hinten, schlug mit dem Kopf auf den Asphalt, weil auch niemand da war, der den Stöhnenden stützen wollte. Auch ich nicht, dabei könnte ich mir einen neuen Burberry leisten, der blutverschmierte müsste einfach weggeworfen werden. Nur der Notarzt der mit Sirenengeheul herangefahrenen Rettung hat keine Scheu, das armselige Bündel auf dem Boden anzufassen, ihm den Rock zu öffnen und das Hemd aufzureißen. Es scheint noch Hoffnung zu bestehen, denn man schiebt den Alten in das Rettungsauto, anstatt auf den Leichenwagen zu warten.

Die Straße ist voll von Gehupe an diesem letzten Samstag vor Weihnachten, obwohl die Polizei eine Schleuse für die ganz Eiligen geschaffen hat. Auch das Aufräumen geht schnell, nur ein verbogenes Fahrrad und ein zersplittertes Bild. Doch Letzteres nehme ich dem hastigen Herrn ab, behaupte, es gehöre mir, und der ist froh, sich die Schritte zur Mülltonne ersparen zu können. Aber ich nehme noch ein anderes Abbild mit. Dieses Mal ist es ein Fresko auf dem Boden, auch von einem alten Mann geschaffen, allerdings ohne viel Zutun, er musste nur bluten, während die Autos mit ihren Reifen das Werk vollendeten. Meterlang ziehen sich die Profile über den Asphalt, und wiederum fällt mir mein Vater ein, hat er doch eine ähnliche Spur hinterlassen, die jedoch bei meinem Eintreffen schon vertrocknet und schwarzrot war.

Es musste etwas passieren, damit ich ohne Gedanken in die Straßenbahn einsteigen konnte. Dennoch hat mich mein Gefühl nicht getäuscht, meine Angst mich nicht getrogen. Getroffen hat es allerdings einen anderen, einen gänzlich Unschuldigen. Ich könnte jetzt anfangen, mich als Todesengel zu sehen, doch ich wehre mich dagegen mit Logik und Vernunft. An einem Tag des Horrors auf den Straßen verunglücken Menschen an jeder Ecke, auch ich bin heute mehr als einmal auf Zebrastreifen von lauernden Autos bedrängt worden, deren Fahrer am liebsten auf das Gaspedal gestiegen wären, um endlich an ihr Ziel zu kommen. Aber ich lasse mich weder überrollen noch beiseite schieben. Es wird auch niemandem gelingen, aus meinen natürlichen Ängsten eine Krankheit zu machen. So finde ich es nur richtig, was mir das Bild auf meinem Schoß erzählt, die Splitter des Glases zerstechen den Narrenturm. Schon deswegen werde ich es behalten, wenn auch nicht aufhängen. Am wenigsten aber werde ich dem Ratschlag des Alten folgen. Lieber verzichte ich einen Monat auf meine Zigarren, als mich diesem runden Koloss aus Stein auch nur auf Sichtweite zu nähern.

Ob er durchkommt? Das sagt man doch, wenn es um Leben oder Tod geht. Ich weiß nicht einmal, in welches Krankenhaus er gebracht wurde, aber das ließe sich wohl herausfinden. Ganz schuldlos ist er nicht. Noch höre ich ihn, wie er sagt, man solle nicht zu viel nach links und rechts schauen. Für das Leben mag das gelten, bei einem Radfahrer führt es ins Verderben. Oder hat er zurückgeblickt, weiter nach mir Ausschau gehalten? Dann hätte ich einen Menschen niedergestreckt, ohne die Margolin auch nur berührt zu haben. Ich bin auch waffenlos höchst gefährlich. Ein Erschossener würde nicht viel anders aussehen als der Alte in seiner Blutlache. Aber ich bin weder berufen noch dazu auserwählt, derart schreckliche Bilder in die Welt zu setzen.

Vor meinem Haus wartet man schon auf mich. Eine Reihe von Nachbarn und Zaungästen, dazu Einsatzwagen und Feuerwehrleute. Der Brand ist gelöscht. Gott sei Dank hat es nicht die Villa getroffen, sondern nur die Hütte im hinteren Teil des Gartens. Sie war schon über alle Maßen morsch, und die darin aufbewahrten Hauen und Rechen waren mir nur ein Dorn im Auge. So ist wenigstens ein Teil des belastenden Erbes zu Asche geworden. Ich gestehe, unter Schock zu stehen und mir deswegen noch nicht Gedanken über die Ursache machen zu können. Natürlich fällt mir der Eindringling ein, aber der Kommandant des Löschzuges meint, es könnte auch eine Rakete gewesen sein. Ich ziehe einen Anschlag auf die Botschaft nebenan in Erwägung, aber er hilft mir auf die Sprünge. Bald würden die Menschen aus lauter Ungeduld und Vergnügungssucht schon zu Ostern mit dem Silversterschießen anfangen, man habe am Abend nicht weit von hier ein Feuerwerk gesehen und Böller gehört. Wenn die richtigen Dinge zusammenkämen, sei es schnell passiert, und der Schuppen sei mehr Zunder als Holz gewesen.

Auch bei dem Radfahrer sind die Dinge zusammengekommen. Das richtige Auto im richtigen Augenblick. Ich muss im flackernden Blaulicht Papiere unterschreiben und zittere, als handle es sich um ein Geständnis für verübte Verbrechen. Der Einsatzleiter entdeckt auf dem Formular sogar Blut, ob ich denn Hilfe brauche. Ich habe mich nur an einem Splitter meines Bildes geschnitten, und jetzt hat es eine rote Spur, doch so mächtig wie die Straßenmalerei von dem alten Mann ist diese nicht.

Erst nach Mitternacht komme ich zur Ruhe. Was hat das Schicksal vor mit mir? An meiner Seite stürzen Menschen, und Rauchfahnen steigen auf. Zufälle. Warum muss ich in allem Fügungen sehen? Oder Absicht. Ziehe ich das Unglück an? Dabei hätte es viel schlimmer kommen können. Nicht für den Alten, doch für mich. Genauso gut könnte ich jetzt in einem Hotelzimmer sitzen, weil es die Villa nicht mehr gibt. Meine Zeichnungen wären mit verbrannt, ein Lebenswerk in Asche. Häuser kann man wieder errichten, die Gesichter meiner Angeklagten dagegen kämen in die ewige Versenkung, das Licht des Feuers wäre ihr letztes gewesen. Aber warum sorge ich mich um ein paar hundert Blätter? Ich selbst könnte eine verkohlte Leiche sein. Herausgerissen aus einem Dasein, welches mich von Tag zu Tag vor größere Aufgaben stellt, die ich nur höchst unzulänglich löse. Ich hinke hinterher, werde überrollt. Oder antworte mit Hassgefühlen in der Straßenbahn gegen Menschen, deren einzige Schuld darin besteht, ihren Weg für eine kurze Zeit mit mir zu teilen.

Ich war ein guter Richter, nie aufbrausend wie mein Vater. Holt er mich jetzt? Ich werde mit ihm reden. Früher oder später muss ich wieder an sein Grab, so wie jedes Jahr, nur um an seinem pompösen Stein zu stehen, ohne Gebet, ohne Rechenschaft. Die hätte ich eher meinen Gezeichneten zu zollen, die ich ungefragt in ihren unglücklichsten Stunden verewigt habe. Vielleicht wäre es nicht die schlechteste Idee, jedes einzelne Blatt den wahren Besitzern zurückzugeben. Bei mir holt sie wahrscheinlich eines Tages doch das Feuer, spätestens wenn meine Erben das Brauchbare vom Wertlosen trennen. Es wäre gar nicht falsch, käme ich ihnen zuvor. Aber dann wären die Blätter für immer verloren, und ich könnte sie nicht dafür nützen, mit meinen Verurteilten ins Gespräch zu kommen. Wie gerne würde ich wissen, ob es mir gelungen ist, den einen oder anderen Verbrecher durch meine Strafen zu verbessern. Wer ist mir dankbar, ihn auf den richtigen Weg gebracht zu haben? Wie viele hassen mich bis aufs Blut? Ich sollte die Jahre zusammenzählen, die ich diesen Menschen genommen habe, es müssen tausende sein.

Oder ich würde unter den Zeichnungen meinen Feind entdecken. Warum vermute ich als Eindringling jemand aus der Nachbarschaft oder einen Straßenarbeiter, einen Menschen ohne Gesicht? Es liegt doch näher, dass im Künstlerzimmer die Antwort zu finden ist. Von meinen Angeklagten käme jeder in Frage. Bis auf jenen, der am meisten Grund hätte, sich an mir zu rächen. Nur, dieser Maler ist mit seiner Tiffany und einem Haufen Geld aus der staatlichen Kasse irgendwo in der Karibik. Oder war es Spanien? Ich muss Vinzenz fragen.

*

Endlich ein neuer Tag. Am Gartentor keine Kriminalbeamten in Zivil, dafür aber ein Nachbar, den ich nur vom Grüßen kenne. Er stellt sich als das Opfer der nächtlichen Schießerei vor, aber wenigstens habe die Kugel nur Glas und keine Menschen getroffen. Der Anschlag könnte auch mir gegolten haben, und lieber würde er in einer weniger gefährlichen Gegend leben, doch er verlange von niemandem wegzuziehen. Ganz im Gegenteil, man müsse zusammenstehen. Deswegen sei er auch hier, der Attentäter laufe noch immer frei herum, und vor ein paar Tagen sei ein Mann um mein Haus geschlichen.

Ich muss mich beherrschen, damit ich dem aufgeregten Herrn nicht ins Gesicht lächle, hat er doch in allem Recht, ohne auf den entscheidenden Gedanken zu kommen. Es trifft zu, der Schütze und der Mann sind eine Person, und dieser Person steht er sogar gegenüber. Wo sich dieser Verbrecher herumgetrieben habe, frage ich. Überall, im Garten, bei den Fenstern, auch bei der Hütte, die es jetzt nicht mehr gibt.

Ich war überall. Auf der Suche nach dem Eindringling hinter dem Vorhang. Sogar beim Schuppen aus Zunder. Allerdings hat diesen ein verirrter Feuerwerkskörper in Brand gesetzt, denn ich war in der Stadt und habe einem Menschen beim Sterben zugesehen. Mein Nachbar wundert sich, warum ich so ruhig bin. Auch ich bin darüber erstaunt, regt mich doch jeder Kratzer in einer Schallplatte bis zum Wahnsinn auf. Doch hier liegen die Dinge klar, und ich bin erleichtert und befreit wie seit Tagen nicht. Endlich gibt es für vieles eine Erklärung, die nur den einen Fehler hat, dass ich sie für mich behalten muss.

Ich danke dem Nachbar, überschwänglicher, als es sonst meine Art ist. Beim Weggehen ruft er mir noch nach, dass man von diesem Schwein bestimmt Schuhabdrücke finden könne, und außerdem habe er einen Hund bei sich gehabt. Ich glaube, da irren Sie sich, rutscht es mir heraus. Mein Glück hat mich leichtsinnig gemacht, ich laufe noch ins eigene Messer. Aber er kennt Gott sei Dank keine Hintergründe, die Wahrheit schon gar nicht, nur seine Beobachtung. Ein Tier ohne besondere Kennzeichen, nicht groß, nicht klein, weder Kalb noch Schoßhündchen, und die Farbe auch in der Mitte. Wiedersehen.

Mit derart genauen Beschreibungen habe ich schon als Richter meine größte Freude gehabt. Mein Nachbar ist als Zeuge unbrauchbar. Was immer ich bei mir zu Hause anstelle, er wird es nur in höchster Unschärfe sehen. Dafür sorgt sein Gehirn. Es gaukelt ihm etwas vor, das am Ende alles sein kann. Aus solchen Menschen holen Staatsanwälte und Verteidiger mit Leichtigkeit heraus, was sie hören wollen, wozu dann natürlich noch das Gelächter im Gerichtssaal kommt. Für mich ist der Herr wahres Gold, denn ein Zeuge wie er stiftet nichts als Verwirrung und lässt sogar die Wahrheit wie eine Seifenblase zerplatzen. Nach einem solchen Auftritt zweifeln Geschworene sogar, ob es überhaupt einen Mord gegeben hat. Nicht selten musste ich daraufhin eine Verhandlung vertagen.

Dennoch gibt es einen kleinen Haken. Ein Tier erfindet einer nicht so einfach, nicht einmal das unverlässlichste Gehirn eines Zeugen bringt das zustande. Aber vielleicht war meine Sicht durch die Vorhänge derart behindert, dass ich nicht einmal den Garten richtig sah, geschweige denn einen Hund hinter mir. In unserer Straße gibt es genug davon, und einer von ihnen hat mich vielleicht besucht und beobachtet, was der Herr Richter am Abend so macht. Ich will für heute nicht mehr daran denken und lieber endlich wieder einmal meinen Park besuchen.

Hier bin ich um diese Jahreszeit fast allein. Nur ein paar Hunde und ich, und auf den Bäumen die letzten Blätter, die ich so liebe, weil sie Widerstand leisten. Manche Sträucher sehen noch aus, als wären wir erst im Oktober und nicht schon im weihnachtlichen Wahnsinn. Davon merkt man hier nichts, bis auf das Rauschen der Stadt, das allerdings lauter ist als sonst. Man glaubt, mit einem Schiff auf dem Ozean zu treiben. Während es rundum schäumt und brandet, kann mir hier nichts passieren. Trotzdem halte ich nicht nur nach den Ästen und Zweigen Ausschau, sondern mein Blick richtet sich auch auf die Laternen. Nirgendwo ist eine Kamera zu entdecken. Wir sind eben nicht in der Karlskirche, sondern in einem wahren Haus Gottes.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein. Der Dichter spricht für mich, und ich danke ihm. Ein Spaziergang über diese Hügel macht aus mir zwar keinen besseren Erdenbürger, aber er lässt mich in einem anderen Licht erscheinen. Am glücklichsten war ich immer, wenn ich vor dem Richter Redtenbacher bestehen konnte. Dabei meine ich weniger meinen Vater als mich selbst. Auch zu meinen Angeklagten war ich oft gnadenlos, doch stets gerecht. Meine Unbestechlichkeit hat man mir nie verziehen. Auch den jüngsten meiner Kollegen war ich nie Vorbild, sondern galt ihnen als selbstgerecht und Spielverderber. Vielen jagte ich ein schlechtes Gewissen ein und büßte dafür. Ich glaubte immer, Justitia dienen zu müssen, so wie sie ist, mit Waage und Richtschwert. Sorgfältige Prüfung der Sachlage, Wahrspruch ohne Ansehen der Person und Durchsetzung des Rechts mit der nötigen Härte. Nichts als Hingabe habe ich je gekannt, der Preis dafür ist hoch, ich habe mein Leben versäumt.

Doch an diesem Ort schöpfe ich wieder Hoffnung. Viele Menschen sind in ihrem Leben gescheitert, ich bin nur einer von ihnen. Es hat keinen Sinn, das Teufelsding DNA täglich zu verfluchen. Wäre es denn besser, ich würde noch zwei Jahre unbescholten und in Ehren als Richter dienen, während ein Mann für einen Mord im Gefängnis säße, den er nie begangen hat? Nun stehen eben zwei Menschen an einem neuen Beginn, er und ich.

Nie wieder darf ich einen Unschuldigen treffen. Das wird mein höchstes Gesetz. Ich muss aufhören, in die Gesichter hineinschlagen zu wollen, nur weil sie laut und lebendig sind. Ich muss aufhören, immer Recht haben zu wollen. Es ist lächerlich, wenn ich schnell noch auf den Zebrastreifen trete, um einem heranfahrenden Auto zu zeigen, wer Vorrang hat. Ich werde auch nie wieder an einem überlaufenen Ort die anderen verwünschen, nur weil sie genau um die Zeit unterwegs sind, in der ich am liebsten ungestört wäre. Ich bin einer von ihnen. Nicht die anderen sind viel zu viele, wir alle sind es.

Große Vorsätze. Wenn ich aus dem Park hinausgehe, wird der eine oder andere schon verflogen sein. Wahrscheinlich ist es zu spät, mit einem neuen Leben zu beginnen. Dabei hätte ich die besten Voraussetzungen. Keine Vorstrafen, niemand verdächtigte mich. Ganz im Gegenteil. Geschähe in meiner Nähe eine blutige Tat, würden alle Umstehenden verhaftet, nur nicht ich. Außer ich hielte die Margolin noch in der Hand.

Doch auf wen sollte ich schießen? Auf jemand, der schuldig ist und Strafe verdient. Die Parade ist lang, und sie hat mich mein ganzes berufliches Leben hindurch begleitet. Wie oft musste ich als Richter hinnehmen, dass ich jemand für seine Tat nicht bestrafen durfte. Noch heute schmerzen mich die Gesichter von verzweifelten Angehörigen, die durch die Hand eines Menschen, den ich laufen lassen musste, ein Kind oder den Vater verloren haben. Soll ich denn jetzt nachholen, was mir als Richter verwehrt war? Warum nicht? Waage und Richtschwert. Gerechtigkeit mit einem Schuss Rache. Bei mir wäre keine Mutter gezwungen, den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal niederzuschießen, um dann selbst zur Angeklagten zu werden. Auch meine Zeichnungen bekämen einen Wert, einen wahren Sinn. Ich müsste sie nur durchgehen, Blatt für Blatt, denn zu jedem Gesicht kenne ich das Urteil, und ob es genügt hat oder eben nicht.

Ich werde wieder öfter den Türkenschanzpark besuchen, nirgendwo kann ich klarer denken, auch wenn ich weiß, viele meiner Ideen sind nicht mein Verdienst, sondern Eingebungen, Geschenke. Das Gefährlichste erkenne ich schon jetzt. Es gilt, die Anzahl der Betroffenen zu begrenzen und jeden Einzelnen geschickt zu wählen. Entscheidend sind auch die Angehörigen der Opfer. Wenn es keine mehr gibt, erübrigt sich die späte Rache. Schade, dass ich nicht auch sie gezeichnet habe, obwohl mir so manches Gesicht in Erinnerung ist, mit verweinten Augen über das ausgebliebene Recht. Ich konnte diesen Menschen nicht einmal sagen, dass ich ohnehin auf ihrer Seite stehe und nur die Gesetze zu vertreten habe. Jetzt gelten neue.

*

Zu Hause bin ich wieder auf ihn gestoßen, auf den alten Radfahrer, der vielleicht gar nicht mehr am Leben ist. Sein zersplittertes Bild ist wie ein Stachel, der mich durchbohrt. Mache ich alles richtig?

Was den alten Mann betrifft, ist es doch wahrscheinlich, dass er in das nächstliegende Spital gebracht wurde. Doch im Allgemeinen Krankenhaus will man mir keine Auskunft geben, zumindest nicht übers Telefon. Ich muss hingehen und persönlich vorstellig werden. Also mache ich mich auf den Weg.

Schon der erste Hof ist ein Hort des Wahnsinns. Die größten Besäufnisse der Stadt sind als Weihnachtsmärkte getarnt. Ich halte mich an den Duft der Gewürznelken, um nicht gleich wieder umzukehren, er ist wohl der Weihrauch unserer Zeit. Doch auch der ausgelassenste Hexenkessel verliert an Macht, wenn man sich nur weit genug von ihm entfernt. Von Hof zu Hof wird es ruhiger, aber auch gefährlicher. Ich weiß es, trotzdem treibt es mich weiter. Immer weniger Menschen begegnen mir, dann sogar eine nicht erwartete Stille.

Endlich ist er da. Viel zu früh. In Wirklichkeit sieht er noch geheimnisvoller aus als auf dem zersplitterten Bild. Ich könnte noch an ihm vorbeigehen, hinüber in den gläsernen Monsterbau mit dem Sterbezimmer des waghalsigen Radfahrers, der mich hierher gelockt hat.

Auch wenn ich weiß, dass es Unsinn ist, verschrobener Aberglaube, oder auch nur der letzte Scherz eines alten Mannes, der so verrückt war, nicht nur im Narrenturm zu arbeiten, sondern auch vor meinen Augen in seinem Blut zu liegen, gehe ich über die Wiese und auf den Rundbau zu. Von der Baufälligkeit ähnelt er meiner Villa, allerdings hat er bestimmt das Zwanzigfache an Zimmern. Doch meine Fenster sind größer, haben Vorhänge, dafür gab es hier einst Ketten für die Einsitzenden, anfangs überwiegend Soldaten, die in den Kriegen den Verstand verloren hatten. Es würde mich nicht wundern, wenn ihre verzweifelten Schreie bis heute zu hören wären. Handle ich klar und vernünftig, wenn ich meine Margolin nicht nur gegen den Eindringling verwende?

Ich sehe Graffiti, die ich nicht entziffern kann, rätselhafte Löcher in den Mauern und Fenster wie Schießscharten, dazu Ziegel, die vor über zwei Jahrhunderten von fleißigen Händen aufeinander geschichtet worden sind. Doch wo bleibt das Gebrüll der Bewohner oder wenigstens ihr Flehen nach Freiheit? Ein Haus, so still wie meine Villa. Niemand ruft mich. Der Schrei einer Krähe könnte ein Zeichen sein, doch das rechne ich dem Zufall zu. Sonst nur Natur. Und mein Atmen. Das heißt, ich bin gesund.