»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Den alten Mann konnte ich nicht mehr besuchen, er wurde damals schon tot eingeliefert. Ich hätte auch keine Fragen an ihn gehabt, womöglich von ihm nur eine neue Beunruhigung bekommen. Doch das Leben stürmt ohnehin weiter, und für mich gilt es jetzt herauszufinden, wer mein Verfolger ist. Er könnte unter meinen Zeichnungen zu entdecken sein. Deswegen wurde das Künstlerzimmer früher als gedacht betreten, ein Schuhkarton nach dem anderen geöffnet und auf dem Fußboden eine neue Ordnung aufgelegt.

Manche meiner Angeklagten sind schon tot. Ihr Stapel wird größer und größer. Nicht wenige sind der Fortsetzung ihrer Verbrechen zum Opfer gefallen, andere durch Selbstmord umgekommen. Leider auch in der Zelle, die sie durch mich bekommen haben. Wenn sie mich nun verfolgen, dann vom Jenseits aus. Von anderen Gezeichneten habe ich nichts gehört, sie nie wieder zu Gesicht bekommen, oder ihre Strafe war so gering, dass eine Rache an mir nicht sinnvoll erschien. Ab wie vielen Jahren Gefängnis kommt ein Mensch so weit, dass er seinem Richter nachstellt und ihn sogar umbringen will? Zeit genug hätte auch einer mit achtundvierzig Monaten, damit sich in ihm etwas Quälendes zusammenbraut, das entladen werden muss. Wie viele Häftlinge jetzt wohl an mich denken? Ist mein Verfolger nur einer in einer langen Reihe? Wann hört diese auf, oder soll ich mein ganzes Leben nicht mehr zur Ruhe kommen? Es ist doch nicht notwendig, dass sie alle aus meinen Träumen herauskriechen und Haus und Garten betreten.

Die Rückseiten der Zeichnungen sind mit allen nötigen Angaben beschriftet, wobei natürlich das Verbrechen und die Strafe am wichtigsten sind, bis hin zum Freispruch. Diese großen Dinge durften natürlich niemals vorne erscheinen, soll doch der Betrachter die Gesichter unvoreingenommen beurteilen können. Kann man in einem Gesicht das Böse sehen? Kristina habe ich oft während wochenlanger Verhandlungen ein neu geschaffenes Blatt auf den Frühstückstisch gelegt. Schuldig oder unschuldig? Ein Mörder, oder doch nur einer wie du und ich. Meine Frau hat nie zu den Angeklagten gehalten, immer zu mir, sie hat stets meinen Richtersprüchen recht gegeben. Ich habe darin Treue und Liebe gesehen.

Ich bin bestimmt nicht der beste Zeichner, auf jeden Fall aber der mit den außergewöhnlichsten Werken. Kein Porträtierter hat jemals seinem Maler mit mehr Angst oder auch Hass und Zorn entgegengeblickt als mir. Jetzt sehen meine Angeklagten mich an, aus jedem einzelnen Blatt, das ich nach sorgfältiger Abwägung auf einen der Stapel lege. Von fast allen gibt es nur diese eine Zeichnung, denn wer hat schon einen Künstler bei der Hand. Natürlich würden sich viele einen anderen Augenblick für ihre Sitzung ausgesucht haben, nach einer Hochzeit oder einem geglückten Bankraub, aber nicht diesen, der in ihrem Leben zu den schrecklichsten gehört. Mich aber bringen sie jetzt in Bedrängnis. In der einen Minute denke ich von einem Gezeichneten, dass er als Eindringling nicht in Frage kommt, schon in der nächsten ist er mein Mörder. Dabei hätte ich so viel Wichtigeres zu tun, will ich doch anstatt mich zu verteidigen selbst losschlagen. Draußen laufen scharenweise Verbrecher herum, die ihre verdiente Strafe noch nicht bekommen haben, und ich sitze im Künstlerzimmer.

Dann springt er mich an. Er wäre auch der Richtige. Wozu noch Stapel errichten, sie wieder umschichten, um dann erst wieder am Anfang zu stehen? Warum kann er es nicht sein? Meine Suche könnte aufhören, alles wäre einfacher, und die Logik wäre aufs Höchste erfüllt. Wenn es einem zusteht, mir nachzustellen und aufzulauern, dann dem Pflastersteinmörder. Fast zwanzig verlorene Jahre geben einem das Recht auf Rache. Und ich hätte endlich ein Gesicht. Aber mein Maler treibt sich ja im Süden herum, nicht einmal er kann an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vinzenz ist beruhigt, dass ich nüchtern bin und es mir gut geht. Wir wollen einander auch schon bald treffen und nicht immer nur telefonieren. Es gäbe viel zu erzählen, auch von seinen norwegischen Kollegen. Das Blatt habe sich gewendet, Richter dürften wieder Richter sein und sich den Breivik so vornehmen, wie er ist, fern von Schizophrenie und zurechnungsfähig wie wir alle. Aber nun möge ich schon endlich damit herausrücken, was ich dieses Mal auf dem Herzen habe, denn ohne Anliegen würde ich ja niemals anrufen. Seine Auskunft ist offen und ehrlich wie immer. Der Mann mit dem unglückseligen Pflasterstein sei weder in der Karibik noch in Spanien, sondern in Malaysia, aber dort seit ein paar Wochen auch nicht mehr. Er wisse das, weil man ihn natürlich beobachte, auch meinetwegen. Außerdem habe es bei seiner Rückreise Probleme gegeben, mit einem Mitbringsel seiner geliebten Tiffany. Auf dem Flughafen in Wien sei er ausfällig geworden, weil der Hund ohne Impfung gegen Tollwut natürlich nicht ins Land kommen durfte. Doch jetzt sei alles in Ordnung und die drei seien glücklich.

Ich schichte die Gezeichneten zurück in ihre Kartons, sie alle haben keine Bedeutung mehr, bis auf den einen, der in meiner Erinnerung immer lebendiger wird. Es kann keinen Zweifel geben, der Malerfürst ist mein Mann. Alles fügt sich, die Zusammenhänge erscheinen nun klar, ich war nur verblendet vom Glauben, er würde ewig in einem fernen Land bleiben, und damit für immer aus meiner Welt verschwinden. Insgeheim dachte ich auch früher manchmal daran, die berechtigte Rache nur einem zuzubilligen, Sigurd Fürst. Natürlich war er es, der mein Haus umschlichen hat, mit oder ohne Hund. Er sieht nur anders aus als früher. In seiner damaligen Aufmachung wäre er auch für meinen Nachbar zu erkennen gewesen. Eine Kunstfigur aus spanischem Edelmann und Rocker. Er hatte die lange Mähne, die ich nie tragen durfte, dazu ein Gehabe, das man einem Würdenträger wie mir nicht einmal auf einem Faschingsball zugestanden hätte. Dem Fürst war es möglich, mit großen Worten und Bündeln von Geld um sich zu werfen, verkaufte er sich doch besser als so mancher alter Meister. Er stand öfter vor Gericht als viele Gauner, wurde aber stets nur halbherzig verurteilt, weil man fürchtete, als altmodisch zu gelten oder die Freiheit der Kunst zu unterdrücken.

Einmal hätte ich ihn schon damals beinahe in die Finger bekommen, dann ist es doch ein anderer Richter geworden. Trotzdem wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt. Sigurd Fürst hatte sich im Rausch von Alkohol und Drogen mit seiner Clique für eine Performance die Alten Arkaden am Zentralfriedhof ausgesucht. Der künstlerische Auftritt wurde nicht anerkannt, wohl aber die ganze Aktion als Grabschändung geahndet. Dabei wurden nicht einmal Wände und Böden besudelt wie sonst, sondern nur eine Hochzeit der darstellenden mit der bildenden Kunst gefeiert. Die Muse und Lebensgefährtin des Fürsten verwandelte sich durch Verkleidung und Schminke zu einer Engelsfigur, die es dort auch gibt, jedoch nur tot und aus Stein. Beide allerdings waren von höchster Erotik, die dann mit Pinsel und Ölfarbe auf die Leinwand gebracht wurde. Angesichts der Würde des Schauplatzes und der Vergänglichkeit rundum ging das Geschehen weit über eine Provokation hinaus und beschleunigte auch den schon heraufdämmernden Niedergang des umtriebigen Malers. Ich hingegen beneidete ihn nur noch mehr, nicht länger bloß um seine Arbeit und Freiheit, sondern nun auch um seine betörende Tifanny. Zwar konnte ich mich damit trösten, weiterhin zeichnen zu können, wenn auch nur meine Angeklagten und ohne Öffentlichkeit, sie aber würde ich nie bekommen.

Wenn ich mir auch die Frau aus dem Kopf schlagen musste, wie wahrscheinlich tausende Männer in der Stadt, so tat Sigurd Fürst mir dann doch noch einen Gefallen. Er hat seinen Freund brutal ermordet und mich als vorsitzenden Richter erhalten. Dazu kam die Gunst der Zeit. Sein Stern war im Sinken, die Zeitungen brauchten Platz für neue Leuchtkörper am Himmel. Von allen Seiten drang nun der Hass hervor, den man bisher nicht hatte zeigen dürfen, weil der Maler unantastbar gewesen war. Viele hatten sich von ihm demütigen lassen müssen, ohne sich wehren zu dürfen. Die Hoffnung dieser Menschen war ich. Mein größter Gehilfe jedoch war der Angeklagte selbst. Seine Vergangenheit strotzte nur so von Eifersuchtsgeschichten, wilden Szenen, Ohrfeigen für seine Geliebte, und er bescherte den Verhandlungen auch zahllose Morddrohungen gegen seinen besten Freund, die Zeugen überschlugen sich darin.

Das Licht des einst von der Stadt so verwöhnten Kindes verblasste und fiel immer mehr auf mich. Natürlich kamen die Leute in Strömen zu den Verhandlungen, aber die größte Aufmerksamkeit im Gerichtssaal galt mir. Und ich war mehr als ein Richter, eben ein Rächer. Zum ersten Mal und seitdem nie wieder in diesem Ausmaß. Aller Augen waren auf mich gerichtet. Die große Frage war, ob Justitia tatsächlich die Augenbinde tragen oder doch vor dem Prominenten zusammenzucken würde. Andere wiederum befürchteten von mir ein ungerechtes Vorgehen gegen einen Künstler, der mit seinen Werken und Provokationen die Stadt wachgerüttelt hatte. Niemand ahnte, dass Sigurd für mich Schund war, wie die schmalen Heftchen in den Fünfzigern, und ich ihn für seine Selbstherrlichkeit hasste.

Viel musste ich nicht tun, er schaufelte sich selbst das Grab. Am Ende seiner viel zu freien zweiundzwanzig Lebensjahre gab es eine letzte Nacht in der Innenstadt. Wie immer wurde zu den Drogen gesoffen, gelacht, gebrüllt, gestritten, bis das Stammlokal leer war, und es nur noch ihn gab und seinen besten Freund. Man hat die beiden hinaustorkeln sehen. Die Kellnerin allerdings sagte aus, dass Sigurd anders als sonst kaum etwas getrunken habe. Die Blutabnahme war keine Hilfe für die Wahrheitsfindung, denn festgenommen wurde er erst zwei Tage nach dem Mord.

Es wäre auch ohne aufgerissene Gasse zum Mord gekommen, denn meiner Überzeugung nach ging der schon lange in seinen Gedanken um. Ich weiß, wovon ich rede. In meinem Innersten gebe ich mit der Margolin schon Schüsse ab, einmal in diesen Kopf, dann wieder in einen anderen. Ich hab meinen Schädel nur noch nicht gefunden. Fürst brauchte nicht zu überlegen, wen er treffen wollte. Es muss für ihn eine Qual gewesen sein, den Abend lang so wenig zu trinken, dass er für die Tat hinreichend nüchtern und handlungsfähig blieb. Weit nach Sperrstunde machte man sich auf den Weg, der für seinen Freund der letzte werden sollte.

Im Morgengrauen fand man ihn dann, mit zermalmtem Gesicht und leblosem Körper. Das blutverschmierte Werkzeug lag daneben, einer von tausenden Pflastersteinen, die Bauarbeiter Tage zuvor aus dem Boden gerissen hatten, um auch diese Gasse zu asphaltieren. Der Freund wurde mit einem Stück des alten Wien erschlagen, einem wahren Zeugen der Geschichte, über den noch unzählige eisenbeschlagene Kutschenräder der Monarchie gerollt und Millionen Füße gestapft waren. Er war natürlich neben dem Angeklagten selbst eines der schaurigsten Objekte im Gerichtssaal, immer in einer durchsichtigen Hülle, damit auch alle Spuren erhalten blieben und keine neuen dazukämen. Noch gruseliger kam dem Publikum ein kleines Ölbild vor, angefertigt vom einstigen Liebling der Stadt, und als Beweisstück nicht weniger wichtig, zeigte es doch die Mordwaffe in ihrer ganzen Röte. Warum sollte der Maler den Stein verewigen, wenn er für ihn keine Bedeutung hatte? Offenbar hatte er ihn aus der Erinnerung heraus in einer der folgenden Tage oder Nächte porträtiert.

So vieles kam in diesem Prozess zusammen, nur nichts, was Sigurd Fürst als hinterhältigen Mörder entlastet hätte. Mein Hass wäre gar nicht notwendig gewesen, um den Götterknaben zu stürzen. Die meisten im Saal wollten wie ich den Kometen zerbersten sehen. Er selbst hatte es am leichtesten, gab er doch vom Anfang bis zum Ende der Verhandlungen den Mann ohne Erinnerung. Man glaubte ihm auch, diesem von Drogen zerfressenen Gehirn. Wenigstens hatte sein Verteidiger nicht die Idee, auf seine Unzurechnungsfähigkeit hinzuarbeiten. Er hoffte wohl, dass sich die Geschworenen des Genies erbarmen würden. Denn zwei gefährliche Probleme gab es für die Gerechtigkeit in diesem meinen größten Fall. Es war weder ein Geständnis aus dem Maler herauszubringen, noch ein Zeuge für seine Tat aufzutreiben. Für die Geschworenen hatte das so viel Gewicht, dass sie ihn als freien Mann aus dem Gerichtssaal spazieren lassen wollten. Ich musste einschreiten und habe auch gewonnen.

Aber ich habe dadurch mein Leben zerstört. Wie konnte ich damit rechnen, dass es einmal die DNA geben würde? Durch sie hat der lebenslänglich Verurteilte letztendlich den befreienden Sieg errungen. Nicht die geringste Spur auf dem Pflasterstein, dafür Rückstände eines Bauarbeiters, der mit seine Händen den Stein aus der Straße gerissen hatte. Dieser Mann rückte vor einem halben Jahr deswegen kurz ins Rampenlicht, nicht als Mörder, sondern als fleißiger Mensch, der mitgeholfen hatte, unsere Stadt mit Asphalt zu verschönern. Aber auch das Mordwerkzeug kam wieder in die Zeitungen, und jedem Leser wurde klar, an einem solchen Ding musste von jedem, der es auch nur zart anfasste, etwas hängen bleiben, umso mehr, wenn man damit mit voller Wucht jemand den Schädel einschlug. Handschuhe waren keine zu finden gewesen, weder im Sommer vor zwanzig Jahren im Haus des Malers noch in der Erinnerung von Freunden oder der Kellnerin. Ganz im Gegenteil. Sigurd Fürst war bekannt dafür, sich gerne nackt zu zeigen, auch wenn es nur seine Hände waren, die er wie göttliche Werkzeuge, die noch viele unvergängliche Kunstwerke schaffen würden, herumzureichen pflegte.

Wenigstens hat er damit nicht recht gehabt. Gegen alle Erwartungen wurde vom lebenslänglich verurteilten Mörder im Gefängnis kein einziges Bild gemalt und nicht einmal eine Zeichnung angefertigt. Seine letzte habe ich. Oben in meinem Künstlerzimmer. In einem der größeren Kartons für Herrenhemden. Während der Verhandlungen war der Pflastersteinmörder natürlich auch ein Modell für mich und meinen Bleistift. Ich porträtierte ihn so, wie ich ihn sehen wollte, und bemerkte dabei nicht, dass er es mir lächelnd gleichtat. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ein Angeklagter könnte auf diese Weise zurückschlagen, doch bei einem Maler liegt das auf der Hand. Blind wie ich war, dachte ich an Notizen, die er sich macht. Ich war nicht klüger als die von mir Gezeichneten, die in mir ebenfalls nur jemand sahen, der etwas auf ein Blatt Papier kritzelte. Dann allerdings fiel ich aus allen Wolken. Mein Mörder war nach der Urteilsverkündung gerade aus dem Saal abgeführt worden, als mir ein Gerichtsdiener, nachdem er es auf seine mögliche Gefährlichkeit hin kontrolliert hatte, ein Blatt überreichte. Ein Geschenk zum Abschied von Herrn Fürst.

So wie auf diesem Papier hatte ich mich noch nie gesehen. Was für ein Mensch schaute mir da entgegen? Das sollte ich sein? Vollkommen anders als mein Spiegelbild und wie ich mich von Fotos kannte. Mit Strichen, die in meinem Gesicht nichts zu suchen hatten, mit einem Ausdruck, der einen schaudern lassen könnte. Eine Karikatur hätte ich noch hingenommen, aber doch nicht eine Verzerrung in diesem Ausmaß. Andererseits muss man auch bedenken, von wem das Machwerk kommt. Die Hand, die einen Stift so führte, war auch in der Lage, den Kopf des besten Freundes mit einem Pflasterstein zu zertrümmern. Jetzt hätte diese selbe Hand wohl gerne nach meinem Hals gegriffen, um mich, den Richter, für die auferlegte Strafe zu erwürgen. Da dies nicht möglich war, geriet statt dessen eine Zeichnung zum Fausthieb in das Gesicht des Gehassten.

Schon Wochen später begann sich das Bild des Sigurd Fürst in mir umzudrehen. Mehr und mehr entdeckte ich in seinem Werk mich und meine Seele. Wie konnte es ihm gelingen, so tief in mein Inneres zu schauen? Sah mich meine Frau ebenso? Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis ich mich mit dem neuen Ludwig Redtenbacher angefreundet hatte. Gleichzeitig erkannte ich auch allmählich den Unterschied zwischen Handwerk und Kunst. Auf der einen Seite stand ich mit meinen lächerlichen Abbildungen des Äußeren, während er etwas zustande brachte, was mir wohl nie gelingen würde. Mein Blick ging immer am Wesentlichen vorbei, konnte in einem Gesicht den Menschen nicht entdecken, bestenfalls einen Ausdruck des Bösen, oder was ich dafür hielt. Es kostete mich große Überwindung, den Pflastermörder als meinen Lehrmeister anzuerkennen. Ich musste mich damit abfinden, mein geheimes Vorbild weder im Handwerk erreichen noch je seinen durchdringenden Blick ergründen zu können. Wie sehr wünschte ich mir eine solche Hand und solche Augen.

Heute ist er frei, und ich muss mich vor ihm fürchten. Er ist auch nicht mehr an einer Küste oder im Dschungel, sondern in meiner Nähe. Er hat seine Tiffany und zu meinem Schrecken einen Hund. Durch ihn ist das Gespenst der letzten Wochen wahr geworden. Ich habe keine Sorge, dass er sein Tier auf mich hetzen könnte, doch bei jedem Bellen werde ich an den Mann denken, vor dem ich Angst haben muss. Zur Verzweiflung aber treibt mich das Warten. Wann kommt er? Aus welcher Ecke meines Gartens? Oder steht er schon in meinem Zimmer, hinter dem Vorhang, und wahrscheinlich nicht zum ersten Mal? Oder fährt er mit dem Auto an meiner Villa vorbei, um den richtigen Zeitpunkt für seine Rache auszuspähen?

Ich kann mich in meinem Haus vergraben oder auch den Spieß umdrehen und mich selbst auf die Suche machen. Ich habe die Zeit dazu und weiß über den Herrn Fürst mehr, als er ahnt. Damals habe ich ihn studiert, und ganz losgelassen hat er mich nie, nicht nur wegen seiner Kunst. Fast zwei Jahrzehnte Gefängnis mögen einen Menschen verändert haben, doch manches bleibt ihm bis zum Tod erhalten. Dazu rechne ich vieles, auch Vorlieben und die Orte des Glücks.

*

Durch Sigurd Fürst habe ich die Wälder des Praters hier kennengelernt. Er hat sie vor seiner Zeit als Gefangener gemalt, und ich habe sie betrachtet, allerdings nur in den Zeitschriften und Katalogen, denn ein Original wäre mir nicht nur zu teuer gewesen, es hätte mich auch in einem eigenartigen Licht erscheinen lassen. Und ich habe die Schauplätze seiner Kunst aufgesucht und mich in ihnen wohl und zufrieden gefühlt. Allerdings muss ich gestehen, bei meinen Spaziergängen in den Alleen und Auen sehr oft an ihn gedacht zu haben, an den Pflastersteinmörder, der nun ohne seine Tiffany hinter undurchdringlichen Mauern saß, in Stein an der Donau, als sollte seinem neuen Namen und dem Mordwerkzeug noch eine weitere Ehre zuteil werden. Ich war mir auch sicher, dass er sich in diesen Augenblicken nach seinen Plätzen im Prater sehnte, voller Hoffnung, sich dort wieder einmal herumtreiben zu können. Allerdings ohne seine Meute, ohne Verehrer, ohne Skandale rund um seine wilden Inszenierungen. Dabei hätte er das alles nicht gebraucht, seine Kunst ist groß genug.

Was liegt näher, als ihn hier zu suchen? Vielleicht aber irren wir aneinander vorbei. Ich warte bei der Lusthausstraße, er in meinem Garten. Er wundert sich über die Ruhe in meiner Villa, während ich die Wiesenwege entlangwandere und nach Herrchen mit Hund Ausschau halte. Dabei weiß ich nicht einmal, wie er heute aussieht. Vom Alter her ist er 42, doch ist er nun dick oder seine Gestalt durch das Gefängnis gebeugt? Nicht jeder, aber viele kommen in Frage. Die Gegend ist voller Hunde, und ich hoffe auf einen, der mir meinen Feind verrät. Ist es der Mann dort hinten, der wie eine schemenhafte Figur in der Landschaft steht? Ich erkenne nicht einmal, ob er zu mir herschaut oder nur die Natur betrachtet. Dafür kann man mich für einen halten, der sich als Voyeur hinter Baumstämmen verstecken muss.

Oder was ist mit ihm da? Mit dem Ankömmling hinter meinem Rücken. Das Alter passt. Sonnenbrille an einem nebeligen Tag ist auch ein verräterisches Zeichen. Oder trägt er überhaupt keine Brille, und ich brauche vielmehr langsam eine? Sind seine Augen im Gefängnis dunkle Höhlen geworden? Dann hätte ich ihm den durchdringenden Blick des Künstlers genommen. So manches spricht dafür, dass er es ist. Von dem vielen Geld konnte er leicht einen Anhänger für den treu ergebenen Hund kaufen. Erkennt er mich? Oder tut er nur so, als wäre ich Luft? Oder sehe ich schon in jedem Fremden meinen Feind?