»Margolin«. Ein Thriller der anderen Art.

Eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen österreichischen Films, Träger des Prix Italia (2x), des Adolf-Grimme-Preises in Gold (2x), des Großen Diagonale-Preises, etc., etc., der Regisseur und Autor Fritz Lehner, Schöpfer von Filmen wie »Dorf an der Grenze«, »Schöne Tage« und »Mit meinen heißen Tränen«, Autor der Romane »Я«, »Hotel Metropol I–III« und »Der Schneeflockenforscher«, kehrt nach über 10 Jahren strikter filmischer Abstinenz mit einem Coup in sein Metier zurück.

Multimedial: Text und Filmclip in jeder Phase spontan aufeinander abgestimmt
Brandaktuell: Erzählt und veröffentlicht beinahe zeitgleich
Unmittelbar: Keine Nachbearbeitung, kein Schnitt, keine Schauspieler

 

Ich werde in Zukunft meinen Vater wohl öfter besuchen, um sie zu sehen, in dem verführerischsten Kleid, das ich kenne. Zugleich stelle ich mir ein Armutszeugnis aus, weil ich einen kalten Stein anbete, während mein Widersacher sie nackt neben sich liegen sieht. Sie hat auch einen zutreffenden Namen gewählt, denn Tiffany steht für Erlesenes. Wie sie wohl heute aussieht? War Sigurd Fürst allein hier oder sie bei ihm? Vielleicht ist sie sogar in Tränen ausgebrochen, angesichts einer Steinfigur, die wie das Bildnis von Dorian Gray ihre Jugend zeigt, während sie sich selbst verwandelt hat. Aber ich lasse mir meine Sehnsucht nach ihr nicht trüben, hilft sie mir doch, meiner Suche nach Sigurd Fürst einen Reiz zu geben, der fast überirdisch ist. Ich darf nur nicht meinen Gefühlen verfallen und den Ernst der Lage verkennen. Es könnte sogar sein, dass diese Frau den Kampf verschärft, ihm aber auch ein Gleichgewicht gibt. Er will mein Leben, ich seine Schöne. Mein Vater würde mich loben, weil ich endlich meine Zurückhaltung und Bescheidenheit aufgebe und erkenne, dass einer aus unserer Familie sich alles nehmen darf.

In meiner Villa ist es kälter als auf dem Friedhof. Hat man nur mir das Gas abgedreht oder friert die ganze Straße? Aber weder sieht man Bautrupps mit Einsatzfahrzeugen noch Menschen in Wintermänteln hinter den Fenstern. Ich mache mich also auf den Weg in den Keller. Als Kind ist mir die Anlage der Heizung wie ein kleines Kraftwerk vorgekommen, die damals noch mit Kohle befeuert wurde. Jetzt brauche ich nur ein paar Knöpfe zu drücken und eine kleine Flamme zu entzünden, um das Geflecht aus Rohren und Kessel wieder in Gang zu setzen. Es gelingt mir auch sofort, und meine Erleichterung ist groß, weil Handwerker in meinem Haus für mich die störendsten Eindringlinge sind. Dann muss ich mir aber doch die Frage stellen, warum diese unterirdische Maschine seit Jahren klaglos läuft, aber ausgerechnet heute ihren Betrieb eingestellt hat. Wurde an Rädern gedreht oder ganz einfach nur die Zündflamme ausgeblasen? Manchmal besorgt das ein Sturm, doch heute war es höchstens windig. Der Keller steht offen, wie das ganze Haus.

Ich bemerke, wie sehr sich mein Leben verändert hat. Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich daneben im Gewölbe war, um eine der tausenden Flaschen zu leeren. Damit mache ich zwar Vinzenz, meiner Gesundheit und vielleicht auch meinem Geist einen Gefallen, doch was ist an die Stelle der Berauschung getreten? Ich verschlinge mit meinen Blicken eine Steinfigur und habe einen Hund getötet.

Still jetzt! Klack, klack. Ganz deutlich. Er ist hier! An meiner Schreibmaschine. Entweder hat er keine Ahnung, dass ich unter ihm bin, oder er ist so dreist, mir gerade in diesem Augenblick eine Nachricht zu hinterlassen. Er scheint nicht einmal mit zwei Fingern zu tippen, sondern nur mit einem, ein Maler hat eben andere Fertigkeiten. Der Mann in meinem Zimmer über mir legt Pausen ein, um nachzudenken, dann aber kommt wieder ein Wort wie eine Kanonade, ganze Sätze. Und ich habe die Wahl, ihn seine Botschaft schreiben zu lassen oder hinaufzuschleichen, um Sigurd Fürst endlich zu sehen. Aber vielleicht kommt es dann zum Kampf, und die Margolin ist näher bei ihm als bei mir. Schreibt er über mich, über Tiffany, den Hund? Oder ist sein Brief eine einzige Drohung? Dass ich ihn wieder und wieder lese und die Angst mich verrückt macht.

Die Zündflamme flackert, aber schon weniger, weil auch der Wind sich beruhigt hat. Ich verkomme allmählich vor Hitze und bin froh, dass das Schreiben aufgehört hat. Man kann allerdings nicht leise die Treppe hinaufsteigen, irgendein Knarren verrät einen immer. Natürlich ist er nicht mehr in meinem Zimmer. Oder er beobachtet mich aus einem seiner vielen Verstecke. Ich würde dasselbe tun. Doch alles an Vorsicht ist mir in diesem Augenblick zuwider, selbst der auf mich gerichtete Lauf meiner entwendeten Pistole könnte mich jetzt nicht davon abhalten, die Zeilen auf dem Blatt zu lesen. Schon sehe ich die Mercedes vor mir, das Papier in die Maschine zurückgedreht, als wäre nichts gewesen. Noch bevor ich am Schreibtisch bin, stockt mir das Herz. Ich sehe weder ihn, noch hat er mir etwa den toten Hund auf den Parkettfußboden geworfen. Aber ich höre sein Tippen. Ein Buchstabe und der nächste. Keine Einbildung, ich schwöre bei meinem Leben. Er macht Dinge, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Im nächsten Moment ist alles ganz anders. Das Blatt ist nach wie vor leer, das Tippen kam von draußen. Ich schäme mich vor mir selbst. Ich brauche nicht einmal das Haus zu verlassen, um Wirklichkeit und Wahrheit zu erkennen. Es genügt, mich aus dem Fenster zu beugen und über mir am Dachfirst das lose Holzbrett im Wind zu sehen. Vor ein paar Tagen noch schien es genügend Halt zu haben, und ich war froh, nicht die Leiter hinaufsteigen und es annageln zu müssen. Jetzt hat es mich durch Himmel und Hölle geführt. Schuld daran waren wohl auch mein Besuch im Keller und die kurze Rückkehr in meine Kindheit, in der man sich solche Auswüchse der Fantasie noch erlauben durfte. Doch damit ist die Sache nicht erledigt, es schleicht sich in mir eine Ahnung ein. Meine Sehnsucht nach Sigurd Fürst scheint nicht viel geringer zu sein, als die nach seiner Geliebten.

Der Sack mit dem Hund muss aus dem Haus. Dazu brauche ich die Nacht, einen Müllcontainer in der Ferne und meine alte Reisetasche. Wohlüberlegte Zutaten für die Beseitigung einer Leiche, wenn sie auch unzählige Male in meinem Richterleben vorgekommen sind. Viele Gedanken zu diesem Problem habe ich ohnehin verworfen, so etwa die Lagerung des Kadavers im hintersten Keller, wo er ohne Geruch vermodern könnte. Dagegen spricht allerdings, dass ihn die Luft dort nur mumifiziert. Aber noch mehr zählt, dass ich dieses Gewölbe vielleicht noch für ein richtiges Unternehmen brauche.

Eine menschliche Leiche zu handhaben kann nicht viel mühsamer sein als diesen Kadaver, außer es handelt sich um eine zarte Frau oder einen bis auf die Knochen abgemagerten Bettler. Aber nun habe ich es doch geschafft, das Untier samt Leichensack in die ausladende Tasche zu zwängen. Um mich gänzlich unausforschbar zu machen, wird das Taxi nicht telefonisch bestellt, sondern auf der Straße herangewinkt. Der Fahrer ist faul genug, mich mein Gepäck selbst in den Kofferraum heben zu lassen, und ich bin zufrieden, weil ich sogar als Tourist gelten kann, der nur über den Rückspiegel kurz betrachtet wird. Selten war es mir so wichtig, dass man sich nicht an mich erinnert. Ich nenne auch keine Adresse, sondern die Ecke Grinzinger Straße und Hohe Warte. Von dort aus kommt als glaubwürdiges Ziel vieles in Frage, angefangen von einer Pension zum Übernachten bis zum Heurigen, in dem sich der Fremde in Begleitung einer schweren Reisetasche betrinkt.

Aber in dieser Nacht interessieren mich nur die Müllcontainer am Heiligenstädter Park, an die ich mich mit meinem guten Gedächtnis erinnere. Hier bin ich höchstens einmal im Jahr. Laut Taxameter sind wir 14 Euro von meinem Zuhause entfernt, ich gebe 15 und verzichte im Gegensatz zu all meinen anderen Fahrten auf eine Quittung, die mich doch nur verraten könnte. Es gefällt mir auch der Nervenkitzel an meinem Tun, und ein präziser Ablauf nach Plan hat mich schon immer erfreut. Vieles kommt mir entgegen, die Dunkelheit um die Container und die menschenleere Gegend, und auch von einer Videoüberwachung ist nichts zu sehen. Alles andere als leicht ist es hingegen, meine Last in den Container zu kippen, dafür macht sie durch ihre weiche Beschaffenheit weniger Lärm als eine weggeworfene Bierdose, und ich kann mich zufrieden auf den Heimweg machen.

Eigentlich wollte ich wieder ein Taxi anhalten, doch nach vollbrachter Tat reizt es mich, zu Fuß durch die Nacht zu gehen und meinen Gedanken nachzuhängen. Sorgfältig wie ich bin, überprüfe ich noch im Nachhinein jeden meiner Schritte, doch ich kann keinen entdecken, der nicht richtig gewesen wäre. Wenn man genug forscht, fällt einem natürlich etwas ein. Das Projektil steckt mit großer Wahrscheinlichkeit noch im Hundekörper. Seine Wirkung war tödlich, weil es durch das offene Maul ungehindert in das Gehirn des Tieres dringen konnte. Doch zu einer Leichenöffnung wird es nicht kommen, es ist kein Mensch umgebracht worden, und Haustiere werden immer wieder im Müll abgeladen. Allerdings könnte ein armes Schwein den Container durchstöbern und sich über die Reisetasche freuen. Selbst wenn er wegen des Kadavers Anzeige erstattet, ist es kein Problem, man wird meinen Hund zu den Akten legen.

Aber hat denn nicht jedes dieser Tiere ein Halsband mit Marke zu tragen? Wenn es eins gibt, findet man den Besitzer und klagt ihn an. Vielleicht kommt Sigurd Fürst doch noch vor ein Strafgericht. Ich auf jeden Fall erscheine in seinem neuen Verbrechen höchstens als der große Unbekannte, auf den er sich ohne Erfolg ausreden wird. Nichts weist auf mich, habe ich doch sogar beim Verpacken seines vierbeinigen Freundes Handschuhe getragen. Davon abgesehen sind auf dem Leinenstoff einer Tasche unmöglich Fingerabdrücke festzustellen, nicht einmal meine alten aus den Zeiten des Reisens. Gewissenhaft wie ich bin, habe ich sie vorher umgedreht und geschüttelt, letzte Krümel und sogar ein Zündholz entfernt. Namensschilder durften meine Gepäcksstücke ohnehin nie tragen, wollte ich doch raffinierten Einschleichdieben auf einem Bahnhof oder Flughafen keinen Hinweis auf meine Villa geben. Ich habe es klüger gemacht, mich und meine Adresse auf kleine Zettel geschrieben, die dann versteckt auf die Innenseite einer Seitentasche geklebt wurden. So hätte sich Herr Dr. Ludwig Redtenbacher im Fall eines Diebstahls als rechtmäßiger Besitzer ausweisen können.

Mir wird übel. Es ist, als würde der Gehsteig vor mir aufbrechen und mich verschlingen. Wie konnte mir nur so etwas passieren. Ich mache auf der Stelle kehrt und hetze die Straßen zurück. Doch es ist unvergleichlich einfacher, etwas in einen Müllcontainer zu werfen, als es wieder herauszuholen. Es ist mir unmöglich, die Reisetasche über den Rand zu heben, sodass mir nichts anderes übrig bleiben wird, als das ganze Zeug umzukippen. Doch der Container widersetzt sich, rollt sogar weg, was mir Gelegenheit gibt, mich zu besinnen. Es wäre auch verheerend gewesen, hätte mein überstürztes Vorhaben sofort geklappt, denn Nachtschwärmer kommen den Gehsteig entlang, und im Park treibt sich ein Liebespaar herum. Mir misslingen nicht nur ausgeklügelte Pläne durch eine Kleinigkeit, sondern ich gerate schnell in Panik, weshalb ich auch einen Hund niedergestreckt habe.

Endlich ist es den beiden im Park zu kalt geworden, und auch die Straße scheint wieder menschenleer zu sein. Der Container ist grässlich laut, als er kippt und stürzt, wie bei einem Verkehrsunfall. Der Dreck der Anrainer ergießt sich auf den Asphalt, aber ich habe meinen Hund wieder. Ich muss von hier schnellstens weg. Irgendwo wird ein Fenster geöffnet. Es beginnt ein Schleppen, Stolpern und immer heftigeres Keuchen, bis ich wieder meinen Ausgangspunkt erreiche, die Ecke Grinzinger Straße und Hohe Warte. Hier ist zwar genug Licht, um den Adressaufkleber auf irgendeiner Innenseite meines Gepäckstücks zu finden, aber auch die Gefahr groß, einer alarmierten Polizei in die Arme zu laufen. Alle meine Angeklagten wussten, dass es nichts Wichtigeres gibt, als einen Tatort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Ein Taxi hält auch ohne Winken im Halbdunkel und unweit von mir, weil Fahrgäste an ihr Ziel gekommen sind, und sogar ein Hund springt aus dem Wagen. Der Chauffeur ist Gott sei Dank nicht der von vorhin. Er klettert auch aus dem Auto, will mir behilflich sein, da höre ich meinen Namen. Einer der beiden ausgestiegenen Fahrgäste steht hinter mir. Vinzenz. Wer sonst würde mich Ludwig nennen. Zwar drückt er mich nicht mehr an sich wie früher, aber das mag mit seiner Begleiterin zusammenhängen, die schon ungeduldig ein Stück die Armbrustergasse voraus gegangen ist.

Ich werde doch nicht verreisen? Oder komme ich zurück? Meine Lüge folgt schnell, und bei aller Unglaubwürdigkeit wird sie von ihm geschluckt. Im Park sei ich gewesen und hätte Föhrenzapfen für meinen Kamin gesammelt, die besten, die es weit und breit gebe. Vor vielen Jahren habe ich das wirklich gemacht, aber nur einmal und nicht nüchtern, in Begleitung meiner jungen Liebe Kristina. Vinzenz scheint sich auch nicht sehr wohl zu fühlen, weil er immer wieder zu der Frau schielt, von der nur noch Konturen zu erkennen sind. Dafür läuft der Hund an uns heran. Ich will meinen Richterkollegen nicht in Verlegenheit bringen, und es ist mir auch egal, ob er seinen Heurigen mit einer Staatsanwältin oder Journalistin trinkt. Er hätte es leichter haben können und mich nicht ansprechen müssen, doch das wäre ihm als mein Freund wohl zu treulos vorgekommen. Doch nun stehen wir da und sehen einander etwas ratlos an, während der Hund an meiner Reisetasche schnuppert. Er deutet an, dass der etwas lästige Kerl zu ihr gehört. Als hätte ich nicht gewusst, dass Vinzenz Hunde so wenig mag wie ich. Den Köter zu meinen Füßen könnte ich erschlagen, weil er winselt und an der Tasche scharrt.

Ich frage Vinzenz, ob er wisse, wo sich dieser Sigurd Fürst herumtreibe. Mein Freund stottert, als hätte ich ihn in Verlegenheit gebracht. Aber als Richter hat er schnell ein Manöver zur Hand, rät mir, endlich an etwas anderes zu denken, denn dieser längst vergessene Fall mache mich noch krank. Er blickt wieder in die Armbrustergasse, aber von seiner Begleiterin sieht man nur die Glut ihrer Zigarette. Trotzdem spricht Vinzenz leise, erzählt mir, der Fürst habe sich gewandelt. Wenn er einst das Licht gesucht hätte, so könne ihm jetzt seine Welt nicht tief genug sein. In Malaysia habe er das Leben unter Wasser entdeckt, und in Wien verkrieche er sich im Haus des Meeres. Doch ich müsse keine Angst vor ihm haben, man habe auch aufgehört, ihn weiter zu observieren, denn der Herr denke eher an Haie als an Rache.

Endlich trennen wir uns, und auch der Hund läuft zu seinem Frauchen zurück. Vinzenz folgt ihm. Dafür kommt mir von ihr ein Duft entgegen, der hier eher ungewöhnlich ist. Aber die Dame in der Finsternis raucht nicht Cannabis, sondern Bidis. Zu dieser indischen Zigarette habe ich es in meiner Jugend gebracht, Hanf hat mich bei jedem Versuch nur müde gemacht, LSD hätte es fast geschafft, aber meine Droge ist dann doch der Alkohol geblieben. Jetzt aber ist es Zeit, den Taxifahrer nicht länger warten zu lassen. Ich übergebe ihm sogar die schwere Tasche. Wir fahren nach Hause. Auf dem Weg dorthin fragt er mich, ob von dem Maler Fürst die Rede gewesen sei. Ich schweige, denn noch mehr will ich heute nicht lügen. Er kenne ihn zwar nicht, habe aber von ihm gehört und gelesen. Ein armes Schwein, so lange unschuldig im Gefängnis. Ich gebe dem Mann mehr Trinkgeld, als bei mir üblich ist, entschuldige mich für den Gestank, setze gegen meinen guten Vorsatz die Reihe meiner Unwahrheiten fort und behaupte, ich sei vorhin in die Hinterlassenschaft eines Hundes gestiegen.

Die Reisetasche kommt in die Garage des Vaters, der hier seine Mercedes stehen hatte. Der halbe Müll des Containers scheint auf ihr zu haften, und sie wird mit dem Wasserschlauch abgespritzt. Wenigstens ist sie dicht. Mein Namensetikett finde ich erst nach längerem Suchen auf der Klappe eines Faches für Kleinigkeiten. Aber ich kenne mich, einen zweiten Aufkleber entdecke ich im Falz des Handgriffs. Jetzt gehört die Tasche niemandem. Das Problem ist nur, sie steht bei mir, mit einer Leiche, die auf mein Konto geht. Und ich stehe am Anfang. Dafür habe ich wieder die Möglichkeit, sie im Garten verschwinden zu lassen. Doch ich möchte weder zum Totengräber werden, und noch weniger will ich mich bei den Nachbarn zu früh verdächtig machen. Wer weiß, was noch kommt.

Das Blatt in der Maschine ist natürlich nach wie vor unbeschrieben. Was ist das für ein unerträgliches Spiel, in dem der Gegner auf sich warten lässt, nicht einmal seinen ersten Zug macht. Ich werde wohl den Grad der Verführung erhöhen müssen. Eine in die Mercedes getippte Aufforderung darf es nicht sein, aber ich könnte meinem Eindringling anders entgegenkommen. Sein eigenes Gesicht wird ihm gefallen, meine Zeichnung kommt auf den Schreibtisch. Aber womöglich hat es Sigurd Fürst darauf angelegt, mich hinter ihm herhecheln zu sehen. Er liebt ja Hunde. Oder sich als deren Herr. Wenn das Tier in meiner Garage doch aus Malaysia stammt, dann müsste jetzt Tiffany todtraurig sein. Bestimmt macht sie ihm Vorwürfe. Vielleicht entsteht sogar ein wilder Streit, und die beiden trennen sich. Sie verlässt ihn. Wohin würde sie gehen? Wäre nicht eine Villa mit Garten der beste Platz für eine schöne Frau?

Hat auch sie Tauchen gelernt? Eine Frau, Mitte dreißig, im schwarzen Badeanzug und mit formvollendeter Figur. Oder sie benützt sein Abtauchen ins Wasser, um sich von den Männern rundum bewundern zu lassen. Wahrscheinlich hat sie mehr Liebhaber, als dieser Fürst und ich denken. Oder sie steht aus mir noch nicht begreifbaren Gründen nach wie vor zu ihm, begleitet ihn sogar hierher, trinkt Kaffee, während er auf die Fische starrt. Es wird Zeit, meine Kreise auszuweiten.

*

Freiwillig würde ich das Haus des Meeres nie betreten, jetzt steige ich sogar im Flakturm von einem Stockwerk zum nächsten, immer bereit, mich schnell abzuwenden, wenn ich meinem Widersacher plötzlich gegenüberstehe. Bei Tiffany aber würde ich wahrscheinlich zur berühmten Salzsäule erstarren. Vorerst jedoch gibt es rundum nur aufgeregte Kinder mit belehrenden Eltern, selten Stille, in dieser wiederum das Rauschen des Wassers, das auch von den Ventilatoren der Klimaanlage kommen könnte. Ganz unbeeindruckt bin ich dennoch nicht, und ich würde es sogar verstehen, wenn Sigurd Fürst angefangen hätte, seine neuen Freunde zu malen. Die meisten von ihnen sind formenreicher und schöner als Menschen. Aber wie ich sind die Fische unruhig, jagen irgendetwas hinterher, verbringen ihr Leben im Kreis und hinter Glas.

Auch in der Cafeteria des Hauses kann ich ihn nicht finden. Leergetrunkene Tassen auf einem Tisch wären vielleicht ein Hinweis, eine Spur. Aber auch hinter allen Schatten und Spiegelungen in den gläsernen Wänden verbergen sich nur Besucher, keiner von ihnen hat etwas mit mir zu tun. Dann aber werde ich doch gefesselt. Zuerst hielt ich sie für Korallen oder irgendwelche Wassergewächse, bis in eine der vermeintlichen Verzweigungen Bewegung kam. Ich wollte Sigurd Fürst begegnen und sehe Anmut. Aus meiner Schulzeit weiß ich noch, dass ein Seepferdchen den schönen Namen Hippocampus trägt, und kein Gaul ist, sondern ein Fisch. Voller Ruhe. Darum beneide ich sie. Ich zähle die Geschöpfe. Zwei, drei. Oder sogar vier? Selbst wenn mein Feind jetzt hinter mir wäre, ich würde mich nicht abwenden.